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Karussell Berlin

Rudolf Stratz: Karussell Berlin - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/stratz/karussel/karussel.xml
typefiction
authorRudolph Stratz
titleKarussell Berlin
publisherAugust Scherl G.m.b.H.
printrunErstes bis zehntes Tausend
year1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100216
projectidfd5645dd
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15

»... 'n Jlas Helles ... aber hastenichjesehn – bitte! Ich hab' nich viel Zeit!«

Der Chauffeur Werner trat rasch von der Türe her auf den Tisch der Fränze zu, die Mütze schief auf dem rotblonden Stoppelkopf, mit frischen, blauen Augen, ein freundliches Lächeln um die bartlosen Lippen. Mißtrauische Blicke auf ihn drüben, bei den verschlissenen Federhüten und Kaninchenboas – neugierige auf die Fränze, was die nun tun würde. Ein mitleidiges Hüsteln der kleinen Blonden mit den Kirchhofsrosen auf den geschminkten Backen. Der glatzköpfige Vater Krüger pflanzte schnaufend, mit roten Wurstfingern die Molle auf den Holztisch. Der Gast zahlte gleich, trank, beugte sich zur Fränze vor.

»Alles in Ordnung!« sagte er fröhlich und gedämpft. »Ich habe für heute Notquartier in der Nähe hier für Sie gemacht! Morgen – spätestens übermorgen – geht's mit Ihnen 'raus in die Natur – das heißt um Gottes willen: Wie alt sind Sie denn eigentlich?«

»Zweiundzwanzig!«

»Na Gott sei Dank – also großjährig! Kann Sie keiner halten, wenn Sie hier ausrücken! ... Nu packen Sie schleunigst Ihre sieben Zwetschgen – das heißt nur das Allernötigste – was Sie heut und morgen brauchen. Für das Weitere wird dann schon in Hinterpommern gesorgt ...«

»... aber dabei brauchen Sie doch nicht so zu schreien!« sagte die Fränze.

»Nanu?« Der Garagenschlosser Werner war etwas verwundert und abgekühlt. »Es kann uns doch hier niemand hören ... Das Kaffeekränzchen da drüben schon gar nicht ... Also ...« Er machte Miene, sich zu erheben. »Ich wart' draußen unter der Laterne und führe Sie zu einem Laden, wo es Obst und andere Südfrüchte und ein ganz verdrehtes Fräulein gibt, und für Sie oben ein Stübchen. Drüben in der Färberstraße ... Ich wohne dichtebei im Hotel Feuerstake. Nun lassen Sie mich nicht zu lange da draußen auf der Straße stehen – Kind – was ziehen Sie denn für einen störrischen Flunsch?«

»Nee! Auf den Kalmus piep' ich nicht!« Die Fränze war sitzengeblieben und schüttelte verbissen den dunkeln Wuschelkopf.

»Kindchen – sind Sie meschugge geworden?«

»Ich kenn' Sie ja gar nicht!« Ein schiefer, mißtrauischer Wimpernaufschlag der Fränze zu dem Schlosser Werner, der seine mittelgroße, sportstraffe Gestalt lachend über den Tisch lehnte.

»Na – was ist denn da schon groß zu kennen? Visitenkarten wie die Barone hab' ich ja leider nicht bei mir ...«

»Ich weiß ja gar nicht, wo Sie mich hin verschleppen! Ich geh' nicht mit Ihnen!« Die Fränze sprach das mit auffallend lauter Stimme durch das Lokal.

»Das is 'n Mädchenhändler! Junge – dir kenn' ich schon lange!« schrie von drüben die Ulanen-Guste. Und die Simili-Berta heiser:

»Oller Lustmolch!«

Der junge Mann fuhr sich ungläubig und betroffen mit der Hand über die Stirne.

»Aber liebes Kind ...«

»... Liebes Kind? ... Nu wird's helle! Ich bin nicht Ihr Verhältnis. Ich bin für Sie das Fräulein Häselich! ... Und das Fräulein Häselich fährt nicht mit Ihnen nach Hamburg – und dann aufs Schiff nach – wie heißt die Stadt ...«

»Arjentinien ...« rief von drüben die Ulanen-Guste.

»Ja. Die mein' ich! ... Nee – nischt zu machen, Herr! Ich bin mit Spreewasser getauft!«

»Verrückt!«

Der junge Mann richtete sich auf. Aus dem dunkeln Nebenraum schritt schnell ein bleicher Mensch mit spitzem Vogelgesicht an ihm vorbei und durch die Ausgangstüre. Die Simili-Berta guckte ihm nach und pfiff erwartungsvoll durch die schadhaften Zähne.

»Det setzt noch 'ne kalte Abreibung unter der Laterne, wenn der Fränze ihr Freier an de frische Luft 'rauskommt!«

Der hatte sich noch einmal gesetzt. Er hatte die Fingerspitzen unter dem Kinn gefaltet. Er sprach warm, mit einem herzlichen Klang in der Kehle, auf die Kleine ein.

»Ich meine es doch so gut mit Ihnen, Fräulein Häselich! Ich hab' es Ihnen doch bewiesen. Ohne mich schwämmen Sie jetzt tot der Elbe zu! Na – und jetzt sitzen Sie da und leben! Lachen Sie doch ein bißchen. Haben Sie Mut!«

»Nee – nee – ich hab' auf Sie keine Traute ...«

»Sie wissen nicht, wie gut ich es mit Ihnen meine ... Ich hab' das Gefühl: Wir sollten besser zueinander sein! Dann würde alles in der Welt besser! Gerade auch bei Ihnen!«

»Wenn Sie noch was wären!« sprach die Fränze laut und mit Anstrengung. »Aber was haben Sie denn in Ihrer ollen Garage! Das Leben und sonst nischt! Nee – danke!«

»Herrgott – ich will Sie doch nicht heiraten!«

»... aber helfen können Sie mir nich! Sie haben schon 's große Los, wenn Sie sich selber durch das Jammertal bringen! Nee – mir gefällt's hier ganz gut! Ich bleibe bei Stiefvatern!«

»Und nu gehen Sie ...« Sie lief zur Ausgangstüre und spähte in das Dunkel und stampfte drängend, plötzlich angstvoll, mit dem Absatz. »Schnell doch – schnell!« Sie schob den Schlosser Werner an den Schultern über die Schwelle. »Machen Sie, daß Sie um die Ecke von der Schlünzigstraße kommen – ehe Sie hier einer um Feuer bittet!«

Die Fränze lehnte mit bloßem Kopf und gekreuzten Armen an der Haustüre und schaute gespannt dem jungen Manne nach. Weg! Ihr schmales Gesichtchen beruhigte sich. Sie lauschte hinaus in die Nacht. Nichts. Doch. Da. Sie mußte lachen.

»Na – Amtmann ... Wen haste denn alles in der Eile aufjelesen?« Sie musterte die Schatten im Dunkel. »Den Bellevue? ... Den Halbtoten? Den Länglich? Na – kommt nur 'rin!«

»Is er drinnen?« Die Stimme des Kehlkopfkranken raunte erloschen.

»Der fremde Herr? Nee! Der hat zum Zug müssen! Ätsch!« Die Fränze steckte den Kerlen auf dem Pflaster die Zunge heraus. »Ich bin müde! Ich zieh' jetzt 'rauf in meine Stube!«

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