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Kasperls Abenteuer in der Stadt

Josephine Siebe: Kasperls Abenteuer in der Stadt - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspstad/kaspstad.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperls Abenteuer in der Stadt
publisherHerold-Verlag R. & E. Lenk
seriesKasperle-Bücher
volume3
printrunSechzehnte Auflage
illustratorErnst Kutzer
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
senderjens.sadowski@yahoo.com
created20111108
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Eine aufregende Geschichte

Torburg war keine große Stadt, und ein Gerüchtlein lief schnell durch seine Gassen. Die vier Buben Maxel, Hansjörg, Friedel und Fritze erzählten jedermann, der Professor Schnappel wolle das putzlebendige Kasperle von Meister Severin totmachen und in Spiritus setzen. Ein paar lachten darüber, aber alle Kinder glaubten das Gerede. Fritzes Mutter glaubte es auch. Die war eine Frau Bäckermeisterin, bei der viele Torburger ihre Wecken kauften, und an diesem Nachmittag bekamen alle Kunden zum frischen Kaffeeweck die Neuigkeit als Zugabe: »Wissen Sie schon? Das Kasperle soll in Spiritus gesetzt werden!«

»Jemine, wie graulich!« riefen ein paar Frauen, und auf dem Heimweg erzählten die es der Fleischermeisterin Hals an der Ecke vom Neumarkt, der Professor Schnappel wolle Kasperle in Spiritus setzen.

»Ach, Unsinn!« sagte die heitere Frau lachend.

»Ist kein Unsinn,« redete jemand dazwischen. Das war Dörte, des Professors Magd. »Er will es wirklich! Er setzt alles in Spiritus, was er studiert. Und er hat gesagt, er wolle Kasperle studieren. O je, o je, das arme liebe Kasperle! Tot weinen könnt' ich mich!«

Na, wenn es die Dörte selbst sagte, dann mußte es doch gewiß stimmen.

Das Gerüchtlein bekam auf einmal Siebenmeilenstiefel, rannte durch alle Gassen, und am Abend redete ganz Torburg davon, der Professor Schnappel wolle das Kasperle in Spiritus setzen. Immer weniger Leute lachten darüber, immer mehr glaubten es. Einige sagten trotzdem: »Unsinn!«, viele verlangten, man müsse es dem Bürgermeister sagen. Ja, zwei Frauen gingen sogar in des Bürgermeisters Haus. Doch der hatte zuviel von seinem Lieblingsgericht gegessen, das lag ihm im Magen, und als die Frauen ihm die schreckliche Geschichte mitteilten, knurrte er: »Meinetwegen kann er den Kasper in die Tinte setzen. Kasperles sind nur unnütze Dinger.«

Das war hart. Alle, die das Gerücht glaubten, bekamen das größte Mitleid mit Kasperle, und die Buben, die sich seine Freunde nannten, wurden von den andern Buben und Mädels lebhaft beneidet. Sie durften Kasperle beschützen, das war doch einmal etwas.

In Meister Severins Hause redete niemand von der furchtbaren Geschichte. Kasperle hatte zwar gesagt, der Professor wolle ihn in Spiritus setzen, doch Meister Severin hatte nur darüber gelacht und die andern mit ihm.

Am Nachmittag nahm Herr Severin das Kasperle mit in sein Zimmer hinauf, er wollte dort auf einer uralten Geige spielen. Da saß Kasperle still und geduldig auf dem Fensterbrett, lauschte den feinen, frommen Tönen und sah ganz, ganz anders aus als sonst. Immer ging es Kasperle so. Wenn Herr Severin oder sein Michele spielten, dann mußte er an die ferne schöne Insel denken, von der er doch gar nicht wußte, wo sie lag. Irgendwo im Weltmeer. Viele Blumen blühten dort, und nur Kasperles wohnten da. Aber alles wußte Kasperle nur wie einen schönen Traum, den er vor langer, langer Zeit geträumt und halt wieder vergessen hatte.

Nachher spielte Kasperle noch ganz brav, ohne lautes Getöse im Garten. Frau Liebetraut, die darinnen mit Mutter Annettchen zusammen saß, rief ein paarmal Kasperle, und dann antwortete Kasperle jedesmal: »Ja.«

Endlich rannte er in das Haus, kam bald wieder zurück und schrie: »Ich kann's.«

»O lieber Himmel! Was für eine Dummheit kannste wieder?« fragte Mutter Annettchen.

Da setzte sich Kasperle auf einen Stuhl, nahm ein Buch in die Hand und sah dann plötzlich so aus wie drüben der Professor Schnappel.

»Aber Kasperle,« rief Frau Liebetraut, »du sollst doch nicht immer Gesichter schneiden! Der Herr Professor –«

Wutsch! hatte Kasperle ein bitterböses Teufelsgesicht aufgesetzt. »Er will mich in Spiritus tun,« rief er, »er ist schlimm.«

»Bewahre, der ist nicht schlimm!«

Kasperle glaubte sonst der schönen Frau Liebetraut alles, das glaubte er ihr aber doch nicht, und er rief trotzig: »Er ist doch bös!«

Frau Liebetraut antwortete nicht, denn Herr Severin kam gerade in den Garten, schwenkte einen Brief und rief: »Von Michael und Rosemarie.«

Hei! Da vergaß Kasperle allen Ärger über den Professor. Der Michele und seine Frau, die schöne Gräfin Rosemarie, das waren seine lieben, lieben Freunde. Er zappelte auf dem Stuhl herum vor Freude, wie ein Fischlein auf trockenem Land. Endlich hörte er etwas von ihnen! »Hallo, wo sind sie?«

»Kasperle, schrei nicht so arg!« sagte Herr Severin. »In Italien sind sie, und über das Meer wollen sie fahren, nach Ägypten, nach Indien, weit, weit in die Welt hinein.« Und dann las er den Brief vor, und weil Frau Liebetraut so sehr bat, spielte er auf einer kleinen Orgel innen im Haus noch lange schöne Weisen. Da hörte Kasperle wieder zu, und dann ging er brav und still in sein Bett; eins, zwei – da schlief er schon.

Er wachte auch so brav auf, und Frau Liebetraut selbst führte ihn hinüber zu seinem Freund Christli. Weil die Sonne hinter den Wolken Versteck spielte und der ganze Himmel nach Regen aussah, spielten Christli und Kasperle in dem Zimmer. Kasperle kasperte lustig herum. Christli lag auf einem Ruhebett und lachte. So verging beiden die Zeit.

Endlich kam die Gräfin Agathe herein und erzählte: »Kasperle, draußen stehen etliche Buben; sie sagten, sie müßten dich schützen und dich heimholen. Bist doch ein arg dummes Kasperle! Brauchst dich doch nicht zu fürchten!«

Doch Kasperle war das Heimholen schon lieb. Er wurde denn auch mit großem Jubel von seinen Freunden empfangen. Die aber bettelten heut: »Kaspere uns doch einmal etwas vor!«

Ach lieber Himmel, wie konnte da Kasperle nein sagen!

Er schnitt gleich seine allernärrischsten Gesichter, lachte und heulte, sprang und purzelbaumte, erst langsam, dann schneller und schneller und –

Ein gellender Schrei ertönte. Von den Buben unbemerkt war ein Herr über den Kirchplatz gekommen, der nahm das Kasperle am Hosenbödle und sagte: »So, nun hab' ich dich wieder.«

Es war der Professor Schnappel.

Ehe Kasperles Beschützer zu Hilfe kommen konnten, klappte die Haustüre, und Kasperle war in des Professors Haus. Nur sein Gebrüll tönte auf dem Kirchplatz, und das fuhr Maxel, Hansjörg, Friedel und Fritze in die Beine. Sie rannten, Hilfe zu holen. Zuerst ging's auf den Schulplatz. Da quirlten Buben und Mädel herum, und Hansjörg brüllte als erster: »Jetzt steckt er ihn in Spiritus!«

Das Echo seiner Kameraden folgte gleich, und ein paar Augenblicke standen die Kinder alle wie erstarrt. Sie wußten nicht recht, waren die Buben übergeschnappt oder nicht. Aber da begann Hansjörg, der eine Stimme wie ein kleiner Löwe hatte, zu erzählen, und kaum war er fertig, gab es ein Zetergeschrei: »Er darf ihn nicht totmachen und in Spiritus setzen. Wir wollen Kasperle befreien.«

Kasperle war den Torburger Kindern eine ungeheuer wichtige Persönlichkeit geworden seit dem Tage seiner Ankunft. Recht gesehen hatten ihn freilich nur die vier Buben, aber geredet hatten sie alle von ihm. Und neugierig waren sie alle, und riesengroßes Mitleid hatten sie auch alle. Mädel, Buben, Große, Kleine, alle schrien sie aufgeregt durcheinander. Alle wollten gleich vor des Professors Haus ziehen, doch da rief Maxel bedeutsam: »Es müssen Große mitgehen.«

Ja, Große, ganz Torburg mußte mitlaufen, dann würde der Professor schon das Kasperle herausgeben.

»Wir laufen über den Markt.« Hansjörgs Stimme schrillte wieder.

»Aber vielleicht sitzt er schon im Spiritus!« ertönte es klagend. Die kleine Lisabeth, die ein sehr weiches Herzelein hatte, rief es. Und tropf, tropf! rannen ihr auch schon ein paar Tränlein aus den Augen.

Das steckte an: drei, vier Mädel schluchzten auf, doch Hansjörg brüllte: »Stille! So fix kommt er doch nicht in Spiritus. Marsch jetzt!«

»Übern Markt, übern Markt!« brüllten die andern, und die ganze Gesellschaft setzte sich in Bewegung. Es war gerade Wochenmarkt gewesen. Die Verkäuferinnen rüsteten sich just zum Abräumen und Einpacken, als heidi! mit Gelärm und Geschrei die ganze Kinderschar dahersauste. »Er setzt ihn in Spiritus, er setzt ihn in Spiritus! Hilfe, Hilfe!«

»Gott bewahre mich!« Die dicke Händlerin Freudenreich setzte sich gleich platt auf einen Haufen zusammengekehrter Marktreste nieder. »Was soll das? Was heißt das? Wer sitzt im Spiritus?«

»Kasperle, Kasperle!« kreischten die Kinder. »Der Professor Schnappel setzt ihn in Spiritus.«

»Unsinn!« rief eine handfeste Bäuerin. »Er will ihn gewiß nur abwaschen.«

»Nein, er macht ihn tot.«

»Unsinn!« riefen noch zwei andere Frauen, aber da kreischten die Kinder so mörderlich »Hilfe, Hilfe!«, daß es den Marktfrauen himmelangst wurde.

»Erzählt mal!« rief die Bäuerin. Und weil sie sah, daß Hansjörg seinen Schnabel am allerweitesten aufreißen konnte, nahm sie den Buben beim Genick, stellte ihn auf einen abgeräumten Tisch und gebot: »Der erzählt, ihr andern haltet's Maul! Verstanden?«

Das war deutlich. Die Torburger Kinder schwiegen denn auch plötzlich muckstill, und Hansjörg begann zu erzählen. Als er in seiner Rede bei dem Ergreifen Kasperles durch den Professor Schnappel anlangte und beweglich Kasperles Gebrüll nachahmte, fielen alle Kinder ein: »Hilfe, Hilfe! Er steckt ihn in Spiritus!«

»Potz Donnerwetter! Was ist das für ein ungehöriger Lärm?« dröhnte eine laute Stimme in das Gekreisch hinein. Der Polizeiwachtmeister Stöterlein stand da und sah ungeheuer grimmig aus.

Die Händlerin Freudenreich, die eben erst von ihrem Gemüsehaufen aufgestanden war, plumpste vor Schreck gleich wieder um. Die Kinder aber ließen sich durch den barschen Ton nicht abschrecken. Der Wachtmeister Stöterlein kam ihnen gerade recht. Sie brüllten ihm in die Ohren: »Er steckt ihn in Spiritus; er macht ihn tot.«

»Wer? Was? Heiliger Bimbam! Was soll das heißen?«

Und wieder sagte die handfeste Bauersfrau: »Stille, ihr andern. Der da soll erzählen.«

Da kam Hansjörg wieder auf den Tisch, und er erzählte mit noch mehr Wichtigkeit als vorher das schreckliche Geschehen. Geraubt hatte der Professor Schnappel das Kasperle, und in Spiritus wollte er es stecken.

Die Kinder kreischten, ihre Stimmen gellten über den Markt, gellten den würdigen Ratsherren und dem Bürgermeister in die Ohren. Die kamen gerade von einer wichtigen Sitzung und beschauten sich etwas verwundert das ungewöhnliche Getriebe auf dem Platz.

»Komm mal mit!« Hansjörg schwebte durch die Luft, der Wachtmeister Stöterlein hatte ihn am Kragen gepackt, schwenkte ihn wie eine Fahne und setzte ihn gerade vor die weisen Herrn vom Rat der guten Stadt Torburg nieder. »Da, der soll's sagen!« brummte der Wachtmeister.

Hansjörg war wie ein Held an diesem Tage. Alle guten Geister – konnte der kleine Dreikäsehoch schreien! Seine Stimme schmetterte den Ratsherren in die Ohren, und kaum war wieder der Schluß da, als Kinder und Marktfrauen aufkreischten: »Er setzt ihn in Spiritus, er macht ihn tot!«

»Zum Kuckuck, was geht uns so ein dummer Kasper an!« rief der Herr Bürgermeister.

Doch da wandten sich alle entrüstet dem Stadtoberhaupt zu, und selbst die Bauersfrau, die zuerst »Unsinn!« gesagt hatte, rief nun, dies sei nicht recht, man dürfe das Kasperle nicht so im Stich lassen. In Spiritus dürfe er nicht gesetzt werden, außerdem würde dann die neue Fürstin bitterböse werden, denn die habe gesagt, das Kasperle könnte sie gut leiden.

»Man muß ihn retten, man muß ihn retten!« Immer mehr Menschen fanden sich dazu, voller und voller wurde der Markt. Die Marktfrauen kümmerten sich weder um ihre Körbe, noch um ihre Wagen. Stehlen war in Torburg nicht Mode. Alle dachten nur an das Kasperle, und als der Bürgermeister sah, es würde ein richtiger Volksauflauf, herrschte er den Wachtmeister Stöterlein an: »Die andern sollen kommen! Wir wollen mal nach dem Rechten sehen.«

Hurra, das war ein Wort! Hansjörg hob vor Freude gleich ein Bein in die Luft, und dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel dem dicksten Ratsherrn an den Bauch. Klatsch, klatsch! Da brannten dem Helden Hansjörg auf einmal beide Backen feuerrot, und da der Ratsherr drohte: »Es gibt mehr,« verschwand der kleine Held für ein paar Minuten im Getümmel.

»Jetzt kommt die Polizei!« Ein Jubelrufen tönte auf, und wieder gellte Hansjörgs Stimme hervor: »Hilfe, Hilfe! Wir retten Kasperle!«

»Donnerwetter, du infamer Bub! Laß doch das Gebrüll!«

Klatsch, klatsch! Diesmal sauste eine Ratsherrenhand auf Hansjörgs Hosenbödle nieder. Da blieb dem das Hilfegeschrei vor Schreck im Munde stecken.

Wahrlich, die vier Freunde mußten an diesem Tag viel leiden für Kasperle. Nach Hansjörg bekam Maxel von Wachtmeister Stöterlein einen Puff, der ihn gleich zehn Schritte weiter beförderte, und da Friedel und Fritze ihr Hilfeschreien unermüdlich fortsetzten, schlug der Herr Bürgermeister eigenhändig jedem auf den Mund, aber ordentlich. Da verging den Buben das Rufen, und so kam es, daß die vier wackeren Helfer ein Weilchen muckstill waren.

Freilich – es dauerte nicht lange.

Als sich der Zug nach dem Kirchplatz in Bewegung setzte, waren alle vier wieder voran und brüllten lauter als vorher. Sie brüllten ein paar Frauen vom Kochherd weg, brüllten den Meister Christoph aus seiner Schmiede heraus und brüllten auf dem Kirchplatz so sehr, daß es sogar die Waldhausleute, die alle in der Gartenstube saßen, hörten. Meister Severin hörte »Kasperle!« rufen. Da lief er flink hinaus und sagte erschrocken im Flur zu seiner Frau Liebetraut: »Wenn unser Kasperle nur keine Dummheit gemacht hat!«

Als Herr Severin auf den Kirchplatz trat, war der voller Menschen. Aus allen Gäßlein, die nach dem sonst so stillen Platze führten, strömten die Menschen herbei. Es war ein ungeheurer Lärm.

Herr Severin wurde aus dem Geschrei nicht klug. Hatte nun Kasperle etwas getan oder war Kasperle etwas geschehen? Doch ehe er das noch erfahren hatte, betrat der Bürgermeister des Professors Haus. Dörte hatte schreckensbleich ob des Getöses die Türe geöffnet. Als sie aber die vielen, vielen Menschen sah, flüchtete sie schreiend in ihre Kammer. Dem Bürgermeister aber folgten die Ratsherren, ihnen nach drängten die andern Leute, am heftigsten jedoch drängten die Kinder voran. Und trotzdem die drei Polizisten von Torburg Katzenköpfe rechts und links austeilten, es half alles nichts. Wer einen Katzenkopf erwischte, schrie »Au!« und puffte sich weiter durch.

So wälzte sich die Menschenmasse durch den weiten Hausflur bis zu der breiten Türe hin, die zu Professor Schnappels Studierzimmer führte. Und just an der Tür bekam ein Ratsherr einen Stoß, er wußte nicht von wem, aber unwillkürlich schubste er den Bürgermeister, und der flog wie eine Schwalbe am blauen Sommertag in das Zimmer hinein.

Von hinten tönten Stimmen: »Sitzt er schon in Spiritus?«

Aber Kasperle saß nicht in Spiritus. Der saß höchst gemütlich auf des Professors Schreibtisch und – fraß Kuchen. Denn »essen« konnte man das Geschlinge bei ihm nicht nennen.

Erst hatte Kasperle ungeheuerlich geschrien: »Ich will nicht in Spiritus, ich will nicht in Spiritus!« und es hatte ein Weilchen gedauert, bis der Professor verstanden hatte, was das Geschrei bedeuten sollte. Da hatte er mit dem Kopf geschüttelt, hatte den Finger an die Nase gelegt und gefragt: »Kasperle, willst du Kuchen essen?«

Wann hätte Kasperle da jemals nein gesagt! Er nickte also sehr eifrig, und als Dörte einen riesengroßen Napfkuchen brachte, vergaß Kasperle halb und halb seine Sorge. Nach dem ersten Viertel schon war er mit dem Professor gut Freund, und gerade hatte er den Napfkuchen halb aufgefuttert, als der Bürgermeister, die Ratsherren, die Polizei und die vielen, vielen Leute erschienen.

»Er ißt Kuchen, er steckt nicht in Spiritus!« schrie Hansjörg. Der war wieder einmal voran und seine lustige Himmelfahrtsnase tauchte neben dem Bürgermeister auf.

»Er ißt Kuchen – er sitzt nicht in Spiritus!« Verwundert, fast ein wenig enttäuscht kam es aus der Menge.

»Wir haben ihn gerettet! Hurra, wir haben ihn gere –«

»Heilloser Bengel, du, halt doch den Schnabel!« Klatsch! bekam Hansjörg wieder eins auf den Mund. Der Bürgermeister selbst schlug diesmal zu, denn in dem stieg ein gewaltiger Ärger empor.

Was weiß aber ein dummes, unnützes Kasperle davon, wie ärgerlich es für einen Bürgermeister und seine Ratsherren ist, auf ein törichtes Gerücht hereinzufallen! Dem Kasperle kam die ganze Sache höchst spaßhaft vor. Er machte noch einmal schluck, schluck! und dann – lachte er, lachte, wie es nur ein Kasperle kann, mit weit aufgerissenem Munde.

Zuerst lachten alle Kinder mit, dann fielen die Erwachsenen ein. Das Kasperle selbst schüttelte sich, Hansjörg wackelte wie ein Uhrpendel hin und her, Maxel bog sich wie ein Bäumchen im Winde, Friedel setzte sich auf die Erde und Fritze fiel vor Lachen auf den Bauch.

Und auf einmal fing auch der Professor zu lachen an, so herzhaft, wie er in seinem ganzen Leben nicht gelacht hatte.

Selbst die Ratsherren schmunzelten, einer lachte sogar gerade heraus. Nur der Bürgermeister lachte nicht. Der war böse, arg böse. Jemine, bei unserem Bürgermeister gibt es bald ein Donnerwetter! dachte der Wachtmeister Stöterlein, der sich seinen Säbel vor das Gesicht hielt, weil er meinte, da könnte ihn niemand dahinter lachen sehen.

Und es gab ein Donnerwetter mit Blitz und Krach und großem Geschrei. Der Bürgermeister hatte das Kasperle vom Schreibtisch gerissen, der Kuchen purzelte hinterher, und eben holte er zu einem tüchtigen Hieb aus, als der Professor ihm die Hand festhielt. »Es ist doch nur ein Kasperle!« sagte er. »Wenn der auf einen solchen dummen Gedanken kommt, ich wolle ihn in Spiritus setzen, dann ist es eben ein Kasperlegedanke. Hm, freilich, mir scheint, andere Leute haben auch manchmal Kasperlegedanken!«

Wutsch! lief da einer zum Hause hinaus, noch einer. Der Wachtmeister Stöterlein war plötzlich verschwunden, drei Ratsherren sagten, sie hätten es sehr eilig. Die Stube leerte sich, das Haus leerte sich. Meister Severin konnte hineinkommen, und im Flur traf er mit dem Bürgermeister zusammen. Der sah aus wie eine dicke, zornige Hornisse. Er rannte ohne Gruß an jedem vorbei, rannte über den Kirchplatz, und zuletzt blieben nur die Kinder übrig. Professor Schnappel wurde sie nicht los, erst als Meister Severin sagte: »Kasperle, renne du voran, aber gleich nach Hause, ja nicht aufhalten!« da rannten auch die Kinder weg.

Sie wollten alle Kasperle in der Nähe sehen. Der purzelbaumte aber eins, zwei, drei! über sie hinweg und wutschte in Meister Severins Haus hinein; ehe Hansjörg ihn noch erreicht hatte, war er schon drin.

Frau Liebetraut, die just auch hatte auf den Kirchplatz hinausgehen wollen, verschloß flink die Türe. Kasperle aber steckte den Kopf durch ein kleines Flurfenster, schnitt erst ein Räubergesicht, dann grinste er, und zuletzt versprach er ihnen: »Heute nachmittag komme ich raus.«

»Hurra, hurra!« brüllten die Kinder. »Fein wird das, fein!« Hansjörg aber versuchte gleich einen Purzelbaum zu schießen. Er stieß dabei Maxel an die Nase, verlor das Gleichgewicht und kollerte eine kleine Anhöhe hinab. Und die andern alle, Buben und Mädel, kollerten ihm vergnügt nach, gerade an des Bürgermeisters Hause vorbei.

Der sah es, hörte das Geschrei und brummte finster vor sich hin: »Ich werde der Prinzessin doch schreiben!« Was, das sagte er aber wieder nicht, das schluckte er wieder hinab.

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