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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Eine Schulgeschichte

Kasperle ging in Torburg nicht in die Schule. Die Lehrer sagten, das gehe nicht, die andern Kinder würden dann nur über Kasperle lachen und dabei das Lernen vergessen.

Das war schon wahr, aber leid tat es den Torburger Kindern, daß Kasperle nicht mit ihnen zusammen in der Schule sein konnte. Es wäre zu lustig gewesen. Aber Kasperle, der kleine Faulpelz meinte, auf dem Schulhof könnte man genug Unsinn machen. Es war darum oft auf dem Schulhof zu finden.

Es gab in Torburg außer zwei Privatschulen noch eine allgemeine Schule, in die Buben und Mädchen gemeinsam hineingingen, und auf deren Schulhof sich Kasperle ganz besonders gern aufhielt.

Einmal, als Kasperle wieder vor Schulbeginn auf dem Hofe herumkasperte, sagten ein paar Buben zu ihm: »Komm doch heute mit in die Schule!«

»Ich darf doch nicht.«

Da erzählten ihm seine Freunde, daß heute ein neuer Lehrer da wäre, der nicht aus Torburg stammte, sondern von auswärts gekommen wäre.

»Der kennt dich nicht, geh doch mit«, baten die Kinder.

»Ich habe kein Frühstück mit«, wandte Kasperle ein, für das die Frühstückspause die Hauptsache war.

Aber alle Buben waren bereit, ihr Frühstück mit Kasperle zu teilen, und so spazierte der kleine Schelm mit den übrigen Schulkindern sehr vergnügt in die Schule hinein.

Da an diesem Tag gerade ein Schüler fehlte, setzte sich Kasperle breit und behaglich an dessen Platz, als ginge es schon seit Jahren in die Schule. Nur eins störte den kleinen Schelm, daß er so weit vorne saß, und er wollte gerade über die Bänke klettern, um sich weiter hinten einen Platz zu suchen, als der Lehrer das Schulzimmer betrat.

»Holla, was soll denn das?« rief er gleich, packte Kasperle beim Bein und hielt es fest. Dabei guckte er Kasperle in das Gesicht und dachte, so ein närrisches Bubengesicht habe ich meiner Lebtage noch nicht gesehen. Er fragte: »Wie heißt du denn?«

»Kasperle«, lautete die Antwort.

»Also Kaspar, Kosenamen gibt es in der Schule nicht«, sagte der neue Lehrer ziemlich streng.

»Ich heiße aber Kasperle.« Es wollte sich von seinem Namen nichts nehmen lassen, denn es war stolz darauf, Kasperle zu heißen.

»Meinetwegen heißt du Kasperle. Sage mir einmal ein Gedicht her.«

Kasperle kannte schon einige Verse, aber die Auswahl war klein. Da dachte es, ich mache einen Witz, dann lacht der Lehrer. Es begann:

»Ich bin so glücklich und so froh

wie einst der König Salomo,

der auf seinem Throne saß

und ’nen Korb voll Äpfel fraß.«

Patsch! da hatte Kasperle eine auf dem Mund, und der Lehrer sagte streng: »Solchen Unsinn will ich nie wieder hören, merk dir das!«

Kasperle schnitt ein Dummkopfgesicht, und der Lehrer dachte: Der ist sehr dumm, ich will mal sehen, wie weit seine Dummheit geht. Er fragte also: »Wieviel ist neun und elf?«

Kasperle machte ein noch dümmeres Gesicht, denn das wußte es wirklich nicht. Es sah sich hilfesuchend in der Klasse um, und die Buben und Mädels jauchzten alle vor Lachen, als sie in das dumme Kasperlegesicht sahen. Selbst dem Lehrer kam es etwas lächerlich vor, aber er fragte doch ernsthaft: »Wenn du neun Äpfel hast und bekommst noch elf dazu, wieviel hast du dann?«

»Genug!« schrie Kasperle so vergnügt, daß der Lehrer ein wenig lächelte. Das sah Kasperle, und es merkte gleich, daß dies sein Vorteil war, und es rief geschwind: »Mit Pfannküchlein rechnen geht leichter.«

Der Lehrer war verdutzt über Kasperles Antwort.

»Also meinetwegen, Kaspar«, begann er.

»Kasperle!« schrien alle Kinder.

»Ich nenne ihn Kaspar, und dabei bleibt es!« rief der Lehrer so streng, daß alle schwiegen. Selbst Kasperle hielt erschrocken seinen Mund.

»Also Kaspar, du hast sechs Zehner, der Pfannkuchen kostet einen Zehner« –

»Er kostet nur einen Fünfer«, unterbrach ihn der kleine Schelm.

»Also gut, einen Fünfer, wieviel Pfannkuchen bekommst du dann für sechs Zehner?«

»Eine ganze Tüte voll!« schrie Kasperle vergnügt.

Der Lehrer sah das Kasperle an. Einen solchen Schüler hatte er noch nie gehabt. »Komm mal her zu mir«, gebot er.

»Du kriegst Hiebe«, tuschelte ein Nachbar so laut, daß es der Lehrer hörte. Der wollte gerade erklären, daß es keine Hiebe geben würde, als das Kasperle ein fürchterliches Gebrüll erhob.

Wenn Kasperle heulte, steckte es die andern an. Erst fingen die kleinen Mädchen zu weinen an, dann die Buben. Da sagte der Lehrer noch zur rechten Zeit: »Kaspar bekommt keine Hiebe.«

Gleich wurden alle wieder still und Kasperle lachte so laut und herzlich, daß alle mitlachten, selbst der Lehrer mußte lachen.

»Also komm her«, gebot er noch einmal.

Da ging Kasperle aufrecht und stramm wie ein rechtes Schulbüblein nach vorn, und der Lehrer dachte: Dumm sieht er eigentlich nicht aus.

Er schrieb nun eine eins an die Tafel und machte darunter zwei Punkte und sagte: »Das hier sind zwei Pfannkuchen.«

»Nä, das sind keine!« schrie Kasperle entrüstet.

»Stelle dir also vor, es seien Pfannkuchen.« Der Lehrer schrieb ärgerlich eine Zwei hin, machte wieder zwei Punkte darunter und fragte: »Wenn du nun für zwei Zehner Pfannkuchen kaufst, wieviel bringst du dann nach Hause?«

»Drei.«

»Wieso denn drei?« sagte der Lehrer streng. »Zähle doch einmal.«

Aber Kasperle ließ sich nicht beirren, es rief freudig: »Einen hab ich doch aufgegessen.« Nahm sein Fingerlein, leckte und wischte den einen Punkt aus. Die Kinder jauchzten laut und der Lehrer sah ein, daß er so nicht zum Ziele kam. »Kaspar muß nachher dableiben«, erklärte er streng.

Nun warteten alle darauf, daß Kasperle wieder heulen würde, aber das heulte nicht, ihm erschien das Dableiben als eine große Ehre. Es ging strahlend vor Freude auf seinen Platz zurück.

Das ärgerte den Lehrer.

»Kaspar«, mahnte er ärgerlich, »das Nachsitzen ist eine große Schande.«

Da senkte Kasperle seine große Nase, bis sie mit der Spitze im Tintenfaß landete.

Das gab wieder ein Geschrei. Kasperle aber lachte dazu, als wäre es wer weiß wie lustig, mit der Nase im Tintenfaß zu stecken.

Der Lehrer, der sonst ein ernsthafter Mann war, wußte nicht, wie ihm geschah, als er in das lachende Kasperlegesicht mit der schwarzen Nase sah. Er mußte ebenfalls laut und herzhaft lachen und sagte: »Geh hinaus und wasche dich!«

»Wir wollen ihm helfen, allein bringt’s Kasperle nicht fertig, das ist zu ungeschickt!« riefen ein paar Mädels.

Von den Buben erklärten einige, Pumpen wäre Bubenarbeit, das verstünden die Mädels nicht.

Das wollten sich aber die Mädels nicht gefallen lassen, und der Lehrer merkte, am liebsten wäre die ganze Klasse mit hinausgelaufen und hätte Kasperle gewaschen. Wenn das alle Tage so mit dem Kasper geht, dann kann es gut werden, dachte er, da lernen doch die Kinder nichts dabei.

Er hieß also zwei Mädels, die sich zuerst gemeldet hatten, mit Kasperle hinausgehen, um es zu waschen, aber ungesehen von ihm schlüpften noch zwei Buben, die neben der Türe saßen, mit hinaus. Der Lehrer fuhr nun fort, Rechenaufgaben zu geben, und die Kinder antworteten besser als er geglaubt hatte.

Auf einmal ertönte draußen lautes Geschrei. Ehe der Lehrer noch nachsehen konnte, was geschehen war, kamen schon die Kinder zurück. In ihrer Mitte führten sie das plitschnasse Kasperle.

»Kasperle ist unter die Pumpe gefallen, gerade wie die Buben so toll gepumpt haben, dabei ist es ganz naß geworden«, klagten die Mädels.

»Ja, ganz naß.« Kasperle schüttelte sich wie ein nasser Hund, und der ganze Katheder wurde von Wassertropfen übersprüht.

»Halt, Kaspar, was fällt dir ein?« rief der Lehrer, der auch etwas abbekommen hatte. Aber Kasperle hielt so schnell nicht ein. Der Lehrer mußte ihm erst mit dem Stock drohen. Da freilich hörte Kasperle geschwind auf. Als es nun still stand, riefen einige Kinder: »Eine schwarze Nase hat es aber immer noch.«

Es war wahr. Kasperles Nase war noch schwarz.

Gleich erboten sich wieder ein paar Kinder, Kasperles Nase zu waschen, aber diesmal rief der Lehrer: »Daraus wird nichts, Kaspar mag sich seine Nase zu Hause waschen.«

»Morgen früh«, antwortete Kasperle bereitwillig.

»Nein, du Schmutzfink, gleich wenn du nach Hause kommst.«

Kasperle schwieg still. Es dachte: So oft waschen ist doch überflüssig. Da gebot ihm der Lehrer: »Setze dich da in die Sonne, damit du trocken wirst.«

Das behagte Kasperle sehr, es ließ sich gerne die Sonne auf den Rücken scheinen und war auch froh, etwas weiter weg von dem Lehrer mit seinem Stock zu sitzen.

Der ließ nun alle Kinder der Reihe nach zu sich kommen, und alle mußten ihren Namen schreiben, damit der Lehrer sie kennenlernte.

Kasperle hoffte, nicht daranzukommen. Aber es kam doch daran.

Auf einmal tönte sein Name durch die Klasse.

Kasperle erschrak. Es hatte seinen Namen so lange nicht geschrieben, daß es ihn überhaupt nicht mehr schreiben konnte. Es stand an der Tafel und leckte an der Kreide. Da bekam es zur schwarzen Nase einen weißen Mund, und die Kinder lachten wieder darüber.

»Nun schreibe doch endlich«, mahnte der Lehrer.

Da schrieb Kasperle seufzend das einzige Wort, das es schreiben konnte, an die Tafel, und der Lehrer las erstaunt: Uhu.

»Was soll das heißen, ist das dein Name?« fragte der Lehrer.

»Nä!« Kasperle lachte vergnügt, aber der Lehrer lachte diesmal nicht mit, der fragte streng: »Warum schreibst du Uhu, soll das ein Witz sein?«

So streng sprach selten jemand mit dem kleinen Wicht. Er senkte tief seine schwarze Nase, er schämte sich sehr, daß er nicht einmal seinen Namen schreiben konnte. So dumm war er. Das war schon traurig.

»Nun sage einmal, wie heißt du denn eigentlich?« ertönte neben ihm des Lehrers Stimme. Sie klang jetzt ganz mild und mitleidig.

»Nur Kasperle«, stotterte der Kleine verlegen.

»Warum nur Kasperle?«

»Weil es ein Kasperle ist«, tönte es im Chor, und auf einmal wollten alle Kinder erzählen, alle wollten über ihren guten Freund berichten. Der Lehrer sah ein, daß er zuhören mußte, und was er erfuhr, war sehr erstaunlich. Ein putzlebendiges Kasperle saß da mit einer schwarzen Nase vor ihm. Er konnte es gar nicht glauben.

Da rief die kleine Resi: »Es soll mal kaspern, dann merkt man’s«.

Der Lehrer sagte nicht nein, und Kasperle begann sein Spiel. Es verrenkte seine Glieder, schlug Purzelbäume, schnitt Gesichter, redete mal laut, mal leise, mal hoch, mal tief, lauter erschrecklichen Kasperleunsinn zusammen. Der Lehrer lachte, als hätte er sich flugs in eine Lachtaube verwandelt. Er war froh, daß Kasperle erklärte, es wolle nicht mehr in die Schule kommen. »Nur manchmal auf Besuch, wenn ich nicht schreiben brauche«, sagte es.

Damit war der Lehrer einverstanden, und fortan waren er und Kasperle die allerbesten Freunde.

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