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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Der geheimnisvolle Gast

Es gab in Torburg, als Kasperle dort lebte, arme und reiche Leute, und mit allen war Kasperle gut Freund. Zu seinen besten Freunden gehörte ein Buchbinder, der mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern ein stilles und bescheidenes Leben führte. Er arbeitete von früh bis spät, um seine Familie zu ernähren. Aber in Torburg gab es nicht viel lohnende Arbeit für einen Buchbinder. In der Hauptsache hatte er beschädigte Schulbücher wieder instand zu setzen, und dabei kam nicht viel heraus, der Verdienst war gering.

Den Meister Haber aber störte das nicht viel. Er war ein heiterer, unverzagter Mann, der mit derselben Pünktlichkeit ein altes Schulbuch ausbesserte, wie er einen teuren Einband anfertigte. Er sang und pfiff bei seiner Arbeit und war allzeit guter Dinge. Deshalb liebte ihn auch Kasperle sehr, das manche Stunde bei dem Meister verbrachte, wobei es manch lustigen Spaß zwischen den beiden gab. So klebte einmal der Meister dem Kasperle einen Zettel auf den Rücken, auf dem stand: »Vorsicht, Glas!« Da lief Kasperle den ganzen Tag als Glas herum, und die Leute lachten nicht wenig über den neuen und sonderbaren Einfall Kasperles, sich als Glas zu bezeichnen. Kasperle wieder wunderte sich, daß die Leute bei seinem Anblick immer »Vorsicht!« riefen, denn was einem auf dem Rücken geschrieben steht, kann er nicht sehen. Es ging so lange, bis Meister Severin fragte, was denn das Plakat auf Kasperles Rücken bedeuten sollte. Da merkte dieses erst den Ulk. Es lachte sehr darüber und stibitzte dem Meister Haber beim nächsten Besuch einen Zettel, auf dem stand: »Ausverkauf!« Den klebte es an die Ladentüre. Da kamen die Leute herbeigeströmt und verlangten im Preise herabgesetzte Waren. Der Meister machte dabei ein gutes Geschäft und war Kasperle dankbar für sein Späßlein.

So neckten und zerrten sich die beiden hin und her, keiner nahm dem andern etwas übel und beide hatten ihren Spaß zusammen. Als Kasperle von Torburg wegging, gehörte Meister Haber zu denen, die am traurigsten waren. Er sagte, Kasperle würde ihm sehr fehlen. Kasperle versprach zu schreiben, Kasperle versprach wiederzukommen. Zu schreiben vergaß Kasperle, weil es nämlich gar nicht schreiben konnte, es hatte es wieder verlernt, Aber das Wiederkommen vergaß es nicht. Eines Tages stand Kasperle vor dem kleinen Laden des Meisters Haber und gedachte mit einem Purzelbaum einzutreten. Das ging aber nicht, der Laden war geschlossen. Kasperle läutete und dachte, der Meister würde angestürmt kommen und es begrüßen. Aber der Meister kam nicht, an seiner Stelle kam seine Frau heraus. Die sah blaß und sehr traurig aus und sagte betrübt, der Meister sei krank.

Krank? Wie konnte jemand krank sein, den Kasperle besuchen wollte? Kasperle riß den Mund sperrangelweit auf und fragte: »Wie denn krank?«

»Ja, er ist halt krank«, sagte die Frau, »und der Doktor sagt, er könnte nur gesund werden, wenn er viel und gut ißt.«

»Da soll er doch essen!« schrie Kasperle.

»Er hat nichts zu essen.«

Kasperle konnte erst gar nicht begreifen, als ihm die Frau erzählte, daß sie kaum ein Stück trockenes Brot zu essen hätten, wie so etwas möglich wäre. Wenn Mister Stopps dagewesen wäre, der hätte gleich geholfen, aber der war mit Bob nach England gereist, und Kasperle hatte all sein Geld für andere eßbare Dinge ausgegeben. Das tat ihm leid, als es am Bett des Kranken stand und sah, wie blaß und schmal der gute Meister Haber geworden war. Auch still war der Meister geworden, er scherzte gar nicht mehr wie früher, und Kasperle fing auf einmal an bitterlich zu weinen. Weil der gute Meister dadurch noch trauriger wurde, rannte Kasperle davon und nahm sich vor, etwas zu essen für den Meister zu holen. Es rannte so blindlings, daß es im Eifer beinahe einen andern guten Freund und Spaßmacher, den Turmwächter Gangerling umgerannt hätte.

»Hallo, Kasperle, wohin denn so eilig?« rief der Turmwächter.

»Essen holen!« schrie Kasperle so laut, als wäre der Turmwächter stocktaub. Der fragte erstaunt, für wen es denn Essen holen wollte. Nun erzählte Kasperle die ganze Geschichte, wie schlecht es dem Meister Haber ginge, und daß er Hunger leiden müßte und darum nicht gesund werden könnte. Die Buchbindersleute taten auch dem Turmwächter herzlich leid, und obgleich er selbst ein armer Mann war, beschloß er doch, seine Vorräte mit ihnen zu teilen. Er lud Kasperle ein, mit ihm auf den Turm zu kommen, er wolle ihm ein Körbchen voll Eßwaren einpacken.

Wer war froher als Kasperle? Es ging vergnügt mit zum Turm, den der Wächter bewohnte. Um die Ecke links, da stand er. Es war ein sonderbarer alter Turm. Er war zwar nicht sehr hoch, etwa wie zwei Häuser aufeinander, er hatte zwei Stockwerke, und jedes Stockwerk eine Galerie, auf der Blumen blühten. Im oberen Stockwerk wohnte der Turmwächter, der zu tuten hatte, wenn irgendwo Feuer ausbrach, aber nur dann, wenn er es sah – manchmal sah er es auch nicht – und die Torburger schalten dann, daß er nicht getutet hatte. Dann tutete er aber auch manchmal, wenn es gar nirgends brannte, nur damit die guten Bürger etwas Abwechslung und zu reden hatten. Da schalten sie wieder, der Turmwächter aber lachte dazu, der war ein Schalk, der gern sein Späßchen machte.

Kasperle stieg vergnügt die steile Wendeltreppe hinauf, es war gern auf dem Turm, und heute freute es sich besonders, weil es etwas zu essen für Meister Haber bekommen sollte. Kasperle lief, als es oben angelangt war, gleich auf die Galerie, um hinunter auf die Stadt zu schauen, was es sehr gerne tat. Wie es hinabsah, stieg ihm ein leckeres Düftlein in die Nase. Woher kam das nur?

Kasperle schnupperte und schnupperte, und als der Turmwächter die Galerie betrat, schnupperte auch dieser. »Ei«, sagte er, »da brät die Madame Backofen wieder ein Hühnchen.«

»Wer ist Madame Backofen?« wollte Kasperle wissen.

Da erzählte ihm der Turmwächter, die Madame Backofen wäre eine reiche, aber keineswegs gute Frau. Sie dächte nur an sich und äße jeden Tag die besten Sachen. Die Putzfrau müßte ihr jeden Tag die feinsten Dinge einkaufen, dann briet und brotzelte sie in der Küche herum, deckte dann feierlich den Tisch und setzte sich mutterseelenallein zum Essen daran, von dem sie nur ihrer dicken Katze einige Brocken abgäbe. »Und dabei hungert ihr eigener Neffe«, schloß der Turmwächter, »denn der Buchbindermeister Haber ist der Sohn ihres Bruders.«

»Dann nehme ich ihr das Huhn weg und bringe es dem Meister Haber!« rief Kasperle.

Herr Gangerling dachte, Kasperle mache nur Spaß, darum sagte er: »Das bringst du nicht fertig! Wie willst du denn in ihre Wohnung hineinkommen?«

»Ich klettere vom Turm runter auf ihre Galerie.«

Der Wächter lachte. »Das wäre ein Kunststück«, erwiderte er, »dabei fällst du noch auf die Nase oder brichst dir ein Bein.«

»Ich falle nicht auf die Nase und breche mir auch kein Bein«, schrie Kasperle empört über diesen Zweifel an seiner Kletterkunst. Und flugs war es fort.

Der Wächter dachte noch immer, es sei alles nur Spaß, aber Kasperle machte keinen Spaß, es kletterte draußen flink über die Brüstung der Galerie und kletterte, wie nur ein Kasperle klettern kann, hinunter, um gleich darauf auf der Galerie von Madame Backofen zu landen. Dort stand auf einem sauber gedeckten Tisch eine Platte mit einem gebratenen Huhn, und ein Teller mit köstlichem Kuchen, auch ein Glas Wein fehlte nicht. Kasperle trank zuerst den Wein aus, stopfte sich den Mund voll Kuchen, nahm sein Taschentuch, das ausnahmsweise einmal sauber war, wickelte das Huhn hinein und trat den Rückweg an. Es war auch die höchste Zeit. Madame Backofen hatte in der Küche Soße, Kartoffeln und Gemüse in Schüsseln gefüllt und trug alles auf die Galerie, um ihr Mahl zu beginnen. Aber wie erstarrt blieb sie stehen, als sie die Bescherung sah. Die Bratenschüssel leer, das Weinglas ausgetrunken, von dem Kuchen fehlte das beste Stück. Wer war das gewesen?

Oben zeigte gerade Kasperle dem Turmwächter das Huhn im Schnupftuch, und der Wächter wollte eigentlich böse sein. Er mußte aber so herzlich lachen, daß es unten Madame Backofen hörte, die gleich dachte, das hängt sicher mit meinem verschwundenen Huhn zusammen. Wie sie ging und stand lief sie die Turmtreppen hinauf, um den Turmwächter, wenn möglich, beim Hühneressen zu erwischen. Sie war aber eine dicke Frau und die Treppe ächzte und quietschte unter ihren Schritten.

Das hörte oben Herr Gangerling und sagte zu Kasperle: »Sie kommt, nun mach dich aus dem Staube, sonst erwischt sie dich und ich bekomme noch den Vorwurf, ich hätte dich zum Stehlen verleitet.«

»Mich erwischt sie nicht«, antwortete Kasperle kühn. Es nahm ein Körbchen, legte das Huhn hinein und stieg wieder über die Brüstung der Galerie. Kasperle rutschte wieder am Turm hinab, und Madame Backofen kam oben mit lautem Geschrei bei dem Turmwächter an.

Der sagte unschuldig, er hätte kein Huhn, er wäre ein alter Mann und könnte keine Kletterkunststücke machen, vielleicht hätte es der Teufel geholt.

Da erschrak die Frau fürchterlich. Weil sie kein gutes Gewissen hatte, hegte sie große Angst, der Teufel könnte sie einmal besuchen. Sie ging niedergeschlagen die Treppen wieder hinunter und als sie an ihren Tisch auf der Galerie kam, hatte Kasperle noch den ganzen Rest des Kuchens abgeräumt. Es hatte gedacht: Meister Haber ißt auch mal ganz gern ein Stück guten Kuchen.

Während die Frau unter Seufzen und Weinen ihr übriggebliebenes Mittagessen verzehrte, lief Kasperle zu Meister Haber, und dort herrschte große Freude über die guten Dinge, die Kasperle brachte, namentlich über das Huhn, das dem Kranken wohltat. Kasperle sagte, morgen würde es wieder etwas bringen. Woher es das Huhn hatte, sagte es aber nicht. Es nahm sich jedoch vor, wieder Madame Backofen heimzusuchen. Es lief gleich geschwind wieder zu dem Turmwächter, um diesem seinen Plan zu verraten. Der war aber gar nicht damit einverstanden.

Ja, er schalt sogar und sagte, das wäre gestohlen, und er wolle kein Hehler sein. Dann erzählte er, daß die Frau dächte, es wäre der Teufel gewesen.

Kasperle mußte darüber unbändig lachen, und flugs kam ihm ein Gedanke. »Aber wenn sie es mir selber freiwillig gibt, dann kann ich es doch dem Meister Haber hintragen. Das ist doch kein Unrecht.«

Der Wächter lachte. »Sie wird dir ihr Essen nicht geben, dazu ist sie viel zu geizig«, erwiderte er.

»Wetten wir, sie gibt es mir!« schrie Kasperle so laut, daß der Wächter Angst bekam, Madame Backofen könnte es hören.

»Schrei nicht so«, gebot er. Aber Kasperle vergaß alle Vorsicht und rief noch lauter: »Wetten wir um drei Pfannküchlein!«

»Meinetwegen«, sagte der Wächter, »aber sei still.«

Kasperle ging auch wirklich ganz leise und still von dannen. Es schlich sich auch ganz vorsichtig an Madame Backofens Haus vorbei, denn es wollte nicht vorzeitig von der Frau gesehen werden.

Am nächsten Tag briet Madame Backofen eine Ente. Sie tat es mit schwerem Herzen, denn der gestrige Vorfall bedrückte sie sehr. Schön goldbraun und knusperig lag die Ente in der Pfanne, und die Frau wollte gerade ein Stückchen Haut versuchen, als es an der Türe klingelte.

Madame Backofen dachte: Ich mache jetzt einfach nicht auf.

Aber bimlimbimlim läutete die Klingel immer heftiger und heftiger. Jetzt wurde an die Türe geklopft und eine laute Stimme sagte: »Ich komme wieder über die Galerie zu dir.«

Da erschrak die gute Madame Backofen furchtbar. Mit zitternden Knien ging sie hin und öffnete.

Draußen stand ein kleiner Teufel mit einer großen Nase, der eine furchtbare Fratze schnitt. Er sagte mit tiefer Stimme: »Gib mir dein Mittagessen.«

Er gab der Frau einen Puff und ging einfach in die Küche.

»Tu Kartoffeln in die Pfanne und stelle Rotkraut aufs Feuer!« gebot der Teufel.

Madame Backofen tat es gehorsam. Ihr ganzes Mittagessen gab sie dem Teufel, als es fertig war, und der tat alles in einen Korb und trug es hinaus. An der Tür drehte er sich noch einmal um und rief: »Morgen werde ich wieder kommen, dann will ich Kalbsbraten!«

Dann ging der kleine Teufel und die arme Madame Backofen weinte bitterlich, besonders über diese Schande, daß der Teufel zu ihr ins Haus kam!

Meister Haber verzehrte die Ente und wunderte sich, wer ihm so gute Bissen schickte, denn der Eßkorb hatte auf einmal vor seiner Türe gestanden, aber Kasperle hatte sich nicht blicken lassen.

Am Nachmittag saß der kleine Schelm wieder bei dem Turmwächter und erzählte ihm, wie er seine Wette gewonnen habe. Herr Gangerling lachte, daß er beinahe platzte. Als aber Kasperle erzählte, daß es für den nächsten Tag Kalbsbraten bestellt habe, wollte es der Turmwächter nicht erlauben, daß Kasperle wieder zu Madame Backofen ging, um den Kalbsbraten zu holen. Es wäre Unrecht. Und dabei blieb er.

Kasperle wollte aber das Unrecht nicht einsehen und bestand darauf, auch morgen wieder hinzugehen, um das Essen für Meister Haber zu holen.

Madame Backofen hatte unterdessen aufgehört zu weinen und sich die Geschichte vom Teufel gründlich überlegt. Dabei kam es ihr doch sehr unnatürlich vor, daß ein Teufel am hellen Tage durch die Straßen wandeln und den Leuten den Braten aus der Pfanne holen sollte. Auch meinte sie, ihr Lebenswandel sei doch nicht so, daß der Teufel zu ihr kommen müsse. Also hatte ihr wohl jemand einen schlimmen Streich gespielt. Sie lief darum, als sie sich darüber im klaren war, zu dem Ortspolizisten und lud ihn zu seiner nicht geringen Verwunderung für den nächsten Tag zum Mittagessen mit Kalbsbraten ein. Warum sagte sie nicht, denn sie wußte, daß dieser Mann nicht gerade sehr mutig war und hegte dabei im stillen die Hoffnung, daß er nicht kommen werde, wenn er etwas vom Teufel hören würde.

Buben sehen im allgemeinen immer das zuerst, was sie nicht sehen sollen. So sahen auch ein paar von Kasperles Freunden den Polizisten zu Madame Backofen gehen und erzählten das natürlich sofort dem Kasperle.

Kasperle verriet ihnen aber nichts von seinem Vorhaben, sondern nahm sich sehr in acht. Es ging deshalb nicht durch die Türe, sondern kletterte außen am Turm empor, um über das Dach des Häuschens von Madame Backofen auf deren Galerie zu gelangen.

Es hatte sich zuerst umgesehen, ob auch niemand auf der Straße war. Diese lag aber gerade ganz leer und still da, denn es gingen wenig Menschen am Turm vorbei.

Oben saß Herr Gangerling am Fenster. Er hatte Kasperle kommen sehen, genau so, wie er auch vorher schon bemerkte, daß der Polizist in Madame Backofens Haus verschwand. Er dachte: Die Sache wird sicher für Kasperle schlimm ausgehen, ich muß sehen, ob ich ihm nicht dabei helfen kann. Er machte sich also auf und stieg die Turmtreppen hinab, um Madame Backofen zu besuchen. Diese hatte gerade Kalbsbraten auf dem Tisch auf der Galerie serviert, als es draußen klingelte.

»Ha, jetzt kommt er!« rief Madame Backofen und nahm einen Besen. Sie ging mit dem Polizisten hinaus, öffnete die Türe und schrie: »Warte, du Teufel, du sollst jetzt deinen Braten bekommen.«

Es war aber nicht der Teufel, auf den die Frau mit dem Besen losfuhr, sondern der Turmwächter. Der lachte herzhaft, tat sehr verwundert und sagte, er wäre noch nie ein Teufel gewesen, er brächte nur das Salz wieder, das die Nachbarin ihm neulich geliehen hätte.

Madame Backofen schämte sich ihrer Voreiligkeit und lud den Wächter zu seiner großen Überraschung ebenfalls zum Mittagessen ein. Sie dachte nämlich: Zwei Helfer sind bei einem Teufelsbesuch besser als einer. Sie gingen nun alle drei unter vielen höflichen Worten auf die Galerie, um dort den Braten zu essen.

Aber wo war der? Verschwunden war er. Leer war die Schüssel, ganz leer.

Madame Backofen schrie laut vor Entsetzen: »Das war wieder der Teufel!«

»Ach, wo soll denn der herkommen?« brummte der Polizist. »Es ist sicher jemand am Haus heraufgeklettert.«

Madame Backofen wollte das nicht glauben, und eine Weile stritt sie sich mit dem Polizisten. Der aber sagte, er würde den unbekannten Bratendieb schon ausfindig machen. Herr Gangerling sagte nichts dazu, der ärgerte sich über das ungezogene Kasperle und war froh, daß ihn niemand fragte, was er von der Geschichte hielt, denn er war ernstlich böse auf Kasperle, wollte aber den kleinen Strick nicht verraten.

Endlich besann sich Madame Backofen darauf, daß sie doch Gäste hatte, und schnitt Schinken auf und brachte den Rest des Mittagessens herein, und alle drei ließen es sich gut schmecken. Nur Madame Backofen weinte dazwischen immer ein bißchen. Es war ihr zu schrecklich, daß der Teufel wieder bei ihr gewesen war. Wenn das die Torburger erfuhren, wie würde sie ausgespottet werden. Sie schämte sich entsetzlich, und eine leise Stimme in ihrem Herzen nannte sie hart und selbstsüchtig. Das war recht unangenehm, sie hätte lieber gehört, wenn sie die innere Stimme gut und edel genannt hätte. Ihre beiden Gäste suchten sie zu trösten und versprachen, niemand etwas von dem Teufelsbesuch zu sagen. Sie hielten dann auch Wort.

Bei Meister Haber wurde auch der Kalbsbraten gegessen, und man ahnte dort nichts von Madame Backofens großem Kummer. Desto mehr bekam Kasperle davon zu hören. Herr Gangerling hielt ihm eine lange Strafrede, die sich gewaschen hatte.

Himmel! konnte der sonst so freundliche Mann schimpfen. Dem Kasperle wurde es ganz wind und weh zumute, und es spielte auch danach nicht mehr den Teufel, der den Braten wegholte. Mister Stopps kam zurück und gab Kasperle Geld für den Meister Haber. Da konnte Frau Haber selbst gute kräftige Dinge richten, und ihr Mann erholte sich wieder.

Die Zeit verging. Madame Backofen aber vergaß ihren Teufelsschreck nicht, und sie fing an, mildtätiger zu werden. Sie dachte jetzt manchmal, wenn sie von einem Kranken hörte: Dem will ich ein Huhn braten, damit mir der Teufel nichts mehr holt. Sie hatte noch immer große Angst, sie könnte verspottet werden. Weil Madame Backofen aber oft so traurig war, beredeten sie eines Tages ihre Freundinnen, sie sollte mit ihnen auf den Vergnügungsplatz gehen, dort spiele das lebendige Kasperle, und das sei zum Totlachen.

Na, totlachen tat sich ja Madame Backofen nicht gerade, schon eher krankweinen. Kasperle hüpfte gerade als Teufel auf der Kasperlebühne herum, als Madame Backofen es erblickte. Sie stieß einen lauten Schrei aus, und Kasperle stieß auch einen lauten Schrei aus, und beide fielen um, Kasperle in die Bude, Madame Backofen in Ohnmacht.

Es gab eine große Aufregung auf dem Festplatz, da niemand wußte, warum die Frau ohnmächtig geworden war.

Es erfuhr aber niemand, was eigentlich geschehen war, Die Freundinnen brachten Frau Backofen heim, und der Turmwächter holte Kasperle aus der Bude heraus. Obgleich dies schrie: »Ich stirbse!«, mußte es doch mit nach dem Turm gehen und Madame Backofen Abbitte leisten.

Es tat dies mit vielem Ächzen und Stöhnen, und die Frau dachte, es wäre krank, und wollte ihm Baldriantropfen geben. Aber Kasperle stöhnte: »Küchlein!« Es sah nämlich welche auf dem Tisch stehen.

Madame Backofen mußte lachen, und mit dem Bösesein war es vorbei. Fortan wurde sie mit Kasperle gut Freund, und auch für Meister Haber sorgte sie von da ab gut und herzlich.

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