Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/verne/keraban1/keraban1.xml
typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121119
projectid259f343d
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Capitel.

In welchem der Seigneur Keraban, Ahmet, Van Mitten und deren Diener die Rolle von Salamandern spielen.

Mit seinen unschönen Häusern, den durch die Zeit entfärbten Strohdächern, mit seiner hölzernen Kirche, deren Thurm unaufhörlich von dichten Falkenschwärmen umhüllt ist, bietet das Städtchen Jenikaleh einen wirklich traurigen Anblick.

Der Wagen sollte hier auch nicht anhalten. Van Mitten konnte also weder den ziemlich bedeutenden Militärposten, noch die Festung Phanazoria oder die Ruinen von Tmutarakan besuchen.

Wenn Kertsch nach Bevölkerung und Sitten griechisch, ist Taman dagegen kosakisch – ein Contrast, den der Holländer freilich nur im Vorüberfliegen bemerken konnte.

Immer die kürzesten Wege wählend, folgte der Wagen eine Stunde lang dem südlichen Ufer der Bai von Taman. Das genügte aber, um die Reisenden zu überzeugen, daß das Land hier ein ganz vortreffliches Jagdgebiet darstellt, wie man ein gleiches vielleicht nirgends auf Erden wiedertrifft.

In der That bewohnten hier Pelikane, Seeraben und Silbertaucher, große Schaaren von Trappen gar nicht zu zählen, die Sümpfe in wahrhaft unglaublichen Mengen.

»In meinem Leben habe ich noch nicht so vieles Wasserwild gesehen! bemerkte Van Mitten ganz richtig. Hier könnte man ja nach den Sümpfen hinschießen ohne zu zielen – kein Schrotkörnchen ginge dabei verloren!«

Diese Bemerkung des Holländers führte zu keiner weiteren Verhandlung. Der Seigneur Keraban war nicht Jäger und im Grunde dachte Ahmet auch an ganz andere Dinge.

Aussicht zu einem kleinen Streite gab es nur über ein starkes Volk von Enten, welche durch das Gespann aufgejagt wurden, eben als dieses das Ufer zur linken Hand liegen ließ, um schräg nach Südosten abzuweichen.

»Ei, eine hübsche Compagnie! rief Van Mitten. Man könnte fast ein Regiment sagen!

– Ein Regiment? Sie wollen wohl sagen, ein Armeecorps! entgegnete Keraban mit den Achseln zuckend.

– Meiner Treu, Sie haben recht! antwortete Van Mitten. Das mögen wohl an die hunderttausend Enten sein.

– Hunderttausend Enten! rief Keraban. Wenn Sie wenigstens zweihunderttausend sagten.

– Freilich, gegen zweihunderttausend.

– Ich würde lieber dreihunderttausend sagen, Van Mitten, und bliebe damit immer noch hinter der Wahrheit zurück.

– Ja, freilich, Sie haben Recht, Freund Keraban,« antwortete klüglich der Holländer, der seinen Begleiter nicht reizen wollte, ihm noch eine Million Enten an den Kopf zu werfen.

Im Grunde hatte er jedoch Recht. Hunderttausend Enten! Das ist schon ein gewaltiges Volk, aber die ungeheure Wolke von Geflügel, die vor der Sonne vorüberziehend einen großen Schatten auf die Bai warf, mochte wirklich nicht weniger zählen.

Das Wetter war noch sehr schön, die Straße erträglich fahrbar. Die Pferde griffen tüchtig aus, und an den Posthäusern brauchte man nicht lange auf frische Pferde zu warten. Jetzt zog den Reisenden kein Seigneur Sassar mehr auf dem Wege über die Halbinsel voraus.

Es versteht sich von selbst, daß die Fahrt während der kommenden Nacht unterbrochen wurde. In undeutlichen Umrissen stiegen schon die ersten Höhen des Kaukasus am Horizonte empor. Da Alle im Hôtel von Kertsch tüchtig ausgeschlafen hatten, dachte gar Niemand daran, den Wagen vor Ablauf von sechsunddreißig Stunden zu verlassen.

Gegen Abend jedoch, zur Essenszeit, hielten die Reisenden an einer Poststation, welche gleichzeitig als Gasthof diente. Da sie nicht genau wußten, was an der kaukasischen Küste zu haben sein möchte und wie es dort mit der Verpflegung stand, so empfahl es sich, den in Kertsch eingekauften Vorrath möglichst zu sparen.

Das Unterkommen hier erwies sich als mittelmäßig, an Lebensmitteln fehlte es dagegen nicht. Hierüber hatte sich also Niemand zu beklagen.

Charakteristisch erschien nur, daß der Wirth, sei es aus Mißtrauen oder in Folge der Landessitte, Alles, je nachdem es verzehrt wurde, einzeln bezahlt haben wollte.

So brachte er zum Beispiel Brod herein.

»Macht zehn Kopeken!« Eine Kopeke ist eine Kupfermünze im ungefähren Werthe von 3 ¼ Pfennig. sagte er.

Ahmet mußte ihm zehn Kopeken aushändigen.

Als dann Eier aufgetragen worden waren, rief er:

»Macht vierundzwanzig Kopeken!«

Und Ahmet mußte die verlangten vierundzwanzig Kopeken bezahlen. So ging's für den Kwas, ebenso für den Braten, für das Salz, ja sogar für das Salz auf dem Tische.

Ahmet konnte nichts dagegen ausrichten.

Nun sollte aber auch für das Tischzeug bis zu den Servietten, bis auf die Sitze besonders und im Voraus bezahlt werden, sogar Messer, Gläser, Löffel, Gabeln und Teller – Alles kostete extra.

Begreiflicher Weise brachte das den Seigneur Keraban bald in die Hitze, so daß er, um dem Feilschen ein Ende zu machen, gleich alle zum Essen notwendigen Utensilien selbst kaufte, natürlich mit ziemlich lauten Verwünschungen, welche der Gastwirth aber mit einem Gleichmuth hinnahm, der sogar Van Mitten alle Ehre gemacht hätte.

Nach vollendeter Mahlzeit trat Keraban die Gegenstände dem Wirthe wieder ab, der sie mit fünfzig Percent Verlust annahm.

»S'ist doch ein wahres Glück, daß er uns nicht auch noch das Verdauen bezahlen läßt! sagte er. Das ist ein Kerl! Wahrlich, er paßte zum Finanzminister des ottomanischen Reiches. Er würde auf jeden Ruderschlag der Cajiks auf dem Bosporus eine besondere Steuer legen.«

Alles in Allem hatte die Gesellschaft doch ziemlich gut zu Abend gegessen, und das, meinte Bruno, wäre doch die Hauptsache. Darauf brach man auf, da es schon Nacht, eine dunkle mondlose Nacht geworden war.

Es machte einen eigenthümlichen, doch nicht jeden Reizes entbehrenden Eindruck, sich im flotten Trabe in finstrer Nacht dahingezogen zu fühlen, mitten in tiefer Dunkelheit durch ein unbekanntes Land, wo die Dörfer sehr weit von einander liegen und die seltenen Farmen in der Steppe weit zerstreut erscheinen. Das Schellengeklingel der Pferde, ihr regelmäßiger Hufschlag auf dem Boden, das Knirschen der Räder in sandigem Lande, ihr Stoßen durch die, vom Regen oft noch vergrößerten Geleise, das Klatschen der Peitsche des Kutschers, der Schein der Laternen, der sich bei ebener Straße im Schatten verliert oder sich an Bäumen, an einzelnen Steinen, an den Wegweisern auf dem Damme der Straße bricht, alles das bildet ein Gemisch verschiedener Geräusche und flüchtiger Bilder, gegen das nur wenige Reisende unempfindlich sind. Man hört sie, diese Geräusche, man sieht sie, diese Bilder, womöglich in einer Art Halbschlaf, der ihrer Erscheinung noch einen besonderen phantastischen Beigeschmack verleiht.

Der Seigneur Keraban und seine Gefährten konnten sich dieser Empfindung nicht erwehren, deren Intensität gelegentlich ziemlich groß ist. Durch die Vorderscheiben des Wagens betrachteten sie mit halbgeschlossenen Augen die langen Schatten des Gespanns, welche launenhaft und immer in Bewegung vor ihnen auf der spärlich beleuchteten Straße dahinschwebten.

Es mochte gegen elf Uhr Abends sein, als ein eigenthümliches Geräusch sie ihren Träumereien entriß. Es war eine Art Pfeifen, vergleichbar dem des Selterswassers, wenn die Flasche geöffnet wird, nur zehnmal stärker, man hätte eher sagen können, daß irgend ein Kessel den gespannten Dampf durch das Abblasrohr entleerte.

Die Pferde wurden angehalten. Der Kutscher hatte Mühe, die Pferde zu bändigen. Ahmet ließ, um zu rufen, was vorliege, sofort die Fenster herab und beugte sich nach außen.

»Was giebt es denn? Warum fahren wir nicht weiter? fragte er. Woher kommt jenes Geräusch? – Das sind die Schlammvulcane, erklärte der Kutscher.

– Schlammvulcane? rief Keraban. Wer hat je schon von Schlammvulkanen ein Wort gehört? Wahrhaftig, das ist eine nette Straße, auf die Du uns geführt hast, Neffe Ahmet.

– Seigneur Keraban, Sie und Ihre Begleiter würden besser thun, hier auszusteigen, sagte der Kutscher.

– Aussteigen! Aussteigen!

– Ja! ... Ich ersuche Sie, dem Wagen zu Fuß zu folgen, so lange wir uns in dieser Gegend befinden, denn ich kann nicht für die Pferde stehen, sie könnten hier durchgehen wollen.

– Nun denn, meinte Ahmet, der Mann hat Recht. Steigen wir aus.

– Es handelt sich um fünf bis sechs Werst, fügte der Kutscher hinzu, vielleicht auch acht, mehr aber nicht.

– Was denkst Du zu thun, lieber Onkel? redete diesen Ahmet an.

– Steigen wir aus, Freund Keraban, drängte ihn Van Mitten.

Schlammvulcane? ... Wir müssen doch sehen, was daran sein kann!«

Nicht ohne Widerspruch fügte sich endlich auch der Seigneur Keraban. Alle sprangen hinaus und gingen hinter der, nur im Schritt weiterfahrenden Chaise her, deren Laternen den Weg etwas erhellten.

Die Nacht war ungemein dunkel. Wenn der Holländer die von dem Kutscher angemeldeten Naturerscheinungen zu sehen hoffte, so täuschte er sich; das scharfe Pfeifen dagegen, welches zuweilen die Luft mit wahrhaft betäubendem Lärmen erfüllte, mußte Jeder hören, wenn er nicht geradezu taub war.

Bei Tage hätte man hier nämlich Folgendes wahrgenommen: Eine, auf weite Strecken von kleinen Eruptionshügeln durchsetzte Steppe, vergleichbar den ungeheuren Ameisenbauten, welche sich in manchen Gegenden des äquatorialen Afrika finden. Aus diesen Hügeln brechen Gas- und Asphaltquellen hervor, welche man speciell »Schlammvulcane« nennt, obwohl eine vulcanische Wirkung bei dem Zustandekommen dieses Phänomens ganz ausgeschlossen ist. Nur ein Gemisch von Schlamm, Gyps, Kalk, Feuerstein nebst Petroleum ist es, was hier unter dem Druck von Kohlenwasserstoff, zuweilen auch von Phosphorwasserstoffgas, mit einer gewissen Heftigkeit emporgetrieben wird. Diese Bodenerhebungen steigen allmählich auf, verlieren ihre Spitze, um das Eruptionsmaterial ausbrechen zu lassen, und verschwinden, wenn der Tertiärboden der Halbinsel sich seines Inhalts entleert hat, in mehr oder minder langer Zeit wieder gänzlich.

Das Wasserstoffgas, welches unter diesen Verhältnissen entsteht, rührt von der langsamen, aber unaufhörlichen Zersetzung mit verschiedenen Substanzen vermischten Petroleums her, das Felsgestein, in welchem es vorher eingeschlossen ist, lockert sich endlich unter der Einwirkung des Wassers, des Regen- oder Quellwassers, welches unaufhörlich daran nagt.

Dann kommt es zum Ausbruche, der, wie man sehr richtig gesagt hat, sich ebenso vollzieht, wie aus einer mit moussirender Flüssigkeit gefüllten Flasche, welche die Elasticität des Gases vollständig entleert.

Solche Auswurfshügel giebt es aus der Insel Taman in großer Menge. Man trifft dieselben auch auf ganz ähnlichem Boden auf der Halbinsel von Kertsch, aber nicht in der Nähe des Weges, welchen der Wagen eingehalten hatte – woraus es sich erklärt, daß die Reisenden noch nichts davon wahrgenommen hatten.

Inzwischen schritten sie zwischen diesen großen, von Dampfwolken bekrönten Beulen hin, inmitten aufsteigender Strahlen flüssigen Schlammes, dessen Natur ihnen der Kutscher nach bestem Wissen erklärt hatte. Zuweilen kamen sie denselben so nahe, daß sie im Gesicht den Strom des Gases fühlten, das einen charakteristischen Geruch besaß, als käme es aus dem Gasometer einer Anstalt.

»Ah, sagte Van Mitten, als er das Vorhandensein von Leuchtgas erkannte, da befinden wir uns ja auf nicht gefahrlosem Wege. Wenn es nur zu keiner Explosion kommt!

– Sie haben Recht, sagte Ahmet, es wäre wohl rathsam, wir löschten ...«

Der Gedanke, welchen Ahmet eben aussprach, mußte wohl auch dem Kutscher, welcher ja schon gewohnt war, diese Gegenden zu passiren, gekommen sein, denn plötzlich erloschen die Laternen des Wagens.

»Hütet Euch, nicht zu rauchen, Ihr Anderen! rief Ahmet, sich an Bruno und Nizib wendend.

– Beruhigen Sie sich, Herr Ahmet, antwortete Bruno, wir haben keine Lust in die Luft zu springen.

– Was, rief Keraban, nun wäre es hier wohl gar noch verboten, zu rauchen?

– Nein, lieber Onkel, nein, versicherte Ahmet eifrig, ... höchstens auf der Strecke von wenigen Werst ...

– Nicht einmal eine Cigarrette? fuhr der Starrkopf fort, der schon mit der Gewandtheit eines alten Rauchers eine tüchtige Fingerspitze vom Tombeki zusammendrehte.

– Nachher, Freund Keraban, nachher ... im Interesse Aller! bat ihn Van Mitten. In dieser Steppe zu rauchen, kann eben so gefährlich werden, wie in einer Pulvermühle.

– Ein nettes Land! murmelte Keraban. Es sollte mich sehr wundern, wenn die hiesigen Tabakhändler reiche Leute würden. O, Herr Neffe, selbst auf die Gefahr der Verzögerung um einige Tage wäre es besser gewesen, um das Schwarze Meer zu fahren.«

Ahmet gab keine Antwort. Er wollte über diesen Gegenstand keine Auseinandersetzung anfangen. Grollend schob sein Onkel die Prise Tombeki wieder in die Tasche, und Alle folgten dem Wagen nach, dessen unförmige Masse in der tiefen Dunkelheit kaum noch zu erkennen war.

Um nicht zu stürzen, mußte man hier auch mit großer Vorsicht hingehen. Die da und dort sehr unebene Straße bot dem Fuße keinen sicheren Stützpunkt. Nach Osten zu stieg sie allmählich an. Zum Glücke wurde die gasgeschwängerte Atmosphäre von keinem Windhauch bewegt. So stiegen die Dünste gerade in die Höhe, statt auf die Reisenden herabzufallen, und diese wurden weit weniger belästigt.

Sie gingen immer in kurzen Schritten wohl eine halbe Stunde weiter. Voran wieherten die Pferde und schlugen häufig aus; der Kutscher hatte Mühe, sie zu halten. Die Radachsen knarrten, wenn die Räder sich in einem ausgefahrenen Gleise bewegten. Der Wagen war jedoch solid gebaut, wie der Leser weiß, und hatte schon in den Sümpfen der unteren Donau hinreichende Proben abgelegt.

Noch eine Viertelstunde, und die Gegend der Eruptionshügel mußte überschritten sein.

Plötzlich leuchtete es zur Linken des Weges hell auf. Einer der Hügel hatte sich entzündet und es schoß eine intensive Flamme in die Höhe. Die Steppe wurde davon auf die Entfernung einer Werst erleuchtet.

»Es raucht also doch Jemand!« rief Ahmet, der ein wenig vor den Anderen ging und jetzt besorgt umkehrte.

Niemand rauchte.

Da hörte man von weiter Ferne den Kutscher laut rufen; er klatschte dazu laut mit der Peitsche. Das Gespann war nicht mehr zu regieren. Erschrocken gingen die Pferde durch und der Wagen wurde mit rasender Schnelligkeit mit fortgerissen.

Alle waren stehen geblieben. Die Steppe bot bei der tiefdunklen Nacht einen entsetzenerregenden Anblick.

Die aus dem ersten Hügel hervorbrechenden Flammen hatten sich schon anderen in ihrer Nachbarschaft mitgetheilt. Nun entstand eine Explosion nach der anderen und es krachte durcheinander wie die Batterien eines Feuerwerks, dessen funkelnde Garben sich kreuzen.

Jetzt lag die ganze Gegend in glänzender Illumination und man erkannte Hunderte große feuerspeiende Bodenerhebungen, deren Gase inmitten des Auswurfs von schlammigen Massen brannten, die einen mit dem düsteren Schein des Petroleums, die anderen verschieden gefärbt durch die Gegenwart von Schwefel, Feuerstein oder kohlensaurem Eisen.

Gleichzeitig hörte man ein dumpfes Grollen im Mergel des Erdbodens. Würde sich vielleicht gar die Erde aufthun und unter dem Hochdruck eruptiver Stoffe sich in einen Krater verwandeln?

Hier drohte eine entsetzliche Gefahr. Unwillkürlich hatten Seigneur Keraban und seine Gefährten sich von einander entfernt, um wenigstens nicht Alle zusammen verschlungen zu werden; aber es durfte Niemand stehen bleiben, sondern Alle mußten schnell weiter eilen, da es von Wichtigkeit war, diese gefährliche Zone bald im Rücken zu haben. Die jetzt gut erleuchtete Straße schien leicht gangbar und verlief in mannigfachen Windungen durch die in Brand stehende Steppe.

»Vorwärts! Vorwärts!« drängte Ahmet.

Niemand antwortete, aber Alle gehorchten dem Rufe. Jeder eilte in der Richtung des vorausgefahrenen Wagens diesem nach, obgleich man ihn nicht mehr sehen konnte. Jenseits des Horizonts schien auf der Steppe wieder nächtliches Dunkel zu herrschen. Dort lag offenbar die Grenze der Hügelregion, über welche man hinauskommen mußte.

Plötzlich donnerte eine heftige Explosion auf der Straße selbst auf. Aus einem sehr großen Hügel schoß ein Feuerstrahl empor, unter dem der Erdboden einen Augenblick lebhaft zitterte.

Keraban wurde umgeworfen und man sah wie er sich durch die Flammen arbeitete. Wenn er sich nicht wieder erheben konnte, war's um ihn geschehen.

Mit einem Schrei eilte Ahmet seinem Onkel zu Hilfe. Er packte ihn, noch ehe das lodernde Gas ihn hatte fassen können. Halb erstickt durch die Ausströmung von Wasserstoffgas, schleppte er ihn mit sich fort.

»O, lieber Onkel!« rief er.

Nachdem sie ihn an einen sicheren Ort gebracht, versuchten Van Mitten, Bruno und Nizib ihm etwas Luft in die Lungen zu treiben.

Endlich ließ sich ein Brum! Brum! von guter Vorbedeutung vernehmen. Die Brust des soliden Keraban begann sich in beschleunigtem Tempo zu senken und zu heben, um das verderbliche Gas auszutreiben.

Dann athmete er tief auf, kam wieder zur Besinnung und zum Leben, und seine ersten Worte lauteten:

»Wagst Du es noch immer zu behaupten, Ahmet, daß es nicht besser gewesen wäre, um das Asow'sche Meer zu fahren?

– Du hast Recht, lieber Onkel!

– Wie immer, mein Herr Neffe, wie immer!«

Kaum hatte Seigneur Keraban seine Phrase beendigt, als tiefe Finsterniß an Stelle des blendenden Glanzes trat, der die Steppe noch erhellt hatte. Die Hügel erloschen alle plötzlich und gleichzeitig. Es sah aus, als hätte der Maschinist eines Theaters den Haupthahn der Gasleitung zugedreht. Alles wurde schwarz und erschien desto schwärzer, als die Augen auf der Netzhaut noch den Eindruck des grellen Lichtes bewahrten, dessen Quell so unerwartet versiegt war.

Was mochte die Ursache sein? Warum hatten die Hügel überhaupt Feuer gefangen, obgleich sich ihrer Ausflußöffnung kein Licht genähert hatte?

Hier die Erklärung: Unter dem Einflüsse eines durch die Berührung mit der Luft sich selbst entzündenden Gases lag hier eine ganz gleiche Erscheinung vor, wie die, welche im Jahre 1840 die Umgebung von Taman entzündet hatte. Das betreffende Gas ist der Phosphorwasserstoff, der sich durch Zersetzung von im Mergelboden liegenden Seethierleichen entwickelt. Er entzündet sich wie gesagt von selbst und überträgt das Feuer auf das Kohlenwasserstoffgas, welches ganz unserem Leuchtgase entspricht. Solche Erscheinungen freiwilliger Entzündungen können sich, wahrscheinlich unter Mitwirkung gewisser klimatischer Bedingungen, jeden Augenblick wiederholen, ohne daß Jemand dieselben vorherzusagen vermag.

Nach dieser Hinsicht bieten die Straßen über die Halbinseln Kertsch und Taman also ernstliche Gefahren, die man schwer abwenden kann, weil sie ungemein plötzlich eintreten können.

Der Seigneur Keraban hatte also nicht ganz Unrecht, wenn er sagte, daß jede beliebige andere Straße derjenigen vorzuziehen gewesen wäre, nach welcher die Ungeduld Ahmets sie verleitet hatte.

Indeß, es waren ja Alle der Gefahr entgangen. Der Onkel wie der Neffe etwas angesengt, ihre Begleitet dagegen, ohne die geringste Brandwunde erhalten zu haben.

Drei Werst von hier hielt der Kutscher, der endlich wieder der Pferde Herr geworden war. Sofort nach Erlöschen der Flammen hatte er die Wagenlaternen wieder angesteckt, und geleitet durch den Schein konnten die Reisenden ihr Gefährt ohne Gefahr, wenn auch nicht ohne Anstrengung auffinden.

Jeder nahm seinen Platz wieder ein. Man fuhr weiter und die Nacht ging nun ruhig dahin. Van Mitten aber bewahrte eine lebhafte Erinnerung an dieses Schauspiel. Er wäre gewiß nicht erstaunter gewesen, wenn der Zufall ihn zu der Zeit nach gewissen Gegenden Neuseelands verschlagen hätte, wo sich die auf den Terrassen von dessen eruptiven Hügeln gelegenen Quellen entflammen.

Am folgenden Tage, dem 6. September, gelangte die Chaise achtzehn Lieues von Taman, nachdem sie die Bai von Kisiltasch umkreist, in das Städtchen Anapa, und hielt am Abend gegen acht Uhr in dem Städtchen Rajewskaja, an der Grenze des Kaukasusgebiets an.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.