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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 11
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Capitel.

In welchem Ahmet einen energischen, übrigens durch die Umstände gebotenen Entschluß faßt.

»Guten Tag, Freund Selim! Guten Tag! Schütze Dich Allah, Dich und Dein ganzes Haus!«

Bei diesen Worten drückte Keraban kräftig die Hand seines Correspondenten in Odessa.

»Guten Tag, Neffe Ahmet!«

Und mit großer Innigkeit preßte Seigneur Keraban seinen Neffen Ahmet an's Herz.

»Guten Tag, meine kleine Amasia!«

Und Seigneur Keraban legte beide Hände auf die Wangen des jungen Mädchens, das bald seine Nichte werden sollte.

Alles das geschah so schnell, daß noch Keiner Zeit gefunden hatte, zu antworten.

»Und nun auf Wiedersehen und vorwärts!« setzte Seigneur Keraban hinzu, sich gegen Van Mitten zurückwendend.

Der phlegmatische Holländer, der nicht einmal vorgestellt worden war, erschien mit seinem unveränderlichen Gesicht wie eine fremde Persönlichkeit, die nur für die Hauptscene eines Schauspieles heraufbeschworen war.

Alle glaubten, als sie den Seigneur Keraban mit solcher Freigebigkeit seine Küsse und Händedrücke austheilen sahen, er sei nur gekommen, um die Vermählung zu beschleunigen; als sie ihn aber rufen hörten: »Vorwärts!« fielen sie nicht wenig aus den Wolken.

Ahmet war der Erste, der das Schweigen der Verwunderung brach.

»Wie, vorwärts, sagst Du?

– Ja, vorwärts, lieber Neffe.

– Du willst wieder abreisen, lieber Onkel?

– Noch diesen Augenblick!«

Neues allgemeines Erstaunen, während Van Mitten seinem Bruno heimlich in's Ohr flüsterte:

»Wahrhaftig, das sieht dem Charakter meines Freundes Keraban sehr ähnlich!

– Gar zu sehr!« bestätigte Bruno.

Inzwischen sah Amasia Ahmet an, der selbst Selim anstarrte, während Nedjeb nur Augen hatte für diesen unerforschlichen Onkel – für den Mann, der im Stande war, abzureisen, ehe er richtig ankam.

»Nun vorwärts, Van Mitten! wiederholte Seigneur Keraban, sich zur Thür wendend.

– Können Sie mir wohl sagen, mein Herr? .. fragte Ahmet Van Mitten.

– Was sollt' ich sagen können?« erwiderte der Holländer, der seinem Freunde schon auf den Fersen folgte.

Eben als er hinaustreten wollte, blieb Seigneur Keraban noch einmal stehen und wendete sich an den Banquier:

»Ah, Freund Selim, begann er, Du wirst so gut sein, mir einige tausend Piaster in Rubel umzutauschen.

– Einige tausend Piaster? ... antwortete Selim, der sich gar keine Mühe gab, den Sonderling zu begreifen.

– Ja, ... Selim ... in russisches Geld, das ich bei meiner Fahrt durch moskowitisches Territorium brauche.

– Aber, lieber Onkel, wirst Du uns endlich erklären? ... begann Ahmet, an den das junge Mädchen sich anschmiegte.

– Zu welchem Wechselcurse heute? fragte Seigneur Keraban.

– Dreieinhalb Percent, antwortete Selim, bei dem der Banquier einen Augenblick zum Vorschein kam.

– Was! Dreieinhalb?

– Die Rubel sind im Steigen, erwiderte Selim, sie werden auf dem Geldmarkte gesucht ...

– Nun für mich, Freund Selim, werden Dreieinviertel auch genug sein. Du verstehst mich ... Dreieinviertel!

– Für Dich, ja! Für Dich, Freund Keraban, und sogar ohne jede Commissionsgebühr!«

Der Banquier Selim wußte offenbar nicht mehr, was er sagte und was er that.

Selbstverständlich beobachtete Yarhud von dem unteren Theile der Galerie, wo er sich verborgen hielt, diese ganze Scene mit gespanntester Aufmerksamkeit. Was würde aus derselben für seine Pläne Günstiges oder Ungünstiges hervorgehen?

Da nahm Ahmet seinen Onkel am Arm, hielt ihn noch auf der Schwelle der Thür, die er eben überschreiten wollte, und zwang ihn, was bei dessen starrköpfigem Charakter nicht leicht war, noch einmal umzukehren.

»Lieber Onkel, Du hast uns Alle im Augenblick Deiner Ankunft umarmt ...

– Nein doch, nein, lieber Neffe, entgegnete Keraban, im Augenblick meiner Weiterreise!

– Zugegeben, lieber Onkel ... ich will Dir nicht widersprechen ... aber sag' uns wenigstens, was Dich hieher nach Odessa geführt hat.

– Ich bin nur nach Odessa gekommen, erklärte Keraban, weil Odessa auf meinem Wege lag. Wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wär' ich eben nicht hieher gekommen, nicht wahr, Van Mitten?«

Der Holländer begnügte sich mit einem zustimmenden Zeichen, indem er langsam den Kopf senkte.

»Ah, da fällt mir ein, Sie sind ja nicht einmal vorgestellt worden, das muß ich doch noch nachholen!« sagte der Seigneur Keraban.

Dann wandte er sich an Selim.

»Mein Freund, Van Mitten, sagte er, mein Correspondent in Rotterdam, den ich zum Abendessen nach Scutari mitnehme.

– Nach Scutari? rief der Banquier.

– Es scheint so! ... bestätigte Van Mitten.

– Und sein Diener Bruno, fuhr Keraban fort, ein wackerer junger Mann, der sich von seinem Herrn nicht hat trennen wollen.

– Es scheint so! ... antwortete Bruno als getreues Echo.

– Und nun vorwärts!«

Noch einmal nahm Ahmet das Wort.

»Alles zugestanden, lieber Onkel, glaube auch nicht, daß es mir in den Sinn kommen könnte, Dir zu widersprechen. Doch, wenn Du nur nach Odessa gekommen bist, weil das auf Deinem Wege liegt, welchen Weg willst Du dann einschlagen, um von Constantinopel nach Scutari zu kommen?

– Den Weg, der um das Schwarze Meer führt.

– Eine Reise um das Schwarze Meer!« rief Ahmet fast betäubt.

Einen Augenblick herrschte allgemeines Stillschweigen.

»Nun, begann endlich Keraban wieder, ist denn daran etwas so Staunenswertes, so Außerordentliches, daß ich mich von Constantinopel nach Scutari auf dem Wege um das Schwarze Meer begebe?«

Der Banquier Selim und Ahmet sahen sich an. War der reiche Kaufmann aus Galata vielleicht übergeschnappt?

»Freund Keraban, ließ sich da Selim vernehmen, wir denken natürlich nicht daran, Dir entgegen zu treten« ...

Das war die gewöhnliche Redensart, mit der man klugerweise jedes Gespräch mit dem Starrkopf einzuleiten pflegte.

»Wir wollen Dir nicht entgegentreten, es scheint uns jedoch, daß man, um von Constantinopel direct nach Scutari zu kommen, nur über den Bosporus zu fahren braucht.

– Es giebt keinen Bosporus mehr!

– Keinen Bosporus mehr? wiederholte Ahmet.

– Wenigstens nicht mehr für mich! Dieser existirt nur noch für Die, welche sich einer ungerechten Steuer unterwerfen wollen, einer Steuer von zehn Paras die Person, einer Steuer, mit der die Regierung der Jungtürken das bis zum heutigen Tage freie Gewässer schändet!

– Wie? ... Eine neue Steuer! rief Ahmet, der sofort durchschaute, in welches Abenteuer ein Trotz ohne Gleichen seinen Onkel eben stürzte.

– Ja, erwiderte Seigneur Keraban lebhafter werdend. Gerade als ich in meinen Kajik steigen wollte, ... um nach Scutari zum Essen zu fahren ... mit meinem Freund Van Mitten, wurde diese Steuer von zehn Paras verkündigt. Natürlich weigerte ich mich, sie zu bezahlen ... man wollte mich deshalb nicht passiren lassen ... da sagte ich, ich würde schon nach Scutari zu kommen wissen, ohne über den Bosporus zu gehen. Man gab mir zur Antwort, das werde nicht angehen! ... Ich erwiderte, es werde doch gehen ... und es wird auch gehen. Bei Allah, ich hätte mir lieber die Hand abhauen lassen, als sie nach meiner Tasche zu führen, um daraus zehn Paras herauszuholen. Nein, bei Mohammed! bei Mohammed!«

Offenbar kannten die Leute Keraban nicht! Sein Freund Selim aber und sein Neffe Ahmet, Van Mitten und Amasia kannten ihn und begriffen, daß es nach dem Vorgefallenen unmöglich sein werde, ihn von seinem Entschluß abzubringen. Hier galt es also, nicht zu verhandeln, was die Sache nur verschlimmert hätte, sondern sie einfach anzunehmen, wie sie lag.

Ohne weitere Verständigung war doch die allgemeine Zustimmung dasjenige, was am gerathensten erschien.

»Alles in Allem, lieber Onkel, hast Du eigentlich recht, sagte Ahmet.

– Vollkommen recht, fügte Selim hinzu.

– Immer recht! erklärte Keraban.

– Ungerechten Ansprüchen muß man entgegentreten, fuhr Ahmet fort, entgegentreten, und wenn man dabei sein Vermögen auf's Spiel setzte.

– Und selbst das Leben! vervollständigte Keraban diese Ansicht.

– Du hast sehr wohl daran gethan, die Zahlung dieser Steuer zu verweigern, den Beweis zu liefern, daß Du von Constantinopel nach Scutari gelangen kannst, ohne den Bosporus zu überschreiten.

– Und ohne dafür zehn Paras auszugeben, setzte Keraban hinzu, und sollte es mich Fünfmalhunderttausend kosten.

– Doch hast Du es, mein' ich, wohl nicht so eilig mit der Weiterreise? fragte Ahmet.

– Sehr eilig, lieber Neffe, antwortete Keraban. Ich muß, Du weißt, vor Ablauf von sechs Wochen zurück sein.

– Guter, lieber Onkel, Du kannst uns doch acht Tage in Odessa schenken? ...

– Nicht fünf Tage, nicht vier, nicht einen, erwiderte Keraban, nicht einmal eine Stunde!«

Ahmet sah, daß seine widerstrebende Natur ihn wieder übermannte. Er gab Amasia ein Zeichen, ein Wort einzulegen.

»Und unsere Hochzeit, Herr Keraban? sagte das junge Mädchen, ihn an der Hand fassend.

– Deine Hochzeit, Amasia? erwiderte Keraban, diese wird keineswegs weiter hinausgeschoben werden; sie muß vor Ende des nächsten Monats stattfinden! – Nun, das soll auch der Fall sein. Meine Reise wird sie nicht um einen Tag verzögern ... unter der Bedingung, daß ich abreise, ohne einen Augenblick zu verlieren!«

So fiel denn der ganze Berg froher Hoffnungen zusammen, den Alle auf die unerwartete Ankunft des Seigneur Keraban gebaut hatten. Die Hochzeit würde nicht beschleunigt, aber sie würde auch nicht verzögert werden! sagte er. Doch, wer konnte dafür einstehen? Wie hätte Jemand die Zufälligkeiten einer so langen und anstrengenden Reise, die sich unter solchen Verhältnissen vollzog, sicher vorher berechnen können?

Ahmet konnte eine etwas verächtliche Bewegung nicht unterdrücken, die sein Onkel zum Glück nicht bemerkte, ebensowenig die Wolke, welche Amasias Stirn verfinsterte, und ebensowenig wie er Nedjeb murmeln hörte:

»O, dieser Unmensch von Onkel!

– Uebrigens, setzte dieser noch hinzu, im Tone eines Mannes, der einen Vorschlag macht, der jeden Einwurf ausschließt, rechne ich daraus, daß Ahmet mich begleiten wird.

– Teufel, das war ein Hauptschlag, der schwer zu pariren sein wird! sagte Van Mitten, halblaut für sich.

– Es wird ihn auch Niemand pariren!« flüsterte Bruno ihm zu.

Ahmet hatte dieser Schlag wirklich mitten in's Herz getroffen. Amasia ihrerseits blieb gegenüber der drohenden Aussicht, auch ihren Verlobten wegreisen zu sehen, regungslos neben Nedjeb, welche dem Seigneur Keraban am liebsten die Augen ausgerissen hätte.

Am Ende der Galerie verlor der Capitän der »Guidare« kein Wort von diesem Gespräche. Offenbar nahm die Sache eine für seine Projecte günstige Wendung.

Selim glaubte, trotz ganz geringer Hoffnung, etwas an dem Entschlusse seines Freundes zu ändern, doch noch ein Wort einlegen zu sollen.

»Ist es denn nothwendig, Keraban, daß Ihr Neffe die Reise um das Schwarze Meer mitmacht?

– Nothwendig, nein! erwiderte Keraban. Aber ich denke, Ahmet wird gar nicht zaudern, mich zu begleiten.

– Indeß ... stammelte Selim.

– Nun indeß?« ... wiederholte Keraban, der schon die Lippen zusammenbiß, wie er das allemal beim Beginn eines Wortwechsels that.

Eine Minute Stillschweigen, welche endlos schien, folgte dem letzten Worte Keraban's. Ahmet hatte sich inzwischen zu einem Entschlusse aufgerafft. Er sprach leise mit dem jungen Mädchen. Er machte ihr begreiflich, daß es, wie sehr sie beide auch diese plötzliche Trennung beklagen mochten, doch besser sei, nachzugeben; daß jene Reise, ohne ihn, sich leicht noch mehr verzögern könnte, während sie mit ihm schneller von Statten gehen werde; daß er bei seiner gründlichen Kenntniß der russischen Sprache weder einen Tag noch eine Stunde versäumen lassen werde; daß er seinen Onkel schon dazu bringen werde, doppelte Schritte zu machen, wie man sagt, und sollte es auch dreifache Unkosten verursachen, und daß er endlich vor Ablauf des nächsten Monats; d. h. vor dem Zeitpunkt, an dem Amasia vermählt sein mußte, um sich ein beträchtliches Vermögen zu sichern, den Onkel Keraban wieder nach dem linken Ufer des Bosporus hinübergebracht haben werde.

Amasia hatte zwar nicht die Kraft gefunden, ja zu sagen, sie sah aber ein, daß ihre Interessen damit voraussichtlich am besten gewahrt seien.

»Nun gut, es gilt, lieber Onkel! sagte Ahmet, ich werde Dich begleiten, und bin bereit abzureisen ... aber ...

– O, keine Bedingungen, Herr Neffe!

– Meinetwegen, ohne jede Bedingung!« sagte Ahmet.

Für sich setzte er aber hinzu:

»Ich werde Dich schon im Trabe halten, und wenn Du dabei außer Athem kommst, Du starrköpfigster aller Onkel!

– Also vorwärts!« rief Keraban.

Nochmals wendete er sich an Selim.

»Nun, und die Rubel im Austausch für meine Piaster?

– Gebe ich Dir in Odessa; ich werde Dich nach der Stadt begleiten, antwortete Selim.

– Sind Sie bereit, Van Mitten? fragte Keraban.

– Ich bin stets bereit.

– Nun also, Ahmet, sagte Keraban, umarme Deine Braut, umarme sie recht herzlich, denn wir wollen fort!«

Ahmet drückte das junge Mädchen in die Arme. Amasia konnte einige Thränen nicht unterdrücken.

»Ahmet, mein geliebter Ahmet! ... schluchzte sie.

– Weine nicht, meine Amasia! tröstete sie Ahmet. Wenn unsere Hochzeit nicht beschleunigt wird, so wird sie auch nicht verschoben werden, das verspreche ich Dir! ... Es handelt sich nur um eine Trennung von wenigen Wochen! ...

– Ach, beste Herrin, ließ sich da Nedjeb vernehmen, wenn der Seigneur Keraban doch ein Bein oder lieber zwei brechen wollte, ehe er aus dem Hause kommt. Wollen Sie, daß ich das herbeizuführen suche?«

Ahmet bedeutete der jungen Zigeunerin, sich ruhig zu verhalten, und er that wohl daran. Nedjeb wäre wahrlich im Stande gewesen, Alles zu versuchen, um diesen unfügsamen Onkel zurückzuhalten.

Nun war Lebewohl gesagt, waren die letzten Küsse gewechselt. Alle fühlten sich seltsam erregt. Selbst der Holländer empfand etwas wie einen Druck am Herzen. Nur der Seigneur Keraban allein sah nichts, oder wollte von der allgemeinen Traurigkeit nichts sehen.

»Ist der Wagen bereit? fragte er Nizib, der eben in die Galerie trat.

– Der Wagen erwartet Sie, antwortete Nizib.

– Vorwärts! trieb nun Keraban. Ah, meine modernen Herren Ottomanen, die sich europäisch kleiden! Ah, meine Herren Jungtürken, die nicht einmal verstehen, ordentlich fett zu werden! ...«

Das war augenscheinlich ein unverzeihlicher Fehler in den Augen des Seigneur Keraban.

»Ah, meine Herren Renegaten, die ihr Euch den Vorschriften Mahmud's fügt, ich werde Euch zeigen, daß es noch Altgläubige giebt, mit denen Ihr niemals fertig werdet!«

Niemand widersprach ja dem Seigneur Keraban, und doch wurde dieser immer hitziger.

»Ah, Ihr vermeßt Euch den Bosporus zu monopolisiren zu eigenen Gunsten, nun, ich werde Euren Bosporus nicht brauchen! Ich verlache Euren Bosporus! – Sie sagen, Van Mitten?

– Ich sage nichts, antwortete Van Mitten, der wirklich nicht den Mund aufgethan, und sich davor wohl gehütet hätte.

– Euer Bosporus! Ihr Bosporus! rief Seigneur Keraban fort, mit der Hand nach Süden weisend. Zum Glück ist noch das Schwarze Meer da. Es hat auch ein Ufer, das Schwarze Meer, und das ist nicht ausschließlich für Caravanenführer geschaffen. Ich werde ihm folgen, werde es umkreisen! Hallo! Meine Freunde, seht Ihr nicht schon von hier das Gesicht der Regierungsbeamten, wenn sie mich werden auf den Höhen von Scutari erscheinen sehen, ohne nur einen halben Para in den Klingelbeutel der großherrlichen Bettler geworfen zu haben?«

Man muß zugeben, daß der Seigneur Keraban, als er mit dieser letzten verächtlichen Bezeichnung seinem Inneren Luft machte, sich ganz vorzüglich ausnahm.

»Nun vorwärts, Ahmet! Vorwärts, Van Mitten! rief er, wir müssen fort, fort, fort!«

Schon befand er sich an der Thür, als Selim ihn mit einem Worte aufhielt.

»Freund Keraban, sagte dieser, noch ein Bedenken ...

– Kein Bedenken!

– Nun gut, eine einfache Bemerkung, die ich Dir noch machen wollte, lenkte der Banquier ein.

– Haben wir dazu noch Zeit? ...

– Höre mich, Freund Keraban. Wenn Du nach Vollendung der Fahrt um das Schwarze Meer nun nach Scutari kommst, was gedenkst Du dann zu thun?

– Ich? ... Nun, ich ... ich ...

– Du wirst Dich, mein' ich, doch nicht in Scutari festsetzen wollen, ohne je nach Constantinopel zurückzukehren, wo doch der Sitz Deines Handelshauses ist?

– Nein, antwortete Keraban etwas zögernd.

– Und dann, lieber Onkel, begann Ahmet, wenn Du nun darauf beharrst, nicht wieder über den Bosporus zu gehen, wie wird's dann mit unserer Hochzeit? ...

– Freund Selim, das ist ganz einfach! erklärte Keraban, die erste Frage, welche ihn etwas in Verlegenheit setzte, übergehend. Was hindert Dich, mit Amasia nach Scutari zu kommen? Es wird Dir freilich à Person zehn Paras kosten, den Bosporus zu überschreiten, bei der Sache kommt aber Deine Ehre nicht ebenso in's Spiel wie die meinige.

– Ja, ja! Kommt nach Scutari, in einem Monat! rief Ahmet. Du erwartest uns da, meine theure Amasia, und wir werden schon dafür sorgen, Euch nicht zu lange warten zu lassen.

– Einverstanden! Also auf Wiedersehen in Scutari! antwortete Selim. So werden wir die Hochzeit dort feiern! – Aber wenn das nun vorbei ist, Freund Keraban, wirst Du dann nicht nach Constantinopel hinüber gehen?

– Ich werde hinübergehen, rief Keraban, sicherlich, ich komme hinüber!

– Doch wie?

– Wenn die ungerechte Steuer abgeschafft ist, werd' ich eben über den Bosporus fahren ... ohne etwas zu zahlen ...

– Und wenn das noch nicht der Fall wäre?

– Wenn's nicht der Fall ist? ... antwortete Seigneur Keraban mit trotziger Bewegung, bei Allah, dann nehm' ich denselben Weg und fahre noch einmal um das Schwarze Meer!«

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