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Kasperles Spiele und Streiche

Josephine Siebe: Kasperles Spiele und Streiche - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/siebe/kasstrei/kasstrei.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperles Spiele und Streiche
publisherHerold-Verlag G. m. b. H.
printrunachtzehnte Auflage
year1940
illustratorErnst Kutzer
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20130201
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Der Neckfriede

In Torburg lebte ein Mann, dessen Hauptvergnügen darin bestand, alle Leute zu necken. Er war ein richtiger Neckfriede. Dabei konnte er gar nicht leiden, wenn ihn jemand neckte. Fuchsteufelswild konnte er dann werden.

Manchmal war der Neckfriede in seinen Späßen sehr grob, und so kam es, daß ihn die Leute nicht leiden konnten.

Vor Torburg lag in einem Waldgrunde eine Mühle mit einer Wirtschaft. Dorthin wanderten die Torburger an schönen Frühlings- und Sommertagen, um in der Wirtschaft Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Nirgends bekam man so schöne Waffeln wie in der sogenannten Schwalbenmühle.

Kasperle aß diese Waffeln sehr gern und ging daher nachmittags oft in die Mühle. Dort fand es immer gute Freunde, die ihm ein paar Waffeln schenkten, und meist kam es von einem solchen Spaziergang plumpsatt wieder heim. Denn auch die Müllerin gab ihm gern Waffeln, ohne Bezahlung dafür zu verlangen.

An einem schönen Sommertag ging Kasperle wieder in die Mühle. Es war recht hungrig und freute sich auf die schönen Waffeln.

Wie es aber so kommt, in der Mühle waren gerade keine seiner guten Freunde anwesend, und niemand forderte es zum Waffelessen auf.

Wie es so zwischen den Tischen herumstrich, rief ihm jemand vom Mittelgang aus zu: »Na, Kasperle, willst du keine Waffeln essen?«

Es war Neckfriede, der gerufen hatte. Der saß am breiten Mittelgang und hatte einen großen Teller frischer Waffeln vor sich. Kasperle vergaß Neckfriedes ungute Eigenschaft und ging an dessen Tisch in der Erwartung einige Waffeln zu bekommen, denn es war arg hungrig.

Wer ihm aber keine gab, war Neckfriede. Der aß seine Waffeln alle allein auf und gab Kasperle kein Häppchen.

Das verdroß Kasperle arg. Als es so eine Waffel nach der andern in Neckfriedes großem Munde verschwinden sah, wurde es ihm ganz wind und weh zumute.

Neckfriede aber tat ganz harmlos.

Er fragte freundlich: »Ißt du gerne Waffeln, Kasperle? Sie schmecken heute sehr gut.«

Kasperle konnte es kaum noch aushalten vor Hunger, und an den Nachbartischen fingen die Leute an zu lachen über das hungrige Kasperle. Das ärgerte Kasperle noch mehr.

Da rief jemand von einem andern Tisch herüber: »Kasperle, hier gibt es Waffeln.«

Ei, wie schnell lief Kasperle dorthin, woher der Ruf kam. Alle, die das sahen, lachten. Und das Lachen ärgerte Kasperle so, daß ihm selbst die guten Waffeln, die es diesmal wirklich bekam, gar nicht schmeckten.

Es war und blieb verdrießlich, und mißmutig schlenderte es, nachdem es gegessen hatte, durch den Garten.

Es kam dabei wieder an dem Tisch des Neckfriede vorbei. Der lachte und rief: »Na, Kasperle, willst noch mehr so gute Waffeln haben wie vorhin?«

Kasperle wollte schon die Zunge herausstrecken, als neben ihm ein Junge sagte: »Ärgere dich doch nicht, ich helfe dir.«

Der Junge, der Emil hieß, zog Kasperle mit fort in den Wald hinein.

Dort trafen sie noch zwei Buben, mit denen beratschlagten sie, wie sie dem Neckfriede einen Streich spielen könnten. Mit den drei Buben hatte Kasperle vor einigen Tagen auch ähnliche Streiche verübt, und sie hatten schon auf Kasperles Mithilfe gewartet, um dem Neckfriede eins auszuwischen.

Als die vier lange und gründlich beraten hatten, liefen sie alle zur Mühle zurück. Die drei Buben rannten dort von Tisch zu Tisch und verkündeten, Kasperle würde jetzt im Mittelgang kaspern.

Kasperle hatte sich unterdessen hinter dem Neckfriede einen Tisch herangerückt, so leise, daß dieser dicke Herr, der gerade den zweiten Teller voll Waffeln vor sich stehen hatte, gar nichts davon merkte.

Er goß sich eine Tasse Kaffee ein, nahm eine Waffel und begann zu schmausen.

Auf einmal sah er, wie einer der vorbeigehenden Gäste nach dem andern vor seinem Tisch stehen blieb und lachte.

»Bitte, gehen Sie doch weiter!« sagte er zu einem Herrn, der so lachte, daß er ordentlich wackelte.

Der antwortete aber: »Ich kann stehenbleiben, wo ich will.«

Der Neckfriede wurde ganz wild vor Ärger, denn immer mehr Menschen kamen vorbei, die stehenblieben und lachten.

Er ahnte nicht, daß Kasperle auf dem Tisch hinter ihm seine Gesichter schnitt, denn wenn jemand etwas sagen wollte, legte Kasperle gleich den Finger auf den Mund. Kasperle selbst sprach kein Wort, sondern trieb stumm sein Possenspiel.

Endlich wurde Herrn Neckfriede das Lachen zu viel. Er stand auf und wollte davongehen.

Dabei drehte er sich halb um, und in dem Augenblick streckte Kasperle sein Bein vor.

Das war verkehrt, denn Kasperles Bein und Neckfriedes Nase stießen zusammen. Das war nur für die Nase unangenehm, und da es Herrn Neckfriedes Nase war, fing der heftig zu schelten an. Er wollte Kasperle am Kragen packen, Kasperle aber wollte ausreißen, dabei kam der Tisch ins Wanken, fiel um und am Boden lagen Kaffeekannen, Tassen und Waffeln.

Statt ihn zu bemitleiden, lachten die Leute den Neckfriede aus, und er, der so oft über andere Leute gelacht hatte, ging heute selbst beschämt nach Hause.

Er neckte seitdem Kasperle nie wieder.

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