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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
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Aus Kerlchens Tagebuch.

Mir ist es so, als hätte ich komisch geträumt von Erfurt und Berlin und Kiel, wovon uns Onkel Liskow so himmlisch erzählte, – ich bin nun wieder in Schwarzhausen. Es ist doch noch tausendmal schöner als in Berlin; wenn man sich hier verirrt hat, daß man nicht mehr nach Hause findet, dann weiß man doch immer genau, wo man wohnt, man marschiert eben einfach heim. Es hat sich viel verändert hier, Dörings sind nach Erfurt versetzt (nun muß mein armes Gretchen gewiß ihr Lebtag in der Pension bleiben), und Jule hat geheiratet, gleich an der Ecke den Schuster. Ich war schon mal bei ihr, aber es war langweilig, sie haben noch keine Kinder. Meine Herzensmama ist wieder bei uns, aber sie kann nicht viel gehen, und nur ganz leise auf dem Fürstenflügel spielen.

Ich kann es döller, aber ich darf es nicht, ich soll erst die Finger üben, immer mit fünf Tönen, c d e f g – oh – das soll Musik sein, es ist aber keine. Fräulein Martens heißt meine Lehrerin, aber ich nenne sie Fräulein »Marter«; es ist auch eine. Wenn ich ganz, ganz allein bin, dann lege ich beide Hände auf die Tasten, und dann kommen so volle, schöne Töne, die suche ich mir auf dem Flügel, wie ich sie so im Herzen fühle; neulich überraschte mich Fräulein Marter und fragte, wer eben gespielt hätte, da sagte ich: »Die Katze!« Sie war sehr beleidigt darüber, es soll aber niemand, niemand wissen, daß ich von alleine spielen kann. Wenn ich furchtbar traurig bin, dann nehme ich fast nur schwarze Tasten und dann singe ich ganz langsam: »Oh Papa, oh mein lieber Li, kommt doch zu euerm Kerlchen, ich sehne mich ja so schrecklich nach euch.«

Aber dann nehme ich auch mal wieder weiße Tasten und spiele oben tidelitchentidelitchen und unten bumschumschum, bumschumschum, und dazu singe ich: »In den Ferien hurra, da kommt Erich her, ich freue mich schrummbummserlich sehr!« Das ist Musik!

Ich wollte, es würde alles zu Musik, was man anfaßte. Ich höre immer welche, immer und überall; wenn ich eine Treppe hinuntergehe, dann meine ich, die oberste Stufe müßte das C sein und so die Tonleiter herunter und hinauf, oh, es ist zu hübsch, wenn man dann so Akkorde gehen und springen kann. Wenn doch Papa hier wäre! Ihm kann ich alles erzählen, er versteht mich so gut und ich verstehe ihn, als ob er Kerlchen wäre und ich Vater. Der hätte auch nicht so einen Radau gemacht, wie die andern alle, bloß weil Onkel Liskow und ich mit einem Tag Verspätung in Erfurt ankamen. Wenn die Eisenbahn Verspätung hat, dann sagt kein Mensch was. Onkel Liskow und ich haben uns aber nicht die Bohne draus gemacht, bloß daß er ein bißchen aufgeregt war und schwitzte. Warum halten auch die Züge nur so ein kleines Weilchen, immer wenn ich Luft schöpfen wollte und Onkel mich denn holte, fuhr der Zug weiter; aber dafür sind wir nun auch auf der Rudelsburg gewesen, sonst fährt man da immer nur vorbei. Ach, Rudelsburg und Saaleck! Ich möchte gleich wieder hin. Ich saß in einem zerbrochenen Burgfenster und hörte ganz deutlich, wie die Burgfrau auf ihrer Mandoline spielte und dazu sang, oh, so schön, und ich fragte: »Hörst du nichts, Onkel Liskow, fühlst du nichts?« Da sagte er: »Ja, es zieht hier ganz verdammt.« –

In Erfurt empfing uns Fräulein Kleist, sie redete und redete immerzu, es wurde Onkel Liskow ganz schlecht, denn es war ein furchtbar heißer Tag. Ich ging in meine Bude und packte meine Sachen, aber Fräulein Kleist litt es nicht, daß Onkel Liskow mitkam; sie blieb bei ihm und redete und redete, ich kenne sie ja und weiß, wie sie es macht, aber Onkel Liskow kennt das nicht und er sprach nachher ganz so, als wenn er Fieber oder Sonnenstich hätte. Ich hörte, wie er zu sich selbst sagte: »Oh, diese alte Fregatte! Sie hat ein Leck, sie hält nicht dicht mehr! Sie muß ins Trockendock oder außer Dienst gestellt werden!«

Da ging ich mit ihm ein bißchen an die frische Luft, und da wurde er wieder vernünftig. Er hielt mir eine wunderschöne Rede über »Ordre parieren« und »Maul halten«, sie war garnicht langweilig, wie sonst solche Reden immer sind; er sagte, ich sollte vernünftig sein und gehorchen, wenn Erich mich nach Schwarzhausen brächte und sollte nicht immer aussteigen, sondern still sitzen bleiben. Ich solle von jetzt ab alles als »Dienst« betrachten, und immer denken »Fahnenflucht« sei das schlimmste Verbrechen. Das habe ich auch sehr gut verstanden.

Gerade, wie nun Onkel Liskow wieder nach Berlin abgereist war, kam ein Telegramm, daß Erich erst einen Tag später käme, – huh! Oh Gott, ich dachte, ich müßte sterben, wenn ich so ganz mutterseelenallein bei Fräulein Kleist bleiben müßte. Die Stubenminna und die Köchin waren sehr mitleidig, die wissen, wie Fräulein Kleist sein kann, und deshalb halfen sie mir auch. Sie trugen meine Koffer mit zwei Bräutigämmern nach dem Bahnhof und sagten mir einen genauigen Zug, ich blieb derweile zu Hause und sollte den Abschiedsbrief schreiben, aber das war furchtbar schwer, beinahe so schwer, wie in Erfurt bleiben. Aber da dachte ich an so 'ne ähnliche Geschichte von Friedrich dem Großen, der auch mal heimlich wegreiste, ohne seinem Papa was zu sagen; da hatte der alte Fritz auch nur einen Zettel geschrieben und den schrieb ich für Fräulein Kleist ab. »Verzeihen Sie meine Flucht, Gott sei mit uns beiden!«

Dann rannte ich nach dem Bahnhof und kam gerade noch zur rechten Zeit, die Mädchen holten meine Fahrkarte und die Bräutigämmer gaben mir den Schein und weil doch alles »Dienst« war, wie Onkel Liskow mir eingeschärft hatte, setzte ich mich in ein »Dienstcoupé«. Gerade, wie der Zug eben losfuhr, sprang noch ein Mann herein und schrie mich sehr an, ich müßte raus. Wie ich aber rausspringen wollte, hielt er mich wieder fest und dann wurden wir sehr gut Freund; und wir erzählten uns furchtbar nette Geschichten: vom Fürsten und von Papa und Mama und Erich und von Li und Herrn Schönwolt und Fräulein Kleist und von dem Schaffner seiner Frau und seinen kleinen Kindern. Er war ein rasend netter Mann, ich bin kein einziges Mal ausgestiegen und habe auch sonst keine Dummheiten gemacht, und wie ich in Schwarzhausen raus mußte, da nannte ich ihn schon »Du«. –

Auf dem Bahnhof war natürlich niemand, denn kein Mensch wußte, daß ich kam, aber in Schwarzhausen kennt mich ja Jeder; ich aß erst sehr gut bei der Bahnhofswirtin und dann ging ich nach unserer Villa. Da schrien sie alle mörderlich, wie ich so allein kam, aber ich war stolz darauf, daß mir nichts zugestoßen war; es ist ja klar, daß es nur immer an den Erwachsenen liegt, wenn man Dummheiten macht.

Nun bin ich wieder stramm im Lernen drin; es macht mir auch riesig viel Spaß. Aber ehe ich Herrn Boorde zum Lehrer bekam (er ist ein alter Freund von Herrn Schönwolt), ist den Eltern noch etwas Komisches passiert. Papa schrieb aus Amalienlust, Herr von Schwartau habe ihm so sehr die Gouvernante von seinen Jungens gerühmt, die ginge jetzt ab und wir könnten sie kriegen. Sie war auch gleich abgereist und kam bei uns an, als wir eine Ausfahrt machten. Nur unser furchtbar dummer Bursche Pawlick war zu Hause. Wie wir nun ausstiegen und nach der Gouvernante fragten, sagte Pawlick: »Is sich Gouvernantrich krank, hat sich Gouvernantrich ins Bett gelegt, hab ich Gouvernantrich Grog gebracht.« Das war Muttchen garnicht Recht, ich sah es wohl, sie schüttelte so mit dem Kopf. Und dann gingen wir zu Fräulein Wackernagel rauf nach ihrem Zimmer, um zu sehen, was ihr fehlte; da roch alles nach Kümmel und Grog und im Bett lag ein Kerl mit schwarzem Bart; Mutti fiel beinahe in Ohnmacht, wir knallten schleunigst die Thür hinter uns zu, dann telegraphierten wir an Papa und er kam auch und Herr Wackernagel ging. Es muß eine sehr lustige Geschichte gewesen sein, denn Papa lachte so furchtbar arg und streichelte Mutti immer sanft und sachtchen. Aber wenn ich frag, dann krieg ich nie was Ordentliches zu hören, deshalb hab ich nur so rumgehorcht und allerlei aufgeschnappt. Es ist so ein vergnügtes Essen in Amalienlust gewesen, und da hat Papa immer von 'ner »Gouvernante« und Herr von Schwartau immer von einem »Erzieher« gesprochen; große Menschen werden eben auch oft nicht klug von einander, wenn jeder laut schreit und so ist es gekommen. Es that mir leid, daß Herr Wackernagel ging, ich trinke so gern Grog, aber Papa sagte, er wünsche nicht, daß seine einzige Tochter im »stillen Suff« unterrichtet würde.

Nun ist Herr Boorde da; das ist ein Spaß, bei dem zu lernen. Er ist ein Schleswig-Holsteiner und jeden Morgen singen wir erst mal das Kieler Lied: Eins, zwei, drei: »Kiel, du Stadt in Deutschlands Norden«. Herr Boorde »s – pricht« und »s – teht«, es klingt famos. Auch so Ausdrücke hat er, wie man sie sonst nie hört. Wenn ich mal 'ne Antwort nicht weiß, dann sagt er, »Oha, oha, Junge, Junge, du weißt von Tuten un Blasen nix ab.« Da lache ich allemal so tüchtig und dann lacht er mit. Herr Boorde ist ganz närrisch vor Freude, daß ich singen kann und so viel Musik in mir habe, er giebt mir auch Stunde. Herr Boorde kann alles. Papa sagt, Herr Boorde hätte den schönsten Tenor im Leibe; dann spielt er noch Orgel so prachtvoll, daß der Pfarrer ihn immer bittet, doch in der Kirche zu spielen, er bläst auch wunderschön Geige, – hier ist ein alter Postillon Emus, der hat das silberne Ehrenhorn, auf dem spielt Herr Boorde »die Post«, ach, und Klavierspielen kann er herrlich, er ist eben ein Une – Une – schersal – verschal, schenal, schili –, nee, ich hab's wieder vergessen, was er sein soll.

Es war sehr komisch, wie wir die erste Stunde hatten. Ich sollte erst ein Liedchen singen, damit er sähe, ob ich musikalisch wäre, und wie ich auf das Notenblatt gucke und lossinge, da packt er mich an und schreit: »Menschenkind, du hast ja das » absolute Tonbewußtsein

Ich war ganz wütend und schrie immer: »Nee, nee, ich hab's nich!« und hielt ihm meine Hände hin, da sagte er: »Das wär 'ne Gottesgabe, die hätte ich inwendig.« Na, mir kann's recht sein, es thut nicht weh.

Gestern war der Fürst bei uns und Tante Emerenzia, und Papa und Kammerherr von Letzlingen. Es war zuerst alles so feierlich, dann durfte ich mit bei Tisch sitzen und mußte von Berlin erzählen und that es auch ganz ausführlich. Der Fürst lachte immer so furchtbar, daß er sich die Thränen aus den Augen wischte und dann rief er immer: »Schlieden, gönnen Sie mir den Sonnenschein wirklich nicht?« Dann nahm Papa seine Hand und drückte sie doll und sah ganz merkwürdig aus. Nach Tisch ging der Fürst mit Papa und Mama und Tante Emerenzia in Papas Zimmer, da haben sie beratschlagt und kamen nicht wieder raus. Der Kaffee stand schon längst auf dem Tisch und Dorette schickte mich, damit ich ganz still horchen sollte, ob sie denn noch nicht kämen, ich sollte »diplomatsch« sein, sagte sie. Ich weiß nicht, was »diplomatsch« ist, deshalb riß ich die Thür auf und rief: »Kommt Ihr noch nicht?« Da kamen sie gleich, Tante Emerenzia und Mutti wurden aber rot und blaß, sie gingen voraus und glaubten wohl, ich käme gleich nach, aber ich wollte noch auf den Fürsten warten und stand ein wenig hinter dem Vorhang, da hörte ich noch die Worte des Fürsten: »Nein, nein, lieber Schlieden, Sie haben Recht! Dieses Naturkind soll nicht in der Hofluft ersticken – und – ich bin ein kranker Mann, ich würde sie nicht lange schützen können.« Er breitete seine Arme aus und hielt meinen lieben Papa umgefaßt, als wäre der ein kleines Kind, es sah aber so lieb und gut aus und ich wollte zu ihnen gehen, und mit umarmen, da kam aber Tante Emerenzia, die zog mich hinter dem Vorhang vor und sagte: »Schämst du dich nicht? Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand, das paßt auf dich!« –

Tante Emerenzia ist doch eine greuliche Person, sie haben ja garnicht über meine Schande gesprochen. Am selben Abend reiste Tante wieder ab, mir sagte sie garnicht »adiö«, es war so, als ob ich Luft wäre; aber ein paar Mal rannte sie elend gegen mich an, damit sie doch sah, daß ich keine Luft war. Wie sie weg war, nahm Papa mich vor und erklärte mir, er habe Tante Emerenzia einen Lieblingswunsch zerstört, deshalb sei sie so sonderbar; ich solle nämlich nie, nie mehr an den Hof; Papa wünsche, daß ich so ein einfaches, bürgerliches Provinzmädel bleiben sollte meiner Lebtag, nur netter müßte ich noch werden. Ich bin so glücklich darüber! Papa hat mir noch eine Menge gesagt, aber das habe ich nicht verstanden. Als der Fürst abreiste, küßte er mich, und da sah er mit einem Male so blaß aus und so krank und so traurig, daß ich weinen mußte. Ich streichelte seine Hände und tröstete ihn: »Oh, sei nicht betrübt, ich will ja auch gern deine Hofschranze werden.«

Da sprang er rasch in den Wagen und Mama zog mich ins Haus und Kammerherr von Letzlingen sagte mir gar nicht adiö; mir scheint, ich passe wirklich nicht an den Hof, Papa hat ganz Recht und der Fürst wird schon wieder vergnügt werden, wenn er das eingesehen hat.

*

In meinen Freistunden bin ich jetzt immer in Villa Tannenruh bei Großtante Hermine; die ist einzig gut und lieb, es ist so wunderbar, daß der liebe Gott so verschiedene Tanten gemacht hat: greuliche und himmlische. Großtante Hermine ist gar nicht wie ein richtiger Mensch, sie ist nie wütend oder grob oder verdrießlich, sie hat so eine feine, sanfte Stimme, wie ein Glöckchen, und wenn sie spricht, dann klingt es, als ob jemand g-moll auf der Zither knipst. Sie soll in ihrem ganzen Leben noch niemandem die Zunge herausgestreckt haben; das klingt, als ob man es nicht glauben könnte, aber es ist doch wahr. Tantchen hat es mir selbst versichert, wie ich sie drum fragte, aber ich bat sie, sie möchte noch »Warraftchen Gott« und »auf Ehre« dazu setzen, da hab ich's auch gleich geglaubt. Sie hat ein steifes Bein und geht stets an einem Stock, es soll schon immer so gewesen sein, wie sie noch jung war; ich hab es aber früher nie so bemerkt, nur jetzt hab ich es gesehen, weil es schlimmer wird und das Bein so schwach ist, daß sie sich nicht fortbewegen kann.

Wenn wir zu Tante Hermine kommen, dann muß Herr Boorde immer erst einen Choral auf Tantchens Harmonium spielen, dann sitzt sie so still dabei und sieht so süß aus, wie die heilige Cäcilie in meinem Bilderbuch, bloß viel älter. Hierauf schlägt sie einen Spruch aus der Bibel auf und liest ihn laut vor und ermahnt uns, den ganzen Tag danach zu handeln; das ist natürlich mordsschwer, es giebt aber auch entsetzlich viel Sprüche, die von »Sanftmut« handeln, aber der liebe Gott ist nicht so. Tantchen sagt, er freut sich auch, wenn man noch nicht vollkommen gut ist, sondern danach strebt.

Na, ich strebe feste.

Tannenruh ist der schönste Aufenthalt, den es giebt. Das Haus ist so weiß und leuchtend, der Park so groß und schön, er hat tausend gemütliche Plätzchen; Tantchen sagt, es wären im ganzen nur sechs richtige Aufenthälter darin, aber ich finde, »tausend« klingt viel besser; und dann weiß auch eine Großtante, die 70 Jahre alt ist, nicht, wie viel Kletterbäume im Garten sind und das sind doch immer die schönsten Plätzchen. Wenn Tantchen zur Ruhe gegangen ist, bleibt Mama noch bei ihr und Herr Boorde und ich sitzen dann mit dem Gärtner Hinrich Wilhelm Gripp zusammen und unterhalten uns famos. Herr Boorde und Hinrich Wilhelm »snacken Platt«, sie sind ja beide Schleswig-Holsteiner und beide aus »Sleswig an der Slei«. Ich kann schon eine Menge »Platt«, aber sie lachen immer wie doll, wenn ich anfange, – wo's garnix zu lachen giebt. Neulich, wie der Abendbrottisch gedeckt war, ist Herr Boorde beinahe vor Lachen erstickt und doch hatte ich bloß gerufen: »Gewt mi ok wat to freten un to supen!«

*

Papa kommt jetzt sehr oft von Amalienlust herüber und geht dann immer gleich zu Großtante Hermine. Er ist jetzt garnicht mein lustiger Herzenspapa, immer hat er so eine mächtige Falte auf der Stirn, sie wird nicht glatt, auch wenn Mutti und ich noch so sehr streicheln und küssen. Wäre ich doch nur schon groß! Sie haben fortwährend Geheimnisse vor mir; ich möchte sie so gern wissen und ihnen raten, aber sie hören regelmäßig auf mit reden, wenn ich ins Zimmer komme und »Horchen« ist so was Ekliges.

Gestern hörte ich, wie Muttchen Papa fragte:

»Kannst du garnichts, garnichts retten?«

Und Papa antwortete: »Ich fürchte, nein! Der Mensch hat wie toll gewirtschaftet.«

Ich fragte natürlich gleich: »Wer soll gerettet werden?« Und: »Wer hat gewirtschaftet?« Aber die Eltern riefen beide erschrocken:

»Nichts, Kerlchen, nichts.«

Deshalb möchte ich groß sein und den Eltern raten können, und alles wissen, was sie traurig macht.

Großtante Hermine muß auch Sorgen haben; jedesmal, wenn ich hinkomme, ist ihr Gesichtchen ein bißchen kleiner geworden, beinahe hat sie gar keins mehr, nur noch eine Haube. Wenn Papa bei ihr gewesen ist, dann hat sie immer eine Menge Papier auf ihrem Ruhebett liegen, ich würde nicht mehr so viel rechnen, wenn ich schon aus der Schule wäre; sie sollten doch froh sein, daß sie's nicht mehr brauchen.

Gestern saßen Papa und Tantchen wieder zusammen, es war beinahe dunkel im Zimmer, denn Tantchens Augen werden immer schwächer, da muß alles verhängt werden. Sie merkten es nicht, wie ich mich mit einem Bilderbuch in die Ecke setzte und ich war mucksmäuschenstill; ich wollte sie ja nicht stören, das kann Papa nicht leiden. Da schluchzte Tantchen mit einem Mal: »Also alles verloren?«

Und Papa erwiderte leise: »Ja, mein armes Tantchen!«

Da weinte Tantchen, es klang schrecklich traurig. Papa legte den Arm um sie und Tantchen murmelte: »Um seinetwillen hab ich euch beraubt.«

Aber Papa streichelte sie und sagte, sie sollte nicht dran denken. Dann rief Tantchen plötzlich ganz laut und ängstlich: »Schlecht war er nicht, Schlieden, gewiß nicht!«

»Nein, nein, Tantchen, ich glaub es schon!«

»Aber, was wird aus dem Fritz?«

»Fritz ist ein tapferer Junge, um den ist mir nicht bang, der schlägt sich schon durch.«

»Wird er studieren können?«

»Wohl schwerlich, aber er wird sein Brod gewiß finden.«

*

So haben sie sich unterhalten, ich hab es deutlich gehört. Ich ging nun gleich aus meiner Ecke auf sie los und fragte: »Papa, wer ist Fritz?«

Papa sah mich scharf an und fragte: »Kerlchen, weißt du, daß Lauschen etwas ganz Verächtliches ist?«

Da antwortete ich: »Zu Befehl, lieber Papa, aber ich hab auch nicht gelauscht, ich hörte nur aus Versehn mit Willen, was Ihr spracht.«

Papa zeigte nur mit der Hand nach der Thür, und ich mußte raus gehen. So ist es immer!

*

Tante Hermine ist ganz zu uns übergesiedelt. Gestern kam plötzlich ein Wagen vor unsere Villa gefahren, da saß Papa drin und hob Tante Hermine heraus und trug sie in das Fremdenzimmer, das sonst der Fürst immer bekam, wenn er sich mal zurückziehen wollte. Ich wollte gleich zu ihr hinstürmen, aber Papa litt es nicht und sagte, Tantchen wäre furchtbar angegriffen, ich möchte mich still beschäftigen. Da kam auch schon Herr Boorde und fing mich ein, er hat sich einen Lasso angeschafft, weil ich manchmal so Notwendiges zu thun habe, daß ich fortlaufen muß, gerade, wenn die Stunde anfängt.

Gott sei Dank, in der letzten Singstunde hatte er kein Taschentuch; er hat selten eins, denn er vergißt alles über der Musik, aber immerzu konnte er doch nicht schnüffeln, und wie er schnell auf seine Bude ging, um eins zu holen, wupptich, da war ich auch schon weg und lief nach Villa Tannenruh hinaus.

Oh, und nun bin ich so unglücklich!

Es sieht alles verändert aus in Tannenruh. So totenstill ist es dort, die Fenster sind mit Laden verschlossen und überall steht daran: »Zu verkaufen!« Ich wollte zu Hinrich Wilhelm Gripp laufen, aber seine Frau hielt mich an: er wäre krank, sehr krank von den vielen Aufregungen. Sie weinte schrecklich und rief immer: »Ach Kerlchen, Kerlchen, wer hätte das gedacht!«

Immerzu fragte ich sie, was los wäre, aber sie heulte bloß. Da lief ich in den Park und an alle die lieben Plätzchen und kletterte wütend auf alle Bäume; ich bin zu unglücklich, daß man mir nichts sagt. Endlich ging ich nach der Stadt zurück und besuchte den Schlachter Krone. Er ist immer noch so ein Herzensfreund von mir. Es war kein Kunde im Laden und wir unterhielten uns schön, dann fragte ich: »Weshalb ist in Tannenruh alles zugeschlossen und warum soll alles verkauft werden?« Da schnitt er mir schnell ein großes Stück Servelatwurst ab und sagte: »Iß, Kerlchen, iß.« Wie ich die Wurst aufgegessen hatte, wurde ich sehr böse und lief nach Hause. Da mußte ich gleich zu Tante Hermine kommen, denn sie hatte nach mir verlangt, aber Mama befahl mir vor der Thür, ich dürfe ja nichts von Tannenruh erzählen und solle recht still und vernünftig sein. Na, das bin ich denn auch gewesen; aber man kann sich natürlich nicht schön unterhalten, wenn man vernünftig sein soll und wenn Einem grade das verboten wird, über das man so seelengern sprechen möchte. Schließlich fragte ich Tantchen, warum sie eigentlich keine Kinder hätte, und ob sie nie einen Mann gehabt hatte, da sagte sie: »Aber Kerlchen, ich bin doch ein Krüppel!«

Ich guckte sie so recht dumm an, denn ein Krüppel sieht doch ganz anders aus, und das steife Bein schadet doch nicht ein bißchen; sie hat nur nie auf Bäume klettern können, aber das thun ja die wenigsten verheirateten Leute. Wie ich sie so erstaunt von allen Seiten besah, da streichelte sie mich und lehnte sich müde zurück. »Wenn du groß bist, dann erzähle ich dir mal, weshalb ich eine alte Jungfer wurde, oder ich zeige dir die alten Blätter, die ich aufgeschrieben habe. Wenn du groß bist, Kerlchen!«

*

Großtante Hermine ist tot!!!

*

Ich habe viele, viele Tage nicht in dich hineinschreiben können, liebes Buch; es war alles zu traurig bei uns; man kann nicht stillsitzen, wenn so viel Schreckliches geschieht, ich hörte immerzu Trauermusik in meinen Ohren, daß ich sie mir zuhalten mußte, aber ich weiß wohl, die Musik steckte im Herzen drin, deshalb half alles nichts. Großtante Hermine war neulich so ganz ruhig eingeschlafen, ich streichelte immer ihre Hände und hielt den Atem an, damit ich sie nicht weckte, und dann hauchte ich in ihre Hände, denn sie wurden sehr kalt, – nachher kamen Mama und Papa und – und – sie war tot, unser liebes, liebes Tantchen!

Dann haben sie mich ins Bett gebracht, ich hab etwas Fieber gehabt, aber wie sie Tantchen die letzte Ehr erwiesen, da bin ich wieder auf Posten gewesen. Da hab ich auch den Fritz gesehen, von dem Tante sprach, Fritz von Rumohr heißt er und er ist ein großer Junge von achtzehn Jahren. Er ging neben Papa hinter dem Sarge her, es ist gewiß ein naher Verwandter von uns, aber ich habe nie von ihm gehört. Wie die Beerdigung vorbei war, hatte Papa mit Fritz von Rumohr eine lange Beredung im Salon, und wie sie beide wieder heraus kamen, hatte Fritz rote Augen, aber er ging ganz stolz aufgerichtet. Papa zog sich nochmal in sein Zimmer zurück und wollte dann Fritz zur Bahn bringen, deshalb wollte ich mir den großen Jungen noch einmal tüchtig besehen und stellte mich mitten in den Weg. Er guckte mich ganz durch und durch an, dann fragte er: »Du bist gewiß Kerlchen?«

»Jawohl,« entgegnete ich, »und du bist Fritz von Rumohr. Sei nur nicht traurig, ich werd' schon Großtante Hermine Blumen bringen auf ihr Grab.«

Er drückte mir die Hand ganz stark und fest, aber er sagte nichts und ging fort, da rief ich: »Sei nur recht tapfer!«

Auf einmal drehte er sich um und sagte so wunderschön herzlich: »Ich dank dir, Kerlchen!« Dann kam Papa und brachte ihn fort nach Erfurt, dort soll er noch sein Abiturientenexamen machen.

Ich lief wieder hinaus nach Tannenruh. Ich weine nicht gern, wenn es alle Menschen sehen, aber in Tannenruh war ich immer so hübsch allein, da ist solch große, mächtige Tanne, die Zweige hängen bis zur Erde und um den Stamm geht eine Bank. Die Frau von Hinrich Wilhelm behauptet, es wäre eine richtige Verlobungstanne, es ist aber nicht wahr, ich habe mich noch nie drin verlobt. Wie ich die Zweige auseinanderbog und recht aus Herzenslust losheulen wollte, da hab ich mich greulich erschrocken, denn ein Mann saß auf der Bank, ein ganz fremder. Er sah so merkwürdig aus, ganz nobel und fein, wie der Kammerherr von Letzlingen; aber nachher, wie ich mit ihm sprach, sah er wie ein Bettler aus. Er hatte so was in der Hand wie 'ne Scheere, oder wie Mamas Opernglas, es blitzte grad so, dann warf er's auf die Bank und deckte sein Taschentuch drüber.

»Was wollen Sie denn hier?« fragte ich, »das ist meine Bank und meine Tanne.«

»So? Ich bin furchtbar müde, ich darf mich doch ausruhen?«

»Ja,« sagte ich, »aber ich wollt hier eigentlich ein bißchen heulen, weil Großtante Hermine tot ist.«

»Ich weiß, ich weiß,« seufzte er, »ich hätte sie so gern noch einmal gesehen, aber hier ist ja alles verschlossen.«

Ich guckte ihn erstaunt an und fragte: »Haben Sie sie denn gekannt? Sie wohnte zuletzt bei uns, ich bin Felicitas Schlieden, und das wird hier alles verkauft, denn da war ein Mensch, der hat so gewirtschaftet und es war nichts zum retten da, hat Papa gesagt und Tante Hermine ist ganz, ganz arm geworden, das hat vorhin Dorette unserm Johann erzählt.« Der fremde Mann stöhnte furchtbar auf und rang die Hände und rief immer:

»Der Schlechte, oh, der Schlechte!«

Aber ich sagte: »Nein, er war nicht schlecht, das hab ich von Tante Hermine selbst gehört.«

Da weinte der große Mann bitterlich, und ich kann das nicht mit ansehen, deshalb lief ich schnell fort und immer weiter, bis ich zu Hause ankam; da erzählte ich meinem lieben Papa alles. Sein Gesicht wurde ganz blaß und er lief gleich fort, ohne mich mitzunehmen, und wie er von Tannenruh zurückkam, da brachte er den Herrn Bürgermeister mit und den Dr. Karsten und sie schlossen sich in Papas Zimmer ein. Muttchen ist wieder ganz krank geworden, sie weint so viel, aber mir sagt niemand etwas. Nicht mal lernen kann ich, denn Papa hat Herrn Boorde rasch zum Fürsten geschickt, der wollte soviel wissen, was hier alles passiert.

*

Heute endlich war ich mal auf dem Kirchhof. Papa nahm mich mit, ich wollte schon gestern hin, aber da war irgend eine andere Beerdigung, und Papa litt es nicht, daß ich mit hin lief. Tantchens Grab ist so dicht mit schönen Kränzen belegt, daß man vom Erdboden gar nichts erblicken konnte, es sah aus wie ein schöner, grüner Garten. Das wird Tantchen freuen, wenn sie da oben herunter guckt. Wie wir an der Mauer entlang gingen, war neben Minna Fehrs' Grab frisch aufgeschaufelt, da hielt Papa an und sagte: »Hier wollen wir beten,« und er nahm seinen Helm ab. Mir fiel kein andres Gebet ein, wie: »Müde bin ich, geh zur Ruh,« aber es schadete gewiß nichts. Nachher rannte ich noch geschwind zu Tante Hermines Stellchen und holte von ihren vielen Blumen ein paar Kränze für das andere Grab; es war ja so kahl, nicht ein Blümchen war darauf und der Rasen ringsum zertreten und wüst, grad wie damals bei Minna Fehrs. Mein Herzenspapa machte ein sehr, sehr ernstes Gesicht und hörte gar nicht auf mich, ich hatte ihn ein paar Mal gefragt: »Wer schläft denn da, lieber Papa?«

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