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Kasperle auf Reisen

Josephine Siebe: Kasperle auf Reisen - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspreis/kaspreis.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperle auf Reisen
publisherVerlag Levy u. Müller
printrunVierte Auflage
illustratorKarl Purrmann
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20120516
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Drittes Kapitel

Was am Waldsee geschah

Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.

Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: »Warte, ich stecke dich in den Schrank!« Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.

Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an dem unnützen Schelm.

Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte.

Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag: »Denk’ an dein Versprechen!« Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre.

Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: »Geh zum Meister!«

Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen Kasperlepuppen an. In Reih’ und Glied waren die auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.

»Heio,« schrie Kasperle, »das bin ich!« Und flink tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.

»Ungeschick, du!« schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. »Marsch, geh, du hast hier nichts zu suchen!«

Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er, das ist fein! Jetzt werf’ ich meinen Kasperlekittel fort und zieh’ Jacke und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen.

Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. »Sucht nur!« schrie er. »Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab’ mein Zeug ordentlich beisammen.«

Das ging nun Fritz und Peterle doch über den Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen.

»Na, warum habt ihr euch denn gehauen?« fragte der Förster schmunzelnd. »Es ist euch wohl nicht warm genug?«

Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut, ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte Christophel fest an den Schultern und fragte: »Hast du Jacke und Hosen versteckt?«

»Nein!« Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: »Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?«

»Aber meins waren doch Hosen!« rief Fritz entrüstet.

Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: »Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.«

»Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!« schrie das Fritzle, diesmal sehr kläglich.

War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.

Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: »Wenn sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!«

Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut sagte wie der Förster: »Da haben euch ein paar einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.«

Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte.

Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: »Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?«

Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu: »Wo ist Kasperle?«

»Draußen beim Vater,« antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen richtete.

Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte. »Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!«

Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den Wald: »Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!«

Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und alle drei klagten betrübt: »Unser Kasperle ist ausgerissen!« Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten, die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren schlimmen kleinen Kameraden. »Ach Kasperle, Kasperle,« klagte sie, »warum hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!«

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