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Kasperls Abenteuer in der Stadt

Josephine Siebe: Kasperls Abenteuer in der Stadt - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspstad/kaspstad.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperls Abenteuer in der Stadt
publisherHerold-Verlag R. & E. Lenk
seriesKasperle-Bücher
volume3
printrunSechzehnte Auflage
illustratorErnst Kutzer
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderjens.sadowski@yahoo.com
created20111108
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Abenteuer auf der Flucht

»Jetzt kommt der Vater mit seinem Wagen!« rief Marlenchen, gleich nachdem die Landjäger abgezogen waren.

»Ist gut, 's ist niemand sonst auf der Straße.« Damian nahm das Kasperle wie ein Bündel unter den Arm und lief mit Riesenschritten dahin, wo der Herr von Lindeneck mit seinem Wagen hielt, warf das Kasperle hinein, daß dem Sehen und Hören verging, und weg rannte er.

Marlenchen kletterte auch in den Wagen, und sie wollte gerade beginnen, Kasperle zu bedauern, als der Vater mahnte: »Decke ihn zu und sei still! Der Herzog ist unterwegs.«

»Hach!« Kasperle quiekte vor Angst, er rutschte unter den Sitz und wickelte sich ganz und gar in die Wagendecke ein. Nach zwei Minuten aber klagte er: »Ich krieg' keine Luft, und ich sehe nichts.«

»Das Sehen ist ja nicht gerade nötig. Sonst erblickt der Herzog deine unnützen Kasperleaugen; das wäre schlimm,« sagte Herr von Lindeneck.

Marlenchen aber, der der kleine Freund leid tat, lüftete ein wenig die Decke. Da kam ein Lüftlein an Kasperles Nase, und etwas vom blitzeblauen Himmel sah er auch. »Erzähl' was!« bettelte er, denn das feine Marlenchen wußte gar liebliche Märchen zu erzählen.

»Also, es war einmal,« begann Marlenchen, –

»Ein Herzog, der ein Kasperle haben wollte, und da hinten kommt er angefahren,« unterbrach der Herr von Lindeneck die Geschichte. »Nun sei aber muckstill, Kasperle!«

»Hach!« Kasperle stöhnte dumpf, und dann hielt er sich selbst seinen Mund zu, denn näher und näher klang das Rollen eines andern Wagens. Der Herzog kam wirklich daher, und neben ihm im Wagen saß mit einem sauersüßen Gesicht die Prinzessin Gundolfine, Kasperles ärgste Feindin. Die war bitterböse über des Herzogs Verlobung. Sie dachte nämlich: Wenn er schon heiratet, warum denn nicht mich?

Der Herr von Lindeneck, der guten Grund hatte, den Herzog und seine Base nicht sehr zu lieben, wollte rasch vorbeifahren, aber der Herzog rief ihm zu: »Halt, halt! Ich habe eine Bitte an Sie, Herr von Lindeneck. Ich möchte den Grafen von Singerlingen besuchen, da ich soeben erfahren habe, er sei krank. Aber meine Base Gundolfine will mich nicht begleiten. Nehmen Sie mich, bitte, in Ihrem Wagen mit!«

Da konnte nun Herr von Lindeneck nicht gut nein sagen, denn der Herzog war immerhin sein Landesfürst, und darum sagte er steif, aber höflich, er wolle das tun.

»Er ist ein Grobian,« brummte die Prinzessin. Auch der Herzog ärgerte sich ein wenig, aber er stieg doch aus seinem Wagen aus und setzte sich in den des Herrn von Lindeneck, gerade auf den Sitz, unter dem Kasperle saß. Marlenchen wurde blaß vor Angst, und der Herzog dachte: Sie fürchtet sich vor mir, da begann er gar freundlich mit der Kleinen zu reden.

Die Prinzessin Gundolfine sah es, ärgerte sich, denn sie hatte keine Lust, allein zu fahren. Sie sagte: »Mein herzoglicher Vetter ist drüben in dem Wagen nicht willkommen,« und sie hätte gewiß noch allerlei Ungutes gesagt, wenn der Herr von Lindeneck nicht rasch weitergefahren wäre.

Der fuhr aber so schnell, so schnell er nur konnte, und das arme Kasperle wurde unter seinem Sitz hin und her gestoßen. Er hatte noch den Stock in der Hand, den ihm Damian vorher geschnitzt hatte, und er dachte: Damit stütze ich mich. Er wollte sich also stützen, doch der Stock rutschte aus, und kiks! bekam der Herzog einen Stich in seine Wade.

»Au!« schrie der hohe Herr. »Was beißt denn da?«

Da wurde Marlenchen plötzlich blutrot vor Schreck, und der Herzog begann sich entsetzlich zu schämen. Er dachte nämlich: Mich hat gewiß ein Floh gebissen, und Marlenchen denkt das auch. Und weil er ein sehr vornehmer Herr war, redete er nicht gern von Flöhen. Er fing also flink von seiner Burg Himmelhoch zu reden an und sagte, Marlenchen müsse ihn dort bald besuchen. Aber die Kleine tat den Mund kaum auf. Sie dachte nur immer: Wenn das mit Kasperle nur gut ausgeht! Ihr Vater dachte das auch, und Kasperle schwitzte vor Angst.

Es ging auch nicht gut aus. Eine ganz schlimme Geschichte wurde es.

Dem Wagen entgegen kam nämlich ein anderer gerast, dessen Pferde durchgegangen waren. Hoppdihopp! mal rechts, mal links fuhr der. Herr von Lindeneck wollte halten, aber da war der Wagen schon da. Nun lenkte er, so vorsichtig, er konnte, zur Seite, aber dort war ein von Gras überwachsenes Loch, und pardauz! fiel die ganze Gesellschaft hinein. Der Herzog kam zum Glück für das Kasperle zu unterst, und Kasperle machte einen großen Satz über ihn hinweg, und in seiner Angst raste er in ein Gebüsch hinein und rutschte einen kleinen Abhang hinab. Es war nur gut, daß er nicht sein flitzebuntes Kasperlekittelchen anhatte, sonst wäre er vielleicht doch gesehen worden.

Der Herzog erhob sich stöhnend, Leute kamen gelaufen, Marlenchen lag weiß wie ein Schneeglöckchen im Grase.

Auf der andern Seite gab es auch einen furchtbaren Krach, da fiel auch der andere Wagen um, und eine Weile war ein großes Gelärme auf der Landstraße.

Es stellte sich aber heraus, daß der Herzog nur ein wenig in den Schmutz gefallen war, sonst war ihm gar nichts zugestoßen. Weil er auch einsah, daß der Herr von Lindeneck wirklich nichts dafür konnte, sagte er, er wolle das Stück bis zu dem Schloß des Grafen von Singerlingen zu Fuß gehen, Herr von Lindeneck und Marlenchen sollten ihn begleiten.

Doch da fing das Marlenchen an, so bitterlich zu weinen, daß selbst ihr Vater darüber erschrak. Er nahm sein kleines Mädel auf den Arm und flüsterte ihm zu: »Kasperle sitzt im Busch; der findet sich schon durch. Komm nur schnell von hier weg!«

Das half. Marlenchen trocknete ihre Tränen, und der Herzog gab ihr gnädig die Hand und führte sie selbst über die Wiese. Dabei kamen sie ganz dicht an Kasperle vorbei. Der duckte sich tief, tief ins Gebüsch; er hatte eine schreckliche Angst. Doch kaum war der Herzog vorbei, da erwachte in ihm die Lust, ein Streichlein zu spielen, etwas ganz Unnützes zu tun. Er nahm geschwinde eine große Kröte, die bis dahin gemütlich neben ihm gesessen hatte, und warf sie dem Herzog nach.

Der wollte sich just noch einmal nach dem verunglückten Wagen umsehen, als ihm die Kröte ins Gesicht flog. »Mein Himmel, hier fliegen Frösche herum!« rief er.

Da zerrte und zog das Marlenchen an seiner Hand und flehte: »Wir wollen rasch gehen.« Sie hat Angst vor den Fröschen, dachte der Herzog, und er ließ sich ziehen. Dabei wischte er sich immerzu das Gesicht ab, denn die Kröte war voller Schlamm gewesen, und er fand es gar nicht herzoglich, daß ihm eine Kröte ins Gesicht geflogen war.

Kasperle versteckte sich noch tiefer im lichtgrünen Gebüsch. Er kicherte immer vor sich hin, fand die Geschichte sehr spaßig und vergaß für eine Weile ganz seine gefährliche Lage. Er sollte aber bald daran erinnert werden, denn auf der Landstraße kam rissel-rassel der Wagen daher, in dem die Prinzessin Gundolfine saß.

Alle guten Geister, wenn die ihn erblickte! Sie sah so bitterböse aus, daß einer bei ihrem Anblick schon das Gruseln lernen konnte. Ach, und er wußte, die Prinzessin sah immer alles, was sie nicht sehen sollte. Vor allem sah sie den umgefallenen Wagen. Da ließ sie gleich halten und sich von dem Bauern, der neben dem Wagen stand und auf Hilfe wartete, erzählen, wie alles gekommen war. »Das kommt davon, daß mein herzoglicher Vetter mit dem Herrn von Lindeneck fahren wollte,« rief sie zornig.

Kasperle in seinem Graswinkel schnitt sein allerbösestes Räubergesicht, und er hätte himmelgern der Prinzessin auch eine Kröte ins Gesicht geworfen. Doch er wagte es nicht, er wagte überhaupt kaum, sich zu rühren. Wenn ihn die Prinzessin fing, dann würde ihm alles Schreien nichts helfen, denn das Waldhaus lag schon ein paar Stunden weit entfernt.

Und die Prinzessin ging und ging nicht fort. Sie redete dies und redete das, und auf einmal – Kasperle hätte beinahe losgeschrien – sagte sie zu der Dame, die mit ihr im Wagen gesessen hatte: »Liebe Gräfin, wir wollen dem Herzog, meinem Vetter, nachgehen; ich bin sehr besorgt um ihn. Hier gleich über die Wiese führt ja ein Weg.«

Nun hatte das Kasperle einen sehr treuen Freund am herzoglichen Hof. Das war der Diener Veit. Der hatte Kasperle, als er am Hof geweilt hatte, immer geholfen. Veit war mit der Prinzessin gefahren, und da er Augen hatte wie ein Luchs, erblickte er auf einmal das Kasperle. Das Buschwerk war noch nicht so dicht, um den kleinen Schelm ganz zu verbergen, und so sah Veit das tieferschrockene Kasperlegesicht. Da machte er selbst ein sehr betrübtes Gesicht und sagte ganz kläglich bittend, es sei doch so naß auf den Wiesen und die Prinzessin werde sich einen Schnupfen holen, und es wäre besser, sie fahre.

Prinzessin Gundolfine lächelte gnädig. Sie war ohnehin ein bissel faul und fuhr lieber, als daß sie ging. Sie sagte daher huldvoll: »Meinetwegen!« und stieg zu Kasperles großer Erleichterung in den Wagen. Rissel-rassel fuhr der davon, und Veit nickte ein wenig. Da merkte Kasperle, der hatte ihn gesehen und wollte ihn vor Unheil bewahren.

So ungefähr wußte der kleine Schelm, wo Schloß Lindeneck lag. Er fing also an, immer der Wiese entlang zu rutschen auf seinem Bäuchlein. Er wagte nicht, sich aufzurichten. Menschen waren an diesem Tage wenig zu sehen. Einmal gingen in der Ferne ein paar Landleute einen Feldweg entlang, da blieb Kasperle gleich platt liegen, und niemand sah ihn.

Endlich kam er in den Wald. Er atmete schon auf, als er plötzlich Stimmen hörte, Stimmen, die ihm sehr bekannt vorkamen. Ganz gewiß, der Herzog redete so und die Prinzessin Gundolfine.

Erschrocken sah sich Kasperle um. Auf einen Baum klettern! Da würde er gesehen. Das Unterholz war nicht dicht genug, um ihn zu verbergen. Wohin also?

Die Stimmen kamen näher und näher. Ein Wagen rumpelte und rasselte, die Gesellschaft schien aber zu Fuß nebenher zu gehen.

Da, im letzten Augenblick, – es schimmerten schon Kleider durch das Gebüsch – bemerkte Kasperle ein Loch, das in die Erde ging. Flugs, eins, zwei, drei, zwängte er sich hinein. Aber o jemine! In dem Loch hauste eine Fuchsfamilie, und Herr Rotschwanz knurrte den Eindringling böse an. Der schnitt flink ein Teufelsgesicht, ein Räubergesicht, sah aus wie die Prinzessin Gundolfine, wenn sie keifte, und die Füchslein erschraken darob sehr. Sie knurrten und bellten vor Angst, und plötzlich hörte Kasperle draußen eine Stimme sagen: »Hier ist ein Fuchsbau. Flink, Wolf, such' Füchslein!«

»Ach, wie spaßig, Herr Graf!« redete die Prinzessin Gundolfine süß wie Honigseim.

Kasperle dachte: Sie denkt, der Graf heiratet sie doch noch, aber seine lachlustigen Gedanken vergingen ihm schnell. Er sah plötzlich einen Hund sich in das Loch zwängen.

Potz Wetter ja, das war schon schlimm! Kasperle schnitt wieder ein Teufelsgesicht, aber der Hund ließ sich dadurch nicht verjagen. Den Füchsen war nun aber das Kasperle recht, der schützte sie vor dem Hunde.

»Können Sie hineinschießen?« fragte draußen Prinzessin Gundolfine.

»Ja, freilich,« antwortete der Graf, »aber erst muß mein Hund wieder herauskommen.«

Kasperle schwitzte vor Angst wie eine kleine Dampfmaschine. Zur rechten Zeit fielen ihm noch die Butterbrote ein, die ihm Frau Annettchen mitgegeben hatte. Er zerrte sie rasch aus seiner Tasche und warf eins dem Hunde hin. Der bellte laut und fraß schluck, schluck! das Brot auf.

»Wolf, hierher!« rief draußen der Graf von Singerlingen.

Wutsch! warf Kasperle dem Hund ein zweites Brot hin. Schluck, schluck! da war auch das weg.

»Wolf, gleich kommst du!«

Das dritte Brot fiel vor Wolf nieder, und der schluckte noch flinker.

In diesem Augenblick aber entdeckte draußen Marlenchen zwischen dem Gebüsch ein grasgrünes Fetzlein. Da war das Kasperle hängen geblieben, und als just der Graf von Singerlingen sagte: »Da in dem Loch muß etwas Seltsames sein; so ungehorsam war Wolf noch nie,« erschrak sie sehr. Und in ihrer Herzensangst fing sie bitterlich zu weinen an und rief flehend: »Nicht schießen, ach, nicht schießen!«

»Das ist dumm! So furchtsam muß man nicht sein,« rief die Prinzessin Gundolfine. »Wenn du Angst hast, gehe fort.«

Der Graf von Singerlingen merkte wohl, das Marlenchen hatte vor etwas große Angst, und weil er die Kleine liebhatte und die Prinzessin nicht leiden konnte, sagte er, er werde lieber nicht schießen.

Schwapp! hatte drinnen Wolf die letzte Butterschnitte verschluckt. Er kratzte noch etwas die Erde auf, und dann kam er aus dem Loch. »Ach, nun schießen Sie!« bat die Prinzessin den Grafen.

Marlenchens Hand zitterte so in der ihres guten Freundes, daß der geschwind sagte: »Der Fuchs ist sicher schon so tief in seiner Höhle drin, daß ich doch nichts treffe.«

»Ich will einmal nachsehen.« Die Prinzessin war neugierig wie eine ganze Elsterfamilie. Flugs steckte sie ihren Kopf in die Höhle, und Kasperle sah ihr Gesicht am Eingang auftauchen. Da blies er in seiner Angst mit vollen Backen die Erde auf, schnitt ein Fuchsgesicht und griff ritsch, ratsch! der Prinzessin in die Haare. Er wußte wohl, daß die falsch waren. Schreiend zog die Prinzessin den Kopf zurück. Die Haare blieben glücklicherweise noch darauf, aber sie ächzte: »Schießen, schießen! Da ist ein greuliches Untier drinnen.«

»Um Himmels willen,« sagte der Herr von Lindeneck mit einem leisen Lachen, »wenn man da nicht trifft, kann es schlimm werden!«

»Ja, ja!« Der Graf von Singerlingen nickte. Er hatte zwar keine Ahnung, was in dem Loch sein könnte, aber er sagte doch: »Ich schieße heute nicht. Morgen gehe ich mit meinem Förster her, da wollen wir nachsehen.«

»Es kommt raus!« rief plötzlich Veit, der der Prinzessin den Sonnenschirm nachtragen mußte.

»Ich falle in Ohnmacht!« kreischte die Prinzessin und rannte, so schnell sie konnte, dorthin, wo der Wagen hielt.

»Ich falle auch in Ohnmacht!« rief die Hofdame und rannte ihr nach.

»Wenn man in Ohnmacht fällt, kann man doch nicht mehr so rennen!« brummte der Herzog. Und als er sah, daß der Graf von Singerlingen ein wenig lächelte, ärgerte er sich. Obgleich er seine Base Gundolfine gar nicht leiden konnte, war sie doch eine Prinzessin, und er meinte, über eine Prinzessin dürfe man nicht lachen. Also ging er etwas steif auch zu seinem Wagen, der Graf von Singerlingen nahm Marlenchen an der Hand und folgte neben dem Herrn von Lindeneck. An Wolf, den Hund, dachten sie alle nicht.

Wolf blieb vor dem Fuchsbau stehen, er war so neugierig wie die Prinzessin. Schritte und Stimmen verhallten, und auf einmal kam eine große Nase aus dem Fuchsbau heraus. Schnapp! machte Wolf.

»Hach!« kreischte Kasperle und schnitt vor lauter Angst ein Gesicht wie die Prinzessin.

Wolf fuhr zurück und kläffte böse: »Wu, wu!«

»Hach!« Kasperle dachte: Hinaus muß ich, denn die Füchslein fletschten auch grimmig die Zähne, die hatten sich inzwischen an alle bösen Kasperlegesichter gewöhnt.

»Wu, wu!« heulte Wolf und wich wieder zurück.

Da nahm Kasperle allen Mut zusammen, kroch aus der Höhle heraus, schnitt dabei die wunderlichsten Gesichter, und – wutsch! war er draußen. Und nun ging die Jagd los. Nach rechts muß ich laufen, dachte Kasperle. Dem Hund war rechts und links ganz schnuppe. Der lief dahin, wohin Kasperle rannte. Und da kam eine große Landstraße; auf der rollte ein Wagen heran, und auf einmal wußte Kasperle, er hätte links laufen sollen. Aber er war so im Rennen, daß er vor lauter Angst mit zwei Purzelbäumen über die Landstraße sauste.

»Da rennt es, da rennt es!« Die Prinzessin gab dem Herzog einen gar nicht prinzeßlichen Rippenstoß. Das machte den Herzog wütend, und weil seine Base rief: »Halten halten!« rief er: »Weiterfahren!« Und weil er der Herzog war und der Kutscher Sehnsucht hatte nach dem Schloß zu kommen, fuhr er weiter. Er fuhr sogar sehr schnell, und das war gut, denn auf einmal sagte die Hofdame, die ein bißchen sehr langsam war und jeden Gedanken erst nach einer halben Stunde aussprach, – manchmal vergingen auch zwei Stunden –: »Ich glaube, was dort rannte, war Kasperle.«

»Halt, halt!« Der Herzog fiel fast aus dem Wagen vor Aufregung. Und dann schrie er die arme Gräfin an: »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

Die schwieg, es konnte keiner von ihr so flink eine Antwort verlangen.

Der Kutscher hielt. Was nun?

»Zurückfahren!« sagte der Herzog. »Man muß suchen.«

»Unsinn –«. Die Prinzessin stockte und sank in den Wagen zurück. »Was mir in die Haare gefahren ist, war Kasperle. Und der Graf von Singerlingen weiß, wo er ist, darum wollte er nicht schießen. Wir müssen zu ihm fahren.«

»Morgen,« brummte der Herzog, der müde war. »Heute wird es zu spät.«

»Morgen ist Kasperle weg,« rief die Prinzessin.

»Hm, hm!« Dem Herzog kam die Sache auch sonderbar vor. Und er nahm ein Blatt aus seinem Merkbüchlein und schrieb darauf, wenn Kasperle bei dem Grafen von Singerlingen sei, dann sollte der Graf ihn festhalten. Ja, der Herzog drohte sogar ein bißchen, obgleich er das sonst dem reichen Grafen gegenüber nie tat. Dann mußte Veit aussteigen. Im nächsten Dorf sollte er sich ein Pferd geben lassen und nach dem Schloß des Grafen reiten. »So wird es am allergescheitesten sein,« sagte der Herzog sehr zufrieden mit sich selbst.

Es war aber halt am allerdümmsten, daß er zu dem Grafen schickte, denn Kasperle lief und lief unterdessen, und als Herr von Lindeneck mit Marlenchen heimkam, da fanden sie ein müdes, beschmutztes Kasperle am Tor kauern. Von seinem Kittelchen war nur noch die Hälfte da, denn Wolf hatte das Kasperle einmal doch am Hosenbödlein erwischt. Damit war Wolf zufrieden gewesen, und er war mit dem grünen Fetzlein zu seinem Herrn zurückgelaufen.

Der ließ dem Herzog sagen, morgen werde er mit seinen Förstern und Jägern in das Loch schießen, Kasperle aber sei leider nicht bei ihm. Er behielt Veit da, und in aller Morgenfrühe ging er wirklich mit vier Begleitern in den Wald, und alle schossen in das Loch. Das schadete aber niemand etwas. Die Füchslein waren ausgerissen, und Kasperle saß neben seiner Freundin Marlenchen auf Lindeneck, und die nähte ihm einen neuen Kittel.

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