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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 20
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Hochzeit in Oberheudorf, und Kasperle dabei

Am nächsten Tag war die Hochzeit in Oberheudorf. Kasperle mußte früh aufstehen. Das behagte ihm schon gar nicht. Es war müde und wäre gerne noch im weichen, warmen Bett geblieben, statt in die Kälte hinauszufahren. Doch der Kasperlemann wollte früh aufbrechen, und Kasperle mußte flink in sein Röcklein fahren. Es tat dies verdrossen, und verärgert und müde saß es dann in dem Kasperlewagen. Es hatte überhaupt keine Lust, in Oberheudorf zu kaspern.

Der Kasperlemann merkte dies. Und weil er wußte, daß Kasperle nur durch gutes Zureden seine heitere Laune wiederfand, redete er ihm gut zu. Aber diesmal half alles nichts. Kasperle hatte einfach einen Katzenjammer, und die schlechte Laune verging nicht.

Die Oberheudorfer Kinder waren unterdessen schon in großer Aufregung, weil Kasperle kommen sollte. Ganz unsagbar freuten sie sich. Von Kasperle erwarteten sie viel Spaß. Sie standen alle aufgereiht wie Orgelpfeifen auf der Straße und warteten auf Kasperle.

Endlich kam es. Wenigstens sah man den Wagen, in dem Kasperle sitzen sollte. Mit großem Geschrei gaben die Kinder dem Wagen das Geleit bis an das Hochzeitshaus. Sie fragten immer wieder: »Ist das Kasperle auch drin?«

»Ja, es sitzt drin«, antwortete der Kasperlemann.

»Warum kommt es nicht raus?«

»Es kommt schon raus, wenn der Wagen hält.« Der alte Kasperlemann war sehr verärgert über Kasperle, das noch immer seine schlechte Laune plagte. Als der Wagen hielt, nahm er das unlustige Kasperle heraus, setzte es mitten unter die Kinder und sagte: »Da habt ihr es.«

Die Kinder jubelten laut, hielten sich aber in einiger Entfernung von Kasperle, denn sie dachten, nun geht gleich das Kaspern los. Nun wird es sich in eine Kugel zusammenrollen, dabei die Füße in den Mund stecken und fortkullern oder einen Purzelbaum über das nächste Haus hinwegschießen. Vielleicht würde es auch zappeln und Gesichter schneiden, bald wie ein Räuber, bald wie ein Teufel, wie die Prinzessin Gundolfine oder gar wie der dicke Dorfschulze aussehen. Das alles sollte Kasperle können, hofften die Oberheudorfer Kinder.

Sie warteten und warteten. Kasperle rührte sich nicht.

»Kaspere doch«, mahnten einige Buben.

»Fang doch an«, bettelten die Mädels.

»Ja, fang endlich an!« riefen schließlich alle ungeduldig.

Kasperle aber rührte sich nicht.

Es hatte nicht die geringste Lust zu kaspern, und als das Bitten immer dringender wurde, streckte es plötzlich seine Zunge heraus so weit es konnte. Das war ungezogen, sehr sogar.

Die Oberheudorfer Buben und Mädels nahmen das auch gewaltig übel. Sie schimpften wie die Rohrspatzen, taten, als hätten sie selbst noch nie so etwas gemacht. Sie sprachen auch davon, sie wollten Kasperle verhauen.

Was konnte einer gegen so viele ausrichten. Es sah bedenklich aus für Kasperle. Aber Kasperle wußte sich zu helfen. Es schrie auf einmal mit lauter Stimme: »Platz da, ich fang an! Es geht gleich los.«

Die Kinder jubelten laut und wichen zurück.

Kasperle reckte und streckte sich, und eins, zwei, drei schoß es einen Purzelbaum und verschwand –

Weg war das Kasperle, es kam auch nicht wieder, so sehr auch die Kinder vor dem Haus lärmten und schrien.

Drinnen im Haus saß Kasperle in der Stube wie ein hochgeehrter Gast und aß Hochzeitskuchen. Die Hochzeitsgäste waren alle in der Kirche bei der Trauung, und der Bauer hatte zu den Mägden, die das Haus versorgten, gesagt: »Sorgt nur gut für Kasperle, wenn es kommt, damit es uns am Nachmittag etwas Lustiges vorkaspert.«

Kasperle ließ sich die gute Versorgung gern gefallen und aß für drei. Da kam unversehens der Kasperlemann in die Stube, und das »hochgeehrte Gast«-spielen hatte ein Ende. Kasperle mußte ins Bett gehen, um sich für den Nachmittag gründlich auszuschlafen.

Eine Magd ging mit ihm bis an das Stübchen, in dem Kasperle schlafen sollte. Kasperle paßte das Insbettgebrachtwerden gar nicht, es hatte etwas anderes vor. Es hatte es sich in den Kopf gesetzt, es wollte einfach nicht in Oberheudorf kaspern. Als es daher vor seinem Stübchen angelangt war, schnitt es plötzlich so furchtbare Gesichter, daß die alte Magd vor Schreck davonlief.

Das hatte Kasperle gerade gewollt. Als die Magd verschwunden war, ging es und suchte sich einen Schlafplatz nach seinem Geschmack.

Die Kinder standen unterdessen und warteten vergeblich auf Kasperles Rückkehr, es kam und kam aber nicht. Die Mägde sahen die Kinder warten. Sie dachten, die wollten den Hochzeitskuchen versuchen und trugen ihnen eine Schüssel voll hinaus. Die Kinder aber verlangten nach Kasperle.

»Ach, das ist ein Teufelskerl«, sagte die alte Magd und erzählte, wie es ihr mit dem kleinen Schelm gegangen war.

Aber die Kinder lachten darüber, und ihr Wunsch, Kasperle zu sehen, wurde immer stärker. Sie flehten »Zeig uns doch Kasperle.«

»Das muß doch jetzt schlafen«, entgegnete die Magd.

»Ach, wir wollen es einmal sehen, wie es schläft.«

»Wie soll so ein Taugenichts anders aussehen als häßlich, auch wenn er schläft«, meinte die Magd. Sie führte aber doch die Kinder bis zu Kasperles Stübchen, das gleich unten neben der Treppe lag.

»Hier ist es drin«, sagte sie, und öffnete vorsichtig die Türe.

Ja, wer aber nicht drin war, das war Kasperle. Leer war das Stübchen, unberührt das Bett, keine Kasperlenase war zu sehen.

Die Kinder schrien laut, Kasperle wäre gestohlen worden.

Der Kasperlemann hörte das Geschrei und kam eilig herbeigelaufen. Die Magd erzählte, was geschehen war, auch daß sie Kasperle nicht bis ins Bett gebracht hätte, sondern vor Schreck vor der Tür davongelaufen sei. Da wußte der Kasperlemann, der den Schelm besser kannte, daß der sich sicher versteckt hatte. Er sagte dies den Kindern und bat sie, sie sollten suchen helfen. Damit waren die Kinder gleich einverstanden und wollten gerade beginnen, in dem großen Bauernhaus treppauf treppab zu laufen, als die alte Magd anfing, auf den Kasperlemann zu schelten, aber tüchtig. Was ihm einfiele, in einem frisch gescheuerten Hochzeitshaus dürften die Kinder mit ihren schmutzigen Schuhen nicht herumtappen, so etwas sei nicht Mode in Oberheudorf. Die Kinder schlichen verlegen davon, denn mit der alten Karline war nicht gut Kirschen essen.

»Aber mein Kasperle muß gefunden werden«, jammerte der Kasperlemann.

»Ich werde es selbst suchen, obgleich es ein Taugenichts ist«, versprach die Alte. Sie ging auch und suchte, aber Kasperle fand sie nicht. Sie schaute in alle Zimmer, sah unter die Betten, sah in die Kleiderschränke, Kasperle war nicht zu finden.

»Euer Kasperle ist durchgegangen!« rief sie dem Kasperlemann zu.

»Es muß da sein«, antwortete der.

»Jetzt kommen die Hochzeitsgäste aus der Kirche, jetzt laß mich mit dem dummen Kasper zufrieden«, rief Karline und rannte auf die Dorfgasse.

Da kam mit Musik und Fahnen, mit Blumen und seidenen Kleidern der Hochzeitszug daher.

Im großen Saal des dem Hochzeitshaus gegenüberliegenden Wirtshauses sollte zu Mittag gegessen werden, und dabei sollte Kasperle sein Spiel aufführen. Aber wo war Kasperle?

Als das Brautpaar kam, schrien die Kinder: »Hoch sollen sie leben, aber Kasperle ist ausgerissen!« Sie meinten nämlich, das gehöre zusammen.

So hörte der Bauer, was geschehen war. Er rief: »Potz Blitz, was ist das für eine dumme Geschichte!«

Die Kinder dachten, Kasperle wäre die wichtigste Person bei der ganzen Hochzeit, und erfüllten mit ihrem Geschrei die Gassen.

Das wurde Karline zuviel, und sie drohte: »Wer noch ein Wort von Kasperle sagt, der bekommt kein Stück Kuchen mehr.« Aber Kasperle war den Kindern in diesem Augenblick wichtiger als der Hochzeitskuchen. Sie schrien weiter, bis der Hochzeitsvater noch einmal »Potz Blitz!« sagte und nun die Geschichte vom Kasperlemann erzählt bekam.

»Es wird sich schon wieder finden«, meinte der Bauer, »in Oberheudorf geht ein Kasperle nicht verloren. Aber wenn es zum Vorschein kommt, kriegt es zunächst Hiebe für seinen dummen Streich.«

Damit war Kasperle für eine Weile erledigt, und die Hochzeitsgäste gingen in das Wirtshaus hinüber zum Festessen, auch die Kinder wurden alle dazu eingeladen, sie sollten in einer Nebenstube essen. Aber Karline hatte ihre liebe Not mit ihnen, sie taten, als gäbe es so ein gutes Hochzeitsessen alle Tage, und es wäre auf der ganzen Welt nichts wichtiger als ein Kasperle.

Endlich, als Karline versprach, sie wollte noch einmal überall nachsehen, gingen sie in ihr Nebenzimmer und setzten sich an den Tisch zum Essen. Die Zeit verging, aber Kasperle tauchte zum großen Kummer der Kinder nicht wieder auf.

Unter den Hochzeitsgästen war ein sehr dicker, reicher Bauer, der die Gewohnheit hatte, sieben Hemden anzuziehen, damit er noch dicker und stattlicher aussah. Dem Bauern nun wurde es bei Tisch von dem vielen guten und fetten Essen sehr heiß, und er dachte, es wäre gut, ein paar seiner wollenen Hemden auszuziehen.

Gedacht, getan. Er ging in die Stube, die er im Hochzeitshaus bewohnte, und fing an, sich auszuziehen. Als er beim fünften Hemd angekommen war, sah er zufällig in den Spiegel. Was sah er da? Auf dem Bett saß ein wunderliches Ding und schnitt Gesichter. Der dicke Bauer hatte noch nie ein Kasperle gesehen, er hielt darum Kasperle – denn das war es – für einen Kobold oder bösen Geist. Er war so feige wie er dick war, und rannte eilig aus der Stube, rannte durch das leere Haus, vergaß in der Hast ganz, daß er im Hemde war, und rannte hinüber in das Wirtshaus.

Das gab eine Aufregung, als der dicke Bauer im Hemde angelaufen kam. Alle liefen zusammen, um zu erfahren, was drüben im Hochzeitshaus geschehen war. Auch die Kinder fehlten dabei nicht. Die riefen zuerst: »Das ist sicher Kasperle!«

»Ja, das ist Kasperle«, sagte auch der Kasperlemann, und betrübt fügte er hinzu: »Es muß Hiebe haben.«

»Aber tüchtig, ich werde es ihm besorgen!« Der Bauer war wirklich wütend auf das Kasperle, das so viel Aufregung und Unruhe verursachte. Er ging mit dem Kasperlemann hinüber. Der dicke Bauer lief auch mit, um sich wieder anzuziehen und alle drei wollten das Kasperle verhauen.

Die Kinder liefen auch alle mit, sie wollten es nicht dulden, daß Kasperle verhauen wurde. Und die Kinder siegten, siegten durch ihr Geschrei und Geheul.

Kasperle hatte sich wieder in das schöne weiche Federbett in des dicken Bauern Stube gewühlt, um weiterzuschlafen, als die drei Männer das Zimmer betraten, und der Vater des Bräutigams es aus dem Bett herausholte. Ehe aber der Bauer noch ein Wort sagen konnte, fingen die Kinder so gewaltig an zu schreien, daß alle Hochzeitsgäste aus dem Wirtshaus angelaufen kamen, um zu sehen, was los sei.

Vielleicht war es doch ein Kobold gewesen, den der dicke Bauer gesehen hatte. Als sie kamen, sahen sie zuerst die fünf Hemden am Boden liegen, worüber sie laut lachen mußten. Die Kinder aber heulten immer lauter, und schließlich lief das ganze Dorf zusammen.

Keiner wußte recht, ob er über die fünf ausgezogenen Hemden lachen oder mit den Kindern weinen sollte. Endlich sagte ein Dreikäsehoch, als der Bauer gar nicht nachgeben wollte: »Wenn du Kasperle jetzt haust, kann es ja nachher nicht kaspern!«

Das Wort half. Kasperle kam ohne Hiebe davon, und die Kinder zogen fröhlich mit ihm ab. Sie schlossen alle Freundschaft mit ihm und trugen ihm auch die herausgestreckte Zunge nicht nach. Auch die übrigen Hochzeitsgäste waren zufrieden und begaben sich in bester Laune ins Wirtshaus zurück.

Der dicke Bauer zog seine fünf Hemden wieder an, denn es fror ihn plötzlich sehr. Er kam dann gerade noch zur rechten Zeit, um Kasperle spielen zu sehen. Er mußte über die Possen des kleinen Schelms so unbändig lachen, daß ihm fünf Westenknöpfe und drei Hosenknöpfe abplatzten. Kasperle führte an drei Tagen seine Stücklein auf, und alle Hochzeitsgäste lachten wie nie in ihrem Leben. Es war die lustigste Hochzeit, die je in Oberheudorf gefeiert worden ist.

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