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Kasperls Abenteuer in der Stadt

Josephine Siebe: Kasperls Abenteuer in der Stadt - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspstad/kaspstad.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperls Abenteuer in der Stadt
publisherHerold-Verlag R. & E. Lenk
seriesKasperle-Bücher
volume3
printrunSechzehnte Auflage
illustratorErnst Kutzer
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderjens.sadowski@yahoo.com
created20111108
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Florizel, der Spielmann

Es war schon gut, daß Kasperle unter dem Brückenbogen saß. Die Prinzessin ließ nämlich den Kasperlemann gar nicht sein Spiel beginnen, sondern befahl, alle seine Sachen zu durchsuchen. Beim ersten Holzkasperle rief sie: »Da ist er!«, beim zweiten wieder, und dann drehte sie dem Kasperlemann den Rücken zu und sagte, er könne gehen; einer, der nur Holzkasperles habe, der sei nicht ein Schnipfel wert.

Der Kasperlemann tat einen tiefen Seufzer und sagte: »Ja, wenn ich doch so ein lebendiges Kasperle hätte wie der Meister Friedolin im Waldhaus!«

»Das ist wieder ausgerissen,« brummte die Prinzessin. »Und dabei hat sich mein Vetter mit der Prinzessin Maria verlobt, nur um das Kasperle zu bekommen.«

Da hielt der Kasperlemann seinen Mund, ja, er machte ihn ein bißchen auf und sah etwas dumm dabei aus. Das war er eigentlich gar nicht, sondern ein rechtes Gescheitle.

Die Prinzessin rief unwirsch: »Er mag gehen.«

Da zog der Kasperlemann mit seinen Siebensachen davon und bekam kein einziges Hellerlein für alle Mühe. Er zog aber auch gleich zur Stadt hinaus, um das Kasperle unterm Brückenbogen zu finden. Etwas Angst hatte er schon um den kleinen Schelm.

Kasperle hatte sich inzwischen bei Regen, Blitz und Donner in den Schlaf geweint und war in der Frühe von einem hellen Glitzern auf dem Wasser und eifrigem Geschnatter munter geworden. Das Glitzern kam von der Sonne, die auf das Flüßlein schien, das der Brückenbogen überspannte. Schnattern aber tat eine Schar Enten, die wohlgemut daherschwammen und einen Morgenausflug unternahmen. Wie sie so angeschnattert kamen, packte das Kasperle plötzlich der Übermut. Er schoß aus seinem Versteckwinkel hervor und schnitt den Enten ein bitterböses Räubergesicht. – »Quatschquatquatquatsch,« schrien sie, stoben durcheinander, und auf einmal rief da eine Stimme: »Potz Wetter, wer ist denn da?«

Kasperle wäre vor Schreck bald den Enten nachgeschwommen. Er verkroch sich zitternd in seinen Winkel und lugte ängstlich nach der andern Seite. Da kauerte auch wie er im Winkel ein Mann. Der sah ihn an wie einer, der nicht recht weiß, ob er lachen oder schelten soll.

»He du!« rief endlich der Mann. »Wer bist du denn?«

»Sag's du zuerst,« rief Kasperle hinüber. Er dachte: Wenn er sagt: ein Landjäger, dann sag' ich nicht, daß ich Kasperle bin.

»He, das ist bald gesagt! Ein Wanderbursch bin ich: Florizel, der Sänger.«

»Ich auch!« schrie Kasperle. Vor Wanderburschen hatte er nämlich etwas Angst. Da waren nämlich mitunter welche am Waldhaus vorbeigekommen, und immer hatte die schöne Frau Liebetraut oder sonst jemand gewarnt: »Sei vorsichtig, Kasperle, die nehmen dich gar mit!«

»Na weißte,« rief es drüben, »für einen Wanderburschen bist du schon etwas klein geraten! Wohin geht denn die Reise?«

»In die weite Welt,« schrie Kasperle, der dachte: Ich soll doch nicht sagen, wohin ich reise.

»He, du, dahin reise ich auch! Wollen wir zusammen reisen?« rief der Bursch, dem der kleine Kerl Spaß machte.

»Nä,« rief Kasperle und dachte: Wenn er aufsteht und mich fangen will, dann reiße ich aus.

»Warum denn nicht?«

»Ich mag nicht.«

»Warum magste denn nicht?« Der Handwerksbursch stand auf und wollte zu Kasperle kommen. Da brüllte der: »Bleib in deinem Eckle!« Und gleich schnitt er erst ein Teufelsgesicht, dann eins wie die Prinzessin Gundolfine, wenn sie ganz, ganz schlechter Laune war.

Potz Wetter! Der Handwerksbursch setzte sich vor Schreck gleich wieder hin.

»Du bist ja wohl ein Kobold?«

»Ach!« Kasperle tat einen Seufzer so tief wie der Brunnen auf Lindeneck. Und dann steckte es seine Nase in das junge grüne Gras und schluchzte bitterlich.

Dem Gesellen wurde das Herz weich. Er war ein rechter Sausewind und zog durch die Welt, als hätte er seine jungen, starken Glieder nicht zur Arbeit, sondern Arbeit wäre Träumen in Wald und Flur. Aber ein weiches Herz hatte er bei all seinem Leichtsinn, und des Kasperles Schmerz rührte ihn. Er rutschte sachte näher, und weil das Kasperle ja nicht wußte, wohin es ausreißen sollte, blieb es sitzen und ließ sich von dem Burschen streicheln. Der redete freundlich mit dem Kleinen, und weil Kasperle ohnehin nicht leicht etwas verschweigen konnte, erzählte er dem Fremden seine ganze Geschichte, wie er im Waldhaus gelebt hatte, und daß er nun durchs ganze Herzogtum ziehen müsse und hier auf den Kasperlemann warten solle.

»Ei, den kenn' ich wohl!« sagte der Wanderbursche. »Aber weißt du, sehr gescheit ist's nicht von ihm, daß er dich hier unter der Brücke versteckt hat, denn sie wird oben bewacht. Jetzt spazieren zwei dicke Brückenwächter bald darüber hin.«

»Aber gestern war doch keiner da!« stotterte Kasperle.

»I freilich, weil Blitz und Donner war! Das lieben die nicht.«

Kasperle tat seinen Mund gewaltig auf, er wollte losheulen, aber klatsch! schlug ihm der Bursche mit der Hand darauf. »Tu's net, das hören die. Wart, ich klettere hinauf und helfe dir.«

Kasperle sah halb ängstlich, halb zutraulich zu dem Fremden auf. Da strich ihm der sachte über das Gesicht. »Ich hab' auch meine Heimat verloren wie du, Kasperle; bin als armes Waisenbüble in die weite Welt gewandert. Na, und da wandere ich halt immer noch. Wir sind zwei arme Schelme, und einer hilft dem andern, und dem Herzog will ich auch gerade ein Streichlein spielen.«

Da wurde das Kasperle ganz vergnügt. Es schnitt fix ein paar Gesichter, und der fremde Gesell lachte. Und als er die Brücke erkletterte, sang er flink ein lustiges Lied, denn er sah den Brückenwärter, mit Spieß und Federhut ungemein stattlich angetan, daherkommen. Der Bursche sang:

»Fing in aller Frühe
ohne Last und Mühe
Einen Wandervogel ein.
Er kann net krähn und pfeifen,
Mit dem Schwanz net schweifen.
Sagt, wer mag der Vogel sein?«

Da wurde der Brückenwächter böse. Er dachte, der Bursche meinte ihn mit dem Wandervogel, und er rief grillig: »Hast wohl wieder unter der Brücke genächtigt, he?«

»Freilich, freilich! War gar schön und still unten.«

»Sitzt niemand unten?« fragte der Wächter, der eigentlich selbst nachsehen sollte.

»Hab' Herrn Niemand net gesehen und auch Herrn Jemand net.« Florizel sprang auf das Brückengeländer, nahm seine Geige und fiedelte dem stattlichen Wächter etwas vor. Er mochte nicht weiter gefragt werden. Und er sang ein Liedchen, das dem Kasperle unten Trost bringen sollte:

»Nur net verzagt!
Bald der Morgen tagt.
Zum guten End'
Sich alles wend't.
Mußt net greinen,
Mußt net weinen!
Zum Himmel schau – «

»Laß das dumme Gesinge!« unterbrach der Brückenwächter Florizels Gesang. Ach, der dicke Wächter ahnte nicht, wie unten dem Kasperle der Gesang gefiel! Das Lied hatte ihn schon zweimal getröstet, und es gab ihm auch jetzt rechten Trost. Er trocknete seine Tränen und wollte darüber nachdenken, warum in aller Welt einem Herzog so viel an einem armen Kasperle lag. Aber wie es so ging, beim Nachdenken schlief er ein.

Oben auf der Brücke saßen inzwischen Florizel und der Wächter und unterhielten sich. Der Wächter sagte: »Florizel, bist ein arger Schelm; jetzt könntest du mal was Vernünftiges tun.«

»Was denn, Herr Oberbrückenaufseher?«

Der schmunzelte. Der Titel gefiel ihm. »Also,« sagte er und legte den Finger an die Nase, »das Kasperle könntest du suchen.«

»Wo ist es denn?«

»Schafskopf! Wenn ich's wüßte, brauchten wir nicht zu suchen. Ausgerissen ist es.«

»Warum denn?«

»Weil – nun, weil es nicht zum Herzog will. Es hat nämlich Angst vor der Prinzessin Gundolfine.«

»Himmel, die hab' ich auch, eine bibberbabbergroße Angst!« schrie Florizel.

»Dumm!« brummte der Wächter, weiter konnte er nichts sagen.

Florizel sprang plötzlich auf und schrie: »Der Kasperlemann! Mein geliebter, süßer Kasperlemann!« Und eins, zwei rannte er dem Nahenden entgegen. Er fiel ihm um den Hals, flüsterte ihm geschwind zu, wo Kasperle sei, und dann zappelte und hampelte er vor dem Kasperlewagen hin und her, als wäre er unter die Kasperles gegangen.

»So ein Hampelmann!« brummte der Wächter. Und dann fragte er den Kasperlemann, woher er käme, wohin er wolle.

»Ich komme aus der Hölle und will in den Himmel,« brummte der.

Er hielt an der Brücke still und fuhr fort: »Mein Rößlein must sich erst ausruhen, es hat heute die Prinzessin Gundolfine gesehen; das ist ihm schlecht bekommen.«

»Du bist aber frech!« Der Wächter tat böse und ging ein Stück die Brücke entlang.

Da nahm Florizel flink ein hölzernes Kasperle aus dem Wagen, warf es pardauz über das Geländer und schrie: »Schilt net, schilt net! Ich bringe es zurück.«

Er nahm rasch seinen Mantel, kletterte über das Brückengeländer, wickelte unten flink das lebendige Kasperle in den Mantel, warf das hölzerne in einen Winkel und stieg wieder empor.

Der Wächter war wieder näher gekommen. »Über das Geländer steigen ist verboten,« rief er barsch.

»Jemine, jemine, er hat mir mein bestes Kasperle ins Wasser geworfen!« jammerte der Kasperlemann.

»Sei still, hier ist's. Ins Wasser ist's freilich gefallen, und ich hab' flink meinen Mantel drumgetan,« rief Florizel und warf das lebendige Kasperle in den Wagen.

»Ich bin böse, ich bin böse; ich bleibe nicht mehr hier,« schrie der Kasperlemann und fuhr flink davon.

»Sei wieder gut, sei wieder gut!« flehte Florizel und lief hinterdrein.

»Närrisches Gesindel das!« brummte der Wächter. »Mögen sie laufen!«

Und dann stolzierte er eingebildet auf der Brücke auf und ab und sagte: »Hier kommt kein Kasperle hinüber, ganz bestimmt nicht.«

Inzwischen fuhr das Kasperle ganz gemütlich im Wagen landeinwärts, und der Kasperlemann sagte: »Florizel, das war schlau von dir. Ein neues Holzkasperle gibt mir Meister Friedolin schon, aber um das lebendige Kasperle wäre es schade gewesen.«

Erst führte der Weg eine Weile auf sonniger Straße dahin, dann kam Wald, und hier lugte Kasperle zum Wäglein heraus und schwätzte mit den beiden. Er war heilfroh, daß des Herzogs Schloß hinter ihm lag.

Ein paarmal sagte der Kasperlemann: »Kasperle, schlupf unter die Decke!« Da kroch das Kasperle in den Wagen, und Florizel sang.

Leute kamen und gingen vorbei. Niemand fragte den Kasperlemann, ob er wohl ein lebendiges Kasperle im Wagen hätte.

So zogen die drei durch das Land. Einmal, am zweiten Tag, sagte Florizel: »Kasperle, guck, da liegt das Schloß der Gräfin Rosemarie!«

Kasperle schaute hinaus und sah das wohlbekannte Schloß daliegen. Ganz still war es ringsum. Auf dem Platz vor dem Schloß blühten Frühlingsblumen. Kasperle sah das Fenster, aus dem er geklettert war, und er seufzte tief auf.

»Kasperle, warum seufzest du so?«

»Er hat Sehnsucht.«

Aber das arg schlimme Kasperle sagte plötzlich: »Ich möcht' noch mal geistern bei der Prinzessin Gundolfine.«

»O jemine, Kasperle! Was bist du für ein Schelm!« rief sein Beschützer. »Doch hallo, flink in den Wagen! Dort kommt jemand, ein Wagen.«

Aber es war nicht nur ein Wagen, vier waren es, und in dem ersten saß ein schönes, freundliches Mädchen.

»Heil, die Prinzessin Maria soll leben!« rief der Kasperlemann.

Florizel aber nahm seine Geige, spielte darauf und sang dazu:

»Mußt net greinen,
Mußt net weinen!
Auf Gott vertrau',
Zum Himmel schau!
Helle Lichter blinken,
Engelein tun winken.
Halt nur aus!
Schon nach Haus
Finden ich und du
Einst in guter Ruh'.«

»Ist das ein Hochzeitslied, dummes Florizel!« brummte der Kasperlemann.

Aber die Prinzessin Maria fing ganz bitterlich zu weinen an, so bitterlich, daß Kasperle im Wagen stöhnte: »Mein Bäuchle, o mein Bäuchle!« Es war aber wieder sein kleines Kasperleherz, das ihm vor lauter Mitleid weh tat. Er dachte: Die arme, liebe Prinzessin soll nun den Herzog August Erasmus mit seiner schlechten Laune heiraten. Das ist aber schlimm, arg schlimm ist's! Er besann sich, ob er ihr denn nicht helfen könnte, aber es fiel ihm gar nichts ein, und so stöhnte er nur erbärmlich.

»Halt doch den Mund!« brummte der Kasperlemann. Und Florizel fing wieder zu singen an:

»Weiß ein Schloß in blauer Fern',
sitzt ein Prinz, der hat dich gern,
Wunderholde Fraue.
Lasse schnell dein Rößlein lenken,
Mußt des Prinzen wohl gedenken,
Wunderholde Fraue!
Darfst vergessen seiner nit.
Rößlein, wende deinen Schritt,
Sag's ihm, holde Fraue!«

Da drehte sich plötzlich die Prinzessin Maria um, rief ihrem Oberhofmeister zu und sagte: »Herr Oberhofmeister, wir fahren einen falschen Weg, ich glaube, der Sänger kann uns geleiten.«

Weil nun viele Jahre Feindschaft zwischen dem Hofe des Herzogs August Erasmus und dem des Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias von Burgau geherrscht hatte, wußten die Leute der Prinzessin, die heute zum erstenmal nach Schloß Himmelhoch auf Besuch kommen sollte, nicht, ob es rechts oder links ging. Der Oberhofmeister fragte also Florizel: »Wandert Ihr nach dem Schloß, und wo liegt es?«

»Freilich wandere ich nach einem Schloß. Dort hinaus, immer der Nase nach geht es.«

»Das ist aber eine dumme Antwort,« brummte der Oberhofmeister, dem seine Nase himmelan stieg.

Florizel aber nahm seine Geige und sagte: »Mit Verlaub, wenn ich Euch führen soll, dann setze ich mich auf den Wagen, gnädige Prinzessin.«

Die nickte ihm zu. Sie befahl auch noch, man solle dem Kasperlemann einen Platz geben und sein Wäglein anbinden; das magere Pferdchen könne dann frei daneben herlaufen.

Der Oberhofmeister schüttelte dazu erstaunt den Kopf, die Hofdamen schüttelten noch erstaunter die Köpfe, die Prinzessin Maria klatschte in die Hände und rief: »Nun, Florizel, sing noch ein Lied!« Da sang der:

»Im Sonnenschein
Ein Schlößlein fein
Ich seh' es blinken.
Ein Prinz tut winken;
Hallo, hallo!
Es kommt gefahren
Mit goldenen Haaren
Die schöne Braut;
Wird ihm getraut.
Hallo, hallo!«

»Dort geht's nach Torburg,« brummte der Kasperlemann. Doch niemand hörte auf ihn.

Kasperle aber lag im Wagen und lauschte auf Florizels Spiel. Dem hatte sicher Meister Severin eine Seele für seine Geige gegeben.

Das Spiel machte froh und traurig, und es lockte sehnsüchtig. Es klang wie Regen und Sonnenschein, und das Kasperle hielt es gar nicht mehr aus in seinem dunklen Versteck. Er streckte einmal seine Nase heraus. Ach, die Gegend hatte er schon einmal vor dreizehn Jahren durchfahren!

Gerade begann Florizel ein neues Lied, und ein Diener, der in dem Wagen saß, an den der Kasperlewagen angebunden war, sagte just zu einer Kammerzofe: »Ich dachte, Schloß Himmelhoch sei viel, viel näher. Wir haben einen großen Umweg gemacht. Warum nur die Prinzessin gerade diesen Weg fahren wollte?«

Da mußte Kasperle herzhaft lachen. Er wußte plötzlich, obgleich er nur ein kleines, dummes Kasperle war, daß die Prinzessin Maria von dem Spielmann entführt werde. Sie fährt auch nach Torburg und heiratet dort den Fürsten, dachte Kasperle. Und der Herzog August Erasmus kann die Prinzessin Gundolfine heiraten.

Darüber mußte er wieder herzhaft lachen.

Ein Diener drehte sich um und sagte erstaunt: »Kasperlemann, in Eurem Wagen lacht es ja!«

»Freilich, freilich,« sagte der Kasperlemann. »Ich habe ein ganz besonderes Kasperle drin, das lacht, wenn es recht geschüttelt wird.«

»Das ist spaßig!« rief die Zofe. »Aber es dunkelt schon, und ich sehe noch immer nichts von Schloß Himmelhoch.«

»Wir sind falsch gefahren, Prinzessin,« rief der Oberhofmeister. »Wir müssen umkehren.«

»Nein, nein,« sagte die Prinzessin Maria. Sie hatte den Fürsten von Wolkenburg von Herzen lieb, obgleich er eigentlich ein armer Fürst war. Und sie war froh, daß sie Florizel, des Fürsten heimlichen Boten getroffen hatte. »Sing doch, sing, Florizel!« bat sie. Da sang der:

»Vöglein, die sangen
Den langen Tag.
Nacht kam gegangen,
Nun schweigt es am Hag.«

»Wir fahren falsch,« rief der Oberhofmeister.

»Tüh tüh tüh tüh!
Hört ihr sie?
Nachtigall fängt an.
Eine nur so singen kann,
Tirillillilli!
Morgen früh, morgen früh
Sind wir in dem rechten Schloß.«

Und so fuhr die Prinzessin Maria von Burgau in die Nacht hinein.

Der Herzog August Erasmus aber saß auf Schloß Himmelhoch und wartete auf die Prinzessin.

Die Prinzessin Gundolfine wartete auch. Die hatte ihr schönstes Kleid angezogen und ihr bösestes Gesicht aufgesetzt. Sie dachte: Warum braucht die dumme Prinzessin zu kommen und den Herzog zu heiraten? Den will ich doch heiraten.

Dem Herzog war die Prinzessin Maria von Burgau eigentlich ganz gleichgültig. Er hätte lieber das Kasperle gehabt. Und als der Tag vergangen war und niemand weder einen Prinzessinnenkopf noch ein Kasperlebein erblickt hatte, ging er wütend in sein Bett und trank vor lauter Ärger sechs Tassen Kamillentee.

Die Prinzessin Gundolfine aber stieg sehr vergnügt in ihr Bett. Sie war froh, daß die Prinzessin noch nicht gekommen war. Sie sagte zu ihrer Kammerzofe: »Und Kasperle kann uns auch nicht entwischen. Ich habe an den Fürsten von Wolkenstein geschrieben, und er hat mir versprochen, er stelle eine Wache auf. Und die Wagen der Waldhausleute werden von oben bis unten untersucht.«

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