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Karl von Berneck

Ludwig Tieck: Karl von Berneck - Kapitel 7
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchriften, Elfter Band
authorLudwig Tieck
year1829
firstpub1795
publisherG. Reimer
addressBerlin
titleKarl von Berneck
pages144
created20130605
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Akt.

(Garten von Orla. Nacht, Mondschein.)

Conrad. Wilhelm.

Conrad. Ich kann nicht müde werden, Dir zuzuhören. Alle diese abentheuerlichen Erzählungen von Kämpfen und Gefahren machen, daß ich mir wieder jung vorkomme, daß ich wünsche, ich möchte da und dorten mit dabei gewesen sein.

Wilhelm. Und Ihr seid indeß immer froh und gesund gewesen?

Conrad. So ziemlich, bald mehr, bald weniger, wie es in diesem Leben geht. Bleibe nur immer so brav und gut, so wird es Gott auch immer gegen Dich sein. Du hast meinem Alter Freude gebracht und dafür wird der Segen des Himmels nicht ausbleiben.

Wilhelm. Ich werde Eure Lehren nie vergessen, so wie ich sie auch bis jetzt nicht vergessen habe.

Conrad. Recht so, mein Sohn, Du sprichst wie ein wackrer Mann. – Nun, gute Nacht, ich will sehn, wie sich mein Ritter befindet.

Wilhelm. Gute Nacht, Vater. – Es ist mir hier alles noch so neu, daß ich nicht müde werden kann herumzulaufen. Conrad und Wilhelm von verschiedenen Seiten ab.

Reinhard tritt auf.

Reinhard. Ich fühle mich wunderbar beunruhigt. So hab' ich noch nie empfunden. – Was ist es denn, das mir das Herz so zusammenschnürt? – Mußt' ich es aushalten, daß er mir gegenüber saß, mußt' ich die Schmach erleben, daß alle ihre Blicke nur ihn, den Verworfenen trafen; muß ich mich so gedemüthigt sehn?– Wer kann die Weiber begreifen und verstehn! Sie kennen sich selber nicht, das Widersprechendste zu vereinigen wird ihnen leicht, was jedem Manne vielen Kampf kosten würde, ist ihnen ein Spiel. Was ich in so langer Zeit zu gewinnen trachtete, ist mir nun in einem Augenblicke verloren. – Sie glaubten, ich bemerkt' es nicht, sie hielten mich für blind, – und seine triumphirende Miene – nein, ich bin ein Elender, wenn ich es erdulde.

Reinhard. Wilhelm.

Reinhard. Wer geht dort?

Wilhelm. Wilhelm, Euer Diener. Ich besuche noch alle die Plätze, mit denen ich so bekannt war; daß ich wieder hier bin, in der mir so vertrauten Heimath, hat mich so weich gemacht, daß ich ganz wie ein Kind mich fühle.

Reinhard. Es ist eine schöne Nacht.

Wilhelm. Alles so ruhig, kein Blatt rührt sich, keine Wolke am ganzen Himmel.

Reinhard. Hast Du meinen Bruder nicht gesehn?

Wilhelm. Mich dünkt, er wandelte tiefsinnig in jenem dunkeln Gange, am Ende des Gartens.

Reinhard. Wilhelm, ich halte Dich für einen wackern Mann.

Wilhelm. So möcht' ich mich gern immer beweisen.

Reinhard. Du hast Dich im Auslande brav gehalten.

Wilhelm. Ich that, so viel es mir möglich war, meine Pflicht.

Reinhard. Einen solchen Mann unter seinen Dienern zu haben, würd' ich für ein großes Glück schätzen, ich würde ihn ganz wie meinen Freund halten.

Wilhelm. Es kann Euch nicht an bessern Dienern und an edlern Freunden fehlen.

Reinhard. Und doch, Wilhelm, fehlen sie mir. O Du weißt nicht, wie ich einen Dienst belohne, und doch ist Niemand da, der mir dienen will. – Würdest Du wohl – –

Wilhelm. Sobald es in meinem Vermögen stände, – gewiß!

Reinhard. Ich komme fast in die Versuchung, Dich auf die Probe zu stellen.

Wilhelm. Ihr dürft nur befehlen.

Reinhard. Ich wünschte, Du unterließest diese gewöhnliche Höflichkeit, die man selbst unter den fremdesten Menschen antrifft, – ich wünschte, Du wärest zutraulicher. – Laß uns ernsthaft mit einander reden – Wilhelm, mein Herz ist voller Unruhe, – höre, – o ich wünschte, Du wüßtest es schon, was ich Dir sagen will, anstatt daß ich jetzt einen so weiten Umweg nehmen muß.

Wilhelm. Ich errathe Euch nicht.

Reinhard. Und doch ist es nichts, das sich zu verbergen brauchte; es ist tausend und aber tausendmal gedacht und geschehn. – Wilhelm, ich wollte, wir wären uns nicht so fremd, sondern schon lange mit einander umgegangen. – Ich weiß es, daß uns das aus einem fremden Munde oft auffällt, was uns aus dem bekannten ganz natürlich dünkt. – Doch, ich vertraue Dir, und der Freund sollte nicht um den Freund mit Worten so herumgehn, – ich will Dir ganz deutlich meine Meinung sagen. – Sieh, Wilhelm, meinen Bruder, – ist er nicht unglücklich, – unglücklich, weil er ein Bösewicht ist, – o daß ich selber so von ihm sprechen muß! – Du hast vielleicht das Gericht schon vernommen, daß er im tückischen Muthe seine Mutter erschlagen hat?

Wilhelm. Ich hab' es nicht glauben wollen.

Reinhard. Es ist wahr, und das Bewußtsein seines Verbrechens peinigt ihn und jagt ihn umher, darum ist sein Auge irre, darum seine Rede unverständlich und verwickelt. – Soll ein solcher seiner Strafe entgehn? – Und doch ist er ungestraft, weil seine Schuld nicht ganz deutlich und offenbar ist. – Aber welche Aufforderung zur Sünde, wenn ihm die schwärzeste aller Thaten so hingeht! – Ich darf ihn nicht zur Rechenschaft ziehn, ich bin sein Bruder, das brüderliche Blut würde sich in mir empören, so sehr ich ihn auch hasse, und ein Verbrechen kann auch nie das andere wieder gut machen. – Sieh, ich habe Dir nun so viel gesagt, daß ich dreister fortfahren muß. – Willst Du es über Dich nehmen? Willst Du mich und die Welt von ihm erlösen?

Wilhelm. Wie meint Ihr das?

Reinhard. Glaube nicht, daß ich es nur so sage, um Dich anzufrischen, sondern es ist mein völliger Ernst; ich würde es thun, wenn ich nicht sein Bruder wäre. – Soll er leben? Sich und andern zur Last? Sollen neue Bubenstücke aus seiner Bosheit hervor wachsen? – Es ist eine gute, eine edle That, die den Dank der Welt verdient, ihn hinwegzuräumen.

Wilhelm. Wollt Ihr Euch so eigenmächtig zum Richter der Welt aufwerfen?

Reinhard. Jetzt sucht er obenein das Fräulein Adelheid zu verführen, und bei Gott, was unbegreiflich scheint, es wird ihm gelingen, sie, die ich mir zu meiner Braut auserlesen hatte. – Kannst Du's glauben?

Wilhelm. Und wenn ich es glaube?

Reinhard. Sollen wir's dulden? – Fordre, Wilhelm, so viel Du willst, und sag' mir nur, es ist vorüber, ich habe keine Sorge mehr. – Glaube mir, Du kannst nicht zu viel begehren, traue mir. – Nun, Du antwortest nicht?

Wilhelm. Es ist am besten, daß ich Euch nicht antworte.

Reinhard. Sei nicht so verschlossen. Die That ist gut, jedes Herz flucht ihm, und jeder Mund wird Dir danken, – Sag' schnell, Du willst es thun. Nicht wahr? Ich kann mich auf Dich verlassen? –

Wilhelm. Ihr irrt Euch in mir, Herr Ritter.

Reinhard. Ich will alles für Dich thun, wünsche nur, und Dein Wunsch ist erfüllt. – Du bist stumm, bist einsilbig; erwiederst Du so mein Vertrauen?

Wilhelm. Es ist Nacht, ich will schlafen gehn, und morgen hab' ich unser jetziges Gespräch vergessen, oder ich halte es nur noch für einen Traum.

Reinhard. Nein, nein, höre, gehe so nicht fort, ich habe Dir noch vieles zu sagen. – Ueberlege nur, daß Du ihm selbst eine Wohlthat damit thust; Du kannst es Dir nicht denken, Du kannst es nicht fassen, wie elend er ist: ich könnte Dir, wenn es die Zeit erlaubte, schreckliche Beschreibungen machen, wie ihn sein Wahnsinn ängstigt; bald glaubt er den Geist seiner Mutter zu sehn, bald umringen ihn Gespenster und Ungeheuer; er schläft in keiner Nacht, eine fürchterliche Munterkeit peinigt ihn durch alle Adern; wie ein gebannter Dieb wandelt er umher und kann doch nicht von der Stelle; dann flucht er sich selbst; dann verwünscht er mit entsetzlichen Flüchen die Stunde seiner Geburt, – er hat schon oft Hand an sich selber legen wollen, wenn man ihn nicht mit Gewalt zurückgehalten hätte. – Er haßt sein Leben selbst, Du raubst ihm also nichts, sondern der Tod ist für ihn ein Geschenk. – Was kannst Du dagegen sagen?

Wilhelm. Der Himmel hat die Strafe sich vorbehalten.

Reinhard. Aber die Menschen gebraucht er oft zum Werkzeuge; sein rächender Donner stürzt nicht immer herab, er sendet oft die Zwietracht unter uns, und drum fiel durch Menschenhand schon mancher Bösewicht. – Finden wir nicht selbst in der heiligen Schrift Beispiele, wie er die Rache dem Arm der Menschen oft vertraute?

Wilhelm. Laßt mich, Herr Ritter, setzt mir nicht weiter zu – Ihr werdet mich nie überreden.

Reinhard. Wilhelm, ich hasse Dich auf den Tod, Du bist nicht ehrlich gegen mich. – Du hast mich ausreden lassen ohne mich zu unterbrechen, und nun glaubst Du mich in Deiner Gewalt zu haben.

Wilhelm. Ich denke daran nicht.

Reinhard. Du bist ein lauernder ausgelernter Schurke, einer von denen, die sich einfältig stellen, um desto besser zu betrügen. – Geh nur, geh! Ich habe mich geirrt, und ich bereue jetzt alles, was ich gesagt habe; meine Worte waren an ein unedles Gemüth verschwendet.

Wilhelm. Gute Nacht, Ritter.

Reinhard. Geh, Schelm! ich verabscheue solche Heuchler, – der Nichtswürdige! – Wahrlich, der Trotzkopf geht. – Höre, Wilhelm, guter Wilhelm, bleibe noch; es ist nicht mein Ernst. Besinne Dich und sei mein Freund. Ueberlege alles reiflich. – Er ist wahrlich wie sein Vater!

Wilhelm. Gut, daß Ihr mich daran erinnert, Herr Ritter. – Ich muß fort; die Hitze Eurer Leidenschaft verleitet Euch zu unrechten Gedanken: verzeiht mir, daß ich Euch das sage. – geht ab.

Reinhard. Ein Sklave, der sich vorgenommen hat, rechtschaffen zu sein, und nun ohne Ueberlegung mit dem Kopfe durch die Welt brechen will. – Ich dachte, weil er Blut gesehn, und sich im Getümmel herumgetrieben hat, – der Krieg härtet sonst die Seele und verwandelt selbst die weichsten Gemüther in grausame. – Wie unbesonnen ich war! – Wenn uns die Leidenschaft ergreift, so hören wir immer nur uns selber sprechen und vernehmen kein Wort vom andern. – Warum gelingt es denn andern Menschen, Vertraute ihrer Gedanken zu finden? er geht ab.

Karl tritt auf. Das Wunderbarste gesellt sich zum Wunderbarsten; – sie hat versprochen mich hier zu besuchen, eine Viertelstunde mit mir zu sprechen, weil uns die Gesellschaft der übrigen Menschen band. – Wie hätt' ich so etwas hoffen können? – Es ist Nacht geworden und alles in mir ist ruhig. – Der Schimmer des Mondes funkelt seltsam durch die Zweige herab, alle grünen Gebüsche glänzen, alles ist mit Freude übergossen und wunderbare schöne Ahndungen zittern durch meine Seele. – Wird es immer so sein? – Es ist als wenn der Mond mit den Sternen zusammenklingt, als wenn Melodieen durch den Flimmerschein wehen. – Es schwärmt jauchzend durch die Wipfel hin, das schönste Leben sinkt golden aus dem offnen Himmel nieder, – dies ist kein irdisch Leben mehr, Vergangenheit und Zukunft sind versunken, und eine selige, überirdische Gegenwart macht mein menschliches Herz erzittern. – er setzt sich auf die Rasenbank. Da zieht eine dunkle Wolke vor den Mond und jagt einen schwarzen Schatten über die Gegend; der goldne Schein erlischt, – ich vergesse in der Trunkenheit, daß sie kommen wollte, – Gott, wie werd' ich die Freuden meines Lebens aushalten können! – Mir ist, als ob ich alles vergessen hätte, als ob ich nicht der Karl wäre, von dem mir bisher immer geträumt hatte. – ein weißer Schimmer durch die Gebüsche, er fährt auf. Sie kömmt, wie ängstlich mein Herz bebt, – sie kömmt. – die weiße Gestalt nähert sich, er streckt die Arme aus und eilt ihr entgegen, sie bleibt vor ihm stehn; es ist der Geist seiner Mutter, er erstarrt eine Weile, dann stürzt er zurück, die Gestalt geht vorüber. – O Mutter, Mutter! laß mir Ruhe; – Ha! ich hatte vergessen, daß es Nacht geworden sei, daß ihre Zeit gekommen war. – So schneidet es durch meine Freude, durch mein Glück, – alle Gräßlichkeiten arbeiten sich wieder durch den Schimmer, der sie abwärts hielt. – Nein, es giebt keine Vergebung, es giebt keine Seligkeit, – wie ich mich zerschmettert fühle, durch alle Gebeine vernichtet. – Sie triumphiren, die Feindseligen, – keine Versöhnung – die Gegend sinkt unter – betäubende Luft, ich danke dir, daß ich wenigstens schlafen kann – Reinold und Ritsart treten auf mich zu, welche wunderbare Versammlung. – er ist eingeschlafen.

Reinhard kömmt zurück. Ich habe alles überlegt; – und warum könnt' ich es nicht selber thun? – Er gewinnt im Tode und die Welt gewinnt mit ihm. – Die sorgfältige Feigherzigkeit hält uns immer von Thaten zurück, deren wir uns freuen würden, wenn nur der Augenblick der Ausübung erst vorüber wäre. – Hier liegt er, ich finde keine günstigere Gelegenheit, – dieser Dolch soll mir Luft machen.

Karl träumend. Bruder!

Reinhard. Er nennt mich im Schlafe? er denkt an mich? – Es war ein seltsamer Ton, mit dem er dies Wort aussprach, – diesen Ton hab' ich noch nie von ihm gehört. – Bin ich denn ein Kind geworden? – Wie sanft er schläft. – Man sagte mir, er schliefe keine Nacht, – dies ist vielleicht nach langer Zeit seine erste Erquickung. – So traf ich ihn einst schlafend im tiefen Walde an, als er noch ein Knabe war, und er lag so holdselig und unschuldig da, daß ich es nicht lassen konnte, ihn in meine Arme zu schließen, und ihn mit Thränen und Küssen zu bedecken; er erwachte damals und wir gingen nach Hause und schwuren uns ewige brüderliche Liebe. – Ach Gott! er hat viel zu leiden, wie bekümmert sein Gesicht aussieht, er hat nichts auf dieser Welt. – Wie kommt der Dolch in meine Hand? – Ach! er ist ja derselbe Karl, der er damals war, sein Vater ist todt, seinen Bruder hatte er schon früher verloren – ich muß ihn wecken – so schlug mein Herz noch nie, – Bruder, Bruder Karl, wache auf!

Karl. Was ist? – Was willst Du? – Ach Gott, Reinhard!– Laß mich, ich habe Dir nichts gethan.

Reinhard. Ermuntre Dich um's Himmelswillen, damit ich Dir nicht unversehens den Dolch in die Brust stoße, – es ist Nacht, die Gedanken der Menschen wechseln wunderlich. – er schließt ihn in seine Arme. O mein Bruder! kannst Du mich noch lieben?

Karl. Wie ist Dir, Reinhard; kennst Du mich? – Mir träumte eben, ich schlief' so sanft, ich versöhnte mich mit Dir, und darf ich's glauben? – Du stehst vor mir, – oder ist es nur ein neuer Traum?

Reinhard. Nein, nein, es ist, – o vergieb mir, Karl, es war fürchterlich, – so eben haßt' ich Dich noch von Herzen, – so eben wollt' ich Dich ermorden. – Horch! wie fürchterlich die Bäume noch deswegen um mich rauschen, der Mond entfloh, so wie ich die Hand erhob, – o mein Bruder, jetzt ist mein brüderliches Gefühl zurückgekommen, – Du bist wohl sehr unglücklich, – ich habe Dich schon seit lange verlassen.

Karl. Wie wunderlich seltsam wird mit mir gespielt! – weinend. Wozu all' diese Liebe? Sie nützt mir nun nicht mehr. – Es kann nichts mehr gut werden.

Reinhard. Es kann, es soll. – Liebst Du Adelheid?

Karl. Von meiner frühsten Jugend, – ach ja! und sie erklärte mir heut, daß sie mich liebe.

Reinhard. Nimm sie, sie sei Dein, ich trete freiwillig zurück, – aber söhne Dich mit dem Leben wieder aus, an Eurer Freude will ich meine Schmerzen vergessen.

Karl. Warum muß mir alles Wunderbare begegnen?

Reinhard. Ich kann auf mancherlei Art noch glücklich sein – ich bin über mich selbst belehrt, aber Du bist verloren, darum nimm sie, liebe sie, liebe mich, – laß die Brüdereintracht wieder hergestellt sein.

Karl. Ihr wollt mich alle wahnsinnig machen. Ich werde mich nicht retten können – so viel Liebe, – o mein Herz möchte brechen – ich ging im Elend zu Grunde und mir war besser, – jetzt zerreißt mich die Freude. – Ach, Bruder! ist es Dein Ernst? Kannst Du mich vor Augen sehn? kannst Du meine Hand mit Herzlichkeit fassen? – Bist Du mir gut?

Reinhard. Sieh diese Thränen. Kannst Du noch zweifeln? – Ja, ich war schlecht, aber nun bin ich besser. Ja, nimm mich wieder an, ach! ich habe ja nur den einen Bruder; als Kind träumte mir oft, ich sähe Dich im Wasser untersinken, und ich mußte dann die ganze lange Nacht hindurch weinen, am Morgen sucht' ich Dich dann desto schneller auf und umarmte Dich um so inbrünstiger, – und jetzt ließ ich Dich der Verzweiflung ohne Rührung, meines Vaters Tod bewegte mich nicht, – alles kömmt nun in einem Augenblicke zurück! –

Karl fällt in seine Arme. Nun, so habe Dank, sei mein, – ich bin Dein bis zum Tode! –

Reinhard. Der Morgen bricht hervor. – Komm hinein, ich will selbst für Dich zu Heinrich sprechen. – Mir ist, als wärest Du von einer langen Reise zurückgekehrt. O daß sich Menschen so verkennen mögen!

Karl. Ich taumle noch; leite meine Schritte, unterstütze mich.

Reinhard. Ich möchte Dich auf meinen Armen hineintragen. – O lieber Bruder! Wir weinen beide: so wollen wir vor Adelheid treten. – sie gehen ab.

 


 

(Saal in der Burg Orla.)

Heinrich. Adelheid, die von verschiedenen Seiten auftreten.

Heinrich. Guten Morgen, Schwester, – bist Du auch schon wach?

Adelheid. Ich habe fast die ganze Nacht nicht schlafen können. Immer, wenn mir etwas Neues und Fröhliches begegnet, kann ich nicht müde werden. – Von hier sieht man die Sonne gar herrlich aufgehn.

Heinrich. Ich erinnere mich noch wohl dieses Fensters und eben darum kam ich herein.

Adelheid. Wie viel hat man sich zu sagen, wenn man sich in so langer Zeit nicht gesehn hat; mir ist in der Nacht noch manches eingefallen, was ich vergessen hatte.

Heinrich. Wir können uns ja nun aussprechen. – Bald, hoff' ich, sollst Du mich als verheiratheten Mann sehn, wenn mich die hiesigen Fräulein nicht ausschlagen wollen.

Adelheid. Wie denkst Du von Karl von Berneck?

Heinrich. Ich habe ein inniges Mitleid mit ihm, er ist gut und achtet sich unter den Menschen selbst für verloren.

Adelheid. Sein Bruder Reinhard liebt ihn nicht.

Heinrich. Die Jugend braust noch zu sehr in ihm, er wird vielleicht ein liebenswürdiger Mann werden.

Adelheid. Ach, lieber Bruder, es ist Unrecht, wenn ich vor Dir Geheimnisse haben sollte: – Karl von Berneck hat mir gesagt, er liebe mich, was sagst Du dazu?

Heinrich. Wichtiger ist, was Du dazu sagst.

Adelheid. Ich weiß nicht mehr, was ich ihm geantwortet habe, aber ich glaube, es war fast das nämliche, was er mir sagte.

Heinrich. Glück zu! er genest dann vielleicht von seiner Melankolie, die das Unglück seines Hauses in ihm erzeugt hat.

Reinhard kömmt. Gott grüß Euch, ich dachte nicht, Euch beide schon munter zu finden.

Heinrich. Der schöne Morgen hat uns geweckt.

Reinhard. Mein Fräulein, ich komme mit einer eigenen Botschaft. Ich habe meine Bewerbung um Euch geendigt, ich bin mit meinem Bruder versöhnt, und ich bitte für ihn um Eure Hand.

Adelheid. Gott! wie viele Freude auf einmal! – O verzeiht mir, Ritter, ich weiß nicht, was ich spreche. – Ihr seid mit ihm versöhnt?

Reinhard. Wie schwer und schmerzlich zu hassen, und wie leicht ist dagegen die Liebe! Welch ein Leben führen wir im Haß? Wir haben keine Sonne, die uns leuchtet, kein Feuer, das uns erwärmt; wir verlieren in einer todten Einsamkeit unsern eigenen Werth.

Adelheid. So hör' ich Euch gern.

Reinhard. In dieser Nacht ist eine wunderbare Veränderung mit mir vorgegangen. Mir fiel es zum erstenmale auf's Herz, wie elend mein Bruder sei, wie von aller Welt losgetrennt, fern von jedem Schimmer des Glücks, wie er nicht einmal sagen könne, daß er einen Bruder habe, – o wir werden innerlich oft anders, ohne daß wir sagen können, wie es geschieht; und so ist es mir ergangen. – O lieber Ritter, widersetzt Euch meiner Bitte, der Bitte meines Bruders nicht: vergeßt seine Fehler, er wird anders werden, er ist gut.

Heinrich. Ich habe nur so lange geschwiegen, weil ich Euch bewundert habe. Ihr seid ein edler Mann, ein zärtlicher Bruder; mich freut es, daß Ihr wieder einverständigt seid und ich kann gegen diese Verbindung nichts einwenden. Möge sie glücklich sein auf immer! – Aber wo ist Euer Bruder?

Reinhard. Ich mußte vorangehn, um mit Euch zu sprechen, weil er es nicht wagte, Euch den Antrag zu thun. Ich will ihn jetzt hereinführen. geht ab.

Heinrich. So sind wir ja alle zufrieden und glücklich.

Reinhard. Karl.

Karl. Und es ist Euer Wille? – Ihr verstoßt mich nicht?

Heinrich. Ich begrüße Dich als meinen Schwager; ich freue mich, daß ich Dich so nennen darf.

Karl. O so sind die Menschen doch besser, als ich glaubte! – Aber noch kann ich mich in meinem jetzigen Himmel nicht zurechtfinden, meine Augen sind wie geblendet; vergebt diesem schwachen Herzen, das an Glück noch nicht gewöhnt ist. – O Adelheid! er sinkt vor ihr nieder. Du bist ein Engel vom Himmel, der mir die Versöhnung Gottes ankündigt; – auch meinen lieben Bruder hab' ich wieder gewonnen, alles endigt besser als ich
dachte.

Adelheid. Steht auf, steht auf. – leise. Ich konnte nicht in den Garten kommen, ein langes Gespräch mit dem Bruder hielt mich zurück.

Reinhard. Bist Du nun ganz glücklich, Karl?

Karl. Ich hoffe, die Schuld ist nun von mir hinweggenommen, mein Bruder hat es ja auch gesagt; was wollen sie mehr? – er sieht sich furchtsam um. Rührt sich nichts? Hört Ihr nichts die Wände herabschleichen?

Reinhard. Fasse Dich, lieber Karl, falle nicht wieder in Deine alten Phantaseien.

Karl. O Bruder, ich bewache mich sehr. Aber soll der arme Mensch denn nicht wahnsinnig werden, wenn ihn das Wundervollste wie das Gewöhnlichste umgiebt? Ihr alle würdet eben so sein, wie ich, wenn Euch alles eben so begegnet wäre.

Heinrich. Ich glaube Dir, sieh, Du taumelst.

Adelheid. Karl, kennst Du mich? bist Du froh?

Karl. O, ich bin vom Glanz geblendet, Adelheid, – theures Mädchen, für die ich glücklich sein möchte, – o wenn es nur jetzt ruhig bleiben wollte, – mein Herz klopft so ängstlich – mein Kopf schwärmt. – er kniet nieder. Ich beschwöre Dich, ich flehe es von Dir, laß es mir jetzt verziehen sein; sieh, das schönste Glück der Erde wird mir angeboten, so halte Dich nun auch still und abwärts, verzeih endlich Deinem unglücklichen Sohne: sieh diese Thränen und laß es nun genug sein. – er steht auf. Ich hoffe, es ist nun alles vorüber und ich fasse frischen Muth. Jede Strafe ermüdet endlich; warum sollte diese Rache nicht langsamer werden, und immer um mehrere Schritte hinter mir zurückbleiben, und immer mehr, bis ich sie ganz aus dem Augen verloren habe und ich davon wie von einem fernen Traume sprechen kann?

Heinrich. Gieb mir Deine Hand, Adelheid. – er legt die Hände in einander. Der Himmel segne Euch.

Reinhard weinend. Seid immer glücklich!

Der Geist Mathildens steht zwischen ihnen.

Adelheid. Welcher Schauder geht durch mein Gebein! –

Der Geist geht ab.

Karl schleudert Adelheid weit von sich, die übrigen entsetzen sich. Ha! es ist vorüber – es soll nicht sein! Und immer ungeheurer wird die Gegenwart und Mord und Tod kömmt aus der aufgeregten Erde wieder. – Und auch ich will nicht mehr leben. – Kommt heran, Ihr Mörder, hier ist mein Herz! – Sei verflucht, Mutter, dreimal verflucht, verflucht sei dieser Sohn, den du geboren hast, hundert, tausendmal verflucht! – Du hast kein Mutterherz, die Verdammniß hat dich zu einem Geiste der Quaal umgeschaffen. – er steht knirschend da, Adelheid und Heinrich entfliehn. Lauter und lauter donnerts! Herauf Verdammniß aus dem tiefsten Abgrund! – Wie Wolken steigen die Flüche empor.

Reinhard. Fasse Dich, Bruder,

Karl. Wer bist Du? Ich kenne Dich nicht! Eine wilde ungeheure Gestalt. – O hört, wie sie heulen im Abgrunde der Finsterniß, im tiefsten, letzten, vor dem jeder Lichtstrahl scheu zurückbebt, dort liegen sie an ew'gen Ketten, die Vatermörder, die Muttermörder; ein hohles Echo wirft aus den tiefen feuchten Schlünden ihre Schuld zurück, sie wünschen sich in das Getöse, in die Feuerfluthen der Verdammniß, um ihren Gedanken zu entkommen.

Reinhard heftig. Bruder! komm zurück, ich beschwöre Dich! –

Karl. Und diese erwarten mich! – Ich will zu Euch, ich will nicht lange zögern, die Stunde ist gekommen.

Reinhard. Bruder, ich bin allein mit Dir und ich fühle, wie mich Dein Wahnsinn mit ergreifen könnte. – Um Gottes Barmherzigkeit! halt ein! oder ich fange mit an zu toben, bis wir uns das Gehirn an einander ausgerennt haben.

Karl fällt weinend in seine Arme. Ach! Bruder! – Du siehst, wie elend ich bin.

Reinhard. Karl.

Karl. Wie soll es werden?

Reinhard. Welche plötzliche Wuth hat Dich ergriffen?

Karl. Die Mutter stand zwischen uns, als ich kaum Adelheids Hand in der meinigen fühlte.

Reinhard. Du hast sie hinweggejagt, das Entsetzen ergriff alle gewaltig.

Karl. Ach! Ihr seid das nicht gewohnt, – ich dachte wohl, daß es so kommen würde. Es giebt kein Glück, das nicht abblühte und verwelkte, so wie ich es berühre.

Reinhard. Adelheid ward blaß wie eine Leiche, – o lieber Bruder, mein Herz ist zerrissen, alle meine Hoffnung ist dahin.

Karl. Die meinige auch.

Reinhard. Warum hab' ich Dich nicht immer geliebt?

Karl. Liebst Du mich jetzt?

Reinhard. O zweifle nicht länger.

Karl. Recht mit dem Herzen? Mit einer wahren brüderlichen Seele?

Reinhard. O wohl, alle Liebe, die mich Jahre hindurch hätte begleiten sollen, ist auf diesen Augenblick zusammengedrängt.

Karl. So tödte mich. – Warum fährst Du zurück?

Reinhard. Du erinnerst mich bitter an diese Nacht.

Karl. Das will ich nicht. – Bruder! wenn ich Dich so nennen darf, so zieh den Dolch, – Du hast ihn doch bei Dir? – Hier ist er. –

Reinhard. Unmöglich! – Dich ergreift ein neuer Wahnsinn.

Karl. Nein, ich bin jetzt kalt. – Aber was soll ich noch im Leben? Was erwartet mich noch, daß es der Mühe werth wäre, daß diese Tropfen mit Pein durch diese Adern rinnen? Auch die Liebe ist für mich todt, ich soll nicht daran glauben.

Reinhard. Höre auf.

Karl. Meine Verbrechen mag ich nicht dadurch häufen, daß ich mir selbst den Dolch in die Brust stoße; das wirst Du nicht von mir hoffen und wünschen.

Reinhard. Ach nein, Karl! – Aber es kann ja noch alles anders werden.

Karl. O ja, und das wird es auch, unfehlbar wird es das. Mein Wahnsinn wird nun immer älter, er schießt immer giftiger empor. Ich bin dann von jedermann verlassen, ich weiß dann von mir selber nichts und zerstoße mir an der Mauer den Kopf unter Gotteslästerungen. – Dann ist alle Hoffnung der Vergebung entflohn. – Oder Du siehst mich vielleicht auf offnem Markte vor den Augen des Volks langsam auf einem Scheiterhaufen sterben, denn ich habe meine Zunge nicht in meiner Gewalt, ich weiß nicht, was ich thun kann, was ich gewiß thun werde.

Reinhard laut schluchzend. Hör' auf, Du zerreißest mein ganzes Herz.

Karl. Oder Du siehst es, wie ich mich wahnwitzig in schweren Ketten schleudre und mich und den Himmel verfluche. – Willst Du darauf warten? so wird es sich ändern.

Reinhard. Laß mich sterben, Bruder.

Karl. Geh, Du bist ein Nichtswürdiger; so lange hast Du mich meiner Quaal überlassen, und nun kömmst Du, um mich mit Deiner Liebe erst ganz elend zu machen. Als Du mich haßtest und den Dolch gegen meine Brust erhobst, da warst Du mir theurer, da warst Du mein Bruder, jetzt kenn' ich Dich nicht mehr, – ich fluche Dir, so wie mir!

Reinhard kniet vor ihm nieder. Bruder! – Ach! wie jedes Wort mein armes Herz zerspaltet.

Karl, der auch niederkniet und ihn so umfaßt. O lieber Reinhard, so erhöre mich. Bei unsern Kinderjahren, bei allen Erinnerungen beschwör' ich Dich. – O wie sanft würde mir von Deiner Hand der Tod sein! – Nur ein Druck dieses Dolches, – und meine Seele ist frei.

Reinhard. Umfasse mich recht innig, – küsse mich. – Fühlst Du jetzt meine Liebe? mein schlagendes Herz?

Karl. Theurer!

Reinhard. Nun so stirb. – er drückt ihm den Dolch in die Brust.

Heinrich. Adelheid. Conrad.

Adelheid. Wo ist er?

Reinhard. Seht, er blutet. –

Adelheid. O Gott!

Karl. Lebe wohl, Conrad, – Adelheid, lebe wohl! –

Conrad. Himmel! wird nun endlich dies Haus beruhigt sein?

Reinhard. Lebe wohl, Bruder, – ich gehe in ein Kloster, das Leben hat nun keinen Reiz für mich. – er hält Karl fest in seinen Armen, die übrigen bilden eine trauernde Gruppe über ihnen. – Der Vorhang fällt.

 


 

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