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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Kasperle sucht eine Frau

Kasperle hätte zu gerne geheiratet, es dachte sich das wunderschön, mit einer kleinen Frau in einem fitzelbunten Häuschen zu wohnen und alle Tage Pudding zu essen, denn das gehörte seiner Meinung nach zum Verheiratetsein. Es bestand aber eine Schwierigkeit: es fand keine Frau. Die kleinen Mädchen, die es kannte, sagten alle: »Wir heiraten erst, wenn wir groß sind.« Ja, aber eine Frau, die groß werden wollte, konnte das kleine Kasperle nicht brauchen. Es mußte eine sein, die klein blieb. Doch soviel es auch suchte, eine solche fand Kasperle nicht. Einmal sah es eine Zwergenfrau, aber die gefiel ihm gar nicht, sie war schon alt und sagte auch, sie wolle keinen Kasper zum Manne haben. Marlenchen gefiel Kasperle lange Zeit am besten. Aber auch Marlenchen wuchs, wie ein Spargel schoß es in die Höhe, alle seine Kleider wurden ihm zu kurz. Es war also auch mit Marlenchen nichts.

Einmal nun ging Kasperle in Torburg eine Gasse entlang, in der es noch nie gewesen war. In der Gasse stand ein putzniedliches Häuschen, blitzeblank von oben bis unten. Das Häuschen stand an der Straße, dahinter aber blühte ein sommerbunter Garten, in dem die Blumen lustig durcheinander wuchsen.

Es war niemand zu sehen, und Kasperle trat näher, um sich die bunte Herrlichkeit recht nahe anzuschauen.

Wie es so näher kam, sah es auf einmal in einem der spiegelblanken Fenster eine Braut sitzen, eine richtige Braut in weißem Seidenkleid mit Kranz und Schleier. Es war eine schöne Braut, die still und ernsthaft geradeaus sah. Was Kasperle am besten gefiel, war, daß die Braut klein war, sogar kleiner als es. Es fand, daß sie gut zu ihm paßte.

Wie es so dastand und die Braut bewunderte, dachte es, es müßte ihr einmal etwas vorkaspern, damit sie es freundlich ansähe. Es tat das auch, aber die schöne weiße Braut blieb ernsthaft wie vorher. Kasperle schnitt so viele Gesichter wie es nur konnte, aber alles half ihm nichts, die Braut lachte nicht. Jemand anderes lachte dagegen auf einmal laut und herzlich. Im Garten stand ein alter Mann, der lachte so, daß ihm der Bauch wackelte.

»Was treibst du denn da, Kasperle?« fragte er.

»Sie soll doch einmal lachen!« Kasperle deutete mit einem Schmutzfinger auf die Braut, und der alte Mann lachte und sagte: »Gelt, die gefällt dir?«

Kasperle nickte und fragte: »Wie heißt sie denn?«

»Rosalinde. Du möchtest sie wohl haben?«

»Ja«, antwortete Kasperle kühn, »ich will sie heiraten.«

»Heiraten willst du die Rosalinde?« Der alte Mann lachte sich beinahe krank. Er sagte mit lustigem Blinkern in den Augen: »Da komm nur nächsten Sonntag wieder und bringe deine Freunde mit, dann feiern wir die Hochzeit.«

»Was gibt es denn zu essen?« fragte Kasperle, dem das Essen immer und überall die Hauptsache war.

Der Mann stutzte. Er wußte nicht, was für ein kleiner Vielfraß Kasperle war. »Eine Schüssel Stachelbeeren«, versprach er. Aber das war Kasperle nicht genug. Bei einer Hochzeit mußte es Braten und Torte geben, viele Torten und sonst noch allerlei gutes Gebackenes, Geschmortes und Gebratenes. Es war einmal auf einer Hochzeit in Oberheudorf gewesen. Alle Wetter, was hatte es da für gute Gerichte gegeben!

Es erzählte das dem alten Mann.

Der nickte und sagte, das würde stimmen, und das alles sollte es auch bei seiner Hochzeit geben. Dann fragte er: »Hast du auch Geld? Zum Heiraten gehört nämlich Geld. Da mußt du eine Wohnung mieten und deiner Frau Kleider kaufen, denn sie hat nur dies eine.«

Der alte Mann redete ganz ernsthaft, aber er blinkerte immer mit den Augen, als dächte er an einen rechten Spaß. Das kam Kasperle sonderbar vor. Es überlegte, was es wohl sein könnte, und auf einmal fragte es: »Will sie mich denn auch?«

»Freilich will sie dich.« Der alte Mann ging ins Haus hinein, und nach einer Weile tauchte er in der Stube, in der Rosalinde saß, neben ihr auf und redete mit ihr.

Dabei hatte er eine Hand auf den Rücken der Braut gelegt und die drehte den Kopf zu Kasperle hin und nickte ihm zu.

Kasperle war selig. Nun hatte es wirklich eine Braut.

Es wollte gerade in das Haus laufen und selbst mit der schönen Rosalinde reden, aber da kam der alte Mann schon wieder heraus. Der hielt es am Rockzipfel fest und sagte, hinein könne es jetzt nicht, Rosalinde wünsche es nicht, aber am Sonntag solle es nur zur Hochzeit kommen und auch alle seine Freunde und Freundinnen mitbringen.

Kasperle besprach nun mit dem alten Mann, wie es bis dahin noch viel Geld verdienen könnte, es wollte auf dem Lindenanger kaspern. Dort stand noch des Kasperlemanns Budchen vom Pfingstmarkt her, das wollte es benützen und allen Zuschauern sagen, sie sollten ihm viel Geld geben, denn es wolle mit der schönen Rosalinde Hochzeit feiern.

Sein neuer Freund ermahnte Kasperle, ja recht pünktlich zur Hochzeit zu kommen. Dabei blinkerte er wieder mit den Augen, und Kasperle wurde recht nachdenklich. Etwas stimmte da nicht, aber was nur? Der alte Mann sah so freundlich aus, und Rosalinde war so hübsch. Sie hatte so ein liebes Gesicht, und sie hatte doch auch genickt, als der alte Mann sie gefragt hatte, ob sie Kasperle heiraten wollte.

Nachdenklich ging der kleine Kerl seinen Weg weiter.

Auf einmal fiel ihm etwas ein, und er rannte wieder zurück.

Der alte Mann stand noch vor der Türe, als Kasperle wieder kam. »Heute ist doch noch nicht die Hochzeit!« rief er.

»Ich weiß ja noch gar nicht, wie sie heißt.«

»Nun Rosalinde.«

»Und weiter?«

»Ach so, nun Gänsekopf.«

Das war allerdings kein schöner Name. Kasperle sagte es auch, denn eine Frau Kasperle, geborene Gänsekopf, wollte ihm schlecht gefallen. Der alte Mann aber meinte, das täte nichts, sie würde trotz des Namens allen Leuten gut gefallen.

Der Name verdroß Kasperle arg, und verdrießlich ging es heim. Unterwegs traf es viele Buben und Mädels, und allen erzählte es, daß es heute nachmittag auf dem Lindenanger kaspern wollte, es ginge jetzt zum Kasperlemann, ihn um seine Mithilfe zu bitten. Es wollte ein neues Stück von der Prinzessin Gundolfine spielen.

Da freuten sich seine kleinen Freunde und Freundinnen, und Kasperle rief ihnen allen nach, sie müßten aber viel Geld mitbringen, es gäbe eine Überraschung.

Auf eine Überraschung freuten sich alle, weniger dagegen auf das Geldmitbringen, das behagte keinem.

Der Nachmittag kam heran. Auf dem Lindenanger waren kleine Leute und große Leute, und alle waren neugierig auf Kasperles Überraschung.

Selbst Meister Severin, das Prinzlein, Marlenchen und der Kasperlemann wußten nicht, was Kasperle vorhatte. Kasperle war verschwiegen gewesen wie ein verschlossener Kleiderschrank.

Und dann spielte der kleine Schelm so gut wie noch nie. Der Lindenanger hallte wider von dem Gelächter der Zuschauer.

Als Kasperle sein Stücklein zu Ende gespielt hatte, trat es vor und erzählte von Rosalinde, und daß es sie am Sonntag heiraten wolle.

Groß und klein lachte, und das arme Kasperle wurde mit seiner Heirat recht gründlich ausgelacht. Da fing Kasperle bitterlich zu weinen an, und das Gelächter verstummte.

»Wie heißt sie denn?« fragte eine Frau.

»Rosalinde.«

Aber damit wollte sich die Frau nicht zufrieden geben, sie fragte weiter: »Wie denn noch?«

»Gänsekopf.«

Da lachten wieder alle, und das Kasperle schrie erbost: »Ich heirate sie doch. Gebt mir nur viel Geld, zum Heiraten braucht man Geld. Und Sonntag seid ihr alle zur Hochzeit eingeladen.«

Da lachten wieder alle, und einer von Kasperles Freunden fragte: »Gibt es auch Kuchen?«

»Ja, viel Kuchen.«

»Torten?«

»Ja, feine Torten.«

»Und Puddings?« fragte ein anderer.

»Schöne Puddings.«

»Die Hochzeit ist mir zu süß, Braten muß es geben«, meinte ein Mann. »Gibt es auch Braten und Pasteten?«

Kasperle dachte: Je mehr ich sage, desto besser ist es. Darum schrie es noch: »Es gibt auch Wein, Suppe und Gemüse und sehr viel Kompott.«

»Aber Kasperle, wer bezahlt denn dies alles?« wollten die Zuschauer wissen.

»Der alte Mann«, rief Kasperle ganz unverzagt.

»Der Herr Gänsekopf«, rief ein vorlauter Bube. Da lachten wieder alle und wollten Näheres von Herrn Gänsekopf wissen. Aber das wußte Kasperle selbst nicht. Es stellte sich nun heraus, daß alle zwar das kleine Haus kannten, aber seine Bewohner nicht. Die waren erst kürzlich nach Torburg gezogen. Über dem vielen Hinundherreden vergaßen die Leute das Geldgeben. Sie sagten alle, sie würden ihm etwas zur Hochzeit mitbringen.

So hatte Kasperle nur sechs Zehner eingenommen. Das war wenig für einen, der heiraten will. Kasperle hatte aber keine Ahnung von Geld und Geldeswert und dachte: Am Sonntag bekomme ich Geld genug.

Kasperles Freunde nahmen alle die Hochzeit für einen Spaß, und der kleine Schelm ließ sie bei diesem Glauben, desto größer würde die Überraschung sein. Am Samstag lief Kasperle in die kleine Gasse. Dort fand er schon eine Anzahl Kinder versammelt, die auch die Braut sehen wollten. Es saß aber keine Braut mehr am Fenster, auch der alte Mann war nirgends zu sehen, und der Garten und das Haus waren verschlossen. Die Freunde waren recht enttäuscht, aber Kasperle meinte, morgen wäre ja erst Hochzeit.

Am nächsten Nachmittag gab es ein großes Gelaufe von groß und klein nach dem Häuschen mit dem bunten Garten. Aber das lag still und verschlossen da, niemand und nichts war zu sehen. Als den Wartenden schon die Zeit lang wurde, kam Kasperle mit Marlenchen. Dem Mädchen war das Herz schwer. Sie allein betrachtete die Heirat nicht als Spaß, denn sie wußte, ihr Kasperle nahm es ernst.

Als Kasperle kam, es hatte sich sehr fein gemacht, öffnete sich die Haustüre, und der alte Mann trat heraus, mit der schönen Rosalinde auf dem Arm. Sie nickte langsam und feierlich mit dem Kopf. Erst waren alle ganz still und schauten verwundert die schöne Rosalinde an. Plötzlich aber jauchzten alle los: »Eine Puppe, eine Puppe!«

Es war wirklich eine Puppe, und der alte Mann war ein Puppenmacher, der kunstvolle bewegliche Puppen anfertigte. Mit Kasperle hatte er seinen Spaß getrieben. Kasperle stand ganz verdattert da. Eine Puppe, nur eine Puppe hatte es heiraten wollen.

Alle lachten und jauchzten. Auf einmal aber verstummte das Lachen. Kasperle weinte. Nicht so laut und ungebärdig, wie es sonst brüllte, sondern leise und tiefschmerzlich. Da merkten erst alle, daß dem kleinen Schelm ein großes Leid widerfahren war, und allen tat er arg leid. Doch helfen konnte ihm niemand. Es war nur gut, daß Marlenchen dabei war. Es führte seinen kleinen Freund heim und wußte ihn sanft zu trösten.

Drei Tage war Kasperle still und traurig, dann aß es sechsundzwanzig Butterbrezeln und lachte wieder. Von seiner Hochzeit aber sprach es nie mehr, und die schöne Rosalinde sah es auch nie mehr an, obgleich sie noch viele Wochen am Fenster des alten Puppenmachers saß und nickte. Weiter konnte sie nämlich nichts.

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