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Kasperle auf Reisen

Josephine Siebe: Kasperle auf Reisen - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/siebe/kaspreis/kaspreis.xml
typefiction
authorJosephine Siebe
titleKasperle auf Reisen
publisherVerlag Levy u. Müller
printrunVierte Auflage
illustratorKarl Purrmann
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderJens Sadowski
created20120516
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Zehntes Kapitel

Eine neue Gefahr

Kasperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein; pardauz! fiel er ins Bett, und bums! da schlief er auch schon. Der gute Schullehrer von Waldrast aber, Herr Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau: »Mit dem fremden Buben werden wir viel Sorge und Verdruß haben. Hätte ich ihn doch lieber nicht mit heimgebracht!«

Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter: »Mach’ dir keine Sorge, Mann! Ein lieber kleiner Kerl ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er schon ein rechter braver Schulbube werden.«

Danach sah es freilich am andern Morgen nicht aus. Kaum betrat das Kasperle die Schulklasse, gleich ging der Lärm los. Alle schrieen: »Du mußt uns was vorkaspern, bitte, bitte, bitte!«

Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers, auf dem Katheder dürfe er nicht kaspern, und darum kletterte er eins, zwei, drei auf den großen braunen Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: »Hallo!« und die Mädel rissen vor Erstaunen den Mund weit auf. Jemine, so flink war noch nie jemand auf den Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr Habermus hörte das Geschrei drüben in seiner Wohnung, und noch ehe die Base Mummeline die Klingel geschwungen hatte, lief er schon hinüber. Er riß die Türe auf und schrie: »Potzwetter, was ist das für ein Lärm!«

Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank herab. Er fiel auf einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers neue Schiefertafel; die nahm das übel und ging mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten in der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps’ Nase, trafen ein Tintenfaß; das sauste in einem weiten Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke schwarze Tintenkleckse. Ihre Besitzerinnen heulten, ihre Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, Heine Fistelmeyer heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte, etliche lachten und jauchzten, – es war wieder einmal ein Lärm wie bei Teufels Großmutter.

Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld. Klatsch, klatsch, klatsch, ging es, Kasperle bekam seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen etwas ab, und schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe ein, nur die fünf Mädel, die bekleckste Schürzen hatten, weinten ganz leise, und Kasperle heulte laut. Himmel, konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an, und allmählich erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden mit dem kleinen Irrwisch. Herr Habermus faßte den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine Ecke. »So,« sagte er streng, »da bleibst du stehen, bis du vernünftig geworden bist.«

Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf der Mädelbank hob ein leises Weinen an, eine nach der andern weinte, dann schluchzte einer auf der Bubenbank, erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen ein, und nach ein paar Minuten weinte und schluchzte die ganze Schule mit Kasperle. Herr Habermus schüttelte erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch nie vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft wurde. Er wollte streng sein und nicht darauf achten, aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das klägliche Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich: »Nun hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm wieder an deinen Platz. Seid jetzt endlich stille!«

Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus der Ecke heraus, und auf einmal begannen alle Kinder zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte ein wenig. Er seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es heute noch geben!

Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es auch. Aber er gab wieder blitzdumme Antworten, und wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder die andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder Lärm und Unruhe. Und nachher hallte die Dorfstraße wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und von den Müttern sagten etliche: »Den Buben hätte der Schullehrer nicht aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist’s, ein arger Unnützling!«

Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei herumgeredet, wie schlimm der kleine Gast im Lehrerhause sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem armen Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche die Hälfte. Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen alle an.

Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu kaspern. Dummheiten hatten auch sonst die Waldraster Kinder genug gemacht, aber solche Hanswurstsprünge, ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei Tisch an zu zappeln, hielt die Beine in die Luft und überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine Mutter dachte, er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins auf den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern. Am Abend aber kam Frau Bimmelmann, die nächste Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps möchte mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide fürchterliche Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie Fistelmeyers alte Muhme Trine, die jammerte, bei ihnen sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer einen Tee holen.

»Was auf den Hosenboden,« schrie Vater Schrumps, »das wird schon helfen!«

Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in diesen Tagen als äußerst heilsam; und bald bekamen es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben, wollten alle kaspern, wie des Schullehrers kleiner Schützling tat.

Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und der arme Herr Habermus bekam manches ungute Wort zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das Feuer. Im Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm, immer hatte Kasper dies und das getan, so sagte wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle wirklich brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast sehr gut gefiel. Er ging furchtbar gern in die Schule, und das Spielen mit seinen Kameraden machte ihm besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base Mummeline wunderte er sich sehr; er fand es nur spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, oder wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil Kasperle sie hineingetrieben hatte. Auch brauchte die Base nicht so mörderlich zu schreien, weil sechs dicke Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, Käfer und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten oder gar ein Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand. Das war doch alles nur Spaß! Und über das Räubergesicht brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken. So meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden stimmten ihm zu.

Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus schalt, Frau Habermus schalt, aber beide hatten dabei den unnützen kleinen Schelm von Herzen lieb. Der Schullehrer bekam es auch nicht fertig zu sagen: »Kasper, geh’ wieder in die weite Welt.« Dazu tat ihm der in seiner Verlassenheit zu leid.

So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle blieb in Waldrast. Die Dorfbuben lernten das Kaspern immer besser, und der gute Herr Habermus plagte sich weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch noch die Base Mummeline den ganzen Tag schelten. Er war daher sehr froh, als die eines Tages sagte: »Ich geh’ morgen in die Stadt.«

Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand in die Stadt ging. Der mußte dann viele Stunden abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: »Ich geh’ in die Stadt,« dann kamen gleich die Nachbarn und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten allerlei gekauft haben und sagten auch: »Paß gut auf, was es Neues in der Welt gibt!« In jenen Tagen stiegen die Briefboten noch nicht täglich in das entfernteste Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im Jahr irgend jemand einen Brief. In das Schulhaus kamen darum auch noch am gleichen Mittag etliche Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln, die dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so ging es weiter, und zuletzt hatte die Base Mummeline einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet standen.

»Das wird zuviel zu tragen,« sagte die Lehrersfrau; »Base, da tust du dir Schaden. Nimm den Kasper mit, der kann dir helfen.«

Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit dem schlimmen Buben sollte sie gehen! Na, da würde sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, behauptete sie; der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim. Der war arg froh darüber. Ja, schlimm genug, als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen hörte, schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr eine lange Nase und schnitt, als sie sich noch einmal umdrehte, sein allerbösestes Räubergesicht.

Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast mit ihrem Korb den Berg hinab, so rannte sie davon, und erst als Waldrast schon ein Stück hinter ihr lag, wagte sie es, aufzuatmen. »Na, warte du!« Sie drohte mit der Faust dorthin, wo das Schulhaus lag, und dann wanderte sie bergab und dachte dabei: Könnte ich nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen Wald, über grüne Wiesen, an Felsen entlang bergab nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten die Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das Kasperle war purzelvergnügt. Beim Mittagessen schalt keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine drolligen Gesichter. Der Schullehrer sah auch freundlich drein und Kasperle dachte: Wenn die Base doch nie wiederkäme!

Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans Fortbleiben. Die erlebte in der Stadt eine höchst seltsame Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, als sie alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder nach Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde kam sie im Dorfe an. Die Lehrersfrau war mit Lenchen und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte gerade aus dem Hause gehen zu seinen Kameraden, als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn nicht, sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen, und Kasperle schlüpfte ein wenig erschrocken in die Wohnstube. Als er draußen den Schritt der Base vernahm, da kroch er flink in einen dunklen Winkel am Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte der kleine Schelm selbst nicht genau. Der Gedanke an die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte ihn etwas, und dann war die Base dahergekommen, als trüge sie den schönsten Rohrstock im Korb. Ein paar Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das Haus, und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus. Der Base erste Frage war: »Wo ist Kasper?«

Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob er ein paar Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht sehen sollte. Indem kam die Lehrerin zurück, sie begrüßte die Base, als wäre die von einer langen, langen Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink: »Wo ist Kasper?«

»Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er wohl dabei sein,« meinte die Frau. Sie hatte Kasperle erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.

Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen; sie guckte unter das Sofa, schloß den großen Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah Kasperle nicht. »Er ist nicht da,« rief sie; »nun will ich euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet staunen!«

Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle gezeigt und laut verkündet: »Wenn ihr einen findet, der so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt dafür eine hohe Belohnung.« Und dann hatte er erzählt, daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. »Seht ihr,« schrie die Base Mummeline, »ich hab’ es immer gesagt: mit dem Buben ist’s nicht richtig. Es ist gut, wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will es der Herzog.«

Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau sagte mitleidig: »Armer kleiner Kerl!«

Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß, die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: »Der Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich mitnehmen. Ich hab’ es nämlich gesagt, wo der Popanz steckt, und da, den schönen Goldgulden hab’ ich gleich bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird! Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!«

Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: »Armes, armes Kasperle!« und ihr Mann seufzte mitleidig. Die Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen. Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.

Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst. Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch schrak zusammen. »Kasper,« rief sie, »da bist du ja! Hast du alles gehört?«

Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang die gute Frau und sah sie flehend an. »Ausreißen!« bettelte er. »Ausreißen!«

»Ja, ja.« Die Frau Lehrerin nickte. »Ich kann mir’s schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du armer kleiner Schelm, du!« Und sacht streichelte sie das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen und sagte schnell: »Versuche dein Heil! Geh hinten zur Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir’s schon verzeihen, daß ich dir geholfen habe.«

Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm, dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her erklang Base Mummelines Stimme: »Sie kommen!«

Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen? Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf? Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte, Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.

»Die Buben spielen am Bach,« rief jemand, und gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.

Aber wo war denn Kasperle?

Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. »Er ist ausgerissen!« riefen die Base und der Kasperlemann. »Wir suchen,« sagten die Landjäger. »Platz da, erst suchen wir das Haus ab.« »Alle müssen suchen helfen,« schrie der Schulze. »Na, das wäre doch eine Schande, wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!«

Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin suchte nicht, und niemand fragte sie. Still brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die Kleinen und sagte linde: »Es wird ihm schon nichts geschehen!«

Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern, Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war nicht zu finden. Endlich sagte einer: »Nun müssen wir noch in der Kirche nachsehen.«

»Sie ist ja verschlossen,« sagte ein anderer, »und die Fenster sind auch alle zu.«

Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche verschlossen, und weil er alt und müde war, kümmerte er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in seinem Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle um die Kirche herum und sagten: »Darin kann er nicht sein, er ist sicher ausgerissen.« Aber wohin? War er in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden? Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen müssen!

»Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht. Alles, was Beine hat, muß mitlaufen,« sagte der Schulze. »Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt wäre!«

»Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,« riefen alle, »und heute muß das Dorf bewacht werden; keine Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht nicht.«

Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline: »Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber ins Bett gehe ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause herum, und ich erwische ihn doch!«

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