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Kasperls Abenteuer in der Stadt

Josephine Siebe: Kasperls Abenteuer in der Stadt - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspstad/kaspstad.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperls Abenteuer in der Stadt
publisherHerold-Verlag R. & E. Lenk
seriesKasperle-Bücher
volume3
printrunSechzehnte Auflage
illustratorErnst Kutzer
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderjens.sadowski@yahoo.com
created20111108
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Im Garten vor dem Tore

Von all den Untaten, die man ihm zuschrieb, ahnte das Kasperle nichts; kein Wörtlein wußte er davon. Er wachte putzmunter auf, schmauste vergnügt sein Frühstück, hörte ein Weilchen still und fromm Meister Severin zu, und dann flitzte er in den Garten und purzelbaumte über das Mäuerlein, schwätzte mit dem Professor Schnappel und langte endlich bei Christli und Marlenchen an.

Die standen schon wohlausgerüstet da, der Diener setzte nun Christli, dem das Gehen noch etwas zuviel wurde, in einen kleinen Wagen, und fort ging es durch das Städtchen vor das Tor in des Herrn von Lindeneck Garten. Wer auf der Straße war, schaute dem Zuge nach.

»Das ist Prinz Christli. Wie blaß er noch aussieht!« riefen ein paar Frauen.

»Ei, und das feine Marlenchen ist da!«

»Ja, und sie geht mit dem Kasperle!«

Kasperle blähte sich auf wie ein Fröschlein, das gerade quak, quak! geschrien hat. Er bemerkte wohl die bewundernden Blicke und sah das feine Marlenchen an, als gehöre die ihm ganz allein. Potzhundert, wer hatte im Städtchen noch eine solche Freundin!

»O Kasperle, du fällst ja!«

Da lag Kasperle schon auf seiner Nase, die er allzu hoch in die Luft erhoben hatte. Ein wenig verdattert stand er auf, Marlenchen putzte ihm schnell sein grünes Wämslein zurecht, und weiter ging es.

Ein paarmal mahnte Marlenchen: »Kasperle, du mußt nicht so sehr in die Luft gucken, du fällst ja!« Doch Kasperle fiel nicht mehr, und der kleine Zug gelangte ohne Unfall bei dem alten Gärtner Helmer an.

Der begrüßte alle sehr freundlich. Marlenchen kannte er auch schon, und er sagte, sie sollten nur durch seinen Garten fahren, da ginge es schneller.

Sie fuhren die Wege entlang, die Kasperle so wohlbekannt waren, und kamen in des Herrn von Lindeneck Garten. War der schön! So viele Büsche standen in Blüte, und die Wege säumten bunte Blumen ein. Und dann kam das Gartenhaus. Das war wie ein kleines, zierliches Schloß gebaut. Marlenchen schloß es auf, und Kasperle sah in eine wunderfeine kleine Stube hinein. Da gab es einen zierlichen Tisch, gab vergoldete Stühlchen, gab ein Schränkchen mit feinem Geschirr, und Marlenchen sagte: »Hier schmausen wir.«

»Gleich!« schrie Kasperle.

»Nein, aber Kasperle, du kannst doch noch nicht hungrig sein!«

Marlenchen sah ihr Kamerädle ein wenig vorwurfsvoll an, und Kasperle setzte sich beschämt auf einen Stuhl.

Ja, aber was war denn das? »Dideldideldei, dumdumdalla!« klang es, und Kasperle blickte sich ganz verdutzt um. Wer spielte denn da?

Marlenchen und Christli lachten, und da merkte Kasperle endlich, das Stühlchen, auf dem er saß, spielte. War das fein! Am liebsten hätte sich nun Kasperle immerzu auf den Stuhl gesetzt, doch Marlenchen mahnte: »Wir wollen wieder in den Garten hinausgehen!«

Christli wurde in die Sonne gefahren, und nun fing ein fröhliches Spielen an. Die Stunden rannten davon, husch, vorbei! husch, vorbei! Und auf einmal sagte Marlenchen: »Jetzt essen wir Mittag!«

»Ich muß nach Hause!« schrie Kasperle erschrocken. Doch Meister Helmer, der mit einem verdeckten Korb in den Garten kam, sagte, Herr Severin wisse ja, wo Kasperle sei, er solle nur hier bleiben.

»Muhme Agathe hat es Frau Liebetraut gesagt,« rief Marlenchen, »wir dürfen den ganzen Tag bleiben.«

Den ganzen Tag im Garten bleiben dürfen, das war so schön, wie im Waldhaus zu sein.

Nach Tisch mußte Christli schlafen. Marlenchen und Kasperle aber liefen stille, schattige Wege entlang. Sie kamen an ein winziges Wäldchen, hörten ein Quellchen rinnen und sahen plötzlich auf eine weite Wiese. Dahinter lag Wald, stiegen Berge an, und Marlenchen zeigte mit der Hand dorthin: »Da liegt Schloß Lindeneck.«

»Und Himmelhoch.« Kasperle sah gleich wieder bitterböse aus, aber Marlenchen strich ihm mit einem Fingerlein über die krause Stirn. »Darfst nicht so böse dreinsehen.«

»Er ist doch böse, und sie ist noch böser!«

Marlenchen wußte gleich, daß ihr Freund den Herzog und die Prinzessin Gundolfine meinte, und sie sagte bedrückt: »Ja, böse sind sie schon. Aber weißt du, ich denke immer, der Herzog hat nur sein Herztürle zugeschnappt. Macht er's auf, dann wär' es schon gut.«

»Nä, der hat gar keine Türe,« brummte Kasperle.

»Was denn?«

»Ein Kellerloch!«

Da mußte Marlenchen lachen, und Kasperle lachte mit. Sie setzten sich beide auf die niedrige Mauer, schauten über die Wiese nach dem Walde hin, und Marlenchen erzählte ihrem kleinen Freund von Christli, seinem Vater und von der guten Muhme Agathe, ihres Vaters Base. Deren Schwester war Christlis Mutter gewesen. Weil sie aber nur Gräfin, nicht Prinzessin gewesen war, hatte Prinzessin Gundolfine so lange gescholten und dem Herzog die Ohren vollgebrummt, bis der sich mit seinem Bruder gezankt hatte. Damals war der Fürst Helmrich nach Torburg gezogen. Ein Jahr vor Kasperles Ankunft bei Meister Helmer war es gewesen.

»O je,« schrie Kasperle, »da hätte ich ja Christli schon besuchen können!«

»Aber du dummes Kasperle! Da hat er ja noch gar nicht gelebt!« Kasperle seufzte schwer, und dann fing er herzbrechend zu weinen an.

»Kasperle, was fehlt dir? Dummes Kasperle, mußt nicht weinen!«

»Ich bin schon so alt,« schluchzte Kasperle, »und – und – ihr wachst alle groß und – ich – ich bleib' immer klein!«

»Aber ich bleibe doch deine Freundin wie Rosemarie und Frau Liebetraut, auch wenn ich groß bin,« versprach tröstend das Marlenchen.

»Aber heiraten tuste mich nicht!« schluchzte Kasperle.

Marlenchen kam es furchtbar komisch vor, daß Kasperle ans Heiraten dachte; sie lachte und lachte. Die Lerchen, die zum blauen Himmel aufflogen, wunderten sich, was da unten am Wiesenrand so wunderlieblich klang. Beinahe ein bißchen eifersüchtig wurden sie. Saß da gar vielleicht eine fremde Lerche auf dem Mäuerlein?

Marlenchens Lachen steckte Kasperle an. Er lachte mit, lachte so laut und vergnügt, daß auf einmal von ferne ein Rufen und Singen kam:

»Wer lacht da so?
Hallallala!
Wer ist so froh?
Tidallala!
Ich kenn' die Stimme, kenn' den Klang:
Der Kasper lacht am Wiesenhang.«

»Florizel!« schrie Kasperle.

Ja, es war wirklich Florizel, der da vor den Kindern auftauchte. Er setzte sich zu den beiden, erzählte von der Hochzeit im Fürstenschloß und daß er nun eine weite, weite Reise machen wolle.

»Wohin?« fragte Marlenchen.

»Rate einmal!«

»Nach Italien?«

»Falsch! Weiter, weiter!«

»Nach Ägypten wie die Störche?«

»Pah, so nah! Nach Indien will ich mindestens reisen.«

»Suchste meine Insel?« fragte Kasperle nachdenklich.

»Vielleicht finde ich sie, dann hole ich dich. Vielleicht treffe ich in der weiten Welt auch dein Michele und die schöne Rosemarie,« sagte Florizel.

»Nimm mich mit!« bat Kasperle gleich.

»Du kannst doch Marlenchen nicht verlassen und die Waldhausleute!«

Nein, das konnte Kasperle nicht. Er trug aber dem lustigen Spielmann hunderttausend Grüße und noch ein paar darüber auf. Marlenchen pflückte Florizel flink ein Sträußchen zum Andenken, und dann nahm der lustige Spielmann Abschied von den beiden.

Drei Schritte war er gegangen, da drehte er sich noch einmal um und rief: »Kasperle, geh nie allein! Die Prinzessin Gundolfine will dich fangen und dann dem Herzog schenken. Sie denkt nämlich, dann wird er sie zu seiner Frau Herzogin machen.«

»Hach!« Kasperle fiel rückwärts vom Mäuerlein in den Garten zurück, der Spielmann trällerte noch:

»Kasperlein, Kasperlein,
Hüt' dich fein
vor der Prinzessin im Nachbarland!
Sie hat eine böse, böse Hand,«

und dann lief er davon.

Kasperle blieb stumm und steif am Boden liegen, und erst allmählich rappelte er sich empor. Er kehrte aber mit Marlenchen so tief betrübt zu Christli zurück, daß der ganz erschrocken nach des Freundes Kümmernissen fragte.

Angst vor der Prinzessin Gundolfine! Diesmal lachte Christli den sonst so lachlustigen Freund aus. »Die darf ja gar nicht ins Land! Der Fürst ist meines Vaters Freund, der hat ihr das Hereinkommen verboten. Vor der Prinzessin brauchst du keine Angst zu haben.«

Kasperles Angst flog denn auch nach diesen Trostworten gleich davon wie ein Schmetterling. Bald dachte er gar nicht mehr daran, und die weiteren Tagesstunden vergingen den drei Kameraden in heiterem Frohsinn.

Viel zu früh, meinten alle drei, war die Heimgehstunde gekommen.

»Noch ein paar Minuten!« bettelten sie.

Doch die Gräfin Agathe, die die drei holen kam, schüttelte den Kopf. Christli mußte ins Bett gehen. Wer so lange krank gewesen war, der mußte noch brav sein und sich pflegen lassen. »Morgen ist wieder ein Tag!«

Ja, morgen und morgen und wieder morgen und immerzu morgen. Heisa! Kasperle machte einen Kopfstand vor Vergnügen über die vielen Tage, die kommen würden.

Nachher tobte er noch ein Weilchen mit seinen andern Freunden auf dem Kirchplatz herum. Der Bürgermeister ging zum ersten Male an diesem Tage über den Platz, und dabei hörte er Kasperle lachen, und er brummte vor sich hin: »Immer lärmt dieses schreckliche Kasperle herum. Ich begreife Meister Severin nicht, daß er sich den Unwirsch im Hause hält.«

Meister Severin aber saß inzwischen an der Orgel in der Kirche und spielte wunderherrlich. Kasperle hörte das Spielen und lief ihm nach. Er stand dann still im Kirchenwinkel, und die schöne Frau Liebetraut fand das kleine Kasperle ganz tränenüberströmt dem Spiele lauschend.

»O Kasperle, was fehlt dir?«

»Ich möcht' heim!«

Da fragte Frau Liebetraut nicht: Wohin? Sie ahnte, daß in des Kasperles kleinem Herzen wieder die Sehnsucht nach einer fernen, schönen Urheimat wach geworden war. Sie nahm den kleinen Schelm und führte ihn sacht zu Mutter Annettchen und Meister Friedolin. Die saßen beide geruhsam auf einer Bank im kleinen Gärtchen, und beide riefen sie: »Endlich kommt unser Kasperle!«

Da war das Kasperle einmal wieder daheim bei denen, die es liebten, und es vergaß seinen Kummer und flitzte im Gärtlein auf und ab, flitzte auch über die Mauer und fiel dem guten Professor beinahe in seine Abendsuppe. Doch der schalt nicht, er sah nur das Kasperle wieder einmal kopfschüttelnd an und sagte: »Merkwürdig, sehr merkwürdig! Ich könnte das nicht.«

»So über die Mauer purzelbaumen?« fragte von drüben herüber Meister Friedolin lachend.

Und dann lachten sie alle, hüben und drüben, bei dem Gedanken, der Professor, dieser hochgelehrte Herr, könnte anfangen, Purzelbäume zu schießen.

Kasperle lachte am meisten, und er lachte so lange, bis er vor Müdigkeit beinahe umfiel.

Ihm brauchte nachher niemand mehr ein Wiegenlied zu singen; er schlief im Umsehen ein und schlief einem neuen, schönen Tag entgegen.

Am andern Morgen glänzte die Sonne wieder, und wieder zogen die drei Kamerädles in den schönen Garten. Wieder verlebten sie dort einen wunderschönen Tag, und wieder kam ihnen viel zu früh die Heimgehstunde. Aber wieder blickten viele Menschen den drei Kindern freundlich nach, und wieder brummte der Bürgermeister, als er Kasperles Stimme hörte. Und weil die Kinder gerade Greifen spielten, schrie Kasperle, wobei er Hansjörg meinte: »Da ist er, halt ihn, halt ihn!«

Der Bürgermeister drehte sich wütend um. »Warte du!« rief er wütend.

Aber da jagte die ganze Schar just in ein Gäßlein hinein, und der gestrenge Herr merkte wohl, er war nicht gemeint gewesen. Dies ärgerte ihn noch mehr, und als er am Abend heimkam, ging er in sein Arbeitszimmer und schrieb einen Brief, einen langen, wichtigen Brief.

Am nächsten Morgen, gerade als die drei Freunde nach dem Garten wanderten, trafen sie eine alte Frau. »Hach,« kreischte Kasperle, »das war die Base Mummeline!«

»Wo denn, wo denn?« Marlenchen drehte sich wie ein Kreisel rundum, aber da war niemand und nichts zu sehen. »Kasperle, du träumst,« rief sie.

Da es auch Christli sagte, glaubte Kasperle schließlich selbst, er hätte es geträumt. Und just, als er ein Gesicht wie die Base Mummeline machte, schlich die in des Bürgermeisters Haus hinein und holte den langen, wichtigen Brief, um den heimlich fortzutragen.

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