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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 14
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
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Dreizehntes Capitel.

Schräg durch das alte Tauris.

Die Krim! Dieser taurische Chersones der Alten, ein Rechteck, oder mehr ein verschobenes Viereck, welches der reizvollsten Uferstrecke Italiens entnommen zu sein scheint, eine Halbinsel, aus welcher Ferdinand von Lesseps mit zwei Taschenmesserschnitten eine Insel machen würde, ein Erdenwinkel, auf welchen alle Völker die Hand legten, welche im Morgenlande um die Oberherrschaft rangen; ein ehemaliges Königreich des Bosporus, welches nacheinander die Herakliden, sechs Jahrhunderte vor der christlichen Zeitrechnung, dann Mithridates, die Alanen, die Gothen, die Hunnen, die Ungarn, die Türken und die Genuesen sich unterwarfen; später durch Mohammed II. eine reiche Provinz des ottomanischen Kaiserthums, welche endlich Katharina II. im Jahre 1791 mit Rußland vereinigte.

Wie hätte dieses von den Göttern gesegnete und von den Menschen so umworbene Land dem Auftreten mythologischer Sagen entgehen können? Hat man nicht in den Sumpfregionen von Sivach Spuren gigantischer Arbeiten jenes problematischen Volkes der Atlanten wieder finden wollen? Verlegten die Dichter des Alterthums nicht einen Eingang zur Unterwelt in die Nähe des Cap Kerberian, dessen drei Vorsprünge die drei Köpfe des Cerberus bilden sollten? War Iphygenia, die Tochter Agamemnons und Klytemnästras, nachdem sie in Tauris Priesterin der Diana geworden, nicht nahe daran, ihren durch den Sturm an das Ufer des Vorgebirges Parthenium geschleuderten Bruder Orestes der keuschen Göttin zum Opfer zu bringen?

Und ist jetzt die Krim in ihrem südlichen Theile, der mehr werth ist, als alle kahlen Inseln des Archipels, mit ihren Tchadir-Dagh, der in der Höhe von 1500 Metern über dem Meere einen tischflächenartigen Gipfel zeigt, auf dem man ein Festmahl für alle Götter des Olymps ausrichten könnte, mit seinen Amphitheatern von Wäldern, deren üppiggrüner Mantel sich bis zum Meere hinab erstreckt, mit seinen Hainen von wilden Maronen, Cypressen, Oliven, Judenkirsch-, Mandel- und Bohnenbäumen, mit ihren von Puschkin besungenen Wasserfällen nicht der herrlichste Edelstein in jener Krone von Provinzen, welche sich vom Schwarzen Meere bis zum Eismeer erstrecken? Suchen nicht in ihrem belebenden, gemäßigten Klima ebenso die Russen aus dem Norden, wie die aus dem Süden willkommene Zuflucht, die Einen, um sich gegen die Strenge des hyperboräischen Winters, die Anderen, um sich gegen die ausdörrende Hitze des Sommers zu schützen? Finden sich nicht hier, rund um das Cap Aja, diesem Widderkopfe, der an der äußersten Spitze des südlichen Tauris den Stürmen des Pontus Euxinus die Stirn bietet, jene Colonien von Schlössern, Villen und Landhäusern, Yalta Alupka, welches dem Fürsten Woronsow gehört, äußerlich eine Ritterburg, im Innern die Verwirklichung eines Traumes von orientalischer Pracht bildet; Kisil-Tasch, Eigenthum des Grafen Poniatowski; Artek, im Besitze des Fürsten Andreas Galitzin; Marsanda, Orcanda, Eriklik, alle drei kaiserliche Sommersitze, ebenso wie Livadia, ein bewundernswerther Prachtbau, umgeben von murmelnden Quellen, launischen Bergströmen und Wintergärten, der Lieblingsaufenthalt der Kaiserin aller Reußen?

Es hat den Anschein, als ob der wißbegierigste, der sentimentalste, der künstlerischste wie der romantischste Geist in diesem Erdenwinkel reelle Befriedigung gerade hier finden müßten, in dieser Welt im Kleinen, wo Europa und Asien sich ein Stelldichein geben. Hier vermischten sich tatarische Dörfer, griechische Ansiedelungen, orientalische Städte mit Moscheen, Minarets, Muezzins und Derwischen und Klöstern des russischen Ritus mit den Serails von Khans, der Thebaïden, an welche sich zahlreiche Abenteuer knüpfen; mit heiligen Orten, nach denen unzählige Pilger von allen Seiten her wallfahrten; einem jüdischen Berge, der dem Stamme der Karaïten angehört, und mit einem Thale Josaphats, das dem weitberühmten Thale von Kedron ähnelt, wo einst beim Schalle der Posaunen des Jüngsten Gerichts Milliarden von Denen zusammenströmen sollen, welche Rechenschaft abzulegen haben vor dem Throne Jehovas.

Welches Wunderland sollte Van Mitten also besuchen! Wie viele Erinnerungen würde er zu verzeichnen haben an dieses Fleckchen Erde, durch welches ein merkwürdiges Schicksal ihn führte! Sein Freund Keraban reiste freilich nicht, mit Etwas zu sehen, und Ahmet, der alle Schönheiten der Krim schon längst kannte, hätte nicht eine Stunde Frist gegönnt, dieselben näher in Augenschein zu nehmen.

»Vielleicht – unter Berücksichtigung unserer Verhältnisse, freilich nur vielleicht, sagte sich Van Mitten, werd' ich doch im Fluge einen oberflächlichen Eindruck von diesem, mit Recht hochgepriesenen alten Chersones erhaschen können.«

Es sollte nicht so kommen. Der Wagen suchte nur den allerkürzesten Weg und folgte einer schrägen Linie von Nord nach Südost, ohne weder den mittleren Theil, noch die Südküste des alten Tauris zu berühren.

Die Reiseroute, so wie sie eingehalten wurde, war durch eine Verhandlung festgesetzt worden, bei der der Holländer nicht einmal eine berathende Stimme gehabt hatte. Wenn man mit dem Wege über die Krim eine Rundfahrt um das Asow'sche Meer ersparte – welche die Reise selbst um mindestens 150 Lieues verlängert hätte – so verkürzte sich die Tour noch weiter, wenn man sich von Perekop aus direct nach der Halbinsel von Kertsch begab. Auf der entgegengesetzten Seite der Straße von Kertsch (oder der Meerenge von Jenikaleh) bot dann die Halbinsel von Taman einen bequemen Weg bis zum Küstenlande des Kaukasus.

Der Wagen rollte also auf dem schmalen Isthmus hin, vor dem die Krim gleich einer herrlichen Orange am Zweige eines Orangenbaumes hängt. An der einen Seite desselben dehnt sich die Bai von Perekop aus, an der anderen das Sumpfland von Sivach (oder Siwasch), welches mehr unter dem Namen des Faulen Meeres bekannt ist, ein ungeheurer Teich von zwei Milliarden Quadratmeter, der durch die Gewässer von Tauris und durch die des Asow'schen Meeres ernährt wird, denen der Durchbruch von Ghenitche als Canal dient.

Im Vorbeikommen konnten die Reisenden dieses sumpfige Gewässer von Sivach wahrnehmen, dessen Salzgehalt sehr nahe dem Sättigungspunkte liegt. Daher entstehen auch an verschiedenen Stellen freiwillige Auskrystallisirungen von Salz, so daß man dieses Faule Meer leicht als die ergiebigste Saline der Erde ausbeuten könnte.

Für den Geruchssinn ist es freilich kein Vergnügen, längs dieses Salzmorastes hinzufahren. Die Atmosphäre enthält hier eine merkbare Menge von Schwefelwasserstoffgas, und die Fische, welche sich in diesen See verirren, finden darin fast sofort den Tod. Dieses Gewässer entspräche also etwa dem bekannten Asphaltsee in Palästina.

Inmitten dieses Sumpfes verläuft die Eisenbahn, welche von Alexandrow nach Sebastopol hinabführt. Zu seinem Schreck hörte der Seigneur Keraban auch das betäubende Pfeifen der durch die Finsterniß dahinkeuchenden Locomotiven, welche über die Schienen brausen, auf die sich nicht so selten die schwerfälligen Wogen des Faulen Meeres stürzen.

Am folgenden Tage, dem 31. August, führte der Weg während des Tages durch fruchtbare Gefilde. Da zeigten sich zuweilen Gruppen von Olivenbäumen, deren Blätter, wenn der Wind sie umkehrt, wie ein Quecksilberregen flimmern; Cypressen, von einem bis nahe an Schwarz streifenden Grün; prachtvolle Eichenriesen und hochragende Erdbeerbäume. Ueberall auf den Hügelgeländen zogen sich Rebenreihen hin, welche ein, dem der besten Weinlagen Südfrankreichs kaum untergeordnetes Gewächs liefern.

In Folge von Ahmets Vorsorge, der die Rubel gleich haufenweise ausstreute, waren frische Vorspannpferde überall sofort zur Hand, und die reichlich bestochenen Postillone trieben sie zum schnellsten Laufe an.

Gegen Abend wurde der Flecken Dorte passirt, und einige Lieues weiter erreichte man das Gestade des Faulen Meeres.

Hier ist diese merkwürdige Lagune von dem Asow'schen Meere nur durch eine niedrige, auf einem Untergrunde von aufgehäuften Muscheln ruhende Sandzunge – man kann sie eben kaum Landzunge nennen – getrennt, deren mittlere Breite auf etwa eine Viertellieue geschätzt wird.

Dieser Sandstreifen heißt der Pfeil von Arabat. Er erstreckt sich von dem Dorfe gleichen Namens im Süden, bis nach Ghenitche im Norden auf dem Festlande, und ist an eben dieser Stelle nur von einer dreihundert Fuß breiten Furth durchschnitten, durch welche, wie oben erwähnt, das Wasser des Asow'schen Meeres eintritt.

Bei Tagesanbruch wurden der Seigneur Keraban und seine Gefährten von feuchten, dicken, ungesunden Dünsten umlagert, welche erst nach und nach vor den Sonnenstrahlen verschwanden.

Das Land war hier minder bewaldet und auch öder, hier weideten große Dromedare in voller Freiheit, was der Gegend den Anschein eines Zubehörs der arabischen Wüste verlieh. Die vorüberkommenden, ganz aus Holz ohne jede Benützung von Eisen erbauten Karren machten ein betäubendes Geräusch mit ihren von daraufspritzendem Erdpech knirschenden Achsen. Alles sieht noch sehr ursprünglich aus; in den Landhäusern, den einzeln liegenden Farmen aber trifft man noch die alte tatarische Gastfreundschaft. Dort kann Jedermann einkehren, sich an den Tisch des Hausherrn setzen, aus den sofort vorgesetzten Schüsseln zulangen, essen, was ihm beliebt, trinken so viel er mag, um, wenn er fortgeht, sich mit einem einfachen Danke für die Erquickung abzufinden.

Es versteht sich von selbst, daß die Reisenden die Einfachheit dieser alten Sitten, welche ja mit der Zeit verschwinden werden, niemals mißbrauchten; sie ließen immer und überall in Form von Rubeln greifbare Zeichen ihrer kurzen Anwesenheit zurück. Gegen Abend hielt das von langem Laufe erschöpfte Gespann in dem Flecken Arabat am südlichen Ende des Pfeiles.

Hier erhebt sich auf dem Sande eine kleine Festung, an deren Fuße sich die Häuser bunt aneinander schmiegen. Ueberall grünten dicke Gebüsche von Fenchel, die Brutstätten von Nattern, und Wassermelonenfelder, von denen die Leute eine sehr reiche Ernte beziehen.

Es war neun Uhr Abends, als der Wagen vor einer Herberge von ziemlich dürftigem Aussehen Halt machte, und doch war das noch das beste Gasthaus des Ortes. In diesen weltverlassenen Theilen des Chersones durfte man sich eben nicht wählerisch zeigen.

»Höre, Ahmet, begann da der Seigneur Keraban, wir sind nun mehrere Nächte und Tage hindurch gefahren, ohne anderswo zu ruhen, als bei den Poststationen. Ich würde jetzt nicht bös sein, mich ein paar Stunden in einem Bette auszustrecken, und wenn's auch nur ein Gasthofsbett wäre.

– Und ich wäre entzückt darüber, setzte Van Mitten hinzu, der sich mühsam reckte und die Glieder dehnte.

– Wie! Zwölf Stunden verlieren! rief Ahmet. Zwölf Stunden bei einer Reise von sechs Wochen!

– Wünschest Du, daß wir darüber eine Verhandlung anfangen? erwiderte Keraban mit dem etwas gereizten Tone, der ihm so gut anstand.

– Nein, lieber Onkel, nein! versicherte Ahmet. Sobald Du ein Bedürfniß nach Ruhe fühlst ...

– Ja, das fühle ich allerdings; Van Mitten auch, so gut wie Bruno und selbst Nizib, der sich gar nichts Besseres wünschen wird.

– Seigneur Keraban, sagte Bruno, da sein Name erwähnt worden war, ich halte diese Idee für eine der besten, die Sie seit langer Zeit gehabt haben, vorzüglich wenn ein gutes Abendbrod uns in den Stand gesetzt hat, auch gut zu schlafen.«

Diese Bemerkung Brunos kam ganz zur rechten Zeit. Die Vorräthe des Wagens waren nahezu erschöpft. Was davon in den Kutschkästen noch übrig geblieben, war der Rede kaum werth und durfte nicht verbraucht werden, ehe man nach Kertsch kam, der bedeutendsten Stadt der Halbinsel dieses Namens, wo dieselben nach allen Seiten erneut werden konnten.

Wenn die Betten des Gasthofes in Arabat nun, selbst für Reisende dieser Art, so erträglich zu nennen waren, so ließ leider die Küche sehr viel zu wünschen übrig. Touristen giebt es hier, gleichviel zu welcher Jahreszeit, nicht viele, welche bis nach der äußersten Grenze von Tauris vordringen. Einige Kaufleute oder Salzhändler, deren Pferde oder Karren auf der Straße von Kertsch nach Perekop hinziehen, bilden die Hauptgäste des Gasthofes in Arabat, und diese sind nicht verwöhnt, schlafen nöthigenfalls auf der harten Diele und essen, was sich eben findet.

Der Seigneur Keraban und seine Begleiter mußten sich also mit einer sehr mageren Tafel begnügen, das heißt mit einer Schüssel Pilaw, das gewöhnliche Nationalgericht, aber mit mehr Reis als Huhn und mehr Rumpfknochen als Flügeln, so alt und deshalb so hart, daß es fast Keraban selbst widerstanden hätte; die soliden Backzähne des Starrkopfes trugen jedoch über seine Zähigkeit den Sieg davon, und auch bei dieser Gelegenheit gab er nicht mehr nach als gewöhnlich.

Diesem vorschriftsmäßigen Gericht folgte eine wirkliche Schüssel Yaourtz oder geronnene Milch, welche zum Hinunterschlucken des Pilaw sehr passend gefunden wurde; dann erschienen ziemlich appetitliche kleine Kuchen, die im Lande unter dem Namen »Katlamas« bekannt sind.

Bruno und Nizib kamen bei der Tafel etwas weniger gut oder weniger schlecht weg, wie man will. Ihre Kinnladen wären gewiß mit dem ledernsten aller Hühner fertig geworden, doch fanden sie keine Gelegenheit, diesen Beweis zu liefern. Die Stelle des Pilaw vertrat auf ihrem Tische eine schwärzliche Substanz, welche eingeräuchert aussah wie die Platten eines Kochheerdes, unter dem schon lange gefeuert worden ist.

– Was ist das? fragte Bruno.

– Ich weiß es nicht.

– Was, das wissen Sie nicht, der Sie hier aus dem Lande sind?

– Ich bin nicht aus diesem Lande.

– Doch beinahe, da Sie Türke sind! erwiderte Bruno. Wohlan, Kamerad, kosten Sie erst diese vertrocknete Schuhsohle, und sagen Sie mir dann, was Sie davon denken.«

Nizib, nachgiebig wie immer, biß kräftig in das Stück genannter Schuhsohle.

»Nun?« ... fragte Bruno.

– Na, eine Delicatesse ist es gerade nicht; aber 's läßt sich zur Noth essen.

– Ja freilich, Nizib, wenn man vor Hunger umkommt und nichts Weiteres zu beißen hat!«

Bruno kostete nun auch selbst, entschlossen Alles für Alles zu wagen.

Unter Zuhilfenahme mehrerer Gläser einer Art alkoholisirten Bieres, dessen sie sich denn auch bedienten, mochte das Gericht so hingehen.

Plötzlich rief aber Nizib:

»Ah, sei mir Allah gnädig!

– Was ficht Sie denn an, Nizib?

– Ah, ich glaube, ich habe Schweinefleisch gegessen? ...

– Schweinefleisch! wiederholte Bruno. Ah, richtig, Nizib, ein echter Muselmann darf sich nicht von diesem vortrefflichen aber unreinen Thiere nähren! Nun wohl, wenn dieses unbekannte Gericht vom Schweine herrührt, so haben Sie nur Eines zu thun ...

– Und das wäre?

– Sie verdauen es eben ganz still, Ihr Schweinefleisch, nachdem es doch einmal verschluckt ist!«

Die Sache beunruhigte Nizib, der die Gesetze des Propheten streng beobachtete, aber doch sehr, und da er sein Gewissen so stark belastet fühlte, mußte Bruno sich beim Wirthe des Gasthauses erkundigen.

Da beruhigte sich denn Nizib wieder und konnte seine Verdauung ungestört vor sich gehen lassen. Das räucherige Gericht war überhaupt kein Fleisch, sondern bestand aus Fisch, aus dem »Schebac,« der gleich dem Kabeljau in zwei Hälften getheilt, an der Sonne getrocknet, durch Aufhängen im Schornstein geräuchert und roh oder fast roh verzehrt wird.

Aus Rostow, einem am Grunde der Nordspitze des Asow'schen Meeres gelegenen Hafen, wird hiermit nach allen Punkten der Küste ein lebhafter Ausfuhrhandel getrieben.

Herren und Diener mußten sich also mit dem etwas mageren Abendbrot des Gasthofs von Arabat begnügen. Die Betten erschienen ihnen härter als die Kissen des Wagens; immerhin blieben sie darin von den unausbleiblichen Stößen der Landstraße verschont, und der Schlaf, den sie in den dürftig ausgestatteten Zimmern fanden, reichte doch hin, ihre Erschöpfung von den ausgestandenen Strapazen auszugleichen. Am nächsten Tage, dem 2. September, war Ahmet schon mit Sonnenaufgang auf den Füßen und suchte das Posthaus auf, um frische Pferde zu miethen. Das Gespann vom Vortage, das eine lange und anstrengende Strecke zurückgelegt hatte, hätte ohne mindestens vierundzwanzig Stunden Ruhe nicht weiter benützt werden können.

Ahmet hoffte den Reisewagen ganz fertig vor die Thür führen zu können, so daß sein Onkel und Van Mitten nur einzusteigen brauchten, um auf dem Wege durch die Halbinsel Kertsch dahin zu fahren.

Am Ende des Ortes lag das Posthaus mit seinem, mit hölzernen Krummstäben, ähnlich dem Halse einer Baßgeige, geschmückten Dache; von frischen Pferden war aber nichts zu finden. Der Stall stand leer, und selbst um vieles Geld konnte der Posthalter kein Gespann liefern.

Sehr verstimmt über diese Enttäuschung, kehrte Ahmet nach dem Gasthause zurück.

Zum Aufbruch bereit, warteten der Seigneur Keraban, Van Mitten, Bruno und Nizib, daß der Wagen vorführe. Einer derselben – wir brauchen ihn wohl nicht namhaft zu machen – fing schon an, deutliche Zeichen der Ungeduld merken zu lassen.

»Nun, Ahmet, rief er, Du kommst allein zurück? Müssen wir denn den Wagen an der Poststation aufsuchen?

– Das wäre leider auch nutzlos, lieber Onkel, antwortete Ahmet, es ist hier kein einziges Pferd zu haben.

– Kein Pferd? ... sagte Keraban.

– Nein, vor morgen können wir keine erhalten.

– Vor morgen nicht?

– Ja, und damit verlieren wir volle vierundzwanzig Stunden!

– Vierundzwanzig Stunden verlieren! schrie Keraban, aber ich bin nicht gewillt, deren zehn, nicht fünf, nicht eine zu verlieren!

– Wenn es indeß, bemerkte der Holländer gegen seinen Freund, der schon auffahren wollte, wenn es eben keine Pferde giebt? ...

– Es wird schon welche geben!« antwortete der Seigneur Keraban.

Auf ein gegebenes Zeichen folgten ihm Alle nach.

Eine Viertelstunde später erreichten sie die Poststation und machten vor der Thür derselben Halt.

Der Postverwalter stand auf der Schwelle in der ungenirten Haltung eines Mannes, der sehr wohl weiß, daß Niemand ihn zwingen kann, zu liefern, was er nicht hat.

»Sie haben keine Pferde mehr, sagte Keraban schon in etwas gereiztem Tone.

– Keine anderen als die, welche Sie gestern mit hierher gebracht haben, antwortete der Posthalter, und die können jetzt nicht weiter.

– Und wie kommt es, daß Sie in Ihren Ställen nicht einmal Pferde zum Wechseln stehen haben?

– Weil diese ein vornehmer Türke genommen hat, der sich nach Kertsch begiebt, von wo er, nach Ueberschreitung des Kaukasus, nach Poti will.

– Ein vornehmer Türke, rief Keraban; ohne Zweifel einer jener europäischen Ottomanen! Wahrhaftig, sie begnügen sich nicht, einen in den Straßen Constantinopels zu belästigen, nein, selbst auf den Straßen der Krim muß man ihnen begegnen! – Wer war es denn?

– Ich weiß nur, daß er sich Seigneur Saffar nannte, weiter nichts, erwiderte der Posthalter gelassen.

– Nun, und wer hat Ihnen erlaubt, diesem Seigneur Saffar zu überlassen, was sie noch an Pferden besaßen? fragte Keraban, dem der Zorn schon aus den Augen blitzte.

– Wer? Ei, dieser Reisende meldete sich auf der Station gestern morgen, also zwölf Stunden vor Ihnen, und da ich Pferde zur Verfügung hatte, konnte ich ihm dieselben gar nicht vorenthalten.

– Doch hätten Sie das thun sollen! ...

– Wie? Und warum denn? fragte erstaunt der Posthalter.

– Nun, weil ich doch später ankommen mußte!«

Was konnte jemand auf Argumente dieser Art erwidern? Van Mitten wollte vermitteln – er zog sich nur eine Zurechtweisung von seinem Freunde zu. Der Posthalter selbst wollte sich, nachdem er dem Seigneur Keraban noch einen spöttischen Blick zugeworfen, schon in sein Haus zurückziehen, als dieser ihn mit den Worten aufhielt:

»Gleich Pferde! Ob Sie nun Pferde haben oder nicht; jedenfalls müssen wir sofort weiter reisen können.

– Sofort? ... wiederholte der Posthalter. Ich wiederhole Ihnen, daß ich keine Pferde habe.

– So suchen Sie, welche zu finden!

– In Arabat giebt es keine!

– Treiben Sie zwei, treiben Sie nur eins auf, antwortete Keraban, der schon fast die Selbstbeherrschung verlor, treiben Sie die Hälfte von einem auf ... aber finden müssen Sie etwas!

– Wenn es aber nirgends ein Pferd giebt? ... mischte sich Van Mitten, um ihn zu besänftigen, ein.

– Es muß eines geben!

– Vielleicht könnten Sie uns ein Gespann von Maulthieren oder Mauleseln verschaffen? fragte Ahmet den Posthalter.

– Meinetwegen Maulthiere oder Maulesel! stimmte der Seigneur Keraban zu. Wir werden damit zufrieden sein!

– In der ganzen Provinz hat es niemals Maulthiere oder Maulesel gegeben, erklärte der Posthalter.

– Nun, heute sieht er ein Geschöpf dieser Sorte, flüsterte Bruno auf Keraban deutend, seinem Herrn in's Ohr, und noch dazu ein ganz vorzügliches.

– Nun dann gewöhnliche Esel? ... fragte Ahmet.

– Ebensowenig Esel wie Maulthiere!

– Nicht einmal Esel! ... polterte Keraban heraus. Ah, Sie treiben wohl Ihren Spott mit uns, Herr Posthalter! Wie, es sollte im Lande keine Esel geben? Nichts, sei es was es ist, womit man einen Wagen frisch bespannen könnte?«

Der starrköpfige Mann warf dabei wüthende Blicke nach rechts und nach links auf ein Dutzend Einwohner des Ortes, die sich an der Thür der Poststation gesammelt hatten.

»Er wäre im Stande, die Leute selbst vor seinen Wagen spannen zu lassen! sagte Bruno.

– Ja, sie oder uns! antwortete Nizib als erfahrener Kenner seines Herrn.

– Da es nun weder Pferde, noch Maulthiere oder Esel gab, lag es auf der Hand, daß an eine Abreise nicht zu denken war. Die ganze Gesellschaft mußte sich wohl oder übel entschließen, vierundzwanzig Stunden zu warten. Ahmet, der hierüber gewiß eben so ungehalten war, wie sein Onkel, wollte ihm doch gegenüber der Unmöglichkeit Vernunft beizubringen suchen, als der Seigneur Keraban laut rief:

»Hundert Rubel, wer mir ein Gespann verschafft!«

Unter den Einwohnern von Arabat entstand ein leises Gemurmel. Einer derselben trat entschlossen vor.

»Herr Türke, sagte er, ich habe zwei Dromedare zu verkaufen.

– Ich kaufe sie!« antwortete Keraban.

Dromedare vor einen Reisewagen zu spannen, war zwar noch nicht dagewesen; jetzt sollte es geschehen.

In weniger als einer Stunde war der Handel zu gutem Preise abgemacht. Was fragte er nach dem Gelde; der Seigneur Keraban hätte auch das Doppelte bezahlt. Die beiden Thiere wurden also so gut als möglich gezäumt, an die Deichsel gespannt und auf's Versprechen eines außerordentlichen Trinkgeldes hin nahm deren früherer Eigenthümer, der nun den Kutscher spielte, vor dem Höcker eines dieser Wiederkäuer Platz; dann rollte der Wagen zum größten Erstaunen der Bewohner von Arabat, aber zu großer Befriedigung der Reisenden im gestreckten Trabe seines merkwürdigen Gespanns die Straße nach Kertsch zu hinab.

Am Abend kam man ohne Unfall in dem Dorfe Argin, zwölf Lieues von Arabat, an.

Auf der Post gab es, wieder in Folge des vorausfahrenden Seigneur Saffar, ebenfalls keine neuen Pferde. Man mußte sich entschließen in Argin zu übernachten, um den Dromedaren einige Ruhe zu gönnen. Am folgenden Tage, dem 3. September, änderte sich an den bisherigen Verhältnissen auch nichts, und der Wagen gelangte nach Zurücklegung von siebzehn Lieues von Argin aus nach dem Dorfe Marienthal, wo die Nacht verbracht wurde.

Mit dem Morgenrothe ging es wieder weiter, und nach einer Etappe von zwölf Lieues erreichte man ohne Unfall, aber tüchtig durchschüttelt, woran die an solchen Dienst nicht gewöhnten kräftigen Thiere die meiste Schuld trugen, endlich nach Kertsch.

Der Seigneur Keraban und seine Gefährten hatten, da sie am 17. August abgereist waren, binnen neunzehn Tagen drei Siebentel ihres Weges zurückgelegt – etwa dreihundert Lieues von siebenhundert. Sie hielten also eine mittlere Geschwindigkeit ein, und wenn das noch sechsundzwanzig Tage so weiter ging, mußten sie bis zum 30. September ihre Fahrt um das Schwarze Meer in der berechneten Zeit vollendet haben.

»Und dennoch befürchte ich, bemerkte Bruno öfter seinem Herrn, daß die ganze Geschichte ein schlechtes Ende nimmt!

– Für meinen Freund Keraban?

– Für Ihren Freund Keraban ... oder für Die, die ihn begleiten!«

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