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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 9
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
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Achtes Capitel.

Worin der Leser gern die Bekanntschaft der jungen Amasia und ihres Verlobten Ahmet machen wird.

Die junge Amasia, die einzige Tochter des Banquiers Selim, von türkischer Herkunft, und ihre Begleiterin Nedjeb lustwandelten plaudernd in der Galerie einer reizenden Wohnung, deren Gärten sich in Terrassenstufen bis zum Ufer des Schwarzen Meeres ausdehnten.

Von der letzten Terrasse, deren Stufen sich in den heute ruhigen, aber oft auch durch die heftigen Ostwinde des alten Pontus Euxinus gepeitschten Wassern badeten, zeigte sich Odessa, in der Entfernung einer halben Lieue, in seinem ganzen Glanze.

Diese Stadt – eine Oase inmitten der ungeheuren, sie umgebenden Steppe – bildet ein prächtiges Panorama von Palästen, Kirchen, Hôtels und Häusern, welche das terrassenförmige Ufer bedecken, dessen unterster Theil senkrecht in's Meer abfällt. Von der Wohnung des Banquiers Selim aus konnte man selbst den großen mit Bäumen geschmückten Platz sehen, ebenso wie die Monumentaltreppe, welche die Statue Richelieu's beherrscht.

Genannter großer Staatsmann war der Gründer dieser Stadt und verwaltete dieselbe als oberster Beamter bis zur Stunde, wo er an der Befreiung des von dem coalirten Europa bedrohten Gebietes Frankreichs mithelfen mußte.

Wenn das Klima der Stadt sehr trocken ist, was häufige Nord- und Ostwinde bedingen, wenn die reichen Bewohner der Hauptstadt des neuen Rußlands während der heißesten Jahreszeit gezwungen sind, den kühlen Schatten der »Khutors« aufzusuchen, so erklärt das, warum derartige Villen sich am Seestrande so stark vermehrt haben, da sie Denen einen Erholungspunkt bieten, welchen ihre Geschäfte versagen, einige Monate Aufenthalt unter dem milderen Himmel der südlichen Krim zu nehmen.

Unter diesen verschiedenen Villen hätte man auch die des Banquiers Selim gesehen, deren Lage ihr die Unannehmlichkeiten allzugroßer Lufttrockenheit ersparte.

Fragt man, warum einem Flecken, der zur Zeit Potemkin's noch ebenso wie die dabei gelegene Festung Hadji-Beg hieß, der Name Odessa, d.h. Stadt des Odysseus, gegeben wurde, so erfährt man, daß die, durch die der neuen Stadt bewilligten Handelsvortheile herbeigezogenen Colonisten die Kaiserin Katharina II. um einen neuen Namen angingen. Die Kaiserin befragte darauf die Akademie von St. Petersburg; die Akademiker durchwühlten viele Bände über die Geschichte des trojanischen Krieges; diese Nachforschungen führten auf die mehr oder weniger problematische Existenz einer Stadt des Odysseus zurück, welche in der

Vorzeit einmal etwa an diesem Küstenpunkte gelegen haben sollte – und dadurch entstand der Name Odessa, der zuerst im zweiten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts vorkommt.

Odessa war von jeher eine Handelsstadt, ist es bis jetzt geblieben und wird es voraussichtlich immer bleiben. Ihre 150.000 Bewohner bestehen nicht allein aus Russen, sondern auch aus Türken, Griechen, Armeniern, neben einer kosmopolitischen Menge von Leuten, welche gern Geschäfte treiben. Wenn nun der Handel, vorzüglich der Ausfuhrhandel, nicht ohne Kaufleute denkbar ist, so kann derselbe auch der Banquiers nicht entrathen. So sind denn auch schon seit Gründung der neuen Stadt verschiedene Bankhäuser entstanden und unter diesen das bei seinem Anfange bescheidene, jetzt aber im höchsten Ansehen stehende Wechselgeschäft des Banquiers Selim.

Der Mann ist hinreichend gekennzeichnet, wenn man von ihm meldet, daß er zu der, übrigens mehr als man glaubt, zahlreichen Kategorie monogamischer Türken gehörte; daß er Witwer der einzigen Frau war, die er gehabt; daß er als einzige Tochter Amasia, die Verlobte des jungen Ahmet, des Neffen unseres Seigneur Keraban, hatte; endlich, daß er der Correspondent und Freund des starrsinnigsten der Osmanli war, dessen Kopf sich jemals unter den Falten des traditionellen Turbans verbarg.

Die Hochzeit Ahmets und Aniasias sollte, wie der Leser weiß, in Odessa gefeiert werden. Des Banquiers Selim Tochter war nicht bestimmt, etwa die erste Frau in einem Harem zu werden, wo sie das Gynäceum (d.i. Weiberzimmer) eines selbstsüchtigen und launischen Türken mit mehr oder weniger Rivalinnen zu theilen gehabt hätte. Nein! sie sollte allein mit Ahmet nach Constantinopel in das Haus seines Onkels Keraban zurückkehren. Allein und ungetheilt sollte sie an der Seite des Gatten leben, der sie liebte, ebenso wie sie ihm seit seiner Kindheit zugeneigt war. Erschien eine solche Zukunft auch für eine junge türkische Frau im Lande Mohammed's eigenthümlich, so änderte das doch nichts, und Ahmet war nicht der Mann dazu, von den einmal eingeführten Sitten seiner Familie abzuweichen.

Wir wissen übrigens, daß eine Tante Amasias, eine Schwester ihres Vaters, ihr auf dem Sterbebette die enorme Summe von hunderttausend Pfund unter der Bedingung vermacht hatte, daß sie vor Ablauf ihres sechzehnten Lebensjahres verheiratet sei – eine Laune der alten Jungfrau, welche nie einen Mann gehabt hatte und sich wohl sagte, daß ihre Nichte so schnell auch keinen finden werde – und wir wissen außerdem, daß diese Frist in sechs Wochen ablief. Wurde jene Bedingung nicht eingehalten, so fiel jene Erbschaft, welche den größten Theil des Vermögens der jungen Dame bildete, an entferntere Seitenverwandte.

Amasia wäre übrigens eine reizende Erscheinung für jeden Europäer gewesen. Wenn ihr »Jachmak«, ein Schleier aus weißem Musselin, wenn das Häubchen aus golddurchwirktem Stoffe, das ihren Kopf bedeckte, und wenn die dreifache Zechinenschnur ihrer Stirn entfernt worden wären, hätte man einen prächtigen Haarwuchs mit pechschwarzen Locken sehen müssen. Amasia nahm die Mode ihrer Heimat nicht in Anspruch, um ihre Schönheit zu erhöhen. Weder gebrauchte sie »Hanum«, um die Augenbrauen schärfer zu zeichnen, noch »Khol«, die Wimpern zu färben, oder »Henne«, um die Lider zu pudern. Kein Wismuthweiß oder Carminroth kam auf ihr Gesicht; kein flüssiger Kermes, um die Lippen zu röthen. Eine Dame aus dem Abendlande, welche der kläglichen Sitte des Tages huldigte, wäre mehr »angemalt« gewesen, als sie. Aber ihre natürliche Eleganz, ihre Behendigkeit, die Grazie ihres Ganges verriethen sich noch unter dem »Feredje«, einem weiten Cachemirmantel, der sie vom Hals bis zu Füßen gleich einer Dalmatica verhüllte.

Heute trug Amasia auf der nach dem Garten zu offenen Galerie ein langes Seidenhemd aus Brussa, welches der faltige »Chalwar« bedeckte, der sich an eine kleine gestickte Weste anschloß, und eine »Entari« aus langen Seidenstreifen, die an den Aermeln geschlitzt und mit »Oya«, das ist eine speciell in der Türkei hergestellte Spitzensorte, verziert war. Eine Schärpe aus Cachemir hielt die langen Enden der Schleppe, um das Gehen zu erleichtern. Ohrgehänge und ein Armring bildeten den einzigen Schmuck, den sie trug, und elegante »Padjubs« aus weichem Sammet bedeckten den unteren Theil des Beines und ihre Füßchen verschwanden in goldbenähten Pantoffeln.

Ihre Dienerin Nedjeb, ein lebhaftes, heiteres junges Mädchen und ihre ergebenste Begleiterin – man hätte fast sagen können, ihre Freundin – befand sich bei ihr, lief auf und ab, plauderte, lachte und erhellte die ganze Umgebung durch ihre herzliche und ansteckende Heiterkeit.

Nedjeb, eine geborne Zigeunerin, war keineswegs Sclavin. Wenn man auch noch Aethiopier oder Schwarze aus dem Sudan an etlichen Plätzen des Reiches zum Verkauf gestellt sieht, ist die Sclaverei doch, mindestens im Princip, abgeschafft. Ist auch die Anzahl Dienstleute für die Bedürfnisse eines großen türkischen Haushaltes eine sehr bedeutende und eine Zahl, welche in Constantinopel den dritten Theil der Bevölkerung ausmacht, so sind doch die Obliegenheiten solcher Leute ordentlich geregelt, und da Jedem nur eine gewisse Aufgabe zufällt, haben sie in der That nicht viel zu thun.

Das Haus des Banquiers Selim befand sich etwa auf dieser Stufe; trotzdem nahm Nedjeb, welche nur Amasia zu bedienen hatte, nachdem sie schon als Kind aufgenommen worden war, eine ganz besondere Stellung ein, welche sie zu keinen anderen Dienstleistungen verpflichtete.

Halb auf einem, mit reichen persischen Stoffen bedeckten Divan ausgestreckt, ließ Amasia die Blicke über die Bai von Odessa schweifen.

»Theure Herrin, sagte Nedjeb, während sie sich auf ein Kissen zu Füßen des jungen Mädchens niedersetzte, der Seigneur Ahmet ist noch nicht hier? Was macht denn Seigneur Ahmet?

– Er ist nach der Stadt gegangen, antwortete Amasia, und vielleicht bringt er uns einen Brief von seinem Onkel Keraban mit heim.

– Einen Brief! Einen Brief! rief die junge Dienerin. Ein Brief ist es nicht, was wir brauchen, sondern den Onkel selbst, und wahrlich, der Onkel läßt recht lange auf sich warten.

– O Geduld, Nedjeb!

– Sie sprechen da, wie es Ihnen gefällt, meine theure Herrin; wären Sie an meiner Stelle, würden Sie auch nicht so geduldig sein!

– Thörin! antwortete Amasia. Sollte man nicht glauben, es handelte sich um Deine Hochzeit und nicht um die meinige?

– Und glauben Sie denn nicht, daß es eine sehr ernsthafte Sache ist, in den Dienst einer Dame überzugehen, nachdem man bisher bei einem jungen Mädchen war?

– Ich werde Dich deshalb nicht minder lieb haben, Nedjeb.

– Ebenso wie ich Sie, theure Herrin! Doch wahrhaftig, ich werde Sie sehr glücklich sehen, so glücklich, wenn Sie erst die Gattin des Seigneur Ahmet sind, daß auch auf mich ein wenig von Ihrem Glücke zurückstrahlen wird.

– Mein liebster Ahmet, murmelte das junge Mädchen, deren schöne Augen sich einen Moment verschleierten, als sie lebhafter an den Verlobten dachte.

– Da haben wir's! Sie müssen gar die Augen schließen, um ihn zu sehen, meine theure Herrin! rief Nedjeb boshaft, während es, wenn er hier wäre, genügte, sie zu öffnen.

– Ich wiederhole Dir, Nedjeb, daß er ausgegangen, um sich im Bankhause nach einem Courier zu erkundigen, und daß er uns ohne Zweifel einen Brief von seinem Onkel mitbringt.

– Ja!.. Einen Brief des Seigneur Keraban, worin Seigneur Keraban wiederholen wird, daß ihn, ganz wie wir's wissen, seine Geschäfte in Constantinopel zurückhalten, daß er sein Comptoir noch nicht verlassen kann, daß der Tabak im Preise steigt, wenn er nicht etwa gar sinkt, daß er jedenfalls binnen acht Tagen eintrifft, wenn nicht vierzehn daraus werden!.. Und die Sache hat doch Eile! Wir haben nur noch sechs Wochen übrig und Sie müssen da verheiratet sein, wenn nicht Ihr ganzes Vermögen ...

– Um meines Vermögens willen liebt mich Ahmet nicht.

– Zugegeben ... doch darf dasselbe nicht durch Verzögerung auf's Spiel gesetzt werden. O, dieser Seigneur Keraban ... wenn der mein Onkel wäre!

– Und was thätest Du, wenn er Dein Onkel wäre?

– Ja, ich würde wohl auch nichts thun, da es scheint, als ob hier überhaupt nichts zu thun sei ... Und doch, wenn er hier wäre, wenn er heute ankäme ... morgen spätestens würden wir den Ehecontract beim Richter abschließen, und übermorgen, wenn der Iman das erste Gebet gesprochen, wären wir verheiratet und gut verheiratet, dann gäb's auf der Villa Festlichkeiten vierzehn Tage lang, und endlich reiste Seigneur Keraban wieder ab, wenn es ihm Vergnügen machte, dahinunter zurückzukehren!«

Gewiß hätte Alles so geschehen können unter der Bedingung, daß der Onkel Keraban nicht mehr zögerte, Constantinopel zu verlassen. Die Registrirung des Contracts durch den »Mollah«, der gewissermaßen den Standesbeamten darstellt – ein Contract übrigens, durch welchen sich der zukünftige Gatte verpflichtet, seiner Frau Mobiliar, Kleidung und Küchenausstattung zu beschaffen – dann die religiöse Feierlichkeit, alle diese Formalitäten hätten in der kurzen Zeit, welche Nedjeb angab, erfüllt sein können. Freilich gehörte dazu noch, daß der Seigneur Keraban, dessen Anwesenheit zur rechtlichen Giltigkeit der Ehe unentbehrlich war, da er als Vormund des Verlobten seine Zustimmung geben mußte, sich die wenigen Tage, welche die ungeduldige Zigeunerin verlangte, von seinem Geschäfte abmüßigte.

In diesem Augenblick rief die junge Begleiterin:

»Ah, sehen Sie da, sehen Sie dort doch das hübsche Schiff, welches unten nahe dem Garten vor Anker gegangen ist!

– Wahrhaftig!« antwortete Amasia.

Und die beiden jungen Mädchen wandten sich zu der nach dem Meere hinabführenden Treppe, um das leichte, graziös schwankende Fahrzeug betrachten zu können.

Es war eine Tartane, deren Segelwerk jetzt lose herabhing. Eine leichte Brise hatte es ermöglicht, die Bai von Odessa zu durchsegeln. Jetzt hielt die Ankerkette dieselbe kaum ein Kabel lang vom Ufer fest, und sie schaukelte auf den auslaufenden Wellen, welche am Fuße der Wohnung erstarben. Die türkische Flagge – ein rother Stander mit silbernem Halbmond – wehte am Ende ihrer Raa.

»Kannst Du den Namen lesen? fragte Amasia ihre Nedjeb.

– Ja, erwiderte das junge Mädchen. Sehen Sie, er steht am Hintertheile, der Name lautet »Guidare.«

Wirklich hatte sich eben die »Guidare,« Capitän Yarhud, auf diesem Theile der Bai festgelegt, es schien aber nicht, als sollte sie hier lange verweilen, denn ihre Segel wurden gar nicht gerefft, und ein Seemann würde erklärt haben, daß sie immer bereit war, in See zu gehen.

»O, sagte Nedjeb, das müßte herrlich sein, auf dieser hübschen Tartane dahinzufahren auf ruhigem Meere bei schwachem Winde, der sie unter ihren weißen Segeln schaukeln machte!«

In Folge ihrer geistigen Beweglichkeit bemerkte die junge Zigeunerin ein Kästchen, das auf einem kleinen lackirten Tischchen nahe dem Divan stand, öffnete es und nahm einige Kostbarkeiten aus demselben heraus.

»Und diese schönen Sachen, welche Seigneur Ahmet für Sie hat herbringen lassen! rief sie. Mir scheint, es ist schon eine gute Stunde her, daß wir sie gar nicht bewundert haben.

– Glaubst Du? murmelte Amasia, während sie ein Halsgeschmeide und ein paar Armspangen ergriff, welche unter ihren feinen Fingern glitzerten.

– Mit diesem Schmucke hofft Seigneur Ahmet Sie noch schöner zu machen, doch das wird ihm nicht gelingen.

– Was sagst Du, Nedjeb? entgegnete Amasia. Welche Frau würde nicht gewinnen, wenn sie sich mit so prächtigen Juwelen schmückte? Sieh' diese Diamanten von Visabur! Es sind reine Feuerquellen, und sie scheinen mich anzublicken, wie die Augen meines Verlobten!

– O, meine theure Herrin, wenn die Ihrigen ihn wieder ansehen, machen Sie ihm da nicht ein Geschenk, welches das seinige aufwiegt?

– Thörin! wiederholte Amasia. Und dieser Saphir von Ormuz und diese Perlen von Ophir und Türkisen von Macedonien ...

– Türkis für Türkis, antwortete Nedjeb mit schlauem Lächeln, er verliert doch nicht etwa dabei, der Seigneur Ahmet?

– Glücklicherweise ist er nicht da, um Dich zu hören, Nedjeb!

– Schön, wenn er aber da wäre, theuerste Herrin, so würde er selbst Ihnen alle diese Wahrheiten sagen, und von seinem Munde möchten sie freilich einen höheren Werth haben, als von dem meinigen.«

Darauf entnahm Nedjeb dem Kästchen ein paar Pantoffeln und sagte:

»Und diese reizenden Babuschen, über und über besetzt und bestickt und mit Quasten von Schwan, gearbeitet für zwei kleine Füßchen, die ich kenne! – Bitte, lassen sie mich sie Ihnen anziehen!

– Probire sie doch selbst, Nedjeb.

– Ich?

– Es wäre doch nicht das erste Mal, daß Du, um mir ein Vergnügen zu machen ...

– Gewiß, gewiß! meinte Nedjeb. Ja, ich habe ja schon Ihre schönen Kleider anprobirt ... und als ich dann auf der Terrasse der Villa erschien ... wäre ich bald für Sie gehalten worden, liebste Herrin! Doch nein, das darf nicht sein, und heute noch weniger als je. – Bitte, probiren Sie die Pantöffelchen an!

– Du willst es?«

Amasia gab freundlich der Laune Nedjebs nach, die ihr die Pantoffeln anzog, welche werth gewesen wären, hinter einem Schaufenster mit kostbaren Schmucksachen ausgestellt zu werden.

»O, wie kann man nur wagen, mit solchem Schuhwerk zu gehen! rief die junge Zigeunerin. Und wer wird nun eifersüchtig werden? Ihr Kopf, theure Herrin, eifersüchtig auf Ihre Füßchen!

– Du machst mich lachen, Nedjeb, antwortete Amasia, und doch ...

– Und diese Arme, diese schönen Arme, welche Sie so ganz bloß tragen! Was haben sie Ihnen denn gethan? Seigneur Ahmet hat sie ja nicht vergessen, er nicht. Ich sehe da Armspangen, die ihnen vortrefflich stehen müssen. Arme kleine Arme, wie ihr vernachlässigt werdet! Zum Glück bin ich wenigstens da!«

Und lächelnd schob Nedjeb dem jungen Mädchen zwei prächtige Armspangen über die Handgelenke, welche auf der weißen warmen Haut lebhafter glänzten, als auf dem Sammet des Schmuckkastens.

Amasia ließ sie gewähren. Alle diese Gegenstände sprachen ihr von Ahmet, und während ihre Äugen unter dem Geplauder Nedjebs hier und dort hin irrten, antwortete sie ihm ohne Worte.

»Meine geliebte Amasia!«

Beim Klange dieser Stimme erhob sich plötzlich das junge Mädchen.

Ein junger Mann, dessen zweiundzwanzig Jahre recht gut zu den sechzehn Jahren seiner Verlobten paßten, stand neben ihr. Er war von etwas über mittelgroßem Wuchse, zeigte eine elegante, gleichzeitig stolze graziöse Haltung, hatte schwarze, doch sehr sanfte Augen, welche nur die Leidenschaft mit Blitzen erfüllen konnte, braunes Haar, dessen Locken unter dem seidenen »Puckul« hervorquollen, der von seinem Fez herabhing, dazu trug er einen feinen Schnurrbart nach albanischer Mode, hatte weiße Zähne – und endlich überhaupt ein aristokratisches Aussehen, wenn dieses Eigenschaftswort in einem Lande gebraucht werden könnte, in dem, da der Name nicht übersetzbar ist, auch eine eigentliche Aristokratie nicht existirt.

Ahmet ging gewissenhaft in türkischer Tracht gekleidet, und konnte das wohl anders sein bei dem Neffen eines Onkels, der sich entehrt gefühlt hätte, wenn er sich gleich einem gewöhnlichen Beamten europäisirte? Seine goldgestickte Weste, sein »Chalwar« von untadelhaftem Schnitt, der keine Stickerei von schlechtem Geschmacke trug, seine in graziöse Falten gewundene Schärpe, das von einem »Saryk« aus Brussabaumwolle umhüllte Fez und endlich die Maroquinstiefeln bildeten ein Costüm, das ihm vortrefflich stand.

Ahmet war auf das junge Mädchen zugegangen, hatte dieses an den Händen gefaßt und sanft zum Niedersitzen genöthigt, während Nedjeb rief:

»Nun, Seigneur Ahmet, erhalten wir heute früh einen Brief aus Constantinopel?

– Nein, erwiderte Ahmet, nicht einmal einen Geschäftsbrief von meinem Onkel Keraban.

– O, der entsetzliche Mann! rief die junge Zigeunerin.

– Ich finde es auch unerklärlich, fuhr Ahmet fort, daß der Courier nicht einmal eine Correspondenz aus seinem Comptoir gebracht hat. Es war heute der von ihm nie versäumte gewöhnliche Tag, an dem er die Geschäfte mit seinem Banquier in Odessa zu ordnen pflegte, und Dein Vater hat auch nichts erhalten.

– Wirklich, lieber Ahmet, von Seite eines so ordnungsliebenden Kaufmanns, wie Dein Onkel Keraban, ist das zu verwundern. Vielleicht eine Depesche? ...

– Er eine Depesche senden? – Du weißt doch, beste Amasia, daß er ebensowenig durch den Telegraphen correspondirt, wie er nicht mit der Eisenbahn reist. Moderne Erfindungen selbst für geschäftliche Beziehungen zu benützen! Er würde, glaube ich, lieber in einem Briefe eine schlechte Nachricht, als eine gute in einer Depesche empfangen. Ah, der Onkel Keraban! ...

– Du hattest ihm aber doch geschrieben, lieber Ahmet? fragte das junge Mädchen, deren Augen liebevoll zu ihrem Verlobten aufblickten.

– Ich hab' ihm zehnmal geschrieben, um sein Eintreffen in Odessa zu beschleunigen, ihn zu bitten, einen näheren Termin für die Feier unserer Hochzeit festzusetzen. Ich sagte ihm wiederholt, daß er ein barbarischer Onkel sei ...

– Ah, sehr schön! rief Nedjeb.

– Ein Onkel ohne Herz, wenn er auch sonst der beste Mensch wäre!

– Oho! unterbrach ihn Nedjeb, den Kopf schüttelnd.

– Ja, ein herzloser Onkel, obwohl er seinem Neffen fast mehr als ein Vater war! ... Aber er hat mir nur geantwortet, daß man von ihm, wenn er nur binnen sechs Wochen eintreffe, nichts weiter verlangen könne.

– Wir werden also warten müssen, bis es ihm beliebt, zu kommen, Ahmet.

– Warten, Amasia, warten! ... entgegnete Ahmet. Das sind ebenso viele Tage des Glücks, die er uns stiehlt!

– Und Diebe werden verhaftet, ja, Diebe, die noch niemals etwas Schlimmeres verbrochen haben! rief Nedjeb, mit dem Fuße stampfend.

– Was meinst Du? sagte Ahmet. Ich werde noch einmal versuchen, meinen Onkel Keraban zu erweichen. Wenn er bis morgen nicht geantwortet hat, reise ich selbst nach Constantinopel, und ...

– Nein, liebster Ahmet, antwortete Amasia, die Hand des jungen Mannes ergreifend, als wollte sie ihn zurückhalten. Ich würde durch Deine Abwesenheit mehr leiden, als mir die für unsere Vermählung gewonnenen wenigen Tage Freude machen könnten. Nein, bleib' hier! Wer weiß, ob nicht irgend ein Umstand Deinen Onkel zu anderen Entschlüssen bestimmt.

– Er von seinen Entschlüssen abgehen? erwiderte Ahmet. Da könnte man wohl ebenso gut versuchen, den Lauf der Gestirne zu verändern, den Mond an Stelle der Sonne zu setzen und die Gesetze des Himmels umzustoßen.

– Ach, wenn ich seine Nichte wäre! rief Nedjeb.

– Und wenn Du es wärest, was würdest Du thun? fragte Ahmet.

– Ich! ... Ich würde ihn am Kaftan packen, erklärte die junge Zigeunerin, daß ...

– Daß ihm der Kaftan zerrisse, Nedjeb, weiter nichts.

– Nun, dann zög' ich ihn mit aller Gewalt am Barte ...

– Damit sein Bart Dir in der Hand bliebe!

– Und trotzdem ist Seigneur Keraban doch der beste aller Menschen!

– Ohne Zweifel, ohne Zweifel, stimmte Ahmet zu, aber so starrköpfig, daß, wenn er mit einem Maulthiere um den Preis des Starrsinns stritte, ich nicht auf das Maulthier wetten möchte!«

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