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Kerlchens Lern- und Wanderjahre

Felicitas Rose: Kerlchens Lern- und Wanderjahre - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorFelicitas Rose
titleKerlchens Lern- und Wanderjahre
publisherVerlag von Rich. Bong
seriesProvinzmädel
volumeBand II
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correctorreuters@abc.de
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»Was hat denn bloß der Fröben?« fragte Oberleutnant Herbach die Kameraden und setzte sich an den gedeckten Frühstückstisch in der Offiziersmesse: »Es rast der See und will sein Opfer haben.«

»Kennen sie denn den Fröben anders als rasend?« fragte Oberleutnant Hennig ruhig dagegen, »dieser Mensch regt sich auf, wenn 'ne Fliege zur unrechten Zeit niest.«

»Woher weiß denn Herr v. Fröben, daß sie zur unrechten Zeit geniest hat?« fragte der kleine Leutnant Vahl bescheiden, bekam aber keine Antwort.

»Ach, laßt den Fröben! Die Zeit wird auch ihn verwandeln, wie sie jeden klein kriegt, – auch Fröben wird lernen, ruhig und mit zusammengebissenen Zähnen über diese jammervolle Welt zu wandern.« Diese Worte wurden mit einer wahren Grabesstimme gesprochen, sie kamen aus dem Munde des Oberleutnants Truelsen.

»Na, Truelsen, Sie sind ja wieder mal waschecht heute mit Ihrer Melancholie,« entgegnete ich ihm, der ich damals Flaggleutnant war und den Beinamen Marquis Posa führte, »aber ich sage Ihnen: Laßt mir meinen Karlos in Ruhe!«

– »Wo in aller Welt bleibt der Premier?« fragte Herbach wieder, »ich habe einen Bärenhunger.«

»Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf« – tönte das bescheidene Stimmchen des Leutnants Vahl – »ich glaube, Jumbo hat wieder was angestellt.«

»Jumbo!« »Diese verd... Bestie!«

»Altes Ekel.« »Strychnin!«

Fast gleichzeitig wurden diese Worte gerufen von sämtlichen Herren, und aufgeregte Gesten begleiteten sie, dann aber begrüßten wir den eintretenden ersten Offizier. Eine leichte Verlegenheit lag auf seinem Gesicht, als er den Gruß erwiderte.

»Ich bitte um Entschuldigung, meine Herren, Jumbo mußte erst gestraft werden – er hat in der Kabine des Herrn v. Fröben bös gehaust – hm – hm – warum läßt sie Kamerad Fröben auch offen stehn.«

In diesem Augenblick trat Oberleutnant v. Fröben in die Messe. Er sah rot und aufgeregt aus und trommelte, nachdem er neben mir Platz genommen, nervös mit den Fingern auf der Tischplatte.

Das Essen verlief ziemlich schweigsam, und sofort nach dem letzten Gange zog sich der erste Offizier zurück.

»Es ist um auf die Bäume zu klettern,« brach jetzt Fröben los. »Ein siedendes Donnerwetter soll doch dem Satan über den Leib kommen! Sieh dir bloß nachher mal meine Bude an, Marquis – mein Bett, meinen Schreibtisch – alles verwüstet, zerrissen, beschmutzt, und kein Gedanke, das Affenvieh zu züchtigen; ich wurde seiner nicht Herr, bis der Erste dazukam und mir half; der ihn dann auch elend verwamste. Wie kann man sich bloß so'n Scheusal halten, ich mach' es kalt bei der nächsten Gelegenheit.«

»Na, na, Ruhe, Ruhe!« begütigte ich ihn, »mein alter Karlos, du bist ja ganz aus dem Häuschen!«

»Armes Thier!« murmelte Truelsen melancholisch. »Armer Jumbo! Da reißen dich grausame Menschen vom Mutterherzen, um dich zu ihrem Gefährten zu machen, und wenn du deine angestammte Natur nicht verleugnest, dann strafen sie dich mit tausend Martern. Oh, die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.«

»Hören Sie auf mit Ihrem Gejammer,« rief Fröben nervös, » einig müßten wir alle sein und dem Unfug ein Ende machen.«

»Weg mit den Grillen und Sorgen,« rief fröhlich Herbach, – »weg mit den blutigen Gedanken, ich mache heute in Erwartung der Heimatsordre eine Bowle – Kinder, Landstand – –« er schnalzte mit der Zunge, – »Sekt und Burgunder –«.

Wie lacht er im Glase,
Wie jagt er durchs Blut,
Legt den auf die Nase,
Der nicht auf der Hut.
Wer traurig, wird fröhlich,
Wer krank, wird gesund.
Verzweifelte selig
Durch Wein von Burgund!«

»Vor allen Dingen Ruhe,« sagte der Phlegmatiker Hennig – »wie kann man sich bloß so erregen! – hat Jumbo Unfug gemacht – gut, der »Premier« trägt den Schaden, – hat Herbach 'ne Burgunderbowle, – noch besser, – sie wird getrunken – bloß Ruhe – Ruhe bei allem.« »Wie kann man ruhig sein, wenn man an Burgunder und Sekt denkt,« rief Herbach und himmelte die niedrige Decke der Messe an, »jedenfalls wollen wir heute fidel sein, find wir doch im vielbesungenen Andalusien, im schönen Golf von Cadiz, – oh, hier ist alles Poesie, alles!«

»Und schläfst du, mein Mädchen,
Komm, öffne du mir,
Denn die Stund' ist gekommen.
Da wir wandern von hier,
Durch die tief', tiefen Wasser
Des Guadalquivir – –«

»Bleiben Sie bedeckt,« sagte trocken der Phlegmatiker, »und legen Sie Ihre Gefühle einstweilen in Ihrer Kabine nieder. Ich habe heimlich mit Marquis Posa zu reden.«

»Heimlich, heimlich?« fragte Herbach und war sofort wieder Feuer und Flamme, – »Mensch, – Kamerad, ich bin nicht neugierig, aber ich möcht's zu gern wissen, – handelt es sich um Sevilla? Werden wir gemeinsam hinfahren? Ahhh Sevilla!«

Quien no ha visto Sevilla
No ha visto maravilla!

»Ha, ha, ha – ich gehe ja schon, ich gehe ja schon!« Die Zurückbleibenden atmeten auf.

»Ein toller Mensch, der Herbach, der reine Feuerteufel,« sagte Hennig.

»Ein Prachtkerl,« beteuerte ich – »immer fidel, obenauf, frohgemut, geistesgegenwärtig, – nicht zu unterschätzende Eigenschaften beim Seemann; na und was wollten Sie mir anvertrauen, Hennig?«

»Ja, sehen Sie, Marquis, ich will einfach Ihren Rat oder besser noch Ihre Zustimmung zu 'ner Sache haben, die ich in stiller Stunde ausgeklügelt und in 'ner andern stillen Stunde ausgeführt habe. Der Einzige, der darum weiß, ist der Ingenieur, ich möcht' aber noch 'n andern Vertrauten haben, und Sie sind der Rechte, Marquis, Sie sind verständig, ruhig, verheiratet« –

Ich lächelte etwas wehmütig. »Hat meine Heirat was mit Ihrem Plan zu schaffen?«

»Nee – eigentlich nicht – ich komme nur so unter all den verdrehten Junggesellen auf die Idee, daß Sie der Vernünftigste an Bord sind, außer mir natürlich. Sobald wir wieder nach Kiel kommen, wird auch geheiratet.«

»Sind Sie verlobt?«

»Denk nicht d'ran! Aber ich kenn' ein nettes Mädel, das, heißt, ich sprach vor zwei Jahren das letzte Mal mit ihr; jung ist sie, hübsch, reich, und ich gab ihr zu verstehen, wissen Sie – hm – daß ich mich wohl auch mal verheiraten würde.« Ich lachte laut. »Weiter nichts? Und auf diese Andeutung hin, meinen Sie, wartet das Mädchen, jung, hübsch, reich, auf Sie?«

»Natürlich! Wenn sie vernünftig ist! Und vernünftig war sie! Nur keine Ueberstürzung! Aber das war's nicht, was ich Ihnen sagen wollte, die andere Sache macht mir etwas Kopfschmerzen, sie betrifft mein Amt als Messevorstand, Sie wissen, ich bin ein sparsamer Mensch, und so habe ich die wahrhaft erleuchtete Idee gehabt, eine » Brutanstalt« einzurichten.«

»Eine – was

»Eine Brutanstalt, ich sprach doch wohl deutlich genug. Kapitale Idee, was?«

»Und – wo – haben – Sie –«

»Hier an Bord natürlich! Das ist ja der Kernpunkt und die sparsame Seite. Sehen Sie, Marquis, hier muß doch so wie so des elektrischen Lichtbetriebes wegen immer ein Schiffskessel geheizt sein; na, die hier erzeugte Wärme wird ja unnütz vergeudet, also hab ich mit Ingenieur Kuntz eine Kiste gepolstert, mit Heu, und darin zwei Dutzend Eier verstaut und alles in den heißesten Winkel zwischen Kessel und Deck geschoben. Die Sache dauert aber verteufelt lange, d.h. einmal haben wir schon nachfüllen müssen, weil sich zwei Heizer Eierkuchen gemacht hatten, – so'n Volk – aber nun liegen sie doch schon wieder 'n Wochener achte, die Eier nämlich.«

»Mensch!« stöhnte ich, »und Sie glauben wirklich?«

»Abwarten, Ruhe, nur keine Ueberstürzung! Natürlich müssen wir bei der Bombenhitze Kücken kriegen, das ist doch klar – ich lade Sie jetzt schon feierlichst auf Backhähndl ein« – – –

*

Draußen ertönte erregtes Sprechen und Schimpfen. »Das soll nun ein friedlicher Sonntag sein,« seufzte Hennig, »Sonntag an Bord eines Kriegsschiffes, wie ihn die Feuilletons der Zeitungen immer so herzbrechend schildern; heute ist ja wohl der Deubel los, nun hören Sie bloß, Marquis, wie der Fröben draußen krakehlt.«

In diesem Augenblick erschien auch schon Oberleutnant Karl von Fröben in der geöffneten Thür.

»Und da soll man ruhig bleiben,« rief er erregt, »und da wundern sich stumpfsinnige Böotier, wenn man bei so 'ner Sache am liebsten den Großmast raufkraxeln möchte – –«

»Fröben, Karlos, was ist' denn schon wieder los?«

»Gut, ich will ruhig sein, Marquis, – ich bin ruhig,« schrie er den etwas zweifelnd lächelnden Hennig an. – »Also bei der Musterung mach ich den Premier darauf aufmerksam, daß es um die Bilge herum schauderhaft riecht; wir kriechen nach unten, was finden wir? Den Heizer Kobellowski beknüllt, wie eine Strandkanone; hat sich nach seiner Aussage Ei – Ei – Eier – gr – gr – og machen wollen, »oaber schmeckt sich Zeichs jrrräßlich,« wie er heulend versichert. Drei Tage Mittel! – Und denn steht da 'ne Kiste, 'ne Kiste, meine Herren – und in der siehts aus – lauter muffiges Heu und faule Eier, und der Geruch – – –. Und das alles auf unserem Schiff, auf unserem »Schmuckkästchen«, wie mal ein kundiger Thebaner äußerte. – Na, Ingenieur Kuntz hat 'ne Nase gekriegt so lang – und Kamerad Hennig, Sie sollen nachher sofort zum Premier kommen, der wütet nicht schlecht in seiner Kabine umher.«

Hennig blieb seelenruhig.

»Es thut mir blos leid, Marquis, daß ich Sie wieder ausladen muß, – mit meinen Backhähndln ists Essig.«

»Und über all dem Zeug vergessen wir die Post,« rief Fröben, »sie muß schon da sein, ich erwarte endlich Nachricht von Hause – – kommen Sie mit ins Bureau, meine Herren?«

»Machen wir!« sagte Hennig, »ich hole mir vom ersten Offizier meinen Rüffel für die Brutanstalt und zugleich einen Trostbrief aus der Heimat.«

Die Herren traten in das Bureau. Wehe, auch hier keine Sonntagsruhe. Des Kommandanten großer Affe Jumbo raste in dem Räume umher, sein Herr folgte ihm mit der erhobenen Reitpeitsche; man sah, er war außer sich vor Zorn und Wut. Jumbo fletschte die Zähne.

»Meine Herren,« rief der Kommandant und warf die Reitpeitsche in ohnmächtigem Grimm nach Jumbo, welcher sehr geschickt auswich; »meine Herren, Sie sehen mich in einer Lage – ich bin buchstäblich – meine Herren – da –,« er rang nach Luft, – »sehen Sie, Jumbo ist über die Post gekommen – und daß auch das Bureaupersonal gerade nicht da ist – oh du – du –«

Und wieder begann die tolle Jagd, diesmal mit vereinten Kräften, bis man des Tieres habhaft wurde und der starke Fröben die langen, zappelnden Gliedmaßen des Affen mit nerviger Faust zusammenpreßte. Der Kommandant nahm den Ausreißer in Empfang und verließ mit ihm das Bureau.

Die Zurückbleibenden sahen erst sich und dann die »Post« an. Briefe, Zeitungen, Berichte, Karten, alles in Fetzen gerissen, zu unförmlichen Knäulen geballt, so zeigte sich die langersehnte Post den entsetzten Gesichtern, Fröben war außer sich, ich nicht minder, Hennig faltete die Hände über seinem Magen, Truelsen starrte düster auf die Verwüstung, und Herbach fuchtelte in der Luft herum. Und in diese bange Stille hinein tönte verzweiflungsvolles Kreischen Jumbos. Bald darauf erschien der Kommandant. »Jumbo läßt sich empfehlen, meine Herren,« sagte er mit einem schwachen Versuch zu scherzen, »er ging soeben endgiltig von Bord.«

Von der Post war nichts mehr zu gebrauchen. Die Herren rafften die Knäule und Fetzen an sich und legten sie drinnen in der Messe auf den Tisch des Hauses nieder. Dann brach der Sturm los. Alle sprachen, riefen, schalten, lachten, wetterten zugleich; alle versuchten aufgeregt und mit zitternden Händen die Briefschnitzel zu glätten, zusammenzusetzen, vergebliche Mühe!

»Was sieht hier ganz amtlich aus,« brummte der Marinearzt Dr. Selten, »nicht wieder vorkommt – – sollte es 'ne Nase sein?«

»Hier, Herbach, das wird für Sie sein,« rief ein anderer –: »mit deinem Wechsel wieder nicht – – –.«

Sie lachten alle.

»Hier ist 'ne Backfischhandschrift,« rief Herbach, wen von den Herren geht sie was an? Hennig, Sie haben ja 'sone lüttje Schwester, sie schreibt: »Nelly nun auch verl – –«

»Hennig nahm sehr ruhig das winzige Stückchen Papier in Empfang und zeigte es gelassen lächelnd dem Marquis, »'s ist wie ein Fingerzeig des Schicksals,« sagte er, »daß gerade dies übrig geblieben ist. – Nelly nun auch verl – –, soll heißen: Nelly nun auch verliebt in dich, lieber Bruder, wie alle anderen, – ich wußt es ja!«

Fröben glättete unruhig an einem Streifchen herum. »– – – süßes Baby ist gesund,« las er zornig, »und dabei ist mir's doch, als sei 's die Handschrift meiner Cousine. Baby, Baby, ich kenne kein Baby, – schon das Wort macht mich nervös!«

Ich riß das winzige Zettelchen aus Fröbens Hand. Ein Blick auf die Handschrift – meine Augen wurden feucht. » Mein Baby, mein Herzensmädel!«

»Meine Herren, ich schlage vor, diese traurigen Reste den Flammen zu übergeben,« entschied Truelsen düster. »Ich finde nichts, nichts für mich – –. Das ist wieder mal einer von den bekannten Keulenschlägen des Schicksals.«

»Ficht mich gar nicht an,« lachte Herbach leichtsinnig, »ich kann infolge dieses Vorkommnisses mit ruhigem Gewissen einen liebenswürdigen Brief an meine Erbtante schreiben und sie noch einmal anbohren. Es lebe Jumbo!«

»Ein wahrhaft geistvoller Ausspruch, Kamerad Herbach,« bemerkte Hennig, »in Anbetracht dessen, daß Jumbo zu seinen Vätern versammelt ist und vielleicht jetzt in den jenseitigen Urwäldern auf einem Brotbaum die Zähne fletscht. – Im übrigen meine ich, – wir ehren den Schmerz des Kommandanten, dem heute wohl nicht nach Hei und Juchhei zu Mute ist, und jeder bleibt den Abend über still in seiner Klause ohne Burgunder und Sekt. – Still, Herbach! Sie sind überstimmt!«

*

Tiefe Stille über dem Hafen von Cadiz. Die Schiffsglocke verkündete »Vier Glas«. Tiefe Stille auch auf unserm Panzer. Nur der eintönige Schritt der auf und ab gehenden Wache war vernehmbar.

Der Vollmond beleuchtete das weiß schimmernde Cadiz und die wild zerklüfteten Felsen, die sich weit in die See hinausstreckten; darüber schäumten in ewigem Kommen und Gehen die Wellen des Ozeans; – hell schimmerte der Leuchtturm von San Sebastian.

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