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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 17
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Capitel.

Worin es sich um die ausgezeichneten Eigenschaften des Tabaks von Persien und von Kleinasien handelt.

Der Kaukasus ist ein Theil Südrußlands, aus hohen Bergen und ungeheuren Plateaus bestehend, dessen orographisches System sich ziemlich genau von Westen nach Osten entwickelt und eine Länge von dreihundertfünfzig Kilometern einnimmt. Im Norden liegt das Gebiet der Don'schen Kosaken, das Gouvernement von Stavropol mit den Steppen der Kalmücken und der nomadischen Nogaïs; südlich liegen die Gouvernements von Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, von Koutaïs, von Baku, von Elisabethpol und Frivan. Ferner die Provinzen Mingrelien, Imeretrien, Abkasien und Gourial. Im Westen des Kaukasus dehnt sich das Schwarze Meer, im Osten desselben der Caspissee aus.

Das ganze, südlich der Hauptkette des Kaukasus gelegene Gebiet wird auch Transkaukasien genannt und hat keine anderen Grenzen, als die der Türkei und Persiens, und zwar beim Berge Ararat, demselben, auf dem nach der Bibel die Arche Noah nach der Sindfluth gelandet sein soll.

Zahlreiche Stämme bewohnen oder durchstreifen dieses Gebiet. Sie gehören dem kaztewelischen, armenischen, tscherkessischen, tschetschinischen und lesghischen Stamme an. Im Norden siedeln Kalmücken, Nogaïs und Tataren mongolischer Abkunft; im Süden Tataren türkischer Race, Kurden und Kosaken.

Wenn man in diesen Dingen anerkannten Gelehrten Glauben schenken darf, so wäre die weiße Race, welche jetzt Europa und Asien bevölkert, aus diesem halb europäischen und halb asiatischen Lande hervorgegangen. Bekanntlich wurde dieselbe deshalb ja auch die kaukasische Race genannt.

Drei große Straßen überschreiten diesen ungeheuren Bergwall, den die Gipfel des Chat-Elboug von viertausend Meter, des Kazbek von viertausendfünfhundert Meter – der Höhe des Mont-Blanc – und des Elboug, von fünftausendsechshundert Meter, beherrschen.

Die erste dieser, in strategischer und commercieller Hinsicht doppelt wichtigen Straßen verläuft von Taman nach Poti längs der Küste des Schwarzen Meeres; die zweite von Mosdok nach Tiflis über den Paß des Darial; die dritte von Kizliar nach Baku über Derbend.

Es versteht sich von selbst, daß der Seigneur Keraban in Uebereinstimmung mit seinem Neffen von diesen drei Straßen die erste wählte. Was hätte es genützt, sich in die Irrgänge des Kaukasus zu begeben und große Schwierigkeiten, in deren Folge aber Verzögerungen zu erfahren. Ein Weg führt ja bis zum Hafen von Poti, und Städtchen und Dörfer fehlen am Ufer des Schwarzen Meeres nirgends.

Wohl gab es auch die Eisenbahn von Rostow nach Vladi, ferner die von Tiflis nach Poti, welche man nach einander hätte benutzen können, da ihre Endpunkte höchstens hundert Werst auseinanderliegen. Ahmet vermied aber vorsorglich, diese Beförderungsweise in Vorschlag zu bringen, auf die sein Onkel bekanntlich nicht gut zu sprechen war, als es sich vorher um die Eisenbahnen von Tauris und die vom Chersones handelte.

Da also Alles übereinstimmte, verließ der Wagen, der unzerstörbare Wagen, an dem nur wenige leichte

Reparaturen vorgenommen wurden, am Morgen des 7. September die Stadt Rajewskaja und rollte auf der Straße längs des Ufers hin.

Ahmet war entschlossen, mit größter Schnelligkeit zu reisen. Nur vierundzwanzig Tage blieben ihm noch für die ganze weitere Wegstrecke übrig, wenn er Scutari zur festgesetzten Zeit erreichen wollte. In diesem Punkte stimmte auch sein Onkel mit ihm überein. Van Mitten hätte es jedenfalls vorgezogen, gemächlich zu reisen, dauerndere Eindrücke in sich aufzunehmen und nicht gezwungen zu sein, schon nach so kurzer Zeit einzutreffen. Van Mitten wurde aber um seine Meinung nicht gefragt. Er war nur als Tischgenosse zu seinem Freunde Keraban eingeladen, nichts weiter, und man führte ihn eben nach Scutari. Was konnte er mehr verlangen?

Zur Beruhigung seines Gewissens glaubte Bruno jedoch, als sie das russische Kaukasien betraten, ihm einige Vorstellungen machen zu sollen.

Nachdem der Holländer ihn angehört, fragte er, was dabei eigentlich seine Gedanken seien.

»Nun, Mynheer, sagte Bruno, warum sollten wir den Seigneur Keraban und den Seigneur Ahmet nicht ohne Ruh' und Rast längs der Küste des Schwarzen Meeres allein reisen lassen?

– Sie verlassen, Bruno? hatte Van Mitten geantwortet.

– Ja, sie verlassen, Mynheer; sie verlassen, nachdem wir ihnen glückliche Reise gewünscht haben.

– Und hier bleiben?

– Ja freilich, hier bleiben, um mit Gemüthlichkeit den Kaukasus zu besuchen, da ein Unstern uns einmal hierher geführt hat. Ich denke, wir sind hier nicht weniger als in Constantinopel sicher davor, von Madame Van ...

– Sprich diesen Namen nicht aus, Bruno!

– Ich werde ihn verschweigen, Mynheer, um Ihnen gefällig zu sein. Doch ihr allein danken wir, in ein solches Abenteuer gerissen zu sein. Tag und Nacht im Postwagen zu fahren, auf die Gefahr hin, im Sumpfe stecken zu bleiben oder in brennenden Feldern geröstet zu werden, offen gestanden, das ist zu viel, das ist zu viel! Ich schlage Ihnen keineswegs vor, sich darüber mit Seigneur Keraban in eine Unterhandlung einzulassen – denn Sie müssen ihm doch unterliegen, – aber ihn ganz ruhig seines Weges ziehen zu lassen und ihm nur in aller Freundschaft anzukündigen, daß Sie ihn in Constantinopel wieder treffen würden, sobald es Ihnen einmal beliebte, dahin zurückzukehren.

– Das wäre, nicht passend, erwiderte Van Mitten.

– Es wäre aber weise, versetzte Bruno.

– Du hast Dich wohl so schwer zu beklagen?

– Nun, ich dächte! Und überdies – ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist – fange ich an abzumagern!

– Nicht besonders, Bruno, nicht auffallend!

– Doch, ich fühl' es ja! Wenn ich eine solche Lebensweise weiter führe, bin ich nächstens zum Skelet heruntergekommen.

– Hast Du Dich gewogen, Bruno?

– Ich wollte mich in Constantinopel wiegen lassen, antwortete Bruno, aber da gab es nur eine Briefwage ...

Und die reichte nicht hin? ... meinte Van Mitten lächelnd.

– Nein, Mynheer, versicherte Bruno ernsthaft, doch binnen Kurzem dürfte sie zureichen, ihren Diener zu wägen – Noch einmal, lassen wir den Seigneur Keraban seines Weges ziehen.«

Gewiß konnte diese Art zu reisen Van Mitten, einen Mann von phlegmatischem Temperamente, der nichts übereilte, keineswegs gefallen. Der Gedanke aber, seinem Freund Keraban dadurch, daß er ihn verließ, zu nahe zu treten, war ihm so unangenehm, daß er einen solchen Entschluß unmöglich fassen konnte.

»Nein, Bruno, nein, ich bin sein Gast ...

– Sein Gast, rief Bruno fast höhnisch, ein Gast, der gezwungen wird, siebenhundert Lieues statt einer zurückzulegen.

– Das ändert an der Hauptsache nichts!

– Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie Unrecht haben, Mynheer, erwiderte Bruno. Ich wiederhole Ihnen zum zehnten Male: wir sind nicht am Ende unserer Leiden, und ich habe ein gewisses Vorgefühl, daß Sie, vielleicht noch mehr als wir Anderen, Ihr gutes Theil empfangen werden.«

Sollten sich Brunos Ahnungen bewahrheiten? Das konnte nur die Zukunft lehren. Jedenfalls hatte er mit dieser an seinen Herrn gerichteten Warnung seiner Pflicht als treuer Diener Genüge gethan, und wenn Van Mitten demnach diese ebenso thörichte, wie anstrengende Reise fortsetzen wollte, so hatte er ihm einfach zu folgen.

Die Uferstraße verlief fast stets parallel dem Umrisse des Schwarzen Meeres. Wenn sie sich davon entfernt, um ein Terrainhinderniß zu umgehen oder ein landeinwärts liegendes Dorf zu streifen, so ist das stets nur um einige Werst. Die letzten Zweige der Kette des Kaukasus, welche hier ebenfalls die Küstenlinie begleiten, verschwinden allmählich an dem wenig besuchten Gestade. Am östlichen Horizont aber erhob sich, gleich einem Kamm mit verschiedenen Zinken, die gen Himmel emporstarren, der gewaltige, mit ewigem Schnee bedeckte Bergrücken.

Um ein Uhr Mittags fuhr man um die kleine Bucht von Jemas, sieben Lieues von Rajewskaja, und erreichte, acht Lieues weiter, das Dorf Gelendschik.

Diese Orte liegen, wie man sieht, alle nicht weit auseinander. In den Küstendistricten des Schwarzen Meeres zählt man fast regelmäßig einen in jener mittleren Entfernung, außerhalb der kleinen Anhäufungen von Häusern aber, welche oft nicht bedeutender sind, als ein Dorf oder ein Weiler, ist das Land fast ganz öde und der Verkehr wird nur durch Küstenfahrer unterhalten.

Der Landstreifen zwischen der Bergkette und dem Meere bietet einen bezaubernden Anblick. Der Boden desselben ist stark bewaldet. Hier trifft man dichte Gruppen von Eichen, Birken, Nußbäumen, Kastanien und Platanen, welche die zahlreichen Ranken des wilden Weinstockes, gleich Lianen des tropischen Urwaldes, umschlingen. Zwitschernd flattern überall Nachtigallen und Grasmücken aus den Azaleenfeldern empor, welche die Natur selbst in diesen fruchtbaren Gefilden hat aufwuchern lassen.

Gegen Mittag begegneten die Reisenden einem ganzen Clan nomadischer Kalmücken der Sippe, welche in »Alusses«, jede von mehreren »Khotonnes«, zerfällt. Diese »Khotonnes« sind wirklich wandelnde Dörfer und bestehen aus einer Anzahl »Kibitkas« oder Zelten, welche da oder dort errichtet werden, bald in der Steppe, bald in den grünenden Thälern, bald je nach dem Belieben der Häuptlinge auch an einem Wasserlaufe. Bekanntlich sind die Kalmücken mongolischen Ursprungs. Früher waren sie in der Gegend des Kaukasus sehr zahlreich. Die Anforderungen, um nicht zu sagen, die Quälereien der russischen Verwaltung haben jedoch eine starke Auswanderung nach Asien hervorgerufen.

Die Kalmücken haben ihre eigenthümlichen Sitten und ihre nationale Tracht beibehalten. Van Mitten konnte in sein Notizbuch eintragen, daß die Männer mit sehr weiten Hosen, Maroquinstiefeln, mit einer »Khalate«, einer Art weitem Burnus, und einer viereckigen Mütze mit Schafpelzrand bekleidet einhergingen. Die Frauen trugen sich fast ebenso. Nur benützen sie keinen Gürtel und haben eine Mütze, unter der die mit farbigen Bändern umschlungenen Haare hervorsehen. Die Kinder laufen fast ganz nackt umher, hocken im Winter, um sich zu erwärmen, in der Kibitka dicht beisammen und schlafen unter warmer Asche.

Klein von Gestalt, aber kräftig, vortreffliche Reiter, lebhaft, gewandt und muthig, zufrieden mit ein wenig Mehl, welches mit ein paar Stücken Pferdefleisch abgekocht wird, unverbesserliche Trinker, abgefeimte Diebe, unwissend, so daß sie nicht einmal lesen können, abergläubisch über die Maßen, leidenschaftliche Spieler – das sind die Nomaden, welche unaufhörlich die Kette des Kaukasus durchziehen.

Der Reisewagen passirte direct einen ihrer Khotonnes, ohne besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Die Leute rührten sich kaum von der Stelle, um sich nach den Reisenden umzusehen, von denen wenigstens Einer sie mit großem Interesse betrachtete. Vielleicht verfolgten sie aber doch mit neidischen Blicken das Fuhrwerk, welches im Galopp die Straße dahinflog. Zum Glück für den Seigneur Keraban verhielten sie sich aber ruhig, und die Pferde konnten die nächste Poststation erreichen, ohne die Krippe ihres Stalles mit der Weide eines Kalmückenlagers vertauscht zu haben.

Nachdem der Wagen die Bai von Zemes hinter sich hatte, fand er eine enge, zwischen die letzten Ausläufer der Bergkette und die Küste eingezwängte Straße; weiterhin verbreiterte sich dieselbe aber bedeutend und wurde auch bequemer fahrbar.

Um acht Uhr Abends wurde das Städtchen Gelendschik erreicht. Dort wechselte man die Pferde, aß ein wenig, fuhr um neun Uhr weiter, die ganze Nacht hindurch bei manchmal wolkigem, manchmal gestirntem Himmel, während die Brandung jetzt bei annähernder Tag- und Nachtgleiche heftig gegen das Ufer schlug; erreichte am nächsten Morgen um sieben Uhr den Flecken Beregowaja, zu Mittag Dschuba, um sechs Uhr Abends das Städtchen Tenginsk, um Mitternacht Nebugsk, am folgenden Morgen um acht Uhr Galowinsk, um elf Uhr den Flecken Lachowsk und zwei Stunden später das Städtchen Ducha.

Ahmet hatte keine Ursache, sich zu beklagen. Die Reise verlief ohne Unfall, was ihm ja zu Statten kam, auch ohne jedes bemerkenswerthe Ereigniß, was Van Mitten doch verdroß. Seine Notizblätter füllten sich ja nur mit langweiligen geographischen Namen; keine interessante Bemerkung, keine nennenswerthe Erinnerung hatte er zu verzeichnen.

In Ducha sollte der Wagen zwei Stunden lang halten, während der Postmeister seine Pferde holte, welche weit draußen auf der Weide waren.

»Nun, so wollen wir so gut und so lange essen, wie die Umstände es gestatten, sagte Keraban.

– Ja, wir wollen essen, stimmte Van Mitten zu.

– Und womöglich recht gut essen! murmelte Bruno, indem er sein eingefallenes Bäuchlein betrachtete.

– Vielleicht bietet uns dieser Aufenthalt, fuhr der Holländer fort, eine unvorhergesehene Abwechslung, an der es unserer Fahrt gar sehr mangelt. Ich hoffe, mein junger Freund Ahmet wird gestatten, daß wir einmal Athem schöpfen? ...

– Bis zum Eintreffen der Pferde, erwiderte Ahmet. Wir haben schon den siebenten dieses Monats! ...

– Das ist eine Antwort, wie sie mir gefällt, sagte Keraban. Wir wollen also sehen, was die Küche bietet.«

Der Gasthof von Ducha bietet nur eine sehr mittelmäßige Unterkunft. Er erhebt sich am Ufer der Mdsymta, welche rauschend von den benachbarten Abhängen herabstürzt.

Der Ort ähnelte sehr jenen Kosakendörfern, welche den Namen »Stamisti« führen, und zwar durch seine Palissaden und Thore, über die ein viereckiger Thurm emporragt, auf dem sich Tag und Nacht eine Wache befindet. Die Häuser mit hohen Strohdächern, mit lehmübertünchten Mauern, welche meist unter dem Schutze hoher Bäume liegen, beherbergen eine, wenn nicht begüterte, so doch auch nicht nothleidende Bevölkerung.

Durch die unaufhörliche Berührung mit den Landleuten des orientalischen Rußland haben die Kosaken ihre Originalität übrigens fast gänzlich eingebüßt.

Muthig, gewandt, aufmerksam, ausgezeichnete Wächter der ihrer Sorgfalt anvertrauten Militärlinie, sind sie jedoch geblieben und gelten mit Recht für die besten Reiter der Welt, sowohl im ernstlichen Kampfe gegen die Bergbewohner, welche sich in einem schon chronisch gewordenen Zustand der Rebellion befinden, wie bei gelegentlichen Tournieren, wo sie sich als ausnehmend sattelfest erweisen.

Sie gehören einer recht schönen Race an und man erkennt sie leicht an einer gewissen Eleganz ihrer Bewegung und Gestalt, weniger am Costüm, welches mit dem der kaukasischen Bergbewohner zusammenfällt. Immerhin ist es leicht, unter der großen Pelzmütze das energische Gesicht zu erkennen, welches ein dichter Bart bis hoch hinauf verdeckt.

Als der Seigneur Keraban, Ahmet und Van Mitten an der Gasthofstafel Platz genommen hatten, trug man ihnen eine Mahlzeit auf, deren Bestandteile erst aus dem benachbarten »Dukhan,« das ist eine Art Laden, entnommen waren, in dem Delicatessen-, Fleisch- und Specereihandel meist von ein und derselben Person betrieben wird. Da gab es gebratenen Truthahn, einen jener Maismehlkuchen mit Stückchen von Büffelkäse, welche man »Gatschapuri« nennt, das unvermeidliche Nationalgericht, den »Blini,« eine Art Gebäck mit saurer Milch; ferner als Getränk ein paar Flaschen dickes Bier und einige Caraffen mit »Vadka,« einem sehr starken Branntwein, von dem die Russen unglaubliche Mengen vertilgen können.

Ehrlich gestanden, konnte man von dem Gasthofe eines kleinen, an den äußersten Grenzen des Schwarzen Meeres verlorenen Städtchens wirklich nicht mehr verlangen, und bei dem guten Appetite, den sie dazu mitbrachten, thaten die Tischgäste der Mahlzeit, welche ihre gewöhnliche Reisespeisekarte angenehm unterbrach, alle Ehre an.

Nach dem Essen verließ Ahmet die Tafel, während Bruno und Nizib sich reichlich an dem Truthahn ein Gütchen thaten und das landesübliche Gebäck verzehrten. Seiner Gewohnheit nach ging er selbst zur Poststation, um das Herbeiführen der Pferde zu beschleunigen, gern bereit, die für Werst und Pferde zu zahlenden fünf Kopeken zu verdoppeln, welche die Posthalter zu verlangen haben, ohne des Trinkgeldes zu erwähnen.

Inzwischen begaben sich der Seigneur Keraban und Van Mitten nach einem kleinen grünbewachsenen Ausbau des Hauses, dessen übermooste Pfeiler der Fluß murmelnd benetzte.

Jetzt oder nie bot sich die Gelegenheit zum Genusse jenes süßen far niente, zu dem wundervollen Träumen, dem die Orientalen den Namen »Kief« gegeben haben.

Es verstand sich außerdem von selbst, daß die Nargilehs in Benützung genommen wurden, als Vervollständigung einer Mahlzeit, welche werth war, mit Ruhe verdaut zu werden. Die beiden Geräthschaften wurden denn aus dem Wagen herbeigeholt und den beiden Herrn gebracht, welche sich mit Vergnügen dem Genusse jenes Zeitvertreibs hingaben, dem sie ja Beide ihr Vermögen verdankten.

Der Kopf der Nargilehs wurde mit Tabak gefüllt; natürlich ließ der Seigneur Keraban den seinen mit Tombeki aus Persien stopfen, wie er es stets zu thun pflegte, während Van Mitten sich an seine gewöhnliche Sorte, den Latakie von Kleinasien hielt.

Jetzt wurden die Köpfe in Brand gesteckt; die Raucher streckten sich, einer neben dem anderen, auf einer Bank aus; der lange, mit Goldfäden umschlungene Schlauch mit dem Mundstück aus baltischem Bernstein fand zwischen den Lippen der beiden Freunde seinen Platz.

Bald war die Luft mit dem wohlriechenden Rauche gefüllt, der nach dem Munde erst kam, nachdem er durch das klare Wasser im Nargileh köstlich erfrischt war.

Einige Zeit blieben der Seigneur Keraban und Van Mitten, ganz versunken im Genusse der Nargilehs, das dem Tschibuk, der Cigarre und der Cigarette weit vorzuziehen ist, mit halbgeschlossenen Augen schweigend liegen, und stützten sich gleichsam auf die Rauchwolken, welche ein lustiges Eiderdunenkissen zu bilden schienen.

»O, das ist doch ein wahrer Hochgenuß, sagte endlich der Seigneur Keraban, und ich kenne wahrlich nichts Schöneres, als so ein Stündchen vertraute Plauderei mit seinem Nargileh.

– Eine Plauderei ohne Streit, erwiderte Van Mitten, das macht doch die Sache noch angenehmer.

– Die türkische Regierung, fuhr Keraban fort, ist wie immer sehr falsch berathen gewesen, als sie den Tabak mit einem Zoll belegte, der seinen Preis verdoppelte. In Folge dieser hirnverbrannten Idee wird der Nargileh immer seltener und dürfte dereinst ganz verschwinden.

– Das wäre wirklich zu bedauern, Freund Keraban.

– Was mich betrifft, Freund Van Mitten, so habe ich eine solche Vorliebe für den Tabak, daß ich lieber sterben als darauf verzichten würde. Ja, sterben! Und hätte ich zur Zeit Amurat's IV., jenes Despoten, gelebt, der den Gebrauch des Tabaks mit der Todesstrafe belegen wollte, so würde man eher den Kopf haben von meinen Schultern, als die Pfeife von meinen Lippen fallen sehen!

– Ich bin ganz Ihrer Meinung, antwortete der Holländer, indem er schnell hintereinander einige tüchtige Züge that.

– Nicht so schnell, Van Mitten, wenn ich bitten darf, ziehen Sie nicht so schnell! Auf diese Weise können Sie das feine Aroma des Rauches nicht schmecken und machen auf mich den Eindruck eines Gefräßigen, der die Bissen verschluckt, ohne sie zu kauen.

– Sie haben Recht, wie immer, Freund Keraban, erwiderte Van Mitten, der um nichts in der Welt eine so erquickende Ruhepause durch das Wortgeplänkel einer Discussion zu stören gewünscht hätte.

– Immer Recht, Freund Van Mitten!

– Was mich jedoch von jeher in Erstaunen gesetzt hat, Freund Keraban, ist, daß wir als Tabakshändler selbst so großes Vergnügen daran finden, die eigene Waare zu consumiren.

– Und wie kommen Sie dazu? fragte Keraban, der sich jeden Augenblick »klar zum Gefecht« hielt.

– Nun, weil es mir gegenüber der allgemein bestätigten Erfahrung, daß der Pastetenbäcker nichts von Pasteten, der Conditor nichts von Zuckernaschwerk wissen will, eigentlich vorkommt, als müßte der Tabakshändler gerade einen gewissen Abscheu ...

– Nur eine Bemerkung, Van Mitten, unterbrach ihn Keraban, erlauben Sie mir einen Einwurf.

– Und der wäre? ...

– Haben Sie je von einen Weinhändler gehört, der das Getränk, welches er verkauft, verachtet hätte?

– Nein, das freilich nicht.

– Nun sehen Sie, Weinhändler oder Tabakshändler, das kommt ganz auf Eines hinaus.

– Ich füge mich, erwiderte der Holländer. Die von Ihnen beigebrachte Erklärung scheint mir vortrefflich.

– Gewiß, versicherte Keraban, doch da Sie gewillt scheinen, über diese Frage Händel anzufangen..

– Es liegt mir gänzlich fern, Händel zu suchen, Freund Keraban! beeilte sich Van Mitten zu erklären.

– Doch!

– Nein, ich versichere Ihnen ...

– Da Sie eine etwas verletzende Bemerkung über meine Vorliebe für den Tabak laut werden ließen ...

– Aber, so glauben Sie doch ...

– Ja, ja ... antwortete Keraban, sich allmählich erwärmend, ich verstehe schon diese versteckten Anspielungen ...

– Auf meiner Seite kann von keinen Anspielungen die Rede sein, entgegnete Van Mitten, der – ohne zu wissen wodurch – vielleicht unter dem Einflusse des verzehrten reichlichen Mahles, über diese fortgesetzten Behauptungen etwas die Geduld verlor.

– Und doch! beharrte Keraban. Jetzt ist nun die Reihe an mir, Ihnen eine Bemerkung zu machen.

– Thun Sie sich keinen Zwang an!

– Ich begreif' es nicht, nein, ich begreif' es wirklich nicht, wie Sie sich so vergessen können, Latakie aus einem Nargileh zu rauchen! Das ist des Geschmacks eines Rauchers, der sich selbst achtet, unwürdig.

– Ich glaube doch das Recht zu haben, es zu thun, erwiderte Van Mitten, da ich einmal den Tabak Kleinasiens vorziehe ...

– Kleinasien! Wahrhaftig, Kleinasien fehlt viel, um Persien die Wage zu halten, wenn es sich um Rauchtabak handelt.

– Das kommt darauf an!

– Der Tombeki, selbst wenn er einer doppelten Auswässerung unterworfen wurde, behält immer noch eine eigenthümliche Wirkung, die dem des Latakie weit überlegen ist.

– Das bestreite ich nicht! rief der Holländer, er äußert in Folge seines Gehaltes an Belladonna sogar sehr energische Wirkungen.

– In geeigneter Quantität kann Belladonna die Güte eines Tabaks nur erhöhen.

– Gewiß; für Leute, die sich langsam vergiften wollen, bemerkte Van Mitten.

– Das ist kein Gift!

– Es ist doch ein solches, und noch dazu ein sehr wirksames.

– Bin ich denn daran gestorben? rief Keraban, der im Interesse der von ihm vertretenen Sache gleich einen tüchtigen Zug verschluckte.

– Nein, aber Sie werden noch daran sterben!

– Meinetwegen! Doch selbst in der Todesstunde, wiederholte Keraban, dessen Stimme eine beunruhigende Schärfe annahm, werd' ich noch bei der Behauptung verbleiben, daß der Tombeki jenem ausgedörrten Grase, welches sich Latakie nennt, weit vorzuziehen ist!

– Es ist unmöglich, einen solchen Irrthum, ohne Einspruch zu erheben, hingehen zu lassen! erwiderte Van Mitten, der auch seinerseits etwas in die Wolle kam.

– Er wird doch bestehen bleiben!

– Und Sie wagen das Gegentheil einem Manne gegenüber zu behaupten, der dreißig Jahre lang Tabak jeder Art verkauft hat?

– Zwanzig Jahre!

– Dreißig Jahre!«

Bei dieser neuen Phase ihres Wortwechsels angelangt, hatten sich beide Gegner ganz gleichzeitig aufgerichtet. Bei dem lebhaften Gesticuliren aber glitten Beiden die Bernsteinmundstücke aus den Lippen und die Schläuche fielen zu Boden. Sofort bückten sie sich danach und stritten immer weiter, wobei nun die unliebenswürdigsten Anzüglichkeiten zutage kamen.

»Wahrlich, Van Mitten, sagte Keraban, Sie sind doch der schlimmste Erzstarrkopf, denn ich kenne!

– Nach Ihnen, Keraban, nach Ihnen!

– Ich?

– Ja, Sie! rief der Holländer, der sich nicht mehr bemeistern konnte. Sehen Sie doch den Latakierauch, wie er von meinen Lippen quillt.

– Und Sie, erwiderte Keraban, den Tombekirauch, den ich als wohlriechende Wolken ausblase.«

Beide saugten an den Pfeifenmundstücken, daß ihnen fast der Athem ausging, und bliesen einander die Rauchwolken in's Gesicht.

»Riechen Sie nur ordentlich den Duft meines Tabaks! sagte der Eine.

– Und riechen Sie nur den meinigen! antwortete der Andere.

– Ich werde Sie schon noch zwingen einzugestehen, erklärte Van Mitten, daß Sie bezüglich des Tabaks nichts verstehen.

– Und ich Sie, versetzte Keraban, daß Sie noch weit unter dem unerfahrensten Raucher stehen!«

Einmal erzürnt, sprachen Beide so laut, daß man sie schon von draußen hörte. Schon waren sie unzweifelhaft auf dem Punkte angelangt, wo zwischen ihnen bald gröbliche Injurien hin und her fliegen mußten, wie Kanonenkugeln auf dem Schlachtfelde ...

Gerade da erschien Ahmet wieder. Von dem Lärm herbeigelockt, folgten Nizib und Bruno ihm nach. Alle Drei blieben auf der Schwelle des Vorbaues stehen.

»Da seh' Einer! rief Ahmet laut auflachend, da raucht mein Onkel Keraban das Nargileh des Herrn Van Mitten, und Herr Van Mitten raucht aus dem Nargileh meines Onkels Keraban!«

Nizib und Bruno stimmten schüchtern in das Gelächter ein.

Und wirklich, als die Kampfhähne die Mundstücke aufhoben, hatten sie die Schläuche vertauscht und priesen, ohne das gewahr zu werden, die überlegenen vorzüglichen Eigenschaften ihrer Lieblingstabakssorte, während doch Keraban Latakie und Van Mitten Tombeki schmauchte.

Am Ende mußten sie selbst mitlachen, und reichten sich schließlich gutmüthig die Hand, wie zwei Freunde, deren gegenseitige Zuneigung keine Erörterung – selbst wenn sie einen so wichtigen Gegenstand betraf – zu erschüttern vermochte.

»Die Pferde sind angespannt, meldete dann Ahmet, wir können jeden Augenblick weiter reisen.

– So reisen wir ab!« antwortete Keraban.

Van Mitten und er übergaben Nizib und Bruno die beiden Rauch-Utensilien, welche beinahe zu Kriegsgeräthen geworden wären, und bald hatten Alle wieder ihre Plätze im Reisewagen eingenommen.

Beim Einsteigen konnte Keraban aber doch nicht umhin, seinem Freunde zuzuflüstern: »Da sie ihn nun gekostet haben, Van Mitten, werden sie wohl zugeben, daß der Tombeki dem Latakie weit vorzuziehen ist.

– Ich will's lieber zugeben, antwortete der Holländer, der es schon bereute, seinem Freunde einmal Widerpart gehalten zu haben.

– Ich danke, Freund Van Mitten, erwiderte Keraban, gerührt durch solche Nachgiebigkeit, das ist ein Zugeständnis dessen ich mich stets erinnern werde.«

Beide besiegelten durch einen kräftigen Händedruck den neuen Freundschaftsbund, der nie zerrissen werden sollte.

Inzwischen rollte die Chaise, von den Pferden im Galopp dahingezogen, schnell auf der Straße längs der Küste weiter.

Um acht Uhr Abends wurde die Grenze von Abkasien erreicht, und die Reisenden machten Halt an der ersten Poststation, wo sie bis zum folgenden Morgen ruhig schliefen.

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