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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 12
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
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Am andern Morgen lachte eine strahlende Sonne auf den Golf und die Stadt mit dem glänzenden Namen: » taza de plata« – Silbertasse. – –

An Bord scheuchte die Sonne ebenfalls alle düsteren Schatten hinweg; das Barometer stand auch in den Räumen des Kommandanten nicht mehr auf Sturm; die Offiziere hatten mit wenigen Ausnahmen Urlaub zum Stiergefecht nach Sevilla erhalten.

»Laß mich an Bord, Karlos,« bat ich, »erstens fehlt mir das richtige Verständnis für Stiergefechte; zweitens hat das Ausbleiben des Heimatbriefes mich mehr mitgenommen, als ich es dir zeigte; drittens möcht' ich nicht mit euch in Sevilla herumschlemmen, sondern lieber sparsam sein, verstehst du mich, alter Karlos?«

»Nein, ich verstehe dich ganz und garnicht,« brauste Fröben auf, »sag mir bloß, alter Freund, was du vom Leben hast? Ist es nicht schon jammervoll genug, daß man wahrhaftig gut thut, kleine, harmlose Zerstreuungen mitzunehmen? Dein Plan mit dem Sparen ist vollends eine Kateridee, aber natürlich, – das frühe Heiraten, – ein Seemann sollte überhaupt nicht heiraten!«

»Und so weiter und so weiter,« lachte ich, – »siehst du, Karlos, ich bin zwar tief durchdrungen von deiner Weisheit, aber ich tausche doch mit keinem von euch. Und nun beeile dich, die Pinasse wartet vielleicht, der Zug aber wartet jedenfalls nicht. Morgen Abend plaudern wir weiter.«

Die beurlaubten Kameraden erschienen Abschied nehmend noch einmal in meiner Kabine, Herbach radebrechte das schöne Spanisch zum Erbarmen und bot sich lachend und lärmend als Cicerone an; Hennig erklärte, er mache nur höchst ungern die Anstrengung der Reise mit und freue sich wieder auf die gemütliche Stille an Bord; Truelsen war düsterer denn je und philosophierte noch binnen drei Minuten über »Blut«, »Grausamkeit«, »Kampf ums Dasein« und »die niederen Instinkte einer sensationslüsternen Menge«. – Fröben wurde schließlich wild und erklärte, an Bord bleiben zu wollen, wenn noch länger gekohlt würde. Den Beschluß machte der kleine bescheidene Leutnant Vahl, dessen rundes Kindergesicht die Freude an den kommenden Herrlichkeiten wiederspiegelte. Gleich, nachdem die Pinasse fortgedampft war, begab ich mich an die Arbeit. Der stramme Dienst an Bord that mir gut und erwies sich wie immer als Sorgenbrecher.

Doch fühlte ich je länger, desto mehr, wie mir mein Feuerkopf Karlos fehlte, an dem ich seit Jahren mit brüderlicher Liebe hing; ich vermißte auch den melancholischen Truelsen, der ein großer Philosoph und reichbegabter Mensch war, mir fehlte ferner das strahlende Gesicht und das hallende Lachen des Sanguinikers Herbach. Als die Herren am andern Abend wiederkehrten, saß ich sehr beschäftigt in meiner Kabine, gleich darauf ging die Thür auf. Ich drehte mich nicht einmal um, wußte ich doch, daß dieses frohe Lachen nur Kamerad Herbach gehören konnte und erschrak ordentlich, als ich beim Aufsehen Truelsen erkannte.

»'n Abend, Marquis,« rief Truelsen laut und vergnügt. »Mensch, das war 'ne Fahrt! Donnerwetter, ist das Sevilla schön! Nicht allein die berühmte Kathedrale, Freund, mit dem gewaltigen Glockenturm »La Giralda«, – nicht allein der herrliche Alcazar, das einstige Schloß der maurischen Könige, nicht die köstlichen Gemälde, – ah – Marquis, wir sahen einen Murillo, Freund, – einen Murillo! – – Aber, was sind alle Bilder der Welt gegen das atmende, blühende Leben! Noch ist die goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen! Marquis, – eine Amerikanerin war da – einfach pyramidal, eine Amerikanerin, – oh, nie sah ich so etwas an Schönheit, Liebreiz, Hoheit, vollendeter Form – –«

Ich stand buchstäblich zur »Bildsäule entgeistert«.

»Truelsen, trinken Sie erst mal 'n Glas Wasser, man kennt Sie ja überhaupt nicht mehr,« entgegnete ich endlich, »was ist denn eigentlich mit Ihnen vorgegangen?«

»Ich bin schönheitstrunken, Marquis, ich bin hingerissen, ich bin nicht mehr »ich selbst.«

»Das sehe ich,« bestätigte ich trocken. »Und wo war die Amerikanerin?«

»Wo sie war?« schrie Truelsen. »Überall, Freund, überall! Was kümmerten mich die Stiergefechte, was kümmern wir uns überhaupt um die barbarischen Sitten eines fremden Volkes, – o, Marquis, ich sah nur Eine, von Anfang an, nur dieses unbeschreiblich entzückende Geschöpf, drücken Sie mir die Hand, Marquis; lassen Sie uns Freunde sein. Sie sind ein redlicher, vortrefflicher Mensch, – die andern, – oh Marquis, die andern – – –!«

Truelsen hatte wahrhaftig Thränen in den Augen, er schüttelte mir wild die Hand und stürzte hinaus. Ich sah ihm kopfschüttelnd nach. Da näherte sich meiner Kabine ein langsamer, schleppender Schritt.

»Aha,« dachte ich, »Freund Hennig! Die Reise muß ihn höllisch mitgenommen haben, denn etwas elastischer war sein Schritt doch sonst, trotz allen Phlegmas.«

»Guten Tag, Marquis,« tönte eine matte Stimme.

»Herbach, Sie sind's? Ich dacht', es wär Hennig!«

»Hennig?« fragte er müde. »Der ist ja ganz rabiat, mit dem war während der ganzen Zeit nichts anzufangen. Mit dem kleinen Vahl ist er beinahe in einen Zweikampf geraten.«

»Hennig?« fragte ich erstaunt. »Was machen Sie mir nicht weis, der thut ja keiner Fliege was, dazu ist er ja viel zu bequem.«

»Ha, Sie werden ja sehen, Marquis. Bitte geben Sie mir 'ne Zigarre und ein gutes Buch, – will ein bißchen studieren.«

»Mensch,« rief ich, »wie kommen Sie mir bloß vor! Wie war denn das Stiergefecht? Ich brenne auf eure Schilderungen, und keiner von euch giebt Hals.«

»Stiergefecht? Ach so! Stiergefecht! Hm! Mäßig! Aber eine Amerikanerin war da – schön! Unbeschreiblich! Kann ich nun das Buch bekommen? Ich bin müde. Verzeihen Sie. Mahlzeit!«

Ich faßte nach meinem Kopf. Was konnte in aller Welt in die Leute gefahren sein, daß sie sich so verwandelt hatten? Lange Zeit blieb mir aber zum Nachdenken nicht übrig. Denn schon tönte Hennigs Stimme draußen.

»Wir sprechen uns noch weiter!« und dann stürmte der Sprecher selbst herein.

»Unausstehlicher Frechdachs, der Vahl!« schrie er aufgebracht. »Verzeihen Sie, Marquis, aber so was macht mich wild. Ich kann nun mal keinen Widerspruch vertragen von einem so jungen Kameraden, und dann noch in so unziemlichem Ton.«

»Vahl? Unser bescheidener Jüngster?« fragte ich, aufs neue verblüfft. »Um was handelt es sich denn? Aber vor allen Dingen mal, guten Tag, Hennig, und willkommen an Bord! Na, wie war's denn, und sind Sie befriedigt von Sevilla und den Stiergefechten?«

»Stiergefechte?« erwiderte er wegwerfend. »Blödsinniges Gebahren! Einfach unerhört im zwanzigsten Jahrhundert! Ein wütender, wahnsinniger Greuel. Mord und Tod! Habe mich, weil's mich anwiderte, einfach weggewendet. Und da sah ich ein Mädchen, eine Amerikanerin (heißt es ja, wenn der Kerl, der Vahl, nicht lügt), ein Engelsgeschöpf, eine Huldgestalt, eine vollendete Schönheit, – begleitet von einem recht gewöhnlich aussehenden Vater, wahrscheinlich self made man und früherer Hausknecht. Das Mädchen fiel allgemein auf, wir sahen sie in stummer Bewunderung an; bloß der Vahl drängte sich an die Leute, er hat mit ihnen gesprochen, freilich den Namen nicht verstanden, aber sich doch fürs nächste Mal als Bärenführer angeboten, – alberner, aufdringlicher Geselle!«

»Ruhig, ruhig, bester Hennig, ich kenne Sie ja garnicht so,« sagte ich begütigend. »Wahrhaftig, die Amerikanerin hätte auch besser gethan, in New York zu bleiben, als Zwietracht an Bord zu tragen.«

»Die Amerikanerin? Was kann die Amerikanerin dafür,« brauste Hennig auf. »Aber ich werde mit dem Kommandanten sprechen! Der Vahl darf einfach keinen Urlaub wieder bekommen, er blamiert sich und uns.«

»Na, hören Sie mal,« rief ich nun auch energisch, denn mir lief die Galle über, »da muß ich aber unsern jungen Kameraden doch in Schutz nehmen. Vahl ist ein ganz besonderer Liebling von mir und ich weiß nicht –«

»Gut, dann kann ich ja gehen,« unterbrach mich Hennig wütend, »ich konnte mir's ja denken, daß ich bei Ihnen kein Verständnis finden würde, adieu!«

Ich sah ihm starr nach. Mir war's, als müßte die Welt untergehn. Ich wunderte mich über nichts mehr. Die Liebe war über meine Kameraden gekommen und hatte die Temperamente durcheinander gewirbelt. Was würde nun noch kommen? Wo blieb mein Karlos? Ich beschloß, nicht mehr auf ihn zu warten, sondern selbst nach ihm zu sehen. Vorher klopfte ich noch an die Kabine des Leutnants Vahl, in welcher ich Stimmen hörte. Da aber niemand »Herein« rief, klinkte ich leise auf.

Leutnant Vahl drehte mir den Rücken zu und schien etwas auswendig zu lernen. Ich hörte ungefähr Folgendes:

– – »so die große Wasserleitung mit ihren 410 gewaltigen Bogen, auf welchen das Wasser von Alcala de Guadaira nach Sevilla zufließt. Ein Teil dieses Bauwerkes, das hier Canos de Carmona genannt wird, stammt von Julius Cäsar her. Nochmal: Ein Teil dieses Bauwerkes, das hier Canos de Mona, – Canos de Corma, nicht doch, Cornos Cona, ach – – Teufel auch!« –

»Was machen Sie denn da, Kamerad?« fragte ich.

Vahl fuhr erschrocken auf.

»Oh – ich, ich – ich wollte Ihnen gerade guten Abend sagen.«

»So! Hm! Und das lernen Sie auswendig? Na, lassen Sie's gut sein, ich will mal schnell zu Fröben.«

»Herr Oberleutnant von Fröben ist krank,« berichtete Vahl, »ich glaube es wenigstens.«

Auf diese Nachricht eilte ich im Sturmschritt zu meinem Freunde.

Don Carlos saß mit aufgestütztem Ellbogen vor seinem Schreibtisch, sein Kopf ruhte in den Händen. Er sah auf, als ich hereintrat und ich erblickte ein düsteres, blasses Gesicht und zwei unendlich melancholische Augen.

»Um Gotteswillen, Karlos,« rief ich, »was fehlt dir, bist du krank?«

»Krank?« fragte Karlos mit Grabesstimme. »Wer kann sagen, daß er gesund sei? Tragen wir nicht alle den Keim des Todes in uns?«

»Kerls,« rief ich aufgebracht. »Spielt Ihr denn alle Komödie? Wollt Ihr mich uzen? Oder hat dies verdammte Sevilla euch verrückt gemacht?«

»Komödie? Das ganze Leben ist eine Komödie, ein großes Trauerspiel!«

»Aber erzähl' doch bloß,« bat ich, »wie geht's, wie war's, hast du dich amüsiert, wie haben dir die Stiergefechte gefallen?«

»Mein lieber Marquis! Also auch du suchst auf so erbärmlichen Umwegen aus mir herauszulocken, welchen Eindruck die junge Amerikanerin auf mich gemacht hat. Ha, ha, ha (er lachte schrecklich auf), warum soll denn mein bester Freund nicht auch falsch sein wie alle anderen? Oh, unter Larven bin ich die einzig fühlende Brust!«

»Larve, Larve? Na, erlaube mal, alter Karlos!«

»Verzeih, Marquis, – kannst du mir verzeihen? Ach, ich bin in fürchterlicher Stimmung! Oh, ihr elenden Schiffsplanken, die ihr mich hier gefesselt haltet, während in dem sonnigen Sevilla die Schönste der Schönen – –«

»Glühend den Fandango schlingt.«

»Nein, nein, Marquis, es ist keine Spanierin. Es ist eine Amerikanerin, ja – ich will's dir gestehen, du treuer Freund, ich liebe sie!« –

»Schön, mein alter Karlos, das thu nur, aber diese Liebe wird aussichtslos sein, fürchte ich.« –

»Weshalb, Marquis? Meinst du, die freie Tochter eines freien Landes wird niemals einen gefesselten Sklaven beglücken? Du magst Recht haben. Denn Sklaven sind wir alle. Unser Beruf ist grausam, denk an dein eigen Weib und Kind. Die Thränen der jungen Mutter, das Schreien deines Säuglings –«

»Na, na, so schlimm ist denn doch die Sache nicht,« unterbrach ich ihn unbehaglich, – »ich rate dir, Karlos, schlaf' du erst mal ein paar Stunden ordentlich, ich werde dir selbst 'n nassen Umschlag machen, das hilft gegen alles, auch gegen die Amerikanerin.«

»Spotte nicht, Marquis, – dein Spott dringt wie ein vergifteter Pfeil in mein wundes Herz.« –

*

Der späte Abend fand uns beinahe vollzählig in der Offiziersmesse. Die Burgunderbowle kam zu ihrem Recht, und zwar auf Truelsens begeistertes Drängen. Herbach, der eigentliche Vater der Bowle, verhielt sich ganz teilnahmlos bei der Sache, aber plötzlich, nach dem siebenten Glas, entriß er den Schenklöffel der Hand des hocherstaunten Truelsen und rief:

»Was maßen Sie sich an, mein Herr? Das ist mein Amt! Fidel will ich sein, denn ich fühle Jugend und Kraft von tausend Jünglingen in mir. Ha, Burgunder und Sekt, seid mir willkommen:

Wer traurig, wird fröhlich.
Wer krank, wird gesund.
Verzweifelte selig
Durch Sekt von Burgund!

»Wo steckt Don Carlos, unser edler Infant? Er soll mitthun und die welsche Jungfrau vergessen!«

»Na, Gott sei Dank, Herbach,« rief ich, »daß Sie wieder im richtigen Kurse sind, wie steht's mit Ihnen, Truelsen?«

Der Angeredete sah mich traurig an.

»Ich habe einen schönen Traum geträumt; jetzt – wehe – bin ich erwacht. Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an – –«

»Gottlob,« jubelte ich. »Auch du, Brutus? Nur zu, nur weiter, Truelsen! » In vino veritas.« Ach, wäre mein Karlos hier, um sich auch wieder in den alten Krakehler zu verwandeln!«

Hennig, der sehr mitschuldig an dem starken Verbrauch des Getränkes war, war schon wieder ganz der Alte. »Laßt doch den Karlos,« sagte er phlegmatisch, – » der hat das beste Teil erwählt, nur keine Überstürzung – schlafen, ruhen ist das Beste.«

»Was machen Sie denn, Kamerad Vahl? Lernen Sie immer noch auswendig? Her mit dem Zettel.«

»A Castilla y á León
Nuevo Mundo dió Colón.«

las er.

»Schön! Wird ja wohl richtig sein. Was heißt es denn?«

»Es ist eine Grabschrift,« murmelte Vahl.

»Nanu? Wollen Sie sich denn begraben lassen? Nein, lieber Vahl – leben Sie, leben Sie glücklich – wenn's sein muß, mit der Amerikanerin – – ich – ich –« Hennig schlief ein. –

Ich sah schnell einmal nach meinem Freunde Karlos. Dieser hatte sich nicht bewegen lassen, an der Bowle teilzunehmen, hatte sich aber auch nicht zu Bett gelegt, trotzdem er stark fieberte.

»Den Mann hat's,« dachte ich, als ich Karlos in seiner ganzen, traurigen Verfassung sah. – – Auch der andere Tag brachte keine Änderung.

»Wir haben nun zwei Melancholische an Bord,« meinte Herbach, »es ist keine Disziplin mehr unter den Temperamenten.«

Truelsen schloß sich eng an Fröben an; es bedurfte meiner ganzen, angeborenen Liebenswürdigkeit, um geduldig die ellenlangen Jeremiaden der beiden anzuhören, die mich zu ihrem Vertrauten machten. Der Kommandant war sehr ärgerlich. Selbst eingefleischter Junggeselle, empörte es ihn, daß ein Weib einen seiner tüchtigsten Offiziere schier verhext hatte. Am dritten Tage erwachte ein großer Entschluß in Karlos' Brust. Er erbat sich noch einmal Urlaub nach Sevilla.

»Wenn nur mein Englisch besser wäre,« stöhnte er mir vor, als ich ihn mit reichen Segenswünschen entließ.

»Ach was – den Alten fragst du: »Frett you Beefsteak?« Und der Tochter giebst du einen Kuß, das werden sie schon verstehen,« versetzte ich.

Der kleine Vahl wollte auch beurlaubt sein, aber sie überredeten ihn alle, vernünftig zu sein, wobei sie zart das Geheimnis von Don Carlos andeuteten. Wütend warf Vahl den schweren Band »Die Seehäfen des Weltverkehrs«, aus dem er so treulich auswendig gelernt, in die finsterste Ecke seiner Kabine, saß stundenlang brütend über einem schwarzen Plan, als sei er »Vereidigter der Hennigschen Brutanstalt« und trat dann bescheiden und zierlich wie immer vor die Kameraden. »Grüßen Sie Ihr Fräulein Braut,« flüsterte er beim Abschied Don Carlos zu.

»Dieser Auftrag ist verfrüht,« gab Karlos düster zurück.

*

Ich war in Cadiz gewesen und kam eben mit der Pinasse wieder zurück. Sofort begab ich mich zum ersten Offizier. Dieser ließ mich aber gar nicht zum Bericht kommen.

»Fröben ist aus Sevilla zurück,« unterbrach er mich, »und zwar unverlobt, und in einer Verfassung, die schon mehr an Tollwut grenzt. Ich erwarte von Ihnen, seinem Freund, daß Sie ihm energisch den Kopf zurechtsetzen.«

»Mein Karlos wütet? Mein Karlos schimpft? Mein Karlos rast? Mein Karlos ist gerettet!« So jubelte ich innerlich, auf dem Wege zu meinem Freunde. Dieser empfing mich stürmisch und preßte mich an seine Brust.

»Endlich ein Gesicht, endlich ein Mensch!« rief er. »Wie sie mich alle stumpfsinnig anstarren, die Anderen, und à tout prix aus mir herausholen wollen: ›Bist du verlobt? Was hat der Vater gesagt, was hat sie gesagt?‹ Du, mein alter Marquis, hast aber das Recht zu einer Frage, – – na, so frag' doch in drei Teufels Namen!!!«

»Ich bin so froh, daß du wieder der alte Krakehler bist, Karlos,« sagte ich und rieb mir vor Vergnügen die Hände, »erzähl' mir also, was Du für gut hältst.«

»Na, denn höre, Getreuster, aber lach' mich nicht zu fürchterlich aus! Sie ist gar keine Amerikanerin! ›Schultze‹ heißt der Vater. ›Rentier Schultze aus Rixdorf‹ und die Tochter heißt ›Auguste‹, und sie sagt ›ick‹ und ›det‹ ohne jeden englischen Accent. Und die Speisen, die Sauce, den Fisch, alles schaufelt sie aufs Messer, und dann mit 'n Wupptich: ›Rin in's Vergnügen!‹ Oh, Marquis, ich bin wahrlich gerettet, ich hab' mich schändlich vor euch blamiert!«

Ich lachte unter Thränen.

»Vor uns, vor uns?« erwiderte ich, »nee, Alterchen, dazu haben wir dich alle viel zu lieb.« –

»Ach, wie froh bin ich, Marquis, daß wir übermorgen das schöne Andalusien verlassen! Strammer Dienst, das ist jetzt für mich die Hauptsache!«

»Nun, und die Neckereien der Kameraden?«

»Ich fürchte nichts mehr! Arm in Arm mit dir, so fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken!«

Onkel Liskow machte eine lange, lange Pause.

»Ist die Geschichte schon alle?« fragte Ferdi hoch aufatmend.

»Schon? Na, ich meine, ich habe lange genug erzählt, und übermäßig interessant muß es auch nicht gewesen sein, da – seht mal hin.« Er zeigte auf die Geheimrätin und auf Kerlchen; beide schliefen fest.

»Ich hab es schon lange gemerkt,« flüsterte Ada, »aber ich wollt dich nicht stören; oh, mein Arm ist ganz eingeschlafen, so fest liegt Kerlchen drauf.«

Die Geheimrätin fuhr in die Höhe.

»Köstlich, köstlich, lieber Liskow,« rief sie, sich mit durchdringendem Blick umschauend, ob auch niemand ihr Schläfchen bemerkt habe, »nun sage mir doch noch, was aus dem unglücklichen Don Carlos wurde. Heiratete er noch die Amerikanerin?«

Der Kapitän sah sie verblüfft an und schüttelte den Kopf. Er beantwortete die letzte Frage nicht.

»Mein alter Carlos fand einen schönen Seemannstod, er war glücklicher als ich.« Kapitän Liskow zeigte mit bitterem Lächeln auf seine verstümmelte Hand; der Geheimrat sprang auf und legte den Arm um des Freundes Schulter.

»Mein alter Kamerad Liskow, wenn ich dich nicht hätte!« beteuerte er mit Wärme.

In diesem Augenblicke erwachte Kerlchen. Sie blinzelte schläfrig unter den Augenlidern hervor.

»Onkel Liskow, erzähl weiter,« bat es, »es schläft sich so wunderschön dabei.«

»So? Du kleines Ehrliches? Ich hab aber nichts weiter zu erzählen, als daß wir treue Kameraden in alle Winde zerstreut sind. Einige sind tot, einige haben den Abschied genommen wie ich; aus dem »kleinen« Vahl ist ein »großes« Tier geworden; ich hab ihn nicht wiedergesehen. Alljährlich, das wißt Ihr, treffe ich in Kiel mit wenigen Getreuen zusammen, wir fahren nach Heikendorf hinüber und hören die Buchen rauschen und die Wellen schäumen, ein Doppelklang, den man nie vergißt, wenn man ihn einmal gehört, und dann – – dann singen wir unser altes Kieler Lied – – – –

»Ich weiß es, ich kenn es,« riefen Ferdi und Ada, wie aus einem Munde, »wir wollen es alle singen! Merkt auf! Eins, zwei drei!«

Die hellen Kinderstimmen setzten ein, der leise Baß des Kapitäns folgte, Herrn von Blankenburgs heller Tenor und die gut geschulte Altstimme Ernas fügten sich ein, der Geheimrat entwickelte plötzlich einen sehr klangvollen Bariton, und in der halbgeöffneten Thür standen Friedrich und Agathe, letztere von plötzlichem, heftigen Heimweh erfaßt nach ihrem geliebten, schönen, treuen Schleswig-Holstein, und so schluchzte auch sie leise, halb in ihre Schürze hinein das Lied mit, das in vollem Chor hinaus klang in das Blühen und Duften des dämmrigen Parkes:

»Kiel, du Stadt in Deutschlands Norden,
Sei gegrüßt mir tausendmal.
Laß in brausenden Akkorden
Preisen dich mit Sang und Schall!
Liebe Heimat, traute Stätte,
Meines Herzens Glück und Ziel!
Wenn ich tausend Zungen hätte:
Alle rühmten dich, mein Kiel!

Deines Hafens Silberwellen,
Eingerahmt von Waldesgrün,
Drauf mit sanftem Segelschwellen
Deine stolzen Schiffe ziehn!
Ihre dunklen Masten lagen
Hoch hinauf so kühn und stark.
Aller Welt sie wollen sagen:
Wir sind deutsch bis in das Mark!

Kraftvoll deine Männer schauen.
Echt Germanenblut fürwahr;
Groß und schön sind deine Frauen,
Blau ihr Auge, blond ihr Haar.
Niemals wirst du leicht gewinnen
Ihre Lippen rosenrot.
Aber einmal dein in Minnen,
Sind sie treu bis in den Tod.

Alte Zeiten sind vergangen,
Neue Zeit bricht froh herein;
Du, mein Kiel, sollst allzeit prangen,
Wachsen, blühen und gedeihn!
Deine traute Heimaterde
Sei mein letztes Wanderziel;
Ob ich auch zu Asche werde
Gott erhalte dich, mein Kiel!«

Das Lied war verklungen, und lange Zeit blieb es völlig still in dem dämmrigen Gemache. Der Kapitän war mit seinen Gedanken weit, weit fort. Das Lied hatte ihn in die Vergangenheit versetzt, hatte ihn hinausgelockt und getragen aus der Jetztzeit, die ihm heimlich so viel trübe Stunden brachte, von denen niemand etwas ahnte. Er sah sich wieder an Bord seines geliebten Schiffes, hochaufgerichtet, gesund, ein stattlicher Offizier, die Brust erfüllt von kühnen Hoffnungen und lieben Träumen; er sah das epheuumrankte Häuschen in der Düsternbrooker Allee, »unser Hüttchen«, wie sein junges Weib es nannte, er durchlebte noch einmal all die glückseligen Stunden von einst. Und als er langsam zur Gegenwart erwachte, hob ein tiefer, schwerer Seufzer seine Brust. Ferdi streckte ihm seine Hand hin: »Ich will gern Seemann werden, wenn du es so willst, Onkel Liskow,« rief er hastig, dann schlangen sich zwei weiche Kinderarme um seinen Hals und Kerlchen flüsterte ihm ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!!!«

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