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Kasperls Abenteuer in der Stadt

Josephine Siebe: Kasperls Abenteuer in der Stadt - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspstad/kaspstad.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperls Abenteuer in der Stadt
publisherHerold-Verlag R. & E. Lenk
seriesKasperle-Bücher
volume3
printrunSechzehnte Auflage
illustratorErnst Kutzer
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderjens.sadowski@yahoo.com
created20111108
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Des Herzogs Geburtstag

Die Prinzessin Gundolfine war eine Langschläferin. Es paßte ihr gar nicht, daß der Herzog an diesem Tage so früh aufstehen wollte. Nur auf die Überraschung mit Kasperle freute sie sich. Der Herzog hatte nämlich vor einigen Wochen, als die Prinzessin Maria den Fürsten von Wolkenstein geheiratet hatte, zu ihr gesagt: »Wenn du mir das Kasperle wieder verschaffst, dann heirate ich dich.«

Seitdem hatte die Prinzessin nur immer daran gedacht, wie sie wohl Kasperle herbeischaffen könnte. Nun endlich, dachte sie, ist es gelungen! Und wenn ich erst Herzogin bin, dann wird das Kasperle wie ein Papagei in einen großen Käfig gesteckt, meinetwegen von Gold, aber ein Käfig muß es sein.

Der Herzog stand auf, und die Prinzessin stand auf, und Kasperle saß im Wagen, den man in einen Schuppen gefahren hatte, und seufzte. Aber schließlich, wenn man ein Kasperle ist, kann man sich auch in einem Wagenschuppen umschauen. Da das Tor geschlossen blieb, kletterte Kasperle aus dem Wagen heraus; er erblickte eine Leiter, entdeckte eine offene Fensterluke und sah von da aus in die Wipfel einer großen Linde. In deren Zweigen sangen die Vögel ihr frohes Morgenlied, und sie waren sehr verwundert, als auf einmal ein Kasperle den Lindenstamm hinabrutschte.

Kasperle hatte gesehen, daß die alte Linde im Burggraben stand. In dem wucherte Gestrüpp durcheinander, und niemand kam jemals dahin. Aber von dem Burggraben aus konnte man gut am Blitzableiter in die Höhe klettern. Kasperle schaute sich um, alles war still, noch ein bißchen dämmerig. Ob er es wagen sollte?

Auf einmal fiel ihm etwas ein. Er kletterte schnell die Linde wieder empor und kehrte in den Wagenschuppen zurück. Dort schob er erst einen großen Riegel vor das Tor; nun konnte niemand den Wagen herausholen und wegfahren. Dann nahm Kasperle das graue Tuch der Gräfin, und wenn nun jemand hingesehen hätte, dann hätte er ein graues Gespenstlein erblickt, das an einem Blitzableiter emporkroch.

Freilich, Kasperle merkte bald, die Zimmer der Prinzessin erreichte er nicht; er sah aber über sich ein Fenster offen stehen, und die Neugier hineinzuschauen plagte ihn arg.

Auf seiner Kletterfahrt kam er auf einmal an einem Mauerloch vorbei. Himmel, erschrak Kasperle!

Im ersten Augenblick dachte er: Da sitzt die Prinzessin Gundolfine. Es war aber nicht die Prinzessin, was ihn da anglotzte, sondern eine große Schleiereule. Die war nicht minder erschrocken als das Kasperle, und ein paar Minuten starrten beide sich ängstlich an.

Doch die Eule war eine brave Person, die schon Kinder hatte und nicht an Dummheiten dachte wie das Kasperle; aber was ihr nun passierte, das ärgerte sie gewaltig. Kasperle warf unversehens einen Zipfel des grauen Tuches über sie, und wutsch! hatte er die arme, gute Eule gepackt. Die dachte: Er dreht mir den Hals um.

So schlimm war aber das Kasperle doch nicht; er schleppte nur die Eule die Mauer mit hinauf und ließ sie oben in das offene Fenster hineinfallen. Plumps! sank die gute Eule in einen großen, feierlich geschmückten Saal hinein. Kasperle aber glitschte blitzschnell an der Mauer entlang in den Burggraben hinunter. Er war ein bißchen enttäuscht. Was die Eule oben machte, wußte er nicht, er hörte auch keinen Schreckensruf, nichts. Unten überlegte er sich, ob er im Graben weiterlaufen sollte. Aber da hörte er Stimmen, und voller Angst rutschte er die Linde hinauf und hastete im Schuppen die Leiter hinab, schob den Riegel zurück und lag glücklich im Wagen, als draußen Schritte näher kamen.

Zwei herzogliche Kutscher traten in den Schuppen. Der eine nahm die Leiter und brummte dabei: »Wer hat die nun gerade an das Fenster gestellt?«

»Weißte was,« rief ihm der andere zu, »wir kriegen Hochzeit im Schloß! Der Herzog heiratet die Prinzessin Gundolfine.«

»Na, die möchte ich nicht geschenkt haben!« brummte der erste. »Und überhaupt, wenn, ich in deiner Haut stecken würde, dann schämte ich mich arg. Hast das arme Kasperle gefangen, schäme dich nur!«

»Ach was,« rief der zweite, »so 'n Irrwisch! Um den ist's nicht schade.«

Oho, dachte Kasperle, warte nur! Und gleich schaute er sich heimlich um, ob er dem bösen Kutscher nicht irgend etwas an den Kopf schmeißen könnte. Doch zum Glück fiel ihm noch ein, daß er sich dann verraten würde.

»Hilf mir mal die Leiter tragen!« rief der erste Kutscher. Er packte die Leiter und ging voran, der zweite folgte. Da nahm Kasperle ganz flink eine Latte, die neben dem Wagen lehnte, und steckte sie dem zweiten, der nur vorwärts, nicht aber um sich schaute, zwischen die Beine, und pardauz! da lag er.

»Was machst du denn?« rief sein Gefährte.

»Ich bin über etwas gefallen, irgend etwas ist mir zwischen die Beine gefahren,« stöhnte der Kutscher. »Uff, da eine dumme Latte war es!«

»Deine Ungeschicklichkeit war es,« brummte der andere und sah sich ganz böse nach ihm um.

»Ich kann nichts dafür! Au weh, au!« Der Kutscher stöhnte, sein Gefährte brummte, und endlich verließen beide den Schuppen. Sie schlossen ab, und Kasperle war wieder allein. Der hatte aber keine Lust mehr zu neuen Taten, der kicherte in sein Tuch hinein. Der Herzog kriegte die Prinzessin Gundolfine zur Frau, – oje, wie mochte es ihm da ergehen! Ein ganz, ganz klein wenig tat dem Kasperle sogar der Herzog leid. Wie ungut die war, wußte der Herzog gewiß gar nicht. Schade nur, daß er, Kasperle, zur Verlobung nicht ein bißchen im Schloß herumgeistern konnte! Er wickelte sich in sein Tuch und dachte über allerlei nach, und dabei schlief er ein.

Im Schloß wurde es inzwischen immer lebendiger. Die Prinzessin Gundolfine hatte zu dem hohen Festtag ihr allerschönstes Kleid angezogen; sie kam sich selbst ungeheuer schön vor, als sie so vor dem Spiegel stand. »Ruf den Haushofmeister!« befahl sie einer Kammerfrau. »Flink, flink, er soll mir jetzt Kasperle bringen!«

»Er ist nicht da,« sagte die Kammerfrau.

»Wo, was ist nicht da? Am Ende Kasperle? Ist's gar ausgerissen!« schrie die Prinzessin zornig.

»Nein, der Haushofmeister ist nicht da, und Kasperle habe er gut aufgehoben.«

»Ich will ihn aber haben!«

Da liefen zwei Kammerfrauen weg, zwei Diener liefen weg, und von Zeit zu Zeit meldete jemand: »Wir finden ihn nicht.«

»Potz Wetter, ein Haushofmeister ist doch keine Stecknadel!« Die Prinzessin war schon ganz grüngelb vor Ärger geworden.

»Der Herr Herzog läßt sagen, die Prinzessin möchte gleich kommen; er geht in den Festsaal,« rief draußen jemand.

»Der Haushofmeister läßt sagen, er habe Kasperle schon im Festsaal aufgestellt,« rief eine Kammerfrau.

»So ein Dummkopf! Ich will Kasperle haben.«

»Der Haushofmeister kann nicht kommen, und der Herzog geht in den Festsaal,« meldete ein Diener.

»So ein Schafskopf!«

»Die Prinzessin hat den Herzog Schafskopf genannt,« so tuschelte eine Hofdame der andern zu. »Unerhört!«

Die Prinzessin stampfte mit dem Fuße auf. »Stille, ich will Kasperle!«

»Der sitzt im Festsaal, und der Herzog hat gesagt, wenn die Prinzessin nicht gleich komme, gehe er allein.«

Ja, da mußte die Prinzessin Gundolfine schon gehen. Sie versuchte ein freundliches Gesicht zu machen, aber als sie in des Herzogs Zimmer trat, flüsterte ein vorwitziger junger Graf seinem Nachbar zu: »Sie sieht aus wie eine Essigpfanne.«

Brrr, dachte auch der Herzog, heute sieht meine liebe Base einmal wieder wüst aus! Gut, daß ich sie nicht heiraten muß!

»Ich habe eine große Überraschung für dich, August Erasmus,« flüsterte die Prinzessin dem Herzog zu, »du wirst staunen.«

Der Herzog lächelte sauersüß. Die Überraschungen seiner Base waren immer etwas sonderbar. Sie strickte ihm Schlafmützen, die ihm bis über die Nase fielen, und verlangte dabei auch noch, er solle die Mützen tragen. Einmal hatte sie ihm Pantoffeln gestrickt, da hatten ihm die Füße wehe getan, so eng waren sie, und einmal hatte sie ihm eigenhändig einen Kuchen gebacken und aus Versehen einen halben Quirl und einen Teelöffel mit hineingebacken. Da war er beinahe erstickt.

»Du freust dich wohl sehr?« flüsterte die Prinzessin.

»Nein,« brummte der Herzog. Er tat dies aber leise, und niemand hörte es.

Bumbum, trara, bumbum, trara! Die Musik fing an zu spielen, und der Herzog sagte feierlich: »Wir wollen in den Festsaal gehen. Dort mögen mir alle Glück wünschen!«

»Und dort ist meine Überraschung,« rief die Prinzessin. Sie klatschte in die Hände wie ein Kind, und der dicke Oberstallmeister sagte halblaut: »Sie wird immer verdrehter.«

Weil die Prinzessin aber scharfe Ohren hatte, hörte sie das wohl, und sie dachte: Na, warte du, wenn ich erst Herzogin bin, dann wirst du verbannt.

Am Saaleingang stand der Haushofmeister und machte die Türen weit auf. Er guckte in die Luft, als wäre er stocktaub, als die Prinzessin im Vorbeigehen zischte: »Wo ist Kasperle?«

Im Saal stand des Herzogs Thron unter einem roten Baldachin, und daneben stand ein tiefer Lehnsessel für die Prinzessin. Der Herzog nahm Platz, und die Prinzessin wollte es auch tun, aber sie prallte mit einem Schrei zurück, denn ganz in der Ecke ihres Sessels saß eine Eule, die funkelte sie böse an. »Eine Eule, eine Eule!« kreischte die Prinzessin.

Alle starrten verdutzt auf die Prinzessin. War die verdreht geworden?

Der gute Oberstallmeister wollte leise etwas sagen, aber leider lief ihm seine Stimme davon, und er schrie in den Saal hinein: »Sie ist selbst 'ne Eule!«

»Nein, wie komisch: eine Eule!« quiekte ein junges Hoffräulein. Da ging ein Hofjunker auf den Stuhl zu, hob die Eule auf und trug sie mitten durch den Saal. Und weil er ein Flausenmacher war, rief er: »Platz da, das ist gewiß eine verzauberte Prinzessin!«

»Und die Prinzessin 'ne verzauberte Eule.« Der Oberstallmeister hielt sich zwar selbst den Mund zu, aber das böse Wort war schon heraus.

Die Eule flatterte draußen ängstlich am Fenster herum. Die Hoffräuleins kicherten, die Junker platzten bald auseinander vor Lachen, die Prinzessin sah wütend drein, und der Herzog ärgerte sich.

Da kam der Haushofmeister durch den Saal, trug den verhüllten Christli und rief laut: »Dies hat die Prinzessin gestern für unseren Herrn Herzog zur Geburtstagsüberraschung – geraubt.«

»Geraubt?« rief der Herzog, während die Prinzessin dem Haushofmeister einen bitterbösen Blick zuwarf. Sie lächelte aber sehr süß und sagte: »Es ist Kasperle.« Dabei zog sie die Decke weg, die über Christli hing.

»Nein,« rief da eine warme, gute Stimme, »es ist Prinz Christli, des Herzogs Neffe, der geraubt worden ist, seines Bruders einziges Kind.«

»Christli!« rief der Herzog, der das Prinzlein wohl erkannte.

»Nein, es ist Kasperle,« kreischte die Prinzessin. »Er macht nur ein Gesicht wie Prinz Christli.«

Aber alle im Saal riefen plötzlich: »Prinz Christli!« Denn daß Christli mit seinen langen, blonden Locken und seiner weißen, zarten Haut nicht das etwas struppige, braune Kasperle war, das sah doch jeder.

»Christli,« stammelte der Herzog, »wie kommst du hierher? Du – willst mir wohl – gratulieren?«

»Nein,« sagte Christli ganz trotzig und steif, »man hat mich gestohlen.«

Und da stand auf einmal hoch und schlank die Gräfin Agathe neben dem Prinzlein, und sie erzählte laut, was gestern geschehen war.

Die Prinzessin Gundolfine kreischte: »Ich falle in Ohnmacht!« Es kümmerte sich aber niemand um sie.

Der Herzog sah ganz käseweis aus. Seines einzigen Bruders Kind hatte man geraubt! Und wenn es nach der Prinzessin gegangen wäre, dann hätte Christli die ganze Nacht in einem feuchten Kellerloch gesessen. Er sah den zarten, blassen Christli an, und als die Gräfin geendet hatte, streckte er die Hand aus und sagte: »Mein armer Junge, komm, gib mir die Hand! Ich bin dein Oheim.« – »Guter Oheim« wollte der Herzog eigentlich sagen, ihm fiel aber ein, daß er bisher gar nicht gut zu seinem Bruder und zu Christli gewesen war.

Und da geschah etwas, das dem Herzog noch nie passiert war: Seine Hand wurde nicht ergriffen. Christli schmiegte sich an die Gräfin an und bat: »Wir wollen heimfahren. Ich will nicht hier bleiben, der Herzog ist böse.«

Die Gräfin nickte, und dann sagte sie wieder ganz laut: »Dem Christli und seinem Vater ist ein Unrecht geschehen; wer aber ein Unrecht wieder gutmachen will, der muß abbitten. Solange die Base Gundolfine am Hofe weilt, ist eine Versöhnung nicht möglich.«

»Dann wird es nie sein,« rief die Prinzessin Gundolfine, »denn der Herzog heiratet mich.«

»Nein, nein,« rief der Herzog, »das tu' ich nicht!« Und beinahe wäre er vom Thron gepurzelt vor Schreck. »Sie ist verbannt, ich verbanne die Prinzessin Gundolfine auf ewig, auf ewig,« rief er. »Sie darf nie, nie wieder nach Burg Himmelhoch kommen.«

»Hurra!« Der alte, dicke Oberstallmeister konnte nicht anders, als vor Freude hurra rufen. Und auf einmal riefen alle mit: »Hurra, hurra, die Prinzessin muß fort! Hurra, sie ist verbannt!«

Jemine, dachte der Herzog, das wußte ich noch gar nicht, daß sie so unbeliebt ist! Er stippte mit seinem goldenen Stock auf den Boden auf und rief: »Man bringe sie gleich weg!«

»Ich falle in Ohnmacht,« rief die Prinzessin nun wieder, und bums! da lag sie starr und steif.

Aber das war doch sonderbar, niemand glaubte an die Ohnmacht. Ein junger Hofjunker zog sogar flink eine Blume aus einem der Riesengeburtstagssträuße und kitzelte damit die Prinzessin an der Nase. »Hazzi, hazzi!« Sie nieste mächtig, und der Herzog sagte: »Also sie ist nicht ohnmächtig und kann atmen. Damit basta! Man spanne ihren Reisewagen an! Du siehst, Christli –«

Da waren die Gräfin und Christli verschwunden; ganz still waren beide aus dem Saal gegangen, und der Haushofmeister hatte gesagt: »Veit, laß flink den Wagen anspannen, auch die Reisewagen der Prinzessin!«

Veit war sehr froh, daß die böse Prinzessin das Schloß verlassen mußte. Er lief darum hinab, und Kasperle, der eben eingeschlafen war, erwachte von einem lauten Gerumpel. Er wickelte sich ganz fest in die Decke, denn er bekam plötzlich eine schreckliche Angst. Aber da hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme sagen: »Na, endlich ist die böse Prinzessin Gundolfine verbannt!«

»Ja,« sagte jemand anders, »man sah gleich, daß es heute nicht gut ausgehen würde, als die Eule auf der Prinzessin ihrem Stuhle saß.«

»Horch mal! Was war denn das?« rief ein dritter.

»Es war, als ob jemand gelacht hätte,« meinte Veit.

»Ich weiß nicht, es ist heute nicht richtig im Wagenschuppen,« sagte ein anderer. »Vorhin hat schon die Leiter ganz falsch gestanden, und dann ist der Jakob über eine Latte gefallen, – ganz komisch war es.«

Kasperle stopfte sich die Decke in den Mund, um nicht herauszuplatzen. Die Prinzessin Gundolfine verbannt, die Eule hatte auf dem Stuhl gesessen, – fein war das!

»So,« sagte jemand, »nun ist der Wagen sauber. – He, Fritz, wo bist du denn? Wir wollen erst den Wagen der Prinzessin hinausfahren, damit sie nur schnell fortkommt.«

Veit lief hinaus, der andere folgte ihm, und ein paar Minuten war es leer im Schuppen. Ein paar Minuten genügen aber einem Kasperle schon, wenn er ein Streichlein verüben will. Hopps, heraus! Er sah am Boden einen kleinen Eimer stehen und dachte: Es ist der Wassereimer, nahm ihn und goß ihn flugs in den Wagen aus, gerade über den Sitz.

Da polterte es auch schon wieder draußen, Fritz und sein Kollege kamen, und Fritz sagte: »Erst müssen wir rasch den Wagen der Gräfin herausfahren, der Haushofmeister sagt, sie habe Eile.« Und dann ging es holter, polter; rissel-rassel wurde der Wagen hinausgefahren. Meister Severin kam und sagte, man müsse die Räder ein wenig schmieren.

Fritz lief in den Schuppen, er kam mit einem Eimer zurück, und Kasperle hörte ihn sagen: »Na, das ist doch kurios! Heute früh war der Eimer noch voll Wagenschmiere, und nun ist er beinahe leer.«

Kasperle erschrak. Himmel, da hatte er gar der Prinzessin statt Wasser Wagenschmiere in den Wagen gegossen! Na, das konnte ja gut werden!

Aber Herr Severin ahnte etwas. Er rief: »Schnell, schnell, wir müssen fort! Mögen die Räder etwas quietschen!«

Die Gräfin und Christli kamen, und heidi! fort ging es, über die Brücke hinweg, die Landstraße entlang. Auf einmal zupfte jemand Christli, und unter dem Sitz hervor blickte Kasperle den Freund vergnügt an.

»O Kasperle! Du?« Da gab es eine freudige Begrüßung, gab ein Hin und Her von lustigen Reden, und auf einmal sagte Kasperle: »Jetzt sitzt sie in der Wagenschmiere.«

»Wer denn, Kasperle?«

»Die Prinzessin,« sagte Kasperle und erzählte, wie er statt Wasser einen Eimer Wagenschmiere in den Wagen der Prinzessin gegossen hatte.

»O Kasperle!«

Da drehte sich Herr Severin auf dem Bock um und fragte: »Und die Eule, Kasperle?«

»Auf den Stuhl hab' ich se nicht gesetzt,« murmelte Kasperle, »nur –«

». . . hineingelassen. O du schlimmes, schlimmes Kasperle!«

Leider war das Kasperle gar nicht sehr betrübt, sondern purzelvergnügt. Es hatte Christli wieder, und der sah auch glückselig drein. Es wurde eine lustige Fahrt heimwärts nach Torburg.

Inzwischen saß die Prinzessin Gundolfine wirklich in der Wagenschmiere, saß darin in ihrem allerschönsten Festtagskleid und erhob solch ein Zetergeschrei, daß selbst der Herzog August Erasmus angelaufen kam. Der wurde arg böse, schalt gar nicht geburtstäglich und befahl schließlich, Fritz und Jakob, die beide den Schuppen zu beaufsichtigen hatten, müßten eingesperrt werden. Eine ganz strenge Untersuchung sollte stattfinden.

Da sah der alte Haushofmeister erst nach der Uhr und dachte: Nun sind sie schon der Grenze nahe, und dann sagte er: »Mit Verlaub, ich glaube, das mit der Wagenschmiere war Kasperle.«

»Ha, ich hab's gleich gesagt, es war doch nicht Prinz Christli, sondern Kasperle! Er hat nur so ein Gesicht gemacht,« kreischte die Prinzessin.

»Nein, ich glaube, Kasperle hat im Wagen gesteckt,« sagte der alte Haushofmeister. »Ich habe zuletzt, als der Wagen schon abfuhr, lachen hören.«

»Ich auch,« rief Veit.

»Ich auch.« Und nun erzählte Fritz, was alles für sonderbare Dinge in dem Schuppen vor sich gegangen waren.

»Das war Kasperle,« rief der Herzog. »Man soll eiligst reitende Boten hinterherschicken! Vielleicht fangen sie ihn noch.«

»Und ich bleibe da,« rief die Prinzessin.

»Nein, du fährst!« Diesmal machte der Herzog ein sehr böses Gesicht. Er tippte die Prinzessin an, die sank in die Wagenschmiere zurück und schrie: »Ich kann nicht, ich klebe, ich klebe!«

Der Herzog seufzte tief; nun wurde er die Prinzessin doch nicht los. Aber da winkte der Haushofmeister, der Kutscher fuhr an, und soviel die Prinzessin auch schrie und zappelte, sie klebte und konnte nicht aus dem Wagen springen. Der rollte und rollte durch das Land, bis Burg Himmelhoch weit, weit hinter der Prinzessin lag.

Des Herzogs Landjäger aber ritten bis an die Landesgrenze, ohne Kasperle zu finden. Der fuhr gerade in Torburg ein, fuhr dem Herrn Bürgermeister vor der Nase vorbei, und der ärgerte sich so, daß er Bauchweh bekam und sich ins Bett legte. Er ahnte nicht, daß sich der Herzog August Erasmus auch ins Bett legte vor Ärger über Kasperle. Der Unterschied war aber der: der Herzog ärgerte sich, weil Kasperle nicht da war, und der Bürgermeister, weil Kasperle wieder da war.

Den Herzog ärgerte aber noch etwas anderes, nein, das tat eigentlich weh. Es ging ihm wie Kasperle, er dachte, ihm täte sein Bauch weh, und dabei zwickte und zwackte es doch an seinem Herzen herum. Christli hatte ihm die Hand nicht gegeben, die Gräfin Agathe hatte ihm nicht Lebewohl gesagt, und in Torburg saß sein einziger Bruder und zürnte ihm. Er muß zu mir kommen, ich bin älter und bin Herzog, das hatte August Erasmus schon oft gedacht; aber heute redete immer so ein freches kleines Herzstimmlein dazwischen: »Du hast Unrecht, du, du, du! Sieh einmal, wie böse du bist; nicht einmal Kasperle will bei dir bleiben!«

Dies Gerede war dem Herzog sehr unbequem.

»Dumm, dumm, dumm!« brummte er, drehte sich rechts und drehte sich links, schlief aber nicht ein. Er hatte nicht einmal zuviel Geburtstagskuchen gegessen, die Prinzessin war er auch los, aber er schlief nicht, – zu seltsam war es.

Desto besser schlief Kasperle. Wie ein Säcklein schlief der, und am nächsten Morgen ging es wieder in den Garten. Diesmal ging auch die Gräfin Agathe mit, und es wurde wieder sehr gemütlich.

Weniger gemütlich war es dem Bürgermeister zumute. Zu dem waren der Fürst und Meister Severin gekommen und hatten ihm gesagt, er trage mit Schuld, sie wollten ihn beim Fürsten von Wolkenstein verklagen. Da bettelte und bat der Bürgermeister, der Fürst möge ihm verzeihen, er versprach auch, nie mehr dem Kasperle nachzustellen. Schließlich taten es der Fürst und Meister Severin auch, und als die Gräfin mit den drei guten Kameraden auf dem Heimweg den Bürgermeister traf, da grüßte der das Kasperle noch einmal ganz besonders, und die alte Obstfrau am Tore rief: »Nee, mit Kasperle ist das kurios! Der wird wie 'n vornehmer Herr behandelt. Nächstens wird er noch hochmütig und kennt unsereins nicht mehr.«

Na, da irrte sich die gute Frau aber gewaltig. Kasperle kannte sie ganz genau, und er schleckte auch ihre Zuckerstangen noch immer so gern. Ja, an diesem Tag machten die Kinder sogar alle drei einen großen Einkauf bei ihr, denn sie hatten noch immer ihr Jahrmarktsgeld. Davon kauften sie sich allerlei gute Dinge, und Kasperle sagte: »Morgen kommen wir wieder.«

Als Kasperle aber am nächsten Morgen noch im Bett lag, da rumpelte und trappelte es über den Kirchplatz. Neugierig steckte Kasperle seine Nase zum Fenster hinaus. »Hach!« Da lag Kasperle, und gleich darauf durchhallte ein schauerliches Geheul das Haus, und selbst Meister Friedolin, der nicht mehr sehr gerne Treppen stieg, lief hinauf, um zu sehen, was denn mit Kasperle geschehen war.

Der lag am Boden, strampelte mit Armen und Beinen, schrie und heulte, und als Meister Severin ihn nur anfaßte, brüllte er gleich los: »Ich gehe nicht mit, ich gehe nicht mit!«

»Aber Kasperle, was fehlt dir denn?« Sie trösteten alle an dem kleinen Schelm herum, selbst Frau Liebetrauts kleine Mädelchen waren gekommen, um ihr Kasperle zu trösten. Doch der brüllte weiter.

Endlich, endlich verstand Herr Severin, der Herzog sei gekommen. »Aber doch nicht zu dir! Zu seinem Bruder, du dummes Kasperle!«

So war es auch. Der Herzog August Erasmus war wirklich gekommen, um seinen Bruder um Verzeihung zu bitten. Er wollte auch das Kasperle sehen.

Jawohl, wo war Kasperle? Verschwunden war er, spurlos verschwunden. Alle sagten: »Vorhin war er noch da,« aber niemand sah Kasperle. »Er ist ausgerissen,« meinte Frau Liebetraut erschrocken.

»Vielleicht ist er im Garten bei Meister Helmer,« sagte Herr Severin.

Hierhin und dahin wurde geschickt, der Bürgermeister ließ die ganze Stadt absuchen, ließ Kasperle sogar ausklingeln – es blieb verschwunden. Von nebenan suchte Dörte mit. Sie hatte ganz verweinte Augen und sagte ein paarmal: »Mein Herr Professor hat doch gar kein Herz; der studiert den ganzen Tag, und wenn ich rufe: ‚Kasperle ist weg,‘ sagt er allemal: ‚Der wird schon wiederkommen!‘«

Die ganze Stadt geriet in Aufregung. Jeder suchte, jeder fragte: »Ist Kasperle gefunden?«

Niemand fand ihn. Schließlich sagte der Herzog: »Gewiß hat ihn die Base Gundolfine gefangen. Ich muß abreisen und überall nachforschen lassen.«

Und dann nahm er einen sehr herzlichen Abschied von seinem Bruder, sie waren nun beide wieder versöhnt miteinander. Auch von der Gräfin und Christli und dem feinen Marlenchen nahm er Abschied. Die beiden weinten um die Wette, der Herzog wußte aber ganz gut, daß die Tränen nicht ihm, sondern dem verlorenen Kasperle galten. Er versprach ihnen darum auch: »Ich lasse es gleich sagen, wenn ich Kasperle gefunden habe.«

»Ach!« Marlenchen seufzte schwer, und als der Herzog fragte: »Warum?« antwortete sie traurig: »Das arme Kasperle wird sicher wieder in den Turm oder in ein Kellerloch gesteckt.«

»Nein,« sagte der Herzog ärgerlich, »das tue ich nie mehr. Wenn Kasperle wieder da ist, sagt ihm viele Grüße, und – ich habe ihn sehr lieb.«

Dann fuhr der Herzog ab, und in Torburg suchten sie weiter nach Kasperle. Kein Winkel blieb undurchsucht, und Christli und Marlenchen saßen weinend im Garten beisammen. Der Fürst und Meister Severin waren gerade zurückgekommen und sagten: »Kasperle ist wirklich verschwunden!«

Und just da, pardauz! schoß das Kasperle purzelvergnügt über die Mauer.

»Kasperle, wo kommst du her? Kasperle, wo hast du gesteckt?«

»Bei mir war er,« sagte von drüben der Professor. »Kasperle hat den ganzen Tag – gelesen.«

»Nä, geschlafen,« rief Kasperle, »und geträumt.«

»Was hast du denn geträumt?« fragte Frau Liebetraut, die mit der Gräfin auch im Garten war.

»Von 'ner Insel. Da gefällt's mir.«

»Aber Kasperle, du hast doch immer in dem alten Buch gelesen!« rief der Professor.

»Nä, geträumt.«

Kasperle reckte und streckte sich, und Marlenchen sagte ängstlich: »Kasperle reißt doch noch einmal aus.«

»Ich bleib hier,« rief Kasperle vergnügt.

»Aber der Herzog, mein Bruder, hat dich eingeladen.« Der Fürst lachte.

»Ich geh' nicht hin,« – Kasperle schnitt gleich ein Teufelsräubergesicht – »ich bleib hier.«

»Ist recht,« sagte der Professor, »und wenn sie dich wieder einmal fangen wollen, dann setze ich dich wieder in meine Bücherstube wie heute.«

»Ja, Kasperle bleibt hier!« Marlenchen und Christli schmiegten sich an den kleinen Freund an, und draußen auf dem Kirchplatz brüllten auf einmal viele, viele Stimmen: »Kasperle ist wieder da, hurra, hurra!« Dörte hatte es ihnen gesagt, und Hansjörg schrie so, daß ihm sämtliche Hosennähtle platzten: »Hurra, unser Kasperle ist wieder da!«

Kasperles frühere und spätere Erlebnisse und Abenteuer erzählt Josephine Siebe in den folgenden, ebenfalls im Herold-Verlag Levy & Müller in Stuttgart erschienenen Bänden: »Kasperle auf Reisen«, »Kasperle auf Burg Himmelhoch«, »Kasperles Schweizerreise«, »Kasperle im Kasper-Land«, »Kasperle ist wieder da!«, »Kasperles Spiele und Streiche«.

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