Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Kalendergeschichten

: Kalendergeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene
titleKalendergeschichten
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070730
projectid40ad1801
Schließen

Navigation:

Ludwig Anzengruber

(1839-1889)

Treff-As

Gibt es ein Buch des Schicksals, so kann doch gewiß kein sterblich Auge darin lesen. Wär' alles vorherbestimmt und wüßte der Mensch, was ihm die kommenden Tage bringen, wir könnten allzusammen die Hände in den Schoß legen; wer möcht sich noch herzhaft einem Unheil entgegenstemmen, wenn er weiß, daß es ihm nicht ausbleiben kann? Wer möcht nach irgendeinem Gut ringen, wenn er weiß, daß es ihm versagt bleibt oder sicher ist, auch wenn er nichts dazu tut? Jedes Unheil wär' verschärft durch die Furcht, die vor ihm einhergeht, wir würden darauf warten wie der Hund auf die Schläge, wenn er den Stock in seines Herrn Hand weiß. Aller Freud' verdorben, es fiele uns keine mehr wie aus dem lieben Himmel herunter, noch zögen wir uns eine aus der Erde groß, wir wüßten um beide zuvor, die erste schien uns kein Glück mehr und die zweite nimmer unser Verdienst.

Das dachte auch der Weishofer, als er so langsam die Straße dahintrottete. Er dachte auch weiter und vermeinte bestimmt, daß nichts bestimmt sei, zu was schreie sonst der Mensch in Not und Drangsal nach göttlicher und menschlicher Hilfe auf?! »Wär' alles vorherbestimmt«, dachte er, »so gäb' ich wohl gern zunächst dem vertrackten Steuerausschreiber in der Stadt eine Tüchtige hinters Ohr, glaub aber nicht, der möcht sie als von aller Ewigkeit her ihm bestimmt ruhig einstecken, sondern dafür mich.

Oh, wie das dumm ist, daß die Leut' wollen hinter zukünftige Geschehnis kommen durch Kartenlegen, Bleigießen, Wahrsagen aus der Hand, aus dem Kaffeesatz, aus dem Basiliskenei« – er zog den Mund breit zu einem verächtlichen Lachen und spuckte breit aus. »So 'n Vieh gibt's nicht und hat's niemals gegeben, wo sie die Eier davon her haben wollen!

»Ei, das verdammte Kartenlegen!« Er seufzte tief auf.

Der Weishofer war ein noch junger Bauer, er war stramm gewachsen, hatte ein nettes Gesicht mit großen, dunkelblauen Augen, einer geraden Nase mit etwas vortretenden Nüstern, über den frischen Lippen trug er einen saubern Schnurrbart, und etwas Barthaar hatte er auch beiderseits von den Schläfen bis herab zu den Ohrläppchen stehen lassen, das dunkelblonde Kopfhaar war schlicht nach rückwärts gekämmt. Er trug einen hohen Hut von derbem Filz mit einem breiten Band, das an der Seite durch eine stählerne Schnalle zusammengehalten war, einen langen Rock von dunkelbraunem Tuch, eine geblümte Weste mit einem Muster, das keine schreienden Farben zeigte, eine Kniehose und hohe Stiefel; er war ein hübscher Mann, aber heute ließ er sich's nicht anmerken, er ging so schlotterig daher, hatte das Gesicht nachdenklich nach dem Boden gewendet wie einer, der – nach dem Volksausdruck – den gestrigen Tag sucht, und wer ihn so einherwandeln sah, gab nichts auf ihn.

»Guten Morgen, Weishofer«, sagte einer. Weishofer sah auf, vor ihm stand ein kleines Männlein, das hätte freilich beginnen können, was es mochte, sich strecken und so stramm ausschreiten wie ein Soldat, die Schönheit würde es doch nie geplagt haben. Es hatte die eine Schulter bedeutend höher, und darüber ließ es den ziemlich großen Kopf etwas nach der andern Seite hängen. Unter der Tuchkappe, die es unternehmend auf das linke Ohr gedrückt hatte, fielen etliche lange Haarsträhnen herab, die teils weiß, teils fahlgelb aussahen. Unter dem Kappenschirm funkelte eine kreisrunde Hornbrille hervor, hinter deren Gläsern ein paar kleine graue Augen gar lustig irrlichterten; alles im Gesicht war rundlich und gerötet wie ein gesunder Apfel; der Mann sah, wenn nicht wie gutmütig, so doch wie allfort gut gelaunt aus. Er hatte einen Rock am Leib, dessen Farbe nicht ganz leicht zu bestimmen war: während vorne über der Brust das Tuch dunkel drappfarben erschien und gegen den Saum hinunter grünlich schillernd verlief, zeigte sich am Rückenteil dieses schillernde Grün oben, und die Schöße lagen im drappfarbigen Dunkel. Dafür waren die Beinkleider ausgesprochen staubgrau; daß sie Falten warfen, wo sie nicht sollten, und spannten, wo es nicht gehörig war, das lag nicht an ihnen, das machten die Säbelbeine, die in ihnen staken. Zwei Wanduhren mit hölzernem Gehäuse – von der Gattung, die man »Schwarzwälder« nennt – hatte er mit einem Strick zusammengekoppelt, und da wiegte die eine über der hohen Schulter, und die andere hing ihm vorne an der Brust herab, an einem Spagatendchen, das durch ein Knopfloch gezogen war, baumelten ein paar Perpendikel, und in der linken Hand trug er ein grobleinenes Säckchen, lüpfte von Zeit zu Zeit den Arm, waren wohl Gewichte und Werkzeuge darinnen. Solchergestalt, nämlich in seiner eigenen, stand der Hausierer und wandernde Uhrmacher Hautzner-Michel so breit, als er's mit seinen krummen Beinen vermochte, vor dem Weishofer und verstellte ihm den Weg.

»Guten Morgen, Weishofer«, sagte er.

»Guten Morgen«, sagte der.

»Gehst nach der Kreisstadt?«

»Ja.«

»Kassierst wieder die paar Groschen Zinsen ein vom Krämer am Rathausplatz?«

Weishofer nickte.

Der Uhrmacher kniff die Augen zusammen. »Hättest wohl eh lieber dein Geld ganz heraus?«

»Wohl. Ich kann's ihm aber nit aus'm Leib reißen. Kommt mir so vor, als hätt' er bald selber nichts.«

»Was gibst mir, wenn ich dir eine rechtschaffene Neuigkeit sag'?«

»Ei, sag's oder sag's nicht!«

»Gestern war ich beim Krämer aufm Rathausplatz. Laß dir sagen, der Alte wär' vor Freud' gern gesprungen wie ein junges Zicklein; hat sich aber dazu angestellt wie eine trächtige Kuh. Eine Erbschaft hat er gemacht. Keiner von all denen – hat er gesagt –, die ihn die harte Zeit über geplagt hätten, sollt' auch nur einen Groschen früher zu sehen bekommen, als er ihm gebührt; du aber, weil du allweil ein Einsehen gehabt hättest, könntst alles heraushaben, gleich morgen, dürfst es nur sagen! Da er das gestern gesagt hat, so denk' ich, heut ist morgen, brauchst also bloß 's Maul aufzutun.«

»Na, ist recht.«

»Aber, Weishofer, wie kommst mir denn vor? Ist das 'ne Red', ist das ein Aussehn für einen, dem Geld, wo er schon in der Still' 's Kreuz darüber gemacht hat, wieder ins Haus kommt?«

»Wozu dient's mir jetzt? Vielleicht kommt's mir grad recht, eine Leich' zu bestreiten.«

»Oho, oho, wer sollt denn versterben? Du nit!«

»Die Everl.«

»Dein Weib? Ei, so lüg und erstick daran. Wann hab' ich sie denn noch gesehn, so frisch und kerngesund und kugelrund wie allweil?«

»Schau dir's jetzt an!« Der Weishofer schob den Hut zur Seite, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne strich. »Ja, Hautzner-Michel, seit Silvester schreibt sich das her! Die himmelherrgottssakkermentischen Weibsleut' mit ihren verhöllten Dummheiten! Karten aufschlagen haben's müssen, aus Spaß, natürlich nur aus Spaß, wie sie gesagt haben, und da ist der Meinen das Treff-As gefallen, und das bedeut'n Tod, so ist ihr's ausgelegt worden. Da hat sie ein so langes Gesicht gemacht, daß sie mit ihrm Kinn bald bis auf die Tischplatte gereicht hätt'. Es ist halt doch eine Sünd' – hat sie gesagt –, Spaß hab' ich treiben wollen, und unser Herrgott zeigt mir ein Ernst! Seither bild't sie sich ein, sie macht's kein Jahr mehr mit. Wär's nit so traurig, frei völlig lachen könnt' mer drüber, wie sie sich alle Mühe gibt, die Prophezei wahr zu machen. Abmagern tut's mir von Tag zu Tag. Ausreden laßt sie sich's nit, manch geschlagene Stund' bin ich schon neben ihr gesessen, hab' ihr zugeredt, sie horcht fein auf, gibt mir in allem recht, und wenn wir uns vom Sitz heben, so ist ihr letztes Wort, wie's erste war, sie müßt' doch sterben! In meiner Angst hab ich mir einen Doktor aus der Stadt gerufen, der hat den Kopf beutelt und gesagt: ›Die Frau ist gemütskrank!‹ Ich hab' ihm darauf die ganze Geschicht' verzählt. ›Hm, hm‹, hat er brummelt, hat seine Dose hervorgezogen, klappt's auf, nimmt eine Prise, schnupft, druckt den Deckel langsam wieder zu. ›Ja‹, sagt er, ›die wird wohl an ihrer Dummheit sterben!‹ – ›Dank für die Auskunft, Herr Doktor‹, hab' ich gesagt, ›mir geschäh' aber auch um meine dumme Everl hart.‹« Der Weishofer fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen. »Es geht ein so viel scharfer Wind über die Felder.«

Der kleine Uhrmacher schüttelte sehr bedenklich den großen Kopf, so daß darüber die Tuchkappe vom linken Ohr auf das rechte fiel. »Wär' mir selber leid um das Weiberl!«

»Ich sag' dir«, schrie der junge Bauer, indem er die Hände bis zum Kopf emporhob, »sie ist schon so gut wie tot! In der Weis' kann sie's nit lang mehr machen. Es hilft kein Reden, und es findt sich kein Rat – o du blutiger Heiland! – Da muß s' ja hin werden!«

Der Hautzner-Michel hatte mittlerweile sehr aufmerksam seine Stiefel betrachtet, jetzt hob der den Kopf, sah den Weishofer eine Weile an, dann sagte er: »Weißt, voreh will doch ich mir die Sach' auch ein bissel anschaun.«

»Vergelt dir's Gott, Hautzner-Michel! Da eil dich nur. Du bist ja all deine Zeit ein findiger Kopf gewesen. Jesus! Ich wüßt' nit, was ich dir zulieb tät...«

»Langsam, langsam, Weishofer! Wir haben noch nit ein Fuß vor den andern gesetzt, und das wär' erst ein Schritt! Versprechen kann ich nichts!«

»Denk mir's ist ein schwer Stück! Wie willst es denn eigentlich anfangen?«

»Weißt, wenn ich was reparieren soll, da muß ich's Werk vor mir haben. Na, gehn wir jetzt unsre Weg. Behüt dich Gott! Hoff ein wenig, aber trau nit zu viel. Im übrigen kannst dich verlassen, was auf gleich zu richten ist, das richt ich auf gleich.«

»Aus Christenlieb' laß dir's angelegen sein. Behüt' dich Gott, Hautzner-Michel!«

Und so ging der eine nach rechts, der andere nach links, Weishofer mit raschen Schritten der Stadt zu, um sich so eher wieder auf den Heimweg zu machen und zu sehen, was der Hausierer ausgerichtet habe, und hoffte im stillen, mit Gottes Zulassung werde noch alles recht werden; der Hautzner-Michel aber ging bedächtig dem Dorf zu.

Inmitten des Ortes stand ein kleines Häuschen mit einem eingeplankten Hof, kehrte bloß zwei Fenster der Straße zu, und wer mit den Inwohnern verkehren wollte, der mußte durch ein Pförtlein in der Planke über den Hof.

Dahinein ging der Uhrmacher. Ein kleiner Hund an einer langen, schweren Kette fuhr auf ihn los.

»Ho, Stutzel«, lachte der Hausierer, »was willst mir denn, du große Kette an einem kleinen Hund?« Er klirrte mit dem Werkzeugsack gegen das Tier, das beäugelte den kleinen Mann, schüchterte es sein Anblick ein, oder dachte es sich seinen Teil, kurz, es kroch langsam in seine Hütte zurück.

Der Hautzner-Michel trat in die Küche, wo das Herdfeuer lustig prasselte, und hörte in der Stube die Bäuerin mit halber Stimme ein geistlich Lied singen; er klopfte an und trat ein.

»Guten Morgen!«

»Ei, grüß Gott, Hautzner-Michel.«

»Ja, ja, dank schön«, sagte der, da er für den Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte, so überraschte ihn das üble Aussehen der Bäuerin. Keine drei Monat' ist's her, da stand an der Stell' ein rotbäckiges, dralles Weibchen mit frischen Schwarzkirschäuglein vor ihm, und jetzt – war sie es oder war sie's nicht? – fand er eine welke Frauensperson, mager, mattäugig. Einen Augenblick verzog sich sein rundliches Gesicht, in der Weis', wie wir's an Kindern sehen, die aus Ärger weinen oder lachen möchten, eins ins andere, bevor sie sich zu einem davon entschließen. Dann warf er den Werkzeugsack auf einen Stuhl, nahm die Uhren von der Achsel und stellte sie auf den Wäscheschrank, trat auf die Bäuerin zu und sagte: »Jemine, wie siehst denn du aus? Hast vielleicht eine Kränkung? Schaut der Bauer nit auf dich? Oder hat er wohl gar zuviel auf dich geschaut und trägst dich mit ein'm Übel, das bald als drittes im Haus herumlauft?«

»Laß die Späß' sein, Hautzner«, sagte die Bäuerin. »Ich weiß wohl, wie mir ist und was mir ist. Kannst wohl bald mit meiner Leich' gehn.«

»Oh, sappermost, so arg wird's nit sein. Ihr Weibersleut tut euch immer allerhand einbilden.«

»Ich denk, es wird gerade arg genug sein, und einer Einbildung halber werd ich mich doch nit so fleißig für mein letztes Stündlein vorbereiten, wie ich tu.«

Die Bäuerin wies nach dem Tisch, auf welchem ein großes, altes, abgegriffenes Buch aufgeschlagen lag, der Hausierer trat hinzu und blätterte darin. Fast auf jedem Blatt war ein grober Holzschnitt und keiner darunter, auf dem nicht Teufelsfratzen zu sehen waren, welche Verdammte und arme Seelen rösteten, spießten und was dergleichen mehr in der Hölle Brauch sein soll.

»Schau«, sagte der Hautzner-Michel, »wenn ich an deiner Stell' wär', so möcht ich mich doch lieber für den Himmel vorbereiten, und wenn ich an deinem Manne seiner Stelle war', so würf' ich dir die Scharteke ins Feuer; denn dein vorig Reden – weil du dich aufs Sterben vorbereitst, müßt dir der Tod nah sein – ist ebenso unsinnig, wie wenn du sagen möchst, weil sich der Hund kratzt, kriegt er Flöh'!«

Da wurde die Bäuerin böse, sehr böse. »Du Hansnarr!« schrie sie. »Was verstehst auch du von so heiligernsten Sachen. Mach du deine Späß' im Wirtshaus, aber nit in einer Sterbstub! Bring du deine wohlfeilen Lazzi vor Leuten vor, die was im Kopfe haben, vielleicht tun die dir den Gefallen und lachen darüber, aber ärger nit eins, dem der Tod im Herzen sitzt. Verstehst? Mach dich fort aus meinen Augen! Ich wollt dir ganz anders kommen, fühlt' ich mich nit so siech und hinfällig!‹

»Na«, sagte der Hautzner-Michel, »das merk ich, auf der Brust fehlt's dir nit!«

Da besah sich die Bäuerin ein wenig den Stubenboden, wahrscheinlich wollt' sie wissen, ob derselbe rein gescheuert war', dann kam sie ein Hüsteln an, und sie sagte mit so matter Stimme, daß er keine Maus in der Ecke hätte hören und zur Nachbarin tragen können: »Ja, ja, mein lieber Hautzner-Michel, du hast leicht lachen, aber ich weiß, was ich weiß.«

»Es wär' nit schwer, mein ich, daß ich auch wüßt', was du weißt, du brauchst mir's nur zu sagen. Wie bist denn mit einmal so aufs Sterben verfallen?«

»Durch einen Fingerzeig Gottes.« Hier hielt sich die Bäuerin an dem Tisch, als wollten ihr die Füße versagen.

»O du Hascher«, sagte der Uhrmacher, »wie's dich aber hat! Doch, wenn dich's Stehen hart ankommt, dafür ist ein Sessel gut.«

Sie setzte sich und fuhr fort: »Silvesterabends haben wir Bäuerinnen aus der Nachbarschaft uns Karten gelegt...«

»Ist unterhaltlich«, sagte der Michel.

»Ja, ja, aber mir ist's Treff-As gestanden...«

»'s Kreuz-As?«

»Ja, 's Kreuz-As.«

»Na, und was weiter?«

»Ist das nit genug? Weißt denn du, was das bedeut'? Liegt es umgekehrt, mit dem Stiel aufwärts, bedeut' es ein fremd Haus, liegt es aufwärts, mit dem Stiel nach unten, bedeut'es den Tod, der einem nah steht.«

»Das ist das erste, was ich hör«, sagte der Hausierer. »All mein Tag hat unter Leuten, die vom Kartenlegen was verstehen, 's Kreuz-As einen Beutel mit unverhofftem Geld bedeut'.«

»Willst du mich narren?« fragte die Bäuerin. »Nie ist's erhört gewesen, solang in der Welt Karten gelegt werden, daß Kreuz-As einen Beutel Geld bedeut', ja, einen Sack deutet's, in den mich der Tod steckt, ein Grabkreuz deutet's, unter dem ich bald liegen werd...«

»Und Gäns' im Ort deutet's, die sich in eine Sach' einlassen, wovon sie nichts verstehen!« schrie der Hautzner-Michel; ganz wild war er mit einemmal geworden. »Wißt ihr nichts, so macht euch damit nichts zu schaffen. Kreuz-As bedeut' einen Beutel Geld ins Haus, das ist alt.«

»Das wär' ganz neu! Den Tod zeigt's an!«

»Einen Beutel Geld!« brüllte Hautzner und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. »Streitest du mit einem alten Mann, der mehr in der Welt herumgekommen ist, mehr gesehen hat und mehr weiß als du samt allen deinen vertrackten Nachbarsweibern? Übrigens glaub, was du willst, kränk dich meinethalben hinunter, bis sie dich hinaustragen, aber wenn du dir auch 's Kreuz-As auf'n Sargdeckel aufnageln ließest, ich bleib dabei, den Tod deutet's nit!«

»Aber Michel!« sagte die Bäuerin und schlug über den unerhörten Eigensinn des Alten die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Weishoferin«, sagte eifrig der Alte, »ist dir Kreuz-As recht nah gestanden?«

»Gerad neben der Karodam', was meine Karte war.«

»Weiß 's ja, Ledige haben die Herzdam'. Verheirate für gwöhnlich die Karo. Aber laß dir sagen, Weishoferin, nit lebendig soll ich da von der Stell' gehn, die Teufel solln mich in der Luft auf so kleine Fetzerln zerreißen, daß ich mich am Jüngsten Tag nimmer zsammklauben kann...«

»Um Gottes willen, Hautzner-Michel, hör auf!«

»Mein ewig Seelenheil soll verspielt sein, wenn dir nit zunächst der Beutel mit dem unverhofften Geld ins Haus kommt! Ich mein, mehr vermöcht ich nimmer zu verschwören, du könntest damit just genug haben und mir Glauben schenken.«

»Jesus! Du Unbedacht, wer hat's denn verlangt, daß du dich so gottlos verschwörst? Ich hoff, Gott nimmt dich nit beim Wort und rechnet dir's nit hoch an, weil du ja doch irrig bist, Kreuz-As deutet einmal nichts anders als den Tod.«

»Gut«, sagte der Hausierer, nahm seine Uhren vom Schrank und hängte sie über die Achsel. »Bleib du dabei. Aber ich bin ein Mann, der Straßen auf, Straßen ab seinen Vorteil sucht, und niemand kann mir verdenken, wenn ich ausnütz, was ich weiß. Wett mit mir, Bäuerin! Dir bleibt kein Zeit, daß du dich zum Sterben zurechtlegst, so kommt dir schon der Beutel mit Geld ins Haus. Sollt' ich verspieln, so will ich dir eine schöne Leich' zahln, mit ganzem Kondukt, kannst dich verlassen, alle Pfaffen, was im Ort sind, sollen mitlaufen; gewinn ich's aber, so gehört der Beutel mit dem Geld mein. Gilt's?«

»Geh weiter, dir käm's ja gar nit zu, daß d' mich begraben ließest.«

»Alleins, verwett ist verspielt! Ich wollt' dich so sauber unter die Erd' bringen lassen, daß du deine Freud' daran hättest. Schlag ein!«

»Geh mir!«

»Das schönste Bahrtuch, was sie in der Stadt den vornehmsten Leuten überbreiten, leih' ich für dich aus. Nun wirst doch einschlagen?«

»Das werd ich bleiben lassen, weißt, weil's in solchen Dingen ein lästerlich Spiel wär'.«

»Ei ja«, lachte der Hautzner-Michel, »du läßt es bleiben, weil halt doch am End' Kreuz-As einen Beutel mit Geld bedeuten könnt'.«

»Den Tod bedeut's«, schrie die Bäuerin, » und das Geld will ich dir schenken, was kommen soll, ich wüßt' nit, woher.«

»Gut, Bäuerin, ich nehm dich beim Wort, du schenkst mir das Geld! Ich mach mir keine Sorg', wo es herkommt. Aber da drauf mußt' mir schon die Hand geben, daß d' für später keine Ausred' hast.«

Die Bäuerin gab etwas zögernd die Hand.

»So, Bäuerin, es gilt! Das sag ich dir, nicht einen Groschen von dem Geld laß ich dir in der Haut. Ich weiß, du machst dir für jetzt keine Sorg' darüber, will dir's aber auch für später ersparen. Dein Mann möcht nit schlecht schimpfen, wenn das Geld kaum ins Haus käm' und ich nähm's gleich wieder fort. Unfrieden will ich zwischen euch nit stiften. Wenn du dich umtust und dazu schaust, so erwirtschaftest vielleicht soviel und bringst es heimlich auf die Seite, und dann braucht der Bauer nit zu wissen, was du verspielt hast. Fast ein Jahr will ich dir dazu Zeit lassen, aber am nächsten Neujahrstag komm ich und verlang mein Geld. Verinteressiert's dich, leg ich dir dann auch die Karten, wie ich's versteh, und jetzt bhüt dich Gott.«

Damit ging der Hautzner-Michel aus der Stube und ließ die Weishoferin sehr nachdenklich zurück.

»Sollt's am End doch –? Ei, so wär' doch auf nichts mehr Verlaß! Treff –As bedeut' 'n Tod!«

Sie wußte zuletzt nimmer, sollte sie sich zu gewinnen fürchten oder zu verlieren freuen.

Als am selben Nachmittag der Weishofer eilig auf der Straße einherschritt, sah er den kleinen Uhrmacher auf einem Brettlein stehen, das über den Graben gelegt war, damit man nach einem Feldrain gelangen konnte, der nach einem nahen Dorfe führte. Er lief auf den Alten zu.

»Hautzner-Michel! Wie steht's?«

Der kleine Mann schmunzelte. Er sah dem Bauer nach dem Rock, der sorgfältig zugeknöpft war und an der linken Brustseite einen Bausch machte. Der Hautzner-Michel tippte mit dem Finger nach der Stelle. »Da steckt's«, sagte er. »Hast dein Geld?«

»Ja, aber red du...«

»Pst! Ich hab wegen euch eh viel Zeit versäumt, aber, wie ich hoff, nit verloren. Ich will dir nur sagen, wir haben uns heut weder gesehen noch gesprochen, verstehst? Und merk dir auch für daheim, seh und bered nicht, wie dir auch deine Everl vorkommen mag.«

Eine halbe Stunde später trat der Weishofer in seine Stube; nachdem er sein Weib begrüßt hatte, begann er seinen Rock aufzuknöpfen, zog eine schwere Brieftasche hervor und legte sie in die Tischlade.

»Was hast du denn da?« fragte die Bäuerin.

»Schwer Geld, Everl! Weißt, was beim Krämer in der Stadt gestanden hat und wo wir schon die Zeit her gemeint haben, es blieb dort auch stehen. Eine Erbschaft hat er gemacht, und da hat er mir's herauszahlen können.«

»Alles?«

»Bei Heller und Pfennig.«

»Ei du mein Gott!«

»Dich freut's wenig.«

»Ei, ja wohl«, sagte die Everl, nahm die Brieftasche aus der Lade, zählte das Geld und wurde dabei abwechselnd bald blaß, bald rot.

Da war's und fort sollt's! Es war ihr zugleich leicht und schwer ums Herz.

Von da ab verlegte sie sich so auf das Wirtschaften und Sparen, daß der Weishofer wohl merkte, sie hätte fürs Sterben keine übrige Zeit. Je mehr es aber gegen das Ende des Jahres ging, desto verdrießlicher wurde sie, und als der Neujahrstag vor der Türe stand, da gestand sie ihrem Manne, wie sie gegen den Hautzner-Michel verspielt habe und auch auf dessen Rat versuchte – recht war's wohl nicht –, das Geld in der Wirtschaft hereinzubringen, um den Verlust verheimlichen zu können. Nun wird der Spitzbub am ersten Tag im Jahr kommen und sein Geld verlangen, sie hat aber nicht den vierten Teil aufbringen können, wie sie sich auch geschunden habe. Schließlich bat sie für ihren Unbedacht um Verzeihung.

Darauf meinte der Weishofer, wobei er sich hinter den Ohren kraute, verzeihen wollte er recht gerne, und es geschah von ganzem Herzen, weil ihm nur seine Everl leben geblieben war' und wieder frisch aussäh', dafür käm' das ganze Geld nit in Anbetracht und dreimal soviel nicht! Freilich fänd' er's ganz teufelmäßig dumm, wenn ihnen der Hausierer all ihr Erspartes mir nichts, dir nichts forttragen tät', übrigens hätt' der manchmal so Späß', mit denen er die Leut' schreckt, und meint's nit so arg. Also wollten sie's abwarten, bis er kommt.

Und als er kam, da ward er mit einigem Mißtrauen aufgenommen, er tat aber, als merke er nichts, legte seinen Uhrenkram ab und setzte sich der Bäuerin gegenüber an den Tisch; Weishofer saß abseits auf der Ofenbank, als ginge ihn, was nun auch kommen mag, gar nichts an.

Eine Weil' machte der Hautzner-Michel hinter seiner runden Hornbrille recht vergnügte Augen, dann sagte er: »Nun, Bäuerin, ich mein, du lebst noch!«

»Ja«, begann die, und je mehr sie sprach, je mehr stieg ihr die Röte ins Gesicht. »Ja, wahr ist's, das Kreuz-As tut nicht den Tod bedeuten, sondern ein Stück Geld ins Haus; wenn aber einer weiß, daß das so sicher zutrifft, als wär' die Karte ungleich besser wie oft eine Verschreibung vor Gericht, dann sollt' er nit mit einem andern wetten oder es ihn auf eine andere Art verspielen lassen, das ist nit ehrlich. Noch weniger ehrlich ist's, einem braven Weib einzureden, sie sollt' hinter Mannes Rücken das Verspielte aufbringen. Verstanden? Das red ich, weil ich's reden muß.« Sie stieß die Tischlade auf und langte ein Päckchen Banknoten hervor. »Gleichwohl hab ich nach deinem Rat getan und mich das ganze Jahr über gerackert und geschunden; das da hab ich zusammengebracht, da hast's, nimm's, wenn es dir zuwenig ist, sollt mir leid tun, aber mehr hab ich nicht.« Sie strich mit der Hand über den Tisch.

»Kannst ja auch das behalten«, lachte der Hausierer, »darum ist mir's ja nit gewesen. Weisen wollt' ich dir, daß Karten nie etwas bedeut' haben noch bedeuten! Kreuz-As bedeut' nit den Tod, denn du lebst heutigen Tags noch, es bedeut' aber auch kein Stück Geld ins Haus, denn das hab ich mir nur ausgedacht, weil ich voreh gewußt hab, dein Mann bringt Geld aus der Stadt. Zum Verheimlichen aber hab ich dich angestift, damit ich dich über Hals und Kopf in die Arbeit hineinhetz und dir darüber alle Gedanken an Kreuz-As und Tod vergehen.«

Die Bäuerin schlug stumm vor Verwunderung die Hände zusammen, der Weishofer aber war zum Tisch gerannt, hatte den Pack Banknoten zusammengerafft und stopfte ihn jetzt dem Uhrmacher in die Rocktasche. »Das mußt nehmen«, sagte er ein über das andere Mal, »das mußt nehmen, das hast verdient, das geb ich gern.«

Nicht, daß der Hautzner-Michel sich etwa gesträubt hätte, aber wie er so die beiden Leutchen betrachtete, hüpfte er vor Vergnügen immer von einem Fuße auf den andern und hielt nicht still, so daß der Bauer seine Not hatte, ihm das Geld in die Tasche zu bringen. Jetzt stand er mit einmal ruhig und ließ den Weishof er machen.

»Muß ich's nehmen«, sagte er, »so nehm ich's. Läßt sich doch ein Doktor zahlen, wenn er auch nichts richtet, und ich hab da mehr gerichtet als ein Doktor. Nun, Bäuerin, was ist's, verinteressiert's dich nit? Ich hab dir ja auch versprochen, ich tät' dir Kartenlegen auf meine Weis'.«

»Geh zu«, sagte die Weishoferin, »meinst, ich möcht noch dran glauben?«

»Ich denk selber, daß du dir davon nichts mehr verlangst. Aber reich mir nur das verschmierte Spiel dort aus der Tischlad' her, ich hab's vorhin wohl darin liegen sehen. So, dank dir schön! Hat uns genug schwere Sorg' gemacht! Vorzeit ist es wohl nur zu einem unschuldigen Zeitvertreib auserdacht worden, aber, wie mit vielen Dingen, hat der Mensch auch damit angehoben, Mißbrauch zu treiben; und 's ist übergenug, daß das Hasardieren viele Männer arm macht, soll das Kartenschlagen auch noch die Weibsleut dumm machen? Du verlaubst schon, daß ich's ins Herdfeuer werf, da fällt keinem ein Blatt, sondern bleiben ihm für allzeit alle zweiunddreißig fern, und das ist die beste Manier, Karten zu legen. Nach dem, wie sich der Mensch aus- und inwendig verhalt, rechtschaffen und zufrieden oder lässig und begehrlich, kann man ihm wohl sagen, ob er auf der Welt glücklich sein wird oder nit, ein ander Wahrsagen aber gibt's nit. Es heißt, des Menschen Schicksal steht in Gottes Hand, ich wüßt nit, wie es von da unter verdreckte Kartenblätter und schmutzige Zigeunerweiber käm'! Freilich bei dem, was an aller Welt Enden und Ecken in einem Atem schwarz und weiß, kalt und warm zusammenprophezeit wird, kann wohl unter tausend einmal zufällig eins treffen, und von dem einen hörst du dann tausendmal, von den neunhundertneunundneunzig verfehlten nit ein einzig Mal reden; also, wenn dich jemand zu so was einladt, so sucht ein Esel einen Kameraden, und du brauchst nit zu fürchten, daß man dich für hochmütig ausschreit, wenn du dich für die Ehr' bedankst! Amen, sagt der Pfaff, wenn er nichts mehr weiß!«

Zu fromm

In einer kleinen Ortschaft, mag sie Altfeldsdorf heißen, hatten sie einen neuen Pfarrer bekommen. Da er erst drei Tage unter seinen Pfarrkindern weilte, so wußten diese über ihn nichts auszusagen, als daß er für sein Amt ein »schier verwunderlich« junger Herr sei. So jung hatten sie noch keinen gehabt. Etliche meinten, das wäre recht, ein Junger vermöchte allzeit mehr vor sich zu bringen als ein Alter. Andere hingegen schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten ihrerseits, Jugend hätt' die Erfahrenheit aus zweiter Hand und brächt' sie drum abgestanden und teurer auf den Markt.

Es war eben am Nachmittag des dritten Tages, Jung Ehrwürden saß gerade behaglich im Lehnstuhl, blies aus seiner Pfeife Wolken gegen die Stubendecke und sah mit anscheinend großem Interesse zu, wie sie allmählich zerstoben, da pochte es an der Tür, und herein trat der Herr Bürgermeister von Altfeldsdorf.

Altfeldsdorf war, wie gesagt, ein kleiner Ort und konnte sich den Luxus nicht gestatten, wie andere besser situierte Dörfer und Marktflecken einen reichen Kaufmann, einen Großgrundbesitzer oder gar einen Advokaten zum Bürgermeister zu wählen, von der Sorte führte es nichts; der Bürgermeister, den es hatte, war ein grundehrlicher Hauer, der ein paar Joch Weingärten und ein paar Lot Verstand mehr hatte als die andern. Das erste ließ sich im Grundbuch nachweisen, und für das zweite sprach seine öftere Wiedererwahl.

Also, der Herr Bürgermeister, ein langer, knochiger Mann, sah fast engbrüstig aus, machte an der Tür seinen Kratzfuß und sagte: »Gut'n Abend, Hochwürden.«

»Gut'n Abend, Herr Bürgermeister«, sagte der Pfarrer. »Nehmen S' sich doch einen Stuhl und setzen S' sich. Sitz' gerad da so bequem.«

»Oh, schön' Dank, Hochwürden«, sagte der Lange, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich dem Pfarrer gegenüber und dachte: Jetzt kann's losgehen. Er will mich ausholen, damit er sich mit uns auskennt, und ich soll ihn ausholen, damit wir über ihn Bescheid wissen. Fein gemacht. Erst soll er Farbe bekennen. – Trotzdem er sich dergestalt auf den Vorsichtigen und Schlauen hinausspielte, überkam ihn doch jene Verlegenheit, die einen ehrlichen Mann bei solchen Anlässen stets befällt, weil er fühlt, daß all seine Schlauheit und Vorsicht nicht lang vorhält, wenn der, den er ausholen soll, nur ein wenig geriebener ist. Aber nichts reden, das tut's fürs erste. Er hustete also ein paarmal, legte dabei die Hand beteuernd an seine Brust, gleichsam: »Da sitzt's« Dann begann er seinen Hut abwechselnd bald auf das rechte, bald auf das linke Knie zu stülpen. »Hm, hm,«, machte er, als nähm es ihn wunder, daß er nicht sitzen wollte.

Der Pfarrer lächelte. »Sie kommen wohl, Bürgermeister, um bei mir, so was man sagt, auf den Busch zu klopfen?«

Der Angeredete beugte sich verlegen auf seinem Stuhl etwas vornüber, und indem er es versuchte, diesmal beide Knie unter den einen Hut zu bringen, murmelte er: »Werd' mich's doch nicht unterfangen?«

»Ich nehm' es auch für kein Unterfangen auf, wenn meine Pfarrskinder nachfragen, woran sie mit mir sind. Und wie ich mich zu ihnen zu stellen gedenke, das können sie alle wissen, das sag' ich offen und frei heraus.«

»Schön, schön, Hochwürden«, sagte der Bürgermeister und sah dabei sehr erfreut und dankbar aus, »da red't man sich doch gleich ein gut Stück leichter.« Dann bewölkte sich aber seine spitze Stirn ein weniges wieder, er warf einen besorgten Blick auf den jungen Priester und fragte etwas unsicher: »Wie halten 's also damit Hochwürden?«

»Vorab halt' ich darauf, meiner Pflicht als rechtschaffener Seelsorger nachzukommen, euch mit Trost und Rat beizuspringen, daß mir keinen ein Leidwesen gar zu Boden drückt oder ein Glücksfall ihn übermütig macht.«

»Ei, du mein, Hochwürden, 's letz' Stück Arbeit dürft' Sie da bei uns wenig beschweren.«

»Ist aber auch 's schwerere, Bürgermeister. Trost im Unglück nimmt der Mensch unbeschaut, guten Rat in Übermütigkeit wend't er ein dutzendmal gegen 's Licht, ob er keine Lücke entdeckt, wo er ihm ausschlupfen kann.«

»Wahr, wahr, Hochwürden. Dadrum ist auch auf einer gottselendigen Pfarr' allemal ein leichteres Seelsorgen als auf einer mit lauter reichen Anwesnern.«

»Nun, nun. Ich wollt', ihr wäret lauter reiche Anwesner, die mehrere Müh' sollt' mich nit reuen. Im übrigen bleibt alles, wie ich's auf der Pfarr' angetroffen hab'; da bring' ich nichts auf und bring' nichts ab. Wie es bisher gehalten worden ist, soll's auch weiter gelten, um keinen Bittgang, keine Andacht, keine Wallfahrt mehr, aber auch keine weniger. Seid ihr fleißige Kirchengänger ...«

»'s geht an, Hochwürden, 's geht an. Sonntags einmal sieht wohl jeder die Kirche inwendig, aber unter der Woche, da hab'n halt nit alle Zeit.«

»Es ist recht, die Woche über arbeiten und sonntags ruhn und Gott die Ehr' geben. Es heißt ja auch: ›Bete und arbeite!‹ Ich bescheid' mich gern, unter der Woche meine Meß für die zu lesen, die nur mehr beten können, für die alten Mütterln und Männer, die gewohnt sind, nach 'm Frühläuten in die Kirche zu zepperln.«

»Hochwürden sein so ein grundgescheiter und dabei wohlmeinender Herr, wie man's selten unter den Pfaff – unter den Pfarrern find't.«

»Werden S' nicht verlegen, Bürgermeister, weil Ihnen das herausgerutscht ist. Pfaff ist nichts weniger als ein Übelname, und wer der Ausdeutung nach als wahrhafter Pfaff gelten kann, mag es wohl zufrieden sein. Es gibt Worte, die so oft gebraucht werden, daß man nur ihre Anfangsbuchstaben hinsetzt, und doch weiß jeder, der zu lesen versteht, Bescheid. Auch Titulaturen hat man in ganz gleicher Weise abgekürzt. Auf Visitenkarten von Militärpersonen stehen oft hintnach die beiden Buchstaben ›a.D.‹, die sind nun freilich nicht, wie ein Eulenspiegel gemeint hat, zu lesen für ›aus Dresden‹, sondern gelten für ›außer Dienst‹. Auf den Karten von Rechtsgelehrten kommen manchmal die Buchstaben ›J. u. D.‹, vor, das heißt ›juris utriusque Doctor‹, das ist Doktor beider Rechte, und so mag man wohl, allerdings nicht auf Visitenkarten, auf Grabsteinen der Priester die Buchstaben ›P. f. a. f.‹ gefunden und sie später auch frischweg heruntergelesen haben, zu ihrer Zeit aber bezeichneten sie den, der darunterlag, als ›Pastor fidelis animarum fidelium‹, das heißt auf deutsch als ›getreuen Hirten getreuer Seelen‹. Ich denke, das ist just der beste Nachruf für unsereinen, und soweit an mir liegt, will ich ihn verdienen. Für einen gewissenhaften Hirten ist es aber vor allen Dingen notwendig, daß er die ihm anvertraute Herde genau kennt, und dabei müssen Sie mir an die Hand gehen, Bürgermeister.«

»O ja, o ja, Hochwürden, recht gern.«

Jung Ehrwürden neigte sich etwas vor gegen den Bürgermeister und fragte mit vertraulichem Lächeln: »Haben wir auch einige Räudige darunter?«

»No, räudig möcht' ich just nit sagen, von wegen, weil kein' Gefahr ist, daß sie die andern anstecken; aber ein schwarzes Stück haben wir wohl und ein g'sprenkelt's.«

»Das schwarze?«

»Selb is 'm Hobinger sein Knecht, der Matthias; der glaubt an gar nichts, durch harte Erlebnis soll er so word'n sein, sonst ein braver, fleißiger Mensch und gibt kein Ärgernis, er ist nit vorlaut und wird nur bös, wenn einer anfangt, davon zu reden, was er nit haben will.«

»Und das gesprenkelte?«

»Oh, das ist gar bunt und närrisch zum Anschaun, schier zum Lachen. Dös ist der junge Kramer im Ort. Nach Vaters Tod ist er aus der Fremd' z'ruckkommen, hat 'n Kaufladen übernommen, und gleich ang'hob'n, wie jetzt in der Mod' ist, mit sein Unglauben groß z' tun. ›Kramer‹, hat der frühere Pfarrer g'sagt, der ein mehr bissiger als freundlicher Herr war, ›Kramer‹, sagt er, ›er kann herumschrein, wie er will, daß ein g'scheiter Mensch nix glaubt, destwegen glaubt doch niemand von ihm, daß er g'scheit is, und wenn's darauf ankäm', müßt' er der Frömmste im ganzen Ort sein.‹ – Nit lang aber war er da, so macht' unser Kramer Hochzeit; drei Monat drauf hat er sein jungen G'hilfen weggeben und die ärgste Vogelscheuchen, der er hat auftreiben können, ins G'schäft g'nommen, jetzt aber geht er gar mit seiner jungen Kramerin in die Kirch', denn, meint er, die Weiber müßten halt doch a Religion haben.«

Der Pfarrer lächelte.

»Gleichwohl«, fuhr der Bürgermeister fort, »laßt er für sein Teil 's Freigeistern nit, und ist nur sein Weib auswärts, so kann man ihn so laut herumschrein hör'n wie in seinen ledigen Tagen. Jetzt hat er sich wieder in ein'm neuen Hirng'spinst verfangen und will jedem einreden, daß wohl a ganz a mögliche Sach' sein könnt', die Seelen wurden immer weiter von Stern zu Stern versetzt, hätten auf jedem gute Zeiten, so daß drüber die ganze Ewigkeit recht unterhaltsam verging. Der Matthias, von dem ich früher g'redt hab' und der ihn nit ausstehn kann, heißt ihn drum den ›Sternhupfer‹.«

»Finden sich denn Leute, die das anhören?«

»Ein ganzer Schwärm, Hochwürden. Denn währenddem er sich von Stern zu Stern im Weltraum verliert, schön langsam und vorsichtig, wie ein Bub von Stein zu Stein über'n Bach balanciert, saufen die Sackermenter Schnaps – er hat'n besten weit und breit –, und find't er sich dann mit einmal wieder hinter sein Ladentisch z'recht und kommt's zum Zahlen, dann weiß nie keiner, wieviel er trunken hat, und wird allmal nur die Hälfte ang'sagt; er braucht bloß die Flasche gegen 's Licht zu halten, so muß er merken, wie er ang'schmiert is, weil aber die Halunken groß verwundrig tun und den Geist, was er in sein Kopf führen tät', loben, so laßt er den aus der Flasche dreingehn.«

»Ei«, sagte kopfschüttelnd der Pfarrer, »da fürcht' ich, er richtet mir mit seinem Branntwein mehr Schaden an als mit sein Gered'.«

»So arg is's nit, Hochwürden. Und b'sonders, seit's dö Kramerin g'merkt hat, werd'n die kleinen Herzstärkungen immer seltner, und wann's gar wie ihr Trachten geht, die Flaschen unter ihr'n Verschluß kriegt, dann hat's mit seine nassen Predigten ein End', und trocken bringt er keinen Bauer auch nur auf'n nächsten Planetstern. Brauchen nit z' sorgen, Hochwürden. Sorg' machen uns nur die Neumayerschen Ehleut'. Ja, dö machen uns Sorg', um so größere, weil nur a geistlicher Herr dös abstellen könnt' und weil just a heikliche Sach' is, daß mer ein geistlichen Herrn drum angeht.«

»Nun, was ist's denn mit den Leuten?«

»Z'fromm sein s'!«

Überrascht lehnte der Pfarrer seine Pfeife in den Fensterwinkel. »Bürgermeister?«

»Ja, Hochwürden, machen S' nur große Augen, aber, weiß Gott, ich kann's nicht anders sagen als: Die sind zu fromm. Es ist eine lange Geschichte, und ich hab 'n hochwürdigen Herrn wohl heut schon genug aufg'halten; vielleicht ein anderes Mal ...«

»Nein, Herr Bürgermeister, nur gleich heraus damit, es interessiert mich, und wir sind einmal dabei.«

»Also, weil's verlaubt is, bin ich halt so frei und verzähl'. 's Neumayersche Anwesen müssen Hochwürdiger Herr bemerkt haben; noch außer 'm Ort, ziemlich abseits von der Straße, steht das Häuserl inmitten von dö dazugehörigen Liegenschaften. Guter Grund, schöner Boden, aber verwahrlost; wo sonst a ganzer Buschen Halm g'standen is, da fiedern jetzt a paar Stammerln im Wind und hint, die Anhöh' h'nauf, da liegen gar a paar Acker brach, und g'wissenlose Leut' hab'n dort Steine, Auskehricht und Schutt hing'leert. 's is a Jammer!

Vor paar Jahren noch is das Gütel rechtschaffen betreut worden und hat seine Leut' auch ernährt. Einmal aber kommt so a Mission, wie's damal im Land herumzogn sein, auch her nach unserm Ort. Vor der Kirch' steht heut noch das große Kreuz, was zur Erinnerung da dran aufg'richt word'n is. Kommt also her, die Mission und 's Erbauen, Beten und separierte Predigen extra für Jungfrau'n, für Jungg'selln, für Männer und für Weiber hebt an. Mir hab'n sich denkt, es schad't nix, wenn man bei denen gottlosen Zeiten den Leuten ein bissel die Höll' heiß macht. Nun, 's hat auch alle ganz g'hörig gepackt – das muß mer den Herren Missionari lassen, dadrauf verstehen sie sich –, und noch a paar Wochen hintennach ist a jedes voll Reumütigkeit und gute Vorsätz' herumg'laufen, und außer der Förstersdirn' – die in Wald ausg'rennt is, lauthals nach'm himmlischen Bräutigam g'rufen und alle Mannleut', die ihr fremd waren, attackiert hat – hat auch keines Schaden g'nommen; die, freilich, hat der Alte ins Irrenhaus schicken müssen.

Nun, der eine Schaden wär' wohl durch 'n Nutzen aufg'wog'n g'wes'n, und d' erste Zeit damals hat 's 'n Anschein g'habt, als bleibet's auch bei dem ein. Mit einmal aber merk'n mer an den Neumayerschen Ehleut'n a Änderung. Bishin hab'n uns dö allweil Spaß g'macht. War ein lustig Volk, die reine Kesselflickerwar', tags dreimal auseinander und dreimal wieder z'sammeng'flickt! Es hat g'heißen, vor der Hochzeit hätt' er ihr eins und 's andere nachg'sehn und sie ihm eins und 's andere danach. Aber Glück haben s' ghabt, wo s' auch krochen und g'schloffen sein, dös war, als ob ein kurzg'schor'ner Pintscher durch d' Klettenstauden ging, es is ihnen nix anhängen blieb'n und a übles Beispiel hab'n s' auch nit geb'n. 's ganz Jahr über waren die Neumayerschen rührig bei der Arbeit, sparsam in der Wirtschaft, im Fasching aber haben s' all's Ersparte draufgehn lassen, und in der Ubermütigkeit die Jüngsten übertroffen. Nun, was sie vertan haben, das war ihr rechtlich erworben Eigen, kinderlos waren die zwei Leut' auch, und so hat mer dazu lachen können, ohne daß ein'm eine Mücke ins Maul fliegt.

Daß ich also sag', damals, wie die Mission im Ort war, is alles zur Beicht' gangen. Der unsre hiesige Pfarrer is den Herren Missionari zur Seit' g'standen, die hab'n selber von dö Dienstboten manches über die Herrnleut' in Erfahrung g'bracht oder umkehrt, von dö Herrnleut' über die Dienstboten, so daß sie von manchem vorhinein mehr g'wußt hab'n, als er im Beichtstuhl angeb'n hat, und ihn, zu sein'm Verwundern, zur vollen Wahrheit hab'n ermahnen können. Nun, und so geht halt an ein Weibertag die Neumayerin und 'n Mannertag drauf der Neumayer zur Beicht'. Gut. Da zur selben Zeit alle teils in einer Verzücktheit, teils in der Zerknirschung h'rumg'rennt sein, hab'n wir's gar nit acht g'habt, daß unsere zwei lustigen Dorfspatzen mit einemmal kopfhängerisch worden sein. In einer von dö letzten Predigten ist den Leuten anempfohlen worden, ein'm recht verdienstlichen Gebetverein beizutreten. Ich kann mich nimmer entsinnen, wie der Verein geheißen hat oder wofür und um was gebetet werden sollte, aber Hochwürden kennen ja die Art; jeder, der einsteht, verpflichtet sich für sein Teil, die und die Gebete, soundsoviel auf den Tag, zu beten. Nun mag wohl einer, der Zeit dafür hat, die nit gottwohlg'fälliger anwenden können, aber einer, dem Gott ein rechtschaffen Stück Arbeit auferlegt hat, ist doch – mit Euer Hochwürden Verlaub – ein Spitzbub, wenn er, anstatt die Arm' zu rühren, unserm Herrgotten 's Maul macht.

Die ersten, die beigetreten sein, waren die Neumayerschen; aber es sind ja ihrer mehr beig'treten, und wir hab'n glaubt, die ganze Mission, dö würd' über uns weggehen wie 'n Wetterregen übers Feld, wo sich d' Halme erst fein niederducken, drauf allsamt wieder aufrichten und alles is wie ehender zuvor, nur fruchtsamer! Ja, prost Mahlzeit! Wie's nachher zum Aufrichten kommt, bleib'n uns die Neumayerschen lieg'n. Ja!

Ein Gebetverein hat denen kein Genüg'n tan, noch in ein zweiten und dritten hab'n sie sich einschreiben lassen. Zum Fasching waren s' mit kein Aug' z' sehn. Dö Aussaat geht vorüber, dö Ernst' kommt nah, und auf der Höhe haben s' drei Felder brach liegen, und 's Geld für d' Steuer müssen s' beim Juden aufnehmen.

Mir lachen noch drüber, denken, aus unserm Sack geht's nit, und es wär' nur für das eine Mal g'west, denn wenn sie sich den Schaden genauer beschaun, müßt' ihnen ja selber vorm zweiten Mal grausen. Aber es kommt d' nächste Ernt', dö drei Felder lieg'n so brach, wie's im vorigen Jahr g'leg'n sein, und auf dö andern steht alles so schütter, als hätten d' Mäus' Musterung g'halten. Es muß wieder Geld aufg'nommen werd'n, dösmal is aber der Mauschel so schlau und laßt 's Geliehene im Grundbuch vormerken.

Dös is uns doch nahgangen, und dö Leuteln hab'n uns erbarmt. No, drum hat's allg'mein g'heißen, ich sollt' zu dö Neumayerschen hingehn und sollt' ihnen a wengerl Vernunft einreden.

Ich geh also hin. Aufm Hof war nix Lebendig's z' sehn als der Kettenhund, der aber frei herumg'rennt is; mich hat das Vieh kennt, hat mer drum nix tun wollen, war aber so herunter, daß's wohl um ein Stückel Brot 'm letzten Vagabunden nachgelaufen war'. Ich will a wenig näher zuschaun, geh' nach der Stalltür und probier' dran; is dö von innen zu, und ein Weibsbild tut ein Schrei, und a Stimm' bellt hinterher: ›Sö sein in der Stub'n!‹ Ah mein, denk ich, was s' auf dem Hof für a heimliche Viehzucht betreib'n, weil sie sich gar dazu einriegeln!

Ich geh also nach der Stub'n, tu die Tür auf, da summt's und brummt's drein, sitzen dö zwei da mit Rosenkranz' in die Hand' und beten, was 's Zeug hält. Wer die Leut' von früher kennt hat, hat sich erst auf sie besinnen müssen. Die Neumayerin hat gern g'fallen, er hat auch auf sich was g'halten, nie hat eins von dö ein unsaubern Faden aufm Leib oder ein verwirrt Haar aufm Kopf g'litten. Jetzt sein ihr dö Haar' in Strähn' übers ungewaschene G'sicht g'hängt, und was sie für Schlumpelwerk an ihr hat h'rumschlottern g'habt, weiß's nit; Weißzeug war's keins. Nit braver war er zum Anschaun, über d' Haar' hat er a Zipfelmützen zog'n, und ein Leibel hat er ang'habt, d' Mützen war amal weiß, 's Leibel blau, jetzt is dös ein – Farb' g'west.

Also sag ich: ›Gelobt sei Jesus Christus !‹

›Müßt's warten‹, sagt sie.

›In Ewigkeit«, sagt er.

›No‹, sag' ich, ›dös möcht mer doch a weng z' lang dauern.‹

›Amen‹, sagen's alle zwei, wie's wieder mit einer Strophe fertig waren, und: ›Was wollts denn, Burmeister?‹

›No, nix weiter‹, sag' ich, ›reden will ich mit euch, man sieht euch ja nirgends, so muß mer euch ins Haus kommen. Was is's denn, werd'n mer nächsten Fasching wieder lustig sein?‹

Die Bäuerin macht a saures Gesicht, und er sagt: ›Ei mein, dö Dummheiten hab'n bei uns für alle Zeiten vertan !‹

›Was‹, sag' ich, ›so alt seids noch nit, um nix mehr mitz'machen, und wanns meints, daß mer dös, was ös jetzt angebts, für G'scheitheiten haltst, do seids auf ein irrigen Glauben. Schauts doch nur selber, wo dös hinführt. Drei Felder liegen euch brach.‹

›Ja, dö liegen brach‹, sagt er.

›Die andern stehn nit b'sonders‹, sag' ich.

›Schlecht g'nug‹, sagt er.

›Und der Geldverleiher is aufs Haus ang'schrieb'n‹, sag' ich.

›Ja, der is ang'schrieb'n‹, sagt er.

›Leuteln, Leuteln‹, sag' ich, ›halberte Bettler seids schon, wie weit reicht's denn noch?‹

›Wie Gottes Will' is‹, sagt die Neumayerin, ›er hat uns die Prüfung auferlegt, er wird schon sorgen für uns.‹

›Ja‹, sagt der Neumayer, ›kleid't er doch die Lilien auf dem Felde und nährt die Raben in den Lüften.‹

Hochwürden, da is mir der Geduldsfaden g'rissen. ›Ös himmelsackermentischen Tagdieb'‹, schrei ich, »warum kleid't denn Gott die Lilien auf dem Feld, als weil sie sich von anderer Seit' kein G'wand schaffen können?! Warum nährt er denn dö Raben in den Lüften, als weil s' nirgends anders wohin zu Tisch gehn können?! Dem Menschen aber hat er die Arbeit gegeb'n, und auf die legt er seinen Segen. Wo legt er 'n denn hin bei euch, ös nixtuerische Faulpelz'? Legts lieber die – der Herrgott verzeih mer d' Sünd' – die Rosenkränz' weg und nehmts dafür d' Pflugschar, d' Sensen, 'n Rechen in die Hand, dös wird weit gottwohlgfälliger sein als euere fromme Wirtschaft da !‹

Nun hätten S' die Bäuerin sehn soll'n, Hochwürden. Zwischen dö Haarsträhn durch hat s' mich mit ihre Augen angeblitzt, dagegen hat ein Drach' einen treuherzigen Blick, die Arm' hat s' in die Seiten g'stemmt, und mit dö Füß' hat s' aufgestampft, einmal mit dem ein und 's ander Mal mit dem andern, und wann s' danach aufg'legt war, gleich mit alle zwei.

›Du Lumpenkerl von ein'm Burmeister‹, belfert s', ›hat sich der Ort kein G'scheitern g'wußt als dich? Burmeister willst sein? 's Teufels sein Advokat bist! Fromme Leut' willst du abbringen von ihrer Andacht und Bußfertigkeit? Zur Weltlust und Eitelkeit willst du s' verlocken? Jetzt mach fort – jetzt schau nur –‹

Damit waren mer auch schon in der Kuchel, sie allmal mit ein Sprüngerl vorwärts auf mich zu und ich mit ein'm hinter mich. Dort langt s' a eisernes G'schirr vom Sims. ›Oho‹, denk' ich, ›zielen gilt, aber werfen nit.‹ Ihr aber war's ums Treffen. ›Jesses und Josef‹, schreit der Neumayer. Ich duck mich nur schnell, daß ich ja nit im Weg steh', wann s' eiserne G'schirr aus der Tür will, und wie dös drauß war, hab' ich aber schleunig g'schaut, daß ich wieder auf die Straßen komm'.

Freilich hab'n s' mer zug'red't, ich sollt's noch amal versuchen. Einmal wär' keinmal. Aber ich hab' g'sagt, von so was hätt' ich mit einmal vollauf g'nug, und ich wollt' nit, daß etwa der Neumayerin ihr eisern's G'schirr an mir Schaden nähm'. Aber mit'n Pfarrer würd' ich reden. – Dös hab' ich auch getan, doch der hat die Achsel gezuckt, g'meint, er könnt' sich da nit einmengen; wenn uns recht war', so machet er dem Konsistorium die Anzeig' davon, und vielleicht möcht' mer uns a andere Mission zuschicken, dö schaun könnt', wie dös wieder in Ordnung z' bringen war'.

Danach hab'n wir aber kein Verlangen g'habt, weil ... No, mit Euer Hochwürden Verlaub, nach all dem Vorherigen is es uns halt doch a bissel zu riskant vorkommen, und so is's mit dö Neumayerschen beim alten blieben, heißt, von uns aus, von denen aus, leider, nit. Dö sein von Jahr zu Jahr lässiger worden und von Jahr zu Jahr verschuld'ter. Jetzt will aber der Geldverleiher nit länger warten, er droht schon, daß er 's Anwesen unter 'n Hammer bringt; wir können's keiner kaufen, weiß der Himmel, wer drauf z' sitzen kommt! Mit'm guten Willen der Neumayerschen liegt 'm Müller sein Schleusen und a eingleisig Fahrstraßel der G'meind aufm Grund. Will's der neue Besitzer nit leiden, so sperrt er dem Müller 's Wasser und uns 'n Weg. Du lieber Gott, was gibt's dann für Quälereien, Kosten, Streitigkeiten, vielleicht gar Prozesse, und obendrein müssen mer dann dö zwei Unglücksmenschen, weil s' fertige Bettelleut' sein, auch noch versorgen. Ob mers von Zeit auf Zeit, Haus um Haus, einer dem andern als Einleger zuschieben oder anders für ihr'n Unterhalt aufkommen, is ein Teufel. Jo, 's is a schöne G'schicht, Hochwürden! Muß nur um Verzeihung bitten, daß ich mich so lang dabei verweilt hab'.«

»Das war mir eben ganz lieb, Herr Bürgermeister«, sagte der Pfarrer, indem er sich vom Stuhl erhob, »so weiß ich um so besser Bescheid. Sie fragen gar nit, was ich dazu mein'?«

»Ei, du lieber Gott«, seufzte der Bürgermeister. »Ich möcht' mich wohl gern unterstehen, aber ich fürcht' nur, ich hör' etwa wieder was vom Konsistorium und –«

Jung-Ehrwürden runzelte leicht die Stirn. »Sorgen S' nicht, ich weiß auf meinen eigenen Füßen zu stehen. Es läuft durchaus nicht meinem Gewissen zuwider, daß ich den Versuch mache, den armen Leuten zu helfen, und so werde ich ihn machen.«

»Vergelt's Gott, Hochwürden, für uns und für dö«.

»Ob mir's aber auch glücken wird, das kann ich nicht wissen, und darum bleibt vorderhand alles unter uns, Bürgermeister.« »'s bleibt. Hochwürden können sich drauf verlassen.«

»Vor allem aber, sonst ist's blind geschossen, muß der Geldverleiher bewogen werden, daß er noch eine Weil' zuwartet. Wenn S' ihn zu Gesicht kriegen, Bürgermeister, bitten Sie ihn her zu mir.«

»Schick' ihn schon.«

»Schön; nun b'hüt Gott, Herr Bürgermeister.«

»Küß d' Hand, Hochwürden.«

Als er das Pfarrhoftor hinter sich schloß, sagte der lange Bürgermeister still bei sich: »Das is halt doch ein anderer als der frühere. Der hat stundlang zug'hört, und nachher is er ein'm mit der Pfeifenspitz' über die Westenknöpf' g'fahrn – trrr – ›Ja, da kann ich mich nit einmengen.‹ Fertig war'n mer –‹ und jetzt geht, Hanns-Kaspar!‹ Der jetzige faßt doch zu, und gleich beim richtigen End' faßt er an.«

Er war voll Vertrauen, der Herr Bürgermeister, und es kam ihm hart genug an, daß vorderhand alles – unter uns bleibt.

Ein paar Tage darauf stand in der nämlichen Pfarrstube vor dem geistlichen Herrn ein kleines Männlein in ziemlich schäbigem Rock, und die zwei langen Locken, die es beidseitig an den Schläfen trug, waren fast weiß.

»Ein untertänigen Diener, Euer Gnaden! Weil mer der Herr Bürgermeister gesagt hat: ›Aron, du sollst gehen zum Herrn Pfarrers bin ich gekommen. Was werden Sie haben zu befehlen?«

Er sagte das anscheinend sehr unterwürfig, aber es war ihm anzumerken, daß er gerade nicht gewillt war, sich viel befehlen zu lassen.

»Schön, daß Sie gekommen sind«, sagte der Pfarrer. »Setzen Sie sich, Herr Aron – Aron – –?«

»Wolf, zu dienen.«

»Also, nehmen S' Platz, Herr Wolf.«

»Danke. Gnaden, geistlicher Herr, werden denken, was for ä gefährlicher Nam', Wolf, grad as Löw, was ach öfter vorkommt bei unsere Leut. Womit kann ich dienen?«

»Sie haben den Neumayerschen Eheleuten Geld geliehen?«

»Ich hab' ihnen geliehen.«

»Die haben aber nicht zurückgezahlt.«

»Kein Groschen vom Kapital. Und von de Zinsen hab ich nix die Hälfte zu sehen gekriegt.«

»So hat sich das die Jahre her aufgesummt, und Sie haben sich's an das Gut schreiben lassen.«

»Hab' es anschreiben lassen. Sicher ist sicher. Was wollt' ich machen? Verschenk' ich mein Geld? Nein, ich verleih' es, also verlang' ich's zurück nach der Zeit, und mittlerweil muß ich leben von de Zinsen. Wie ich hab' gemacht das erste Geschäft mit dem Neumayer und er kommt leihen Geld auf ä Jahr, weiß Gott, fors Dreifache und Vierfache is mer der Mann damals gut gewesen. Hätt' ich gewußt, was er sich hat geändert – aus meiner Tasche hätten se nix ein Heller zu sehen gekriegt.«

»Es heißt, Sie wollen nun Ihre Forderung einklagen und das Neumayersche Gut unter den Hammer bringen?«

»Mein, was will ich groß? Mein Geld will ich, was drein steckt in dem Gut. Kann es nur herausschlagen der Hammer, nu, so muß es unter den Hammer.«

»Lassen Sie darüber mit sich reden, lieber Herr Wolf.«

»Reden Se, geistlicher Herr. Warum soll ich nix reden lassen mit mir?«

»Sie kennen ja die Verhältnisse der Landleute hier in der Umgegend. Keiner kann Sie überbieten, das Anwesen wird Ihnen zufallen, aber der Handel wird böses Blut machen. Es wird heißen, Sie hätten die Neumayerschen an den Bettelstab gebracht.«

»Mein, wird es so heißen, muß ich se reden lassen, de Leut'. An den Bettelstab wären die Neumayerschen gekommen, und wenn nie kein Aron Wolf gewesen war'! Möcht' ich noch weiter ruhig zuwarten, mach' ich's denen nix besser und mir nur schlechter. Geb' ich kein Geld mehr – und ich geb' keins –, werd' ä anderer sich finden, der gibt, und wir sind dann zwei Gläubiger.

»Liegt Ihnen denn was an dem Anwesen?«

»An dem Anwesen? Wahrhaftiger Gott, nix liegt mer dran. Mein Geld will ich heraus, und ich weiß recht gut, was es mich werd kosten for Müh' und Sorg' und Quälerei, bis ich bring' das Anwesen an' Mann. Was werd' ich alles schlagen müssen zu de Kosten? Wohl ach ä Posten, was mich entschädigt dafür, daß af mindest ä Dreivierteljahr sich jeder Bauer werd ferchten, mit mir zu machen ä Geschäft. Schlimm, wenn se nix mehr von mir nehmen, aber ich muß noch haben ä Angst, daß ich von se krieg', worüber sich keiner a Quittung verlangt.«

»Nun, so arg wird's doch nit werden.«

»Ei waih, geistlicher Herr, Se kennen de Leut' noch nix so genau, wie ich se kenn', de sein von de ärgste Raufteufels da in der Gegend.«

»Sie kennen alle die Unannehmlichkeiten und Gefahren, denen Sie sich aussetzen, wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen, und bleiben darauf bestehen? Haben Sie denn etwas gegen die Neumayerschen Leut'?«

»Halten Se mich for kein Grausamkeit. Was soll ich haben gegen die? Lassen Se mich offen reden, mer sein alle Menschen, Gnaden, geistlicher Herr, werden sich nix davon ausschließen. Hätt' ich ein Haß, wär' möglich, daß ich fall' in Versuchung, zu ruinieren ein Feind. Gegen de Leut' aber bringt's mer kein Vorteil und macht mer kein Vernügen. De Neumayers – solln se hundert Jahr' leben und gesund sein –, von mir aus könnten se ach so lang af ihrem Anwesen sitzen. Ich hab' kein Feindschaft gegen sie, aber ä Vorlieb for sie därf mer ach nit von mir verlangen, därf ach nix verlangen, daß ich soll warten ohne ä Aussicht.«

»Wenn aber die Neumayerschen Leut' wieder mit dem Arbeiten beginnen würden?«

»Wenn se das möchten, wär' ja keiner froher wie ich! Dann wart' ich zu, weil es hat Verstand. Und billig möcht' ich's ihnen ach machen.«

»Nun also, da sind wir ja, wo wir sein wollen und sollen. Herr Wolf, ich werde Ihnen etwas sagen, aber im Vertrauen.«

»Würden, geistlicher Herr, reden von ein Geschäft zu ein Geschäftsmann, ich werd' nichts weiter schwätzen.«

»Ich will es versuchen, die Leute zu bewegen, daß sie sich wieder zur Arbeit anschicken. Ich weiß nun freilich nicht, ob es mir glückt oder fehlschlägt; aber bis das entschieden ist, möchte ich Sie bitten, zuzuwarten.«

»Soll mich Gott strafen, Würden, geistlicher Herr, verrückt müßt' ich sein, wenn ich Ihnen möcht' machen durch so ä schöne Rechnung ä Strich.«

»Danke.«

»Kein Ursach', das is von meiner Seite for de gütige Vermittlung in de Sach'. Gott geb', daß se nähm' ä solchen Ausgang, wie ihr zu geben wünscht der geistliche Herr.«

»Wir wollen's hoffen. Gott befohlen, Herr Wolf.«

»Ein untertänigen Diener, Euer Gnaden.«

Diesmal war der Pfarrer voll Vertrauen, wie vor ein paar Tagen der Herr Bürgermeister, nur hatte er es besser wie dieser, der niemand mit hineinziehen durfte, weil es »unter uns« war. Der Pfarrer konnte es dem Bürgermeister sagen, daß der Geldverleiher zum Zuwarten bereit sei, und der Lange konnte sich während der Mitteilung wie eine Pagode vor lauter freundlichem Kopfnicken gar nicht beruhigen; dann sagte er zu sich mit großer Genugtuung: »Sag ich's nit? Der versteht's!«

Ja, wem sagte er's denn auch?

Nur, Geduld, es kann ja nicht ewig unter uns bleiben.

Wieder nach ein paar Tagen war es, da wurden die Neumayerschen Eheleute, die zum Pfarrer gebeten waren, von diesem sehr freundlich empfangen, er drückte beiden die Hände, mit welchen sie nach der seinen langten, um sie zu küssen.

»Setzt euch, Leuteln, setzt euch«, sagte er. »Werdet müde sein.«

»Halt ja, halt ja«, sagten sie.

Es war so die Jahre her ihre Art geworden, daß sie sich erst müde saßen und dann wieder durch Sitzen erholten.

»Ich hab' das Beste über euren Gebetseifer gehört«, sagte der Pfarrer, »und es freut mich, so rechtschaffen Fromme in der Gemeinde zu finden.«

»Ja, ja«, sagten beide. Bescheiden waren sie just nicht.

»No, weil's Hochwürden, Herr Pfarrer, nur selber sagen«, meinte die Neumayerin, »da bin ich froh. Förmlich übel hat ein'm dös dumme Volk die Andächtigkeit g'nommen. Der Bürgermeister selber hat gar dagegen aufbegehren wollen; dem hab ich's aber g'sagt.«

»Ich hör', Ihr hättet ihm ein eisernes Kochgeschirr nachgeworfen.«

Die Bäuerin wurde rot, und der Bauer zog ihr ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Nun, nun«, begütigte der Pfarrer, »auch der Gerechte fällt siebenmal des Tags, nur muß er dabei seinen Nebenmenschen nicht zu hart mitnehmen wollen. Eine hölzerne Schüssel hätt's damals auch getan.«

Nun erkundigte er sich eingehend nach all den Gebetverpflichtungen, welche die beiden Leute auf sich genommen hatten, und da sah er wohl, daß sie dachten, die Menge müsse es machen, daß dabei von wahrer Frömmigkeit keine Rede war, sondern alles auf eine gewisse Maulfertigkeit ankam.

»Ist recht, ist rechtschaffen recht«, sagte der Pfarrer, nachdem er von allem unterrichtet war, was er wissen wollte.

»Ich seh', das fördert schon, damit geht's vorwärts. Wären nur nit heuttags so gottlose Zeiten ...«

»Ja, die wären, leider Gottes«, sagten die beiden.

»Dann gäb' das schon ein gutes Beispiel«, fuhr der Pfarrer fort. »Aber so eifert euch ja keiner nach, die Leute reden sich damit heraus, sie kämen darüber mit der Arbeit nit zurecht.« Die Neumayerschen lächelten mitleidig.

»Aber wenn ihr mir beistehen möchtet –«

Das wollten sie, und gern auch noch.

»So könnt' ich's ihnen wohl anders beweisen. Man kann ja auch unter der Arbeit beten.«

»So? So? Ja, ja.«

»Ihr arbeitet doch, Leuteln, will ich hoffen?«

Da sahen sich die beiden Frommen erst eine kleine Weil' an, dann sagte die Bäuerin: »Ei freilich. Wohl, wohl, das tun wir schon, soweit dadurch der Andacht kein Abbruch geschieht.«

»Schön«, sagte der Pfarrer, »so ist es recht! Der Andacht kein Abbruch durch die Arbeit, und der Arbeit kein Abbruch durch die Andacht. Damit bin ich ganz einverstanden. Ihr habt zwar kein klein Teil Gebet auf euch genommen, und dazu schafft euch euer Anwesen ein gut Stückl Arbeit, das weiß' ich, aber das paßt mir eben. Ihr müßt' mir halt den Gefallen tun und müßt unter der Arbeit beten oder unter dem Gebet arbeiten, wie ihr's damit halten wollt; dann könnt ihr mir doch ganz genau Bescheid sagen, wieweit einer mit beiden zurechtkommt, und für die andern gibt's dann weiter keine Ausred'; ich kann den lässigen Rackern sagen, schaut nur die Neumayerschen an, die beten doch ihr schön Teil tagüber, aber unter soundsoviel Vaterunser und Ave-Maria ackern die ein Feld um, unter soundsoviel mähen s' eine Wiese, unter soundsoviel stecken s' Rüben. Nit? Dagegen kann doch keiner aufkommen?«

Das meinten die Neumayerschen wohl selber, und der Pfarrer sagte, er würde es ihnen nie genug danken können, wenn sie ihm helfen möchten, in der Weise die Unfrommen in die Ecke zu treiben, denn so wäre am besten Hühner fangen, sie sollten nur von Stund' ab beginnen, unterm Beten zu arbeiten.

Darauf gingen die beiden inmitten der Straße mit breiten Schritten durch das Dorf, denn sie sahen sich schon als leuchtende Beispiele.

Acht Tage später ging der Pfarrer über das Feld, stand eine Weile bei den Neumayerschen Gründen still und sah den beiden Frommen bei der Arbeit zu. Plötzlich begann er den Kopf zu schütteln, zog die Achsel in die Höhe, wandte sich ab und ging schnell hinweg.

»Was er nur haben mag, der Pfarrer?« sagte die Bäuerin.

»Müssen morgen doch gleich hinschaun, was er hat.«

So sahen sie denn hin, diesmal aber war der Empfang durchaus nicht aufmunternd. Als sie sich nähern wollten, winkte ihnen der geistliche Herr zu, an Ort und Stelle zu bleiben, wo sie standen, und als sie, dadurch ganz verblüfft, stotternd die Frage vorbrachten, was ihn gestern so in Eile vom Feld getrieben, da sprang er vom Sitz in die Höhe, rannte die Stube auf und nieder und faßte zeitweilig mit den beiden Händen nach seinem Kopf.

»Warum ich's nicht länger mit ansehen konnte?« rief er.

»Weil's so nicht geht, weil das nicht fleckt! Das wär' mir ein Beispiel, daß Gott erbarm! Groß wollt' ich mit euch tun, ja, prost d' Mahlzeit, nit mit dem Finger darf ich nach euch weisen! Merkt ihr's denn nit, verblendet Leut'? Wie ihr die Sach' anfaßt, jagt ihr mir ja noch das Restel Frommheit von der Pfarr'!«

»Jesses, 's wird doch nit sein?« schrie die Bäuerin.

»Ja, wie denn doch auch nur, Hochwürden?« stammelte der Bauer.

»Liebe Leuteln«, sagte der Pfarrer um vieles ruhiger, »tut mir doch das nit an, bei dem schweren Stand, den ich ihnehin hab', daß ihr anstatt mich zu fördern, mich obendrein noch behindert. Heißt ihr denn das, was ihr auf dem Feld treibt, arbeiten? Kann ich denn – wie meine Absicht war – sagen: ›Schaut die Neumayerschen an, die beten mehr als ihr und kommen doch mit aller Arbeit zurecht?‹ Nit mucken darf ich, denn jeder gebetfaule Matz möcht' mir sagen: ›Die Neumayerschen Felder stehen aber auch danach, daß man merkt, denen Leuten geht 's Gebet von der Hand und die Arbeit vul!‹ Und schließlich macht mir gar noch der Niedergang eurer Wirtschaft ganz Altfeldsdorf gebetscheu, drum tut mir den Gefallen und kehrt den Rechten um, laßt's Arbeiten unterm Beten sein und betet lieber unterm Arbeiten, aber seht dazu, daß was vom Fleck geht.«

»Aber Hochwürden«, bemerkte kleinlaut die Bäuerin, »da kommen wir nit auf die vorgeschriebene Zahl.«

»Da bleiben Gebete im Rückstand«, sagte der Bauer.

»Was tagsüber Rest bleibt, könnt ihr ja vorm Schlafengehen in ein'm Stück vornehmen«, meinte der Pfarrer.

»Das schon, das schon«, sagten die Neumayerschen, und sie möchten's wohl versuchen, denn sie möchten um alles in der Welt nit, daß der geistliche Herr ihretwegen Sorg' oder Ungelegenheit hätt'. Damit gingen sie.

Eine Zeit danach machte der Pfarrer wieder einen Gang über die Felder, und da er dabei – ganz zufällig – auf einen Steig geriet, der die Neumayerschen Äcker durchschnitt, so konnte er an diesen unmöglich blind vorüber und mußte doch ein wenig zusehen, wie die Sache stand.

Die Neumayerschen blickten von der Arbeit auf und grüßten.

Der Pfarrer dankte sehr freundlich. »Ah«, sagte er, »ich hab's ja gewußt, ihr seid meine Leute, und auf euch kann ich mich verlassen. Jetzt laß ich mir's gefallen; wenn das alles da in Halm und Kraut geschossen sein wird, dann sticht doch der reine Gottessegen den Spottvögeln in die Augen, und ich kann jedem übers Maul fahren und sagen: ›Schaut die Neumayerschen, die haben kein Halmerl weniger als ihr auf den Gründen, aber wieviel Gebete mehr im Himmel!‹«

»Ach Gott, Hochwürden, Herr Pfarrer«, seufzte die Neumayerin.

»Ja«, sagte der Neumayer, »mein Weib ängstigt sich eh schon in ihr'm Gewissen. Freilich, freilich, das Arbeiten tät's jetzt schon, dö Felder stehen schön, so schön, daß mir die Brachen dort auf der Anhöh' völlig leid tut; heuer richt' ich nix mehr, aber 's nächste Jahr soll mer der Pflug drüber. Ja, ja, nit wahr, hochwürdiger Herr, so wär' alles schon recht? Aber, aber, 's andere End' kommt nach, hat der Dieb g'sagt, wie ihn der Schandarm am Strickl g'führt hat. Dö erste Zeit, da hab'n wir rechtschaffenerweis' am Abend das Tagrestel von den Gebeten nachg'holt, dann aber sein wir vor Müdigkeit allmal drunter eing'schlaf en, und zuletzt hab' ich in der Freud' drüber, daß mer so alles recht von der Hand geht, auch untertags aufs Beten vergessen. Jetzt hat sich das ang'sammelt, mir derbeten's nimmer, unser Lebtag nit, und wenn mer hundert Jahr' alt werden!«

Der Herr Pfarrer schüttelte den Kopf wie einer, dem ganz unvorgesehen was in die Quere kommt. »Ei, schau, schau, da wären wir ja mit einmal in einer Sackgasse. Daß ich nit daran gedacht hab'! Ja, liebe Leuteln, zurückgehn können wir nimmer, das war' ein Jammer und ein Schade, ein Jammer und ein Schade für die lieben Felder und für das gute Beispiel, mit dem ihr eben begonnen habt, und obendrein brächt' euch die Umkehr keinen Nutzen, denn wenn ihr gleich an der Stell' die Werkzeuge aus der Hand legtet und alle eure Felder brachliegen ließet, was möcht's helfen? Mit dem, wozu euch jeder Tag verpflichtet, und dem Gebetrückstand dazu könntet ihr es doch nimmermehr schaffen. Zwar mir möcht' das nichts ausmachen, denn wenn ihr – ganz ohne Verpflichtung – nur so recht fleißig beten möchtet, so gäbet ihr schon das gute Beispiel, an dem mir liegt. Ich hätt' euch halt auch gleich sagen sollen, ein Gebetverein ist eben ein Verein wie ein anderer, und eingetreten ist nicht angeheiratet, und kann jeder wieder austreten, wenn er es für dienlich erachtet. Ihr hättet euch dann danach richten können; aber wie die Sache jetzt steht, seh' ich wohl ein, mit dem Gewissen muß es vorerst ins reine, und da denk' ich, sooft halt so ein Fall eintritt, ihr laßt eine heilige Meß lesen, einesteils als Danksagung für den Segen, den Gott eurer Wirtschaft schenkt, und andernteils in der guten Meinung, dadurch eurer Andacht gerecht zu werden. Nun, ich hoff, das kommt doch dafür auf!«

Ah wohl, eine heilige Meß käm' schon dafür auf, das täten sie selbst meinen, die Neumayerschen.

»Nun seht, dann kommt nur fleißig, die Kirche will ja auch ihr Teil. Behüt Gott, Leuteln!«

»Wir küssen die Hand, Hochwürden.«

Und als ihnen der Pfarrer ein gut Stück aus den Augen war, da sagte der Bauer zur Bäuerin: »Du, Mutter, der Hochwürdige, das ist aber a Feiner!«

»Na ob«, sagte die Bäuerin.

»Schön hat er uns drankriegt, das muß wahr sein; jetzt können wir nit anders, als wie er meint.«

»Ja«, sagte die Neumayerin, »es schaut völlig so aus. Aber mir bleib'n halt doch 's auserlesene Beispiel für'n Ort, das hat er g'sagt.«

»Freilich, das hat er g'sagt, er hat aber auch g'sagt, mir sollten nur fleißig kommen, daß d' Kirch' ihr Teil kriegt.«

»No, dös müßt mer ihr halt auch geb'n, Vater.«

»Aber es is ja nit alleinig von diesmal die Red', und wie oft kann sich's schicken, daß wir mit die Gebete im Rückstand bleiben? Wenn mer dann jedmal rennen sollten und eine Meß lesen lassen, das reißt ins Geld, Mutter.«

»Ei, mein, freilich reißt dös ins Geld. Dös muß ich schon sag'n – seiner heiligen Weih' unbeschadt –, er kommt mir frei völlig wie ein Hallodri vor.«

Der Neumayer kniff die Augen zusammen und zog die Mundwinkel ein klein wenig empor. »Hast auch recht auf g'merkt bei seine Reden?«

»Ah wohl, ja, ja.«

»Dann gib acht, wie mer 'n fangen! Hat er nit g'sagt, a Gebetverein wär' a Verein wie ein anderer, ang'heirat wär' mer nit, und es könnt' jeder austreten, wann's ihm paßt?«

»Das hat er gsagt.«

»Na, so treten wir halt aus.« »Aber, Vater.«

»Mach kein Wesen! Was hat er denn selber g'sagt? Deswegen bleiben mer doch's leuchtende Beispiel für'n Ort.«

»Ah wohl, das tät'n mer wohl bleiben.«

»Na also! Wir treten aus. Da richten mer's billiger. Ganz umsonst habn mer's. 'n Gebetrückstand teil'n mer uns ein, nehmen 'n schön langsam vor, werd'n ihn schon zwingen. Brauchen kein Meß lesen z' lassen. Hehehe! So sieht er keinen Kreuzer von uns, und wir sein die Schlauern!«

Die beiden Leutchen schlugen vor Vergnügen in die Hände.

Von da an sah man die Neumayerschen wieder wie in ihren besten Zeiten wirtschaften, und von einer Feilbietung ihres Anwesens wurde es gar bald stille. Die Altfeldsdorfer freuten sich über diese erwünschte Wendung der Dinge, sich darüber zu verwundern, ließ ihnen der Bürgermeister keine Zeit, denn jetzt war die seine gekommen, wo er es laut werden lassen konnte: »'s Ganze ist 's Pfarrers sein Verdienst. Erst hat's unter uns bleiben müssen, aber jetzt, wo alles wohl geraten ist, darf ich schon sagen, was ich gleich vom Anfang an gesagt hab: ›Der faßt 'ne Sach' beim richtigen End' an, der versteht's, Leuteln, der versteht's !‹«

Fragte man ihn aber, wie es denn eigentlich der Pfarrer angefaßt habe, so zog er bedeutsam die Augenbrauen in die Höhe, als wüßte er's wohl, aber das war' der Punkt, der noch immer »unter uns« zu bleiben hätt'. Da war es nun freilich, als täte man ihm Herzeleid an, wie eines Tages der Neumayer selbst mit der Geschichte herausrückte, wie es der Pfarrer angefaßt hätte, alles haarklein erzählte und sich als den Schlauern rühmte.

Der lange Bürgermeister blickte ratlos um sich, nicht ein Stück der Herde nahm sich des Hirten an, nein, alle blökten ganz respektwidrig auf Kosten desselben. Da kam unverhoffte Hilfe, das ganz schwarze Stück, dem Hobinger sein Knecht, der Matthies, erhob sich, er klopfte dem Neumayer auf die Schultern und sagte: »Laß dir sagen, du warst just so schlau, wie dich der Pfaff hat haben wollen, und bist einen Weg so schön selbstständig g'laufen wie ein Roß im Winde. Drum sei fein bescheiden und dös nimm noch zum Vermerk: Es mag einer sein, wie er will, nur darf er's nit übertreiben, ehrlich soll er sein, und meintwegen auch fromm mag er sein, aber zu ehrlich und zu fromm macht andern Leuten Ung'legenheit.«

Das ausgekaufte Dorf

I

Die Augustsonne strahlte mit voller Glut, betäubend duftete das Nadelholz seinen Harzgeruch aus, kein Lüftchen regte sich, und nur ab und zu aus dem tiefen Tal das Rauschen des Flusses empor, leise wie ein Wiegenlied. Gerade an der steilen Mittagswand hinauf wurde ein breiter Schlag durch hochstämmigen Fichtenwald getrieben. Die schon gefällten Stämme lagen, ihres Astwerks entkleidet, sich kreuzend oder nahe aneinandergerollt, zwischen den gewaltigen Stöcken, die, auf ihre verschränkten Wurzeln gestützt, wie Stümpfe riesiger Säulen, unerschüttlich der Zerstörung überragten. Bis zur Hälfte des Berges hatten die Holzhauer ihr Werk schon getan, und dort sah man sie in voller Tätigkeit. Von ihren kräftigen Axthieben schallte der Wald, die Säge zogen sie so hurtig hin und her, daß sie knirschend durch das Holz fraß, dann trieben sie mit mächtigen Schlägen die Keile ein, der Baum erzitterte bis in den Wipfel, die Krone neigte sich langsam vornüber und hin krachte der Stamm, daß der Boden des Berges dröhnte.

Während so Baum um Baum gefällt wurde, kamen drei Jäger neben dem Schlag herab, schritten quer durch das Tal und stiegen im Wald des gegenüberliegenden Berges hinan. Vorweg zwei, schon grauköpfig, in grünen Jagdröcken und Mützen mit der Landeskokarde, der erste eine behäbige, kräftig gedrungene Gestalt; sein Gesicht zeigte den Ausdruck der Rechtschaffenheit und des Wohlwollens; nur wenn er sprach, wurde der Blick seiner gutmütigen Augen mitunter scharf, und es trat die ans Befehlen gewöhnte Entschlossenheit in seinen Zügen hervor. Jetzt qualmte er behaglich aus seiner kurzen Pfeife mit dem braunen Maserkopf, während sein um Kopfeslänge ihn überragender Begleiter in ehrerbietiger Haltung etwas hinter ihm ging. Dieser, mit dem stattlichen schwarzen Schnurrbart im wettergebräunten, hagern Gesicht, den scharf umherspähenden Augen, den strengen Falten zwischen den dunklen Brauen und dem kurzgeschorenen eisgrauen Kopfhaar, zeigte in seinem ganzen Wesen wenig Waidmännisches, er machte den Eindruck eines Soldaten in Feindes Land, der stets auf seiner Hut ist. Den beiden folgte ein schlanker Bursche in steirischer Joppe und mit dem grünen Hut der Alpenbewohner. Er mochte kaum achtzehn Jahre alt sein, und jede Bewegung offenbarte eine anmutige und doch kraftvolle Geschmeidigkeit. Das wohlgeformte Gesicht hatte, trotz der gebräunten Wangen und des gekräuselten rötlichen Flaums um Kinn und Lippen, eine dem Weiblichen verwandte Feinheit, und aus den klaren blauen Augen sprach ein herzgewinnendes Wohlwollen.

»Tüchtige Holzhauer sind die Falkenborner doch, das mußt selbst du ihnen lassen, Helbig!« Mit diesen Worten wandte sich der erste Jäger zu seinem Begleiter, dem Förster aus Falkenborn. »Jawohl, Durchlaucht«, erwiderte der Förster mit unverhohlener Bitterkeit, »wenn sie aber auf eigne Rechnung arbeiten, da zeigen sie erst ihre ganze Kunst. Mitten heraus holen sie den schönsten Stamm, so geschickt, daß man kaum noch den Stock findet. Am Abend hat er im Wald gestanden, und am Morgen ist er über der Grenze in irgendeiner Diebs-Schneidemühle, wie sie zu Dutzenden in den finstern Winkeln liegen, Knüppelscheite und Reisig auf einer Kohlenstatt; nichts davon kommt ins Land zurück als die harten Taler, mit denen sie des Abends in den Schenken großtun. Hängen sollte man die ganze Falkenborner Sippschaft.« – »Vergiß nur nicht, wie's die Nürnberger mit den Dieben halten«, warf der Fürst gelassen ein. – »Was hilft's denn, wenn ich ein paar erwische?« fuhr der Förster eifrig fort. »Im Justizamt und Kreisgericht werden die Schelme gehätschelt und wie Herren behandelt, nicht einmal übers Lügenmaul darf man ihnen fahren, wenn man nicht angekanzelt werden will vor all dem müßigen Volk, das zugafft. Und endlich setzt's für den Spitzbuben ein paar Wochen Gefängnis, wo er's zehnmal besser hat als daheim. Das sind die sauberen Gesetze aus dem Jahre 48 – halten zu Gnaden, Durchlaucht! die den Schelmen durchhelfen und den Respekt vor der Obrigkeit zuschanden machen.« – »Laß dich nicht auf Dinge ein, die über deinen Horizont hinaus liegen«, erwiderte der Fürst. »Das neue Gerichtsverfahren gefällt mir, denn es leuchtet dem Menschen frei und ehrlich ins Gesicht, stellt ihm keine heimlichen Fallen, in denen sich doch nur der Tölpel fing. Daß die Gesetze milder geworden sind, zumal gegen die Holzdiebe, ist auch nach meinem Sinn. Meine Wälder sind reich genug, daß das arme Volk von ihren Brosamen leben kann; die sollen ihm auch ungeschmälert bleiben, und langen die Gäste hie und da unbescheiden zu, soll man ihnen wohl auf die Finger klopfen, aber nicht gleich mit Keulen dreinschlagen. Merk dir das; du bist oft zu hart.«

Die Jagdgesellschaft ging schweigend weiter. Der Fürst schaute prüfend im Wald herum, der Förster nagte an seinem Schnurrbart, der junge Mann folgte in geziemender Entfernung. Immer aufwärts steigend, kamen sie an eine junge Pflanzung, die sich, in der Mulde zweier Berge, bis zur Tiefe des Grundes hinabzog. Des Fürsten Gesicht hellte sich auf. »Ich glaube gar, ein gemischter Bestand – und wie kräftig gehen die jungen Buchen in die Höhe, lassen sich von den Fichten nicht mehr unterdrücken. Brav, Helbig! Aber sag mir, seit wann bekennst du dich zu solchen Neuerungen?« – »Durchlaucht, das Lob kommt mir nicht zu«, erwiderte der Förster. »Mein Junge hatte die neue Weisheit von der Forstschule mitgebracht und ließ nicht nach, bis ich ihm erlaubte, den Schlag hier auf seine Weise anzupflanzen.« – »Dem Günther macht sein Werk alle Ehre, in ihm steckt ein tüchtiger Forstmann.« – »Aber kein richtiger Waidmann, Durchlaucht; wenn er nur halb soviel Freude an der Jagd hätte wie am Pflanzen.« – »Nun, mit dem edlern Waidwerk geht's ja sowieso zu Ende. Forstwirte will meine Kammer haben, die bringen Geld in die Kasse. An deinem Günther erleben wir aber Freude, der Direktor der Forstschule hat ihn sehr gerühmt, und sein Examen ist vortrefflich ausgefallen.« Der Fürst rief nun den jungen Mann heran, forderte ihn auf, die forstmännischen Vorteile dieser Arten von Holzkulturen anzugeben, und hörte der ebenso bescheiden einfachen wie gründlichen und klaren Darstellung wohlgefällig zu, dann sagte er: »Du hast deine Sache gut verteidigt und sie ist auch gut; wer's leugnet, hat nicht Sinn und Herz für die ursprüngliche Pracht und Hundertfaltigkeit des Waldes. Was hab' ich in meinem Oberforstamt vergebens gepredigt gegen den Unfug, die Eichen, Ahornbäume und Birken, die Tannen und Kiefern auszurotten. Selbst die Buchen – der schönste und eigenste Schmuck unsrer Berge – sollen nach und nach verschwinden und nichts geduldet werden als Fichten und wieder Fichten, regimenterweis in Reih und Glied aufmarschiert wie Soldaten. Das nenn' ich Gamaschenwesen und Gleichmacherei. Wie die Menschen, so hat unser Herrgott auch die Bäume unterschiedlich geschaffen und doch nebeneinandergestellt, damit eins das andre schützt und nährt. Doch da kommen sie, meistern ihn und stutzen die Natur nach dem Schneidermaß ihrer Systeme zu.« Der alte Herr war ganz eifrig geworden, desto gütiger wandte er sich nun Helbig zu und sprach: »Höre, dein Revier ist doch zu groß für dich allein, zumal die Falkenborner dir so arg zu schaffen machen; ich will dir einen Beistand geben.« – »Danke für die Gnade«, erwiderte der Förster, der seinen Ärger noch nicht völlig hinuntergeschluckt hatte, »komme aber besser allein durch als mit so einem überstudierten vornehmen Herrchen, daß nichts tun will, als zu seinem Vergnügen bei Sonnenschein mit der Flinte im Walde herumzulaufen.« »Du sollst dir deinen Forstgehilfen aussuchen dürfen. Günther, frag deinen Vater, ob du ihm etwa recht bist.« – Vater und Sohn waren auf das freudigste überrascht. »Das ist zuviel Gnade, Durchlaucht«, rief der Förster, »der Bursche ist ja noch blutjung ...« – »Desto besser kannst du ihn schulen.« – »Daran soll's nicht fehlen; zu gut bekommt er's bei mir nicht. So bedank dich doch, Junge!« – »Schon gut«, sprach der Fürst, »nächsten Montag kommst du aufs Oberforstamt zur Verpflichtung; für deine Ausrüstung sorge ich, daß du nicht mehr herumläufst wie ein Freischärler. Und nun vorwärts, damit uns der Sechszehnender nicht entgeht.« Der Förster stellte sich an die Spitze, und schweigend und behutsam drang der kleine Jagdzug in das Dickicht. Sie mochten, den Wind beachtend, die Zweige sachte teilend, wohl eine halbe Stunde gestiegen sein, sie waren ganz in der Nähe des Platzes, wo der Hirsch zu wechseln pflegte, und sahen den Hahnenstein schon durch die Stämme schimmern, als sie von da oben ein gellendes Geschrei hörten. Der Förster stand einen Augenblick wie erstarrt, dann rief er in höchster Wut: »Daß du an einem Waldkloß erstickest, du Vieh von einem Schreihals!« und stürmte hinan; der Fürst und Günther folgten ihm. Bald sahen sie neben einer vom Sturm halb abgebrochenen Tanne auf der äußersten Klippe einen Mann stehn, der seinen linken Arm verbunden in einem Tuch trug und mit dem rechten vergeblich an einem Seil zerrte, das über eine in den Baumstamm geschraubte Rolle laufen sollte, aber von derselben abgeglitten war und auf der eisernen Haspe lag. »Dacht' ich's doch, daß es kein andrer als der Halunke, der Hubert, ist. Was treibst du hier oben und verscheuchst mir den Hirsch mit deinem Eselsgebrüll?« fuhr der Förster auf den Mann los. »Helft mir lieber, statt zu schelten«, entgegnete der alte Mann in höchster Angst und schrie dann wieder aus Leibeskräften: »Hallo! Scheuch ihn doch! Hallo!« Der Anblick, der sich den Jägern bot, als sie oben auf dem Rand der Klippe angekommen waren, ließ wohl auch dem Beherztesten das Herz stillstehen. Hart neben der Tanne fiel der Fels senkrecht mehr als hundert Fuß tief ab, und da hing, über dem Abgrund schwebend, etwa in der Hälfte der Felswand ein Mädchen. Sie hatte mit der linken Hand einen jungen Raubvogel gefaßt und hielt ihn, trotz seines Sträubens, fest gegen ihre Brust gedrückt; mit der rechten Hand schwang sie, so gut es gehen wollte – denn die Schlinge unter ihren Arm war ziemlich weit, und jede größere Bewegung hätte Gefahr gebracht – einen kurzen Knüppel und erwehrte sich mühsam eines großen Raubvogels, der sie mit wütendem Pfeifen umflatterte und unablässig nach dem Arm fuhr, der sein Junges ihm vorenthielt. »Um Himmels willen«, rief der Fürst, »schnell das Seil auf die Rolle; komm Helbig!« Doch es war schwierig, dies ins Werk zu setzen, denn nur noch einer konnte zur Not neben dem Baum Fuß fassen, und um die Gefahr zu vermeiden, wenn etwa das Seil herabgleiten sollte, bemühten sich erst Helbig und Hubert, das Ende noch am Stamm selbst zu befestigen. Währenddem änderte der Raubvogel seine Angriffstaktik: Er flog ein Stück zurück, um auszuholen, und stieß dann pfeilgeschwind nach dem Auge des Mädchens. Zum Glück, daß dieses die Absicht merkte und sich die Augen mit dem Arm schützte. »Willst wohl – gehst denn gleich!« rief sie dem wütenden Tier zu, daß ihr die Hand blutig hackte – »Dein Küchle kriegst nicht. Vater! Zieh doch an!« Der Fürst, berühmt als Schütze, hatte seine Büchse zum Schuß gehoben, doch er fühlte, daß seine Hand zitterte, und setzte wieder ab, denn das Mädchen schwankte so heftig mit dem Seil hin und her und der Vogel flatterte ihr so dicht am Kopf, daß die Kugel eher sie oder das Seil als den Falken treffen konnte. Günther stand neben dem Fürsten, das Gewehr fest in der Hand; alles Blut war ihm aus den Wangen gewichen, doch jetzt im Nu – hob er die Büchse, zielte und schoß. Dicht über dem Kopf des Mädchens pfiff die Kugel hin, und sie traf ihr Ziel so gut, daß der Falke lautlos den vorgestreckten Schnabel und die ausgespannten Flügel sinken ließ und, sich überschlagend, in den Abgrund stürzte. Dem Fürsten hatte bei diesem Wagnis der Atem gestockt, nun rief er: »Du Meisterschütze!« und schlug dem jungen Mann auf die Schulter. »Soll mir dein Vater noch einmal sagen, daß kein Waidmann in dir steckt!« An dem inzwischen auf die Rolle gebrachten Seil wurde das Mädchen vorsichtig in die Höhe gezogen und stand bald wohlbehalten auf der Klippe. Hastig ergriff Hubert den Arm seiner Tochter und zog sie von dem Rand fort, dann atmete er tief auf und fuhr mit seiner rauhen Hand liebkosend über die Wange, ohne daß er noch vermocht hätte, ein Wort zu sprechen. Dem Kind zitterten die Knie und bebten die Lippen; mit innigster Zärtlichkeit sah es den Vater aus feuchten Augen an; doch rasch überwand sie die Rührung, und hellste Munterkeit und Schelmerei verklärte ihr liebliches Gesicht: »Ja, Vater, ich war euch wohl ganz aus dem Sinn gekommen, daß ihr mich so ewig lang da unten habt baumeln lassen wie einen vergessenen Brunneneimer?« – »Warte, du Grünspecht; gib her dein Küchle, sonst läßt du dich auch von ihm beißen.« – »Nein, das trag' ich selbst aufs Schloß und geb's dem Fürsten in die Ziehe – da kriegst's gut, gelt, mein lieb' Täuble?« sagte sie, und dabei streichelte sie mit ihrer blutigen Hand den jungen Falken, der wohl so groß war wie eine Taube und schneeweiß, aber mit seinem krummen Schnabel und tüchtigen Fängen sich ungebärdig sträubte, böse um sich blickte und heiser krächzte. Der Fürst, der wohlgefällig zugehört hatte, während Helbig mürrisch zur Seite getreten war, sprach jetzt zu dem Mädchen: »Für den Fürsten hast du die tollkühne Fahrt unternommen? Nun so bring mir nur den Falken, ich bin der Fürst.« – »Ei, wie schön sich das trifft!« rief das Mädchen fröhlich. »Siehst wohl, Vater, daß ich recht gehabt habe?« Dann wandte sie sich zu Günther: »Du, sag mir aufrichtig, wen von uns hast eigentlich erschießen wollen, mich oder den Falken?« Günther wurde wegen der zutraulichen Neckerei vor dem Fürsten etwas verlegen und erwiderte kurz: »Woher weißt du, daß ich geschossen habe?« – »Die Kugel hat mir's in das Ohr gepfiffen. Hab schön Dank dafür, es war mir nicht wohl zumute, wie das garst'ge große Vieh mir nach den Augen fuhr und hackte, recht wie ein bissiger Hund – ein Lufthund!« Auch Hubert sagte jetzt: »Das vergess' ich euch mein Lebtag nicht, Herr Günther, und ein Schütze seid ihr, daß ihr's mit eurem Vater aufnehmen könnt.« Bei diesen Worten drehte der Förster sich um und sprach grimmig: »Denk' nicht, daß ich immer nur flügellahm schieße!« Dem Hubert zuckte es unwillkürlich im verwundeten Arm, und das Blut schoß ihm ins Gesicht, doch faßte er sich rasch und erwiderte gelassen: »Mit Reden habt ihr mich freilich schon so gut getroffen, Herr Förster, daß ich's rühmen kann; vor eurem Blei brauch' ich mich aber nicht zu fürchten.« – Ihm den Rücken kehrend, murmelte der Förster etwas von Frechheit, Hubert forderte aber sein Kind auf: »Komm, Else, wir wollen dem Herrn Günther seinen Vogel holen, einen größern Stockfalken hab' ich mein Lebtag nicht gesehn.« – »Du kannst ihn mir auch bringen«, sprach der Fürst, »der Günther gibt ihn schon in meine Sammlung; sag mir aber erst, wie du dein Kind so tollkühn dem Tode hast aussetzen können.« Else, die inzwischen den jungen Falken in einem Körbchen verwahrt hatte, antwortete für ihren Vater: »Nein, Herr Fürst, ich hab' das Nest in dem Fels ausgekundschaftet, und so gefährlich war's ja nicht. Seht, mein Vater kann jetzt nichts verdienen, und da hab' ich ihn so lang gedrängt, bis er mitgegangen ist; ich dachte mir's, daß der Herr Fürst ein Gefallen an dem Nestling finden würde.« – »Du bist ein braves Kind und sollst dich nicht verrechnet haben, kommt nur morgen mit den Vögeln aufs Schloß.« – Hubert dankte höflich und ging mit seiner Else fort. Bald sah man die beiden neben den Klippen den Berg hinuntersteigen; ihn fest und bedächtig, sie schlank und gewandt voraushüpfend, oft innehaltend und mit den fröhlichen braunen Augen nach dem Vater sich umschauend; dann wieder vorwärts eilend und durch die jungen Fichten schlüpfend, daß nur die reichen schwarzen Haarflechten des zierlichen Köpfchens zwischen dem hellgrünen Dickicht sichtbar waren, bis beide in dem dunklen Grunde verschwanden.

»Was hast du mit dem Mann, Helbig?« fragte der Fürst. – »Das ist der Rädelsführer von der Falkenborner Sippschaft«, erwiderte der Förster, »der frechste Wildschütz, Holzdieb und Forellenfänger.« – »Nun, er kam mir doch ganz bescheiden und gutmütig vor.« – »Seine Gutmütigkeit ist nicht Ursache, daß ich noch auf den Füßen stehe.« – »Erzähl mir die Geschichte auf dem Heimweg. Günther, du magst vorausgehen und das Anspannen bestellen.« – Günther eilte, dem Befehl zu gehorchen; der Fürst und Helbig folgten ihm langsamer nach. »Im Juni wird's gewesen sein«, begann Helbig, »daß ich eines Abends in der Dämmerung nach dem finstern Grund ging, ich hatte so meine Mutmaßung, weil dort die Hirsche standen. Richtig, es dauerte nicht lange, so hörte ich einen Schuß. Ich schleiche sachte hinzu und sehe auf einer Waldblöße einen Mann neben einem erlegten Tier knien. Der Hubert war es, darauf will ich heute noch schwören, wenn er sich auch das Gesicht geschwärzt hatte. Ich springe vor und ruf ihn an, er schreckt auf und hebt sein Gewehr gegen mich. Ich rufe noch einmal, er soll die Flinte wegwerfen, und da er's nicht tut, schieß' ich hin. Der Kerl fährt zusammen, greift nach dem linken Arm, aber im Nu macht er sich auf und davon, ins Holz hinein. Eh' ich Leute hatte, das Tier fortzuschaffen, und eh' der Schultheiß aus Hirschbach herbeigerufen war, dem Falkenborn untersteht, war über eine Stunde vergangen. Als wir beim Hubert in die Stube traten, kramte schon der Hirschbacher Chirurg; der Hubert selbst saß aber auf der Bank, wie ein Tuch so bleich mit blutigem Hemdsärmel, stöhnte und hatte im linken Oberarm einen fingerstarken dürren Fichtenast eingespießt, durch und durch, daß beide Enden herausguckten. Es wurde ins Amt geschickt und gab ein weitläufiges Untersuchen, aber die Flinte fand sich nicht, der Hubert zeigte einen Baum, von dem er gestürzt sein wollte, und das Stück Holz, das sie ihm aus dem Arm geschnitten hatten, paßte richtig an einen abgebrochenen dürren Ast. Kurz, ich mußte mich versehen haben, und der Hubert kam frei.« – »Du wirst dich auch versehen haben«, sagte der Fürst. – »So wahr ich hier stehe«, beteuerte Helbig, »der Hubert war's und kein andrer; dem seinen Brustkasten und Stierhals und wie er den schwarzen Kopf nach rechts vornüber hängen läßt, als läg' er immer im Anschlag – den verkenn' ich unter Tausenden nicht, und wurde er nicht vorhin feuerrot und zuckte mit dem Arm? Gerad wo meine Kugel durchgegangen war, hat er sich den Ast eingerannt.« – »Das müßte ihm ja Höllenqualen bereitet haben«, warf der Fürst ein. – »Das verbeißt der Teufelsbube und denkt, er will mir's schon heimzahlen. Meinethalben, ich fürchte mich auch nicht vor seinem Blei.«

Man sah dem Fürsten an, daß Helbigs Erzählung ihn tief bewegt hatte; er wurde in sich gekehrt, und ein finstrer Unmut legte sich auf seine Züge. So gern er überall Güte und Nachsicht walten ließ – in einem hemmte seine Gnade selten den Lauf des strengen Gesetzes: Die Jagd war seine Leidenschaft, ihm angeerbt vom uralten Geschlecht seiner Väter, er wäre sonst kein echter Waldfürst gewesen; wer seinen Stolz und seine Lust, seinen berühmten Wildstand schädigte, kränkte ihn persönlich. Zudem war Helbig sein treu bewährter, mit Recht bevorzugter Diener, und ihn sah er jetzt gefährdet. Doch vergeblich bemühte er sich, Mittel zu Schutz und Abhilfe zu finden. Sie hatten die letzte Spitze des Bergzuges erreicht und sahen in einem kleinen Talkessel, abgeschlossen von allem nachbarlichen Menschendasein, auf einem kleinen Wiesenplan, dessen Grün sich leuchtend gegen das Dunkel der ihn umgebenden Bergwälder abhob, Falkenborn tief unter sich. Im hintersten Winkel des Tals, wo der Fluß aus der Vereinigung herabquellender Wasser klein und unscheinbar entsteht, lag der Ort und zählte kaum ein Dutzend zerstreuter, ärmlicher Holzhütten, die von oben freilich malerisch und zierlich aussahen, denn keiner fehlten ein Gemüsegärtchen, mit einigen Blumen geschmückt, und eine größere Umzäunung für das Kartoffelland und Obstbäume. Sehr stattlich erschien dagegen das zweistöckige neue Forsthaus, weiß getüncht, mit braun angestrichenem Gebälk und grünen Laden, auf dem First und über der Tür mit Hirschgeweihen geziert. Das obere Stockwerk war als fürstliches Jagdquartier eingerichtet, und seine blanken Scheiben glänzten noch in der Sonne, deren Strahlen die tiefer gelegenen Hütten bereits nicht mehr erreichten; die Falkenborner hatten immer eine Stunde früher Abend als die Bewohner des flachen Landes. Der Fürst sah eine Weile sinnend hinunter; so lieblich und friedlich, wie eine Wald-Idylle, das Bild auch vor ihm lag, in klare Schatten getaucht, belebt durch leichte Rauchsäulen aus den Schloten und durch eine Kuhherde, die mit melodischem Geläute am Saum des Waldes hin langsam heimzog – es konnte jetzt nicht seinen Unmut besänftigen. »Und sie sind alle so da unten?« fragte er seinen Begleiter. – »Kein einziger, der einen Schuß Pulver wert wäre«, lautete die Antwort. »Gelegenheit macht Diebe, und das Nest liegt ja im Winkel recht wie ein Fuchsbau, der seine Fluchtröhren nach aller Herren Länder hat. Sie könnten ihr Brot ehrlich verdienen, denn es gibt immer Holzarbeit, aber der leichte Diebsgewinn ist ihnen lieber, und wie gewonnen, so zerronnen. In der Hirschbacher Schenke haben sie ihren besondern Tisch – denn sie halten sich vornehmer als alle fleißigen Fabrikarbeiter und andere ehrliche Leute in der Umgegend –, da sitzen sie des Abends bei Karten und Lagerbier, führen anzügliche Reden auf die Gesellschaft oder stecken die Köpfe zusammen und tuscheln von ihren Spitzbubenstreichen. Zu Hause wird gesotten und gebraten, und ist der letzte Heller verjubelt, geht's bei Nacht wieder in den Forst. So sind sie alle verschuldet, daß keinem die Schindel auf dem Dach gehört. Wenn nicht ihren Gläubigern, den Fabrikherren da und dort, die Wildbraten und Forellen, die sie als Zins bekommen, zu gut schmeckten, wäre die ganze Gesellschaft schon von Haus und Hof.« Der Fürst hatte aufmerksam zugehört, und plötzlich zeigte sich ihm ein Ausweg. »Dem Unfug muß ein Ziel gesteckt werden«, sprach er entschlossen, »Helbig, du bist der rechte Mann dazu. Du kaufst mir nach und nach, unter der Hand, den Gläubigern ihre Forderungen ab, kündigst und klagst aus, in der Steigerung erstehst du die ganzen Anwesen; dann werden die Häuser abgebrochen.« Des Försters Gesicht glänzte vor Freude. »Verlassen sich Durchlaucht auf mich, ich will die Spelunken billig bekommen.« – »Teuer oder wohlfeil, du greifst in meinen Säckel. Die Ausgekauften müssen fort von hier und vom Wald, meinethalben nach Amerika, oder, mögen sie unten im Lande sich ansiedeln, will ich ihnen dazu behilflich sein. Verstanden?« – »Zu Befehl, Durchlaucht, in ein paar Jahren soll von ganz Falkenborn nur noch das Forsthaus stehn«, erwiderte der Förster zuversichtlich. »Das ist mein Wille!« sagte der Fürst und stieg mit seinem Begleiter zu dem Ort hinunter, dessen Urteil er gesprochen hatte.

II

Als Günther nach Erledigung seines Auftrages zurückkam und in der schmucken Uniform auf dem munteren Braunen nicht ohne Selbstgefälligkeit durch das Dörfchen ritt, traten Männer und Weiber vor die Türen, gaben ihm die Hand, wünschten ihm Glück, und als er weitergeritten war, lobten sie sein hübsches Aussehn und sein gutes Herz. »Ja, wenn wir den zum Förster kriegten«, sprachen sie untereinander, »der würde uns nicht so drücken, der ist von anderm Holz als sein Vater!« Einer meinte zwar, man solle den Tag nicht vor dem Abend loben, und unter dem grünen Tuch werde das Herz hart, doch man widersprach ihm von allen Seiten, und Hubert Frank war der eifrigste Lobredner des jungen Helbig. Else stand schon im Flur des Forsthauses neben der Frau Försterin, auch die alte Magd kam eilig aus der Küche, als die Hunde munter anschlagend entgegenliefen und der Knecht hinzusprang, dem jungen Herrn das Pferd abzunehmen; der Förster aber trat seinem Sohn bis an die Tür entgegen, schüttelte ihm die Hand und sagte: »Willkommen, Herr Forstgehilfe. Sei stets eingedenk dessen, was du heute beschworen hast: Unsres Herrn Gut, das er dir anvertraut, zu wahren und zu mehren, Schaden und Nachteil davon abzuwenden. Er hat an dir gehandelt wie ein zweiter Vater, das mußt du ihm durch Treue danken dein Leben lang, Mühe und Gefahr nicht scheun in seinem Dienst. Fürchte Gott, tu deine Pflicht und halte dich brav in allen Stücken, daß du deinem Herrn, deinen Eltern und dir selbst Ehre machst. Gott segne deinen Eingang!« Der Förster ging in die Stube, um seiner Rührung Herr zu werden, die Mutter verbarg ihre Tränen nicht, als sie den Sohn umarmte und küßte. »Du bleibst mein braver Junge – nicht wahr? Und ein Freund der Armen, damit sie dich segnen.« Günther drückte ihr schweigend die Hand. Auch Else kam nun näher. »Viel Glück, Herr Forstgehilfe!« redete sie ihn schüchtern an, doch als er sich freundlich zu ihr wandte, wurde sie wieder zuversichtlicher und bat ihn mit der weichsten Schmeichelstimme: »Sei auch gut mit meinem Vater, er hat dich rechtschaffen lieb, und – hörst? Werde nicht etwa stolz gegen mich, sonst hättest mich lieber gleich totschießen sollen am Hahnenstein!« Wie sie so vor ihm stand in holder Anmut, halb Kind, halb Jungfrau, das Köpfchen zu ihm emporgerichtet, und aus ihren großen braunen Augen Innigkeit und Schalkheit glänzte, rief er aus übervollem Herzen: »Du bleibst mein lieb Schwesterle!« und drückte sie an sich und küßte sie mit brüderlicher Zärtlichkeit – er wußte selbst nicht, wie es kam. Sie errötete und eilte in die Küche, den Kaffee auftragen zu helfen.

Else konnte wohl als Kind des Hauses gelten. Ihre Mutter war täglich aus und ein gegangen als Beistand in allen häuslichen Arbeiten, eine stille, tätige Frau, zart und feinfühlend, in vielen Dingen die Vertraute der Försterin; sie grämte sich über ihres Mannes Treiben, war aber viel zu sanft und unterwürfig, als daß sie Einfluß auf ihn hätte ausüben können. Bei der Geburt Elses starb sie. Die Försterin hob das Kind aus der Taufe und vertrat Mutterstelle an ihm, anfangs nicht mit Billigung ihres Mannes; doch allmählich faßte auch er Zuneigung zu der Kleinen. Frau Helbig, eine stattliche Frau, der man ihre einstige Schönheit noch ansah, war die Tochter aus einem großen Gasthof auf dem Wald und von Jugend auf gewohnt, gelassen und freundlich mit allen Menschen jeden Standes zu verkehren, und dieses sichere Gleichmaß hatte zuletzt immer noch in allen Angelegenheiten des Hauses über das heftige, starre Wesen des Försters den Sieg davongetragen. Sie liebte ihren Mann von Herzen; es bekümmerte sie der Haß, den er durch übermäßige Strenge in Erfüllung seiner Pflicht sich zugezogen hatte, doch maßte sie sich niemals an, hierin einen Einfluß ausüben zu wollen. Sie war nur darauf bedacht, durch Freigebigkeit und Milde, die sie am liebsten als von ihm ausgehend gelten ließ, die Herzen ihm wieder zugeneigt zu machen. Der von ihren Eltern ererbte Wohlstand und die guten Einkünfte der Försterei gewährten ihr reiche Mittel hierzu. Nach Günthers Geburt blieb ihre Ehe kinderlos; den Förster hielt sein Beruf die meiste Zeit vom Hause fern, der Sohn war auch bald nicht mehr dauernd daheim, da er erst das Gymnasium und dann die Forstschule besuchte; mit den Frauen der Fabrikherren in den nächstgelegenen Orten hatte sie nur selten Verkehr, da sie in deren Kreis, der die schlichte Landesart verachtete und großstädtisches Wesen nachahmte, sich nicht wohl und nur geduldet fühlte; und so brachte der milde Sinn, mit dem sie die kleine Else in Obhut nahm, den Unterricht des Kindes förderte, es zu guter Sitte und häuslicher Tätigkeit anhielt, bald den reichsten Lohn für sie selbst: Else füllte die Leere und Einsamkeit des Forsthauses aus und wurde ihr lieb wie eine Tochter. Doch war Frau Helbig zu wacker und gewissenhaft, als daß sie gesucht hätte, das Kind seinem Vater zu entfremden. Sie sah streng darauf, daß Else vor allem die Pflichten gegen ihn erfüllte, seinem kleinen Hauswesen vorstand und keiner Verrichtung sich entzog, die den Frauen und Kindern der anderen Arbeiter oblag. Hubert erkannte das dankbar an; doch als Else heranwuchs, wurde ihm der Zwang, den er sich auferlegen mußte, sein heimliches Treiben vor ihr zu verbergen, stets peinlicher. Er richtete sich einen kleinen Verschlag neben dem Ziegenstall, mit einer besondern Tür nach dem Garten, zur Schlafkammer, ein, damit er unbemerkt des Nachts aus und ein gehn konnte; niemals brachte er ein Stück von seiner Jagdbeute heim, und wo er sein Gewehr verborgen hielt, wußte selbst von seinen Gefährten keiner. Nicht nur um seiner eignen Sicherheit willen tat er das, es war mehr noch scheue Ehrfurcht vor der Unschuld seines Kindes, die ihn dazu bewog. Wenn er sich bisweilen dieses Gefühls recht bewußt wurde, schämte er sich seines schlechten Gewerbes und dachte daran, es aufzugeben; doch er war zu eng mit seinen Gefährten verbunden, und die Lust und Gefahr des Wilderns hatte einen unwiderstehlichen Reiz für ihn. So blieb es beim alten und er der Matador unter den Kameraden, im Wald wie in der Schenke; der schlauste und geschickteste der Wilderer, der kühnste und lustigste. Allmählich kam es wohl, daß Else mit Anspielungen im Forsthaus oder aus kecken Reden der Kinder im Orte Argwohn faßte, und sie war zu offenherzig, ihm das zu verschweigen. Es gelang ihm aber leicht, durch Spott und Possen solchen Verdacht aus ihrer reinen Seele zu verscheuchen – bis zu jenem Abend, an welchem er verwundet und im Gesicht geschwärzt nach Hause kam. Trotz seiner unsäglichen Qual reinigte er sich doch erst mit ihrer Hilfe, gebot ihr Stillschweigen hierüber und schickte sie zum Wundarzt. Noch in jener Nacht wurde Hubert verhaftet. Während er gefangen saß, hörte Else mit Entsetzen, was man im Dorf erzählte. Tagelang hielt sie sich eingeschlossen und kämpfte mit Scham und Gram, bis sie endlich Mut faßte, in der Dämmerung zum Jagdhaus schlich, auf die Försterin, die allein in der Stube saß, zueilte, ihre Knie umklammerte und bitterlich weinend den Kopf in ihrem Schoß barg. »Nur das glaubt nicht«, stammelte sie unter Schluchzen, »daß mein Vater auf den Herrn Förster ... nein, das hat er nicht getan.« Die Försterin suchte das arme Kind durch Liebkosungen zu beruhigen. »Dir glaub ich's ja«, sagte sie endlich, »und deinem Vater mag ich's auch nicht zutraun. Jetzt geh aber, eh' mein Mann nach Hause kommt, er ist noch sehr aufgebracht. Ich werde schon nach dir schicken, sobald es an der Zeit ist.« Wirklich begann der Förster bald, Elses Abwesenheit zu empfinden; als seine Frau das merkte, schilderte sie ihm den Schmerz und die Verlassenheit des unschuldigen Kindes, und er erwiderte: »Ich habe das arme Ding nie aus meinem Haus gewiesen, es mag in Gottes Namen wiederkommen, und du sorgst mir, daß es mit keinem scheelen Blick gekränkt wird – warum der Kerl nur mit solch einem Kind gesegnet ist?« So kam Else wieder in das Forsthaus, doch war sie dort schüchtern und traurig; sie quälte sich unablässig mit dem Zweifel, ob ihr Vater so schuldig sein könne, und als Hubert eines Abends unvermutet aus dem Gefängnis heimkehrte, fiel sie ihm leidenschaftlich um den Hals, und ihr ernstes Wort war: »Vater, jetzt schau mir ins Gesicht und sag mir, ist es wahr, daß du den Förster hast erschießen wollen?« – »So wahr Gott lebt«, antwortete er zuversichtlich, »kein Gedanke dran ist mir in den Sinn gekommen.« Nun atmete sie tief auf, jubelte und weinte, herzte und küßte ihn: »O du lieber Vater, ich hab's ja nicht geglaubt, was die bösen Zungen dir nachreden, du bist der bravste, beste Mann auf der Welt!« Dem Hubert schlug das Gewissen, und es wurde ihm schwer genug, den lustigen Ton wieder anzuschlagen: »Du Narr, glaubst denn, ich wüßte keinen Unterschied zu machen zwischen einem Christenmenschen und einem Stück Rotwild? Da wär' ich ja grad' so schlecht wie ... (er verschluckte den Namen, den er schon auf der Zunge hatte). Einen Hirsch hab' ich auch einmal wegblasen wollen – nun, dummes Ding, da brauchst nicht zu erschrecken, das ist keine arge Sünde, der Fürst hat ihrer genug. Aber ich versteh' mich nicht aufs Handwerk und bin übel dafür angekommen: erst in den Ast gefallen und dann eingesteckt worden. Nun, einmal auf dem Anstand gesessen und nicht wieder; abgesessen ist's – basta! Bleib aber mein braves Mädchen, und sag keinem Menschen etwas davon!«

Der junge Forstgehilfe rechtfertigte das Zutrauen, mit dem er empfangen worden war. Unermüdlich die Bewirtschaftung des Waldes nach neuen Grundsätzen zu verbessern, beschäftigte er zugleich die Falkenborner bei weitem mehr als früher mit Holzarbeit und wußte die Arbeit auch lohnender zu machen. Dafür dankbar, gingen ihm die Leute – Hubert, sobald er völlig genesen war, an der Spitze – bereitwillig zur Hand und hüteten die jungen, lustig aufwachsenden Ansaaten, als ob sie ihnen eigen wären. In dem neuen Schwung des Lebens schien sogar das Wildern vergessen. Die es nur aus Übermut und aus Trotz gegen den Förster mitgemacht hatten, blieben allmählich daheim und gewöhnten sich wieder an ehrlichen Nebenerwerb an den langen Winterabenden. Der eine suchte seine liegengelassenen Schnitzereien hervor, der andere baute Zithern; in dem einen Haus schmolzen sie an der Lampe bunte Glasfäden zu zierlichen Gebilden aneinander, in jenem wurden von alt und jung Schachteln und allerhand Spielzeug gefertigt. Die Gesellschaft am Falkenborner Tisch in der Hirschbacher Schenke war kaum noch sonntags vollzählig; sonst aber bis auf wenige gelichtet, die um Hubert herum saßen; der eigentliche Stamm der Wildschützen. Sie grollten ihren abtrünnigen Nachbarn und verachteten deren friedliche Tätigkeit; dabei hatte sie jedoch das Unbehagen der Unsicherheit überkommen, sie fühlten den Umschwung, der ihre Minderzahl des Rückhaltes beraubte, sie prahlten nicht mehr von ihren Taten, sondern trieben ihr Gewerbe überaus vorsichtig und geheim, auf Huberts Rat meistens jenseits der Grenze. Daher kam es, daß man in Falkenborn nur höchst selten noch von Wilddiebstahl hörte, und bei Forstfreveln war Günther nachsichtig, gönnte dem armen Volk seinen mäßigen Bedarf und schritt nur ein, wenn der Wald wirklich beschädigt wurde. Der Förster ließ seinem Sohn in allem freie Hand. Freundlicher und gesprächiger als sonst, begann er bei Karpfenschmäusen, Lustschießen und andern Gelegenheiten die Wirtshäuser zu besuchen, knüpfte alte Bekanntschaften wieder an, suchte neue auf, trank sein Glas, erzählte seinen Schwank, so daß es hieß, er taue endlich auf und sei gar kein übler Mann, seit er anfange, sein Leben zu genießen. Ja es kam vor, daß er auf seinem Revier vom Weg abbog, um Holzlesern, die kein gutes Gewissen hatten, auszuweichen, oder wenn ihm ja ein Trupp gerade in die Hände fiel, mit mehr grünem als dürrem Holze beladen, sprach er wohl: »Nun, hat's brav Windbruch gegeben?« und verzog den Mund recht spöttisch, doch dabei blieb es zum Erstaunen von ganz Falkenborn. So verflossen fast zwei Jahre; Friede und Freude waren eingezogen in die kleine abgeschlossene Welt; Frau Helbig schaute heiterer als jemals aus ihren ruhigen klaren Augen, zumal wenn sie an der Seite ihres zu fester Männlichkeit heranreifenden Sohnes durch das Dörfchen ging und aus den Grüßen von alt und jung aufrichtiger Dank und Zufriedenheit sie ansprach; Else war inzwischen das schlankste, schönste und fröhlichste Mädchen geworden, weit und breit in der Gegend. Nur dem Hubert ließ es keine Ruhe, er kannte den Förster am besten und warnte seine Freunde oft, sie sollen dem Graukopf nicht trauen, der lache immer so hämisch in den Bart, der führe was im Schilde. Helbigs ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, den Plan des Fürsten ins Werk zu setzen; hierin lag der Schlüssel zu seinem veränderten Benehmen. Doch er ging nicht hastig vorwärts; klug und mit Geduld, als gelte es, ein Wild zu umstellen, strebte er zuerst Schritt für Schritt und ohne einen Umweg zu scheuen bei denjenigen Fabrikherren und andern Personen, deren Schuldner die Falkenborner waren, Vertrauen zu gewinnen. Allmählich gelang ihm das bei den meisten, und diese wußte er dann, teils dadurch, daß er vor Verwicklung in gerichtliche Untersuchung warnte und sich verpflichtete, ihnen Wild und Fische stets zu billigem Preis zu liefern, teils dadurch, daß er des Fürsten Namen gebrauchte, zur Abtretung ihrer Schuldforderungen zu bestimmen. Nur ein paar, namentlich ein Wildbrethändler jenseits der Grenze, Huberts Gläubiger, widerstanden allen Versuchen. Ehe das zweite Jahr zu Ende ging, hatte Helbig mehr als ein halbes Dutzend Falkenborner so gut wie in der Tasche und beauftragte seinen Advokaten, die Forderungen zu kündigen und auszuklagen. Plötzlich brach das Gewitter über den Häuptern der Falkenborner los, ehe sie nur das Heranziehen desselben geahnt hatten, und ein Schrecken fuhr ihnen in die Glieder, als sie hörten, daß Förster Helbig nunmehr ihr Gläubiger sei. Sie rannten von Haus zu Haus, um anderweit Geld aufzubringen, aber vergeblich. Der Advokat, an den sie sich wandten, zuckte die Achseln und gab ihnen schließlich den Rat: »Gönnt dem Helbig ein gutes Wort, daß er's nicht bis zur Versteigerung treibt, er hätte doch nur Schaden davon, denn es bietet kein Mensch auf eure Hütten.« Das war kein sonderlicher Trost, doch sie gingen hin und baten den Förster recht demütig, die Kapitalien stehenzulassen. Er wies sie erst kurz ab, dann ließ er einen nach dem andern zu sich kommen, verhandelte mit jedem einzeln und fand keinen Widerstand mehr: sie traten ihm ihren Grundbesitz für leidliche Preise ab und verpflichteten sich, mit nächstem Frühjahr ihre Häuser zu räumen. Er bot ihnen Aufnahme in verschiedenen Dörfern des Unterlandes an, doch sie meinten, Holzhauer wären sie und wüßten nicht, was sie da unten sollten, wo es keinen Wald gäbe; darum wollten sie insgesamt nach Amerika. – Immer noch ahnte niemand den wahren Zusammenhang; selbst auf die Fragen seiner Frau und seines Sohnes lächelte Helbig nur geheimnisvoll, rieb sich die Hände und schwieg. So riet man im Dorf hin und her; als aber ein Zimmermeister aus Hirschbach dagewesen war, um sich die Wohnungen der Auswanderer anzusehn, hielt jedermann die eine Mutmaßung für bestätigt, daß der Förster eine Porzellanfabrik anlegen und dazu fremde Arbeiter in den Ort ziehen wolle. Der März des neuen Jahres ging zu Ende, sieben Hausväter in Falkenborn rüsteten sich, ihrer Heimat Lebewohl zu sagen; unter ihnen gerade diejenigen, welche an redliche Tätigkeit sich wieder gewöhnt hatten; doch auch der Fürbitte von Frau und Sohn für diese verschloß Helbig das Ohr. Es war noch früh, dunkel und frostig, da wurden die ersten Karren der Auswandrer mit dürftigem Hausrat beladen, die Kinder in Betten eingehüllt und oben hinauf gesetzt; Männer und Weiber gingen schweigend nebenher, und so zog's fort, das Tal hinab an den schwarzen, dumpf brausenden Wäldern hin; Schnee lagerte noch drin und streckte spitze Zungen bis in die Wiesen hinaus. Der Förster glaubte wohl, der Auszug sei schon zu Ende, und kam, die kurze Pfeife im Mund, als der letzte Karren sich in Bewegung setzte und Mann und Weib mit Tränen in den Augen Abschied nahmen von den zurückbleibenden Nachbarn, die mit düsteren Mienen um sie her standen. Die Morgendämmerung brach eben in das Tal herein, und schwere graue Wolken, Schnee oder Regen im Schoß tragend, trieben am Himmel. »Lebt wohl, Nachbarn«, sprach der Mann, »es wird nicht lange dauern und ihr müßt auch von dannen. Ihr wißt freilich nicht, Herr Förster«, wandte er sich an Helbig, »was es heißt, sein eigen Haus und Hof zu räumen, aber um all euren Prunk hätte ich euch die arme Hütte hier doch nicht hingegeben, in der meine Eltern und Großeltern die Augen zugetan haben und meine Kinder geboren worden sind. Was habt ihr davon, uns auszutreiben und übers Meer zu jagen, daß keiner weiß, wo sie ihn einmal einscharren? Eure Puppenkopfmacher und Tassendreher können euch ja nicht einmal einen Baum fällen und einen Stock roden. Oder sollen uns jetzt die alten Sünden vergolten werden? Ich will mich nicht besser machen, als ich gewesen bin, doch seit Jahr und Tag ist kein unredlich Gut über meine Schwelle gekommen, das können mir die alle hier bezeugen. Bei euch heißt's aber nicht wie in der Schrift, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der umkehrt, als über zehn Gerechte; ihr seid gestrenger als unser Herrgott. Nun, der Tag wird auch kommen, wo ihr seiner Barmherzigkeit bedürft, und wenn ihr die anruft, dann denkt dabei an heute!« Seine Frau nahm ihn am Arm und ging mit ihm den Karren nach – bald waren sie hinter der nächsten Bergecke verschwunden. »Soll mich doch wundern, wer das Herz hat, in die leeren Häuser einzuziehen!« sprach Hubert so laut, daß es der Förster hören mußte. »Du wirst ihnen nichts anhaben, es sind gar stille Leute!« antwortete Helbig und kehrte in das Forsthaus zurück. Noch am selben Morgen kam der Zimmermeister aus Hirschbach mit einem Haufen Gesellen, ein halbes Dutzend Geschirre hinter ihnen, und sie begannen, von den Häusern die Schindeln abzudecken, die Bretter und das Sparrwerk loszuschlagen, Türen und Fenster auszuheben, die Balken zu entfugen; das alles luden sie auf und fuhren es fort, nur die niedrigen Grundmauern von Bruchstein blieben stehen. Hubert und ein paar Nachbarn liefen herzu und blickten wie erstarrt in die Zerstörung. »Hier wird aufgeräumt«, rief ein Zimmermann, »macht euch fertig, die Reihe kommt nun an euch!« – »Also, das war's!« murmelte Hubert und knirschte mit den Zähnen. »Mit dir wollen wir auch aufräumen!«

Man machte aus der Erbitterung gegen Helbig gar kein Hehl, keiner grüßte ihn mehr, und wo zwei beisammenstanden, wenn er vorbeiging, begannen sie sogleich in Drohreden zu wetteifern. Hubert aber und seine Gefährten mußten sich verschworen haben, so frech wie möglich dem Gesetz zu trotzen. Jede Nacht hörte man im Forsthaus von allen Seiten her die Büchsen der Wilderer knallen. Wie auch Helbig und Günther durch den Wald streiften, es war, als ob böse Geister sie neckten; vor und hinter ihnen krachten die Schüsse, doch nie gelang es, eines Schützen habhaft zu werden; ja, es schien oft, daß die Wilderer die Jäger nur verhöhnen wollten. Um so erbitterter und rücksichtsloser verfolgte der Förster seinen Plan, und vor Ablauf eines Vierteljahres war es ihm gelungen, abermals zwei Familien auszutreiben. Jetzt standen von Falkenborn, außer der Försterei, nur noch Huberts Haus und zwei andre. In Hubert brachen die wilden Leidenschaften, die er bis dahin niedergehalten hatte, offen zutage, die Verstellung warf er von sich. So trat er eines Abends, das Gewehr in der Hand, die Kleider mit Blut bespritzt in seine Stube. Else schrie laut auf. »Was erschrickst so, dumme Trine?« fuhr er sie hart an. »Heut klebt nur Schweiß an meiner Jacke; hock den Korb auf und komm mit!« – »Was soll's?« fragte Else. – »Ein Hirschviertel holst aus dem Wald, wie's die andern Weiber auch tun; mach hurtig!« – »Dazu geh' ich nicht mit!« sprach sie entschlossen. – »Du willst nicht? Schämst dich wohl deines Vaters? Eines Wildschützen Kind bist und bleibst! Jetzt mach vorwärts oder ...« Er hob die geballte Faust gegen sie. Sie schaute ihn ruhig und schmerzvoll an: »Schlag zu, wie du kannst, daß ich zu meiner Mutter komme!« – Da ließ Hubert die Faust sinken, schloß seine Else stürmisch in die Arme und weinte wie ein Kind: »Nein, du sollst niemals mit in den Wald; schäme dich meiner, aber verlaß mich nicht!« – »Bis an dein Ende nicht«, antwortete sie, »aber fort wollen wir miteinander, weit weg bis nach Amerika, dort kannst schießen nach Herzenslust, und ich will's auch lernen.« – »Nein, Kind, wir übrigen gehen nicht aus Falkenborn, das haben wir uns zugelobt.« – »Nun, so versprich mir eins«, bat Else flehentlich, »vergieß kein Menschenblut!« – Hubert wandte sich ab und schwieg. – »Vater«, fuhr sie leidenschaftlich fort, »denk an die Försterin, was sie an uns getan hat; schwöre mir, daß du ihm kein Haar krümmen willst – oder ich sink ins Grab vor Kummer und Scham.« Nach schwerem Kampf mit sich sprach Hubert: »Sei's drum, er soll sicher vor mir sein, wenn er auch stündlich mir nach dem Leben trachtet; aber du gelobst mir dagegen, daß du auf deinem Recht in Falkenborn bestehst, mag kommen, was da will; dich können sie nicht austreiben!« Sie gab ihm die Hand darauf.

Else mied jetzt das Forsthaus, wenn sie nicht sicher war, Frau Helbig allein zu treffen; vor dem Förster hatte sie Scheu, und von Günther glaubte sie, er sei aus Hochmut zurückhaltend und fremd gegen sie geworden. Vieles lastete jetzt auf ihrem sonst so fröhlichen Herzen! Darüber sinnend stand sie an einem warmen Juliabend unter dem Vordach ihres Häuschens. Es war ganz still um sie her, und wehmütig blickte sie auf die beiden verödeten Stätten, wo vor kurzem noch ihre Nachbarhäuser gestanden hatten. Sie trat in eins der Gärtchen; der Lattenzaun war abgerissen, die Gewächse vertrockneten, Nelken und Bohnen lagen auf dem Boden. Rasch holte sie Wasser, goß die Pflanzen, suchte Stäbe und begann die Schlinggewächse aufzubinden, so sorgsam, als schaffte sie ihn ihrem eigenen Garten. Da kam Günther aus dem Wald; sie hörte in ihrem Eifer seine Schritte nicht; er blieb an der Gartenecke stehen und sah ihr lange schweigend zu. Auch von Günther war die Heiterkeit gewichen. Anfangs empörte des Vaters Tun sein Gefühl, es war zu heftigem Streit zwischen ihnen gekommen. »Das ist nicht des Fürsten Wille«, hatte er seinem Vater geantwortet, »die Leute sind ihm zu schwarz dargestellt worden; wenn er jetzt das Herzeleid sähe und die Angst, mit der sie sich an ihre Heimat klammern, so schenkte er ihnen die Schuld und ließe sie bleiben!« – »Den Krebsschaden ausschneiden, das ist ein gutes Werk«, erwiderte der Vater, »die Rechtschaffenen werden mir's danken, wenn mich auch dafür eine Kugel aus dem Busch trifft.« Als aber die Frechheit der Wilderer immer mehr zunahm, wuchs auch in Günther der Groll; es kamen Stunden, in denen er seinem Vater recht gab. Noch ein andrer Kampf hatte in ihm begonnen und trieb ihn oft ruhelos in der Einsamkeit des Waldes umher. Mochte sein junger Stolz den Abstand zwischen dem wohlhabenden, vom Fürsten begünstigten Förstersohn und der Tochter des verrufensten Wildschützen ihm noch so groß darstellen: Else tauchte in strahlender Lieblichkeit immer wieder aus der Tiefe seiner Seele empor; ehe er's merkte, malte die Phantasie ihm aus, wie sie im Forsthaus an seiner Seite waltete, inmitten der kleinen, stillen, grünen Welt, und das war ein reizendes, sonnig glückseliges Bild. Als er jetzt, halb verborgen von einem Fliederbusch unverwandten Blickes ihr zuschaute – sie kniete eben vor einem Nelkenstock, hob die Fülle der großen, braunroten Blumen vom Boden auf und blickte, während sie den würzigen Duft atmete, träumerisch in die dunklen Kelche: da überwältigte ihn sein Gefühl. »Else!« rief er mit Innigkeit und setzte schon den Fuß auf die niedre Mauer; doch als das Mädchen zusammenschrak und den Kopf nach ihm wandte, faßte er sich gewaltsam und fragte mit erzwungener Kälte: »Was schaffst du hier?« Sie stand so hastig auf, daß eine Nelke abriß und ihr in der Hand blieb. »Ist dir's nicht recht, daß ich deines Vaters Garten pflege? Die Blumen und Sträucher sollen wohl auch noch ausgetilgt werden? Freilich, wo keine Menschen sind, gehören auch nicht Blumen hin. Geh her, reiß alles heraus, damit Raum wird für deine Hirsche!« Sie warf die Nelke hin und eilte auf der andern Seite aus dem Garten. Günther wollte ihr nachrufen, doch er unterließ es. »Was soll's?« sprach er zu sich, hob die Nelke auf und ging langsam zum Forsthaus.

Bald nach ihm kam sein Vater an. »Gut, daß du da bist«, sprach er hastig, »unter dem Aschenkopf haben sie gestern einen Hirsch und ein Schmaltier erlegt. Ich wette drauf, sie gehn heute nach dem finstern Grund, weil wir gestern dort gestreift haben. Mach das Essen bereit, Frau, wir müssen bald fort.« Die Mahlzeit wurde rasch aufgetragen. »Geht ihr zusammen?« fragte die Försterin. – »Nein«, lautete die Antwort, »Günther geht im Moosbach hin, ich am Wolfsgraben.« – »Tut mir's zuliebe und geht heute miteinander«, bat die Frau, »ich habe Angst.« – »Dummes Zeug«, erwiderte Helbig, »ich habe Angst, daß sie uns wieder entwischen, drum gehn wir einzeln«. – »Vor den Falkenbornern ist mir nicht so bange; aber es heißt, es kämen jetzt auch Hessen nachts über die Grenze.« – »Das hat nur der Hubert gesagt«, sagte der Förster, »so weit wagen sich die Hessen nicht herein.« Die Männer hängten ihre Büchsen um. »Gute Nacht, Frau«, sprach der Förster freundlich und küßte sie, »brauchst nicht auf uns zu warten, es wird lang dauern, bis wir wiederkommen.« Dann gingen sie. Frau Helbig sah ihnen nach, bis sie hinter dem Haus sich getrennt hatten und auf verschiedenen Wegen im Wald verschwanden. Sie schaute noch eine Weile am Fenster in die kühle, stille Nacht; der Mond kam über den Berg herauf, und auf dem Flüßchen schwebte ein feiner weißer Nebel. – Else saß auch noch in ihrer Stube, der Mondschein glänzte auf ihrem Gesicht und ließ es bleich erscheinen; der Unmut über Günther war einer tiefen Traurigkeit gewichen – und daß er sie doch erst so herzlich gerufen hatte! Tränen rollten ihr über die Wangen. Hubert trat ein, die Büchse in der Hand. »Vater, willst du denn heute wieder in den Wald?« fragte sie erschrocken. »Hol' ich den Hirsch nicht, tun's die Hessen; sie wagen sich herein, weil die Falkenborner Mannschaft schwach geworden ist, aber ich will's keinem raten, mir in den Weg zu kommen, sie haben in unserm Wald nichts zu suchen.« – »Um Gottes willen, Vater, geh nicht hinaus, ich kann sonst kein Auge zutun vor Angst.« Da klopfte es leise am hintern Fenster. »Ich komm' schon«, rief Hubert, »gute Nacht, Kind, und sei ruhig; die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen.« – »Vater«, bat Else in Herzensangst und eilte ihm nach bis an die Tür, »sag mir wenigstens, wohin du gehst.« – »In den finstern Grund, wenn du's denn wissen mußt.« – »Wo du schon einmal dem Förster in den Weg gekommen bist?« – »Heute schläft er aus oder sucht uns anderswo.« – »Wenn er euch aber doch trifft?« – »Sein grauer Kopf ist sicher vor mir, weil ich dir's versprochen habe, und vor den andern auch, wenn ich dabei bin, darum gehe ich noch mit, sonst bliebe ich gern daheim, denn ich habe keine Lust mehr an dem Versteckspielen, seit der Günther da ist. So frei und offen im Wald herumzupirschen wie in Amerika, das muß schön sein – gingst du noch mit, Else?« – »Ja, Vater, lieber heute als morgen.« – »Ich will's mit den andern bereden; nun gute Nacht, Kind!« – Aber Else ließ es keine Ruhe, es trieb sie vom Haus in den Garten, so unheimlich auch die öden Stätten im Mondschein aussahen; plötzlich fuhr's ihr durch den Kopf, sie wollte nachsehen, ob auch die Jäger daheim geblieben waren, und so stahl sie sich, stets im Schatten bleibend, bis an das Forsthaus. Ein Fenster der Wohnstube stand offen, und von da schimmerte Licht. Else trat leise näher und schaute behutsam hinein. Drinnen saß die Försterin noch angekleidet, auf dem Lehnstuhl eingeschlummert. Also waren Helbig und Günther nicht zu Hause – Elsen durchrieselte ein Schauer; in ratloser Angst blickte sie hilfesuchend zu Frau Helbig. Da flog eine Unruhe über das Angesicht der Schlummernden, die Lippen bewegten sich und flüsterten hastig: »Nicht in den finstern Grund!« Das durchzuckte Elsen jählings, ihrer kaum bewußt, eilte sie in den Wald. Der Mondschein, der in die schwarzen Schatten fein und zitternd sich einstahl, bald breit und grell zwischen ihnen sich aufrollte, verkehrte alles sonst Gewohnte ins Grausige. Die alte Fichte mit lang herabhängenden grauen Flechten erschien als riesig gestreckte Mönchsgestalt, die bemoosten Felsbrocken sahen aus wie Totenköpfe und Teufelsfratzen, die Wurzeln über den Weg ringelten sich wie Schlangen, und dazu gurgelte der Bach so hohl und klagend. Else schauderte oft zusammen und hielt inne, bis sie sich gezwungen hatte, alles mit ruhigerem Blicke zu entzaubern. Plötzlich knallte vom finstern Grunde her ein Schuß; es raschelte immer näher durch das Dickicht, und in gewaltigen Sätzen sprang ein Hirsch hart an ihr vorbei, den Berg empor. Der Atem stockte ihr, schwankend hielt sie sich an einem Baum fest und horchte; ihre ganze Seele drängte in gespanntester Erwartung an die Pforte des Gehörs, jede Minute dehnte sich unendlich. Da war's, als ob sie Stimmen hörte, gleich darauf krachten zwei Schüsse fast zusammen, dann noch zwei. »Vater!« schrie Else auf und jagte durch das Dickicht, ohne Pfad, gradeaus, bis sie herausbrach in den schmalen Grund, über den der Mondschein hell wie Tageslicht hinfloß. Ihr Auge schweifte nach rechts und links, da stieß sie einen grellen Schrei aus und stürzte, vorbei an dem Förster, der starr ausgestreckt am Boden lag, das blinkende Gewehr neben sich, zu dem anderen hin, gegenüber am Waldsaum. Sie kniete, hob sein totenblasses Haupt empor. Hubert schlug die matten Augen noch einmal auf und stöhnte. Blut tropfte aus seiner Brust. »Vater«, rief sie verzweiflungsvoll, »was hast du getan?« – »Ich bin schuldlos ...« röchelte er kaum hörbar, zuckte zusammen und verschied; sie fiel ohnmächtig an seine Brust. So lag sie, bis Günthers Stimme ihr ans Ohr schlug: »Mörder! Gottverfluchter Mörder!« Sie richtete sich auf, starrte ihn an, der neben seines Vaters Leiche stand. »Wen rufst du Mörder?« fragte sie mit bebender Stimme. »Deinen Vater, den Schandbuben!« schrie er, außer sich vor Schmerz und Wut und hob den Kolben seines Gewehrs. Mit funkelnden Augen trat Else ihm entgegen: »Schweig, du Lügner! Keinen Schritt näher! Mein Vater ist unschuldig, der Mörder liegt neben dir!« Dann brach ihre Kraft zusammen; jammernd warf sie sich nieder und umschlang ihren Vater. Sie hörte nicht auf das, was Günther noch zu ihr sprach, sie winkte ihm zu gehen und schaute unverwandt in das erstarrte teure Antlitz.

III

Das Gericht war schon am nächsten Morgen an Ort und Stelle. Aus den fünf Schüssen, die auch Günther gehört hatte, mußte man auf die Teilnahme noch andrer Personen an dem Verbrechen schließen. Huberts beide Nachbarn in Falkenborn wurden verhaftet, leugneten aber. Die Pirschbüchsen Helbigs und Huberts waren von gleichem Kaliber und beide abgeschossen, die Kugel, die man aus Helbigs Leiche zog, an den Rückenwirbeln glattgedrückt, die andre fand man nicht. So blieb die Sache unaufgeklärt und von allen Vermutungen diejenige die wahrscheinlichste, daß Heibig und Hubert, sich begegnend, von langjährigem Haß getrieben, einander gleichzeitig getötet, Huberts Gefährten aber ihre Gewehre abgeschossen und die Flucht ergriffen hätten. Nur die Kinder der Getöteten widersprachen mit leidenschaftlicher Überzeugung; Else behauptete, ihr Vater sei schuldlos und vom Förster umgebracht worden, Günther aber wollte keine andre Möglichkeit gelten lassen, als daß Hubert seinen Vater meuchlings erschossen habe. Über Frau Helbigs Lippen kam kein Wort der Anklage. Am dritten Tag fand die Beerdigung des Försters auf dem Friedhof zu Hirschbach feierlich und mit großem Gepränge statt, unter großem Menschenzulauf; der vom Fürsten gesandte Oberforstmeister ging neben dem Sohn hinter dem Sarg, die ganze Jägerei von weit und breit folgte. Zu später Abendstunde wurde auch Hubert an einem abgelegenen Platz begraben; kein Mensch geleitete ihn zur Ruhe als sein armes Kind; selbst die paar Frauen in Falkenborn waren zu Hause geblieben, weil ihre Männer im Gefängnis saßen. Der jüngste Geistliche sprach kurz den Segen, und das Grab wurde hastig zugeschüttet. Bis dahin hatte Else starr und lautlos dagestanden, doch als sie nun allein war, warf sie sich jammernd über den Hügel und rief zu Gott, daß er sie zu sich nehme aus der Welt, auf der sie jetzt auch keinen einzigen Freund mehr hatte. Da berührte es ihre Schulter und rief leise ihren Namen, und als sie auffuhr, war es Frau Helbig, die das Grab ihres Mannes zum ersten Male besucht hatte, sie nun zärtlich in die Arme schloß und mit ihr weinte. »Jetzt fasse dich, mein Kind, und komme mit«, sprach endlich die Försterin, »Gott wird uns tragen helfen, was er uns auferlegt hat, er wird uns beide nicht verlassen.« So nahm sie Elses Arm und führte sie bis vor Huberts Haus. – Tags darauf kam der Fürst in das Jagdhaus. Er war vom Schmerz tief ergriffen und sprach der Witwe und dem Sohn seines treuen Dieners Trost zu wie ein väterlicher Freund, der selbst dem nahem Ziel seines Lebens Gott vertrauend entgegensieht. Günther ermahnte er freundlich, seine Heftigkeit zu bezähmen, dann erkundigte er sich nach Else, die ihm noch gut in Erinnerung war. Auf die Auskunft, die ihm die Försterin erteilte, sprach er: »Das freut mich, daß sie so brav geblieben ist, aber von hier muß sie fort. Ich will sie zu meinem Pächter nach Steinsdorf tun, damit sie die Wirtschaft lernt; die Leute haben keine Kinder. Was die Sache mit Falkenborn anlangt, die muß zu Ende geführt werden, doch du sollst nichts damit zu schaffen haben, Günther. Ja, was wir beide, ich und dein Vater, damals so raschen Mutes leicht auf uns nahmen, ist jetzt zur schweren Last geworden. Vom menschlichen Gesetz ist kein Buchstabe verletzt, und doch hat mein Gewissen mich unaufhörlich gefragt, ob ich damit vor dem mich rechtfertigen könne, der mich zum Landesvater bestellt hat? Da ist mir's erst klargeworden, daß auch das kleinste Gemeinwesen kein Ding menschlicher Willkür ist; der Mensch pflanzt es wohl, doch nur mit Gottes Beistand schlägt es Wurzeln, gedeiht und fruchtet. Darum hätte ich pflegen sollen und veredeln, statt gewaltsam anzutasten und auszutilgen. Als ich heute zum ersten Male die Zerstörung sah, gedachte ich des Wortes: Wer Wind säet, wird Sturm ernten, und mein einziger Trost war, daß ich meinen lieben Helbig nicht gezwungen habe, an das unheilvolle Werk Hand anzulegen.« Der Fürst verlor sich kurze Zeit in trübem Sinne, dann stand er hastig auf: »Werdet mir nicht gram darum, ihr wißt ja, wie lieb er mir war. Günther, du verwaltest seine Stelle, bis du zwei oder drei Jähre älter bist, dann folgt die Ernennung nach; nun tröst' euch Gott, ich komme bald wieder und sehe nach euch. Damit ging der Fürst hinaus, setzte sich in seinen Wagen und fuhr fort. Vor Huberts Haus ließ er halten und Else herbeirufen. Er teilte ihr den Plan mit, den er für sie gefaßt hatte. Ein Hoffnungsschimmer flog über ihre kummervollen Züge: »Ach ja, recht weit hinweg von hier!« rief sie lebhaft; dann hielt sie aber inne und ließ den Kopf traurig sinken: »Es geht ja nicht an, ich habe meinem Vater die Hand darauf gegeben, auf meinem Recht in Falkenborn zu bestehen; wenn ich den Rücken wendete, ließe mir der Günther gewiß gleich das Haus einreißen.« –

»Er darf sich nicht daran vergreifen«, antwortete der Fürst, »dein Vormund und das Amt werden dein Recht schon wahren.« – »Wenn das so ist«, meinte Eise, »geh' ich gleich nach Steinsdorf. Gott vergelt's tausendfach, Herr Fürst, daß ihr euch einer verlassenen Waise annehmt; ich will Euch keine Schande machen.« – »Das hoff ich, Kind, und will auch weiter für dich sorgen«, sprach der Fürst und fuhr seines Weges. Nun raffte sich Else aus ihrem dumpfen Hinbrüten auf und war geschäftig, den kleinen Hausrat erst noch in beste Ordnung zu bringen. Bis zum nächsten Abend war sie damit fertig; dann packte sie ihren Sonntagsstaat und alles, was sie sonst brauchte, in den Tragkorb, steckte das Gesangbuch dazu und breitete den Radmantel von blauem Tuch darüber – das beste Erbstück von ihrer Mutter. Ermattet setzte sie sich nebenhin auf die Bank, schaute sich in der Stube um, und nun kam ihr erst das Bewußtsein, daß sie morgen aus dem lieben Vaterhaus, von Garten, Wald und Bergen scheiden und in die Fremde ziehen sollte, wo sie keinen Menschen kannte; sie dachte, das Herz müsse ihr brechen vor Jammer. Spät erst schlief sie ein und erwachte schon zu früher Stunde. Der klare taufrische Morgen und das eiskalte Wasser von dem Brunnen neben der Hütte, dessen Strahl so voll und schäumend aus der ärmlichen Holzröhre schoß, machten auch Else die Augen wieder klar und das Herz frisch und entschlossen. Das quälende Festhängen am Vergangenen und der nutzlose Jammer wichen von ihr, wie fortgespült von dem hellen Wasser, daß sie über Haupt und Glieder strömen ließ; sie fühlte Mut und Kraft, etwas zu wagen in der Welt. Nur in einem war sie noch unschlüssig: Sollte sie fortgehn, ohne von Frau Helbig Abschied zu nehmen? Das hätte sie nicht übers Herz gebracht; aber das Forsthaus zu betreten, Günther zu begegnen, der ihren Vater einen Mörder schalt und verfluchte – der Gedanke färbte ihre Wangen mit Zornesröte. Endlich fand sie einen Ausweg. Sie schnitt im Gärtchen die paar Rosen ab, die noch blühten, spanische Wicken, Reseda und alle Nelken – es gab einen bunten, duftigen Strauß –, dann schrieb sie auf einen Streifen Papier: »Lebt wohl, Frau Helbig, Gott behüt' euch und lohn' euch, was ihr an mir getan habt; ich komme nicht eher wieder, bis meines Vaters Unschuld erwiesen ist, vergeßt mich nicht, ich will alle Morgen und Abend für euch beten.« Den Zettel steckte sie zwischen die Blumen, und es gelang ihr, den Strauß unbemerkt auf ein Fenstergesims der Försterei zu legen. Dann eilte sie zurück, nahm ihren Strohhut und Tragkorb, verschloß die Tür, steckte den Schlüssel zu sich, um ihn dem Schultheißen in Hirschbach, ihrem Vormund, zu überliefern, und schritt rasch das Tal hinab, ohne sich noch einmal umzusehen.

Nach einigen Wochen wurden die beiden Männer aus Falkenborn aus ihrer Haft entlassen, aber – ob es ihnen selbst in der Heimat unheimlich zumute geworden war oder ob ihr gutes Gewissen sich dadurch gekränkt fühlte, daß jedermann von ihnen auswich und die Polizei ihnen überall nachschlich – sie veräußerten ihr Besitztum an den Rentamtmann, der vom Fürsten Auftrag hatte, und zogen mit ihren Familien nach Amerika. Ehe der Winter kam, stand der Försterei nur noch Huberts verschlossene Hütte gegenüber. Das wurde ein einsamer, trübseliger Winter im Forsthaus. Frau Helbig war durch den Gram rasch gealtert; die vor wenigen Monaten noch so stattliche Frau ging gebeugt, das Haar, das sie sonst in reichen blonden Flechten zur Schau trug, lag nun schlicht und ergraut unter der schwarzen Haube. Auch von Günthers Wangen war die Jugendblüte abgestreift, und aus seinen streng und männlich gewordenen Zügen trat die Ähnlichkeit mit seinem Vater hervor. Er war unermüdlich in Erfüllung seiner Pflicht, nicht hart, aber ernst und verschlossen; selbst mit seiner Mutter kam es nicht zu einem Verhältnis rückhaltlosen Vertrauens, denn was jeden von beiden vielleicht am meisten beschäftigte, das verbarg er dem andern am sorgfältigsten; nicht einmal der Name Elses wurde genannt. Günther hatte anfangs wohl die Liebe zu dem Mädchen in Haß erstickt geglaubt, jetzt kämpfte er nur noch hoffnungslos gegen die übermächtige Leidenschaft, zürnte mit sich, mahnte sich unaufhörlich an die trennende Schranke der Blutschuld und verzehrte sich doch in Sehnsucht nach der Geliebten, nach dem Augenblick, da sie, unerwartet heimgekehrt, aus ihres Vaters Hütte ihm entgegentreten würde. So im Kampf mit sich selbst, im bittern Unmut über seine Schwäche, mied er die Menschen. Da fiel ihm eines Tages das Kriegsblatt in die Hände, und er las eine amtliche Bekanntmachung, daß der Schulden halber der Nachlaß des Hubert Frank in Falkenborn, Haus, Grundstücke und fahrende Habe, an Ort und Stelle versteigert werden sollte. Jetzt konnte Günther Else die Rückkehr unmöglich machen und so sich selbst vor ihr schützen. Darum entschloß er sich mannhaft, ging zum Termin und erstand Haus und Grundstücke, da der Rentamtmann ihn für den Beauftragten des Fürsten hielt. Zur Versteigerung der fahrenden Habe kamen mehr Kauflustige, unter ihnen Frau Helbig, und sie erstand, was einigermaßen Ansehnliches vorhanden war: ein paar Schränke, Tisch und Stühle, Zinngerät, die Schwarzwälter Uhr. Als die andern Leute mit ihrem erkauften Kram fort waren und Günther den Schlüssel zu seinem neuen Eigentum schon in den Händen hatte, fragte ihn seine Mutter, ob sie ihre Sachen einstweilen hier stehenlassen dürfe. Er bejahte verwirrt und beschämt.

»Laß mich's nur vorher wissen, ehe du das Haus abbrechen läßt«, fuhr sie fort und ging in die Försterei zurück. Der Schultheiß von Hirschbach war noch bis zuletzt geblieben und bat Günther: »Laßt die Hütte stehen, Herr Förster, wo sollten wir sonst das arme Mädel unterbringen, wenn sie einmal zurückkommt?« – Günther schwieg und verschloß die Tür. – »Ich schreibe der Else kein Wort von der Versteigerung«, sagte der Schultheiß und nahm Abschied. Die Stunde in Huberts Haus, der Anblick so vieler Dinge, die Erinnerungen ihm wachriefen, hatten Günther tief bewegt. Ein Bild um das andre drängte sich vor seine Seele. Bald sah er Else am Winterabend neben seiner Mutter beim Spinnrad, sie plauderte und lachte oder wiegte träumend den Kopf, wenn er Volksweisen auf seiner Zither spielte; bald sah er sie über dem Abgrund schweben, und der Atem stockte ihm noch bei dem Gedanken an sein Wagnis; dann, wie sie im Hausflur ihm entgegentrat, er sie umfing und küßte; dann wieder, als sie zürnend ihm die Nelke vor die Füße warf, und selbst über den mächtigen Schrecken im finstern Grund stieg ihr Bild siegreich empor, ihr im Mondlichte bleiches Antlitz, ihre Augen im Zorn flammend, die schwarzen Flechten um Brust und Schultern, die drohende herrliche Gestalt – hätte er sie damals in seine Arme geschlossen und sie und sich getötet! Sein Vorsatz mit dem Haus war schon wieder hinausgeschoben und halb aufgegeben. Da kam der Fürst zur Jagd, hatte seltnes Glück und war in froher Stimmung. Vor der Abreise ließ er noch die Försterin und ihren Sohn in die oberen Zimmer rufen, lobte Günthers Amtsverwaltung und begann dann von Else zu erzählen: »Sie macht uns Ehre, Frau Försterin; unermüdlich tätig, hat sie Geschick zu allem und sich auch in die größeren Verhältnisse des dortigen Lebens so eingefunden, daß keiner ihr das arme Kind vom Wald mehr anmerkt, höchstens an der Tracht, die sie durchaus nicht ablegt. Dazu ist sie fröhlich wie sonst, schöner als je, da wird sie denn in Steinsdorf wie eine Tochter gehalten und verdreht allen jungen Männern dort in der Gegend die Köpfe. Es heißt, die Steinsdorfer wollten sie an Kindes Statt annehmen und der junge Pächter von Seehausen würde sie heiraten. Undenkbar ist's nicht, und sie verdient ein solches Glück.« – Kaum konnte Günther den Sturm von Schmerz und Eifersucht in sich zurückdrängen, bis der Fürst mit seinem Jagdgefolge abgereist war. Dann eilte er hinaus in den Wald und kam erst spät, erschöpft und bleich, doch gefaßter zurück. Auf die besorgte Frage seiner Mutter antwortete er: »An den Schlägen bin ich gewesen und dann in Hirschbach. Gute Nacht, Mutter, und – was noch dort drüben steht, laß fortschaffen, morgen kommen die Zimmerleute und brechen das Haus ab; sie braucht's nicht mehr, und ich will's nicht länger vor Augen haben.« Die Mutter sah ihm tief bekümmert nach; sie hatte längst erraten, was ihn peinigte; jetzt war auch ihre letzte stille Hoffnung, die sie angetrieben hatte, Else die Heimstatt zu erhalten, zunichte geworden. Und doch, als am andern Morgen der ärmliche Hausrat, aus Huberts Hütte herübergeschafft, in einer nicht mehr benutzten Stube des Forsthauses so traulich beisammenstand, als könnte er nirgend anders hingehören, lebte auch in Frau Helbig die Zuversicht einer glücklichen Lösung von neuem auf. Günther war schon früh fortgegangen und kam erst wieder, als alles längst vorüber sein mußte; er wagte kaum sein Auge nach der Stätte hinzuwenden, wo Huberts Haus gestanden hatte, und der hohle Raum zwischen den niederen Grundmauern kam ihm wie ein Grab vor. »Jetzt ist meines Vaters Ziel erreicht«, dachte er, »aber um die Öde, die hier geworden ist, hat er sein Blut hingeben müssen, ich mein Lebensglück; lohnt nun der Preis die Opfer?«

Ein Jahr war hingegangen über die dunkle nächtige Tat und Ägidi gekommen, wo der Forst widerzuhallen beginnt vom Gebrüll der Hirsche auf der Brunft; blau und wolkenlos wölbte sich der Himmel über den tiefgrünen Bergen. Freies Licht und klare Frische strömen da belebend in jede Menschenbrust. Das fühlte heute auch Frau Helbig, die in der wohlig wärmenden Nachmittagssonne auf der Bank vor der Försterei saß, und während sie, emsig strickend, ihren Arbeitern auf der Wiese zusah, deren blitzende Sensen in stetigem Takt durch das Grummet hinrauschten, zum erstenmal wieder frischen Lebensmut gewann. Ich tauschte doch nicht um alle Pracht der Welt die grüne Einsamkeit, dachte sie. Ob wohl Else ihr Falkenborn vergessen kann? Da schritt der alte Postbote von Hirschbach, von weitem schon kenntlich an seinem langbeinig geschäftigen Gang, das Tal herauf, brachte für Frau Helbig einen Brief und noch den mündlichen Auftrag, den er dem Amtsdiener abgenommen hatte, daß der Herr Förster heute abend oder morgen ganz früh in das Amt kommen möchte. Frau Helbig öffnete den Brief mit zitternden Händen; er war von Else. »Liebe Frau Försterin«, stand darin, »ich muß euch schreiben, denn das Herz ist mir übervoll von Sehnsucht. Anfangs dachte ich wohl, das müßte sich schon geben, wenn ich nur die Hände tüchtig regte und mich anstrengte, alles das zu lernen, woran bei uns im Wald kein Mensch zu denken braucht. Solange mir der Kopf wirbelte von den hundert neuen Dingen, und im Sommer, wo man alle Hände voll zu tun hat, ging's auch noch an, aber jetzt ist mir desto trübseliger zumute. Die Pächtersleute und alle Menschen sind gar liebreich gegen mich und reden nicht anders, als daß ich nimmer von ihnen soll; ich halte mir's auch täglich vor, was sie an mir tun – aber es hilft alles nichts, ich kann mich nicht eingewöhnen. Ihr habt ja das hiesige Land gesehen, Frau Försterin. Ist's nicht grad wie eine Kuchenschüssel so flach und eben? Und die Bäche schleichen trüb und lau, die Luft ist so schwer und dunstig, daß man nicht tief Atem holen kann, selbst der Himmel drückt nieder. Meine lieben Berge – ach, wie oft schau' ich nach denen, wenn sie einem auch nicht höher vorkommen als ein winziges Stückchen Rand an der ewig großen Schüssel. Jetzt vollends ist es gar zu öde und unheimlich, wo die Felder leer stehn, denn die Ernte ist schon herein, Weizen, Korn und Gerste so vollauf, daß selbst die Mäuse sich kugelrund füttern und vor Fett nicht laufen können. Doch die Menschen sind nicht dankbar für den Segen, möchten lieber teure Zeit, als daß alle Welt nun billig Brot hat. Wenn man's lobt, werden sie fast unwillig, da soll das Korn kein Mehl geben und das Futter nicht füttern, die Witterung müßte immer grad umgekehrt sein – kurz, nach ihren Reden ständen wir im siebten Hungerjahr. Scheltet mich nicht undankbar, Frau Försterin, ich will ja damit nur sagen, daß ich unter die Leute hier ebenso schlecht passe wie die Geiß unter die Kühe. (Die armen Kühe, die hier jahraus, jahrein im Stall sein müssen!) Denn wenn die Leute auch brav schaffen – und das ist wahr, das tun sie von früh bis in die späte Nacht –, freudig sind sie doch nicht bei der Arbeit; keinen Sang hab' ich noch gehört und eine Zither, du lieber Gott!, die hat noch keins von ihnen zu Gesicht bekommen. Gott verzeih' mir's, daß mein Herz trotz aller Trübsal, die ihm aufgebürdet ist, nach Fröhlichkeit verlangt, aber ich bedarf's wie Bergluft, Waldgrün und frisches Wasser, sonst welk' ich hin. Da wundert Euch denn nicht, wenn ich bald wieder in Falkenborn bin, in meinem trauten Häusle; will mich schon ehrlich durchbringen, denn ich hab' vielerlei gelernt. In das Forsthaus komme ich zwar nicht, aber aus den Fenstern können wir einander zunicken und auf der Bank beisammensitzen, wenn der Günther nicht daheim ist. Sagt nur dem Günther, daß ich ihm allenthalben aus dem Wege gehen will. Reut's ihn denn nicht? Ich bin auch nicht mehr so jähzornig, ich habe mich in Geduld gefaßt und bitte Gott nur demütig, daß er die Unschuld meines Vaters an den Tag bringe. Er wird mein Gebet erhören, sobald es an der Zeit ist. – Nun lebt einstweilen wohl. Eh' ihr's denkt, bin ich in Falkenborn.« – Unter dem sauber und richtig geschriebenen Brief stand noch eine Nachschrift: »Sagt meinem Vormund, er möchte den Schlüssel in das Katzenloch neben der Tür legen. Wenn ich den Heimweg gehe, komm' ich nicht über Hirschbach.« Frau Helbig saß noch auf der Bank und schaute lächelnd vor sich hin, als Günther kam. Sie reichte ihm den Brief, und als er las, hellten sich seine Züge immer mehr auf. »Sie kommt, Mutter, sie kommt!« rief er aus voller Brust, doch ebensorasch kehrte die Hoffnungslosigkeit doppelt bitter zurück: »Was soll sie hier? Bleibt sie nicht das Kind von meines Vaters Mörder? Ihr Haus ist zerstört, und von meiner Schwelle müßte ich sie stoßen, zerspränge mir auch darüber das Herz! Schreibt ihr, Mutter, daß sie bleiben und sich dort ihre Heimat gründen soll!« Frau Helbig sprach: »Damit laß uns noch warten, mein Sohn, und geduldig hoffen; derjenige, der Elses Herz so fest hierher gebunden hat, wird auch das Dunkel zerstreuen.

Über den Brief war die mündliche Botschaft fast vergessen worden, und so konnte Günther erst am nächsten Morgen zum Amtsort reiten. Der Amtmann hatte ihn schon mit Ungeduld erwartet, bat ihn, sich zu setzen und die vorgelegten Aktenblätter durchzulesen, jetzt wolle er ihn allein lassen. Schon die bewegte Stimme des wackern Mannes ließ Günther Ungewöhnliches ahnen, und die ersten Worte, auf die sein Auge fiel, durchzuckten ihn so, daß er nur mühsam sich zum Lesen sammeln konnte. Von dem Gericht eines benachbarten Staates wurde mitgeteilt, daß ein Raubmörder, in der öffentlichen Verhandlung seines Verbrechens überführt, reumütig noch eine Tat bekannt hatte, die vor nunmehr einem Jahr im Thüringer Wald von ihm verübt worden war. »Ich ging«, so lautete das vom Untersuchungsrichter aufgenommene Protokoll, »eines Nachts mit dem langen Merten, der jetzt in Amerika ist, über die Grenze in das Falkenborner Revier nach Wild. Im finstern Grund brach ein starker Hirsch aus, Merten schoß, fehlte aber. Da stand auf einmal, keine zwanzig Schritte von uns, der Förster, sein Gewehr schußrecht und befahl uns, stehenzubleiben. Ich hatte meine Doppelbüchse, schlug auch an, die Schüsse krachten fast zu gleicher Zeit hin und her, und der Förster lag am Boden. Ehe ich noch absetzte, sprang ein zweiter Mann aus dem Dickicht; er war kein Jäger, führte aber eine Flinte und rief uns an, was wir hier zu schaffen hätten? Da sah er den Förster liegen und schrie nun Mordio und Hilfe. Vor Schreck und Angst wirbelte mir der Kopf. ›Mach ihn stumm!‹ raunte mir Merten zu. Ich gab aus meinem zweiten Rohr Feuer. Der Mann tat einen Schrei, taumelte, dabei ging sein Gewehr los, und wir liefen, was wir konnten.« – Neu aufkommender Schmerz, ohnmächtiger Zorn, daß es ihm nicht vergönnt gewesen, den Vater zu schützen oder zu rächen, Beschämung über das Unrecht gegen einen Mann, der ein schuldvolles Leben durch den Tod für seinen Feind gesühnt hatte – das alles tobte in Günthers Brust wild durcheinander, bis ein Gedanke übermächtig und sonnenhell den Aufruhr stillte: keine Blutschuld stand mehr zwischen ihm und Else. Er sprang auf und wollte zu seiner Mutter eilen, doch der Amtmann trat ihm in der Tür entgegen, schüttelte ihm die Hand und sagte: »So leid mir's tut, jetzt muß ich sie noch aufhalten. Ich habe schon den Diener nach Falkenborn geschickt, ihres Vaters Gewehr zu holen und – ihm noch aufgetragen, der Frau Försterin einstweilen davon zu erzählen.« Nun wurde alles mit juristischer Genauigkeit geprüft, die Gewehre mit dem des Mörders verglichen und von gleichem Kaliber befunden, so daß zuletzt kein Zweifel übrigblieb. Doch war manche Stunde vergangen, ehe Günther sich in den Sattel schwingen und auf dem Braunen nach Hause jagen konnte. Mutter und Sohn umarmten sich unter Tränen. »Laßt uns Gott inbrünstig danken«, sprach Frau Helbig, »daß er Licht gesandt hat. Was ist der Schmerz der aufgerissenen Wunde gegen die Labung des Balsams, der nun Heilung bringt? Deines Vaters Andenken glänzt wieder makellos, und auch jener arme Mann steht schuldlos vor aller Welt. Was wird aber nun mit Else, dem Kind des Wildschützen?« Einen Augenblick kämpfte Günther noch, dann antwortete er entschlossen: »Ein Jahr der Pein hat mich ausgeglüht und den Standeshochmut von mir genommen; ich liebe Else! Und wenn ich ihr Herz gewinne, willst du sie als Tochter willkommen heißen?« Da sprach die Mutter freudig: »Gott segne deine Wahl so, wie ich es tu!«

Zu derselben Stunde trat ein Mädchen aus der Ebene. Die Waldluft kühlte ihr die heißen Wangen, und der Fluß, dem sie entgegenschritt, bewillkommnete sie heimatlich mit seinem munteren Rauschen. Kein Begegnender, der ihren heiteren Gruß nicht gern erwiderte, der nicht stehenblieb und dem schlanken Mädchen wohlgefällig nachsah. Erst als die Nacht schon hereingebrochen war, hielt Else in einem Wirtshaus kurze Rast. Da setzte die Wirtin sich neben sie und fragte freundlich nach dem Ziel der Reise. »Nach Falkenborn«, lautete die Antwort. »Du mein Gott! Da muß es ja noch gute vier Stunden hin sein«, sprach die Frau, »bleib lieber bei uns über Nacht, Kind, deine Freunde werden dich nicht mehr erwarten, und du mußt sie aus dem Schlaf pochen.« – »Da müßt' ich freilich lange klopfen«, sagte das Mädchen, »habt aber nicht Sorge um mich, mein Häusle ist keine Festung, und wenn's nicht forgelaufen ist, find' ich schon Eingang.« – »Ich hab' mir sagen lassen«, versetzte die Wirtin, »daß von ganz Falkenborn nur noch das Forsthaus steht.« – »Behüte Gott!« rief Else erschrocken, nahm rasch Abschied und trat wieder in die klare Nacht hinaus. Der Hauch des Flusses wehte ihr frisch und ermutigend entgegen, die Sterne blinkten tröstlich auf sie herab, und als die dunklen Waldberge, von beiden Seiten näher tretend, das Tal verengten, die Sägen der Schneidemühlen schnaubten, das Wasser dann und wann plötzlich aus den Gerinnen niederbrauste, die Eisenhämmer, in schwerem Takt gewaltig pochend, Flammen und Funken über das Dach hoch hinaufsprühten und breite Streifen blendender Glut über den Fluß hinstrahlten – da fühlte Else sich heimisch und schon halb zu Hause. Um jede Waldecke eilte die Sehnsucht ihr voraus und trieb sie ungeduldig, die Schritte zu beschleunigen. Doch verging Stunde um Stunde, schwere Müdigkeit kam über Else, daß sie wie träumend vorwärts schritt, nach nichts verlangend als nach Ruhe unter dem eigenen Dach. Der Landstraße folgend, kam sie endlich durch das stille Hirschbach, drüber hinaus umspann sie, gleich Wiegenliedern, das allbekannte sanfte Murmeln des Flüßchens. Jetzt war sie bei der einzelnen großen Tanne am Weg, träumerisch lächelnd sah sie an ihr hinauf; nun noch eine Biegung des Weges, und jetzt, jetzt hörte sie schon ihren Brunnen vor dem Haus, wie er seinen Strahl übermütig sprudelnd in den Trog schoß. Da war alle Müdigkeit verscheucht, jauchzend sprang sie auf ihn zu, zum Haus – wo war es? Sie schloß und öffnete die Augen, alles blieb leer und öde ringsum, das Forsthaus allein hob sich finster und stattlich gegen den dämmernden Himmel ab. Mit einem Schrei des tiefsten Jammers sank sie neben dem Brunnen hin.

Der Morgen graute kaum, als Günther nach einer Nacht voll unruhiger Träume von seinem Lager aufsprang, dem Knecht zurief, das Pferd zu satteln, und sich rasch ankleidete; er hatte den Entschluß gefaßt, zu Else nach Steinsdorf zu reiten. Dann trat er, die Tür öffnend, in den kalten Morgen. Da sah er eine dunkle, verhüllte Frauengestalt neben dem Brunnen sitzen. Voller Ahnung eilte er hinaus, Juno sprang bellend vor ihm her, doch, nahe kommend, schmeichelte der Hund und schmiegte sich an. »Else!« rief Günther. »Else, bist du es?« Das Mädchen fuhr auf und starrte ihn an, doch als sie ihn erkannte, wandte sie sich ab und brach in Tränen aus. »Komm, Else, steh auf«, bat Günther angstvoll, »an deinem Mantel und in deinem Haar hängt der kalte Tau. Komm in das Haus!« – »Wo ist mein Haus?« fragte Else, und solch bittrer Schmerz und Vorwurf lag in Ton und Blick, daß Günther die Augen niederschlug. »Günther, warum stand die arme Hütte dir im Wege? Du wußtest ja, daß sie mein einziges Obdach auf der Welt war. Bin ich dir denn mehr zuwider als der elende Bettler, dem du Herberge gönnst, wenn er nichts anderes hat, sein Haupt hinzulegen? Was hab' ich dir getan, daß du mich so verfolgst mit deinem Haß?« Günther fühlte kaum das Gewicht der Anklage, er hätte niederstürzen und ihre Knie umfassen mögen, doch er drängte den Ausbruch seiner Leidenschaft zurück, und innerlich bebend, sprach er so hart, wie er vermochte: »Die Hütte war mein; aus Erbarmen hatte ich sie stehen lassen, doch als ich hörte, du machtest unten im Land dein Glück, war mir's noch lieber, und ich habe sie fortgeschafft. Hast du dein Glück verscherzt, so kann ich nichts dafür.« Wie von einem Schlangenbiß getroffen, fuhr Else auf, ihr dunkles Auge flammte, und ihre Stimme zitterte vor Stolz und unendlichem Weh: »Bist du der Günther, den ich liebhatte wie einen Bruder? Haben denn Hochmut und Haß dein Herz ganz verwandelt? O über deine heuchlerische Gnade, durch die du mich ärger beschimpfst als meinen Vater, du arglistiges, erbärmliches Herz! Ehe ich von dir Almosen nähme, verschmachtete ich lieber. Bleib du allein und freundlos, ich will meine Heimat und dich vergessen und zu denen gehen, deren Lieb' und Treue ich um deinetwillen zurückgestoßen habe.« – »Um meinetwillen?« rief Günther und faßte ihre Hände. »Geliebte, sieh, das ist deine Heimat; nirgends in der Welt findest du Lieb' und Treue wie in meiner Brust. Verzeih mir, was ich in der Qual der Leidenschaft dir angetan; dort steht dein Haus. Sprich, willst du einziehn als meine Braut und drin walten als mein geliebtes Weib?» Sprachlos lauschte Else Günthers Worten wie fernher klingender wunderbarer Musik, ihr Auge hing ungläubig an seinen Lippen, süße Schauer durchbebten sie. »O sprich es aus, daß du mich liebst!« bat Günther und umschlang sie. »Du liebst mich?« flüsterte sie selig lächelnd; doch plötzlich fuhr sie zusammen, riß sich los und stöhnte: »Meines Vaters Blut!« – »Es ist nicht mehr zwischen uns«, sprach Günther, »dein Vater ist schuldlos und brav gefallen von der Kugel dessen, der auch meinen Vater getötet hat.« – »Schuldlos – von aller Welt erkannt – o du gnädiger Gott!« rief Else und hob Blick und Hände gen Himmel in lautlosem Gebet; auch durch Günthers Herz zog Dank und Andacht. In strahlender Glorie stieg die Sonne empor, und goldnes Licht floß von den Bergen in das grüne Tal hinab. Vom Glanz umwoben, in holder Scham erglühend, wandte sich Else jetzt zu Günther, seligstes Glück schimmerte aus ihren feuchten Augen; sie widerstrebte nicht mehr, als er sie in seine Arme schloß, und als er abermals fragte: »Liebst du mich?« barg sie den Kopf an seiner Schulter und sprach: »Mehr als mein Leben lieb' ich dich!« – Doch endlich mochte Else meinen, daß der zärtlichen Bestätigung ihres Bundes nun genug sei; traulich umschlungen setzten sich beide auf die niedere Mauer von Huberts Haus, neben dem Brunnen, der noch wie einst so übermütig sprudelte, blickten einander selig in die Augen oder lachten und plauderten gleich frohen Kindern, bauten in die Zukunft hinein, erinnerten sich an die vergangenen Zeiten, und wenn Günther dazwischen gar zu oft nach Elses roten Lippen verlangte, wehrte sie hold lächelnd dem Ungestüm, scheuchte ihn neckend mit der Hand und rief: »Gehst gleich!«, wie damals am Hahnenstein. Plötzlich gewahrte sie, daß das Fenster in Frau Helbigs Stube schon geöffnet war, und sagte tief errötend und erschrocken: »Deine Mutter hat uns gesehen, ach, wie soll ich vor sie treten?« – »Komm nur getrost, mein süßes Herz«, sprach Günther und führte sie an der Hand zum Forsthaus. Juno, dem die Unterhaltung am Brunnen wohl weniger gefallen hatte, sprang, mit lustigem Bellen den Einzug der Braut verkündend, voraus, und an der Tür trat Frau Heibig dem Paar entgegen. Sie küßte Else unter Freudentränen: »Mein liebes Kind, Gott segne deinen Eingang!« Dann führte sie die beiden in das Stübchen, wo die Tische und Schränke aus Huberts Haus wohlgeordnet, festtäglich sauber standen, das blanke Zinngerät in der Morgensonne prächtig blitzte und die alte Schwarzwälder Uhr gerade zu schlagen begann und zwischen jedem hellen Klang ein muntres »Kuckuck« rief. »Mein Stüble, mein trautes Stüble!« jauchzte Else, »du herzliebste Mutter!« Frau Helbig schloß sie in die Arme und sprach: »Da schau, ob du mir willkommen bist als Tochter!«

Fünf Jahre sind hingeflogen über den Glücklichen, leicht und unmerklich wie Blüten im Frühlingshauch vom Baume wehen, keine, die nicht eine Frucht angesetzt hätte. Und jetzt ist es wieder Frühling, die Maisonne weckte überall wohliges Leben. Der Wald ertönt von Vogelschlag. Hie und da ein paar bejahrte Obstbäume unter dem jungen schlanken Nachwuchs und einzelne alte Fliederbüsche erinnern an das Ehedem; doch wo die Hütten sonst gestanden, kann man nicht mehr erkennen vor den geraden Gängen und den mit Gemüse bepflanzten, von Blumenrabatten eingerahmten Beeten; nur neben dem neu in Stein gefaßten Brunnen, der noch ebenso frisch und lustig sprudelt, ist auf den alten Grundmauern ein ländliches Gartenhaus erbaut. Frau Helbig hat eben noch auf der Bank vor der Försterei gesessen und ihrem ältesten Enkel vergeblich gewehrt, ihr die Blumen und Gräser händevoll in den Schoß zu tragen. Jetzt ist sie aufgestanden und hat den kräftigen Buben an die Hand genommen, um den Fürsten zu begrüßen, der in seiner Jagddroschke anfährt. Der alte Herr ist rüstig und läßt sich von seinem kleinen Paten mit einem derben Handschlag willkommen heißen, dann setzt er sich mit Frau Helbig auf die Bank, fragt nach den jungen Leuten und richtet seinen Blick auf den Wiesenpfad, wohin Frau Helbig deutet. Die schlanke Frauengestalt, den Säugling auf dem Arm, die dem Förster entgegeneilt, der eben aus dem Walde tritt und seinem zärtlichen Gruße die Lippen bietet – das ist Else, heiter und schöner als je. Wohlgefällig schaut der Fürst zu dem Paar, dann über den blühenden Garten und wendet sich nun freundlich zu seiner Nachbarin, während er dem Kind, das sich auf seine Knie lehnt, die hellen Locken aus der Stirne streicht: »Wie alles unter ihrer Hand sich gestaltet, ordnet und gedeiht; hat sie nicht dieses Tal zu einem Paradies der Liebe umgewandelt?« – »Sie denkt noch mehr zu schaffen auf dem Land, das Durchlaucht ihr zum Brautschatz geschenkt haben«, sprach Frau Helbig, »dort unten hin soll dieses Jahr eine Schneidemühle kommen, und wenn es vergönnt wird, will sie braven Arbeitern Häuschen bauen lassen, dem im Garten ähnlich.« – »Immer zu«, antwortete der Fürst, »des Menschen Recht steht höher als das vom Tier des Waldes; laßt sie gewähren, sie mag ein neues Falkenborn gründen.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.