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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Der stumme Knecht

Es war November und bitterkalte Stürme wehten schon über das Land. Der Kasperlemann war wieder einmal mit Kasperle unterwegs. Der alte Mann und das klapperdürre Pferdchen froren beide schrecklich, aber Kasperle saß warm und weich in Decken gehüllt im Wagen und redete wie ein kleiner Wasserfall. Was sagte es alles? Es schalt, daß der Kasperlemann mit ihm, dem einzig echten Kasperle, bei diesem Sauwetter unterwegs sei. Ja, Sauwetter, sagte das schlimme Kasperle, obgleich das wirklich nicht schön klingt.

»Es wird schneien«, sagte das Kasperle.

»Es wird nicht schneien.« Aber da schneite es schon, und Kasperle lachte den alten Mann aus. Dem war es gar nicht lächerlich zumute. Er fror so sehr und sein armes Pferdchen tat ihm arg leid. »Wenn nur endlich der Rosenhof käme«, sagte er.

»Was ist das, blühen da jetzt Rosen?«

»Na, jetzt noch nicht, im Juni. Es ist ein großer Bauernhof.«

»Wer wohnt da?«

»Ein Bauer und eine Bäuerin mit Sohn und Tochter und dem stummen Valentin.«

»Wer ist das? Warum ist er stumm?«

»Weil er so erschrocken ist.«

»Warum ist er so erschrocken?«

»Kasperle, du bist ein lebendiges Fragezeichen!« rief der Kasperlemann. Weil aber reden warm macht, erzählte er von dem stummen Knecht. Es hatte einmal gebrannt im Rosenhof, und die Tochter des Hauses wäre beinahe mitverbrannt. Valentin aber hatte sie gerettet, aber vor Schreck und Aufregung hatte er die Sprache verloren.

»Kann er denn gar nicht reden?« fragte Kasperle.

»Nein, kein Wort.«

»Auch nicht, wenn ich ein Späßlein mache?«

»Auch nicht.«

»Das ist schlimm.« Kasperle sah ganz traurig drein.

Der Sturm und das Schneegestöber nahmen zu, und der Kasperlemann sagte: »Ich und mein Pferd, wir werden noch erfrieren.«

»Stirbst du dann?« fragte Kasperle ängstlich.

»Ja, dann bin ich ganz tot.«

Das war übertrieben von dem Kasperlemann, der nicht an das Sterben dachte. Aber Kasperle nahm es bitterernst und begann heftig zu weinen. Es weinte so laut und herzbrechend, daß dem Kasperlemann das Herz schwer wurde. »Armes, kleines Kasperle«, sagte er mitleidig, »ich sterbe ja nicht.«

»Du wirst doch stirbsen.« Kasperle weinte immer lauter und schmerzlicher. Auf einmal steckte jemand seinen Kopf in den Wagen und sah das Kasperle mitleidig an, sagte aber kein Wort.

»Hallo! Da sind wir mal wieder, und dort liegt anscheinend der Rosenhof«, rief der Kasperlemann.

Der Mann nickte nur, es war der stumme Valentin.

Kasperle faßte gleich Zutrauen zu ihm, er hatte so gute Augen und es dachte, vielleicht lernt er das Sprechen wieder, wenn ich ihm etwas vorkaspere, und es kroch aus seinen Decken heraus und fing an, Gesichter zu schneiden.

Der stumme Valentin lächelte ein wenig, aber er lachte nicht laut und sprach auch nicht. Er blieb stumm wie zuvor.

Da merkte Kasperle, daß einer nicht so schnell von einem Gebrechen geheilt wird, und es ließ das Kaspern und weinte bitterlich. Der stumme Valentin merkte wohl, warum Kasperle so weinte, und er streichelte den kleinen Schelm gutmütig, und zwischen beiden entstand eine treue Freundschaft.

Es schneite immer heftiger, aber unter Mithilfe des stummen Valentin, der mitziehen half, langten sie bald auf dem Rosenhof an. Sie wurden herzlich aufgenommen, und Kasperle wurde von den jungen Leuten gebührend angestaunt. Kasperle erfuhr nun auch, warum der Kasperlemann hierher gekommen war. Im nahen Oberheudorf sollte eine große Hochzeit sein, und zur Belustigung der Gäste sollte Kasperle kaspern. Die Oberheudorfer wollten immer etwas besonders Lustiges sehen.

Der Besitzer vom Rosenhof lud den Kasperlemann ein, bei ihm zu wohnen, denn im Hochzeitshaus sei alles besetzt.

Der Kasperlemann nahm die Einladung gerne an, und auch Kasperle spazierte mit Vergnügen in das Haus des wohlhabenden Bauern hinein. Es roch darin köstlich nach Pfefferkuchen, denn der wurde immer schon lange vor Weihnachten gebacken, damit er zum Fest recht mürb wurde. Er durfte aber nicht vorher gegessen werden, und das gefiel dem Kasperle gar nicht. Anderen Kuchen gab es genug, aber es hatte gerade einen rechten Pfefferkuchenhunger. Die Bäuerin sagte, den müßte es sich verkneifen. Nicht einmal eine Kostprobe gab es. Das war hart, denn der Pfefferkuchenhunger wollte nicht vergehen, der blieb und quälte Kasperle sehr.

Der nächste Tag war ein Ruhetag für den alten Kasperlemann, der ihm wohltat nach der Fahrt in Sturm und Schnee.

Kasperle geisterte im Hause herum und trieb Unsinn, schnitt Gesichter und brachte alle zum Lachen. Nur Valentin blieb stumm, er sah aber so gütig aus, daß Kasperle rechtes Mitleid mit ihm hatte und ihm himmelgern geholfen hätte. Alle seine Gesichter schnitt Kasperle, nur sein Teufelsgesicht nicht, damit hatte es nämlich ein Späßlein vor. Der Kasperlemann hatte ihm allerlei Kostüme machen lassen, darunter war auch ein pechschwarzes Teufelskleid. Das wollte es am Abend, ehe das Nachtessen begann, anziehen und ein bißchen den Teufel spielen. Die Mädchen sollten erschrecken.

Nach dem Nachmittagskaffee trieb sich Kasperle auf dem Hofe herum, aber bald wurde es ihm langweilig, und es dachte, es sei nun Zeit, wieder in die Wohnstube zu gehen. Es zog heimlich sein Teufelskostüm an, denn auch der Kasperlemann sollte nicht wissen was es vorhatte. Es wäre möglich gewesen, daß der ihm das Spiel verboten hätte. Als Kasperle in die Wohnstube kam, war kein Mensch darin, nur die Lampe brannte, und auf dem Tisch stand ein großer Korb voll frischer Pfefferkuchen.

Kasperle besann sich nicht lange. Eins, zwei, drei war es auf dem Tisch und begann zu schmausen. Drei Küchlein hatte es schon gegessen und gerade wollte es in den vierten Pfefferkuchen beißen, als jemand in das Zimmer trat. Es war die Haustochter. Das Mädchen blieb fassungslos stehen, als es das schwarze Untier auf dem Tisch sitzen und Küchlein fressen sah.

Da drehte sich Kasperle nach ihr um und schnitt sein Teufelsgesicht. Ganz fürchterlich sah das aus. Mit einem gellenden Schrei flüchtete das Mädchen aus dem Zimmer.

Der erste, der den Schrei hörte, war der stumme Valentin. Der erschrak sehr, denn er trug eine heimliche, stille Liebe zu der Bauerntochter im Herzen und glaubte, ihr könnte ein Unheil widerfahren sein. Er rannte darum eilig in den Hausflur, woher das Schreien jetzt kam. Dort saß die Haustochter auf der Erde, denn ihre Füße trugen sie nicht mehr weiter.

»Was fehlt dir, warum schreist du so?« sagte da auf einmal Valentin.

Da vergaß die Haustochter das pfefferkuchenfressende Teufelchen und sagte erstaunt: »Du kannst ja reden!«

Nun erst merkte Valentin selbst, daß er ja seine Sprache wiedergefunden hatte. Er wollte versuchen, ob er wirklich sprechen könnte, und sagte geschwind dem Mädchen, daß er sie lieb hätte und sie nun zur Frau nehmen könnte, denn sein Vater wollte ihm seinen Hof übergeben.

Gerade hatte er das gesagt, da kam eine Magd in den Flur, die sagte im Vorbeigehen: »Jetzt war es mir gerade, als hörte ich dich sprechen, Valentin.«

Valentin wollte etwas sagen, aber schon hatte die Magd die Stubentüre geöffnet, doch mit einem lauten Schrei fuhr sie zurück, und bebend rief sie: »Da drinnen sitzt der Teufel und frißt unsere Pfefferkuchen!«

»Darum schreist du so.« Valentin sprach es zur großen Verwunderung der Magd laut und deutlich. Er ging in das Zimmer hinein und kehrte bald mit dem zappelnden und heulenden Kasperle zurück. Die Magd, die Kasperle noch immer nicht erkannte, lief schreiend auf den Hof: »Valentin hat den Teufel gefangen und kann sprechen!« rief sie dort.

Der Bauer und die Bäuerin, der Haussohn und die andere Magd, der Kasperlemann, alle kamen angelaufen und fragten, was geschehen sei. Als die Magd vom Teufel sprach, sagte der Kasperlemann: »Den kenne ich. Der muß tüchtig Hiebe bekommen.« Dazu kam es aber nicht. Die Freude, daß Valentin wieder reden konnte, war zu groß, und aus Freude darüber wurde Kasperle seine Untat verziehen.

Valentin verlobte sich mit des Bauern Tochter, und am Abend wurde im Rosenhof noch ein fröhliches Fest gefeiert. Kasperle lachte und aß so viel, daß es dem Kasperlemann um das Spielen auf der Hochzeit in Oberheudorf bange wurde. Er mahnte deshalb: »Lache nicht so viel, sonst kannst du morgen nicht kaspern.« Wer aber nicht hörte, das war Kasperle. Das trieb bis Mitternacht seine Narrenpossen.

Na, man wird ja sehen, wie es ihm auf der Hochzeit erging.

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