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Keraban der Starrkopf. Erster Band

Jules Verne: Keraban der Starrkopf. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJulius Verne
titleKeraban der Starrkopf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
seriesCollection Verne
volumeBand 43
printrunZweite Auflage
correctorreuters@abc.de
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Neuntes Capitel.

Worin dem Gelingen des Planes des Capitän Yarhud nur noch sehr wenig fehlte.

In diesem Augenblicke erschien ein Diener des Hauses – derjenige, welcher nach türkischer Sitte nur die Bestimmung hat, die Besucher anzumelden – in einer der Seitenthüren der Galerie.

»Seigneur Ahmet, sagte er, es ist ein Fremder da, der Sie zu sprechen wünscht.

– Wer ist es? fragte Ahmet.

– Ein maltesischer Capitän. Er besteht darauf, daß Sie ihn doch ja empfangen möchten.

– Meinetwegen. Ich komme ... antwortete Ahmet.

– Lieber Ahmet, sagte da Amasia, empfange doch den Capitän, wenn er Dir nichts Besonderes mitzutheilen hat, gleich hier.

– Vielleicht ist es der, welcher die reizende Tartane da unten führt? bemerkte Nedjeb, nach dem kleinen Schiffe zeigend, das unmittelbar vor dem Garten vor Anker lag.

– Vielleicht! antwortete Ahmet. Lass' ihn eintreten.«

Der Diener zog sich zurück und gleich darauf zeigte sich der Fremde in der Thür der Galerie.

Es war in der That Capitän Yarhud, der Befehlshaber der Tartane »Guidare«, eines schnellen Schiffes von etwa hundert Tonnen, das eben so geeignet schien zur Küstenschiffahrt auf dem Schwarzen Meere, wie zur Fahrt nach den Stapelplätzen der Levante.

Zu seinem großen Leidwesen hatte Yarhud etwas warten müssen, ehe er in geringer Entfernung der Villa des Banquiers Selim Anker werfen konnte.

Ohne eine Stunde zu verlieren, war er nach dem Gespräch mit Scarpante, dem Intendanten des Seigneur Saffar, mit Benützung der bulgarischen und rumänischen Eisenbahnen von Constantinopel nach Odessa gefahren – damit kam Capitän Yarhud jedenfalls einige Tage vor dem Seigneur Keraban an, der sich mit echt alttürkischer Langsamkeit binnen vierundzwanzig Stunden nur fünfzehn bis sechzehn Lieues vorwärtsbewegte. In Odessa fand er aber die Witterung so schlecht, daß er mit der »Guidare« nicht aus dem Hafen zu gehen wagte, sondern warten mußte, bis der Nordostwind nach Westen zu umschlug. Erst heute Morgen hatte er in der Nähe der Villa anlegen können. Diese Verzögerung raubte ihm nun einen großen Theil des Vorsprungs vor Seigneur Keraban, ein Umstand, der sein Vorhaben natürlich nicht begünstigen konnte. Yarhud mußte also handeln, ohne einen Tag zu verlieren. Sein Plan stand fest: Erst List, dann Gewalt, wenn's mit der List mißglückte. Es war aber auch nothwendig, daß die »Guidare« mit Amasia an Bord noch am nämlichen Abende von der Rhede von Odessa wegsegelte. Ehe ihr Verschwinden dann bemerkt und eine Verfolgung eingeleitet werden konnte, mußte die Tartane bei günstigem Nordwestwinde schon so gut wie in Sicherheit sein.

Entführungen dieser Art finden noch immer, und häufiger als man glauben sollte, an verschiedenen Küstenpunkten statt. Wenn sie in den türkischen Gewässern, in der Nähe der Küsten Anatoliens ziemlich oft vorkommen, so sind dieselben doch auch noch an solchen Küsten zu fürchten, welche direct unter russischer Herrschaft stehen.

Vor kaum einigen Jahren wurde gerade Odessa von einer ganzen Reihe solcher Räubereien heimgesucht, deren Urheber unbekannt geblieben sind. Es verschwanden damals mehrere junge Mädchen aus der besten Gesellschaft Odessas, und ohne jeden Zweifel wurden sie an Bord solcher Fahrzeuge geschleppt, welche an den Küsten Kleinasiens noch immer den abscheulichen Sclavenhandel treiben.

Was jene Schurken in der Hauptstadt Südrußlands ausgeführt, das wollte Yarhud zu Gunsten des Seigneur Saffar auch vollbringen. Die »Guidare« machte damit nicht einmal den ersten Versuch, und ihr Capitän hätte gewiß nicht für vieles Geld sich den großen Nutzen entgehen lassen, den er aus diesem »Geschäfte« zu ziehen hoffte.

Yarhud's Plan ging auf Folgendes hinaus: er wollte das junge Mädchen an Bord der »Guidare« zu locken suchen unter dem Vorwande, ihr verschiedene kostbare Stoffe, die er in den ersten Fabriken eingekauft, zu zeigen. Sehr wahrscheinlich begleitete Ahmet das junge Mädchen bei deren erstem Besuche; vielleicht aber kam sie noch einmal allein mit Nedjeb wieder. Sollte es dann nicht möglich sein, in See zu gehen, bevor ihr Jemand zu Hilfe kommen konnte? Ließe sich Amasia aber wider Erwarten nicht durch das Angebot Yarhud's überreden, schlug sie es ab, an Bord zu kommen, so wollte der maltesische Capitän sie mit Gewalt entführen. Die Wohnung des Banquiers Selim lag ziemlich vereinzelt an einer Bucht, und die Dienerschaft wäre gewiß nicht im Stande gewesen, den Leuten von der Tartane Widerstand zu leisten; jedenfalls ging es dann freilich nicht ohne Kampf ab und es wurde sofort bekannt, unter welchen Verhältnissen die Entführung stattgefunden hatte.

Im Interesse des Räubers lag es also, die Sache womöglich ohne Aufsehen durchzuführen.

»Der Seigneur Ahmet? sagte Capitän Yarhud sich vorstellend, und nur begleitet von einem seiner Matrosen, der unter dem Arme mehrere Stoffstücke trug.

– Der bin ich, antwortete Ahmet. Sie sind ...

– Der Capitän Yarhud, Befehlshaber der Tartane »Guidare,« welche hier, dicht vor der Wohnung des Banquiers Selim, vor Anker liegt.

– Und was wünschen Sie?

– Seigneur Ahmet, antwortete Yarhud, ich habe von Ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit gehört ...

– Da haben Sie, Capitän, von einer Sache gehört, die mir mehr als alles Andere am Herzen liegt.

– Das begreif' ich, Seigneur Ahmet, erwiderte Yarhud, sich nach Amasia umwendend. Dabei bin ich auf den Gedanken gekommen, Ihnen all' die Schätze, welche meine Tartane enthält, zur Verfügung zu stellen.

– O, Capitän Yarhud, da haben Sie wahrlich einen nicht üblen Gedanken gehabt, erklärte Ahmet.

– Aber, liebster Ahmet, sagte das junge Mädchen, was sollte mir noch fehlen?

– Wer weiß? erwiderte Ahmet. Die levantinischen Capitäne haben oft eine Auswahl prächtiger Gegenstände, und man muß eben sehen ...

– Ja, ja, sehen und kaufen, rief Nedjeb, und wenn wir auch Seigneur Keraban zu Grunde richten sollten zur Strafe für sein Zögern.

– Und woraus besteht ihre Ladung, Capitän? fragte Ahmet.

– Aus vorzüglichen Stoffen, die ich an den Erzeugungsstellen eingekauft habe, erwiderte Yarhud, und mit denen ich gewöhnlich handle.

– Nun, das müssen die jungen Damen sehen! Sie verstehen sich darauf weit besser als ich, und ich werde mich glücklich schätzen, liebste Amasia, wenn der Capitän der »Guidare« unter seiner Ladung einige Stoffe hat, welche Deinen Beifall finden.

– Daran zweifle ich nicht, antwortete Yarhud; übrigens hab' ich Sorge getragen, verschiedene Proben mit hierher bringen zu lassen, welche ich Sie zu prüfen bitte, bevor Sie an Bord kommen.

– Lassen Sie sehen, lassen Sie sehen! rief Nedjeb. Aber ich sage Ihnen, Capitän, daß für meine Herrin nichts zu schön sein kann.

– Wirklich, nichts!« wiederholte Ahmet.

Auf ein Zeichen Yarhud's breitete der Matrose verschiedene Stoffe aus, welche der Capitän der Tartane dem jungen Mädchen vorlegte.

»Hier, silberdurchwirkte Seide von Brussa, sagte er, welche eben erst in den Bazaren von Constantinopel eingetroffen war. – Wahrlich, eine schöne Arbeit, meinte Amasia, die Stoffe musternd, welche unter den beweglichen Fingern Nedjebs glitzerten, als wären sie nur aus Lichtstrahlen gewebt.

– Da sehen Sie, sehen Sie! rief die junge Zigeunerin. Etwas Schöneres hätten wir in den Kaufläden Odessas gewiß nicht gefunden!

– In der That, das scheint mir eigens für Dich hergestellt zu sein, meine liebe Amasia, sagte Ahmet.

– Ich mache Sie auch, nahm Yarhud wieder das Wort, besonders auf diese Musseline von Scutari und Turnovo aufmerksam. Sie werden schon an diesem Stücke die Vollkommenheit der Arbeit erkennen, bei mir an Bord würden Sie aber sicherlich über die äußerst mannigfaltigen Dessins und den Glanz der Farben dieser Gewebe erstaunt sein.

– Nun, das ist abgemacht, Capitän, wir werden der »Guidare« einen Besuch abstatten, rief Nedjeb.

– Und Sie werden denselben nicht zu bereuen haben, versicherte Yarhud. Doch erlauben Sie mir, Ihnen noch einige Artikel vorzulegen. Hier sind hochglänzende Brocate, Seidenhemden mit durchscheinenden Streifen, Stoffe zu Feredjes, Musseline zu Jachmaks, persische Shawls zu Schärpen, Taffete zu Beinkleidern ...

Amasia bewunderte mit Interesse die prächtigen Stoffe, welche der maltesische Capitän mit vollendetem Kunstgriffe vor ihren Augen schimmern ließ. Wenn er ein ebensoguter Seemann, wie gewandter Kaufmann war, dann konnte es der »Guidare« an glücklichen Fahrten nicht fehlen. Jedes weibliche Wesen – und die jungen türkischen Damen machen davon keine Ausnahme – hätte sich von diesen, aus den besten Fabriken des Orients stammenden Geweben leicht in Versuchung führen lassen.

Ahmet bemerkte mit Vergnügen, mit welcher Bewunderung seine Verlobte dieselben betrachtete. Sicherlich konnten, wie Nedjeb gesagt hatte, weder die Bazare Odessas, noch die von Constantinopel, ja nicht einmal die Magazine von Ludovics, dem berühmten armenischen Händler, eine kostbarere Auswahl aufweisen.

»Liebe Amasia«, meinte Ahmet, »Du wirst doch nicht wollen, daß dieser brave Capitän sich für uns umsonst bemüht hat? Da er Dir so herrliche Stoffe zeigt, und seine Tartane davon noch schönere birgt, so werden wir einen Besuch auf der Tartane machen«.

– Ja, ja, rief Nedjeb, die sich gar nicht mehr halten konnte und schon nach dem Meere zu lief.

– Und wir werden auch, setzte Ahmet hinzu, irgend ein Seidenzeug finden, das dieser Närrin Nedjeb gefällt.

– Nun, ist's denn nicht auch nöthig, daß sie ihrer Herrin Ehre macht, antwortete Nedjeb, vorzüglich an einem Tage, wo deren Vermählung mit einem so freigebigen Gatten wie Seigneur Ahmet gefeiert wird?

– Und eines so guten, fügte das junge Mädchen hinzu, indem sie die Hand ihrem Verlobten entgegenstreckte.

– Es ist also abgemacht, Capitän, sagte Ahmet, Sie werden uns an Bord ihrer Tartane empfangen.

– Zu welcher Stunde? fragte Yarhud, denn ich möchte selbst da sein, um Ihnen alle meine Schätze zu zeigen.

– Nun gut ... also am Nachmittage.

– Warum nicht gleich jetzt? rief Nedjeb.

– O, Du Ungeduldige! antwortete Amasia. Sie hat es noch eiliger als ich, jenen schwimmenden Bazar zu besuchen! Man merkt es, daß Ahmet ihr ein Geschenk versprochen hat, das sie nur noch coquetter machen wird.

– Coquett! rief Nedjeb schmeichelnd. Ich putze mich aber nur für Sie, meine geliebte Herrin.

– Es steht ganz bei Ihnen, Seigneur Ahmet, sagte der Capitän, nach der Tartane zu kommen, wann sie wollen. Ich kann ein Boot aussetzen, welches Sie hier an der Terrasse abholt, und nach wenigen Ruderschlägen werden Sie an Bord gelangt sein.

– So thun Sie es, erklärte Ahmet.

– Ja ... an Bord! jubelte Nedjeb.

– An Bord, weil Nedjeb es will!« setzte das junge Mädchen hinzu.

Capitän Yarhud befahl seinem Matrosen, die mitgebrachten Stoffe wieder einzupacken.

Inzwischen begab er selbst sich nach der Balustrade am Ende der Terrasse und ließ einen lang gedehnten Pfiff ertönen.

Man konnte sehen, daß darauf auf dem Deck der Tartane einige Bewegung entstand. Das an dem Backborddavids hängende Boot sank langsam zum Meere nieder, und nach Verlauf von fünf Minuten stieß ein scharf gebautes, leichtes Fahrzeug, getrieben von vier Ruderern, an die Stufen der Terrasse.

Capitän Yarhud gab Seigneur Ahmet ein Zeichen, daß das Boot zu seiner Verfügung stehe.

Trotz der Herrschaft, die er über sich besaß, konnte Yarhud doch eine gewisse Erregung nicht ganz unterdrücken. Bot sich jetzt nicht eine Gelegenheit, die Entführung in's Werk zu setzen? Die Zeit drängte, denn der Seigneur Keraban konnte nun jede Stunde eintreffen. Nichts deutete darauf hin, daß er vor Vollendung dieser fast unsinnigen Reise um das Schwarze Meer nicht werde so schnell als möglich die Hochzeit Ahmets und Amasias feiern wollen. Als Gattin Ahmets war Amasia aber nicht mehr das junge Mädchen, welche der Palast des Seigneur Saffar erwartete.

Ja, der Capitän Yarhud sah sich plötzlich zu einem Gewaltstreich getrieben. Es entsprach ganz seiner brutalen Natur, keine Schonung zu kennen. Ueberdies waren die Umstände besonders günstig und ebenso der Wind, um schnell in's offene Wasser zu gelangen. Die Tartane mußte auf offener See sein, bevor man daran denken konnte, dieselbe zu verfolgen, im Fall das Verschwinden des jungen Mädchens sofort Aufsehen erregte. Gewiß hätte Yarhud, wenn Ahmet nicht mit zugegen gewesen wäre und Amasia nebst Nedjeb allein die »Guidare« besucht hätten, nicht einen Augenblick gezögert, die Anker zu lichten und in See zu gehen, während noch die beiden jungen Mädchen damit beschäftigt waren, ihre Auswahl zu treffen. Es wäre dann so leicht gewesen, sie im Zwischendeck gefangen zu halten und ihr Geschrei zu ersticken, bis das Schiff die Bai hinter sich hatte. In Gegenwart Ahmets war das freilich schwieriger, wenn auch nicht unmöglich. Sich dieses jungen Mannes, so entschlossen derselbe auch war, später, und wäre es durch Mord, zu entledigen, darüber machte sich der Capitän der »Guidare« keinerlei Bedenken. Der Mord wäre einfach mit auf Rechnung gesetzt worden und die Entführung kam dem Seigneur Saffar bedeutend theurer zu stehen. Das war Alles.

Yarhud wartete also auf den Stufen der Terrasse, noch unentschlossen, was er thun solle, als Ahmet mit seinen Begleiterinnen das Canot der »Guidare« bestiegen hatte.

Das leichte Fahrzeug schwankte graciös auf den flachen, von schwacher Brise getriebenen Wellen in der Entfernung von kaum einer Kabellänge.

Ahmet befand sich noch auf der letzten Stufe, nachdem er Amasia geholfen, aus der Bank im Hintertheile des Bootes Platz zu nehmen, als die Thür der Galerie sich aufthat. In derselben erschien ein Mann von höchstens fünfzig Jahren, dessen türkische Tracht sich der europäischen Kleidung näherte, und rief:

»Ahmet! Amasia!«

Es war der Banquier Selim, der Vater der jungen Braut, der Correspondent und Freund des Seigneur Keraban.

»Meine Tochter! ... Ahmet!« wiederholte Selim.

Amasia erfaßte die Hand, die ihr Ahmet entgegenhielt, verließ das Boot und eilte nach der Terrasse.

»Was giebt es denn, mein Vater? fragte sie. Was führt Dich so schnell aus der Stadt zurück?

– Eine große Neuigkeit!

– Eine gute? fragte Ahmet.

– Eine ganz ausgezeichnete, antwortete Selim. Eben ist ein von meinem Freund Keraban abgesandter Eilbote im Comptoir eingetroffen.

– Wär's möglich? rief Nedjeb.

– Ein Eilbote, der mir seine Ankunft anzeigt, erwiderte Selim, und der ihm selbst nur um sehr wenig voraus ist.

– Mein Onkel Keraban! rief Ahmet ... Mein Onkel Keraban ist nicht mehr in Constantinopel? ...

– Nein, ich erwarte ihn hier!«

Zum Glück für den Capitän der »Guidare« sah Niemand den Ausdruck von Ingrimm, den er nicht zu unterdrücken vermochte. Die unmittelbare Ankunft des Onkels Ahmets war das ernsthafteste Hinderniß, das er bei der Ausführung seines Vorhabens zu fürchten hatte.

»Ach, der gute Seigneur Keraban! rief Nedjeb.

– Doch weshalb kommt er? fragte das junge Mädchen.

– Nun, wegen Ihrer Vermälung, theure Herrin! antwortete Nedjeb. Was sollte er sonst in Odessa zu suchen haben?

– Das muß der Grund sein, meinte auch Selim.

– Ich denke es, sagte Ahmet. Warum sollte er Constantinopel ohne diesen Grund jetzt verlassen haben? Er wird sich eines Besseren besonnen haben, der würdige Onkel! Er hat sein Constantinopel, seine Geschäfte, ohne uns davon zu benachrichtigen, verlassen ... Das ist eine Ueberraschung, die er uns bereiten wollte.

– Ah, wie werden wir ihn willkommen heißen! rief Nedjeb. Und welch' guten Empfang soll er hier finden!

– Und der Bote hat Dir nichts gesagt, was ihn nun so plötzlich hierher geführt, Vater? fragte Amasia.

– Nichts, antwortete Selim. Dieser Mann hat in Majaki, wo der Wagen des Freundes Keraban anhielt, um die Pferde zu wechseln, ein Postpferd genommen. Er ist nur nach meinem Comptoir gekommen, um anzuzeigen, daß mein Freund Keraban direct hierher kommen werde, ohne sich in Odessa aufzuhalten, und so muß also mein Freund Keraban von einer Minute zur anderen erscheinen!«

Daß der Freund Keraban vom Banquier Selim, der Onkel Keraban von Amasia und Ahmet, und der Seigneur Keraban von Nedjeb jetzt in contumaciam mit den liebenswürdigsten Titeln belegt wurde, bedarf wohl nicht der Erwähnung. Diese Ankunft bedeutete ja die unmittelbar bevorstehende Feier der Hochzeit. Den Verlobten winkte das Glück aus nächster Nähe. Die so erwünschte Verbindung brauchte nicht bis zu dem entscheidenden Termin – entscheidend wegen jener Vermögensfrage – hinausgeschoben zu werden. O, wenn Seigneur Keraban der starrsinnigste aller Menschen war, so war er doch auch der gütigste.

Ungeduldig sah Yarhud dieser Familienscene zu. Sein Boot hatte er indeß noch nicht zurückgesendet. Es kam ihm viel darauf an, zu erfahren, was der Seigneur Keraban zunächst vorhatte. Konnte er in der That nicht fürchten, daß dieser die Vermählung Amasias und Ahmets feiern wolle, ehe er seine Fahrt um das Schwarze Meer fortsetzte?

Da ließen sich schon verschiedene Stimmen, unter welchen eine besonders befehlerisch hervorklang, von draußen vernehmen. Die Thür öffnete sich, und gefolgt von Van Mitten, Bruno und Nizib erschien der Seigneur Keraban.

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