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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
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Elftes Capitel.

In welchem sich dieser phantastischen Fahrt etwas dramatische Würze beimischt.

Alle waren davon gefahren! Der Seigneur Keraban hatte die Villa verlassen, um seine Reise fortzusetzen, Van Mitten um seinen Freund zu begleiten, Ahmet um seinem Onkel zu folgen, Nizib und Bruno, weil sie nichts Anderes thun konnten. Die Wohnung war jetzt leer bis auf fünf oder sechs Diener, welche in den Nebengebäuden ihre Arbeiten verrichteten. Selbst der Banquier Selim hatte sich ja nach Odessa begeben, um den Reisenden für ihr türkisches Geld russische Rubel einzuhändigen.

Die Villa hatte an eigentlichen Insassen jetzt weiter Niemand als Amasia und Nedjeb.

Der Maltesercapitän wußte das recht gut. Mit leicht begreiflichem Interesse hatte er alle Auftritte dieser Abschiedsscene beobachtet. Würde der Seigneur Keraban die Hochzeit Amasias und Ahmets bis zu seiner Rückkehr verschieben? – Ja! – Er hatte sie aufgeschoben – die erste gute Karte in seinem Spiel. Würde Ahmet zustimmen, seinen Onkel zu begleiten? ... Er hatte zugestimmt – die zweite gute Karte im Spiele Yarhud's.

Dazu hatte der Malteser jetzt gar noch eine dritte: Amasia und Nedjeb befanden sich allein in der Villa, oder mindestens in der nach dem Meere gelegenen Galerie. Da lag, in halber Kabellänge, seine Tartane. Das Boot erwartete ihn unten an den Stufen ... seine Matrosen waren Leute, die ihm blindlings gehorchten ... er brauchte nur zu wollen!

Der Capitän fühlte sich lebhaft versucht, Gewalt anzuwenden, um sich Amasias zu bemächtigen. Da er im Grunde aber ein kluger Mann war, nichts dem Zufall überließ und vorzüglich auch keine Spur von der Entführung hinterlassen wollte, begann er die Sache doch erst zu überlegen.

Jetzt war's heller Tag. Trat er gewaltthätig auf, so würde Amasia um Hilfe rufen und Nedjeb sie dabei unterstützen. Vielleicht hörte das der oder jener Diener; vielleicht sah man dann die »Guidare« in aller Eile aus der Bai von Odessa hinaussegeln, das wäre verrätherisch, der Anfang eines Beweises ... Nein, es empfahl sich mehr mit Vorsicht zu handeln und die Nacht dazu abzuwarten. Das Wichtigste war ja, daß sich Ahmet nicht mehr hier befinde, und er war in der That nun fort.

Der Malteser hielt sich also bei Seite und saß ruhig im Hintertheile seines Bootes, welches die Balustrade zum Theil verdeckte. Von hier aus beobachtete er die beiden jungen Mädchen. Diese dachten natürlich gar nicht an die Nähe dieser gefährlichen Persönlichkeit.

Wenn Amasia und Nedjeb in Folge des versprochenen Besuches an Bord der Tartane kamen, um die Stoffe zu prüfen, welche sie zu sehen wünschten, oder aus irgend einem anderen Grunde – und Yarhud hatte eine dahin zielende Idee – so würde er ja sehen, ob es gerathen schien, sich sofort zu entscheiden, ohne erst die Nacht abzuwarten.

Nach der Abfahrt Ahmets war Amasia, betäubt von dem unerwarteten Schlage, schweigend und nachdenkend sitzen geblieben, während sie den fernen, sich nach Norden ausdehnenden Horizont betrachtete. Dort blinkte die Uferlinie, deren Kreise die Reisenden unentwegt folgen sollten; dort jene Straße, wo Hindernisse, vielleicht Gefahren den Seigneur Keraban und die, welche er wider ihren Willen mit sich fortführte, schwer auf die Probe zu stellen drohten. Wäre ihre Hochzeit vorüber gewesen, so würde sie gar nicht gezögert haben, Ahmet zu begleiten. Was hätte der Onkel dagegen einwenden sollen? Er hätte es gewiß gar nicht versucht. Nein, wenn sie erst seine Nichte wäre, hätte sie vorausgesetzt, etwas mehr Einfluß auf ihn zu gewinnen, gehofft, ihn von dem gefährlichen schiefen Wege abdrängen zu können, auf den seine Starrsinnigkeit ihn führte. Und jetzt war sie allein, sie mußte warten, lange warten, ehe sie sich mit Ahmet wieder zusammenfinden konnte, in jener Villa zu Scutari, wo ihre Hochzeit statthaben sollte.

Wenn Amasia betäubt war, so war Nedjeb dagegen wüthend, wüthend gegen den Eisenkopf, die Ursache aller Enttäuschungen. Ja, hätte es sich um ihre eigene Hochzeit gehandelt, so würde die junge Zigeunerin ihren Verlobten nicht haben auf diese Weise entführen lassen! Sie hätte dem Starrkopf Trotz geboten. Nein! Das wäre Alles anders gekommen!

Nedjeb näherte sich dem jungen Mädchen. Sie nahm dieselbe bei der Hand und führte sie nach dem Divan, zwang sie, sich darauf niederzulassen, und holte sich selbst ein Kissen, auf das sie sich zu ihren Füßen niedersetzte.

»Theure Herrin, sagte sie, an Ihrer Stelle würd' ich, statt an Seigneur Ahmet zu denken, lieber an den Seigneur Keraban denken, um ihn recht zu verwünschen.

– Wozu sollte das dienen? antwortete Amasia.

– Es scheint mir weniger traurig zu sein, erklärte Nedjeb. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir diesen Onkel mit allen Verwünschungen überhäufen! Er verdient sie, und ich versichere Ihnen, daß ich dabei das Meinige thun werde.

– Nein, Nedjeb, sprechen wir lieber von Ahmet, an ihn allein hab' ich zu denken und seiner allein gedenke ich!

– Nun, so reden wir von ihm, theure Herrin, sagte Nedjeb. In der That, er ist der liebenswürdigste Bräutigam, den sich ein junges Mädchen nur träumen kann, aber was für einen Onkel hat er! Dieser Despot, dieser Egoist, dieser schändliche Mann, der kein Wort zu sagen hatte und keines gesagt hat, der uns nur wenige Tage zu schenken brauchte und das abgeschlagen hat! Wahrhaftig, er verdiente ...

– Wir wollten von Ahmet sprechen, erinnerte sie Amasia.

– Ja, theure Herrin! Wie er Sie liebt! Wie glücklich Sie mit ihm sein werden! O, er wäre vollkommen, wenn er nicht einen solchen Onkel hätte! Wissen Sie, daß er wohl daran gethan hat, keine Frau zu nehmen, weder eine noch mehrere? Mit seinem unbeugsamen Kopfe hätte er Alles rebellisch gemacht, bis auf die Sclavin in seinem Harem.

– Da sprichst Du doch wieder von ihm, Nedjeb, sagte Amasia, deren Gedanken eine ganz andere Richtung verfolgten.

– Nein! ... Nein! ... Wie Sie, so denke auch ich nur an Seigneur Ahmet. Doch ich an seiner Stelle hätte nicht nachgegeben. Ich hätte auch den Kopf aufgesetzt ... ja, ich hätte ihm mehr Energie zugetraut.

– Wer sagt Dir, Nedjeb, daß er mit seiner Nachgiebigkeit gegen seinen Onkel nicht mehr Energie bewiesen hat, als wenn er sich jenem widersetzte? Siehst Du nicht, daß er trotz des Schmerzes, den ich leide, die Reise nur mitmacht, um dieselbe mit allen möglichen Mitteln zu beschleunigen und vielleicht Gefahren abzuwenden, in welche Seigneur Keraban bei seinem gewohnten Starrsinn leicht gerathen könnte? Nein, Nedjeb, nein! Gerade dadurch, daß er mitreiste, hat Ahmet einen Beweis seines Muthes geliefert; eben damit hat er mir auf's Neue seine Liebe bewiesen.

– Sie müssen schon Recht behalten, theure Herrin, antwortete Nedjeb, welche sich bei ihrem lebhaften Zigeunerblute noch immer nicht ergeben konnte. Ja, ja, Seigneur Ahmet hat sich durch seine Abreise als energisch erwiesen; wäre es indeß nicht mehr werth gewesen, wenn er überhaupt seinen Onkel ganz aufhielt?

– War das möglich, Nedjeb? erwiderte Amasia. Ich frage Dich, war das möglich?

– Ja ... nein ... vielleicht! antwortete Nedjeb. Es giebt keine Eisenstange, die man im Nothfalle nicht biegen oder brechen könnte. Oh, dieser Onkel Keraban! Nur auf ihn soll unser Zorn sich ergießen! Wenn sich ein Unfall ereignet, wird er allein dafür verantwortlich sein. Und wenn ich bedenke, daß das Alles geschieht, um zehn Paras nicht zu zahlen, daß er damit Seigneur Ahmet unglücklich macht, und Sie.. und in Folge dessen auch mich! Ich möchte ... Ja, ich möchte das Schwarze Meer träte aus bis zu den Grenzen der Welt, nur um zu sehen, ob er noch darauf bestehen würde, um dasselbe herumzufahren.

– Er thäte es doch! erklärte Amasia mit dem Tone vollster Ueberzeugung. Doch sprechen wir von Ahmet, Nedjeb, und nur allein von ihm!«

In diesem Augenblicke verließ Yarhud sein Boot und näherte sich ungesehen den beiden jungen Mädchen. Beim Geräusch seiner Schritte drehten sich Beide um. Ihr mit etwas Furcht gemischtes Erstaunen war nicht klein, als sie denselben neben sich sahen.

Nedjeb hatte sich zuerst erhoben.

»Sie, Capitän sagte sie. Was haben Sie hier vor? Was wollen Sie denn? ...

– Ich will nichts, antwortete Yarhud, einiges Erstaunen über den nicht eben freundlichen Empfang heuchelnd, ich will gar nichts, als mich Ihnen zur Verfügung stellen, um ...

– Nun, um? wiederholte Nedjeb.

– Um Sie an Bord der Tartane zu geleiten, antwortete der Capitän. Hatten Sie nicht die Absicht, deren Fracht zu besichtigen und aus dem, was Ihren Beifall fände, eine Auswahl zu treffen?

– Das ist wahr, theure Herrin, rief Nedjeb. Wir hatten dem Capitän allerdings versprochen ...

– Wir hatten das versprochen, als Ahmet noch hier war, unterbrach sie das junge Mädchen, nun ist Ahmet aber abgereist und für uns jede Veranlassung weggefallen, uns an Bord der »Guidare« zu begeben.«

Die Brauen des Capitäns runzelten sich einen Augenblick: dann nahm er wieder in sanftem Tone das Wort:

»Die »Guidare«, sagte er, kann nicht lange in der Bai von Odessa liegen bleiben, und es ist möglich, daß ich schon morgen, spätestens übermorgen, absegle. Wenn die Braut des Seigneur Ahmet also etwas von Stoffen zu erwerben wünscht, deren Muster ihr doch zu gefallen schienen, so gilt es, diese Gelegenheit zu benutzen; mein Boot ist zur Hand und in wenigen Minuten könnten wir an Bord sein.

– Wir danken Ihnen, Capitän, sagte Amasia kalt, ich habe aber wenig Neigung, mich in Abwesenheit des Seigneur Ahmet mit solchen Dingen zu befassen. Er sollte uns bei diesem Besuche auf der »Guidare« begleiten, sollte uns mit seinem Rathe unterstützen ... jetzt ist er nicht mehr da, und ohne ihn kann und will ich nichts thun.

– Das bedaure ich, antwortete Yarhud, und desto mehr, weil der Seigneur Ahmet, daran zweifle ich nicht, bei seiner Rückkehr sehr angenehm überrascht gewesen sein würde, wenn Sie sich etwas ausgewählt hätten. Hier bietet sich eine Gelegenheit, welche nicht sobald wiederkehrt und die Sie noch bereuen werden, nicht benützt zu haben.

– Das kann sein, meinte Nedjeb, für jetzt aber, glaub' ich, würben Sie besser thun, nicht in uns zu dringen.

– Wie Sie wünschen, erwiderte Yarhud sich verbeugend. Lassen Sie mich nur hoffen, daß Sie, wenn der Zufall die »Guidare« in einigen Wochen wieder nach Odessa führen sollte, nicht vergessen wollen, ihr den zugesagten Besuch abzustatten.

– Wir werden's nicht vergessen, Capitän,« sprach Amasia, während sie dem Malteser ein Zeichen machte, daß er sich zurückziehen könne.

Yarhud empfahl sich von den beiden jungen Mädchen, that einige Schritte nach der Terrasse zu, blieb dann stehen, als ob ihm etwas eingefallen wäre, und kehrte zu Amasia zurück, als das junge Mädchen eben die Galerie verlassen wollte.

– Noch ein Wort, sagte er, oder vielmehr einen Vorschlag, welcher der Verlobten des Seigneur Ahmet nur angenehm sein kann.

– Was meinen Sie? fragte Amasia, etwas ungeduldig über diese Hartnäckigkeit des maltesischen Capitäns, ihnen seine Gegenwart und dieses Gespräch in der Villa aufzunöthigen.

– Der Zufall hat mich zum Zeugen der Scene gemacht, welche der Abreise des Seigneur Ahmet vorherging.

– Der Zufall? antwortete Amasia, welche, wie durch ein Vorgefühl, etwas mißtrauisch wurde.

– Der Zufall allein! versicherte Yarhud. Ich war in der Nähe, in meinem Boote, welches hier zu Ihrer Verfügung lag ...

– Welchen Vorschlag haben Sie uns zu machen, Capitän? fragte das junge Mädchen.

– O, einen sehr natürlichen, antwortete Yarhud. Ich habe beobachtet, wie sehr diese plötzliche Abreise die Tochter des Banquiers Selim angriff, und wenn es ihr nun beliebte, den Seigneur Ahmet noch einmal wiederzusehen ...

– Noch einmal wiedersehen! Was wollen Sie damit sagen? fiel ihm Amasia, deren Herz bei diesem Gedanken schneller schlug, in's Wort.

– Ganz einfach, fuhr Yarhud fort, daß der Wagen des Seigneur Keraban binnen einer Stunde unbedingt an der Spitze des kleinen Caps vorüberkommen muß, das Sie da unten sehen!«

Amasia war etwas vorgetreten und blickte nach der leichten Krümmung der Küste in der von dem Capitän angedeuteten Richtung hin.

»Dort? ... Dort? ... sagte sie.

– Ja.

– Theure Herrin, wenn wir uns nach jener Landspitze begeben könnten ...

– Nichts leichter als das, erklärte Yarhud. Bei dem jetzt günstigen Winde könnte die »Guidare« jene Stelle in einer halben Stunde erreicht haben, und wenn Sie sich einschiffen wollen, können wir sofort absegeln.

– Ja ... ja!«.. rief Nedjeb jubelnd, da sie in dieser Meerespromenade nichts sah, als eine Gelegenheit für Amasia, ihren Verlobten noch einmal zu sehen.

Amasia dagegen überlegte sich die Sache. Gegenüber ihrem Zögern konnte der Capitän eine ungeduldige Bewegung nicht unterdrücken, welche ihr nicht entging. Es schien sogar, als ob der Gesichtsausdruck Yarhud's aus nichts Gutes deutete. Ihr Mißtrauen nahm also nur noch mehr zu.

Vom Geländer zurücktretend, auf das sie sich gestützt hatte, um jene Verlängerung des Ufers besser zu sehen, kam Amasia wieder nach dem Innern der Galerie, und beeilte sich, Nedjebs Hand zu ergreifen.

»Ich erwarte Ihre Befehle, sagte der Capitän.

– Nein, Capitän, erwiderte Amasia. Meinen Verlobten in dieser Art wiederzusehen, würde ihm mehr Schmerz als Vergnügen bereiten.«

Yarhud sah ein, daß Nichts das junge Mädchen vermögen werde, ihre Weigerung aufzugeben, und zog sich frostig zurück.

Gleich darauf stieß das Boot vom Lande, das den Capitän und seine Leute trug.

Dann legte es an der Tartane an und blieb an einem Taue an der Backbordseite des Schiffes liegen.

Die beiden jungen Mädchen blieben noch eine Stunde lang allein in der Galerie. Amasia lehnte sich wieder auf das Geländer. Sie blickte unverwandt nach dem von Yarhud bezeichneten Punkt der Küste hinaus, an dem der Wagen des Seigneur Keraban vorüberkommen sollte.

Nedjeb besichtigte wie sie diesen Vorsprung der Küste, der sich etwa eine Lieue im Osten vorschob.

Endlich nach einer Stunde rief die junge Zigeunerin:

»Ach, theure Herrin, sehen Sie! Sehen Sie nur! Bemerken Sie nicht einen Wagen auf der Straße da unten, auf der Höhe des Ufers?

– Ja, ja! antwortete Amasia, das sind sie! Das ist er, er!

– Er kann Sie nicht sehen.

– Das thut nichts. Ich fühl' es, daß er nach mir sieht.

– Das dürfen Sie glauben, theure Herrin, sagte Nedjeb. Seine Augen werden gewiß die Villa inmitten der Bäume am Grunde der Bai gefunden haben und vielleicht gar ...

– Auf Wiedersehen, mein Ahmet, auf Wiedersehen!« sagte zum letzten Male das junge Mädchen, als wenn dieser Abschiedsgruß ihren Verlobten hätte erreichen können.

Nachdem der Wagen hinter einer Biegung der Straße am äußersten Abhang des hohen Ufers verschwunden war, verließen Amasia und Nedjeb die Galerie und kehrten in's Innere der Wohnung zurück.

Vom Verdeck der Tartane aus sah Yarhud sie verschwinden und gab seinen Leuten, welche eben die Wache hatten, den Befehl, aufzupassen, ob sie etwa bei einbrechender Nacht wieder erschienen. Dann wollte er, da es ihm mit der List nicht geglückt war, Gewalt anwenden.

Seit der Abreise Ahmets und mit dem glücklichen Umstand, daß die Hochzeit erst nach sechs Wochen stattfinden sollte, drängte es mit der Entführung des jungen Mädchens zwar nicht allzusehr. Dagegen mußte er auch die Ungeduld des Seigneur Saffar in Rechnung ziehen, dessen Rückkehr nach Trapezunt vielleicht nahe bevorstand. Bei der Unsicherheit der Schifffahrt auf dem Schwarzen Meere konnte ein gewöhnliches Segelschiff recht leicht eine Verzögerung von vierzehn bis zwanzig Tagen erleiden. Es war also nöthig, so bald als möglich in See zu gehen, wenn er ja zu der, in seiner Verhandlung mit Scarpante festgesetzten Zeit eintreffen sollte. Ohne Zweifel war Yarhud ein Schurke, aber ein Schurke, der seinen Verpflichtungen nachzukommen liebte. Deshalb entschloß er sich auch, ohne Zögern zu handeln.

Die Umstände begünstigten ihn ganz ausnehmend. Gegen Abend, noch ehe ihr Vater aus dem Bankgeschäfte heimgekommen war, betrat Amasia wieder die Galerie. Dieses Mal war sie allein. Ehe es völlig dunkel wurde, wollte das junge Mädchen ihr Auge noch einmal über das ferne Panorama des Ufers schweifen lassen, das den Horizont im Norden abschloß. Dorthin drängte sie ja ihr ganzes Herz. Sie nahm also den Platz wieder ein, nach dem sie gewiß noch oft zurückkehren würde, stützte sich auf's Geländer und blieb nachsinnend stehen, mit einem Blicke im Auge, der gleichsam in unendliche Ferne dringt und den nichts aufzuhalten vermag.

In ihre Gedanken versunken, bemerkte Amasia auch ein Boot nicht, das von der im Halbdunkel kaum noch sichtbaren »Guidare« abstieß. Sie sah nicht, wie es geräuschlos näher kam, längs der Terrassenstufen hinglitt und schweigend unter ihr hielt, wo das Wasser der Bai die Grenze des väterlichen Besitzthums bespülte.

Inzwischen war Yarhud mit vier Matrosen lautlos die Absätze emporgeschlichen.

Vertieft in ihre Träumereien, hatte das junge Mädchen ihn nicht bemerkt.

Plötzlich sprang Yarhud auf sie zu und ergriff sie fest und so überraschend, daß ihr jede Gegenwehr abgeschnitten war.

»Zu Hilfe! zu Hilfe!« konnte das unglückliche Kind allein noch rufen.

Ihr Angstgeschrei wurde sofort erstickt; Nedjeb, welche ihre Herrin suchte, hatte sie aber doch gehört.

Kaum trat die junge Zigeunerin in die Thür der Galerie, als schon zwei Matrosen sich auf sie stürzten, um ihre Bewegungen und Hilferufe zu hemmen.

»An Bord!« befahl Yarhud.

Unwiderstehlich fortgeschleppt, wurden die beiden jungen Mädchen in das Boot gebracht, welches vom Lande stieß und nach der Tartane zuhielt. Die »Guidare«, deren Anker schon gelichtet und deren Segelwerk gehißt war, brauchte nur von den Tauen gelöst zu werden, um abzusegeln.

Das geschah denn auch, seitdem Amasia und Nedjeb an Bord in einer Cabine des Hintertheils eingeschlossen waren, wo sie nichts mehr sehen und sich nicht vernehmbar machen konnten.

Inzwischen neigte sich die Tartane, welche jetzt den Wind abfing, unter dem Drucke ihres Großsegels, um aus der kleinen Bucht zu laufen, welche die Ufermauern der Villa umschlossen.

So schnell aber auch dieser Handstreich ausgeführt worden war, hatte er doch die Aufmerksamkeit einiger, in dem Garten arbeitenden Diener erregt.

Einer derselben vernahm auch den Hilferuf Amasias und schlug sofort Lärm.

Da kehrte auch der Banquier Selim nach seiner Wohnung zurück und erfuhr schnell, was eben vorgegangen war. Mit einer Angst, welche er kaum selbst zu fassen vermochte, suchte er nach seiner Tochter ... seine Tochter war verschwunden.

Als er jedoch die Tartane manövriren sah, welche die äußerste Südspitze der kleinen Bucht zu umschiffen suchte, war Selim Alles klar. Er stürmte durch den Garten nach einer Spitze, an der die »Guidare« vorbeikommen mußte, um den letzten Uferfelsen auszuweichen.

»Elende! rief er. Man entführt meine Tochter! Meine Tochter! Amasia! Haltet sie auf! Verlegt ihnen den Weg!«

Ein Gewehrschuß von der »Guidare« war die einzige Antwort auf seine Rufe.

Selim fiel, von einer Kugel in die Schulter getroffen, zu Boden.

Einen Augenblick später war die Tartane, deren Segel frische Abendwinde schwellten, seewärts von der Villa verschwunden.

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