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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 15
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
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Vierzehntes Capitel.

Worin der Seigneur Keraban sich in der Geographie mehr bewandert zeigt, als sein Neffe Ahmet geglaubt hätte.

Die Stadt Kertsch liegt auf der Halbinsel, welche ihren Namen trägt, am östlichen Ende von Tauris. Sie dehnt sich halbmondförmig auf der Nordseite dieser Landzunge aus. Ein Berg, auf dem einst die Citadelle stand, ragt majestätisch über derselben empor. Das ist der Berg Mithridates. Der Name dieses furchtbaren und unversöhnlichen Feindes der Römer, der diese bald aus Asien vertrieben hätte, dieses kühnen Heerführers, dieses ausgezeichneten Polyglotten und sagenhaften Toxicologen ziemt einer Stadt, welche einst die Hauptstadt des Königreichs des Bosporus gewesen war. Hier war es, wo der König von Pontus, der schreckliche Eupator, sich von dem Schwerte eines gallischen Soldaten durchbohren ließ, nachdem er vergeblich versucht, seinen eisernen Körper, der schon an Gifte gewöhnt war, durch ein solches zu vernichten.

So lautete die kleine Geschichtslection, welche Van Mitten während einer halbstündigen Rast seinen Begleitern zu Theil werden ließ. Er erhielt darauf von seinem Freunde Keraban nur die Antwort:

»Mithridates war ein Dummkopf!

– Und weshalb? fragte Van Mitten.

– Wenn er sich hätte vergiften wollen, brauchte er nur in unserem Gasthofe zu Arabat zu speisen!«

Auf eine solche Bemerkung hin glaubte der Holländer seine Gedächtnißrede auf den Gemahl der schönen Monime nicht fortsetzen zu sollen, wohl aber nahm er sich vor, dessen Hauptstadt während der wenigen Stunden ihrer Rast in Augenschein zu nehmen.

Der Wagen rollte durch die Stadt mit seiner eigenthümlichen Bespannung zum großen Erstaunen der hybridischen (d.i. gemischten) Bevölkerung, welche in der Hauptsache aus Juden, aber auch aus Tataren, Griechen und selbst Russen – zusammen etwa 72.000 Einwohnern – bestand.

Nach der Ankunft im Hôtel Constantin war es Ahmets erste Sorge, sich zu erkundigen, ob für den folgenden Morgen Pferde zu haben seien. Zu seiner großen Befriedigung fehlte es diesmal in den Ställen der Posthalterei an solchen nicht.

»Es ist ein wahres Glück, bemerkte der Seigneur Keraban, daß jener Seigneur Saffar doch nicht Alles aus dieser Station weggenommen hat.«

Der wenig duldsame Onkel Ahmets bewahrte aber trotzdem einen gewissen Ingrimm gegen den Unverschämten, der sich erlaubte, ihm auf seinem Wege vorauszufahren und die Postpferde vorwegzunehmen.

Da er die Dromedare jetzt nicht mehr brauchte, verkaufte er sie wieder an einen Caravanenführer, der sich über die Meerenge von Jenikaleh begab; freilich veräußerte er sie lebend nur für den Preis, der sonst für dergleichen todte Thiere bezahlt wird. Er erlitt also einen nicht unbedeutenden Verlust, den der einmal grollende Keraban natürlich dem Seigneur Saffar auf das Schuldconto schrieb.

Es versteht sich von selbst, daß jener Saffar nicht mehr in Kertsch war, wodurch er einer sehr ernsthaften Auseinandersetzung mit seinem Concurrenten entging. Seit zwei Tagen schon hatte er die Stadt verlassen, um den Weg nach dem Kaukasus einzuschlagen. Das war für die Reisenden wenigstens insofern vortheilhaft, als er ihnen nicht mehr auf der Straße längs der Küste vorausfuhr.

Ein gutes Abendbrot im Hôtel Constantin und eine ruhige Nacht in den ziemlich hübschen Gastzimmern ließ Herren und Dienern die früheren Mühseligkeiten bald vergessen.

Ein von Ahmet nach Odessa gerichteter Brief enthielt denn auch die Nachricht, daß die Reise nach Wunsch von Statten gehe.

Da die Abreise am Morgen des 5. September erst auf zehn Uhr Vormittags angesetzt war, erhob sich der gewissenhafte Van Mitten gleichzeitig mit der Sonne, um die Stadt zu besichtigen. Diesmal fand er auch Ahmet bereit, ihn zu begleiten.

Beide gingen also durch die breiten Straßen von Kertsch mit Fußstegen und Steinplatten an den Seiten, wo eine Menge wilder Hunde umherirrten, welche ein Zigeuner, dem dieses niedrige Geschäft zufiel, mit Stockschlägen zu vertreiben hat. Jedenfalls hatte der Henker aber einen Theil der Nacht in der Schänke zugebracht, denn Ahmet und der Holländer hatten einige Mühe, den Spitzzähnen der gefährlichen Köter zu entgehen.

Der steinerne Quai mit Meere im Hintergrunde der durch eine Einziehung des Ufers gebildeten Bucht, der bis zum Strande der Meerenge reicht, bot ihnen dann bequemeren Weg. Hier erhoben sich der Palast des Gouverneurs und das Zollhaus. Ein gutes Stück draußen und unfern des Lazareths liegen, wegen mangelnder Tiefe des Wassers, die Schiffe verankert, denen Kertsch recht sicheren Schutz bietet. Seit Abtretung der Stadt an Rußland im Jahre 1771 hat sich hier ein ausgedehnter Handel entwickelt, und vorzüglich findet man ein bedeutendes Lager von dem Salze, welches die Salinen von Perekop liefern.

»Haben wir Zeit, da hinauf zu steigen? sagte Van Mitten, indem er nach dem Berge Mithridates wies, auf dem sich jetzt ein griechischer Tempel erhebt, der mit den Funden der gerade hier sehr zahlreichen alten Gräber ausgestattet ist – ein Tempel, welcher die Stelle der alten Akropolis einnimmt.

– Hm! antwortete Ahmet, wir dürfen nur nicht wagen, den Onkel Keraban warten zu lassen.

– So wenig wie seinen Neffen, antwortete Van Mitten lächelnd.

– Ich muß freilich zugestehen, antwortete Ahmet, daß mir bei unserer ganzen Reise kein anderer Gedanke vorschwebt, als der, möglichst bald nach Scutari zu kommen. – Sie verstehen mich wohl, Herr Van Mitten?

– Ja, ich verstehe, junger Freund, versicherte der Holländer, obwohl der Gatte der Frau Van Mitten wohl das Recht hätte, Sie nicht zu verstehen!«

Nach diesen, durch die uns bekannten Vorgänge in Rotterdam sehr gerechtfertigten Bemerkungen stiegen Beide den Berg Mithridates hinauf, da ihnen bis zur Weiterfahrt noch zwei Stunden übrig blieben.

Von der Höhe aus bietet sich ein herrlicher Blick über die Bai von Kertsch. Im Süden zeigte sich die äußerste Spitze der Halbinsel; gegen Osten streckten sich die beiden Landzungen aus, welche die Bai von Taman bilden, jenseits der Straße von Jenikaleh. Die heute besonders klare Luft machte es möglich, die vielen Hügelbildungen der Umgegend und jene »Khourghans« oder alten Gräber zu erblicken, mit denen das Land bis zu den niedrigsten, aus Steinkorallen bestehenden Hügeln bedeckt ist.

Als Ahmet den Zeitpunkt zur Rückkehr in's Hôtel gekommen glaubte, zeigte er Van Mitten eine monumentale Treppe mit Balustraden, welche vom Berge Mithridates nach der Stadt hinabführt und auf dem Marktplatze endigte. Eine Viertelstunde später trafen sie wieder mit dem Seigneur Keraban zusammen, der vergeblich versuchte, den Wirth, einen höchst friedliebenden Tataren, in einen Streit zu verwickeln. Es war hohe Zeit, daß sie kamen, denn der Onkel war nahe daran, böse zu werden, weil er keine Gelegenheit hatte, wüthend zu werden.

Mit kräftigen persischen Pferden, die in Kertsch vielfach verkauft werden, bespannt, stand der Wagen bereit. Jeder nahm seinen Platz ein und man fuhr in gestrecktem Galopp ab, der den ermüdenden Trab der Dromedare nicht beklagen ließ. Ahmet fühlte freilich eine gewisse Unruhe, als man sich der Meerenge näherte. Der Leser erinnert sich dessen, was damals vorging, als die Reiseroute in Cherson geändert wurde. Nur auf die Bitten seines Neffen hatte Seigneur Keraban zugestimmt, nicht auch um das Asow'sche Meer zu fahren, sondern den kürzesten Weg durch die Krim einzuschlagen. Er gestand das freilich nur in der Erwartung zu, daß er an jedem Punkte des Weges Land unter den Füßen habe, und Ahmet hatte nichts gethan, diesen Irrthum zu zerstreuen.

Man kann ein guter Türke, ein ausgezeichneter Tabakhändler sein und braucht von Geographie doch nicht viel zu verstehen. Der Onkel Ahmets wußte nun wahrscheinlich nicht, daß das Asow'sche in das Schwarze Meer sich durch einen breiten Sund ergießt, durch den alten kimmerischen Bosporus, den man die Meerenge von Jenikaleh nennt, und daß man also zwischen der Halbinsel von Kertsch und der von Taman gezwungen war, über diese Wasserstraße zu setzen.

Der Seigneur Keraban empfand aber gegen das Meer einen Widerwillen, den sein Neffe schon seit längerer Zeit kannte. Was würde er also sagen, wenn er sich vor dieser Wasserstraße befand, und es vielleicht, in Folge der Strömung und der mangelnden Tiefe, nöthig wurde, dieselbe in ihrer größten, auf zwanzig Seemeilen geschätzten Breite zu übersegeln? Und wenn er sich nun weigerte, dieses Wagstück zu unternehmen? Wenn er darauf bestand, längs der ganzen Ostküste der Krim zurück und um das Ufer des Asow'schen Meeres bis zu den ersten Abhängen des Kaukasus zu fahren? Welche Verzögerung der Reise! Welcher Zeitverlust! Wie wichtige Interessen wurden damit gefährdet, und wie konnte man am 30. September in Scutari zurück sein?

Derlei Gedanken beschäftigten Ahmet, während der Wagen über die Halbinsel dahinjagte. Vor Ablauf von zwei Stunden mußte er die Meerenge erreicht haben und mußte der Onkel wissen, woran er war. Empfahl es sich vielleicht, ihn schon jetzt auf das, was ihm bevorstand, vorzubereiten? Aber wie geschickt hätte der junge Mann da verfahren müssen, um das Gespräch nicht in eine gereizte Verhandlung, und die Verhandlung nicht in einen Streit umschlagen zu lassen! Wenn der Seigneur Keraban den Kopf aufsetzte, hätte ihn doch nichts von seiner Idee wieder abgebracht, und wohl oder übel hätte der Wagen die Straße nach Kertsch wieder einschlagen müssen.

Ahmet wußte nicht, was er beginnen sollte. Gestand er seine List ein, so riskirte er, seinen Onkel ganz außer sich zu bringen. War es nicht besser, sich selbst unwissend hinzustellen und das größte Erstaunen zu heucheln, wenn sich da eine Meerenge zeigte, wo man Festland zu treffen gehofft hatte?

»Möge Allah mir zu Hilfe kommen!« dachte Ahmet.

Und er wartete mit Ergebung, daß der Gott der Moslims ihn aus der fatalen Lage befreien werde.

Die Halbinsel von Kertsch ist durch einen breiten Graben getrennt, der noch aus dem Alterthum herrührt und der Wallgraben Akos' genannt wird. Die ihm folgende Straße ist bis zum Lazareth hin sehr gut, wird dann aber mühsamer und, wo sie den Abhang nach dem Ufer hinabführt, manchmal schlüpfrig und steil.

Die Pferde konnten also im Laufe des Vormittags nicht so schnell vorwärts kommen, was Van Mitten Gelegenheit gab, diesen Theil des Chersones etwas genauer in Augenschein zu nehmen.

Im Ganzen ähnelte derselbe der russischen Steppe in ihrer Nacktheit. Einige Caravanen zogen darüber hin und suchten längs des Wallgrabens Schutz, wo sie lagerten und einen malerischen Anblick gewährten.

Unzählige Khourghans bedeckten das Land und verliehen ihm das wenig anziehende Aussehen eines ungeheuren Kirchhofs. Es waren da wirklich ebensoviele Gräber, welche die Alterthumsforscher bis zum Grund durchwühlt haben, und deren Schätze an etrurischen Vasen, Inschriften, alten Kleinodien jetzt die Mauern des Tempels und die Säle des Museums von Kertsch zieren.

Gegen Mittag tauchte am Horizonte ein großer viereckiger Thurm auf, den vier kleinere Thürme umgaben; es war das Fort, welches sich nördlich des Städtchens Jenikaleh erhebt. Im Süden, am Ende der Bai von Kertsch, erhob sich das, die Küste des Schwarzen Meeres weit überragende Cap Au-Burum. Weiterhin dehnte sich die Meerenge mit den beiden Spitzen aus, welche den »Liman« oder die Bai von Taman bilden. Ganz in der Ferne umschlossen die ersten Höhen des Kaukasus auf der asiatischen Seite den kimmerischen Bosporus gleich einem riesenhaften Rahmen.

Auf den ersten Blick erscheint die Straße hier wie ein Meeresarm, und Van Mitten, der die Antipathie seines Freundes Keraban kannte, sah deshalb Ahmet etwas erstaunt an.

Ahmet bedeutete ihm zu schweigen. Zum Glück schlief der Onkel noch und gewahrte also nichts von den Gewässern des Schwarzen und des Asow'schen Meeres, die sich in jenem Sunde vereinigen, dessen schmälste Stelle immer noch fünf bis sechs Seemeilen breit ist.

»Alle Teufel!« sagte Van Mitten für sich.

Es war wirklich zu beklagen, daß Keraban nicht einige hundert Jahre später das Licht der Welt erblickt hatte. Wäre er zu der Zeit hier gereist, so brauchte es Ahmet nicht in solche Verlegenheit zu setzen, wie es jetzt der Fall war.

Die Meerenge versandet nämlich mehr und mehr und wird schließlich durch Anhäufung muschelführenden Sandes nur noch einen schmalen Canal mit heftiger Strömung darstellen. Wenn vor hundertfünfzig Jahren die Schiffe Peters des Großen durch dieselben segeln konnten, um Asow zu belagern, so sind jetzt schon Handelsschiffe gezwungen zu warten, bis das vom Südwind aufgestaute Wasser eine Tiefe von zehn bis zwölf Fuß erreicht.

Der Türke reiste aber im Jahre 1882 und nicht 2000, und man mußte schon die hydrographischen Bedingungen in den Kauf nehmen, wie sie sich eben darboten.

Inzwischen war der Wagen die Abhänge, welche bis Jenikaleh reichen, hinabgekommen, wobei ganze Schaaren von Trappen mit betäubendem Geschrei aufflogen, welche vorher in dem hohen Grase geweidet hatten.

Da hielt der Wagen vor dem ersten Gasthofe des Städtchens und der Seigneur Keraban erwachte.

»Sind wir an einer Poststation? fragte er.

– Ja, an der Poststation Jenikaleh,« antwortete Ahmet einfach.

Alle stiegen aus und betraten das Gasthaus, während der Wagen nach der Poststation fuhr. Von hier aus sollte er nach dem Einschiffungsplatz geleitet werden, wo sich eine zum Uebersetzen von Reisenden zu Fuß, zu Pferde und im Wagen bestimmte Fähre vorfand, welche selbst ganze Caravanen befördert, die von Europa nach Asien oder umgekehrt ziehen.

Jenikaleh ist ein Städtchen, in dem lohnender Handel mit Salz, Caviar, Seife und Wolle getrieben wird. Die Stör- und Steinbuttfischereien beschäftigen auch einen Theil der fast ausschließlich griechischen Einwohnerschaft, die Seeleute des Orts treiben Küstenschifffahrt auf leichten, mit zwei lateinischen Segeln ausgestatteten Fahrzeugen. Jenikaleh hat auch eine wichtige strategische Lage, woraus es sich erklärt, daß die Russen dessen Fort befestigten, als sie es im Jahre 1771 den Türken abgenommen hatten. Es bildet eine Thüre zum Schwarzen Meere, welche zwei Sicherheitschlüssel hat, den von Jenikaleh auf der einen, und den von Taman auf der anderen Seite.

Nach etwa einhalbstündigem Aufenthalte veranlaßte der Seigneur Keraban seine Begleiter zum Aufbruche, und sie begaben sich nach dem Quai, wo die Fähre sie erwartete.

Da richteten sich aber die Blicke Keraban's nach rechts und links und es entfuhr ihm ein unwillkürlicher Ausruf.

»Was hast Du, lieber Onkel, fragte Ahmet, der sich dabei nicht besonders wohl fühlte.

– Ist das ein Strom da? sagte Keraban, nach der Meerenge zeigend.

– Ein Strom, ja, das ist es, erklärte Ahmet, der es für das Richtigste hielt, seinen Oheim in diesem Irrthum zu lassen.

– Ein Strom!« rief Bruno.

Ein Zeichen seines Herrn gab ihm zu verstehen, daß er hierüber nichts weiter sagen sollte.

»Aber nein, das ist ja ein ...« begann da Nizib.

Er konnte den Satz nicht ganz aussprechen. Ein kräftiger Stoß seitens seines Kameraden Bruno schnitt ihm das Wort ab, als er das vor ihnen liegende Gewässer so bezeichnen wollte, wie dieses es verdiente.

Inzwischen starrte der Seigneur Keraban immer noch auf den Strom, der ihm den Weg abschnitt.

»Er ist gehörig breit! sagte er.

– Ja, freilich ... recht breit ... wahrscheinlich in Folge einer Ueberschwemmung, meinte Ahmet.

– Einer Ueberschwemmung ... die von dem Schmelzen des Schnees herrührt, fügte Van Mitten zur Unterstützung seines jungen Freundes hinzu.

– Vom Schmelzen des Schnees ... im Monat September? sagte Keraban, sich gegen den Holländer umkehrend.

– Gewiß, vom Schmelzen des Schnees ... des alten Schnees ... des Schnees vom Kaukasus! antwortete Van Mitten, der schon nicht mehr wußte, was er herausbrachte.

– Ich sehe aber keine Brücke, auf der man über diesen Strom gelangen könnte? fuhr Keraban fort.

– Leider, lieber Onkel, ist eine solche nicht da! antwortete Ahmet, der aus beiden geschlossenen Händen eine Art Fernrohr bildete, so, als wolle er die vermuthete Brücke über den vermeintlichen Strom besser wahrnehmen können.

– Aber es sollte eine Brücke hier sein ... sagte Van Mitten. Mein Reiseführer erwähnt die Existenz einer Brücke ...

– So? Ihr Reiseführer erwähnt einer Brücke? ... entgegnete Keraban, der die Stirn runzelnd seinen Freund Van Mitten anstarrte.

– Ja ... jene berühmte Brücke ... stotterte der Holländer. Sie wissen ja den Pont-Euxin ... Pontus Euxinos der Alten.

– Ja, und so alt, versetzte Keraban, dem die Worte mehr pfeifend zwischen den geschlossenen Lippen hervordrangen, daß dieselbe nicht einmal hat der Ueberschwemmung in Folge des Schmelzens des Schnees ... des alten Schnees hat Widerstand leisten können ...

– Des Schnees vom Kaukasus!« hätte Van Mitten noch einmal erklären können, aber er war mit seinem Latein zu Ende.

Ahmet hielt sich etwas bei Seite. Er wußte nicht, was er seinem Onkel hätte antworten sollen, und er wollte keine Verhandlung hervorrufen, die gar so leicht schlimm abgelaufen wäre.

»Nun, Herr Neffe, sagte Keraban trockenen Tones, wie werden wir dann über den Strom kommen, da eine Brücke doch nicht mehr vorhanden ist?

– O, wir werden wohl eine Furth finden, sagte Ahmet nachlässig; es ist ja so wenig Wasser darin ...

– Man taucht kaum mit den Stiefelabsätzen hinein! fügte der Holländer bei, der freilich besser gethan hätte, zu schweigen.

– O, dann, Van Mitten, rief Keraban, dann streifen Sie einmal das Beinkleid auf, treten Sie hinein in den Strom, wir werden Ihnen nachfolgen ...

– Ja ... aber ... ich ...

– Schnell! Schnell! Streifen Sie nur auf!«

Der getreue Bruno glaubte nun sich einmischen zu müssen, um seinen Herrn aus der fatalen Lage zu befreien.

»Das wäre unnütz, Seigneur Keraban, sagte er. Wir werden darüber kommen, ohne uns den Fuß naß zu machen. Es giebt hier eine Fähre.

– Ah, es giebt eine Fähre? antwortete Keraban. 'S ist ein wahres Glück, daß man auf den Gedanken gekommen ist, auf diesem Strome eine Fähre einzurichten ... um die weggerissene Brücke zu ersetzen, jenen berühmten Pont-Euxin! – Warum hat Er nicht vorher gesagt, daß es hier eine Fähre giebt? ... Und wo ist sie denn, diese Fähre?

– Hier, lieber Onkel, sagte Ahmet, indem er auf die am Quai festgelegte Fähre hinwies. Unser Wagen ist schon darauf.

– Wirklich! Unser Wagen ist schon darauf?

– Ja! Mit der vollen Bespannung!

– Völlig bespannt? – Und wer hat das angeordnet?

– Niemand, lieber Onkel, antwortete Ahmet. Der Posthalter hat ihn selbst dahingebracht, wie das stets zu geschehen pflegt ...

– Seitdem keine Brücke mehr vorhanden ist, nicht wahr?

– Uebrigens, lieber Onkel, gab es gar kein anderes Mittel, unsere Reise fortzusetzen.

– Es gäbe gewiß ein Anderes, Herr Neffe! Wir brauchten nur umzukehren und höher im Norden um das Asow'sche Meer zu fahren.

– Noch zweihundert Lieues weiter, liebster Onkel! Und meine Hochzeit und das Datum des 30. Ramazan? Hast Du denn den 30. Ramazan ganz vergessen?

– Nein, Herr Neffe! Und vor diesem Zeitpunkte werde ich schon zurück zu sein zu wissen. Brechen wir auf!«

Einen Augenblick schwebte Ahmet in peinigender Ungewißheit. Würde sein Onkel dem unsinnigen Gedanken nachgeben, wieder über die Halbinsel umzukehren oder würde er in der Fähre Platz nehmen, um die Meerenge von Jenikaleh zu überschiffen?

Der Seigneur Keraban hatte sich nach der Fähre begeben. Van Mitten, Ahmet, Bruno und Nizib folgten ihm und wollten ja keinen Vorwand zu der stürmischen Auseinandersetzung geben, welche auszubrechen drohte.

Auf dem Quai blieb Keraban ziemlich lange stehen, um sich überall umzusehen.

Seine Begleiter hielten an.

Keraban betrat die Fähre.

Seine Gefährten thaten sofort dasselbe.

Keraban stieg in den Wagen.

Die Anderen kletterten augenblicklich hinter ihm drein.

Dann wurde die Fähre von ihren Tauen gelöst, sie stieß ab, und die Strömung trieb sie nach der entgegengesetzten Seite.

Keraban sprach kein Wort und Jedermann ahmte sein Stillschweigen nach.

Das Wasser war zum Glück sehr ruhig und die Fährleute hatten keine Mühe, das Fahrzeug in gewünschter Richtung fortzubewegen, einmal mit Hilfe langer Stangen und dann wieder mit breiten Schaufelrudern, je nachdem die Tiefenverhältnisse es erheischten. Dennoch war ein Unfall dabei einmal ziemlich nahe.

Eine übrigens leichte, durch den südlichen Theil der Bai von Taman abgelenkte Strömung hatte die Fähre schräg erfaßt. Statt an der Landspitze anzulegen, drohte damit die Nothwendigkeit, bis zum Grunde der Bai zu fahren, oder mit anderen Worten fünf Seemeilen statt einer zurückzulegen, und der Seigneur Keraban, dessen Ungeduld immer deutlicher wurde, konnte vielleicht gar den Befehl geben, wieder nach rückwärts zu fahren.

Die Bootsleute aber, denen Ahmet vor der Einschiffung einige Worte zugeflüstert – in denen der Lockruf Rubel wiederholt vorkam, manövrirten so geschickt, daß sie noch Herren der Fähre blieben.

So landeten denn, eine Stunde nach der Abfahrt aus Jenikaleh, Reisende, Pferde und Wagen an jenem südlichen Pfeil, der russisch Jujuaïa-Kossa genannt wird.

Der Wagen gelangte ohne Schwierigkeit auf festen Grund und Boden und die Fährleute erhielten eine beträchtliche Summe Rubel ausgehändigt.

Früher bildete dieser Pfeil, diese Landzunge, zwei Inseln und eine Halbinsel, er war an zwei Stellen von einem Canal durchbrochen, und es wäre unmöglich gewesen, denselben mittelst Wagen zu passiren. Diese Durchschnitte haben sich inzwischen selbst ausgefüllt, so konnte das Gespann also die vier Werst, welche die Landspitze von dem Städtchen Taman trennen, in einem Zuge zurücklegen.

Eine Stunde später erfolgte der Einzug in genanntes Städtchen und der Seigneur Keraban begnügte sich, gegen seinen Neffen gewendet, zu sagen:

»Zum Glück vertragen sich die Gewässer des Asow'schen und die des Schwarzen Meeres gut in der Straße von Jenikaleh.«

Das war Alles, und niemals wieder war von dem Strome Ahmets oder von dem Pont-Euxin des Freundes Van Mitten die Rede.

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