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Kalendergeschichten

: Kalendergeschichten - Kapitel 7
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W. O. von Horn

(Friedrich Wilhelm Philipp Oertel)

(1798-1867)

Ein Vater und sein Kind

Wenn ihr so abends in die Spinnstube hineintretet mit einem herzlichen: »Gut'n Abend!« und unser Gevatter sitzt schon da, hat seine alte Klammbrille auf der Nase und das Buch in der Hand und sagt: »Steckt die Hängeampel an und setzt euch!«, da denkt mancher und manche unter euch: Was wird's denn heute geben? Etwas zum Lachen oder ein Rätsel, über das wir uns die Köpfe zerbrechen können, oder eine Geschichte, die uns eine Gänsehaut über den Rücken laufen läßt – oder werden wir wieder von einem Mann hören, wie Kolumbus einer war, der's auch erfuhr, daß Undank der Welt Lohn ist? Zerbrecht euch die Köpfe und wartet's fein ab. Der Spinnstubenschreiber will euch heute eine Geschichte vorlesen lassen, die er, wenn er zu wählen gehabt hätte, lieber hätte verschweigen mögen; aber wer kann etwas gegen die Wahrheit? Es liegt auch eben vieles drin, was manchen und manche ins eigne Herz hineinweist und ihm einen Spiegel vorhält, in dem das eigne Bild zu schauen ist, so oder so, und noch etwas, das nach oben hindeutet, wo einer wohnt, der gesagt hat: »Mein ist die Rache; ich will vergelten!«

»Nun, Gevatter, lest nur!«

»In einem Landstädtchen meines Heimatlandes lebte ein armes Mädchen, das früh seine Eltern verloren hatte. Wohlwollende Menschen nahmen sich des Mädchens an und ließen es im Nähen und Kleidermachen unterrichten, als es der Schule entwachsen und konfirmiert war. Gretchen begriff das herrlich und war ihres Fleißes, ihrer Geschicklichkeit und ihres sittsamen Betragens wegen bei allen Familien der Stadt beliebt. Sie verdiente so viel, daß sie hätte einen Mann ernähren können, wenn es nicht eine Schande wäre, daß sich ein Mann wollte von seiner Frau ernähren lassen! Dabei war Gretchen schön wie eine aufblühende Rose, und gar manches reiche Mädchen hätte gern ihr liebliches Gesichtchen, ihre himmelblauen Augen, ihr reiches blondes Haar eingetauscht, wenn's eben gegangen wäre. Nun, sie hätte auch den Tausch mit dem Herzen riskieren können, ohne befürchten zu müssen, daß sie etwas dabei verlöre!

Nur eins war, was stillen, braven Leuten nicht gefiel: das Mädchen wurde eitel. Sie sah, daß sie den Burschen gefiel, ja, daß mancher junge Herr sie durch die Brille (die sie oft bei sehr guten Augen tragen, weil's Mode ist) mit Wohlgefallen betrachtete und ihr über die Maßen freundlich war – und das verrückte ihr den Kopf ein bißchen. Das ist immer gefährlich für junge, hübsche Mädchen. Sie meinen gleich, sie wären etwas Besonderes. Unter den vielen, die dem hübschen Gretchen gefallen wollten, war auch mancher brave Mensch, mit dem sie gewiß glücklich geworden wäre; aber es wollte ihr keiner so recht gefallen; es war halt der Rechte noch nicht.

Wahrlich, es ist verwunderlich, wie töricht oft das Menschen- oder, daß ich's bei'm rechten Namen nenne, das Mädchenherz ist! Eine treue, ehrliche Seele läßt es laufen, weil vielleicht das Gesicht nicht so hübsch ist wie das eines Bruders Leichtfuß; weil er nicht so keck ist wie jener oder etwa nicht so leicht tanzt und den Windbeutel macht. Da heißt's gleich: ›Es ist ein Taps, ein Tölpel, ein Simpel!‹

Es geht leider so in der Welt, und auch Gretchen stieß manchen wackern Menschen von sich und legte ihm einen jener drei Ehrennamen bei, und – gab ihm ein tiefes Weh mit auf den traurigen Lebenspfad, den sie ihm und er ihr gar freundlich hätte machen können bis zu jenem Feierabend, wo uns das Vesperglöcklein zum letzten Male läutet. Von einem weiß ich's gewiß, es war der brave Schneider Andres.

Endlich kam der Rechte.

Aus der Fremde kam ein Wagner heim, der Jacob Leidig, der sollte sogar Kutschen machen können und unglaublich geschickt sein. Er hatte im Städtchen Haus und Hof; wollte sich jetzt eine Frau suchen und seßhaft werden. Er war ein Prachtbursche, das ist wahr: groß, gut gewachsen, trug einen Backenbart um das Kinn herum und einen Schnurrbart. So war keiner mehr in der Stadt. Gekleidet ging er wie ein Prinz, klapperte mit dem Geld in der Tasche und hatte Manieren, so fein wie ein Franzose, das heißt recht glatt und einschmeichelnd, und er konnte reden wie ein Buch – aber es war nichts dahinter als ein Bruder Liederlich. Wer konnt's ihm ansehen? Er betrug sich so anständig, ging in die Kirche, kartete nicht, trank nicht über Gebühr und kam nicht einmal alle Sonntage ins Schießhaus tanzen. Kam er aber, so tanzte er noch schöner als der verrückte Tanzmeister, der vor etwa sieben Jahren die Kinder tanzen und Französisch lehrte, den Leuten die Krähenaugen schnitt und mit Sympathie die Warzen vertrieb. Der war auch etwas Besonderes gewesen, und den übertraf Leidigs Jacob, das sagten alle Mädchen. Ja, hätte der tanzen gelehrt, sie hätten alle noch einmal bei ihm gelernt.

Als ihn Gretchen am Sonntagnachmittag, wo sie mit dem jungen Spengler und seiner Frau, die eine gute Freundin von ihr war, zum Schießhaus gegangen war, zum ersten Male sah, pochte ihr das Herz, als wollte es aus der Brust herausspringen.

Aus dem ist etwas geworden! dachte sie, und die junge Spenglersfrau sagte: ›Gretchen, hast du Leidigs Jacob schon gesehen? Weißt du noch, es war immer so ein struppiger, ruppiger Bub; aber jetzt – sieh ihn nur einmal an! Das wär' was für dich! Man sieht's einem doch gleich an, wenn er in Frankfurt war und auch ein bißchen in Paris.‹

Das Gretchen wurde rot und unterdrückte einen Seufzer, der etwa soviel sagen wollte: Ja, der wird sich viel um dich kümmern! Sie tanzte darauf mit dem Schneider Andres, der sie so liebhatte, den sie aber nicht leiden konnte.

Die Spenglersfrau sagte: ›Wie sie wieder dahinschwebt! Schade, wenn sie der simple Schneider kriegen sollte!‹

Als der Leidig das Gretchen tanzen sah, was machte der Augen! ›Ist das Mädchen von hier?‹ fragte er einen guten Freund.

Der erwiderte: ›Kennst du denn Ambergers Gretchen nicht mehr?‹

›Das muß ich sagen!‹ rief der Jacob Leidig aus, ›so etwas Hübsches hätte ich hier nicht gesucht! Die tanzt ja wie eine Pariserin und ist so hübsch wie dort keine!‹ ›Gelt!‹ sagte der gute Freund, der das Kompliment für seine Vaterstadt überhörte, sich aber freute, daß doch der Jacob einmal etwas in der Stadt fand, was ihm gefiel; denn er tadelte alles und pflegte zu sagen, wer in Frankfurt und Paris gelebt habe, der langweile sich schrecklich in so einem Nest wie seiner Vaterstadt, und es sei doch auch alles hier gar zu armselig.

Als nun das Gretchen wieder bei ihrer Freundin saß, trat er vor sie hin, machte einen modischen Kratzfuß wie ein preußischer Fähnrich und sagte sehr galant: ›Kann ich die Ehre haben, den nächsten Walzer mit Ihnen zu tanzen?‹

Das Gretchen wurde rot wie eine Essigrose, verneigte sich und lispelte: ›Recht gern!‹ Und damit hatte sie gar nicht gelogen.

›Der hat Manieren und Lebensart!‹ sagte die junge Spenglersfrau, ›das muß man sagen. Ein galanter Mensch. Man sieht's einem doch gleich an, wenn man in Frankfurt und ein wenig in Paris war!‹

Das ärgerte ihren Mann, einen grundbraven Spengler, der sein gutes Auskommen hatte, der aber nicht in Frankfurt und in Paris gewesen war. Was er dachte, konnte er nicht gut verschlucken, zumal, wenn es etwas Ärgerliches war; darum sagte er etwas bissig zu seiner Frau: ›Gelt, so ein Windbeutel gefiele dir auch besser als ein ehrlicher Mann. Es ist schade, daß du nicht mehr ledig bist.‹

Die junge Frau ließ das Mäulchen hängen und dachte: Wärest du in Frankfurt gewesen wie ich, so wärest du höflicher und artiger gegenüber deiner hübschen Frau.

Die Musik begann. Der Wagner holte Gretchen und die beiden tanzten gar zu schön.

Alles rief: ›Solo!‹

Aller Augen folgten dem schönen Paar.

Jacob tanzte fortab nur mit Gretchen.

Die Spenglerin hätte auch gern getanzt; aber ihr Mann war beleidigt, gekränkt und ließ sie sitzen. Endlich sah sie ein, sie müsse wieder gutes Wetter machen. Das verstand sie noch besser als ein Kalendermacher. Sie begann mit ihrem Mann wieder freundlich zu flüstern, und als die Musikanten ihre Geigen zum nächsten Schottischen stimmten, war der Himmel wieder so weit klar, daß sie zum Tanz antraten.

Als sie um acht Uhr nach Hause gingen und Leidig Gretchen begleitete, sagte er ihr so viele Schmeicheleien, daß dem Mädchen schier der Kopf schwindelte. Er beschwerte sich gar sehr über die Ehrbarkeit seiner Vaterstadt, die so früh heimzugehen nötige, da das rechte Vergnügen erst angehe, wenn es nicht mehr so gedrängt voll sei. Übrigens, setzte er hinzu, sei nun sein Vergnügen aus, da sie nicht mehr da sei. Er wolle auch nach Hause gehen. Er ging auch nach der Spitalgasse, wo sein Haus lag; aber als er um eine Ecke bog, wo ihn Gretchen nicht mehr sehen konnte, ging's linksum zum Schießhaus.

Am anderen Morgen schlief Jacob Leidig noch recht tief, da saß die junge Spenglersfrau schon bei Gretchen, um den gestrigen Tag und seine Freuden zu besprechen. Da fiel denn das Lob für Leidig nicht dünn aus, und sie plauderte dem Mädchen den Jacob noch vollends in den Kopf und in das Herz hinein.

Schon nach vierzehn Tagen hieß es in der ganzen Stadt: ›Ambergers Gretchen und Leidigs Jacob sind Brautleute.‹

›Das glückliche Gretchen!‹ sagten die seufzenden Mädchen und die Spenglersfrau.

›Das arme Gretchen!‹ sagten die Leute, die tiefer sahen und besser prüften; denn die merkten an den Federn, was der Jacob für ein Vogel war. Ein Handwerksmann, der den ganzen Tag mit gewichsten Stiefeln und im Sonntagsrock umhergeht, ist nicht eben der Art, daß man viel Vertrauen auf seinen Fleiß und seine Sparsamkeit setzen kann.

Ob Gretchen gewarnt wurde? – Ich weiß es nicht gerade, aber ich glaube es doch; es ist indessen, wenn einmal eine Sache so weit ist, mit den Warnungen wie gar oft mit gutem Rat; er kommt entweder ungelegen oder zu spät. Kurzum, sie wurden ein Paar.

Nachdem sie getraut waren, hat sich der Jacob seine Werkstatt eingerichtet, um – nichts zu arbeiten. Er hatte eine erstaunlich große Schwäche für Langschlafen und Spazierengehen. Während Gretchen in den Häusern der Kunden fleißig nähte und Wunders dachte, wie wacker der Jacob daheim arbeite, saß er im Wirtshaus und lebte herrlich und in Freuden. Bald merkte Gretchen, daß er lieber die ganze Woche blaumachte als bloß den Montag.

Gretchen konnte doch dazu nicht schweigen. Sie machte ihrem Manne Vorhaltungen, aber der sagte, er sei nicht heimgekommen, um sich hier krumm zu arbeiten und dergleichen. Das war der erste Windstoß, der in das eheliche Glück fuhr. Bald folgte ein Sturm, und von da an stürmte es täglich; denn Jacob Leidig wollte gut essen, tüchtig trinken und nichts arbeiten. Nun mußte das arme Gretchen Spiel- und Trinkschulden bezahlen, und über kurz oder lang kam einmal der Geldverleiher, als Leidig nicht zu Hause war, und forderte die Zinsen von seinem Darlehen.

Gretchen erschrak auf den Tod.

›Wofür denn?‹ fragte sie.

›Mei‹, sprach der Wucherer, ›stell sie sich nicht unwissend. Sie weiß doch, daß ich ein Hypothekchen habe?‹

›Hypothek!‹ seufzte die arme Frau mit Entsetzen. ›Was hat er denn beliehen?‹

›Gott's Wunder: Was wird er beliehen haben? Haus und Hof und die paar Äcker! Hab ihm doch zwölfhundert Gulden drauf vorgeschossen, als er nach Paris ging. Paris ist ein heiß' Pflaster, und der Staat kostet auch Geld. Spazierengehen zahlt keine Zinsen.‹

Ein Tränenstrom perlte über die todbleichen Wangen der armen Frau, und sie lief zur Spenglerin.

Die rief ihren Mann, erzählte ihm die Geschichte und sagte: ›Fritz, wer hätte das gedacht?‹

›Nun, nun‹, sagte der Spengler, ›der hat Manieren und Lebensart; man sieht's doch einem Menschen gleich an, wenn er in Frankfurt und auch ein bißchen in Paris war.‹

Die Frau wurde rot, senkte beschämt den Kopf und schluckte die bittere Pille. Das arme Gretchen schlich weinend hinaus.

Was es da für Auftritte gab, läßt sich wohl denken. Der Geldverleiher ließ Haus und Hof versteigern, und nun wohnten sie zur Miete; aber Leidig blieb der alte. Vier Kinderchen flehten endlich um Brot, und die arme Mutter mußte sie und den Mann ernähren. Viele bemitleideten sie und taten ihr Gutes, aber es half nicht; denn der verworfene Mensch brachte alles durch. Fluchen und Schwören, Hader und Zwietracht, zuletzt selbst Mißhandlungen, wenn Gretchen nicht genug verdiente, das war das tägliche Brot, und aller Segen wich von ihnen.

An einem frühen Morgen hieß es: ›Jacob Leidig ist fort!‹ Es war richtig. Weib und Kind hatte der Gottvergessene verlassen. Was aber das Schlimmste war – Gretchen hatte sich einen Sparpfennig heimlich zurückgelegt, um die Miete bezahlen zu können, den hatte Jacob durch das älteste Kind ausgekundschaftet. Die Tür war aufgebrochen; die Kiste geöffnet und der Sparpfennig auch noch gestohlen! Wer es getan? Oh, diese Frage konnte man sich sparen.

Von Jacob Leidig hörte man nichts mehr.

So gottvergessen von seiner Seite das Verlassen seines Weibes und seiner Kinder war, so hielt man es doch für ein Glück für Gretchen und ihrer Kinder. Sie wurde mildtätig unterstützt. Sie arbeitete nur fleißiger und es wäre alles gutgegangen, wenn nur das ständige Gebücktsitzen Gretchens Brust nicht geschadet hätte. Den Kummer und die durchwachten, durcharbeiteten und durchweinten Nächte konnte jedermann auf den bleichen Wangen, in den matten, leblosen Augen lesen. Das Elend und der Jammer machen früh alt; aber das trockene Hüsteln der armen Frau war das Bedenkliche. Gewaltsam hielt sie sich aufrecht. Die Mutterliebe ist eine Macht, die alles besiegt – nur den Tod nicht. Der hatte sich ein warmes Nest in Gretchens Brust bereitet, und daraus vertrieb ihn auch der Doktor nicht mit all seinen Pillen und Tränklein.

Als endlich die Blätter fielen, da war der Weg zum Grab für Gretchen nicht mehr weit; aber ach, wie weit war der Weg zur Ruhe! Wer sorgte für die armen Kinder? Diese Sorge quälte die arme Mutter unendlich, und ihre Sorgen schüttete sie in das Herz der Frau des Spenglers, die kinderlos war.

Da kam eines Tages der Spengler und sagte: ›Gretchen, ich habe keine Kinder, und meine Frau hat mitgeholfen an deinem Unglück, freilich wohl nicht mit Absicht und Willen – aber – ich nehme das kleine Lieschen zu mir an Kindes statt, und will's erziehen, daß es nicht –‹ Er schwieg; denn er sah eben mit Schrecken, daß er dabei war, mit einem harten Wort Gretchen unendlich weh zu tun. Er verschluckte es und sagte: ›Kurzum, Gretchen, ich will es gottesfürchtig erziehen und für es sorgen wie ein Vater für sein Kind.‹

Und als noch der Spengler dastand, klopfte es schüchtern und leise an die Tür, und es trat der Schneider Andres ein, der ein wackerer Mann war und mit sechs Gesellen arbeitete.

Als er Gretchen sah, übermannte ihn sein Gefühl, und ein Tränenstrom stürzte aus seinen Augen. Ach, er war einer, der sie treu geliebt hatte, und er war ledig geblieben!

Über das totenblasse Gesicht Gretchens flog eine Röte, als er eintrat. Auch sie weinte. Als aber Andres ruhiger geworden, sagte er: ›Gretchen, ich habe niemand in der Welt, der mich liebhat, gib mir eins deiner Kinder! Ich will es liebhaben, wie –‹ fast hätte er gesagt: wie seine Mutter. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort: ›Ich will es gut erziehen, und es soll mein Erbe sein, wenn ich einst einsam sterbe!‹

Gretchen faltete ihre Hände und sah betend nach oben, und ich weiß nicht, ob sie allein Gott dankte oder ob sie auch dabei sagte: »Vergib mir, Herr, daß ich dieses Herz von mir stieß!«

Wem hätte sie besser ihr Kind geben können als dem grundbraven Mann? Zwei waren wohlverwahrt. Der Älteste war Austräger bei einem Kaufmann und der Zweitälteste lebte bei einem weitläufigen Vetter in Mainz, der ihn das Sattlerhandwerk lehrte, und das hat auch seinen goldenen Boden.

Nun war ja so ziemlich gesorgt für die Kinder, und das Mutterherz war etwas erleichtert. Als der Novemberwind über die Stoppeln pfiff, da brach das betrogene Herz, und die Spenglersfrau drückte ihr weinend die Augen zu. Sie war kaum dreißig Jahre alt, als sie starb. Ihr letztes Gebet galt ihren Kindern und der Besserung ihres Mannes.

Allgemeine Teilnahme erwiesen ihr die Bewohner der Stadt. Jedermann sagte: ›Sie ist eine brave Frau gewesen!‹ Die Eitelkeit ihrer Jugend, die sie in das tiefe Weh gestürzt hatte, erwähnte jetzt niemand mehr, obwohl jeder daran dachte. Es wäre ja auch zu spät gewesen!

Drei ihrer Kinder gerieten recht gut; nur der älteste der Knaben hatte ein störrisches, hartes Gemüt, und die Leute sagten: ›Das ist doch der leibhaftige Jacob Leidig! Er sieht aus wie sein Vater und ist wie der!‹ – Und doch war er anders; denn Geiz war des Jacob Leidigs Fehler nicht, wohl aber der seines Sohnes, der ebenso hieß. Erst war er Austräger bei dem Kaufmann; dann wurde er Lehrling und zuletzt Ladendiener. Dem einen wog er Salz; dem andern gab er Geld heraus, und die dritte fragte er: ›Nun, schönes Kind, was beliebt?‹ – Und das alles ging in einem Zuge. Der Kaufmann mußte selbst sagen, daß er nie einen so gewandten Menschen gehabt und daß sein Geschäft nie so floriert habe wie jetzt. Übrigens wußte das Bürschchen auch, was er wert war; forderte immer höheren Lohn, bis ihn endlich der Kaufmann laufen ließ und sagte: ›Man kann selbst Butter zu teuer bezahlen, und die ist lauter Fett.‹

Nach einer Reihe von Jahren kam übrigens der jüngere Jacob Leidig heim, kaufte sich ein Haus, richtete einen flotten Lebensmittelladen ein und schrieb mit halbellenlangen Messingbuchstaben daran: ›Spezerei-Waren-Handlung von Jacob Leidig.‹ Er hatte viel Zulauf wegen seiner Manier und Art; aber beliebt war er nicht; denn der Geiz ist ein Wurzel allen Übels. Kam ein Armer, so stieß er ihn von seiner Tür, schimpfte und zankte wie ein Rohrspatz, und – niemand mochte ihn.

Die beiden Leidig-Mädchen heirateten brave Männer, und der andere Sohn ließ sich als Sattler in Worms nieder und wurde auch ein rechtschaffener Mann.

Ob sie ihrer armen Mutter gedachten? Wer kann's wissen? Den Vater hielten sie wie alle Welt für tot, weil man nichts von ihm hörte; aber der war nicht tot!

Er war wieder nach Frankreich gegangen und hatte dort – arbeiten gelernt. Ja, ja, es ist eine kuriose Geschichte, daß der leere Beutel einen leeren Magen nach sich zieht und daß der Magen vernünftigen wie unvernünftigen Vorstellungen gar kein Gehör gibt. Er nimmt keine Vernunft an. Jacob Leidig war damals noch jung, als er sein armes Weib verließ und seine armen Kinder. Wie schön hätte sich der Mensch ernähren können in seiner Vaterstadt! Eigentlich schämte er sich, ordentlich zu werden in seiner Vaterstadt. So seltsam das klingt, so wahr ist es. Da liegt eben eins von den vielen Rätseln des menschlichen Herzens, das schon der Prophet des Alten Testaments ein trotzig und verzagt Ding nennt.

Zu Paris lernte er arbeiten, weil die Not schlimmer hinter dem leichten Gesindel aufkehrt als die Polizei. Freilich wurde er nicht so fleißig wie zu Hause seine arme Frau, die sich totarbeitete; aber er brauchte es auch nicht; denn er verdiente viel und hatte nur für einen Mund zu sorgen. Seinem alten Wesen blieb er indessen treu, und ans Sparen dachte er nicht. Für die Kranken, dachte er, sind ja die Hospitäler da. Darum ließ er sich's gut sein, lebte, so weit es ging, herrlich und in Freuden und plagte sich nicht mit Gedanken an Weib und Kinder. Gretchen sorgte ja für sie und sich selber!

So trieb's denn der Gewissenlose jahraus, jahrein; aber dann wurde er alt. Mit dem Alter aber kommen auch das Weh, die schlechten Augen, die kraftlosen Hände und Arme – und wer nicht frühzeitig gesorgt hat, dem wird's freilich im Alter gehen wie Jacob Leidig. Der Fabrikherr nämlich, bei dem er arbeitete, merkte, daß es bei ihm nicht mehr mit der Arbeit gehen wollte. Er ging von dem Grundsatz aus, daß die Barmherzigkeit ein Artikel ist, bei dem im Handel nichts zu gewinnen ist. Er gab daher dem Jacob Leidig an einem Samstagabend seinen Lohn und damit: Gott befohlen! – Und das nicht einmal, sondern er sagte ihm mit dürren Worten, daß er ihn nun nicht mehr brauchen könne.

Das war eine Musik, die klang nicht lieblich. Leidig dachte: Willst du mich nicht mehr, so will mich ein anderer. Was scher' ich mich drum! – Aber mit dem Finden des andern, der ihn wollte, hatte es so seine Flausen. Er fand ihn nicht. Das Wochengeld ging fort. Es war Winter und kalt; der Magen leer.

Das Betteln ist eine Kunst, bei der man schnell zum Meister wird. Leidig verlegte sich auf dieses Geschäft; allein in der großen Stadt sind der Bettler viele und der Gebenden wenige. Am Abend hatte er nur einige Pfennige für eine Schlafstelle, aber zum Essen nichts, und am andern Tage faßte ihn die Polizei und sperrte ihn ein. Da hatte er wohl eine Zeitlang freie Kost und Wohnung, aber nicht zum besten. Als er wieder frei war, verließ er Paris und zog als Vagabund durchs Land. Das wäre so leidlich gegangen, wenn er nicht krank geworden wäre. Ein arger Husten quälte ihn. Der war eine Folge des Branntweintrinkens. Man nahm ihn in ein Hospital; allein der Husten wurde immer schlimmer. Seine Brust war ruiniert, und ein Blutsturz erfolgte. Nach langer Zeit schien er auf dem Weg der Genesung; aber da kam etwas anderes. Auf dem Krankenbett erwachte das Gewissen des Verstockten. Da dachte er an sein Haus in der Hospitalgasse seiner Vaterstadt und wie er Hab und Gut durch die Gurgel hatte fließen lassen; da dachte er an das gute Weib, dessen Leben er elend gemacht; an seine verlassenen Kinder; an die Pflicht, die er, Gottes Gebot zuwider, versäumt; an das pflichtvergessene Leben, das er geführt – kurz – sein schändliches Tun stand vor seiner Seele, und es brannte in ihm eine Flamme, die seine Tränen nicht löschen konnten. Er wälzte sich Tag und Nacht auf seinem Bett und ächzte und klagte sich selber furchtbar an.

Die Wärter sagten zu dem Doktor: ›Gebt ihm doch Arznei!‹ Der Doktor aber sagte: ›Ruft den Pfarrer. Er hat ein Seelenfieber, gegen das kann ich kein Rezept verschreiben. Da helfen nur des Pfarrers Pillen, die man aber nicht mit dem Mund ißt. In seiner Brust‹, schloß der Doktor, ›ist einer wach geworden, der im Dienst dessen steht, der da sagt: Irret Euch nicht; Gott läßt sich nicht spotten.‹

Der Pfarrer kam, und sie ließen ihn lange mit ihm allein. Als er endlich wegging, fanden die Wärter den Leidig, wie er auf seinem Angesicht lag und bittere Tränen weinte. Sie ließen ihn allein. Gegen Mittag des andern Tages stand er auf, zog seine zerlumpten Kleider an, bedankte sich und ging fort. Sie sahen ihm mitleidig nach, und als der Pfarrer kam und nochmals nach ihm fragte und er hörte, daß er fort sei, sagte er: ›Ja, ja, den treibt's von Ort zu Ort ohne Ruhe. Gott gebe, daß er die Heimat finde!‹

Und die Wärter wußten nicht, ob der Pfarrer von der Heimat hier unten oder von der droben sprach. Vielleicht von beiden, denk' ich; doch – wer weiß es?

Der Pfarrer hatte recht. Es zog den Leidig fort mit einer unwiderstehlichen Gewalt. Er fühlte, daß er zum Grab nicht mehr weit hatte. Er wollte die Vergebung seines betrogenen Weibes, seiner verlassenen Kinder suchen und dann sterben.

Bettelnd zog er von Ort zu Ort, und gern gaben die Leute dem Mann, der ein Bild des Jammers und Elends war und den man gar nicht zu fragen brauchte: Wohin? Weil alles hindeutete auf das enge, stille Haus, in dem auch ein Welteroberer Raum genug hat.

Mancher, der ihm einen Kreuzer oder ein Stück Brotes gab, sagte: ›Der hat auch nicht mehr weit!‹, aber er hatte noch recht weit, und die Kräfte schwanden mehr und mehr; der Atem fehlte, und oft stand er lange da, weil er wegen dem krampfhaften Husten nicht weiterkonnte.

Wie es im Innern aussah, läßt sich denken. Der trostlose, verzweifelte Blick, die Seufzer – oh, die sagten mehr, als es Worte gekonnt hätten. Und das, was der Seele allein Trost und Frieden gibt, das fehlte ihm. Er konnte nicht beten. Er wagte es nicht, weil seine Seele zu schwer belastet war und weil leider ihm das Beste fehlte; der Glaube.

Je näher er aber der Vaterstadt kam, desto banger wurde ihm. Sein Herz pochte fast hörbar, und seine Glieder zitterten. ›Leben sie noch?‹ fragte er sich, und wenn er an die Möglichkeit dachte, daß Gretchen tot sein könnte, schüttelte es ihn wie Fieberfrost.

Endlich glänzte der wohlbekannte Kirchturm mit seinem vergoldeten Kreuz im Strahl der untergehenden Sonne, und das Vesperglöcklein hallte so hell und eigentümlich mahnend zu ihm herüber. Ach, da tat sich vor ihm der Abgrund seiner Verworfenheit auf, und seine Seele wollte vergehen.

Die Arbeiter gingen fröhlich heim. ›Ach‹, sagte er, ›die erwartet Liebe und Freundlichkeit; aber mich?‹

Niemand achtete auf den wankenden Bettler. Niemand kannte ihn. Er fühlte mit jedem Schritt seine Kräfte mehr schwinden.

Nur mit großer Anstrengung wankte er weiter. Da kam er an das schwarze Tor des Kirchhofs.

Es war offen, und Leidig war es, als zöge ihn eine unbekannte Hand hinein, und dennoch zitterte er, als er über die Schwelle trat. Zwischen den Reihen der Gräber schwankte er hin. Da fiel sein Auge auf ein eingesunkenes Grab. Er las die verblaßte Inschrift: ›Margarethe Leidig, geborene Amberger‹; und mit einem Schrei der Verzweiflung sank er am Grab zusammen.

Der Totengräber, der eben auch einem Heimgegangenen das kühle Bett machte, hörte den entsetzlichen Schrei, der Mark und Bein durchdrang, richtete sich auf und sah den umgesunkenen Bettler. Er eilte zu ihm hin, und da er einen Krug mit Wasser bei sich hatte, wusch er den Armen an, daß er wieder zu sich kam.

Aber wie erschrak der Totengräber, als ihn der Bettler mit dem starren Blick ansah und fragte: ›Wie lange ruht sie schon?‹

›Ich weiß nicht genau‹, antwortete der Totengräber, ›aber es ist schon viele, viele Jahre her, und der Unmensch, der Leidig, der sie ins Elend gestürzt, war noch nicht lange fort, da hat sie Gott erlöst.‹

›Der Unmensch bin ich! Ich! Ich!‹ rief Leidig darauf, wälzte sich auf der Erde und schlug an seine Brust, daß dem Totengräber ein Entsetzen ankam.

›Ihr wäret der Jacob Leidig?‹ fragte er endlich.

›Ja, ich bin ihr Mörder!‹ rief Leidig aus und raufte sich die wenigen grauen Haare aus. ›Oh, nehmt Eure Hacke‹, schrie er dann, ›und schlagt mich tot!‹ Und wieder schlug er an seine Brust, daß es klang, als schlage er gegen eine leere Tonne. Da kam der Husten mit entsetzlicher Gewalt.

Dem Totengräber grauste es.

Er nahm Ledig am Arm und zog ihn von der Erde weg und zum Kirchhof hinaus, um ihn zu seinem Sohn, dem Spezereihändler, zu bringen.

Immer heftiger hustete der Arme, und es drang Blut aus seinem Mund. Er ließ sich willenlos von dem Totengräber fortziehen.

Jetzt hatten sie das Tor erreicht. Ein Haufen Neugieriger folgte. Nahe dem Tor stand des Spezereihändlers stattliches Haus, und er lehnte in seiner Tür im damastenen Schlafrock, schmauchte seine Pfeife und sah hinaus, als wolle er jedermann fragen: Wer kann's besser als ich?

›Herr Leidig‹, sagte der Totengräber, der nur mit großer Anstrengung den todkranken Mann noch halten konnte, ›hier bring' ich Euch Euren Vater; erbarmet Euch doch seiner!‹

›Was?‹ schrie der. ›Mein Vater? – Ich habe keinen Vater mehr! Fort mit dem Vagabunden, daß er mir mein Haus nicht besudelt!‹

Und er stieß den Totengräber zurück, daß er taumelte. Der Kranke fiel aus seinen Armen auf die weißen Stufen des Hauses. Ein Blutstrom entquoll seinem Mund, und unter den Flüchen seines Kindes hauchte der Vater seine Seele aus.

»Macht das Buch zu, Gevatter, es ist genug für heute!«

Der Versucher

Wo der liebe Gott eine Kirche hat, da baut der Teufel gewiß ein Wirtshaus nebendran. Das sagt eins unserer Sprichwörter und trifft damit wieder einmal recht den Nagel auf den Kopf. Die folgende Geschichte beweist das auf eine ebenso betrübliche als schlagende Weise.

In einem Dorf, nicht weit vom Rhein abgelegen, war kein Wirtshaus. Wirklich? fragt ihr. Ich sage: Ja, und gerade, daß ihr euch darüber wundert, das beweist leider, daß fast immer der Teufel neben die Kirchen Gottes sein Wirtshaus gebaut hat.

Es war dort nicht nötig. Eine Landstraße führte nicht durch das einsam im Walde liegende Dorf. Fremde kamen selten hin, und da noch des Apostels Wort galt: »Herberget gerne«, so fanden Spengler, Scherenschleifer, auch wohl einmal Kleinkrämer und ebenso arme Leute und Handwerksburschen, die sich dahin verirrten, gar gerne eine Herberge und Nachtlager, auch einen Platz und Teil beim Essen um Gottes willen, das heißt auch: ohne Bezahlung und aus Liebe und Menschenfreundlichkeit.

Die Männer und Burschen arbeiteten abends wie am Tage und blieben daheim oder gingen mit ihrer Arbeit in ein Nachbarhaus in die Spinnstube.

Was arbeiteten sie denn im Winter? fragt vielleicht mancher, der nicht weiß, was er tun soll, um die Zeit herumzubringen.

Ei, darauf will ich gerne und genau antworten, weil ich das Dorf und die Leute aus der Nähe genau kennengelernt habe. Erstlich stricken die Männer, Burschen und Buben, die Strümpfe für sich und die ganze Familie, soweit der Vorrat Wolle reichte, den sie sich im Herbst auf dem Hunsrück kauften, und damit hatten manche den ganzen Winter zu tun, besonders Väter, die viele Kinder hatten und meist Mädchen, die alle spannen oder nähten. Andere schnitzten auf einer Schnitzbank Rechen, fertigten Dreschflegel, Heugabeln, Schippenstiele und solche landwirtschaftlichen Geräte, und was sie nicht für sich brauchten, das wurde verkauft. Noch andere banden Kehrbesen und Birkenreisig auf den Verkauf; wieder andere machten aus Stroh Bienenkörbe, Backkörbe aus Weiden oder Schienen von Haselholz; wieder andere flochten große und kleine, grobe und feine Körbe aus Weiden. Geschicktere, die man Poßler nannte, hatten Drechslerbänke und Hobelbänke und machten allerlei nützliche Geräte, selbst Eimer und kleine Tonnen und Bütten. Damit wurde sehr viel Geld im Winter verdient, und mancher stand sich im Winter so gut wie im Sommer. Mehrere verstanden auch aus den Blöcken der Eichenstämme Weinbergpfähle mit großem Geschick zu reißen, und die verdienten unstreitig am meisten. Da nun überdies die Leute sehr sparsam waren, ihr Brot selber backten und in ihrem Fleiß miteinander wetteiferten, so stand das Dorf sehr gut, und es war in mehr als hundert Jahren kein Bettler darin gewesen.

Es war auch nicht groß, denn vierzig Häuser machten das ganze Dorf aus. Unter den ebenso betriebsamen wie zurückgezogen lebenden Leuten herrschte Frieden und Eintracht. Selten kam ein Prozeß vor das Gericht. Kamen Streitigkeiten vor, so legten sich die Nachbarn in der Regel darein und schlichteten sie. Zur Kirche mußten sie eine halbe Stunde weit gehen; aber sie waren die fleißigsten Kirchgänger in der Pfarrei, und die Sonn- und Festtage wurden still und heilig gehalten, wie es Christenmenschen zukommt.

Wer das Dorf kannte, hatte seine Freude dran, und war einmal einer in Geldverlegenheit, so lieh ihm jeder in der Stadt mit Freuden, weil er nicht nur seine Zinsen auf die Stunde der Verfallzeit empfing, sondern weil auch gewiß alle Jahre ein Teil der Kapitalsumme abgetragen wurde.

So ging's jahraus, jahrein. Der Ackerbau blühte, und die Viehzucht war berühmt. Die Metzger fanden mehr fettes Vieh in dem Dorf als in den anderen mageres.

Dabei hielten sich die Leute fern von den unseligen neuen Moden. Sie trugen sich noch nach der echten alten Art wie ihre Väter: Lederbuxen und blaue Tuchwämser und sonntags Röcke nach dem alten Schnitt, und die Frauen machten's ebenso. Tüllhauben sah man nicht. Die Mädchen gingen ohne Kopfbedeckung, und die Frauen trugen Nebelkappen.

Einmal starb eine Familie aus, und da minderjährige Kinder da waren, so mußten Haus und Güter versteigert werden.

Nun steigerte dies Haus ein junger Mann aus einem fremden Dorf, der seines Zeichens ein Bäcker war.

Kaum war er eingezogen, so dachte er: Es ist hier kein Wirtshaus. Du mußt mal etwas probieren!

Er war ein leichtfertiger Bursche, erfahren im Kartenspiel und allen Dingen, die einen Menschen auf die Wege führen können, die ein ehrlicher Mann meidet.

In seinem Haus war kein Tanzboden, wie denn im ganzen Dorf keiner war. Er ließ nun zwei ziemlich große Oberstuben zu einer machen und neu dielen, daß man eben darin tanzen konnte, und eines schönen Morgens im November steckte ein grüner Tannenstrauß über der Haustür und hing ein Brett darüber, auf dem standen auf schwarzem Grund mit großen weißen Buchstaben geschrieben: »Allhier guter Branntwein bei Johann Peter Bisser«, so hieß er nämlich. Dabei lag er im Fenster und sagte zu den Vorübergehenden: »Nun, Hans, Peter, Jakob – oder wie sie hießen – Ihr werdet mich doch auch einmal besuchen? Ich muß in eure Leimsiederei hier einmal ein anderes Leben bringen, damit ihr doch auch leben und euer Leben genießen lernt wie andere ehrliche Leute!« Das gefiel manchem wohl, und er sagte: »Ja!«

Samstags war das geschehen. Sonntagmorgens standen gar prächtige Brötchen auf einem neuen Brett vor dem Fenster, die glänzten, daß man schon von ferne Lust bekam, eines zu essen.

Nun ließen sich einige solche Brötchen holen, um sie in die Mittagssuppe zu schneiden, andere, um abends Eierschnitten zu backen, noch andere, um sie in den Kaffee zu tunken.

»Es schmeckt gut«, sagten sie, »und kostet ja nicht viel!«

Sonntag abends sagte ein Trupp junger Burschen: »Wir wollen einmal zu dem Bäcker gehen.«

Er war ungemein höflich. Sie setzten sich an den Tisch, und er fragte: »Ist euch ein Gläschen Branntwein gefällig?«

Nun konnten sie doch nicht anders – es kostete auch nur sechs Pfennige, und es war Anis drin, und er war süß wie Zucker und schmeckte erstaunlich gut.

Aus einem Gläschen wurden zwei, und nun plauderten sie, und der Bäcker war eine erzlustige Haut; wußte Stückelchen zu erzählen, daß man sich schier totlachen mußte. Der Abend war schnell vorüber, und als der Wächter zehn Uhr blies, gingen sie nach Hause und mußten sich selber sagen: So einen vergnügten Abend hatten sie doch lange nicht gehabt.

Als sie am Montagabend in der Spinnstube saßen und strickten, wußten sie gar nicht genug zu rühmen, wie gut der Schnaps des Bäckers sei.

»Ihr habt gut reden«, sagten die Frauen. »Wir wissen's aber doch nur vom Hörensagen. Seid so ehrlich und holt uns auch einmal.«

Das war denn doch eine Ehrensache! Die Burschen legten zusammen, und es wurde ein Schoppen von dem süßen Schnaps geholt und getrunken, der alt und jung gar vortrefflich schmeckte.

Aber es fiel doch an den folgenden Wochentagen auf, daß bald dieser, bald jener fehlte, der sonst regelmäßig in der Spinnstube war. Kamen sie am folgenden Abend wieder und wurden gefragt, wo sie gewesen wären, so antworteten sie: »Beim Bäcker; denn da kann man auch stricken und ist gute Gesellschaft da und ein Gläschen Kurzer.«

Am Sonntagabend war des Bäckers Stube gepfropft voll. Er hatte die Hände voll zu tun; denn zu dem süßen Anisschnaps schmeckte auch eine frische Semmel vortrefflich. Es kostete gar wenig: so ein Gläschen Schnaps sechs Pfennige und ein Brötchen drei! Was war das schon, wenn man die ganze Woche gesessen und gearbeitet hatte?

Es waren aber auch alte Leute da, die ganz bedenklich den Kopf schüttelten und meinten, der Bäcker sei auch kein Segen für das Dorf; denn Gelegenheit mache Diebe! Das waren aber so alte Knasterbärte, die an den uralten Schlendrian gewohnt waren und meinten, wenn einmal der Wagen aus dem tiefausgefahrenen Gleis gehe, so wäre nichts gewisser, als daß er gleich umfiele. Das war aber ja doch gar nicht nötig!

Die alten Leute haben so ihre Grillen, die man ihnen lassen muß. Ob man sich dran stört, das ist ja eine andre Frage, und die Jugend kommt bekanntlich in unsrer Zeit viel gescheiter auf die Welt als früher, ja, als selbst die alten Leute sind. Das Sprüchlein: Erfahrung geht vor Lehre, ist auch alt, und darum soll man sich nicht drum kümmern. So dachten die gescheiten Burschen und gingen zum Bäcker und tranken da süßen Schnaps, der so wohlfeil und gut war.

Von da an wurde das Haus auch an den Wochentagen besucht. Wie es aber so geht in der Welt – man plaudert sich aus. Gelesen wurde beim Bäcker nicht.

So kam's denn wohl öfter, daß es so still wurde, daß man höchstens hörte, wenn einer mit dem Boden des leeren Glases auf den Tisch klopfte und sagte: »Noch eins!«

Der Bäcker war begreiflicherweise verpflichtet, für die angenehme Unterhaltung seiner Gäste zu sorgen. Das verstand sich von selbst.

So kam er denn eines Abends und legte ein Spiel Karten auf den Tisch und sagte: »Ich will euch mal lehren, wie man sich bei mir zu Hause die Zeit vertreibt! Da setzen sich zwei, drei, vier zusammen und spielen irgendein Kartenspiel. Wer's verliert, zahlt ein Glas Schnaps und ein Brötchen oder, wenn sie Leute sind, die etwas gelten wollen, einen halben Schoppen Schnaps und vier Brötchen. Was herauskommt, wird in der Gesellschaft vertrunken und vergessen, oder sie setzen in ein Schüsselchen, jeder, der verliert, nämlich einen Groschen. Wenn sie nun bis zehn Uhr gespielt haben, wird das, was verloren worden ist, vergessen und vertrunken, und jeder hat etwas davon.«

»Das ist prächtig!« riefen gleich ein paar Burschen und setzten sich an. Die andern stellten sich drum herum und sahen dem Spiel zu.

Etwas Schöneres gab's nicht! Da plauderte man sich doch nicht aus und mußte auch nicht die alten Geschichten ewig anhören, die doch zuletzt gar erstaunlich langweilig wurden.

Diese Unterhaltung gefiel so gut, daß schon in der folgenden Woche an den Werktagabenden Schnaps und Brötchen ausgespielt wurden. Der Winter war ja auch lang, und man konnte stricken, flechten und bosseln genug! Der Mensch will ja doch auch einmal ruhen und froh sein!

Lange trieben sie's so; aber auf die Dauer wird alles langweilig, wenn nicht Abwechslung dabei ist. Ein Gläschen Schnaps und vier Brötchen war doch auch für vier Leute zuwenig! Man nahm einen halben Schoppen, und daraus wurde ein ganzer.

Nun kamen die Burschen und jungen Männer manchmal nicht allein heim. Es saß noch einer im Kopf, und dem war alles nicht recht. Zankte dann noch gar die Frau, so gab's Hader und selbst Mißhandlungen. Zankten die Alten, so ging der Sohn brummig in die Kammer und kam morgens widerwillig heraus. Die Arbeit war keine Lust mehr, sondern eine Last, und die alten Leute, die doch hätten bedenken sollen, daß sie auch einmal jung waren, gönnten doch auch ihren Kindern gar keinen Spaß! Man meinte, sie wären in ihrer Jugend lauter Heilige gewesen!

Am Ende fand das Spielen um Schnaps und Brötchen keinen Beifall mehr. Das konnte sich ja jeder nach Belieben kaufen. Sie begannen um Geld zu spielen. Der Gewinn machte fröhlich, man trank eins, noch eins! Der Verlust machte den anderen ärgerlich, und der Ärger mußte vertrunken werden.

Hatte einer einmal sein Geld verloren, so rief ihn der Bäcker hinaus in die Backstube und sagte: »Alterchen, du mußt fortspielen; das Blättchen wendet sich; du gewinnst gewiß wieder, was du verlorst.« Sagte der Verlierende unmutig: »Ich habe kein Geld mehr!«, so war gleich der Bäcker bei der Hand und sagte: »Närrchen, das tut nichts! Solange ich habe, hast du auch! Ich leihe dir, soviel du willst. Kannst mir's zu gelegener Zeit wiedergeben, und kein Mensch erfährt's.« Da hieß es dann: »So gebt mir mal einen Taler!«

Nun ging das Spiel frisch an.

Gewann er, so bekam's der Bäcker wieder; verlor er, so lieh er noch einen Taler.

Ehe es Ostern war, kam der Bäcker nicht zu sich selbst. Sein Haus war abends wie vollgestopft. Manche gingen auch morgens schon hin, ein Gläslein trinken. Andere saßen schon mittags bei ihm. Es war fast kein Haus, wo nicht Hader und Unfriede, Ehestreit, ja selbst Prügelei war; allein das Übel war eingerissen und die Versuchung zu groß. Es steckte schon ordentlich im Blut!

Die Spinnstube war verödet. Nur Mädchen und Frauen und alte, ehrbare Männer saßen drin, und statt froher Rede, statt Vorlesens guter Bücher hörte man Geschichten von Hausstreit und Zank; man erzählte, wie dort ein Sohn seinen Eltern die Frucht vom Speicher stahl und dem Bäcker um einen Spottpreis gab, damit er seine Spiel- und Trinkschulden zahle; hier ein Mann das Geld zu ihm trug, womit das fällige Ziel ersteigerten Ackers hätte bezahlt werden sollen, und dergleichen mehr. Manche junge Frau wischte heimlich eine Träne weg; eine andre seufzte, und wieder andre fluchten dem Bäcker in wildem Haß und Zorn und drohten ihm mit bitterer Rache!

Kurz, der Segen war aus dem Dorf gewichen, aus den Häusern, aus den Herzen.

Wenn's Sommer gewesen wäre, hätte auf dem Kirchweg Gras wachsen können; denn wenn man die Samstagnacht bis ein Uhr – und so weit war's schon, daß um zehn Uhr niemand ans Heimgehen dachte – beim Spiel und Branntweinglas gesessen hatte, so war's am Sonntagmorgen doch zu früh Tag, wenn's auch erst um halb acht hell wurde; dann war's doch erschrecklich kalt; der Schnee nicht gebahnt; man hatte Kopfweh – kurz, es war einem gar nicht danach zumute, so früh schon über den Berg in die Kirche zu laufen. Die Kirche war ja auch kein Frosch; sie hüpfte nicht weg!

Wenn die Kinder sagten: »Mutter, warum betet der Vater nicht mehr abends mit mir?«, so antwortete die arme Mutter mit einem tiefen Seufzer: »Er ist noch draußen!« Und fragten sie: »Warum auch morgens nicht mehr?«, so sagte sie schmerzvoll: »Ich will's tun!« und tat's auch, und der Mann schlief seinen Rausch von gestern aus. Und fragten sie: »Warum ist er nicht mehr so freundlich gegen uns wie früher?«, so schwieg sie mit tiefem Weh im Herzen stille oder belog gar die armen Kinder und sagte, sie irrten sich! Und es war doch leider so! Nun fehlte auch oft das Geld für Salz, Öl und dergleichen Dinge, die man kaufen mußte.

Wenn der Steuererheber kam, war kein Geld da. Ei, da wußte der Vater Rat! Der Bäcker hatte Geld wie Wasser. Der lieh ja das Spielgeld, warum nicht auch das für die Herrschaft?

Niemand fand sich besser dabei als der Bäcker. Er wurde, so schien es wenigstens, ein reicher Mann, und die Bauern wurden arm.

Schon gegen Ostern mußte er ein neues Schuldbuch kaufen, denn das alte war voll.

Die armen Frauen wußten's gar nicht, wie tief manche Männer da in der Tinte saßen!

Als das Frühjahr kam und die Arbeit, ließ es etwas nach. Der Bäcker sann auf Neues.

Neben seinem Haus lag sein Garten, der sich weit hinter die Scheuer zog. Ein Wirtshaus ohne Kegelbahn ist eine Lumperei, und ein Dorf ohne Tanzmusik alle vierzehn Tage oder vier Wochen ist doch etwas Unerhörtes. Noch armseliger ist aber eins, das nicht einmal eine Kirmes hat!

In diesem Winter war ja genug verdient worden. Er konnte etwas anwenden. Da ließ er denn das schöne Pflanzfeld stampfen, die Obstbäume weghauen und baute eine gar schöne lange Kegelbahn und überdeckte sie mit Ziegeln, daß sie hübsch trocken blieb, und baute unten ein Häuschen dran, worin Tische und Bänke standen und das hübsch zu war, daß man diejenigen nicht von der Straße aus sah, die darin saßen.

Nun ging sonntags, gleich nach Mittag, das Kegeln an und dauerte bis in die Nacht. Es wurde einem warm dabei. Nun wurde auch getrunken.

In der Woche war freilich die Kegelbahn leer; aber wenn's ein paar Tage regnete und man doch nicht aufs Feld gehen oder fahren konnte, so war ja doch nichts Besseres zu tun, als auf die Kegelbahn zu gehen. Der Bäcker borgte auch guten Freunden das, was sie tranken – und gute Freunde waren alle, die nur kamen.

Für das junge Volk gab's erst am zweiten Ostertag und am zweiten Pfingsttag Tanzmusik. Das söhnte die Mädchen mit dem Bäcker aus. Sie meinten, seit der im Dorfe sei, werde man doch auch einmal seines Lebens froh.

Später hielt er alle drei Wochen Musik. Es kamen Fremde ins Dorf, und es wurde alle Tage schöner.

Im Herbst mußte auch Kirchweih oder Kirmes sein. Alle Dörfer in der Runde hätten sie ja auch. Sollte das Dorf zurückbleiben?

Ein Kirmesbaum wurde gesetzt und drei Tage gejubelt und getanzt und gezecht.

Am Ende wurden die Alten und Weiber des Zankens und Scheltens müde. Sie konnten ja doch den Strom nicht dämmen. Sie schwiegen, und manche – machten's am Ende mit.

Als aber nun die Ernte eingebracht war, rief der Bäcker heute diesen, morgen jenen und sagte: »Alterchen, wir wollen einmal rechnen. Es ist Zeit. Ich kann doch die Zinsen nicht verlieren und will doch auch leben und bezahlen.« Nun wurde gerechnet, und mit Schrecken sahen sie, daß heute ein Groschen und morgen einer bald einen Taler und ein Viertel-, ein halber, ein ganzer Schoppen am Ende ein Kapital machten.

Da sagte der Bäcker: »Bring mir Frucht! Arbeite mir dafür! Oder stell mir einen Schuldschein aus!«

Der eine brachte Frucht, versteht sich, nicht um den Marktpreis, denn da wäre doch der Bäcker ein Narr gewesen.

Ein anderer arbeitete für ihn drei, vier, acht Tage und versäumte seine eigene Arbeit. Der dritte stellte einen Schuldschein zu sechs Prozent Zinsen aus. So war's gut.

Man hätte denken sollen, das hätte sie klug gemacht, und das Sprüchlein hätte seine Anwendung gefunden: Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Aber abwärts rollt der Wagen leicht.

Es ist leider sehr schwer, eine üble Gewohnheit abzulegen, leicht, eine sich anzugewöhnen. Das Spiel ist eine der heillosesten Gewohnheiten und reizt deswegen so sehr, weil immer die Hoffnung des Gewinnes die Habsucht aufstachelt; aber es ist leichter noch, daß sich ein Spieler bessert als ein Trinker. Da lockt immer der Reiz im Gaumen. Dabei macht der Branntwein den Menschen so sehr zu seinem Sklaven, daß er am Ende gar keine Willenskraft mehr hat und, um sein unseliges Gelüsten zu befriedigen, lügt, betrügt, stiehlt und raubt. Die Ehre ist fort; die Achtung verscherzt; die sittliche Würde und Selbstachtung dahin; die Gottlosigkeit eingekehrt; da ist nichts mehr zu verlieren, und gleichgültig gegen Gott, Gewissen und Pflicht sinkt der Säufer von Stufe zu Stufe tiefer, bis kein Aufstehen mehr ist.

Nicht anders ist's mit dem Herumludern und Faulenzen. Hat sich einmal einer dem ergeben, so macht ein Kreuz über ihn. Er ist verloren!

Mit gar vielen Haushaltungen in dem unglücklichen Dorf stand es schon so. Die Kinderzucht lag im argen. Aus wohlgearteten Kindern waren zuchtlose, wilde Rangen geworden. Auch die Mütter waren tief gesunken. Unreinlichkeit, Gleichgültigkeit war eingerissen. Sie verkauften an sogenannte Kotzelweiber, was auf- und loszubringen war, und naschten auch. Trank der Mann Schnaps, so halfen sie ihm eben oder tranken dafür heimlich Kaffee.

Seit Menschengedenken war kein uneheliches Kind geboren worden. Jetzt waren im dritten Jahre des grünenden Unkrauts schon zwei im Dorf! Eine Familie hatte schon ihr Gut versteigern müssen, um den Bäcker und andre Schuldner zu bezahlen. Die Kinder gingen – betteln.

Es war vorauszusehen, daß die Zahl sich bald mehren würde. Und sie mehrte sich wirklich!

Waren sie denn alle so schlecht geworden? werdet ihr fragen, liebe Leser.

Darauf antworte ich, wenn ich auch mit einem tiefen Seufzer des Mitleids auf die vielen Opfer des Trunkes, des Spiels, des Lasters hinblicke, doch mit Freuden: Nein! Manchem Manne hatte eine fromme, treue, verständige Frau beizeiten noch die Augen geöffnet, der Pfarrer hatte treulich geholfen, und manchen Sohn hatten Vater und Mutter mit Hilfe des Seelsorgers gerettet.

Doch der Bäcker ist wohl ein steinreicher Mann geworden? fragt ihr mich.

Ich antworte: Kann der Fluch der Redlichen, kann der Fluch armer Mütter, tiefgebeugter Frauen, trostloser Eltern Segen bringen?

Legt die Hand auf das Herz und antwortet: Was sagt euch das untrügliche Wort Gottes?

Kann, so frage ich weiter, der, der das Verderben in so viele Herzen und Familien trug; der den Samen des Unkrauts mit teuflischer Berechnung seines Vorteils in den Weizen streute; der die Tränen und Seufzer so vieler Unglücklichen auf dem Gewissen hatte, glücklich geworden sein?

Fragt euer besseres Wissen und Gewissen und antwortet!

O ich weiß, was ihr antworten müßt, und auch ich muß es, weil es wahr ist: Nein! Und abermals: Nein!

Könnt' es fehlen?

Er arbeitete fast nichts mehr; denn er kartete mit den Gästen. Er mußte sie ja doch die Spiele lehren, die sie nicht verstanden!

Karteten sie Schnaps heraus, so mußte er als Wirt mitkarten, also auch mittrinken.

Es ging ihm wie den anderen. Es schmeckte gut und alle Tage besser. Er wurde ein Trinker und seine Frau eine Trinkerin. Sie war oft schon gegen Abend taumelig. Er abends gewiß.

Wie's da in der Haushaltung ging, brauch' ich nicht zu sagen. Leider bleibt auch selten ein Laster allein. Der Bäckerin sagten die Leute nichts Gutes nach, und sie logen nicht!

Sein Borgen und Leihen verwickelte ihn in Prozesse. Das fehlte noch!

Unglück auf Unglück traf ihn. Die schlechte Frau starb frühzeitig, denn solch ein Leben hält niemand lange aus. Nun hauste er mit Mägden, die ihn betrogen, liederlich im liederlichen Hause wurden, und alle Tage ging's tiefer hinab. Den Branntwein, den er so reißend schnell verzapfte, hatte er geborgt, damit er Geld in der Hand behielt und es so treiben konnte, wie ich's beschrieben habe. Da lief begreiflicherweise die Schuld auf. Der Branntweinbrenner in der Stadt, der ihm den Schnaps geliefert hatte, sah lange zu, weil er nirgends solchen Absatz hatte und der Bäcker ja doch Haus und Güter besaß. Dann stand er mit braven Leuten aus dem Dorf in Bekanntschaft, daß er wohl den Wert des Hauses und der Güter kannte. Er gab ihm so lange, bis es so weit war, daß Haus und Gut noch eben zureichen mochte.

Da schellte eines Tages der Büttel im Dorf aus, daß morgen des Bäckers Haus und Hof versteigert werde. Da steckten sie die Köpfe zusammen und sagten: »Wie ist das möglich?«

Die Bessern sagten: »Uns wundert's, daß es jetzt erst so kommt!«

Der Notar kam an dem bestimmten Tag, und das Haus und die Güter kamen um ein Spottgeld weg.

»Warum steigert ihr's nicht?« fragte man die wohlstehenden, braven Leute.

»Wir mögen's nicht«, sagten sie, »denn es ruht der Fluch Gottes darauf.«

Der Bäcker zog mit seinen Kindern in seine Heimat zurück. Dort ist er elendiglich an der Wassersucht gestorben, die meist die Schnapsbrüder mitnimmt. Die Kinder nahmen Verwandte, die sich ihrer erbarmten, sonst wären sie Bettler, Landstreicher, wer weiß was noch sonst geworden!

In des Bäckers Haus begann ein anderer Wirtschaft zu treiben; aber es ging ihm nicht sonderlich. Er verstand's nicht wie sein Vorgänger.

Die Saufbrüder blieben zwar so lange dem Hause treu, als es ging; aber es ging nicht lange. Armut, Elend, Krankheit rafften sie dahin, oder es fehlte das, was der Wirt von seinen Gästen haben will, und Bettelbrot kaufte er ihnen nicht ab, wenn sie's auch hätten entbehren können. Das Dorf war heruntergekommen, war in seinen meisten Familien zerrüttet. Leider wuchs immer wieder eine Schar nach, die es den Alten absah, und ihre eigenen Familien waren die Pflanzschulen des Lasters geworden.

Wenn ich aber heute auf das Dorf hinblicke – und ich habe sichere Nachrichten –, so wird mir's doch wieder etwas leichter um das Herz.

Es geht etwas besser. Es sieht zwar noch immer nicht so aus, als ob nächste Ostern der Auferstehungsmorgen eines neuen Lebens für das Dorf käme; denn noch ist der Schaden nicht geheilt. Es ziehen mittwochs und samstags noch zu viele Bettler aus dem Dorf in die Umgegend, und an anderen Tagen auch; das Gotteshaus liegt ihnen noch zu weit weg, und im Sommer ist's zu heiß und im Winter zu kalt, und im Herbst und Frühjahr ist der Weg zu schmutzig; der Zwangsbote und der Gerichtsvollzieher kommen noch zu oft in das Dorf; die Kinder gehen noch barfuß, unrein und zerlumpt umher; man hört, wenn man durchs Dorf geht, in den Häusern zanken und fluchen, aber zum Beten fehlt die Zeit; es ist die Viehherde noch so klein und so mager, es liegen noch zu viele Äcker brach, und der Schnapsbrenner in der Stadt kann noch immer sagen: »Es sind gute Kunden!«

Da wird Gott noch schwere Heimsuchung senden müssen, ehe es wieder wird, wie es einst war. Aber seid ohne Sorgen: Der Herr kennt Zeit und Stunde!

Wie einmal ein Schneider die Nachtwächter narrte und – sie ihn!

In einer großen Stadt gibt's eine Menge Nachtwächter, ein ganzes Regiment; die haben alle ihre Gassen, wo sie wachen und die Stunde rufen und nebenbei auf liederliches Gesindel ein wachsames Auge haben müssen. Da ist der Nachtwächterdienst um vieles wichtiger als in einem Dorf. Nun wohnte einmal in einer solchen großen Stadt in einer Nebenstraße, und zwar in einer Dachstube, im fünften Stock eines Hauses ein Schneider ledigen Standes, der für einen Kleiderhändler arbeitete. Er verdiente ein Heidengeld, weil er eben nadelfix war und gut zuschneiden konnte, auch eine neue Mode auf der Stelle weghatte, aber das machte den Geißbock wild und lüftig. Wenn er abends von der Arbeitsstube des Kleiderhändlers wegging, geriet er regelmäßig noch in eine Schnapsbutike und trank sich einen Zopf an von dem verfluchten Branntwein, der Leib und Seele ruiniert. Dann war er ein Erzkrakeeler und bekam allemal mit den Nachtwächtern Händel. Einmal kam er einem von der Sorte auch schief unter die Beine und faßte ihn bei der Gurgel. Der Nachtwächter dachte, kurzer Prozeß ist da am besten, nahm seinen Stock und gerbte den windigen Schneider lederweich und schaffte ihn dann extra auf die Polizei, wo er acht Tage in der Stadtvogtei sitzen und drei Taler Strafe bezahlen mußte.

Die Prügel hätte der Schneider schon verschmerzt, aber das Geld und das Sitzen vergaß er dem Nachtwächter nicht und hatte bittern Haß auf die ganze löbliche Zunft. Er sann nun auf alle Weise, wie er sie einmal drankriegen könnte. Endlich war er im reinen und kam zu dem Spenglermeister, der unten im Hause wohnte, und sagte: »Können Sie mir nicht auf ein paar Tage das Stück Blechrohr da leihen, das den Ellenbogen hat?«

»Recht gern«, sagte der Spengler, und der Schneider nahm's und ging, und der Spengler dachte: Der Tagdieb wird dir's doch nicht gar verkümmeln? Er paßte daher auf; allein der Schneider ließ es ruhig in seiner Dachkammer stehen, und der Spengler wußte gar nicht, was er damit anfangen wollte. Den Abend kam der Schneider früher heim als sonst, nämlich schon um elf Uhr, aber ein Licht, das er angezündet hatte, blies er gleich drauf aus.

Es war eine fürchterliche Nacht, der Wind rüttelte an den Dachfahnen, daß sie unheimlich knarrten; losgebundene Läden schlugen hier und da. In den Kaminen heulte der Wind und stöhnte ordentlich, daß es mancher abergläubischen Seele ganz unheimlich wurde. Es war Vollmond, aber der Wind jagte zerrissenes Gewölk am Himmel hin, daß es manchmal taghell und dann wieder tiefdunkel war. Das sind so die Nächte, wo in der Kindheit leider durch allerlei grundlose und spukhafte Erzählungen das Gemüt geängstigt wird, und es gibt alte Narren und Esel genug, die selbst noch unheimliche Gefühle in solchen Nächten nicht loswerden können. Es ist eine Schande für einen Christenmenschen, und ich möchte sagen: Es ist recht, wenn so einer, so ein alter Kindskopf, ordentlich gehänselt wird.

Der Schneider wußte, daß das Rohr, welches das von der Dachrinne aufgefangene Regenwasser in die Gosse leitete, ziemlich nahe an der Erde seine Mundöffnung hatte. Er setzte nun oben in den Wasserfang sein Stück Rohr mit dem Knie, und es paßte herrlich, und das Knie reichte gerade bis an sein Fenster, an dem er einen durchbrochenen Laden hatte. Den macht er halb zu und wartete geduldig ab, bis seine Zeit kommen würde.

Als der Nachtwächter, der ihm damals das Fell gegerbt hatte, nun an der Ecke stand, um mit dem Schlag seine zwölfte Stunde zu rufen, tönte es auf einmal neben ihm dumpf und hohl aus der Erde: »Hilf mir! Hilf mir!«

Der Nachtwächter tat einen Satz von der Stelle weg, als hätt' er auf eine giftige Natter getreten. Es überlief ihn eiskalt! Die Nacht war ohnehin so gruselig. Was war das? fragte er sich. Er zog seine Blendlaterne heraus, leuchtete überall herum. Es war kein Kellerloch da, keine Kloakenöffnung; nirgends sah er einen Menschen, von dem der Ruf könnte gekommen sein. »Peter Bummel!« rief es wieder ebenso dumpf. »Du kannst mir helfen. Hilf! Hilf! H-i-l-f!«

Jetzt, wo ihm die Angst schon den Kopf verrückt hatte, meinte der Nachtwächter, es sei vor ihm, wogegen es das vorige Mal hinter ihm war. Es wurde ihm ganz schwindelig.

Abermals überlief es ihn mit einer Gänsehaut. Er leuchtete wieder, aber da war nichts, was irgend den Grund zu dem Glauben hätte abgeben können, es äffe ihn jemand. Jetzt trat der Mond hinter der dunkeln Wolkenschicht hervor und beleuchtete alles hell und grell. Da rief es zum dritten Male: »Peter Bummel, gedenke deiner Sünden! Rette mich, so sind sie dir vergeben!«

Jetzt war es aus mit Peter Bummel, dem Viertelsnachtwächter. Er rief mit bebender Stimme seine Stunde und machte sich fort. Zitternd am ganzen Leibe kam er auf die Wachtstube der Nachtwächter. Seine Kameraden sahen es ihm an, daß da etwas nicht geheuer war; aber er gestand nicht und sagte bloß, es sei ihm unwohl. Sie schickten ihn heim und versprachen ihm, seine Stelle zu vertreten; er aber sagte, er wolle dann lieber noch die Stunde am warmen Wachtstubenofen sitzen bleiben. Eigentlich aber tat er's bloß, um zu hören, ob sein Stellvertreter auch die Geisterstimme hören würde, zumal ja der alte Aberglaube lehrt, daß erst um ein Uhr die Geister wieder an den Ort ihres Gebanntseins müßten.

Der aber rief endlich eins und hatte weder etwas gesehen noch gehört. Jetzt war's dem Peter Bummel zu bunt. Er ging heim in sein Bett und erzählte seiner abergläubischen Frau die Geschichte, und sie konnten vor Angst kaum schlafen.

Der Schneider, der's wohl merkte, daß für seinen Erbfeind ein anderer dastand, legte sich nun ganz gemütlich in sein Bett, lachte sich ins Fäustchen und schlief prächtig im erquickenden Gefühl, daß er sich gerächt habe. – Aber –!

Was hat aber denn der Galgenvogel von Geißbock gemacht? fragt ihr, liebe Leser. Ich will's euch sagen. Das Stück Rohr mit dem Knie steckte er in das abwärtsführende Leitrohr der Dachrinne, und das Knie des Rohres reichte just an seinen Mund hinter dem halb geschlossenen Laden. Nun sprach er da hinein, und der Schall drang dumpf, aber um vieles verstärkt unten aus der Mundöffnung des Rohres heraus, daß der Nachtwächter meinte, er käme aus der Tiefe der Erde. An das Rohr und an einen Schelmenstreich kam kein Gedanke, kein Argwohn in seine Seele.

Am andern Tage ging Peter Bummel an die Stelle und besah sich alles ganz genau noch einmal, aber auch jetzt entdeckte er nirgends etwas Verdächtiges, da er an das Rohr nicht dachte. In halber Todesangst begann er abends seine Pflicht zu tun. Alles blieb ruhig. Heute schien der Mond silberklar. Es ist wie am Tag. Er blies elf. Alles still! Ach, dachte er: Heute gibt's nichts! Er lebte ordentlich wieder auf.

Mit mehr Mut kam er eine Viertelstunde vor zwölf. »Jetzt schlägt's zwölf«, rief er seine Stunde aus.

»Peter Bummel!« ertönte da langsam und gedehnt die entsetzliche Gespensterstimme. »Tu Buße, daß du mich erlösest, sonst komme ich und folge dir nach, wohin du auch fliehst!«

Da sträubte sich des Nachtwächters Haar, und die Angst des Todes ergriff seine Seele. Er lief, was wer laufen konnte, zu seiner Frau und erzählte es ihr.

»Warte«, sagt sie, »ich gehe mit dir, denn du mußt an die Stelle, sonst verlieren wir unser Stücklein Brot, das uns ernährt.«

Als es Zeit war, gingen beide an die Ecke.

Jetzt rief's: »Peter!«

»Was soll ich?« fragte die Frau, die mehr Mut hat als ihr Mann.

Da stach aber den Schneider eben der Hafer. Es wurde ihm nachgerade langweilig, und er wollte die Nachtwächter alle hänseln. »Bringe um ein Uhr alle deine Zunftgenossen hierher, die du zusammenbringen kannst!« rief's dumpf und hohl aus der Erde.

Die beiden zitterten wie Espenlaub.

»Ach, du Welt!« sagte die Frau. »Was ist das für ein kurioser Geist! Der will so seine zwanzig Kerle daher haben! Sonst ist's immer nur einer, der erwählt ist, den Geist zu erlösen. Weißt du, was ich davon halte, Peterchen?«

»Was denn?« fragte der Mann.

»Ich glaube, daß an der Ecke mal einer ist totgeschlagen worden, und da sitzt der Geist vielleicht unter dem Pflaster!«

»Wer kann das wissen?« sagte bedenklich der Nachtwächter und ging zur Wachtstube.

»Soll ich mitgehn?« fragte die Frau.

»Das geht nicht«, bemerkte der Mann. »Wenn die drinnen merkten, daß du bei mir gewesen bist, so wär's um all meine Reputationen getan. Geh hübsch heim und leg dich.«

»Du hast gut reden«, versetzte die Frau, »aber an die Neugierde, was da herauskommen wird, denkst du gar nicht! Wenn du gleich kommst und mir's sagst, so will ich dir folgen. Versprich mir das!«

Der Mann versprach's, und die Frau ging endlich heim.

Als Peter Bummel in die Stube trat, waren an die zwanzig seiner Kollegen um den warmen Ofen und einen ansehnlichen Schnapskrug versammelt, der die Runde machte.

Jetzt kramte er seine Geistergeschichte aus. Mäuschenstill hatten sie ihm zugehört; als er aber endete, teilte sich auf der Stelle die Versammlung in Gläubige und Ungläubige, das heißt in Verständige und Narren. Die letzteren standen auf Peter Bummels Seite, der behauptete, er habe alles gründlich untersucht und nüchtern beobachtet. Die Mehrzahl der Verständigen spalteten sich wieder in zwei Teile, in solche nämlich, die da sagten: »Dem Peter ist der Branntwein in den Kopf gestiegen!« und in die, welche behaupteten: »Es ist irgendwo ein Galgenvogel, der die alte Schlafhaube kennt und ihn mal hänselte.«

Das ergrimmte den Peter. Er hatte Proben genug abgelegt, daß er, wo es den Kampf mit einem die Polizeigesetze oder die der Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit Übertretenden galt, keine feige Schlafhaube sei, sondern tapfer seinen Mann gestanden habe, daher wehrte er sich denn auch wacker.

Um den Streit endlich zu Ende zu bringen, sagte ein Alter: »Was streitet ihr so toll? Wartet nur noch die kleine Frist bis eins, dann wird sich das ganze Geheimnis enthüllen. Ist's aber ein Galgenvogel, wie hundert gegen eins zu wetten ist, der den Peter narrte, so soll er gezeichnet werden, daß er nicht mehr dran denken soll, Spuk mit uns oder einem von uns zu treiben.«

Damit war denn die Ruhe hergestellt, und nur Peter flüsterte noch mit einigen, die von seiner Partei waren.

Wenige Minuten vor eins brachen alle Nachtwächter in der Wachtstube auf, um sich an die gespenstische Stelle zu begeben. Dem Schneider wurde es denn doch nun etwas unheimlich zumute, als er die große Zahl von Wächtern sah, die sich so aufstellten, daß ihnen nicht wohl etwas entgehen konnte; allein die bis jetzt gewonnenen Erfolge gaben ihm seinen Übermut und seine Sicherheit wieder.

Kaum hatte es eins geschlagen, und in gespannter Erwartung hatten die Nachtwächter ihre vorher besprochenen Posten eingenommen, als die geisterhafte Stimme also ertönte:

»Ich geb' euch allen den Bescheid,
Daß ihr Esel und Narren seid!«

Als der Schneider sein Blechrohr eiligst unter seinem Laden hereinziehen und verbergen wollte, stieß er unseligerweise gegen den Laden. Das Rohr entglitt seiner Hand, rollte auf das Dachstück vor seinem Fenster und fiel mit gewaltigem Dröhnen mitten auf die Straße. Die abergläubischen Nachtwächter flohen. Die anderen brachen indessen in ein lautes Gelächter aus, und einer, der zufällig neben dem Regenrohr gestanden hatte, rief: »Hier aus dem Rohr ist die Stimme herausgekommen!«

Durch den Lärm wurde der Blechschmied geweckt, der nun den Laden öffnete und auf Befragen erklärte, er habe dem Schneider das Rohr vor etwa drei Tagen geliehen, wisse aber nicht, was er damit habe machen wollen.

Ehe die Polizei herbeigeeilt war, drangen die Nachtwächter ins Haus und erreichten des Schneiders Schlafgemach, das er nicht verschlossen hatte. Er war unter das Bett gekrochen. Sie zogen ihn an den Beinen heraus und übergaben ihn der herbeigeeilten Polizei. Da beschwerte er sich denn weidlich, die Nachtwächter hätten ihn abscheulich durchgebleut; allein das war nicht zu beweisen, und er kam zunächst einmal in Arrest, erhielt aber dann eine angemessene, wohlverdiente Strafe. Der gute Peter Bummel vergaß, seiner Frau die schnelle Nachricht zu bringen, die er ihr versprochen hatte, und empfing am andern Morgen eine gehörige Zurechtweisung, die ihn um so mehr schmerzte, als ihn seine Kollegen schonungslos verlacht hatten. Als der Schneider nach längerer Zeit aus dem Gefängnis kam, hielt er es für gut, die Stadt zu verlassen, weil er sich fürchtete, mit den Nachtwächtern noch einmal zusammenzutreffen. Der Peter Bummel wurde aber fast jedesmal, wenn er in die Wachstube traf, gefragt: »Nun, Peter, nichts Neues von Geistern und Gespenstern?«

Lange Zeit ärgerte er sich darüber. Endlich wurde er klug und antwortete allemal auf die Frage: »Sie lassen euch schön grüßen!« Da hörte das Necken auf, und es ist dem Peter Bummel so wenig mehr etwas passiert, als wohl der windige Schneider anderwärts ähnliche Possen versucht haben mag. So geht's allen Narren mit den Gespenstern! Merkt's.

Wie sie es einmal einem Geizhals gemacht haben

Alle Welt weiß, daß ein Geizhals überall gezupft und gerupft wird, wie es nur möglich ist, und wenn es vollbracht ist, lacht alle Welt ins Fäustchen. Ob's recht ist? Nun, der Geiz ist vor allen Dingen nicht recht, und wenn das Rupfen und Zupfen nicht aus sträflicher Absicht geschieht und dabei komisch ist, wie's Anno 1841 dem alten Rumpler passiert ist, so mag man aus Herzensgrund einmal darüber lachen, wie mir's selber widerfahren ist, daß ich nicht habe widerstehen können, wenn auch das Recht in Frage steht.

Der alte Rumpler und seine Frau waren der Geiz und die Habsucht in Person. Sie hatten keine Kinder und scharrten doch zusammen, als könnten sie's mitnehmen, wenn sie der Welt Lebewohl sagen müßten, und als gält's droben vor dem Richter soviel wie ein echter, rechter Glaube – den sie nicht hatten. Der alte Rumpler pflegte zu sagen: »Jedes Vöglein, das über mein Haus fliegt, muß mir eine Feder als Weggeld geben.« Daher rupfte er die Fremden, die in seinem Wirtshaus einkehrten, daß es eine Art hatte; nahm Zinsen, daß selbst ein Spitzbube rot dabei geworden wäre; lieh den armen Leuten auf Pfänder, die er nicht mehr zurückgab – kurz, er war ein Blutsauger und Schröpfer wie er im Buche steht. Er hatte, und seine Frau von ihrer Seite auch, eine Menge blutarmer darbender Verwandten; aber so reich sie auch mit Kindlein gesegnet waren, vom Herrn Vetter Rumpler bekamen sie noch keinen halben Kreuzer. »Plagt Euch«, sagte er, »ich hab's auch tun müssen!« Die plagten sich ja; aber wenn das Kinderhäuflein wimmelt wie ein Haufen Ameisen, da erreicht man bei allem Plagen nichts, und man kommt höchstens auf einen dürren Zweig, aber nicht auf einen grünen. So kam's denn, daß niemand den Rumpler liebhatte, und seine armen Verwandten am wenigsten.

Kam einmal ein Badegast aus dem nahen Heilbad zu dem Rumpler, um sich zu erfrischen.

Der Rumpler setzte ihm einen Schoppen vor, sagte: »Prosit!« und: »Es ist Rüdesheimer.«

Ha, dachte der Badegast, den willst du dir mal schmecken lassen! Er schenkte sich ein und trank. »Brrrrr!« rief er voll Entsetzen aus. »Das ist ja ein Darmzerreißer!« – denn der Wein war sauer wie Essig und herb wie Gerberlohe. Da er den Darmzerreißer nicht trinken konnte, ließ er sich Kaffee machen; aber das war erst eine Brühe; lauter Zichorie und getrocknete gelbe Rüben, daß er's nicht trinken konnte und davon Leibschmerzen bekam. Er nahm Hut und Stock und forderte die Rechnung; mußte einen preußischen Taler zahlen und dachte: Du kriegst mich auch nicht wieder!

Der Badegast hätte das wohl vergessen; aber er hatte sich den Magen so abscheulich zugerichtet, daß ihn der Badedoktor gar nicht wieder in die Reihe bringen konnte.

Als der Doktor den Grund hörte, sagte er: »Wart, dem Geizhals wollen wir einen Streich spielen, daß er lange daran denken soll!«

Der Doktor war ein Erzschelm; so einer, der seine Herzensfreude daran hat, einem schlechten Menschen einen Denkzettel anzuhängen und hintennach zu lachen.

Was der und der Badegast ausgeheckt haben wird die Geschichte lehren.

Etwa acht Tage darauf kam der Badegast in prächtiger Kleidung zum alten Rumpler geritten, stieg von dem stattlichen Roß und grüßte vornehm, das heißt: kaum. Der Rumpier machte Knicks bis zur Erde und sagte: »Exzellenz verzeihen, daß ich Sie neulich, als ich die Ehre hatte, nicht standesmäßig behandelt habe, wußte aber nicht – daß Sie – –« und so weiter.

»Schon gut«, erwiderte der Badegast, indem er sich nachlässig setzt, »ich war neulich bei Ihnen und habe das Ihrer königlichen Hoheit, dem Prinzen von M., erzählt, welcher, wie Sie wissen, im Bad ist, und Höchstdessen Hofmarschall ich zu sein die Ehre habe. Auf meine Empfehlung will der Prinz nächsten Sonntag mit seinem Gefolge, etwa vierzig Personen, bei Ihnen speisen.«

Der Rumpler war außer sich. Das gab einen Fang, wie er ihn seiner Lebtage nicht gemacht hatte! Ha! dachte er, dem will ich eine Rechnung machen, daß ich mehr an einem Tag verdiene als mit dem gewöhnlichen Menschenpack in einem Jahr!

Nun wartete er dem Hofmarschall mit köstlichem Wein auf, den er auch hatte, und erkundigte sich, was für Speisen und Leckereien nötig wären. Das alles gab der Hofmarschall ganz genau an, und es waren, bei meiner Treu! nicht die wohlfeilsten Dinge, die er auf den Allerhöchsten Küchenzettel setzte. Dem alten Rumpler schwindelte es mehr als einmal; denn da gab's Namen von Speisen, die er seiner Lebtage noch nicht gehört hatte. Blieb nichts weiter übrig, als daß er sich einen der geschicktesten Köche kommen lassen mußte für teures Geld. Als der Koch kam und den Küchenzettel sah, sagte er zum Rumpler: »Da können Sie einmal Ihren verschimmelten Talern Flügel geben; denn diese Kostbarkeiten kosten einen Haufen Geld!«

»Tut nichts«, sagte der Rumpler drauf, »Sie führen nur genaue Rechnung. Das andre wird sich finden – im letzten Sack.«

So ging nun der Koch in die nächste Stadt und beschaffte in Eile, was sich nicht wehrte, und es Rumplers Taler flogen lustig wie Spreu im Winde.

Das Herz hätte ihm geblutet, da wollte ich drauf gewettet haben, als er so die gutverwahrten Taler herausrücken mußte, wenn er nicht vorausgesehen hätte, daß er's zehnfach wiederbekäme. Lustiger hatten ihn die Leute noch nicht gesehen, seit sie ihn kannten.

Endlich kam der Koch mit leerem Beutel und vollen Säcken, und nun ging das Hacken, Brutzeln und Hantieren an, daß der Rumpler zwei Augen zu wenig hatte zum Sehen, und eine Nase zuwenig, um die Wohlgerüche einzuatmen, die der Koch in Strömen hervorzauberte. Er stellte mancherlei stille Betrachtungen über dies und das an, über das Sattwerden, Sichgenügenlassen und das Magenverderben usw., meinte aber am Ende, das ginge ihn nichts an, und setzte seine Auslagen auf, die ein schönes Sümmchen erreichten.

Nun wurde die große Oberstube geputzt und gefegt, die sie den »Saal« nannten, was ihr auch lange nicht passiert war; es wurden Vorhänge an den Fenstern angebracht, was die auch noch nicht erlebt hatten, und nun stellte der Koch die Tafeln auf. Wer war aber in größerer Not als der Herr Rumpler? Denn wo sollte er silberne Löffel herbekommen für vierzig Personen? Er hatte keine, weil er meinte, aus Zinn schmecke die Suppe ebenso gut; aber, wenn das auch vollkommen richtig war, so war doch zwischen dem Rumpler und dem Prinzen ein Unterschied. Und in dem Bad wimmelte es von Prinzen, die alle mitkamen, sich etwas Gutes anzutun.

Da wurde denn geliehen hier und dort, und samstags kam der Herr Hofmarschall noch einmal und sah sich alles an. Er war auch mit allem zufrieden und zeigte dem Herrn Rumpler eine Karte, unterzeichnet von dem Prinzen, und sagte: »Es wäre möglich, daß der Prinz nicht selber kommen könnte, weil er an einem Schnupfen leidet, und da könnte ich«, setzte er hinzu, »der ich in seiner Nähe sein muß, wohl auch nicht da sein. Sie richten sich aber streng nach des Prinzen Willen. Genau um zwölf Uhr richten Sie an, lassen aber niemand zur Tafel, als wer Ihnen diese Karte vorlegt. Auch wenn um zwölf Uhr der Prinz nicht da ist, wird gespeist. Er kommt dann zum Kaffee.« Darauf ritt er fort, und der Herr Rumpler dachte: Es ist doch eine ganz wunderliche Geschichte mit den hohen Herren! Aber – was liegt mir dran? Ich kriege das schöne Stück Geld, und jedem Narren gefällt seine Kappe! Wer kann's ändern?

Die ganze Samstagnacht war an kein Schlafen zu denken. Morgens, als es zur Kirche läutete, kam sein Vetter, der arme Maurer, mit Frau und sieben Kindern, sagte guten Morgen und setzte sich.

»Vetter!« rief der Rumpler im höchsten Zorn aus. »Wie könnt Ihr heute zwei Stunden weither kommen mit all dem Kindergezappel? Hat Euch ein böser Geist regiert? Ihr wißt, daß ich alle Tage auf Euren Besuch gern verzichte; heute aber schert Euch weg, denn ich kann Euch nicht brauchen, da ein Heer von Prinzen zu mir kommt!«

Der Maurer sagt: »Nichts für ungut, Herr Vetter! Aber Ihr habt uns ja eingeladen. Hier ist Euer Brief.«

Der Rumpler stand da wie Lots Weib, die zu einer Salzsäule wurde; nahm den Brief und sah mit Schrecken, daß da seine Hand meisterhaft nachgemacht war. Da stand zu lesen, daß er seinen Geiz ablegen und freundlicher zu armen Verwandten sein wolle, da er sie alle zu sich wolle zu Gast laden, und er wolle sie einmal speisen, wie's oben steht.

Jetzt fing es dem Rumpier an schwindelig zu werden. »Das hat ein Spitzbube getan«, schrie er, »der mich zugrunde richten will!« Rannte in der Stube herum wie besessen. Darauf reichte ihm der Maurer auch die Karte des Prinzen. Er betrachtete sie stumm. Wer löste das Rätsel? »Herr Koch«, rief er, »gehen Sie einmal her; Sie sind gewitzt!«

Als er ihm die Geschichte erzählt hatte, sagte dieser: »Regen Sie sich nicht auf, Herr Rumpler; solch große Herrscher und Kriegshelden haben ganz absonderliche Streiche im Kopf. Seien Sie ohne Sorgen! Was liegt Ihnen dran, wen der Prinz zu Gast lädt? – Er bezahlt, und das ist die Hauptsache.« Gleich darauf kam ein Wagen an. Darauf saßen der Schneider Jost mit sechs Kindern und seiner Frau und der Taglöhner Michel mit ebenso vielen nebst Frau, alle so arm wie Kirchenmäuse, und seine nächsten Verwandten – und gleich nach ihnen der arme Flurschütz aus dem nächsten Dorf mit neun Kindern, deren Zehen und Ellenbogen recht neugierig aus den Schuhen und den Ärmeln herausguckten. Alle hatten gleichlautende Briefe und Karten bekommen.

Manchmal wurde es dem Rumpler ganz sonderbar, so daß er fast keine Luft kriegt; aber der Herr Koch kannte ja die wunderlichen Heiligen, diese Kriegshelden und hohen Herrschaften; was war weiter zu tun?

Schlag zwölf Uhr setzte sich die Sippschaft an den prachtvoll gedeckten Tisch, und nun hätte ein Christenmensch diese Arbeit sehen sollen! Die hauten ein, wie Blüchers Husaren auf die Franzosen! Schon beim dritten Gang knöpften sie die Wämser und Westen auf, und der kostbare Wein, den der Herr Hofmarschall probiert und für gut befunden hatte, verschwand aus den Flaschen wie ein Wassertropfen auf einem heißen Ofen.

Endlich war abgespeist, und die liebe Jugend schmauste noch am Nebentisch, daß der Schweiß vom Angesicht rann, da fuhr ein Wagen vor.

»Der Prinz! Der Prinz!« rief Rumpler und eilte hinaus. Als er aber zum Wagen kam, war es der Badearzt, der sagte: »Herr Rumpler, laßt meinem Gaul etwas Heu geben. Ich muß ins nächste Dorf zu einem Kranken.« »Ach, Herr!« rief, aus tiefster Brust seufzend der Wirt, »haben Sie den Prinzen von M. nicht unterwegs gesehen?« »Woher soll denn der kommen?« fragte verwundert der Doktor und machte ein Gesicht, als wisse er von nichts.

»Ach, du mein Trost!« rief Rumpler. »Aus dem Bad! Er hat ja das Gastmahl hier bestellt! Es muß ein kurioser Herr sein, denn – er hat alle meine Verwandte, lauter verfluchtes Bettelvolk, das auf meinen Tod wartet, zu Gast geladen, und die verzehren auf des Prinzen Befehl das königliche Mahl, daß ihnen der Schweiß ausbricht.«

»Seid Ihr verrückt?« fragte lachend der Arzt. »Welcher Schalk hat Euch denn aufgebunden, daß ein Prinz von M. im Bad sei? Seit zwanzig Jahren ist keiner dagewesen. Es sind lauter kerngesunde Herren, diese Prinzen von M.«

»Wa – was?« fragte der Rumpier und stand mit offenem Mund da. Endlich sagte er: »Des Herrn Hofmarschalls Exzellenz ist ja selber dagewesen.«

»Was Exzellenz!« lachte der Arzt. »Wie hieß denn der?«

»Ich weiß es nicht!« bekannte kleinlaut der Wirt, und der Schelm von Doktor lachte, daß er platzen wollte.

»Alles in allem, mein lieber Rumpler, diesmal hat Euch einer geprellt, der wohl wußte, wie geizig Ihr gegen Eure armen Vettern und Basen seid, und hat diesen einen guten Tag gemacht.«

Drauf gab er ihm die sechs Kreuzer für das Heu und fuhr lachend fort.

Und der Rumpler? Nun, der stand da wie versteinert. Als ihm aber endlich der ganze Schalksstreich einleuchtete und er sah, wie er sich selber in die Geschichte hineingeritten hatte, da raufte er seine Haare; sprang wie ein Rasender in den Saal und jagte fluchend seine Vettern und Basen mitsamt der Nachkommenschaft zum Tempel hinaus und fing, als alles fort war, Hader mit seiner Frau und dem Koch an. Der aber verstand keinen Spaß, verklagte ihn noch extra, und er mußte, neben den Kosten, ihn teuer bezahlen.

Die Bauern aber und die Städter lachten sich halbtot, und wer zum Rumpler kam und fragte, wie sich der Herr Hofmarschall und der Prinz befänden, dem warf er an den Kopf, was er in den Händen hatte; denn sein Verlust war groß, und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Der Badegast war aber abgereist, so daß ihn der Rumpier nicht mehr sah, und der Doktor hielt wohlweislich den Mund – nur mir hat er's erzählt, und ich euch, aber – ihr dürft's nicht weitersagen!

Der Geburtstag im Forsthaus

Es gibt auch noch im November schöne Tage, und die Leute sagen: »Das ist der alten Weiber Sommer.« Das Jahr 1819 aber hatte es an sich, daß es wohl aussah, als sollte es keinen Winter geben; denn im November war's noch wärmer und schöner als Anno 1817 im August. Aus diesem November erinnere ich mich einer Begebenheit, die ich euch, liebe Leser, erzählen will, und ich hoffe, ihr wißt mir's Dank, denn sie zeigt, wie Gottes Gnade die Seinen wunderbarlich führt und tiefes Leid in selige Freude verwandelt.

Es war am 11. November 1819. Die Sonne schien lieblich auf einen Felsen, um den herum alte Eichen standen. Der Felsen war ganz mit Efeu umrankt, der seine schönen schwarzen Beeren in Büscheln trug. An dem Felsen ging der Weg vorüber, der nach dem netten Forsthaus führte, wo damals der Forstmeister Werner wohnte.

Oben auf der platten Höhe des Felsens saßen zwei Knaben, kräftige blühende Buben, der eine im Alter von neun, der andere von etwa elf Jahren. Beide arbeiteten an einem Efeukranz und plauderten dabei miteinander.

»Es ist doch recht dumm«, sagte der eine, »daß des Vaters Geburtstag nicht in den Mai fällt. Da fänden wir überall die herrlichen Blumen, und wir könnten Malchens Garten auch recht ausplündern.«

»Ja freilich«, sagte Ernst, der ältere Knabe, »dann gäb's einen Kranz, daß es eine Art hätte, und der gefiele dem Vater gewiß auch besser.«

»Das will ich nicht sagen«, bemerkte Fritz, der jüngere, »der ist ihm doch auch lieb. Was mich ärgert, ist daß wir nicht mehr haben; aber die Mutter sagte, kaufen dürfen wir nichts vom Geld in unserer Sparbüchse, weil alle Kinder etwas Selbstgemachtes dem Vater schenkten.«

»Aber die Mutter hat doch den neuen Hirschfänger mit dem vergoldeten Griff nicht selber gemacht«, sagte Ernst.

»Das ist auch die Mutter!« versetzte Fritz mit Nachdruck, »die hat keine Zeit, etwas zu machen, denn seit vier Wochen kocht sie ja immer, und die Mädchen sitzen droben heimlich beieinander und tuscheln. Was sie nur machen?«

»He! Weißt du das nicht?« sagte Ernst lachend. »Ich weiß alles. Hab's ihnen abgeluchst, aber nichts gesagt, denn das darf man nicht, sonst verdirbt man ihnen die Freude.«

»Oh, sag mir's!« bat Fritz.

»Willst du auch schweigen?« fragte Ernst.

»Ach, gewiß!« gelobte Fritz.

»Gib denn acht«, begann Ernst mit wichtiger Miene. »Du weißt, wie der Vater voriges Jahr so traurig war, als ihm der schöne Holzkopf zerbrach, auf dem die Hirschjagd geschnitzt war. Ich glaube, er stammte vom Großvater. Da hat ihm der Arnold einen aus Ahornholz geschnitzt, gerade wie der war, aber viel schöner und auch größer. Hei, den solltest du sehen! Die Hirsche leben. Die Äste der Tannen hört man ordentlich krachen, die sie im Durchjagen zerbrechen. Und Hunde sind dabei, man meint auch, man müsse sie bellen hören, Hühnerhunde, Bracken – und dahinter steht der alte Förster, die Büchse an der Backe. Pfuff! da geht's los!«

Fritz hatte andächtig zugehört. Seine Augen glänzten vor Lust. »Ei, das muß ja eine helle Pracht sein!« rief er voll Verwunderung aus. »Was wird da der Vater sagen? Ich wollt', ich könnt' auch so schnitzen wie der gute Arnold! Was haben denn die Mädchen?«

»Rate mal! Unser Malchen hat dem Vater zu dem neuen Hirschfänger ein Gehänge in Gold gestickt, das solltest du sehen. Himmel das blinkt!«

»Und Rosa?« fragte Fritz weiter.

»Ja, die hat erst etwas Schönes gemacht, eine grüne Pferdedecke mit den prächtigen Eichelgewinden – gerade, als lebten sie. Und in den Ecken ist des Vaters Namenszug in Gold gestickt.«

»Da kommen wir schön an mit unserm armen Geschenk«, seufzte Fritz.

»Sei nur ruhig«, sagte Ernst tröstend. »Die Mutter muß es doch besser wissen. Sie hat's uns angegeben. Ich hab' noch was vergessen«, fuhr Ernst fort. »Der Arnold hat den schönen Kopf auch mit Silber beschlagen lassen, und auf dem Deckel ruht ein Hirsch, 's ist dir eine wahre Pracht. Ich glaub', das Malchen hat's besorgt, denn der Arnold küßte sie aus Dankbarkeit.«

»Ja, schön!« rief Fritz. »Das tut er alle Tage, wenn sie allein sind, und die besorgt doch nicht alle Tage so einen Beschlag an einen Pfeifenkopf.«

Während die Knaben sich so unterhielten, hatte ihre Arbeit geruht. Der Abend nahte, und es wurde kühler im Schatten der Bäume. Sie hatten auch nicht bemerkt, daß jemand von der Landstraße in den Weg zum Forsthaus eingebogen und hinter sie getreten war. Ein junger Mann war die Straße hergekommen. Seine Kleidung war dürftig und abgetragen. Er trug ein Bündel auf dem Rücken, woran er nicht schwer zu tragen hatte. Eine grüne Mütze deckte den Kopf, um den starkes braunes Haar lang herabhing. Ein verwilderter Bart bedeckte das halbe Gesicht. Über die rechte Wange zog sich eine breite Narbe. Auf seinen Dornenstock gestützt, stand er da und hörte mit sichtbarer Bewegung dem Geplauder der beiden Knaben zu.

Eine Bewegung verriet jetzt seine Anwesenheit. Als ihn die beiden Knaben sahen, sprangen sie erschrocken auf.

Der Fremde beruhigte sie bald. Er erzählte, daß er zu Herrn Arnold, dem Aktuar des Forstmeisters, wolle, dem er Nachrichten aus der Heimat bringe.

»Ei, so komm«, rief Fritz, »ich will dich zu ihm führen.«

»Dann wird ja euer Kranz nicht fertig«, warf der Fremde ein. Er bat sie fortzufahren und bot ihnen seine Hilfe an, da er keine Eile habe.

Die Knaben nahmen das gern an, und durch seine gewandte Hand wurde das Werk kindlicher Liebe nicht nur gefördert, sondern es gewann zu der Buben Freude bedeutend an Dauerhaftigkeit und Schönheit.

»Ihr seid wohl beide Oberförster Werners Söhne?« fragte der Fremde, als die Arbeit zu dritt begonnen hatte.

»Ei«, fiel ihm Ernst in die Rede, »der Vater ist ja vor einem Jahre Forstmeister geworden!«

»Das wußte ich nicht«, sagte der Fremde.

»Warst du denn schon in unserem Hause?« fragte Fritz.

»Früher wohl«, sagte der Fremde. »Du heißt ja Fritz?«

»Richtig«, entgegnete der Genannte; »aber ich kenne dich nicht mehr.«

»Kann sein«, war die Antwort des Fremden. »Wieviel Kinder wart ihr doch damals? Ihr zwei, die beiden Mädchen und ein größerer Bruder. Nicht wahr? Aber ich meine, eines von den Mädchen hätte Rosa geheißen?«

»Richtig, unsere stille, liebe, traurige Rosa!« fiel Fritz ein, »und der Bruder Carl.«

»Wo ist denn der?«

»Ach«, sagte Ernst traurig, »der ist wohl tot. Er ist im Krieg in Rußland gewesen. Darum weint auch die gute Rosa so sehr, denn sie hatte ihn so lieb. Du solltest einmal sehen, wenn sein Name genannt wird, wie da auch gleich die Mutter weint. Der Vater fährt dann immer mit der Hand über die Augen und geht hinaus.«

Der Fremde mußte heftig husten, zog sein Taschentuch heraus, um sich die Augen zu trocknen, denn von dem starken Husten waren sie ihm übergegangen.

Als er wieder zu den Knaben kam, fragte er: »Was ist denn der Arnold eigentlich? Habt ihr ihn auch lieb?«

»Er ist Aktuar beim Vater«, sagte Ernst, »und er hat ihn gar lieb, weil er ein guter Freund vom Bruder Carl gewesen ist. Wir haben ihn auch alle lieb und unser Malchen besonders.«

So ernst auch das Gesicht des Fremden und so wehmütig seine Stimme war, so fuhr doch, als Ernst das letztere sagte, ein Lächeln darüber hin, und er mochte wohl denken, daß so kleine Augen oft weit schärfer sehen als andere.

Der Kranz war nun fertig geworden. Es ergab sich nun für die Knaben eine neue Schwierigkeit. Sie konnten den Kranz nicht tragen, weil er über Erwarten groß und reich geworden war.

»Wie bringen wir ihn nun fort?« fragte Fritz.

»Ich werde euch tragen helfen«, sagte der Fremde, »sonst zerreißt er euch am Ende, und alle eure Mühe und Freude ist hin. Was wollt ihr denn damit machen?«

»Um des Vaters Bild wollen wir ihn hängen!« sagten sie beide fröhlich.

»Vielleicht«, sprach der Fremde, »gönnen mir deine Eltern ein Nachtlager. Nach der Stadt sind's zwei Stunden, und ich bin müde. Mit Herrn Arnold muß ich reden.«

»Oh gerne, gerne!« rief Fritz. »Überdies hast du es ja auch ganz ehrlich verdient, denn ohne dich wäre unser Kranz noch nicht fertig.«

Unter diesen und anderen Gesprächen gingen sie dem Forsthaus zu. Als sie in dessen unmittelbare Nähe gekommen waren, sprach Ernst leise: »Hier müssen wir bleiben. Ich rufe Arnold, der muß ihn hineintragen, daß es der Vater nicht merkt.« Sie ließen dem Fremden den Kranz und liefen beide davon.

Als sie weg waren und das gemütliche Haus unter den uralten Linden ihm wieder vor den Blicken lag – da ergriff den Fremden eine Macht, die ihn überwältigte. Er faltete seine Hände und betete leise: »Sie leben noch, sie lieben mich noch, Herr, wie dank' ich dir! Wie preis' ich deine Liebe, die mich diese Stunde erleben ließ! Oh laß mich glücklich werden an ihrem Herzen, daß ich vergesse das Leid vergangener Tage!« – Es zitterten ihm Hand und Stimme, und das Auge sah nichts mehr. Bebend schlich er nun zur Hainbuchenwand, die den Garten umschloß. Ja, da war die Laube noch, die er einst mit jungen Hainbuchen besetzt und mit sorglicher Pflege zur Kuppel gewölbt hatte. Da konnte er beim matten Licht noch die Rasenbank sehen, die er einst in einer Mondscheinnacht gefertigt hatte, weil am Abend vorher der Vater den Wunsch geäußert hatte, hier eine zu haben. Da ging noch im Gehege seine Lilly, das zahme schlanke Reh! Aber da drinnen im Haus schlugen die Herzen mit Lust; denn morgen war Vaters Geburtstag, des Hauses Fest- und Ehrentag. Und er kam und brachte sich selbst, den verloren geglaubten, tiefbetrauerten Sohn, den man unter Rußlands Schneefeldern begraben glaubte.

Bald darauf trat aus der Hoftür ein junger, stattlicher Mann dem Fremden entgegen.

Der geneigte Leser wird nun schon wissen, wen er in dem Fremden zu vermuten hat. Ich bin auch gar nicht der Meinung, das länger zurückzuhalten, daß es Carl, der älteste Sohn des Forstmeisters Werner, war, der mit den Franzosen nach Rußland hatte ziehen müssen, dort verwundet und gefangen wurde und nach Sibirien wandern mußte. Er war endlich frei geworden, bettelte sich durch, weil er anders nicht konnte, und kam nun nach rastlosem Wandern an, denn er kannte ja das Familienfest, das morgen sein sollte, und sein Herz bebte vor Lust. Carl war ein fester, starker Mensch. Sein Schicksal hatte ihn vollends Selbstbeherrschung gelehrt. Auch jetzt mußte er sich zusammennehmen, denn der Jugendfreund trat vor ihn und sagte: »Die beiden Knaben haben mir gesagt, Ihr kämet aus meiner Heimat? Ist dem so? Was bringt Ihr Gutes?«

»Diese Täuschung war wohl dem Jugendfreund erlaubt«, sagte der Fremde. »Arnold, kennst du mich nicht mehr?«

»Großer Gott«, rief der junge Forstmann, »irre ich nicht, so ist das Carls Stimme! Stehen die Toten auf?«

»Nein«, sagte Carl, »die Lebenden kehren heim!«

Da lagen sie sich in den Armen und herzten sich nach langer Trennung wieder. Solch ein Willkommen ist allemal herzergreifend. Die Freude der beiden Jugendfreunde war auch sehr groß, darum war sie auch still und ohne Worte, und es dauerte lange, bis sie wieder reden konnten.

»Ach, komm nun schnell zu deinen Lieben, die dich täglich als tot beweinen«, rief Arnold.

»Nein«, sagte Carl, »ich will mir die Freude nicht rauben lassen, morgen dem Vater mich selber wiederzugeben; denn ich bin Tag und Nacht gewandert, um zu seinem Geburtstag hier zu sein, der von jeher einer der schönsten Tage in unserem Familienleben gewesen ist.«

»Aber«, fragte Arnold, »wirst du Kraft genug haben, die Eltern zu sehen, ohne daß dein Herz dich an das ihre reißt? Wirst du den Geschwistern gegenüberstehen können und – Rosa?«

»Ich hoffe es«, sagte fest der junge Mann, »und sie erkennen mich nicht. Der Bart, den ich so wild als möglich wachsen ließ, das Haar, das mir so lang um den Kopf hängt wie die Mähne eines Kosakenpferdes, die Narbe hier – mein Arnold, sie erkennen mich nicht. Und ich habe den kleinen Brüdern gegenüber an mich gehalten, denen ich mit ihrem Kranz half und sie ausfragte. Nein, Arnold, es wird gehen, es muß gehen. Glaube mir, ich habe in der Schule, die ich durchlief, mich beherrschen gelernt!«

Beide wurden nun darin einig, daß Arnold den Kranz hineintragen und Carl in das Zimmer treten sollte, wo die Jägerburschen sich aufhielten und das neben dem Wohnzimmer lag.

Er trat mit klopfendem Herzen über die Schwelle des Hauses, das alles umschloß, was er Liebes auf Erden hatte. Da kam ihm zuerst die Mutter entgegen mit einem Licht in der Hand. Es drückte ihm beinahe das Herz ab; aber er nahm all seine Kraft zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen. Ach, sie war ja noch ganz so, wie er sie verlassen hatte, die liebe, freundliche Mutter.

Arnold trat gerade aus dem Zimmer.

»Ich höre von den Knaben, daß Sie einen Boten aus der Heimat empfangen haben«, sagte sie zu ihm. »Wahrscheinlich ist es dieser junge Mann?«

Arnold bejahte in größter Verlegenheit.

Die Mutter hieß nun freundlich den unbekannten Sohn einzutreten in die Stube, und bald brachte sie Speise und Trank mit der herzgewinnenden Freundlichkeit.

Arnold kam noch einmal zurück. »Halte dich mannhaft«, sagte er, »es wird noch Stürme für dein Herz geben.«

Indessen traten die beiden Jägerburschen herein, und bald waren sie beim edlen Waidwerk im lebhaften Gespräch.

Carl saß jetzt der Tür gegenüber, die in die Wohnstube der Familie führte. Durch ein die halbe Tür einnehmendes Fenster konnte er hinübersehen.

Am Ofen im wohlbekannten Lehnstuhl saß der alte Forstmeister noch rüstig, aber das Haar war weiß geworden. Er schmauchte behaglich seine Pfeife. Neben ihm saß Malchen, Carls Schwester, aufgeblüht wie eine junge Rose. Er hätte sie nicht mehr erkannt. Das liebliche Mädchen las beim Schein der Lampe die Zeitung vor.

Jetzt trat Arnold herein.

»Ei, guten Abend!« rief ihm der Alte entgegen. »Wo stecken Sie denn? Haben gewiß Briefe gelesen aus der Heimat? Setzen Sie sich. Wo ist denn Ihre Pfeife?«

Fritz sprang, sie zu holen.

»Wie ist's mit der Jagd gegangen?«

»Ich habe einen Bock mitgebracht. Die Burschen weiden ihn eben aus.«

»Schön«, sagte der Alte; »aber haben Sie gute Kunde von den Ihrigen?«

»Danke sehr!« sprach Arnold. »Alles ist munter und grüßt« – aber die Lüge wollte doch nicht recht rutschen, und er wurde so rot, daß es Carl durch das Fenster wahrnehmen konnte.

»Was ist denn das für ein Bursche, der Ihnen die Briefe gebracht?«

»Ja, lieber Gott«, sagte Arnold, »er war früher bei meinem Vater Jägerbursche, ein braver Kerl, aber die Franzosen schleppten ihn mit nach Rußland; er wurde gefangengenommen, nach Sibirien transportiert und kam vor etwa vier Wochen zurück. Nun sandte ihn der Vater hierher mit der Bitte, wenn Sie ihn brauchen könnten, ihn zu behalten.«

Der Forstmeister hatte einige Male geseufzt. »Nun«, sagte er, »wir wollen sehen. Morgen will ich ihm auf den Zahn fühlen, und wenn er nicht links mauset, so kann er bleiben, wenn der Kerl nicht in Rußland ein Branntweintrinker wurde.«

Indes schwieg er, und man sah, trübe Erinnerungen wurden in ihm wach. Jetzt trat Rosa herein. Carl fuhr auf, und seine Augen ruhten mit einem tiefen Ausdruck auf dem schönen Mädchen, das er so liebhatte.

»Warum so still heute, Herr Forstmeister?« fragte anteilnehmend Arnold.

»Ach«, sagte er, »der Umstand mit dem Burschen da bewegt mir das Herz. Der kommt wieder, aber mein Kind, mein Carl, bleibt aus, ist tot!«

Die Lippen des Mannes zuckten. Rosa weinte heftig. Der Forstmeister zog sie an sein Herz. »Vergib, Röschen«, sagte er, »daß ich deine Wunden aufriß; aber auch die meinen bluten wieder.« Sie weinte an des Onkels Schulter; auch Malchen weinte.

Dem da drüben in der Stube, der durchs Fenster sah, wollte das Herz bersten. Es kostete ihn eine fast übermenschliche Kraft, sich zurückzuhalten. Der Forstmeister stand auf und trat in das Zimmer, in dem Carl war.

»Wo ist denn der wandernde Bursche?« fragte er.

»Hier, Herr Forstmeister!« sagte Carl und trat militärisch an. Der Alte besah ihn. »Nun«, sagte er, »Freund, du siehst eben nicht sonderlich aus, wenn man auf die Federn sieht. Wie steht's mit dem Schießen?«

»Ich schieße Ihnen auf dreißig Schritt einen Sechser.«

»Du verstehst Jägerlatein wie ein Alter«, lachte der Forstmeister. »Warst du lange in Rußland?«

»Leider seit 1813.«

»Warum kamst du nicht früher?«

»Liebster Gott«, sprach der Mensch, »wie viele sind noch heute dort! Man will sie gerne behalten, um das Land zu bebauen.«

»Noch viele, sagst du?« fragte der Forstmeister, und sein Herz pochte.

»Zogst du allein aus Rußland?« fragte er weiter, und seine Stimme zeigte durch ihr leises Zittern, wie ihn der Gedanke erschütterte, sein Carl könne noch leben.

»Oh nein«, fuhr Carl fort, »wir waren zu zwölft. Auch aus dieser Gegend war einer bei uns der Sohn eines Oberförsters –«

»Mensch!« rief der Alte. »Alles Unheil der Erde auf dein Haupt, wenn du lügst! – Aber Gottes reichster Segen über dich, wenn es wahr ist. – Wie hieß er?«

Carl war bleich geworden wie der Tod; denn alle Mitglieder der Familie hatten sich herzugedrängt, alle Augen ruhten auf ihm. Aber dennoch ahnte niemand, wer er sei, so hatte sein Aussehen, sein Bart, sein wildes langes Haar, seine Narbe ihn entstellt. Auch wußte er seine Stimme so gut zu verstellen, daß sie der wahren nicht mehr glich. Arnold zitterte. Carl mußte sich sammeln.

»Herr Forstmeister«, sagte er, »was könnte mich veranlassen, Sie zu täuschen?«

»Wie hieß er?« fragte abermals heftig der Forstmeister.

»Ich glaube, er hieß Werner.«

Der alte Mann taumelte gegen die Wand und rief: »Heiliger Gott, mein Carl, mein Carl!« Seine Knie wankten. Alle, gleich ihm erregt, traten zu ihm, und der Tumult erlaubte Carl, unbemerkt zu bleiben und sich wieder zu fassen.

»Weg! weg!« rief der Forstmeister. »Laßt mich! Die Freude wird mich nicht töten!«

»Wo hast du ihn verlassen? Sag's, o sag's, und ich will dich lieben wie mein Kind.« So rief der erschütterte Mann, und die Mutter stand mit gefalteten Händen und betete leise, und die Tränen rannen Rosa über ihre Wangen. Rosa lehnte an ihrer Seite und Malchen auf der andern.

»Bei Dreißigacker hab' ich ihn verlassen. Er besaß nichts mehr und wollte bei alten Freunden sich Mittel zur Weiterreise holen.«

Nach einigen Minuten des tiefsten Schweigens fuhr der Forstmeister mit der Hand über die Augen und sagte: »Er kann es nicht sein; er wäre schon hier.«

Jetzt fragte die Mutter ihn aus. Er mußte Carl beschreiben, und tat's mit einer Sicherheit und Genauigkeit, daß kein Zweifel blieb.

Der Jubel wuchs mit jeder Sekunde, ebenso die Gefahr für Carl, erkannt zu werden. Er sollte sich mit zu Tisch setzen; aber er lehnte es ab, weil er zu sehr ermüdet sei.

»Gib ihm Wein, Mutter; den besten, den wir haben«, rief der Vater. »Er muß bei uns bleiben und erzählen. Er ist uns ja ein Bote des Glücks geworden!«

Carl aber lehnte alles ab und bat, sich zur Ruhe begeben zu dürfen. Unter diesem Vorwand entfernte er sich.

Aber in der Familie war ein Freudenfest. Er fand keinen Schlaf, so wenig als die Glücklichen drunten in der warmen Stube. Oh, wie viele Gebete des Dankes und des Flehens stiegen empor zum Himmel! Furcht und Hoffnung bewegten alle Herzen.

Arnold suchte ihn auf.

»Freund«, rief er aus, »solche Stärke ist fabelhaft!« »Mußte ich nicht?« fragte Carl. »Hätte sie nicht die Freude töten können? Oh wie ist es mir so schwer geworden! Denke dir, vor Vater, Mutter, Geschwistern und –«

»Vor deiner Rosa!« fiel Arnold ein. »Die dich im treuen Herzen trägt?«

»Ruhig jetzt«, sprach Carl. »Kann einer der Jägerburschen mir das Haar zurechtschneiden ?«

»Gewiß«, rief Arnold und eilte, einen zu rufen, dem er die Kunst zutrauen konnte.

Er kam und das Haar fiel. Er schnitt es nach Carls Angabe, wie er es sonst zu tragen pflegte. Arnold blieb bei ihm.

Als das Haar geschnitten war, staunte er. »Welche Veränderung!« rief er aus. »Es ist unglaublich. Schon jetzt, ehe noch dein entsetzlicher Bart geschoren ist, muß dich wiedererkennen, wer dich nur einmal sah.«

Als aber nun auch der Bart wegrasiert war bis auf das kleine Stutzbärtchen auf der Oberlippe, da war eine so auffallende Veränderung mit Carl vorgegangen, daß Arnold ihm um den Hals fiel.

Die Jägerburschen wurden jetzt in das Geheimnis eingeweiht. Arnold beschaffte reine Wäsche, holte, da er mit Carl einer Größe war, seine beste Uniform und legte sie hin. Die vier Jagdhörner wurden zurechtgelegt, und nun schieden die glücklichen Freunde, um etwas Schlaf zu finden.

Als der Tag graute, war Carl wach. Er kleidete sich an und weckte die Jägerburschen und diese Arnold. Alle schlichen hinab unter des Forstmeisters Fenster.

Hier begann Carl, der Meister auf dem Horn war, die Melodie des Lieblingsliedes seines Vaters: »Frisch auf zum fröhlichen Jagen« zu blasen, und nun fielen die drei anderen ein, und die schöne Melodie jubelte auf.

Der Forstmeister erwachte beim ersten Ton Carls. »Großer Gott!« rief er aus. »Was sind das für Töne? Mutter, hast du's gehört? So blies Carl. Wer ist der vierte Bläser?«

»Ach«, sagte die Mutter, »du bist so aufgeregt, und deine Einbildungskraft ist so tätig. Es war unser Arnold, und der vierte ist der fremde Jägerbursche, denn ich sah sie noch gestern abend die vier Hörner hinaufholen.«

Der Forstmeister stand auf, um am Fenster für den schönen Waidmannsgruß zu danken, aber sie waren schon weg, und er legte sich noch einmal hin; aber die Mutter stand auf, denn es war ja so vieles noch zu erledigen und zu ordnen zum Geburtstagsfest.

Auch die Mädchen waren schon auf. Nun ging's denn ans Ordnen der Geschenke. Um des Vaters Bild wurde von Arnold und Malchen der Kranz befestigt.

»Wie habt Ihr schön geblasen!« flüsterte sie dem geliebten Manne zu. Und er lächelte und sagte leise: »Der Gruß galt unserm Vater.« Das Mädchen errötete und schwieg, und die Arbeit ging rüstig fort. Malchen selbst brach die schönsten Blüten von ihren Heliotropen, Rosen und Hyazinthen, die sie sorglich am Doppelfenster gezogen hatte, und steckte sie hier und dort in den Efeukranz, was den beiden Knaben, die auch schon da waren, nicht geringe Freude machte. Jetzt breitete Rosa, auf deren Wangen sich heute seit langer Zeit eine frische Röte zeigte, von der Arnold sagte, es sei das Morgenrot des Wiedersehens, ihre schön gestickte Pferdedecke über der Kommode aus. Die Mutter legte den neuen, reichverzierten Hirschfänger darauf, Malchen brachte das prächtige Gehänge, das sie gestickt hatte, und Arnold seine Pfeife, die gestopft war mit duftendem Tabak. Eine jede Gabe wurde gepriesen nach Verdienst; als aber Arnold die Pfeife hinlegte, brach ein Ausruf der Verwunderung aus aller Munde, denn die Schnitzarbeit war so meisterhaft wie die Zeichnung.

Die Mutter nahm sie in die Hand und besah sie mit leuchtenden Augen; denn sie kannte ihres Gatten Liebhaberei und besonders sein Leid, als der Kopf zerbrach, der ihm hier in erneuerter und schöner Gestalt wiedergegeben werden sollte.

»Kinder«, sagte sie, »wir sind alle überboten. Seht diese Schönheit und diesen Fleiß. So ganz dem zerbrochenen Kopf ähnlich und doch so viel schöner. Liebster Arnold«, sagte sie, seine Hand fassend, »Sie bereiten da dem Vater eine unaussprechliche Freude. Nehmen Sie meinen innigsten Dank vorweg.«

Es war ein schöner Anblick für den, der mit bebendem Herzen hinter dem Fensterchen des Nebenzimmers hervorsah. Die Knaben besahen alles mit großer Neugierde. Rosa lehnte an der Wand. Ihre Gedanken begleiteten den Geliebten auf seinem Weg zur Heimat. Wonne und Schmerz lag in ihren Blicken. Der Mutter Antlitz glänzte in seliger Freude, indem sie die Geschenke musterte, die die Liebe bot.

An Arnolds Arm lehnte Malchen, und die Blicke, die sie wechselten, bewiesen, wie gut sie sich waren.

Oh, wie pochte Carls Herz. Wie hätte er mögen hinüberstürmen und sie alle an sein Herz pressen; doch er durfte ja noch nicht. Die Stunde war ja noch nicht da.

»Kommt, Kinder«, sagte nun die Mutter, als alles geordnet war, »der Vater wird aufstehen. Malchen und Röschen, ihr macht den Kaffee. Ich bin nun begierig«, sagte sie, »ob er nicht brummt, denn ich habe ihm die Staatsuniform ans Bett gelegt.«

Sie gingen nun alle hinweg.

Der Alte war schon aufgestanden. Er hatte ohne ein Wort die Staatsuniform angelegt. Er sah's kaum, daß sie es war; denn seine Seele war bei Carl, dem Sohn, den er wiederbekommen sollte. So rauh auch die Außenseite des alten Werner war, so tief war sein Gefühl. Seine Seele umfaßte seine Kinder mit unendlicher Liebe. Und Carl war ein so hoffnungsvoller Jüngling gewesen. Sein Verlust hatte ihn tief gebeugt. Und jetzt fiel ein Strahl von Hoffnung in seine Seele. Er sollte ihn wiederhaben. So tief sein Gefühl war, so innig war sein frommer Glaube. Heute hatte er wärmer und inniger als je gebetet.

Seine Seele war klar und ruhig geworden; aber die Hoffnung war fester. Noch dann und wann stieg ein Zweifel in ihm auf. Er wollte den Menschen heute noch einmal scharf aufs Korn nehmen; aber der war ja so wildfremd. Er wollte in des Forstmeisters Dienste treten. Da hätte sich ja früher oder später seine Lüge kundgeben müssen. Die Zweifel schwanden wieder, und heiterer als je trat er aus seinem Schlafgemach in das Wohnzimmer, wo sie alle standen. Er war überrascht. Alle bestürmten ihn mit ihren Glückwünschen und mit ihren Gaben.

Nun mußte er besehen. Wie freute er sich, wie dankte er so gerührt. Wie innig drückte er Arnold an sein Herz.

»Kinder«, sagte er, »es ist heute ein Tag der Freude, wie ich selten einen erlebt habe. Gott, ich danke dir! Du hast mich sehr lieb, mehr, als ich verdiene! Du gibst mir die Hoffnung, den Verlornen wiederzusehen, den Vielbeklagten; du gabst mir liebe, gute Kinder, alle sind gesund; erhieltest mir mein teures Weib.« – Seine Stimme wankte. Alle standen da mit gefalteten Händen und beteten mit ihm.

Die Mutter sank weinend an sein Herz.

Nach einer Pause sagte der Vater:»Ach, daß er jetzt bei uns wäre!«

»Er ist da!« rief Arnold und öffnete die Tür.

Alle wandten sich um – und aus dem Zimmer trat Carl und flog an des Vaters Brust.

Einen Augenblick stand der Alte wie versteinert, dann drückte er den ihn Umschlingenden sanft von sich, drehte ihn gegen das Licht, sah ihm ins Angesicht und riß ihn dann mit dem Ausruf: »Ja, er ist's!« an seine Brust.

Alle andere standen starr.

Die Mutter sah Carl an, ohne sich bewegen zu können. Rosa sank in den Stuhl zurück – Malchen und die Knaben drängten sich an ihn.

Jetzt sank er in der Mutter Arme, dann eilte er zu seiner Rosa, zuletzt zu Malchen und den Brüdern.

»Ätsch!« rief Fritz. »Wir haben ihn doch zuerst gesehen, und er hat uns geholfen, den Kranz zu machen und zu tragen; aber so wie jetzt sah er nicht aus!«

Nachdem die Überraschung und der erste Sturm der Freude vorüber waren, zog der Vater Carl neben sich. »Sag an, Kind, wo kommst du heute schon her? – Doch« – er fuhr rasch herum zu Arnold, »wo ist der fremde Bursche, der uns auf Carls Rückkehr vorbereitete?«

»Hier!« sagte Arnold, auf Carl deutend.

»Wie«, rief der Vater aus, »du warst's selbst? Wie blind waren wir! Und du, Mutter, und du, Rosa, ihr habt ihn nicht erkannt! Na, das muß ich sagen; aber mein Sohn, du sahst auch abscheulich aus! Wer hätte das geahnt? Ihr Schelmen! – Ach, Carl, als du heute früh Solo bliesest, da ging mir der Ton durch die Seele. Ich kannte ihn.«

»Aber wie hast du's ausgehalten?« fragte die Mutter Carl.

»Oh Mutter, wie schwer wurde mir's! Und doch mußte ich, wenn ich nicht am Ende die Freude in Leid verwandeln wollte.«

Rosa stand neben ihm. Die Augen voll heller Tränen und doch so selig froh.

»Aber du hast da eine garstige Schmarre, Kind«, sagte der Vater. »Wo erhieltst du die? Doch halt! Ich will erst einmal sehen, ob dir die Narbe etwas geschadet hat.«

Er stand auf, nahm Rosas Hand und legte sie in die seines Sohnes.

»Röschen«, sagte er, »hast du nichts dagegen, wenn ich deine Hand in die dieses narbigen Soldaten für immer lege? Du kannst ohne Sorge sein, wenn er als Jäger nicht mehr bestehen kann, so verdient er sein Brot als Schauspieler, denn dazu hat er, wie du gesehen haben wirst, außerordentliche Anlagen.«

Das Mädchen erglühte und wurde bleich. Sie lehnte sich an des Onkels Brust und lispelte leise: »Lieber Onkel!«

»Soll eigentlich heißen: Lieber Carl!« verbesserte der Forstmeister. »Halt ihn fest, Kind, sonst läuft er dir noch einmal weg.« Er legte die Glückliche an Carls Brust, der sie an sein Herz preßte.

»Gott segne euch!« sprachen die Eltern.

»Damit aber die Hochzeit die Alten nicht durch eine baldige Wiederholung zuviel koste«, fuhr der Forstmeister fort, »so denke ich, wir feiern gleich zwei.« Er trat zu Arnold und Malchen und sagte lächelnd:

»Wie steht's? Habt Ihr euch immer noch lieb?« »Ja, ja!« rief Arnold, und Malchen senkte errötend das Köpfchen.

Auch ihre Hände fügte er ineinander mit seinem Segen.

Dann zog er seine Frau an seine Brust. »Mutter«, sagte er, »sieh doch, wie glücklich die Kinder sind!«

»Und wir!« sagte die Mutter. Und gewiß waren sie alle glücklich.

»Aber unsern Kranz siehst du gar nicht!« schmollen die Kleinen.

Da lobte ihn der Vater freudig und herzte sie, und auch sie waren glücklich und zufrieden.

Wie's in den Wald schallt, so schallt's heraus

1

Eines Abends, es war im November 1834, wo's zwar noch nicht kalt, aber so nebelig in den Bergen war, daß man kaum auf zehn Schritt deutlich sehen konnte, und die Nacht außergewöhnlich früh gekommen war, saß die Frau Schulmeisterin zu Abbach beim warmen Ofen und spann und spann die Seufzer ihres Herzens mit hinein in den feinen Faden, den sie drehte. Dann und wann fiel auch eine Träne in ihren Schoß.

Es war eine Frau von etwa vierzig Jahren, der man ihr Alter aber nicht ansah, denn sie blühte noch so frisch, als wären kaum die dreißig nahe, und wer sie ansah, mußte sagen: Es ist eine bildhübsche Frau.

Warum sie so betrübt war? Lieber Gott, da sei ein Mutterherz fröhlich! Sechzig Taler war des lieben Gatten Besoldung und ein Gärtchen und ein Kartoffeläckerchen; und davon lebte das Ehepaar und sorgte für den Ludwig, den einzigen Sohn, der Primaner auf dem Gymnasium in der Stadt war und der studieren sollte. Bedachte sie nun, daß Nahrung und Kleidung, Bücher und Wohnung Ludwigs bestritten werden mußten, daß sie und der Schullehrer doch auch Bedürfnisse hätten, die nicht abgestellt werden konnten, so war die Rechnung leicht gemacht, aber mit dem ehrlichen Auskommen stand's wahrlich schlecht!

Warum aber mußte auch der Ludwig studieren? Konnte er nicht ein Handwerk erlernen oder auch Lehrer werden? War's nicht Hochmut? Wollten sie nicht zu hoch hinaus mit dem Buben?

Da muß ich mich doch auf ihre Seite stellen!

Der Lehrer Schlösser war der bescheidenste, demütigste Mann von der Welt. Ein tüchtiger Lehrer, dem die Liebe zu seinen Mitmenschen tief im treuen Herzen saß; der in seinem Beruf leibte und lebte. Er wußte wohl, daß er bei seiner Armut nicht weit fliegen konnte; daher dachte seine Seele nicht daran, aus Ludwig einen Pfarrer zu machen. Da waren die vielen Hüttenwerke im Lande. Wenn er nicht Schullehrer werden wollte, so konnte er sich da hinaufarbeiten vom Schreiber zum Magazinverwalter und von dem zum Faktor, und er war ein gemachter Mann. Verstand er das Geschäft und war treu, so war er wohl aufgehoben, denn die Hüttenherren sorgten für ihre Leute, und wenn sie in Treue alt wurden, waren sie auch nicht verlassen.

Daher unterrichtete er den Buben, der wie die Mutter eine stille, sinnige Natur war, im Rechnen, Lesen und Schreiben, in deutlicher Sprache und Geographie und dergleichen, um ihn für so einen Posten vorzubereiten, und da er im Hüttenwerk Privatunterricht gab und einmal so übers Eck ein Wörtlein fallen ließ, so sagte der Hüttenherr: »Warum denn nicht, Herr Schlösser! Kommt Zeit, kommt Rat!«

Aber der Ludwig war bald des Vaters Schule entwachsen, denn er lernte leicht und war sehr fleißig und brav.

Da kam der Pfarrer einmal nach Abbach, trat heitern Gesichts unter das Strohdach des Lehrers und setzte sich, denn die Schule war aus.

»Herr Schlösser«, sagte er, »heute komm' ich wegen Ihres Ludwig. Der Junge hat ein so ausnehmendes Talent, daß es vor Gott eine Sünde wäre, es untergehen zu lassen. Der muß studieren, und weil er so ein sinniger, frommer Junge ist, so mein' ich, es steckte ein wackerer Pfarrer in ihm, der heraus und auf die Kanzel müßte!«

Vater und Mutter erschraken, und die Mutter faltete die Hände und dachte: Gott geb's!

»Lieber Herr Pfarrer«, sprach darauf Schlösser, »wie soll das werden, da ich doch arm bin wie Hiob und sechzig Taler Gehalt habe!«

»Das hab' ich gedacht!« erwiderte lächelnd der Pfarrer. »Aber lebt nicht der alte Gott in Israel noch, der sich seine Rüstzeuge wählet, wo er will? Ist sein Arm verkürzt?«

»Ach Gott, nein!« riefen Vater und Mutter.

»Aber«, sagte der Schullehrer, »Sie selbst sagen oft: Wir dürfen nicht erwarten, daß der liebe Gott um unsretwillen Wunder tue, und die Hände in den Schoß legen. Das müßte ich doch tun, sollte ich's dahinbringen wollen!«

»Recht so, mein Lieber«, sprach der Pfarrer, »wir sollen uns rühren, aber wir sollen dann den Erfolg Gott dem Herrn im Gebete befehlen, der weiß zu helfen. Haben Sie vergessen, was Paul Gerhard in dem herrlichen Liede sagt:

Weg' hast du allerwegen,
An Mitteln fehlt's dir nicht;
Dein Tun ist lauter Segen,
Dein Gang ist lauter Licht;

Dein Werk kann niemand hindern;
Dein' Arbeit kann nicht ruhn,
Wenn du, was deinen Kindern
Ersprießlich ist, willst tun.«

»Amen!« sagte Schlösser aus tiefster Seele.

»Gut denn«, sprach der Pfarrer. »Ich unterrichte ihn umsonst. Er muß alle Tage hinüber zu mir kommen. Ist er reif zum Gymnasium, so werd' ich sorgen helfen. Dort hab' ich Freunde, die Kinder haben. Denen gibt Ludwig in den freien Stunden Unterricht. Dafür empfängt er Wohnung und Kost. Das Schulgeld wird geschenkt. So kostet er, wie zu Hause auch, Kleider und Schuhe.«

»Ach, Sie sind so gut, Herr Pfarrer«, sagte mit Rührung der Vater, während die Mutter eine Träne trocknete, die zu dreivierteln eine Freudenträne war; »aber wie soll's weiter werden?«

»Halt!« rief lachend der Pfarrer. »Sie sind ein ungläubiger Thomas! Auf der Universität geht's noch leichter. In Bonn sind Freitische und Stipendien. Dafür heben wir ja alle Jahre zweimal Kollekten! Dort gibt's noch mehr Gelegenheit zu Unterricht. Die Kollegiengelder werden erlassen, und ich sage Ihnen, Sie sollen's erfahren, wie der Herr hilft. Nur Gott vertraut und guten Mutes! Morgen kommt Ludwig zum ersten Male hinüber zu mir. Dabei bleibt's!«

Der Lehrer hatte noch viele Wenn und Aber, die jedoch der Pfarrer aus der Welt schaffte, indem er erzählte, wie er selbst, eines armen Schneiderleins Sohn, hindurchgegangen war durch Kreuz und Plage, und der Herr habe auf wunderbare Weise geholfen. Er hatte so eine Art, mit wenigen Worten die Leute zu fassen und den Mut in der Seele aufzurichten, daß sie nicht mehr verzagten.

Der Pfarrer schied, und das Vorhaben wurde verwirklicht. Ludwig lernte mit überraschender Leichtigkeit, und der Pfarrer hatte seine helle Lust an ihm. Zwar kostete es Bücher und allerlei; aber die Eltern nahmen gerne noch mehr Entbehrungen auf sich, als sie schon so trugen, und waren glücklich in der Aussicht für Ludwigs Zukunft. Nun war er auf dem Gymnasium und schon in der obersten Klasse und erst siebzehn Jahre alt. Alles ging, wie's der Pfarrer gesagt hatte, und der war ein rechter Freund, der half, wo er konnte. Freilich kostete es dennoch die Eltern immer mehr; aber sie opferten freudig alles, weil ja Ludwig so brav war und so rasch vorankam. Jetzt mußte er einen neuen Rock haben, denn bisher hatte er nur des Vaters abgelegte Kleidung getragen; aber der legte sie erst ab, wenn sie so fadenscheinig war, daß man ohne Brille das Gewebe sah, und es fehlte an Geld. Da war denn Schlösser heute ins Städtchen gegangen, wo die alte Base Lisbeth wohnte, die reich war, aber filzig und zäh wie Sohlleder. Sie hatte den Ludwig über das Taufbecken gehoben und Schlösser hoffte, sie würde doch einmal eine Patenfläsche geben, wie man das Patengeschenk nannte, da sie nie ihm ein Christkindchen beschert hatte, oder im schlimmsten Falle die acht Taler leihen.

Sonst war's Schlössers Art nicht, auszubleiben bis in die Nacht.

Das Mütterlein dachte: Es wird doch nichts passiert sein? und ängstigte sich. Es wurde neun; er kam nicht. Die Kirchenuhr schlug zehn, elf – er kam nicht. Da entsank ihr der Faden vor Herzensangst, und sie betete heiß und innig um Schutz und Hilfe der Engel Gottes für den geliebten Gatten.

Und wie sie noch so dasaß mit den gefalteten Händen und dem gesenkten Haupte, aber das Ohr scharf hinaushorchte, da dünkte es ihr, sie höre Schritte hallen durch die stille Nacht. Sie horchte schärfer mit vorgebogenem Oberleib und angehaltenem Atem. »Ja, er ist's!« rief sie dann frohlockend und Gott dankend und eilte ihm entgegen.

»Ach, wie hast du mir bange gemacht«, sagte sie halb vorwurfsvoll, halb erfreut, daß er wieder da war.

Der stattliche, starke Mann drückte das liebe Weib an seine Brust und sagte: »Närrchen, wer wird doch gleich sich so ängstigen!«

Sie waren in die Stube getreten, und das Licht fiel auf Schlössers schöne Gestalt.

»Ach Gott!« rief das Weib. »Du hast ja eine Wunde an der Stirn und dein Sonntagsrock ist ja am Ärmel aufgerissen! Da ist doch etwas passiert. Sag mir's doch gleich!« Er setzte sich zum Ofen, dessen Wärme ihm wohltat. »Was willst du denn essen? Du wirst hungrig sein?« fragte sie wieder, ihren Hausmutterpflichten den ersten Platz einräumend.

»Nichts will ich essen, denn ich habe zu Nacht gegessen«, sagte er.

»Hat dir die Base etwas angeboten?« fragte sie voll freudigen Erstaunens und schloß gleich auf die Erfüllung ihres Herzenswunsches.

»Wieviel Fragen stellst du doch«, sagte er lachend. »Welche soll ich denn zuerst beantworten?«

»Ach, du hast recht, Martin«, sagte sie und setzte sich. »Ich will nun auch still sein und dir zuhören.«

Doch kaum hatte sie das gesagt, als sie wieder aufsprang und hinauseilte.

Der Schullehrer schüttelte den Kopf und sagte zu sich: »Es ist doch ein kurioses Volk, die Weiber!« Ehe er jedoch in seinem Selbstgespräch weiter fortfahren konnte, war sie schon wieder da und brachte zwei Töpfchen und eine kleine Kaffeetasse.

»Ich habe mich gleich erinnert«, sagte sie, »daß von heute morgen noch ein paar Tassen Kaffee übrig sind, die will ich dir wärmen, dann hast du doch eine kleine Erfrischung!« Sie setzte sich, nachdem sie die beiden Töpfchen auf den warmen Ofen gesetzt hatte, und sagte: »Nun will ich hören! Fang aber auch gleich von vorn an. Wie ging's bei der Base?«

»Nun«, sagte der Lehrer, und seine heitere Miene verfinsterte sich, »als ich zu ihr kam, sagte sie: ›Auch mal wieder da? Wie geht's, wie steht's?‹ Ich brachte einen Gruß von dir und erzählte ihr von unserer Not und dachte, nun würde sie sagen: ›Ich will dem braven Jungen ein Röcklein machen lassen!‹ Aber prost Mahlzeit! Sie zuckte die Achseln und meinte, es sei mancher große Mann in einem alten Röcklein aufgewachsen. Es würde so nötig nicht sein. Als ich ihr aber das auseinandersetzte und um ein Darlehen von acht Talern bat, da beteuerte sie, sie habe keine acht Groschen im Haus. Sie sei so blank, daß sie sich heute mittag nicht einmal etwas gekocht habe. Dabei roch es aus dem Ofen so kräftig nach Kalbsbraten, daß mir der Geruch ordentlich erquickend war.

Nun merkte ich wohl, daß hier nichts zu machen war, und mit wehmütigem Herzen nahm ich Mütze und Regenschirm und ging. Was sollte ich nun machen? Hunger hatte ich wie ein Bär und nur achtzehn Kreuzer in der Tasche.

Ach, dachte ich, spar, was du kannst; kaufte mir für einen Groschen Brötchen und wanderte schweren Herzens wieder zum Tor hinaus, denn ich hatte ja niemand, den ich nun ansprechen konnte.

Noch lag der Nebel so dicht auf dem Wege, daß man kaum auf einige Schritte vor sich sehen konnte. Da aß ich ein Brötchen und wurde so satt, daß ich noch eines für dich in die Tasche stecken konnte.«

Er reichte es ihr, und sie nahm es mit einem Lächeln, das die Gabe würdigte, ohne den Schmerz bitter getäuschter Hoffnung zu verleugnen.

»Wie ich nun so dahingehe«, fuhr er fort, »hör' ich ein Fuhrwerk daherkommen in rasender Eile. Schon von ferne hörte ich des Pferdes Schnauben und erkannte, daß es wild und scheu war. Entweder gibt das ein Unglück, oder es hat schon eins gegeben, dachte ich, und bin schnell entschlossen dem Tier in die Zügel gefallen.

Richtig, da rast es her! Ich mit einem Sprunge heran und fasse es; aber das Tier war ganz aus allen Fugen. Eine Strecke noch schleppt es mich fort, dann muß es stehen; aber ich hatte am Zaum die Schmarre gekriegt und an der Deichsel mir den Rock zerrissen. Als ich das Tier zur Ruhe gebracht hatte, seh' ich, daß das Leitseil ihm in den Hinterbeinen hing und dies wahrscheinlich auch der Grund des Scheuwerdens war. Als ich den Wagen untersuchte, war niemand drinnen. Ich schloß daher, daß der Reisende entweder herausgesprungen oder gestürzt sein müsse. Der Wagen wie das Riemwerk und das Pferd selbst waren kostbar, und ich konnte schließen, daß es einem vornehmen Herrn gehören müsse. Was sollt' ich tun? Da kommt mir der gute Gedanke: Fahr mit dem Wagen zurück, bis du den Herrn findest.

Gedacht, getan! Weit war ich indessen noch nicht gefahren, da schnaubte das Pferd und wollte nicht weiter. Als ich genauer zusah, lag der Verunglückte leblos mitten im Wege. Ich führte das Pferd nun neben an den Weg, band es an einem Baume fest und eilte zu dem Verunglückten. Es war noch Leben in ihm, obgleich viel Blut aus einer Kopfwunde geflossen war; auch zeigte der schmutzige Streifen an seinen dunklen Hosen, daß er wohl unter das Rad gekommen sein mußte. Ohne mich weiter zu verweilen, lud ich ihn auf meine Schultern, legte ihn in den Wagen, setzte mich auf den Bock und fuhr nach der Stadt zurück und gerade an das Wirtshaus zum Stern. Als mich der Sternwirt sah, rief er: ›Ach Gott! Wo ist der Herr Wendel?‹ –

Da merkte ich, daß er den Verunglückten kannte, und sagte ihm kurz, wie sich's begeben. Nun hoben wir den Fremden heraus, trugen ihn auf ein Zimmer, das er kaum vor einer Stunde erst verlassen hatte, und ließen einen Arzt rufen. Es war der Doktor, der auch hierherkommt und in der Schulstube die Kinder impft.

Ich mußte dableiben und an die Hand gehen. Er ließ den Herrn Wendel zur Ader, und bald kam er zu sich.

Nun wurde die Kopfwunde verbunden, und er untersucht. Überall hatte er zwar Quetschungen, aber sonst war nichts gebrochen, nichts verletzt.

Als er wieder reden konnte, erzählte er, als er zum Tor hinausgefahren, sei ihm das Leitseil aus der Hand gefallen. Als dies dem Tier in die Beine geriet, sei es wild geworden. Immer habe er es wieder fassen wollen, und einmal habe er das Übergewicht gekriegt und sei kopfüber hinuntergestürzt. Da habe das Tier ihn noch weit mitgeschleift. Endlich sei es umgekehrt, und als es bergab gegangen, sei er endlich auf die Erde gekommen, das Rad sei über ihn gerollt, und seitdem habe er nichts mehr gewußt. Auch ich mußte nun erzählen, wie ich ihn gefunden und wie ich es angefangen hatte, daß ich ihn habe aufladen können. Nun erst wusch mir der Doktor meine Schmarre aus. Der Herr bedauerte mich fast mehr als sich selbst und wußte gar nicht Worte genug zu finden, seinen Dank auszusprechen. Ich mußte nun bei ihm bleiben und mit ihm zu Mittag essen, denn es schmeckte ihm wieder gut, und der Doktor sagte: ›Lassen Sie sich's nur gut schmecken, es wird nichts schaden.‹«

»Du hast im Stern gegessen?« fragte die Lehrersfrau und schlug die Hände zusammen. »Im ersten Gasthof der Stadt gegessen? Sag mir doch, was habt ihr denn gegessen? Geh, erzähl mir's doch!«

»O laß mir doch meine Ruhe!« sagte Schlösser fast ärgerlich. »Was weiß ich, was ich gegessen habe, wenn ich eben satt gegessen bin.«

»So macht ihr's«, rief seine Frau aus. »Ihr eßt nur und fragt nicht, was? Wir möchten's aber doch gerne wissen, weil wir Weiber immer gleich denken, wie das könnte gekocht gewesen sein. Geh, es ist gar nicht schön von dir!« grollte sie. Dann aber fragte sie: »Wie hat's denn geschmeckt, Lieber?«

»Gut, recht gut; aber Kartoffeln bei dir schmecken noch besser!« sagte er schmeichelnd und scherzend.

»Laß das jetzt«, sagte der Lehrer, »und hör mir doch zu. Nach Tisch mußte ich noch bei ihm sitzen bleiben, und da fragte er mir so recht das Herz aus der Brust heraus. Ich erzählte ihm auch die Geschichte mit der Base Lisbeth.

›Pfui‹, rief er, ›lassen Sie die alte Hexe mitsamt ihrem Mammon, der bringt doch keinen Segen. Sie haben Ihren besten Rock durch meine Schuld heute zerrissen. Da bin ich ohnehin schuldig, Ihnen einen neuen zu kaufen. Da lassen Sie mir denn die Freude, auch Ihrem braven Ludwig einen zu geben.‹ Damit wollte er mir ein Päckchen in die Hand drücken. Ich wollt's nicht nehmen, denn ich schämte mich, aber ich hatte die Ruhe nicht.«

»O geh!« sagte die Frau. »Das muß doch ein recht braver Herr sein, der Herr Wendel. Was hat er dir denn gegeben?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Lehrer, »denn er ließ mich erst um zehn Uhr fort. So lange mußte ich bei ihm bleiben, und dann entließ er mich mit einer Herzlichkeit, als hätten wir uns schon zwanzig Jahre gekannt.«

»Laß denn doch mal sehen!« bat seine Frau neugierig.

Schlösser zog nun ein kleines Päckchen heraus und reichte es ihr.

Sie wog es in der Hand. »Du lieber Gott«, sagte sie, »das gibt keinen Rock für Ludwig, geschweige denn für dich!«

Als sie es aber aufmachte, rollten vier Goldstücke auf den Tisch, und sie stieß einen Schrei des freudigsten Erstaunens aus.

»Siehst du«, sagte er tadelnd, »da hast du doch gleich Arges gedacht!«

»Gottlob!« rief sie aus. »Möge mir's der gute Herr Wendel vergeben! Martin, wieviel ist das?« »Vier doppelte Friedrichsdor!« sagte er.

»Wieviel Taler?« fragte sie. »Du weißt, ich kenne diese Dinger nicht!«

»Sie machen fünfundvierzig Taler, zehn Silbergroschen aus,« sagte er und faltete die Hände. Sie aber saß starr da vor freudigem Schrecken.

Wohl mag selten eine Gabe der Liebe und Dankbarkeit in würdigere und bessere Hände gekommen sein als hier. Noch lange saßen die glücklichen Gatten in ihrer stillen Herzensfreude da und dankten Gott für den geschenkten Reichtum und besprachen, wie das ein Notpfennig sein sollte für ihren lieben Ludwig. Er bekam nun einen neuen Rock, und des Vaters schwarzen stopfte die kunstgeübte Mutter so zierlich, daß man selbst mit einer scharfen Brille den Winkelhaken nicht sah, den ihm die Deichsel des Wagens gerissen hatte. Heiterer gingen sie der Zukunft entgegen, und der verborgene Schatz wurde nicht angetastet, selbst wenn die Not noch so groß war, und an solchen Stunden fehlte es eben nicht.

So kam denn endlich die Zeit, daß Ludwig als wohlbestallter und geprüfter Schüler das Gymnasium verließ.

Er kam noch auf vier Wochen zu den Eltern und zu seinem lieben Lehrer, dem Pfarrer, ehe er auf die Universität Bonn ging.

2

Es war in den ersten Tagen des Oktobers, als Vater, Mutter und Sohn eben am Tisch saßen und das einfache Mahl, Kartoffeln und Salz, mit Behagen verzehrten, da gab's auf der Straße ein Geschrei.

»Was gibt's?« rief der Schullehrer, der bei Unglücksfällen immer als erster zu Hilfe kam.

»Was für eine Dummheit von diesem Juden?« sagte der Nachbar Gottlieb.

»Was ist's denn?« fragte der Schullehrer eifrig.

»Habt nur ein bißchen Geduld, Herr Schulmeister«, sagte der langsame Gottlieb, »ich will es Euch ordentlich auslegen. Des Schulzen sein Peter war in der Stadt, Dielenbretter holen für des Schulzen feine Stube, die er neu dielen will. Da kommt ein arm' Jüdchen, das mit Brillen handelt, und bittet den Peter, daß er's auf die Dielen sitzen lasse. Der Peter tut's, und wie er da an der Ecke die Kehr' nehmen will, greift er sie zu kurz; das linke Rad geht hoch an die Mauer; der Wagen neigt sich zur Seite, kriegt einen derben Ruck, und das Jüdchen wird gegen die Mauer des andern Hauses geworfen und liegt nun da, als ob's mausetot wäre.«

»Hat sich denn niemand des armen Menschen angenommen?« fragte rasch der Schullehrer. »Wer sollt's tun?« fragte der Bauer. »Es ist ja nur ein Jud'!«

»Gott verzeih' dir das unchristliche Wort!« rief entrüstet der Schullehrer. »Hat der Samariter in des Herrn Erzählung auch so gedacht? Komm, Ludwig«, rief er, »hier ist es an uns, zu tun, was Christenpflicht fordert!« Und mit kräftigem Arm bahnte er sich durch den Volkshaufen eine Gasse. Ludwig folgte, und bald hatten sie die Stätte erreicht, wo noch immer der arme blutende Mensch lag.

Den Gottlieb hatte das Wort des Schullehrers denn doch getroffen. Auch er folgte, und die drei trugen den Verwundeten in des Schullehrers Haus.

Dort legten sie ihn schnell auf Ludwigs Bett, und Schlösser rief: »Wasser herbei und Essig!«

Die Schulfrau brachte beides schnell. Er wusch ihm die Wunde aus, verband sie und rieb dann des Juden Schläfe.

Bald schlug dieser die Augen auf.

»Wo tut's Euch weh?« fragte der Schullehrer.

»Ach da« sagte leise der Jude und zeigte auf sein Bein. Es war gebrochen.

»Auf, Ludwig, du bist jung«, rief Schlösser dem Sohn zu, »lauf in die Stadt. Es ist mondhell; hol den Arzt. Er muß schnell kommen.«

Mehrere Bauern waren mit hereingekommen. »Bleib Er da, Ludwig«, sagte Gottlieb. »Ich spanne meinen Wagen schnell an und hole den Doktor.«

»Nur schnell!« rief der Schullehrer, der bereits mit Vorsicht den Leidenden zu entkleiden begann, um ihn ins Bett zu legen. Der arme Mann schrie vor Schmerz. Als er endlich lag, legte Schlösser kühlende Verbände auf und fuhr damit eifrig fort, bis nach mehreren Stunden der Arzt kam. Das Bein wurde eingerichtet, und der entsetzliche Schmerz ließ nach.

»Wo ist mein Brillenkästchen?« fragte der Jude. Man reichte es ihm.

Aber welch ein Jammer war es nun, als der arme Mann alles zerbrochen und zersplittert fand! Es war sein ganzer Reichtum gewesen.

Schlösser tröstete ihn, so gut er konnte; in seiner Seele stand ein Gedanke fest. Ihm hatte Gott das Geld beschert. Dem Juden mußte geholfen werden; aber Schlösser sagte niemand etwas.

Sechs Wochen lag der Jude danieder, ehe er der Heimat seine Schritte zulenken konnte. Ludwig war währenddem nach Bonn zurückgekehrt, und drei Goldstücke hatte der Vater nur noch. »Nimm zwei«, sagte er. »Eins ist für den armen Schmuel, damit er seinen Handel wieder anfangen kann. Gott wird dir ja weiterhelfen!«

Ludwig und die Mutter stimmten freudig zu, und die Pflege des Juden wurde mit unermüdlicher Treue fortgesetzt.

Als endlich der Jude schied, war sein Dank tief gefühlt, und er sprach seinen Segen über seine Wohltäter; als ihm aber nun Schlösser das Goldstück in die Hände drückte, da schossen die Tränen aus Schmuels Augen.

»Großer Gott«, rief er aus, »Ihr seid selber arm, habt mir Gutes getan die lange Zeit, und nun gebt Ihr mir noch Geld, daß ich mein Krämchen wieder anfangen kann. Ich will's nehmen, aber mit Zins bring' ich's wieder, so wahr der Herr lebt!«

Er zog weiter, und Schlösser sagte, indem er seiner Frau um den Hals fiel: »Wir sind um ein wenig Geld und Gut ärmer, aber um einen Segen reicher, den der Herr droben gehört hat und gewiß unserm Kinde beilegt.«

Die edle Tat des Schullehrers machte übrigens im Dorf einen tiefen Eindruck. Es waren wohl herzlose Menschen da, die sagten: »Er ist ein Narr! Der Jude wird's ihm nicht danken!« Aber die Mehrzahl fühlte sich doch auf das Evangelium hingewiesen, und als der Pfarrer an dem Sonntag, auf den die Geschichte vom Samariter als Sonntagsevangelium fällt, darüber predigte und sichtlich auf den wackeren Schullehrer hindeutete, daß dieser seinen Kopf auf den Arm legte, da sagten die Bauern: »Er hat uns eine Auslegung des Evangeliums mit der Tat gegeben, und das Wort ›Gehet hin, und tuet desgleichen‹ soll nicht verloren sein.« Höher achteten Sie den Ehrenmann seitdem, und manche Gabe der Liebe fand den Weg in sein Haus, die seine betrübliche Lage milderte.

Die aber gesagt hatten: »Der Jude wird's ihm nicht danken«, wurden beschämt. Es währte vielleicht noch kein Jahr, da kam ein Brief von ihm an, und es lag ein Goldstück drin und ehrliche Zinsen bis zum Tage, und bald drauf kam er selbst, und unter Tränen und heißen Dankesworten weilte er bei denen, die ihm Gutes getan, und dem alten Gottlieb schenkte er eine Brille, weil er den Doktor so schnell geholt hatte.

Von da an kam Schmuel nicht mehr in die Gegend, weil er sich in der Nähe von Krefeld niedergelassen und seinen Handel erweitert hatte und mit einem schweren Kasten umherzog, um seine kleinen Waren den Leuten anzubieten.

Jahre kamen und gingen. Ludwig hatte es schwer, in Bonn durchzukommen, obwohl alles eingetroffen war, was der Pfarrer versprochen hatte.

Eines Tages, es war in den wenigen Ferientagen, welche das heilige Pfingstfest bringt, war Ludwig durch die schattigen Baumreihen nach Poppelsdorf gegangen und dann auf den Kreuzberg gestiegen. Auf der Galerie der Kirche stand er und ließ sein Auge hinschweifen über das herrliche Land, das vor seinen Blicken lag. Dorthin zuerst, wo hinter den nordöstlichen Höhen, welche den Gesichtskreis begrenzen, das Dörfchen lag, wo das treue Vater- und Mutterherz seiner betend gedachten, wie er ihrer jetzt. Lange war er nicht dort gewesen, und da seine Prüfung nahe war, wollte er auch jetzt nicht eher heimkehren. Recht lebendig war seine Sehnsucht nach den geliebten Eltern, und lange schaute er in diese Richtung. Dann schweifte sein Blick über das hügelige Land bis zur breiten Fläche des Rheintales; verweilte hier und dort auf einer bekannten Stelle, am längsten auf der hohen Abtei Siegburg. Dann folgte er dem Rhein, der wie ein silbernes Band sich durch das Grün hinschlängelt, bis zu den Türmen der zahlreichen Kirchen Kölns, bis zu dem riesenhaften Bau des herrlichen Doms. Und wiederum kehrte er zurück über das fruchtbare Flachland, begrenzt von dem schönen Kranz der Berge, aus deren dunklerem Grün Dörfer und stattliche Landhäuser reicher Besitzer hervorschauen.

Er war in den Anblick so vertieft, daß er nicht merkte, daß noch andere Leute unweit von ihm standen.

Die Aussicht ist aber auch so reich und wundervoll schön, daß, sooft man sie auch genießt, ein immer neuer Reiz den Beschauer fesselt.

Plötzlich hörte er eine weiche Mädchenstimme hinter seinem Rücken fragen: »Wie heißt der hochgelegene Ort?«

»Ich weiß es nicht, Kind«, sagte eine männliche Stimme, »aber ich glaube, daß es Siegburg ist. Vielleicht«, sagte die Stimme und wandte sich an Ludwig, »vielleicht ist der Herr so freundlich uns zu lehren!«

Ludwig drehte sich schnell um und sah einen wohlgekleideten Herrn neben einem blühend schönen jungen Mädchen stehen, deren ausdrucksvoller Blick auf Ludwig ruhte.

Nach einer kurzen Begrüßung bestätigte Ludwig des Herrn Aussage.

Dieser betrachtete Ludwig sehr aufmerksam, doch bald wurde sein Blick wieder gleichgültig. Ohne Absichtlichkeit von einer der beiden Seiten kam recht bald ein Gespräch in Gang, das sich auf die Aussicht bezog und auf die Orte, die man überschaute. Ludwig war genau damit bekannt und daher imstande, jede Frage zu beantworten.

Sie standen lange da. Endlich begann die Mittagsglocke in Poppelsdorf zu läuten, und alle schickten sich an, den Rückweg anzutreten.

»Da Sie, wie es scheint,, schon längere Zeit hier weilen, so sind Sie auch wohl mit all den Sehenswürdigkeiten Poppelsdorf vertraut?« fragte der Herr.

Das konnte Ludwig mit gutem Grund bejahen; denn oft war er dort gewesen, und im Garten war er noch mehr zu Hause, da er ein Freund von Blumen und ein Kenner der Pflanzenkunde war.

»So möchte ich Sie bitten, wenn es ihre Zeit gestattet, uns dort ein wenig herumzuführen«, sagte der Herr.

»Es macht mir Freude«, versetzte Ludwig bescheiden, wenn meine geringe Kenntnis Ihnen nützlich sein kann. Zu versäumen habe ich nichts, und wenn Sie es gestatten, begleite ich Sie!«

Das wurde mit Dank angenommen.

Nun stiegen sie hinab und traten zuerst in den Garten. Nach allen Richtungen durchschritten sie ihn. Alles Sehenswerte wurde betrachtet, besonders die prächtigen Pflanzen fremder Weltteile, welche in den Glashäusern gepflegt werden. Als sie an dem Wasserbehälter vorübergingen, in dem die Gold- und Silberfischlein und die schönen bunten Fische sind, sagte Ludwig: »Lassen Sie uns hier nicht vorübergehen. Es macht mir oft große Freude, diese bunten, schimmernden Tierchen zu locken.« Einige Brotstückchen warf das liebliche Mädchen in das stille Wasser, und siehe da, es kamen ganze Scharen der schönen Tierchen und schnappten die Krümchen weg. Das machte ihr außerordentliche Freude. Endlich sagte der Vater: »Malchen, wir werden aber nun zu Tische gehen müssen, und wollen uns den Besuch des Schlosses bis nach dem Essen aufsparen. Nicht wahr, Sie machen uns die Freude, heute unser Gast zu sein!« Mit diesen Worten faßte er Ludwigs Hand.

»Ach ja!« bat das holdselige Mädchen. Und nun hätte Ludwig es nicht ablehnen können, wenn er auch gewollt hätte. In Wahrheit war es ihm aber recht willkommen. Seit drei Tagen war ihm alles Geld ausgegangen. Um zu sparen, aß er nur einmal am Tag, und diese karge Ernährung paßte gar nicht zu dem gesegneten Appetit, den er hatte. Dieser Geldmangel kam daher, daß eine Familie verreist war und es wohl vergessen hatte, ihm die Zahlung des Monatgeldes für den Unterricht ihrer Kinder zu leisten, auf welches Ludwig fest gerechnet hatte.

Bei Tisch war Malchens Vater ungemein heiter. Sie selbst hatte alle Scheu gegenüber Ludwig abgelegt und sprach viel mit ihm. In dem Gemach des Gasthofes, in dem sie speisten, stand ein Klavier. Nach Tisch setze sich auf des Vaters Bitte Malchen daran und spielte, während Ludwig mit ihm eine Zigarre rauchte. Ludwig lauschte den Tönen. Malchen spielte gut.

»Sie spielen gewiß auch?« fragte sie endlich aufstehend. Ludwig bejahte, und nun mußte er sich sogleich niedersetzen.

Der alte Lehrer Schlösser zu Abbach war ein feiner Spieler; aber er war noch mehr: ein tüchtiger Kenner der Musik überhaupt. Er spielte mehrere Instrumente. Als nun Ludwig zu dem Pfarrer ging, Latein und Griechisch zu lernen, gab ihm der Vater tüchtigen Unterricht in der Musik. Wie Ludwig reich begabt war vom lieben Gott, so hatte er auch für Musik ein sehr großes Talent. Auch in dieser Kunst machte er außerordentliche Fortschritte, und in Bonn, wo er selbst in der Musik unterrichtete, pflegte er diese Kunst sehr und bildete sich, bei häufiger Gelegenheit, gute Musik zu hören, weiter aus. Die Nähe eines so liebenswürdigen Mädchens begeisterte ihn, und bald vertiefte er sich so sehr in sein Spiel, daß er alles um sich vergaß. Seine Seele erhob sich zu höheren Gefühlen, und was ihn jetzt innerlich bewegte, das legte er in die Töne, die er spielte.

Plötzlich klopfte ihm der Herr auf die Schulter. »Junger Mann«, sagte er freudig bewegt, »Sie sind ein Meister. Solch ein Spiel habe ich lange nicht gehört!«

Mit leuchtenden Blicken saß Malchen an des Jünglings Seite. Er wollte aufhören.

»O ich bitte, noch nicht!« sagte sie so innig, daß er seine Darbietung fortsetzte.

»Wer so spielt, hat gewiß auch Eignes vorzutragen«, bemerkte der Vater.

Ludwig sagte: »Was ich zuletzt komponiert habe, ist eine ausführlichere Bearbeitung des schönen Chorals ›Befiehl du deine Wege‹.«

»O spielen Sie!« baten Vater und Tochter.

Und so begann er denn und führte die weiche, herzergreifende Melodie zuerst in ihrer Einfachheit, und dann erst erging sich sein Spiel über diese Melodie in hundertfach verschiedenen Wendungen, grade als wolle er sie auslegen. Und zuletzt kam sie wieder in ihrer vollen einfachen Schönheit.

Beide waren ganz ergriffen von seinem herrlichen Spiel und ergingen sich in lebhaften Lobeserhebungen. Aber dies Lied hatte ihrer Stimmung eine höhere Richtung gegeben. In Malchens Augen leuchtete eine Träne, die verriet, wie tief ihr das Spiel in die Seele gedrungen war.

Unterdessen war eine geraume Zeit verflossen, und die Besichtigung der Sammlung ausgestopfter Tiere und anderer Sehenswürdigkeiten im Schlosse forderte auch Zeit. Sie gingen nun dorthin und kehrten dann, langsam im Baumschatten hinwandelnd, nach Bonn zurück. Als sie bei dem Gasthof schieden, bat Malchens Vater, er möge sie morgen doch nach Rolandseck und auf den Drachenfels begleiten, wenn es ihn in seinen Studien nicht störe.

Mit der festen Zusicherung, sich rechtzeitig einzufinden, schied Ludwig. Er mußte es sich selbst gestehen, das Scheiden tat ihm weh. Er hätte noch den ganzen Abend bei den lieben Menschen zubringen mögen. Bis tief in die Nacht saß er noch an seinem Klavier, das er sich gemietet hatte, und spielte, und wußte doch nicht, was er spielte, denn Malchen stand immer vor seiner Seele. Noch niemals hatte ein Mädchen ihm so gut gefallen wie sie. Ihre einfache, natürliche Art, ihre Demut und Bescheidenheit, das sittsame Wesen und der stille Ausdruck von Wehmut, der sich auf ihrem Gesicht zeigte, ergriffen sein Herz. Sie war schwarz gekleidet gewesen, und ihr Vater hatte auch einen Trauerflor am Arm getragen. Der Gedanke, sie könne um ihre Mutter trauern, zog ihn sehr zu ihr hin; denn er liebte ja seine sanfte, gute Mutter so innig und konnte also auch das tiefe Leid ermessen, welches der Tod einer solchen Mutter dem kindlichen Gemüt bereiten mußte. Was sie sagte, war der Ausdruck eines tiefen Gefühls, war so klar und verständig und mit einem so herzergreifenden Wohllaut gesprochen, daß er ihr hätte tagelang zuhören können.

In dem frohen Gedanken, morgen wieder mit ihr zusammenzukommen, den ganzen Tag mit ihr zu verleben, schlief er endlich ein, und mit den ersten Strahlen des jungen Tages war er schon wieder auf.

Als er in den Gasthof kam, begrüßten ihn Vater und Tochter wie einen längst befreundeten Bekannten.

Der Vater hatte den Plan geändert. Heute wollte er über die schön gelegene Rosenburg nach Godesberg, denn man hatte ihm den Waldweg dorthin als einen der schönsten Spaziergänge geschildert. Da Ludwig dem zustimmte, wurde der Weg angetreten. Wer diesen Weg jemals ging, weiß, wie überaus reizend die Aussicht von der Rosenburg ist; wie sich von dort das Siebengebirge so herrlich dem Auge darstellt; kennt auch die schönen Aussichten, die man auf verschiedenen Stellen dieses Weges hat. Die stille Waldeinsamkeit war auch recht geeignet zu traulichen Gesprächen.

Hier fragte der Herr nach Ludwigs Namen.

»Ich heiße Schlösser«, sagte er.

»Schlösser? Mein Gott«, sagte der Fremde, »sind Sie vielleicht aus Abbach?«

Ludwig bejahte es.

»Und ihr Vater ist der dortige Schullehrer?«

»Kennen Sie meinen lieben Vater?« fragte mit freudiger Bewegung der Jüngling.

»Malchen«, rief da der Fremde aus, »sieh hier den Sohn des braven Mannes, von dem ich euch damals so viel erzählte, als ich von meiner Reise zurückkam. Ja, lieber junger Freund«, rief der Herr aus, »Ihr Vater hat mich einst aus einer großen Lebensgefahr gerettet. O sagen Sie mir, wie geht es ihm?«

Ludwig mußte nun erzählen.

»Ach«, sagte der Herr, »als ich Sie auf dem Kreuzberg sah, da war mir's, als läge in Ihrem Gesichte etwas so Bekanntes. Ich sann lange nach; aber ich konnte mich doch nicht mehr besinnen, woran es mich erinnerte. Jetzt weiß ich es allerdings!«

Nun erzählte er nochmals jene Begebenheit, von der Ludwig, da er zu jener Zeit noch auf dem Gymnasium war und sein Vater von solchen Dingen sprach, kein Wort gehört hatte. Er wußte nicht einmal, daß jenes Geld, welches er in der ersten Zeit in Bonn erhalten hatte, eine Gabe dieses Mannes war. Dieses Erkennen aber war nun auch der Anlaß herzlicher Anfreundung. Einer der schönsten Tage in Ludwigs Leben verfloß sehr schnell, und sehr glücklich kehrte er mit den ihm nun doppelt teuren Menschen nach Bonn zurück. Diesen Abend blieb er länger noch bei ihnen, und endlich schied er mit der seligen Hoffnung, auch morgen noch mit Malchen verleben zu können, die heute so zutraulich ihm gegenüber geworden war, seit sie wußte, daß er der Sohn des Mannes sei, der ihren geliebten Vater aus der Gefahr des Todes gerettet hatte.

Wie erschrak er aber, als am andern Morgen der Kellner im Gasthofe ihm ankündigte, die Herrschaften seien abgereist. Es sei ein Brief dagewesen, sagte er, den er abzugeben vergessen und den er erst dem Herrn nach Ludwigs Weggang überreicht habe. Darauf seien sie schnell noch in der Nacht abgefahren und hätten ihm den Auftrag gegeben, Ludwig ihre besten Grüße zu überbringen. Das Fräulein, sagte noch der Kellner, habe viel geweint, und der Herr sei sehr verstört gewesen. Es schiene, als sei ihnen jemand erkrankt, der ihnen sehr wert sein müsse.

Diese Nachricht traf Ludwig wie ein Donnerschlag. Gesenkten Hauptes ging er heim. So war er noch nie um eine schöne Hoffnung gebracht worden. Er hatte aus Bescheidenheit nicht nach dem Namen gefragt, nicht nach dem Stande, nicht nach dem Wohnort des Fremden. Nun hatte er keine Hoffnung, das Mädchen jemals wiederzusehen, an dem, das konnte er sich nun nicht mehr verschweigen, seine ganze Seele hing. In stiller Trauer verlebte er den Tag; dann aber raffte er sich wieder auf. Er stellte sich vor, wie töricht diese Liebe sei, da er doch nie Hoffnung hegen konnte, daß ein so reiches Mädchen, wie es Malchen allem Anschein nach war, seine Gattin werden könnte.

Ludwig war kein Träumer, sonst hätte er dieser Liebe mehr Raum in seiner Seele gestattet; hätte der lieblichen Erscheinung mehr nachgehangen und wäre vielleicht dadurch in seinem Studium gehemmt worden. Er suchte sich das schnelle Entschwinden des Gegenstandes seiner Liebe als eine Wohltat vorzustellen, und so gelang es ihm, wieder Ruhe zu gewinnen. Zwar stand Malchens schöne Gestalt oft vor seiner Seele; aber von der Pflicht, sich für seinen Beruf vorzubereiten, konnte es ihn nicht abhalten.

3

Der wichtige Abschnitt in Ludwigs Leben, die erste Prüfung, ging vorüber, und mit dem besten Zeugnis, das lange Zeit erteilt worden war, kehrte er nach Bonn zurück, um hier noch längere Zeit sich dem Unterricht zu widmen und nicht seinen armen Eltern zur Last zu fallen.

Das erste, was ihm sein Hausherr sagte, als er zurückkam, war, daß ein Herr dagewesen sei, der nach ihm gefragt habe. Es blieb kein Zweifel, daß dies Malchens Vater gewesen war. Er war indessen wieder schnell abgereist. Bis zu seinem zweiten Examen blieb Ludwig in Bonn und schlug sich kümmerlich durch. Als auch dies mit Ehren hinter ihm lag, eilte er in das stille Dorf der Heimat, um einige Zeit bei seinen Eltern zu bleiben und sich dann in einem kleinen Städtchen am Niederrhein, das ihm empfohlen war, einzumieten und sich der Jugendbildung zu widmen, bis ihm ein Beruf als Prediger des Evangeliums zuteil würde.

Er hatte sich nach der Beschreibung eines wohlwollenden Mannes in dem Städtchen ein anständiges Auskommen versprochen. Leider täuschte er sich darin. Nur wenig Gelegenheit, Unterricht zu erteilen bat sich ihm hier, und es blieb ihm keine Wahl: Er mußte sich mit Abschreiben sein kärgliches Brot zu verdienen suchen.

Seinen Eltern verschwieg er diese Lage. Er wollte ihnen keinen Kummer bereiten; aber nie hatte er mehr mit Sorgen gerungen als hier.

Eines Tages saß er traurig in seinem Dachstübchen, als seine Hauswirtin, eine betagte Witwe, hereintrat und sagte: »Herr Kandidat, es ist heute schon zweimal ein Jude dagewesen, der nach Ihnen gefragt hat. Mir wollte er nicht sagen, was er bei Ihnen wolle. Sind Sie um vier Uhr zu Hause, so kommt er wieder.«

Vielleicht, dachte Ludwig, hat er mir Verdienst zu bringen, den ich so nötig brauche! Er blieb zu Hause.

Um vier Uhr stieg jemand die Stiege herauf. »Darf ich?« fragte ein Jude, den Kopf zur Tür hereinstreckend.

Auf den ersten Blick erkannte Ludwig den armen Schmuel, der einst so lange krank in seinem Vaterhaus gelegen hatte.

»Schmuel!« rief er. »Seid mir willkommen!« »Gott behüt'!« rief mit Rührung Schmuel aus. »Der junge Herr kennt den alten, armen Schmuel noch, dem er Gutes tun half. Gott vergelt's, junger Herr! Zufällig hab' ich erfahren, daß Sie seit kurzem hier wohnen, und da komm' ich, zu fragen, wie's geht.«

Er sah sich in dem Stübchen um, das von der Lage des armen Bewohners eine so deutliche, wenn auch stumme Sprache redete, daß man sie augenblicklich verstehen mußte.

»Gott, was seh' ich!« rief der Jude aus. »Sie leben auch nicht wie der Vogel im Hanfsamen! Leiden vielleicht Not? Soll mir der Herr gnädig sein, das ging mir ans Herz. Ach, Herr, seien Sie aufrichtig! Dem alten Schmuel dürfen Sie nichts verschweigen!«

Ludwig konnte nicht leugnen, daß es ihm übel gehe.

»Gott sei gelobt«, rief Schmuel aus, »so ist die Stunde doch gekommen, daß der alte Schmuel vergelten kann. Junger Herr, ich bin nicht so arm, wie Sie glauben. Das Geld, daß mir Ihr Vater geliehen hatte, war gesegnet. Es hat mir Glück gebracht. Hab' viel mit verdient. Es ist gewesen wie ein Samen, der hundertfältig trägt. Brauchen Sie Geld? Machen Sie mich so glücklich und sagen Sie mir's!«

Er nahm Ludwigs Hand und sah ihm so bittend in die Augen, die sich mit Tränen füllten, daß er sich nicht zurückhalten konnte.

Er erzählte dem ehrlichen Mann von seiner Lage mit all ihrer Bedrängnis.

Ohne ein Wort zu entgegnen, lief Schmuel fort und kam bald wieder. Er legte einen Beutel mit Geld auf den Tisch. »Es sind zwanzig Taler«, sagte er. »Helfen Sie damit Ihrer ersten Not ab. In acht Tagen bring' ich mehr.«

Ludwig wollte es nicht nehmen, höchstens als ein ehrliches Darlehen.

»Gut«, sagte Schmuel. »Behalten Sie es als ein Darlehen, und wenn Sie einmal können, geben Sie es mir wieder. Seien Sie ruhig, so braver Eltern Kind kann es nicht fehlen. Der alte Gott lebt noch! Schmuel wird sich umtun. Vielleicht findet er Ihnen ein besseres Stellchen!« Mit diesen Worten lief er weg.

Die Frucht der Sorge des braven Schmuel zeigte sich bald. Mehrere Familien, auch jüdische, baten ihn um Unterricht für ihre Kinder. Ludwig konnte wieder einer besseren Zukunft entgegensehen; konnte sich wieder ein Klavier mieten, was zu entbehren ihm so schwer geworden war. Nun schienen seine liebsten Wünsche erfüllt. Wie innig dankte er Schmuel!

Eines Tages saß er in der Dämmerung an seinem Instrument und spielte wieder einmal so recht aus vollem Herzensgrund. In solchen Stunden vergaß er sich selbst und die ganze Welt; aber wer ihn dann auch spielen hörte, konnte nicht unbewegt bleiben. Er legte das Gefühl, das in ihm war, in die Töne, und weich wie sein Herz, hatten diese Töne dann etwas so Klagendes, wehmütig den Hörer Stimmendes, daß die Frucht tiefer Bewegung selten ausblieb. Als Ludwig endete, war es dunkel geworden. Plötzlich rief eine Stimme hinter ihm: »Gott behüt', man meint da, man wär' ja im Himmel!« Ludwig erschrak im ersten Augenblick; aber als er den alten Schmuel erkannte, stand er auf und trat ihm entgegen.

»Nehmen Sie es nicht übel, junger Herr«, sagte Schmuel, »daß ich so einfach bin hereingekommen. Wollt' auch gleich sagen: Guten Abend, Herr Schlösser; aber ich wollt' doch nicht stören, und über der Musik hab' ich alles vergessen. Gott behüt', so was hab' ich noch nicht gehört, und es ist mir gewesen im Gemüt, als müßt' ich beten zu dem Ewigen. – Aber, nicht zu vergessen! Zünden Sie einmal ein Licht an! Da hab' ich etwas, das Ihnen wird sein sehr wichtig.«

Ludwig zündete seine alte Lampe an, und Schmuel zog ein Blatt heraus.

»Da lesen Sie mal«, sagte er. »Bin ich gewesen in M., Sie kennen ja das Städtchen. Les' ich da im Wochenblättchen die Anzeige!«

Ludwig nahm das Blatt und las: »Eine auf dem Lande wohnende Familie wünscht für einen Knaben von elf Jahren einen gebildeten Hauslehrer, der im Lateinischen usw. gehörig unterrichten kann. Überdies wäre erwünscht, wenn er auch in der Musik Unterricht geben könnte. Außer freundlicher Behandlung und freier Station (das heißt freier Wohnung, Kost, Wäsche usw.) wird ihm eine Besoldung von zweihundert Gulden zugesichert.« – »Ich denke«, nahm Schmuel wieder das Wort, »das ist etwas für Sie? He! Wie meinen Sie? Ich hab' mich gleich erkundigt. Es ist eine Familie, brav, wie sie nur sein kann, und reich, Herr Schlösser, reich, fast wie der Herr von Rothschild zu Frankfurt. Nun, was meinen Sie? He?«

Ludwig legte das Blatt hin und sagte: »Allerdings, das wäre so recht erwünscht für mich. Hier hält mich nichts.«

»Bei meiner Treu! Das ist wahr!« rief Schmuel. »Greifen Sie zu mit zwei Händen, aber schnell, daß nicht ein anderer hineinschlupft.«

»Ich will hinschreiben«, sagte Ludwig.

»Schreiben?« rief Schmuel. Schwarz auf weiß ist aller Ehren wert, wenn's um ein Handschriftchen geht; aber ›Selbst ist Herr‹ sagt das Sprichwort. Es ist nicht weit; gehen Sie morgen selbst hin.«

Ludwig erkannte, daß Schmuel recht hatte. Er bestellte die Lehrstunden auf zwei Tage ab und machte sich auf den Weg.

Was waren drei Stunden an einem schönen Sommermorgen für einen jungen, kräftigen Mann? Früh war er aufgestanden, um in der Kühle zu gehen. Beizeiten kam er in M. an und ging zu dem Buchdrucker, der das Blatt verlegte und druckte.

Auf Ludwigs Frage meinte der Mann: »Ich will Sie selbst hinbegleiten. Spielen Sie aber auch Klavier?« »O ja«, sagte Ludwig.

»Das ist gut«, erwiderte der Buchdrucker. »Ohne das war's nichts gewesen.«

Plaudernd gingen beide zum Tor hinaus, und nach einer Viertelstunde Weges erblickte Ludwig ein stattliches Landhaus, welches aus grünem Baumschatten freundlich herausblickte. Die Lage war herrlich. Von niederen Hügeln umgeben, lag das Landgut mit einer Reihe stattlicher Fabrikgebäude in einem lieblichen Tal. Ein wilder Bach floß vorüber. Ein großer Garten mit herrlichen Anlagen zog sich um das Wohnhaus herum.

»Was ist das für eine Niederlassung?« fragte Ludwig, dessen wohlgefälliger Blick auf den schönen Gebäuden ruhte.

»Die Fabrik sowie das Haus gehört der Familie, in deren Kreis Sie eintreten wollen«, sagte der Begleiter Ludwigs, und bald traten sie in das reiche Haus ein.

Der Bediente ließ sie in einen kleinen Gartensaal treten und bemerkte, die Herren würden sich wohl etwas gedulden müssen, weil sein Herr jetzt grade die Fabrik inspiziere. Er würde jedoch sehr bald kommen.

Wohin Ludwig sein Auge richtete, überall sah er Zeichen des großen Reichtums des Besitzers. Kostbare Gemälde hingen an den Wänden. In prächtigen Gefäßen prangten die schönsten Blumen. Alle Geräte waren von ebenso schöner Arbeit. Was ihn aber am meisten anzog, war ein Flügel, der gegenüber der Tür stand.

»Ich bitte Sie«, sagte sein Begleiter, »setzen Sie sich und spielen Sie etwas, denn es dürfte lange währen, bis der Herr kommt, und das vertreibt die Zeit.« Ludwig setzte sich.

Welch ein Ton war das! Wie eine Glocke klang jeder Ton, rund, voll, weich und doch so kräftig! Er war ganz außer sich vor Lust. Auf solch einem Instrument hatte er noch nie gespielt. Lange spielte er, und immer mehr vertiefte er sich in das Spiel. Es war wunderbar! Grade heute hatte er so oft an Malchen denken müssen; grade heute war ihr Bild in seiner vollen Lieblichkeit ihm so frisch vor die Seele getreten, als sähe er sie mit seinen leiblichen Augen; denn sie war noch immer das Bild seiner Träume; an ihr hing mit veränderter Liebe sein Herz, und er mußte gar oft den Gedanken verscheuchen, da doch keine Hoffnung des Wiedersehens ihm blühte. So war denn auch jetzt jenes Zusammensein im Gasthof zu Poppelsdorf recht lebhaft in seinen Gedanken, und das Stück, das er damals gespielt hatte, kam ihm plötzlich wieder in den Sinn. Mit allem Feuer der Erinnerung, aber auch mit aller Wehmut über ihren Verlust spielte er es, schöner, inniger, als er es je gespielt, und wieder begegnete ihm, was ihm eben so oft geschah, daß er alles um sich herum vergaß.

Vielleicht eine halbe Stunde hatte er sich selbstvergessen dem Spiel hingegeben, da endete er mit einem vollen Griffe und sprang auf; aber als er sich umdrehte –?–

Lange stand er bleich und starr da. Seine Augen wollten aus ihren Höhlen heraustreten. War das ein Traum, war es Zauberei?

Da stand Malchen und lehnte das Köpfchen an ihres Vaters Schulter, der ihn mit einem so freundlichen Lächeln ansah. An seiner Hand hielt er einen Knaben – Malchens Abbild!

Der Buchdrucker, der nicht wußte, was er aus der Sache machen sollte, trat endlich vor und sagte: »Herr Wendel, hier habe ich die Ehre, Ihnen den Herrn Kandidaten Schlösser vorzustellen!«

»Oh, wir kennen uns schon«, rief da Herr Wendel und eilte auf Ludwig zu, den er in seine Arme schloß. »Seien Sie mir tausendmal willkommen!« rief er aus. »Wie kommen Sie aber hierher? Ach, ich hatte mir recht vorzuwerfen, daß ich in Bonn, als wir durch meines Carls schwere Erkrankung so schnell abgerufen wurden, Ihnen nicht einmal einige Zeilen zurückließ, um Sie einzuladen, uns hier zu besuchen. Und als ich später wieder in Bonn war und nach vieler Mühe das Haus fand, in dem Sie wohnten, da waren Sie weg, und ich konnte nichts von Ihren Hausmietern herausbringen, als, Ihre Habe sei noch da, aber sie wüßten nicht, ob Sie wiederkehrten.«

Ludwig war vor Überraschung und Verwirrung keines Wortes mächtig; denn nun reichte ihm das tief errötende Malchen die Hand und hieß ihn willkommen, und der Alte sagte zu dem Knaben: »Sieh, Carl, der Herr ist der brave Sohn des Mannes, der einst deinen Vater aus großer Not, vielleicht vom Tode errettete.« Und auch der hübsche Knabe kam und bot ihm zutraulich seine Hand.

»Herr Wendel«, sagte endlich der Buchdrucker, der ganz verlegen am Fenster gestanden hatte, als dies alles sich hier zutrug, »ich sehe, Sie wissen eigentlich gar nicht, was des Herrn Kandidaten Wunsch ist?«

»Was Wunsch!« rief Herr Wendel. »Er will uns mit seinem Besuch erfreuen und ist uns höchst willkommen.«

»Entschuldigen Sie«, entgegnete der Geschäftsmann. »Sie wissen, daß Sie mir eine Aufforderung zuschickten wegen eines Hauslehrers für Ihren Sohn. Da ist nun kürzlich der alte Brillenhändler Schmuel von Krefeld bei mir gewesen und sagte mir, er wisse den rechten Mann; nahm das Blatt mit, und heute kommt Herr Kandidat Schlösser, um sich auf des Juden Veranlassung bei Ihnen wegen der Stelle zu melden.«

»Was!« rief da Herr Wendel aus. »Sie wollten bei uns bleiben und meines Carl Lehrer werden? Ist das Ihr Ernst, lieber junger Freund?«

»Es ist so!« brachte nun endlich Ludwig heraus.

»Viktoria!« rief Wendel. »Das soll ein Freudentag für mein ganzes Haus werden, denn was ich in Bonn von Ihnen hörte, das gab mir die Gewißheit, sie seien Ihres braven Vaters würdiger Sohn. Alle ihre Forderungen sind genehmigt«, rief er, »und Sie bleiben heute schon hier. Ihre Sachen lasse ich alle holen, wo sie auch stecken mögen!«

Ludwig kam nicht aus der Verlegenheit; denn Herr Wendel war ganz ausgelassen in seiner Freude. Der kleine Carl schmiegte sich an ihn, als ob er ihn schon seit Jahren kenne, und Malchens schönes Gesichtchen strahlte von einer Freude, die ihr Herz höher klopfen machte.

Nun führte ihn Wendel in den Garten.

»Malchen«, rief er seiner Tochter zu, »laß die zwei Zimmer neben den meinigen für den Herrn Schlösser bereiten, und sage dem Herrn Faktor, heute habe mein Haus einen Freudentag. Alle Arbeiter sollen mit Wein und doppeltem Lohn bedacht werden.«

Dann sagte er zu Ludwig: »Gehen Sie mit Carl durch den Garten, ich muß dem Buchdrucker sein Geschenk geben.«

Nach kurzer Frist kam er wieder. Ludwig saß mit dem Knaben in heitrem und zutraulichem Gespräch. Der Knabe erzählte ihm voller Freude von seinen Vögeln und dergleichen Dingen, die ihm lieb und wert waren.

»Carl«, sagte Herr Wendel, »geh und füttere deine Vögel. Ich will jetzt mit Herrn Schlösser allerlei reden.«

Der Knabe entfernte sich.

»Ich sehe«, sagte Wendel, »Sie verstehen sich darauf, die Herzen zu gewinnen! Carl ist eine offene, reine Seele, und Sie werden die Saat des Guten hineinstreuen, dafür bürgt mir Ihre Denkungsart. Nun aber erzählen Sie mir, wie es Ihnen erging, seit ich Sie nicht wiedersah«, sagte Herr Wendel, vertraulich seine Hand auf Ludwigs Arm legend.

Er teilte ihm alles mit. Was sollte er dem Mann verhehlen, der ihn so liebevoll aufnahm, dem er sein ganzes Herz damals schon hätte ausschütten können, als er ihn in Bonn kennenlernte. Er verschwieg ihm nichts; nicht seinen Schmerz, als er sie im Gasthof nicht mehr fand, nicht sein späteres Geschick, seine Not und wie ihn Schmuel gerettet hatte.

»Oh, da bewährt sich's wieder«, rief Wendel, »wie's in den Wald schallt, so schallt's heraus! Da sieht man, wie der Segen guter Eltern sich an den Kindern im schönsten Erfolg zeigt. Ach, lieber junger Freund«, fuhr er fort, »ich habe viel an Ihnen verschuldet, von jener Stunde an, als ich von Ihnen schied. Ich kannte die Lage Ihrer Eltern und bot Ihnen nicht meine Hilfe an! Ehrlich will ich es gestehen, ich fürchtete, Ihnen weh zu tun, Ihrem Zartgefühl zu nahe zu treten. Es hielt mich etwas zurück, das ich am besten mit dem Wort Achtung vor Ihnen bezeichnen möchte. Hintennach dachte ich: Es war doch dumm von dir! Du hättest grade und ehrlich fragen sollen, zumal ich zeitlebens der Schuldner Ihrer guten Eltern bleibe. Ich wollte darum Sie selber noch einmal aufsuchen, aber ich fand Sie nicht. Das nur kann ich mir nicht verzeihen, daß ich nicht an Ihre Eltern schrieb, um mich nach Ihrem Aufenthalt zu erkundigen. Und Sie waren uns so nahe, und wir beide wußten's nicht. Das aber hab' ich wieder selber verschuldet. Hätte ich Ihnen nur zwei Zeilen durch den Kellner zugestellt, so war alles gut; aber damals hatte ich den Kopf ganz verloren. Kurz vorher war mir meine teure Frau gestorben, und schon am Morgen jenes Tags, als wir nach Godesberg gingen, kurz nach unserm Weggang kam ein Brief, daß mein Carl schwer erkrankt sei, der damals bei meiner Schwester war. Und diesen Brief gaben sie mir erst, als Sie schon lange weg waren. Ich hatte ganz den Kopf verloren, und noch erfüllt von meinem schweren Verlust, dachte ich, Carl würde nun auch sterben. Darum eilte ich noch in jener Nacht weg und hatte für nichts anderes Gedanken. Malchen sandte Ihnen noch unsere Grüße, sonst hätten Sie gar nichts mehr von uns gehört. Nun aber soll alles nachgeholt und gutgemacht werden, und Sie sollen sich bald wohl bei uns fühlen. Nun aber kommen Sie, wir wollen noch vor Tisch unsere Fabrik besehen.«

Herr Wendel führte ihn in eine stattliche Tuchfabrik. Imposante Maschinen arbeiteten hier. Die rohe Wolle wurde eingebracht, und zum feinsten Tuch verarbeitet, erschien sie zuletzt im glänzendsten feinsten Stück! Ähnliches hatte Ludwig gesehen. Überall herrschte Reinlichkeit und Ordnung; alles ging in einer Stille vor sich, daß Ludwig kaum begriff, wie es möglich war, daß so viele Menschen so still ihr Werk verrichten könnten.

Und alle Arbeiter sahen zufrieden drein, alle grüßten Herrn Wendel mit einem so offenen Zutrauen, daß man schnell erkannte, er walte hier nicht als der Herr, sondern als der treue, wohlmeinende Vater, und dies wurde mit voller Liebe von den Arbeitern anerkannt.

Er rief sie alle zusammen und erzählte ihnen nun die Geschichte, wie ihn Ludwigs Vater damals gefunden und gerettet hatte, und sagte dann: »Seht! Das ist sein braver Sohn. Er bleibt jetzt durch Gottes Fügung bei uns und erzieht und unterrichtet meinen Sohn. Habt ihn alle lieb und achtet ihn. Er verdient es, und heute trinkt auf sein Wohl!«

»Das wollen wir!« riefen freudig die Arbeiter und drängten sich herbei, Ludwigs Hände zu drücken.

»Wahrlich«, rief, als sie aus den Gebäuden heraustraten, Ludwig aus, »Sie sind ein beneidenswerter Mann! Solche Liebe ist echt und lohnt reichlich! Ach, warum erkennen das so wenige?«

4

Im armen Schulhaus zu Abbach saßen der brave Schlösser und seine Frau an einem Sonntagnachmittag, und sie las eben aus der Bibel die Geschichte Josephs und war zu der Stelle gekommen, wo Jakob in Ägypten seinen geliebten Sohn wiederfand und nun bei ihm lebte, bis der Herr ihn abrief.

Sie machte das heilige Buch zu und sagte: »Martin, wenn ich mir so das Glück des alten Vaters denke, meine ich, ich müßte auch mit ihm Freudentränen weinen. Wenn auch auf anderen Wegen, so hat Gott auch unser Kind wunderbar geleitet.«

»Er sei gelobt!« sagte der Schullehrer.

»Nun ist er schon ein volles Jahr bei dem guten Herrn Wendel, der uns einst aus so großer Not half, und wird nicht müde, uns unsere Not zu erleichtern. Gott wird gewiß unser Gebet erhören und ihn segnen!«

»Gott ist treu und wahrhaftig!« sagte Schlösser aus bewegtem Herzen.

»Ja, er hat Großes an uns getan!« setzte seine Frau hinzu. »Wenn ich so denke, daß, wie schwer es uns auch wurde, Ludwig doch ausstudieren konnte und nun die gute Stelle hat, daß er uns soviel Geld schicken kann, so möchte ich unseres guten Pfarrers Hände küssen. Er ist doch auch ein Werkzeug Gottes gewesen zu unserem und unseres Kindes Glück!«

»Da hast du wohl recht, liebe Frau«, sagte Schlösser, »drum wollen wir ihm das auch nicht vergessen, solange wir leben, und Ludwig wird's gewiß auch nicht vergessen.«

»Aber siehst du, lieber Martin«, fuhr sie fort, »da sieht man doch auch wieder, daß nichts Gutes unbelohnt bleibt! Der gute Herr Wendel trüge auch unser Kind nicht so auf seinem Herzen, wenn du ihm nicht den Dienst erwiesen hättest.« »Ah, was!« sagte abweisend der Schullehrer. »Das hätte jeder andere auch getan!«

»Da schweig mir aber doch still, mein Alterchen«, sagte sie. »Das ist nicht wahr. Und der Schmuel, gelt! Wie steht's denn da?«

»Wenn du von unseren Wohltätern sprichst«, sagte Schlösser, der seine Frau auf andere Gedanken zu bringen suchte, »so darfst du des braven Schmuel nicht vergessen!«

»Ich seiner vergessen?« rief die Frau aus. »So soll Gott meiner vergessen! Das ist der zweite Nathanael, von dem der Herr sagte, er sei der wahre Israelit, in dem kein Falsch sei!«

»Gott segne dich für diesen Vergleich!« sprach der Lehrer. »Es ist eine runde Wahrheit. Es ist aber gewiß, der Jude vergißt nie die Wohltat, die ihm erwiesen wird.«

»Siehst du, da sagst du ja selbst, was ich vorhin sagte und du nicht hören wolltest. Wie's in den Wald schallt, so schallt's heraus. Du willst immer nur das Gute an anderen sehen; was du selbst tust, das ist nichts.«

»Und wenn wir auch alles tun, so bleiben wir doch unnütze Knechte!« sagte Schlösser und stand auf.

In diesem Augenblick machte jemand leise die Tür auf, und das Gesicht Schmuels sah lächelnd herein.

»Grüß Euch Gott!« rief er, trat ein und stellte sein Kästchen mit Brillen, Brenngläsern und dergleichen ab.

Die Frau schlug die Hände zusammen. »Es bleibt doch ewig wahr, was das Sprichwort sagt: Wenn man von dem Wolf spricht, ist er nicht weit von der Hecke!«

»Von mir hättet Ihr geredet?« fragte er freundlich.

»Ja, ja«, sagte die redselige Schulfrau, »wir rühmten, was Ihr Gutes unserem Kinde tatet.«

»Mein!« rief der Jude aus. »Hab' ich ihn sechs Wochen lang verpflegt, wie Ihr mich armen Juden? Und hätt' ich's getan, so hält' ich bloß vergolten, was Ihr Gutes an mir tatet. Schweig Sie mir still, Frau Schulmeisterin; ich hab' für den Herrn Ludwig nur ein bißchen den Weg gebahnt. Aber«, sagte er und trat näher und sah der Schullehrerin lächelnd ins Gesicht, »was für einen Weg!«

»Ach, wart Ihr bei ihm, Schmuel?« fragte sie freudig.

»Ob ich bei ihm war? Freilich bin ich bei ihm gewesen und bringe tausend Grüße und auch von dem Herrn Wendel, und ehe es Herbst würde, kämen sie alle zu Euch!«

»Ach, du lieber Gott! Zu uns? Was werd' ich ihnen denn kochen?«

Schlösser lachte. »Laß sie doch nur erst dasein, dann kannst du deine Kunst an den Tag legen!« »Ja, was hat unsereins für die vornehmen Leute!« sagte sie nachdenklich.

»Seht Ihr's, Schmuel«, lachte Schlösser, »jetzt habt Ihr ihr alle Freude verdorben, und sie hört gar nicht mehr, was Ihr uns von Ludwig zu erzählen habt. Sie kocht nun schon in Gedanken, und es brutzelt und brodelt in allen Töpfen!«

»Brauchst auch noch zu spotten!« schmollte sie; aber sie mußte doch selber lachen, weil sie einsah, wie groß ihre Sorge jetzt schon sei.

»Nun wollen wir uns setzen«, sagte Schlösser, »und du kochst uns einen Kaffee, den ja, wie du weißt, der Schmuel trinken darf, und dann soll er uns recht viel erzählen.«

»Das bitte ich mir aber aus«, sagte die Mutter, »daß ihr nicht vorher schon plaudert und ich nichts davon höre.«

»Wißt Ihr was, Schmuel?« sagte lachend der Schullehrer. »Wir wollen mit ihr in die Küche gehen, sonst traut sie uns doch nicht, oder sie vergißt die Bohnen in den Topf zu tun und nimmt lauter Zichorie.«

Schmuel folgt ihm lachend, und die Schullehrerin sagte: »So ist mir's recht; aber einen guten Kaffee hättet ihr doch gekriegt; denn ich weiß, mein Alter hat dafür eine feine Zunge, und der Schmuel hat auch die seine nicht umsonst im Munde.«

»Wozu hätte man sie denn sonst?« fragte Schmuel.

Als sie nun so um den Herd standen, begann Schmuel zu erzählen: »Es sind jetzt acht Tage, da war ich zum letzten Male in M. und holte die Grüße. Als ich zum letzten Male bei Euch war, da sagte ich Euch, wie mich der Herr Wendel aufnahm. Gott behüt', das ist ein Mann nach dem Herzen Gottes, wie der König David, wenn er nur noch Harf' spielen könnte! Komm ich herein – da sitzt Euer Herr Sohn da, und der kleine Bub steht bei ihm und er lehrt ihn so etwas, ich glaub', 's war Latein; wenigstens hat' so welsch gelautet. Da ruft der Herr Ludwig: ›Ach Schmuel, seid Ihr's‹ ›Ja‹, sag' ich, ›ich bin's und komme zu sehen, wie Sie zufrieden sind?‹ ›Herrlich‹, sagt er und läuft und holt mir das Geld, das ich ihm gegeben mit den Zinsen. ›Meinen Sie, ich war' darum gekommen?‹ sag' ich ärgerlich und wollt's gar nicht nehmen, aber wer mußt', war ich. Aller Respekt vor dem jungen Herrn, 's ist ein feiner Mann, ein ganzer feiner Mann! Nun, ich konnt's nehmen, ohne Furcht, denn er war gekleidet fein, wie ein Kurfürst, und man sah's ihm an, daß er in der Wolle saß. Unsereiner braucht seine paar Batzen. Warum sollt' ich's nicht nehmen, wo er's hat und nicht braucht?«

»Freilich«, sagte Schlösser. »Ihr habt ihm ja ohnehin damit eine große Wohltat getan.«

»Wohltat? Gott behüt'! Arme Zinsen wären's gewesen von dem großen Kapital, das ich Euch schulde.« »Aber, Schmuel«, fragte die Mutter, »wie sah er denn aus? War's ein funkelneuer Rock?«

»Mein! Was soll ich viel reden von dem Rock?« fuhr Schmuel fort. »Der dringesteckt hat, war mir lieber; aber weil Sie fragt, so sag' ich, es war ein feiner Rock, ein ganzer feiner Rock, wie ich mein Lebtag keine kriege, und blau war er und in der Wolle gefärbt, echt indigoblau, was versteh' ich. Nun kommt gleich drauf ein Herr herein, so in den Fünfzigern, etwas mehr, etwas weniger, was tut's? Der schaut mich an und sagt: ›Das ist der Schmuel.‹ Gibt mir die Hand, meiner Treu! Gibt mir die Hand und sagt: ›Schmuel, ich bin dir viel Dank schuldig. Du hast mir den Herrn Schlösser ins Haus gebracht.‹

›Brauchen Sie keine Brille?‹ frag' ich.

›Nein, Gottlob‹, sagt er und lacht; ›aber hast du vielleicht ein Fernrohr oder so ein gutes Vergrößerungsglas ?‹

›Ob ich sie hab'?‹ sag' ich und krame aus, und eh's fünf Minuten später war, hat er mir abgekauft, und ich hab' einen Verdienst, daß ich für drei, was sag' ich, für acht Tag zufrieden sein konnte. Damit aber war's noch nicht all‹. Ich muß dableibe, Wein trinken, Wein, wie ihn der König nicht besser hat, und Kaffee – Frau Schulmeisterin, alle Respekt vor Ihrem Kaffee – aber – der war noch besser!«

»Das glaub' ich«, sagte die Schullehrerin, »die zählen auch die Bohnen nicht!«

»Und nehmen auch keine Zichorie und gelbe Rüben!« sagte der Schullehrer und sah seine Frau schalkhaft an.

»Du hast gut spotten, Martin«, sagte sie diesmal etwas ärgerlich. »Gib du mir nur Geld, so mach' ich dir auch solchen Kaffee; aber guck Er, Schmuel, ihr Mannsleute versteht das gar nicht; die Zichorie macht mir eine hübsche Farbe und die Gelbrüben auch. Und wenn ein Kaffee keine Farbe hat, so mag er so gut sein, als er will, er ist doch nichts nutz. – Aber«, sagte sie dann wieder begütigend, »Schmuel, Er kennt ihn ja. Er ist kein Schnuckeler und kein Spitzmaul. Es ist eben nur, um mich aufzuziehen. Jetzt erzähl Er aber weiter!«

»Ich bleib' nun da. Gleich kommt ein Jüngferchen herein. Ich lüge gewiß nicht, aber Rahel war gewiß nicht schöner, um die Jakob eigentlich vierzehn Jahr' gedient hat, da er die Lea nicht mochte. Und die war dem Herrn Ludwig so freundlich, daß ich dachte, sie sieht ihn auch lieber als dich, Schmuel!«

Beide Eheleute lachten laut auf.

»Nun«, sagte Schmuel, »ich hatte so meine Gedanken. War doch Joseph eines Hirten Sohn und heiratete die Tochter des mächtigen Priesters zu Or! War doch Esther ein armes Kind und wurde Königin. Und der Herr Ludwig ist ein feiner Bursch, meiner Treu! Ein ganz feiner Bursch und blüht wie eine Rose, und ich nahm's dem Jüngferchen nicht übel, wenn er ihr gefiele, und ihm nicht, wenn sie ihm gefiele, und allen zweien nicht, wenn sie sich so lieb hätten, wie – sie sich haben!«

»Schmuel«, sagte ernst, sehr ernst, der Schullehrer, »macht mir da meinen Gaul nicht scheu! Ihr wißt, Narrendinge kann ich nicht leiden. Die Tochter des reichen Herrn Wendel ist nicht für meinen Sohn, und ich hielt' für ein rechtes Unglück, wenn er sich an das schöne Mädchen verplemperte und sie an ihn. Aus einer Heirat kann niemals etwas werden. Und haben sich so junge Leute so etwas in den Kopf und ins Herz hineingesetzt, so kann's leicht kommen, daß sie alle beide unglücklich werden und Ludwig die gute Stelle verliert.«

»Nein! Herr Schullehrer«, sagte der Jude. »Meint Er, der Herr Wendel hätt' mein Fernrohr nötig gehabt, um zu sehen, was ich sah? Fehlgeschossen! Ich weiß, daß er's sehr gern sieht, wenn der Herr Ludwig in die Fabrik geht und sich damit zu tun macht; ich weiß, daß der Herr Wendel es sehr gern sieht, wenn der Herr Ludwig in die Schreibstub' geht und das Buchführen lernt und der alte, ehrliche Buchhalter gibt ihm darin Unterricht. Ich weiß, daß der Herr Wendel aus dem Weg geht, wenn der Herr Ludwig und das Jüngferchen miteinander im Garten Blumen pflanzen. – Ich weiß, was ich weiß; und der alte Schmuel sieht ohne Brill' mehr und besser als sein bester Kunde, der alte Schneider Hipfel, wenn er drei übereinandersetzt!«

Die Schullehrerin hatte so andächtig zugehört, daß die Milch überlief und alles Blasen nichts half.

Schlösser war sehr nachdenklich geworden und schüttelte still den Kopf. Man sah, daß ihm die Sache viele Sorgen und Bedenken machte.

Endlich war der Kaffee fertig. Sie trug ihn in die Stube und goß ihn in die Tassen. Ein ganzes Brot lag für Schmuel da, daß er es sich mit seinem koscheren Messer anschneiden konnte, und eine frische Scheibe Honig durfte er auch essen. Nur dem Schullehrer wollte es auf Schmuels Mitteilung nicht mehr schmecken. Er blies dicke Wolken Dampf aus seiner Pfeife und vergaß das Trinken ganz. Im stillen nahm er sich vor, in den nächsten Herbstferien nach M. zu gehen, um Ludwig zu warnen. Schreiben mochte er nicht. Die Sache war ihm zu kitzelig, um sie dem Papier anzuvertrauen; Schmuel jedoch empfing die strengste Order, Ludwig mündlich vor der Gefahr zu warnen, die ihm drohe.

5

Es war einmal an einem schönen Morgen, da saß Malchen am Klavier und spielte, und der Ludwig stand dabei, denn er gab ihr Unterricht.

Wenn nun aber so ein junger hübscher Mensch und ein gar liebliches Mädchen zusammen etwas lehren und lernen sollen, so wett' ich allemal hundert gegen eins, die lernen miteinander etwas ganz anderes, nämlich »Sich liebhaben«, und es ist die Frage: Wer lehre und wer lerne? Am Ende sind sie gegenseitig Lehrer und Schüler, und die Geschichte geht so merkwürdig schnell, daß sie die Sache fertig haben, ehe das Lehren und Lernen eigentlich angeht. Nun, es ist ein altes Sprüchlein: Bring Zunder und Feuer nicht zu nah zusammen, es brennt gar leicht!

Das hätte der alte Herr Wendel auch wissen können, denn er war nicht auf den Kopf gefallen. Wenn man bei zwei jungen Leuten auf die Augen achtgibt, wie's der Schmuel getan hatte, so hat man's eben auch weg, wieviel Uhr es ist, ohne daß man's schlagen hört; denn die gucken ganz anders als gesetzte Leute, und es müßt' einer Tinte getrunken haben, wenn er nicht sähe, was das für selige Blicke sind, die sie sich zuwerfen, und wie sie rot werden, wenn sich die Augen halbwegs begegnen.

Das hätte der alte Herr Wendel auch sehen müssen, auch ohne des Schmuels Fernrohr, wie der ganz richtig meinte, denn er brauchte noch keine Brille, wenn er eine kleine Schrift las, und seine Augen sahen haarscharf und erkannten auf der Stelle und von ferne jeden Fehler im Tuch, wenn's noch auf dem Webstuhl war.

Aber – der war heiter und fröhlich und sah nichts und behandelte Ludwig wie einen Sohn.

Da kam der alte Buchhalter, eine treue Seele, die dem Vater des Herrn Wendel schon gedient und nun an die fünfzig Jahre im Hause gelebt hatte, dem des Hauses Glanz, Ehre und Bestehen recht nah' am Herzen lag, machte seinen Kratzfuß und sagte: »Herr Wendel, auf ein Wörtchen unter vier Augen!«

Der Herr Wendel ging mit ihm auf seine Stube, und sie setzten sich.

Der alte treue Diener hustete dreimal und konnte zunächst die richtigen Worte nicht finden. Endlich sagt' er: »Herr Wendel, Sie wissen, ich bin ein alter treuer Diener Ihres Hauses.«

»Das steht fest«, sagte Herr Wendel.

»Sie wissen, des Hauses Wohl liegt mir am Herzen«, fuhr der Buchhalter fort.

»Nun?« fragte Herr Wendel beunruhigt, »ich hoffe doch nicht, daß unser Haus Bankrott machen will?«

»Gott behüte!« rief der Alte. »Ich wollte wünschen, alle Geschäfte hätten so goldene Beine wie das unsere, so hätt's mit dem Purzeln guten Weg! Aber« –

»Nun, was gibt's denn?« fragte ungeduldig Herr Wendel.

Jetzt kriegte der Alte Mut und sagte: »Es liegt mir auf der Seele, weil ich glaube, Sie wissen's nicht.«

»Was denn?« rief Herr Wendel aus und wollte fast aus der Haut fahren vor lauter Ungeduld.

»Ja, sehen Sie«, fuhr der Alte fort, »ich hab' so etwas gemerkt zwischen dem Herrn Kandidaten und Ihrem Fräulein Tochter. Ich glaube, die haben sich lieb!«

»Ich glaub's auch«, sagte lachend Herr Wendel, »und sehe gar nicht ein, warum die sich böse sein sollten!«

»Ach, so nicht«, sagte der Buchhalter. »Ich meine, sie sind ineinander verliebt!«

»Meiner Treu! Buchhalter«, sagte Wendel, »das glaub' ich selbst.«

»Und haben nichts dagegen?« fragte der Alte. »Der Herr Kandidat ist blutarm!«

»Aber kreuzbrav!« sagte Wendel.

»Nichts einzuwenden!« sagte der Alte wieder. »Aber er ist kein Kaufmann!«

»Haben Sie das jetzt erst herausgebracht, lieber Buchhalter?« fragte mit steigender guter Laune der Herr Wendel. »Ich weiß das schon lange.«

»Und wollen einem Pfarrer Ihr Kind geben?« fragte der Buchhalter.

»Warum denn nicht!« entgegnete Herr Wendel lachend.

Der Buchhalter sah seinen Herrn erstaunt an, weil er glauben mochte, es rappele seinem guten Herrn etwas im Oberstübchen. »Und das große Kapital soll der Fabrik entzogen werden?« fragte er mit bedenklicher Miene.

»Ist noch nicht nötig, lieber Buchhalter. Ich will Ihnen einmal klaren Wein einschenken! Daß sich die jungen Leute herzlich liebhaben, hab' ich schon gar lange weg und bin nicht geneigt, ihre Herzen auseinanderzureißen. Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Der Ludwig ist mir lieb wie mein Sohn. Er soll mein Schwiegersohn werden, das steht fest bei mir, wenn's der liebe Gott so will. Wenn er absolut Pfarrer werden will, wohl bekomm's! Das ist ein Beruf, vor dem ich tief den Hut abziehe. Will er das aber nicht und das Geschäft gefällt ihm, so ist's mir noch lieber. Drum schweigen Sie fein still, und wenn er ins Geschäft guckt, so sagen Sie: ›Herr Kandidat, das ist dies und das ist das. So führt man Bücher; so wird's mit dem und jenem gehalten.‹ Er hat einen guten Kopf. Ich will ihn in das Fabrikwesen einführen, ohne daß er's merkt. Am Ende kann er wählen. Dabei bleibt's. Übrigens danke ich Ihnen für Ihre gutgemeinte Mitteilung, es bleibt aber unter uns. Wir halten fein den Mund!« »Sehr gut«, sagte der Alte lächelnd, der Ludwig gern hatte, und ging.

So stand's, als Ludwig bei Malchen am Klavier stand; aber das Mädchen war nicht bei der Sache.

Nun setzte er ihr die Finger zurecht.

Sie lachte, er lachte und sagte: »Sie sind heute eine recht unartige Schülerin.« Nun schmollte das Mädchen: »Sie sind auch so streng!«

Das tat ihm leid. »Vergeben Sie mir!« sagte er, und wie er ihr so in die lieben Augen sah, weiß kein Mensch, wie's zugeht! – Da küßte er sie und sie ihn. Da kam der Vater.

»Ist das ein Walzer oder eine Polka?« fragte er, und die beiden waren wie vom Blitz getroffen.

»Ach«, sagte Ludwig, »Herr Wendel!«

»Nun?« fragte der und lachte.

»Ich liebe Malchen!« sagte der Ludwig.

»Das merk' ich! Und du, Malchen?«

Da flog das vor Scham fast sterbende Mädchen in des Vaters offene Arme und stammelte: »Ja, lieber Vater, ich liebe ihn auch.«

»Nun«, sagte der Vater, »da ihr alle beide Euch liebt und hier beichtet, so muß ich am Ende auch beichten: Ich liebe Euch alle beide!«

Da fielen sie ihm um den Hals.

»Drückt mich nicht tot!« rief er aus, und die Tränen liefen ihm über das Gesicht.

»Laßt uns nun mal vernünftig reden«, sagte er darauf. »Ihr habt Euch lieb, das wissen wir nun, und ich Euch. Was soll daraus werden? Wahrscheinlich Braut und Bräutigam! Aber ich bin nicht allein Herr im Lande. In Abbach wohnen dein Vater und deine Mutter, mein Sohn, die müssen auch ja sagen. Was mich betrifft, so geb' ich Euch meinen Segen!«

Und er legte ihre Hände zusammen, und als er sagen wollte: »Gott segne Euch!«, da konnt' er nicht, denn die Stimme versagte ihm; aber es war ein Augenblick, über den sich die Engel im Himmel freuten.

Endlich ging Wendel zur Tür und rief: »Johann!«

Der Bediente kam.

»Geh«, sagte Wendel, »und rufe den Herrn Buchhalter, die Schreiber, die Werkmeister und alle Leute aus der Fabrik. Sie sollen auf der Stelle hierherkommen.«

Auch wieder was Neues! dachte der und ging.

Gleich darauf füllte sich der Gartensaal mit neugierigen Ankömmlingen.

»Liebe Freunde!« sagte Herr Wendel. »Ihr habt in Freude und Leid mir Treue und Liebe bewiesen. So will ich Euch denn sagen, daß der Herr Kandidat Ludwig Schlösser und meine Tochter Braut und Bräutigam sind. Schließt sie in Euer Gebet ein!«

»Vivat hoch!« erschallte es da im Gartensaal, daß die Fenster rasselten, und in Wendels Augen standen helle Tränen.

Nun gab's Glückwünsche, und jeder wollte des jungen Paares Hände drücken, und der kleine Carl fragte: »Lieber Vater, was ist denn das: Braut und Bräutigam?«

»Frage deinen lieben Lehrer«, sagte der Alte und wandte sich lachend ab, »der wird dir's ganz genau auslegen!«

6

Zu Abbach im Schulhause ahnete keine Seele, was da drüben, zwanzig Stunden weiter, im Gartensaal vor sich ging, und die Ferien waren nahe, in denen Schlösser zu Ludwig gehen wollte. Morgens war er in seiner Schule, da rasselte es draußen. Alle Kinder machten lange Hälse und guckten zum Fenster hinaus.

»Was gibt's?« fragte Schlösser.

»Ach, was für eine schöne Kutsche kommt da!« sagten die Kinder.

»Mann! Mann!« rief da die Schullehrerin zur Tür herein. »Laß die Kinder laufen, ich glaube, der König kommt!«

»Mach kein Gerede!« sagte Schlösser, blickte hinaus und erkannte auf der Stelle Herrn Wendel.

»Das ist ja Herr Wendel!« rief er aus und sagte dann zu den Kindern: »Geht in Gottes Namen ruhig und still heim. Ich kriege Besuch! Aber wartet erst, bis sie ausgestiegen sind, damit die Gäule nicht scheu werden!«

Nun ging er hinaus, und sein Ludwig fiel ihm um den Hals!

»Mein Kind!« sagte Schlösser in seliger Vaterfreude und drückte ihn ans treue Vaterherz, und dann fiel Ludwig der vor Freuden weinenden Mutter in die Arme.

»Grüß Sie Gott, lieber Schlösser!« rief Herr Wendel und drückte ihm warm die Hand. »Sie haben sich wacker gehalten die fünf bis sechs Jahre, seit Sie mich von der Landstraße heimtrugen ins Wirtshaus oder in die Kutsche, Ich glaube, Sie könnten's heute noch!«

»Wollen's nicht versuchen, Herr Wendel«, sagte Schlösser lächelnd und sah in diesem Augenblick Malchen.

»Wen bringen Sie uns denn da?« fragte Schlösser.

»Meine Tochter«, antwortete Wendel, und Malchen reichte dem schlichten Mann mit einer so herzgewinnenden Freundlichkeit die Hand, daß der in seinem Herzen dachte: Armer Ludwig, wenn der Engel dir einmal so die Hand reicht, so ist's aus mit deiner Ruhe!

Nun begrüßte sie die knicksende und sich neigende Mutter und küßte sie so herzlich, daß die dachte: Ach, du lieber Gott, so reich und gar nicht stolz! Und der Ludwig stand da und betrachtete die lieben Eltern, wie sie so frisch und munter dreinschauten und betrachtete seine Braut, wie ihr Blick so liebevoll auf der noch immer schönen Mutter ihres lieben Ludwig ruhte, und wußte nicht, sollte er lachen oder weinen, und es war ihm beides so nahe.

Nun traten sie ein in das Haus, wo alles so nett und sauber war wie die Mutter selbst; wo trotz der Armut dennoch ein Behagen sie beide, Vater und Tochter, anwandelte.

Während die Schulkinder heimgingen und der Schullehrer mit dem Kutscher die Gäule in den Stall brachte, wo freilich nicht viel Platz war, eilte die Mutter in die Küche, holte Eier und Speck, schlachtete das alte Huhn, das nicht mehr legte, und Nachbar Gottliebs Gretchen kam und sagte: »Schulbase, gelt, ich kann Euch ein bißchen unter die Arme greifen!«

»Ach Gott, ja«, sagt sie. »Du tust mir einen rechten Gefallen; denn ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, wenn so vornehmer Besuch kommt.«

Gleich drauf aber kam Malchen heraus und fragte, wo sie packen solle.

Das wollte nun die Schullehrerin nicht leiden, aber der Ludwig kam und sagte: »Mütterchen, laß sie doch! Sie tut's ja so gern!«

Da ließ es die Mutter zu und dachte: Meiner Treu! die zwei stehen doch merkwürdig miteinander.

Während nun gekocht und geprotzelt wurde, saßen die Väter im Zimmer und plauderten von diesem und jenem. Und während des Kochens drückte Ludwig dem Fräulein mehr als einmal das Händchen, und die Mutter gab ihm ein Zeichen, er solle es doch nicht tun. Ludwig lachte aber nur und tat's grad! Da wußte sie vollends gar nicht, was sie davon halten sollte – aber das dachte sie: Der Schmuel ist doch ein gescheiter Kerl!

Endlich deckte Malchen das blütenweiße Tischtuch auf, das ihr die liebe Frau gegeben hatte, und das Mahl wurde aufgetragen und auch Herrn Wendels helleuchtende Weinflaschen, die im Wagen gesteckt hatten. Und nun beteten sie und aßen dann, und Herr Wendel sagte, so habe es ihm in zehn Jahren nicht geschmeckt, daß der guten Schulfrau die Augen leuchteten vor Lust und Freude. Und nun tranken sie auf der Eltern Ludwigs Gesundheit, und die Freude war groß, und die Zungen wurden leichter. Da nickte auf einmal Herr Wendel dem Ludwig zu, als wollte er sagen: »Wird's bald?«

Der Ludwig wurde rot, wieder weiß und wieder rot, und dann stotterte er: »Lieber Vater und liebe Mutter, ich komme, Euch um Euer Jawort und Euren Segen zu bitten.«

»Was«, rief Schlösser aus, »Du willst heiraten und verdienst dein Brot noch nicht?«

»Das kommt noch«, sagte Ludwig und schaute verlegen drein, wie ein Hühnerdieb.

»Ei, so rede doch!« meinte die Mutter, der's eben klar wurde, wie die Gäule im Stall stehen, denn das Malchen saß da wie Butter in der Sonne, die schmelzen will.

Da faßte der gute Junge wieder Mut und sagte: »Herr Wendel hat nichts dagegen, wenn Malchen und ich ein Paar würden, wenn ihr, liebe Eltern, auch zustimmtet!«

Da war's heraus, und er atmete wieder frei, und die Eltern sahen Herrn Wendel fragend an.

»Er hat die Wahrheit gesagt«, nahm Herr Wendel das Wort, »und ich darf sagen, sie haben sich lieb.«

»So segne Euch Gott, meine Kinder!« sagte der Schullehrer tief bewegt, und die Mutter sagte amen und nahm die glückliche Braut in ihre Arme, und unter heißen Tränen legte Malchen ihr Haupt an die Brust einer Mutter, die sie nun gewonnen hatte, die sie an sich drückte und weinend sagte: »Du mein herziges Kind!«

Darauf erhob Wendel sein Glas: »Nun, liebe Miteltern, laßt uns anklingen auf unsrer Kinder Glück!«

Die Gläser klangen hell und klar aneinander.

Nach einem Vierteljahr war Hochzeit bei Herrn Wendel, und der Pfarrer, der Ludwig unterrichtet hatte, traute sie. Unter den Gästen war keiner fröhlicher als Schmuel. »Gelt«, sagte er zu Schlösser, »ich hab's weggehabt? Aber, Freund, wie's in den Wald schallt, schallt's heraus. Leute wie Ihr sind selten in der Welt, und der liebe Herrgott statuiert ein Beispiel an Euch!«

Schlösser gab seine Schule auf und zog zu Ludwig, der auf seines Schwiegervaters Wunsch in das Geschäft eintrat. Bei Malchen hieß es: Mütterchen hinten und Mütterchen vorn, und die Schullehrerin war ganz närrisch mit ihrem Töchterchen und meinte, sie sei ein leibhaftiger Engel, worin Ludwig ihr unbedingt recht gab. Schlösser und Wendel waren ein Herz und eine Seele, und der Buchhalter sagte nach einem Jahr: »Herr Wendel, Sie können einst ruhig sterben. Der Glanz ihres Hauses geht nicht unter; denn Ihr Herr Schwiegersohn versteht's so gut wie Sie! Und wenn Ihr Carl so weitermacht, wird er ein tüchtiger Geschäftsgenosse Ihres Schwiegersohnes.«

Wendel lächelte und sagte: »Mir ist das alles recht lieb, aber ich bitte Gott täglich, daß ich den Glanz meines Hauses noch lange sehen möge: Ich bin doch zu glücklich, als daß ich schon sterben möchte.« Schmuel kam oft und wurde von allen geliebt. Herr Wendel hatte ihn so reich beschenkt, daß er nicht mehr zu hausieren brauchte. Das aber behielt er sich vor, daß er den Alten alle ihre Brillen machen durfte.

Martha, die Auswandererin

Im Monat April 1847 las man in den Zeitungen, daß ein Schiff mit Auswanderern aus dem Preußischen, namentlich aus der Gegend von Münster in Westfalen, an der Meeresküste von Schottland Schiffbruch erlitten habe, das Leben der 105 Auswanderer mit knapper Not gerettet worden, das Schiff aber samt allen Habseligkeiten der armen Auswanderer untergegangen sei. Mittellos, im Zustand eines unaussprechlichen Elends seien die Unglücklichen unweit Kirkwall ans Land gesetzt worden.

Diese Nachricht hat manches deutsche Herz tief erschüttert, das sich die trostlose Lage der Armen so recht lebendig vorstellte in dem wildfremden Land, dessen Sprache sie nicht einmal kannten.

Ganz ehrlich will ich's gestehen, daß mir, als ich die Nachricht las, ein kalter Schauer über den Rücken lief, daß ich hätte weinen können bei dem Gedanken an solchen Jammer. Ach, dachte ich, wie glücklich würden sie sich jetzt preisen, wenn sie wieder in der lieben Heimat wären, die sie so hoffnungsfroh verlassen haben; wie gern würden sie wieder in den lieben Räumen des Vaterhauses, bei ihren treuen Freunden, liebenden Verwandten, teilnehmenden Nachbarn sein, wenn's eben nur ginge! Wären sie dageblieben, war's ihnen gewiß nicht passiert, was sie jetzt auf der Meerfahrt ereilt hat.

Wie wunderbar sind aber Gottes Wege! Da müssen die armen Leute fern von der alten und noch ferner von der neuen Heimat alles verlieren und am Ende bettelnd heimkehren, wenn sie's eben noch fertigbringen. Aber so geht's! Von dem Wort der Schrift: »Bleibe im Lande und nähre dich redlich« wollen die Leute nichts hören, wenn ihnen die Amerika-Marotte in den Kopf gestiegen ist und sie wie ein hitziges Fieber ergriffen hat. Da muß denn der getreue Arzt in Israel, der auch die Narrheiten der Menschenkinder heilen will, wohl mal starke Mittel anwenden, die auch durchschlagen und, wenn nicht auch immer andre, doch die kurieren, bei denen sie angewendet werden. Aber – es ist doch schlimm, daß es so kommen muß!

Ja, gewiß, damals, als ich das in der Zeitung las, blutete mir das Herz. Wie glücklich hättet ihr Armen bei bescheidenen Wünschen und Ansprüchen daheim sein können, dachte ich, und nun müßt ihr so weit reisen, um – recht elend zu werden und alles einzubüßen, was ihr von den Eltern ererbt und durch eignen Fleiß erworben und mit vielen Entsagungen erspart habt. Ich konnte die Gedanken weder im Wachzustand noch im Traum loswerden.

Dazu trug denn auch der Umstand bei, daß ich viele davon kannte und recht gut wußte, wie wenig oder wie sehr sie der Schuh gedrückt hatte.

Wie mag es der guten Martha ergangen sein? fragte ich immer wieder; aber niemand, obwohl viele, sehr viele so fragten, konnte mir Antwort geben, bis endlich – doch, ich will ja von ihr erzählen, weil ich sehe, daß ihr alle danach verlangt.

Ja, diese Martha war ein Mädchen, wie's wenige gibt, und, wenn ich meine liebe Frau nicht hätte und die Martha hätte mich haben wollen, wer weiß, ob sie nach Amerika hätte auswandern wollen!

Wollte ich euch sagen, wie sie aussah, so müßte ich weit ausholen. Es sei euch genug, wenn ich sage, sie war bildhübsch, und die Buben sahen sich fast die Augen aus dem Kopf und liefen sich schier die Beine um sie ab, und doch war sie arm, und jedermann weiß, daß heutzutage die Burschen einen armen Engel für einen reichen Satan hingeben. Gewiß, Martha war das schönste Mädchen auf zehn Stunden in die Runde; aber das war nur eins. Das zweite war, daß Martha ein züchtiges, sittsames, ungemein fleißiges Mädchen war. Das dritte, daß sie fromm aus Herzensgrund war – aber das vierte gefiel mir über die Maßen wohl, das nämlich, daß sie ihre armen alten Eltern hegte und pflegte mit einer Hingebung, mit einer Liebe und Aufopferung, daß mir oft Tränen in die Augen traten, wenn ich es sah. »O Martha«, sagte ich oft, »die Schrift lügt nicht. Ehre Vater und Mutter, das ist das einzige Gebot, das eine Verheißung hat. Dir wird, dir muß es Wohlergehen auf Erden!« Sie lächelte dann und ging hinaus.

Martha war ein ganz ungewöhnliches Mädchen. Heiter und fröhlich war sie immer; scherzte und lachte gerne, aber nie hat so ein Bursche es gewagt, einen derben Scherz bei ihr zu machen, und man weiß ja leider, daß manch faules Geschwätz da aus dem Mund geht, vor dem Zucht und Sitte erröten und sich abwenden. Die Burschen sagten: »Der Kuckuck weiß, bei der Martha ist's einem zumute wie beim Pfarrer. Man kann bei ihr nicht reden wie bei den anderen – und doch zankt sie nicht und schnauzt einen nicht an, ist nicht hochmütig und nicht eigen.«

Da lag's aber! Die sittliche Reinheit ihrer Seele übte eine solche Macht aus, daß die Roheit in ihrer Gegenwart sich roh zu sein schämte.

Dabei war Martha ruhig und entschlossen, wo es galt, etwas Gutes auszuführen.

Mir fällt dazu ein Beispiel ein, das ich hier nicht übergehen darf, weil man daraus des Mädchens Art und Weise recht erkennen mag. Im vorigen Sommer kam ein Gewitter über ihr Dorf. Der Bach, der dran vorüberläuft, schwoll bei dem heftigen Wolkenbruch furchtbar an, überflutete die ganze Gemarkung und richtete viel Schaden an. Das ganze Tal glich einem See. Da riefen die Leute plötzlich: »Ach Gott! Ach Gott! Albrechts Kind, das hübsche Käthchen, ist ins Wasser gefallen und abgetrieben worden!«

Martha, die ihre alten, kranken Eltern auf dem Speicher geborgen wußte, eilte hin und sah, wie das Kind die Händchen herausstreckte, dann aber unterging. Die Mutter rang verzweifelnd die Hände. Die Männer standen herum und berieten, was zu tun sei, da kein Nachen da war und keiner schwimmen konnte. Kurz entschlossen stürzte sich Martha in die reißende Flut und erreichte endlich glücklich das Kind.

Nun wäre sie aber verloren gewesen samt dem Kind, wenn nicht die Leute auf den klugen Einfall gekommen wären, eine Leiter an ein langes Seil zu binden und diese auf sie zu treiben zu lassen. Marthas Kräfte ließen schon nach, als glücklicherweise die Leiter kam. Sie legte das Kind darauf und hielt sich daran fest, und so zogen sie sie ans Ufer. Hier legte sie das Kind an der Mutter Brust und – husch!, wie ein Reh flog sie davon, ohne Dank zu wollen. Ob sie einen Schatz hatte? Nun, viele hatten sie lieb; aber nur einer durfte sich rühmen, daß sie ihm gut sei, und dieses Gutsein wurzelte in Marthas Seele tief bis in das Innerste.

In Westfalen ist's anders als bei uns am Rhein, am Main und Neckar und da herum. Der älteste Sohn der erbt das ganze Gut, und die anderen Kinder bekommen ein kleines Erbe an Geld, was ihnen der älteste Bruder auszahlt. Damit müssen sie zusehen, wie sie zurechtkommen. Ob diese Ordnung, strenggenommen, vor Gott und den Menschen recht ist, darüber läßt sich vieles sagen; aber damit ändern wir die Sache nicht.

Unweit dies Dorfes, wo Martha mit ihren alten Eltern lebte, ihre paar Äckerchen bebaute und im Tagelohn das übrige verdiente, was sie brauchten, lag ein Hof, der etwa hundertundachtzig Morgen Gut und Wiesen hatte. Der Hofbauer hatte einen Bruder, ein Jahr jünger als er, und der war sein Großknecht. Die fünfhundert Gulden, die seine ganze Habe ausmachten, standen bei dem Herrn Bruder, und der Bernhard wußte es nicht besser, als es ist – möcht's aber besser haben, das heißt: selbständig werden. Der Bruder Hofherr hatte ihm schon manches Mädchen, das im Dorf ein Häuschen und ein Gütchen besaß, vorgeschlagen; aber der Bernhard hatte keine andere im Kopf als das schöne Kind des Leinewebers Wagner, und das war niemand anderes als unsere Martha.

Nehm's ihm nicht übel! Aber der Martha nehm' ich's auch nicht übel, daß ihr der Bernhard gefiel; denn er war ein hübscher Bursche, hielt sich grad, seit er in Münster bei den Füsilieren gedient hatte, und jedermann achtete ihn, denn er trank nicht, kartete nicht, war kein Nachtschwärmer; dafür war er treu, fleißig und brav.

Die Liebe ist eben ein seltsames Ding. Die läßt sich nichts vorschreiben. Kurz und gut, die beiden hatten sich lieb, und daß Bernhard Martha zu Fastnacht heiraten würde, daran zweifelte niemand im Dorf, selbst der reiche Hofbauer nicht, der's nicht gern sah.

Vielleicht hätt's der Bernhard schon früher gern getan; aber die beiden kranken alten Leute mit in den Kauf zu nehmen, mißfiel ihm sehr. Wo ist der Mensch, der nicht von einem Vorteil regiert, als das Letzte und Höchste am Ende doch das »Mein und Dein« gelten läßt?

Nun liebten sich Martha und Bernhard schon manches Jahr, und Bernhard hatte seinen Jahreslohn immer zu Kapital stehen lassen, und Martha hatte die Schulden bezahlt, die noch auf dem Häuschen standen, daß es nun mit den Äckerchen ihr Eigentum war. Sie hatte sich das lediglich vom Taglohn zusammengespart!

So war der Herbst gekommen. Vater Wagner war nicht bei bester Gesundheit. Als der November kam mit seinem Nebel und Dunst, da bekam er die Wassersucht und starb nach vielen Leiden.

Er und seine Frau hatten siebenundvierzig Jahre in einer friedlichen und darum sehr glücklichen Ehe gelebt und hatten sich allzeit, auch noch im hohen Alter, sehr lieb. Die Mutter grämte sich so sehr über des lieben Gatten Tod, daß sie ihm in einigen Wochen folgte.

Martha war tief betrübt. Sie hatte ihre Eltern so innig und treu geliebt, daß ihr schnell aufeinanderfolgender Tod sie tief beugte.

Sechs Wochen danach kam Bernhard und meinte, sie sollten nun heiraten, weil Martha so allein in der Welt stehe; aber Martha war verstimmt über die Zumutung und sagte ihm rundheraus, sie würde das Trauerjahr einhalten, und wenn er sie dann zum Altar führen wolle, so würde sie ihm in Gottes Namen folgen.

Bernhard hatte es ehrlich gemeint, und die Verzögerung ließ er sich auch noch gefallen, weil es Martha so wollte.

Der Winter kam denn endlich, und in den Scheuern und Tennen ging's alle Nacht: Klipp, Klapp! Es wurde die Frucht nun nachts gedroschen, und eine große, feuersichere Laterne hing am Tennentor und leuchtete dazu.

Der Müllerjakob aber hatte eine Laterne, die nicht gut schloß. Da nun ein Wind die Tenne aufkam, so wollte es das Unglück, daß ein Fünklein herausfuhr, ohne daß es jemand merkte, und als um Mitternacht die Drescher in der Stube saßen und Käse und Brot aßen und einen Schnaps dazu tranken, schlug die Flamme im Stroh auf, ergriff die Frucht und schlug lichterloh zum Dach hinaus. Als es die Drescher und Hausleute merkten, da war's zu spät. Der Wind pfiff scharf aus Osten und jagte die Flamme über die Strohdächer der nebenan stehenden Scheunen, und bald entstand ein Flammenmeer, wie man nie eines gesehen hatte.

Die Sturmglocken läuteten. Die Feuerspritze des Dorfes arbeitete wacker. Die Nachbardörfer, ja selbst die Löschmannschaft von Münster und die Soldaten kamen; aber alles half nicht. Ehe eine Stunde verging, stand mehr als die Hälfte des Dorfes in Brand, und als der Morgen kam, ging die Wintersonne über den rauchenden Trümmern von vierzig Gebäuden, über verzweifelnden, obdachlosen Menschen auf.

Auch Marthas Häuschen war niedergebrannt. Sie hatte kaum ein Bett, ihre Leinwand und ihre Kleidungsstücke retten können, alles andre war zu Asche geworden. Und was das Schlimmste war: sie war nicht versichert in der Brandkasse! – Alle wollten verzweifeln, die vom Brandunglück betroffen waren; Martha stand, zwar bleich und tief erschüttert, dennoch ruhig an den rauchenden Trümmern der Räume, in denen sie geboren worden; in denen sie so manche glückselige, aber auch so manche schwere Stunde erlebt hatte; nur das eine Wort hörte man über ihre bebende Lippen gehen: »Gott sei Dank, daß meine lieben Eltern dies Unglück nicht erlebt haben!«

Bernhard hatte ihr redlich retten helfen.

»Was wirst du nun tun?« fragte er sie wehmütig, als sie im Haus der Witwe Roth saßen, einer noch recht jungen, reichen Frau, die mit Martha weitläufig verwandt war.

»Ich gehe zu meinem Paten«, sagte sie, »und warte das Frühjahr ab. Kommt Zeit, kommt Rat!«

Bernhard machte ihr den Vorschlag, bei seinem Bruder auf dem Hof als Großmagd einzutreten, der eben eine um guten Lohn suche. »Du wärst die rechte«, sagte er.

»Nein, Bernhard«, sagte sie darauf, »das schickt sich nicht, daß wir, die wir doch so gut wie Brautleute sind, unter einem Dach wohnen. Was würde die böse Zunge reden, und wir müßten durch eine Hechel, schlimmer als der Flachs.«

»Laß sie reden!« rief er aus. »Niemand redet einem andern ein Loch in den Kopf!«

»Nein«, sagte sie fest. »Meide auch den bösen Schein, sagt das heilige Wort, und die Lebensklugheit sagt: Gib dem Verleumder keine Handhabe!«

Es blieb dabei. Sie ging zu ihrem Paten in das nächstgelegene Dorf, das zwei Stunden Wegs entfernt war, und, wenn die Paten auch unbemittelte Leute waren, die viele Kinder hatten, so nahmen sie Martha mit Freuden auf. Diese wollte aber auch nichts von ihnen als ein Plätzchen, wo sie ihr Bettchen hinstellen konnte; denn Martha war die geschickteste Flachshechlerin weit und breit, und jedermann nahm sie gern, um seinen Flachs von ihr hecheln zu lassen. Dabei war es Brauch, daß die Hechlerin Kost und Wohnung in dem Haus hatte, in dem sie arbeitete. Martha hatte den ganzen Winter vollauf zu tun und verdiente sich ein schönes Stück Geld dazu.

Wenn sie nun so auf ihrer Hechelbank saß und die langen Flachslocken und Zöpfe durch die Stacheln zog, so überschlug sie ihren Verdienst und dachte: Für das Geld kaufst du dir blinkendes Zinn; für jenes Eisengeräte und dies und das und für Bernhards Erbe baut ihr das Häuschen wieder auf, und das ist bis zum Herbst fix und fertig. Will er dann, daß wir heiraten zu Ostern, so könnten wir ja bei der Rothsbase zur Miete wohnen. Nun richtete sie sich das neue Häuschen ein, grade wie das alte gewesen war, in ihren Gedanken nämlich, und rechnete, daß Bernhards Bruder und die anderen Bauern ihr Beifuhren leisten würden. In Gedanken geht so etwas leicht, und alles ist schnell fertig und in der besten Ordnung, aber was alles dazwischenliegt und in den Weg tritt, das wird nicht überlegt.

Auf einen Sonntag im Advent saß der Hofbauer im Lehnstuhl und rauchte seine Pfeife, und der Bernhard saß am Tisch und stützte den Kopf auf und dachte: Wie ist's doch so sonderbar mit den Wünschen der Menschen! Jetzt sind die Alten tot, und ich hätte endlich meine holdselige Martha heiraten können, da kommt das Unglück mit dem Brand, und ich kann nun mein Erbe und meinen ersparten Lohn an das Häuschen hängen! Er seufzte tief auf, und der Hofbauer hört's und denkt: jetzt ist's an der Zeit!

»Hör mal, Bernhard«, sagte er, »dein Wohl ist mir anbefohlen, und ich stehe an Vaters statt. Darum muß ich einmal vernünftig mit dir reden. Du hast Wagners Martha lieb, und ihr seid verlobt, wie ich höre – aber das ist's eben, was mir Sorge macht. Nun ist das Häuschen abgebrannt, und das arme Mädchen kriegt nichts, weil sie es nicht versichert hat. Darauf hattest du gerechnet, und es wäre auch gegangen; aber nun steht's anders. Das Mädchen hat nichts als sein bißchen Gut und die paar Siebensachen, die sie gerettet hat. Da wird's hapern! Willst du das Häuschen bauen, so geht dein Gut drauf, und du bist zu Anfang an schon ein armes Bäuerchen. Eine Kuh mußt du borgen, und mit Schulden anfangen heißt mit Lumperei enden. Bedenkst du das ruhig, so ist's besser, du läßt ab von dem Mädchen. Ich wüßte da eine bessere Gelegenheit. Da ist die Witwe Roth. Jung ist sie; frisch und rasch wie ein Hirsch. Kinder hat sie keine, und die fünfzehn Morgen Feld, das Haus mit Zubehör ist eine hübsche Sache. Sie sieht dich gern, und du darfst nur ja sagen und zugreifen, so ist's richtig. Da säßest du warm und würdest bei deinem Fleiß und deiner Sparsamkeit, bei ihrer Tätigkeit und Ordnung bald und für immer ein gemachter Mann. Das überleg dir mal!«

Bernhard seufzte tief auf.

Nach einer Weile sagte er: »Ich seh's wohl ein, aber ich kann nicht. Ich hab' mein Wort gegeben.« – »Umstände verändern die Sach'«, fiel ihm der Hofbauer ins Wort. »Du hast ja nicht ahnen können, daß der Brand käme. Was Wort! – Stell's dem Mädchen einmal vernünftig dar, und sie sieht's selber ein, daß es so kommen muß. Besser ledig und arm, als verheiratet und arm. Was soll's geben, wenn ihr ein Häuflein Kinder kriegt? Sollen die betteln? Soll ich die Schande erleben, sollst du's? Unsere Eltern würden sich im Grabe umdrehen!«

Darauf ging er hinaus und ließ Bernhard allein.

Dieser saß lange da, und die Tränen fielen auf den Tisch, daß er sie mußte mit dem Wamsärmel wegwischen. Dann stand er auf und ging weg.

Es währte mehrere Tage, bis der Hofbauer wieder ansetzte. Auch seine Frau nahm teil, und so bearbeiteten sie Bernhard so lange, bis er einwilligte. Nun ging der Hofbauer zu der Witwe Roth. Die zierte sich ein wenig, sprach von ihrem Seligen mit gebührender Liebe und einigen hervorgepreßten Tränen und gab dann ihr Jawort. Schon nach acht Tagen war Verlobung. Der Hofbauer betrieb alles so eifrig, daß schon am nächsten Sonntag das Paar vom Pfarrer aufgekündigt wurde, dann weiter an den zwei folgenden, und dienstags drauf war Hochzeit.

Martha hechelte in einem Dorf, das vier Stunden entfernt lag, und erfuhr nicht das geringste.

Eines abends kam in dem Haus, in dem sie hechelte, eine große Gesellschaft zusammen, wo die Leute sich über ihre Reise nach Amerika berieten. Sie hörte die Lobpreisungen des Lebens in der Neuen Welt mit großer Anteilnahme, und doch bedauerte sie die, welche Heimat und Freunde verließen; aber die waren voll von ihrer Herrlichkeit. Da vernahm sie denn auch, daß viele aus ihrem heimatlichen Dorf mitzögen.

Wie sie nun so redeten, kamen sie auch auf Neuigkeiten zu sprechen, und einer erzählte von Bernhards Hochzeit. »Das ist eine Lüge!« rief sie aus und sprang auf. »Ei, ei«, sagte der Erzähler, »du bist ja fix mit deiner Lüge! Ich war ja selber auf der Hochzeit, und der Hofbauer hat's nicht fehlen lassen. Er hat seinen Bruder da warm ins Nest gesetzt!«

Da wurde Martha bleich wie der Tod, dann wankte sie wie vom Schwindel ergriffen, und ehe jemand sie erreichen konnte, stürzte sie ohnmächtig zu Boden.

Allgemein war das Mitleid, als nun die Leute hörten, der Bernhard sei ihr Bräutigam gewesen. Sie legten sie auf ein Bett und wuschen sie, daß sie wieder zu sich kam, und die Hausfrau suchte sie mit lieben Worten zu trösten. Hatten die Leute geglaubt, Martha würde sich wie eine völlig Verzweifelte gebärden, so war die Rechnung falsch. Zwar weinte sie heftig, und es ist nichts Geringes, um sein Lebensglück betrogen zu werden und sich in dem Menschen so sehr zu irren, dem man sein ganzes, volles Vertrauen geschenkt hat; allein, bald wurde sie wieder ruhig; aber diese Ruhe hatte etwas Beängstigendes; denn sie nahm an nichts mehr Anteil. Verschlossen tat sie ihre Arbeit und redete nichts, als was sie mußte. Alle Leute begegneten ihr mit zuvorkommender Liebe; denn sie hegten alle tiefes Mitleid mit ihr, die so hart getroffen war.

Als wieder einmal die Auswanderer zusammenkamen, trat sie festen Schrittes herein.

»Nun bin ich entschlossen, mit euch zu ziehen«, sagte sie mit der Entschiedenheit eines gereiften und durch klare Prüfung hindurchgegangenen Entschlusses.

»Du hast recht, Martha!« riefen die Auswanderer. »In Amerika braucht man jugendliche Kräfte und belohnt sie mit schwerem Geld.«

Auf die Gründe, warum sie auswandere, ließ sich Martha nicht weiter ein. Sie fragte nur nach den Kosten der Überfahrt, nach dem, was man mitnehmen müsse, und trug dann dem Mann, der die Geschäfte, die Abschlüsse mit den Agenten und all diese Dinge besorgte, auf, auch für sie abzuschließen. Schon nach vierzehn Tagen hatte sie alles in Händen und ging nun zurück, um ihre Äcker versteigern zu lassen.

Ach, wie staunten ihre Paten, als sie ihren Entschluß hörten.

»Ach Kind«, sagte der Pate, »tu's nicht. Was will ein Mädchen in dem fremden, unbekannten Land machen, wo es sich hier schon in übler Lage befindet, wenn es keinen Beschützer hat. Hier findest du gewiß noch eine gute Partie.« »Seid mir still mit der Partie«, sagte Martha, »ich werde nie heiraten. Hier kann ich mein Häuschen nie aufbauen und bleibe in meiner Armut bis an mein Ende. Dort erwerbe ich mir so viel, daß mein Alter doch sorgenlos wird; und ist es das, so komme ich wieder und sterbe hier, wenn nicht der Herr es anders mit mir vorhat. Was soll ich hier? Vater und Mutter sind tot; mein Häuschen ist abgebrannt. Ohne Halt, ohne Obdach, betrogen und verlassen – nein, laßt mich ziehen. Dort wird alles neu, und die Bürde weicht von meiner Seele, die sie hier stets drückt.«

»Mußt du dort dienen, warum willst du's nicht hier?« fragte der Pate. »Du kannst dir auch hier etwas für dein Alter sparen, wenn auch nicht soviel wie dort, und da brauchst du doch nicht zu scheiden von deiner Heimat.«

»Es ist wahr«, sagte Martha darauf, »aber hier erinnert mich alles an Bernhards Treulosigkeit. Dort gedenke ich seiner nicht mehr.«

»Ach, Kind«, sprach der Pate, »seinen Gedanken kann man nicht entgehen und die Erinnerung nicht bannen.«

»Wenn auch«, entgegnete sie. »Es ist nun alles fest. Seid so gut und geht morgen hinüber in unser Dorf und wohnt mit mir der Versteigerung bei.« Da war's aus. Wenn Martha sich einmal entschlossen hatte, so änderte auch nichts mehr ihren Entschluß um. Wirklich ging anderentags der Pate mit ihr in ihr Dorf, wo der Notar schon war, als sie ankam. Ach, wie kamen da Nachbarn und gute Freunde und baten: »Bleib doch!« Wie nahten sich ihr die Burschen und warben um ihre Liebe, die sie schon lange geliebt hatten. Martha war bis in das Innerste ihres Herzens bewegt, aber sie ließ es nicht merken. Sie scherzte mit den Burschen und mit den Alten. Ihre Güter wurden teuer versteigert. Sie erlöste an die vierzehnhundert Gulden, erhielt bares Geld und war nun bald zur Reise fix und fertig. – Weder der Hofbauer noch Bernhard ließen sich sehen; aber als sie an Bernhards Haus vorüberging, da stand er oben hinter dem Laden, und seine Frau, meinte er, sei über Feld, und niemand gewahre die Tränen, die er weinte in tiefer Reue und herbem Weh; denn er kannte nun schon seine Frau genug, um zu wissen, daß sein Himmel nicht auf Erden sei. Er verbarg sich vor Martha, und sie ging stolz und ruhig vorüber. Freilich, als sie abends allein war, da hätte auch jemand fragen können, wovon denn ihr Kopfkissen so naß sei. Das waren heiße Tränen, geweint ihrem Glück, das dahin war.

Wenn sie es auch nicht zugeben wollte, so hatte es sie doch mächtig gerührt, daß sie so viel Liebe in dem Dorf gefunden. Und in manches liebende Herz hatte sie hineingeschaut. Doch das ging vorüber, und seit sie Bernhard betrogen hatte, mochte sie von keines Mannes Liebe mehr hören. Sie traute keinem mehr Treue zu. Still und zurückgezogen lebte sie nun im Haus ihres Paten und bereitete alles zur Reise über das Weltmeer vor, und der Frühling nahte allmählich. Anfangs hatte sie sich das Scheiden so kinderleicht gedacht; aber es wurde doch schwerer mit jedem Tage. Sie ging noch einmal hinüber, um an den Gräbern ihrer Eltern zu beten, von ihnen Abschied zu nehmen und ihren Gespielen, ihren und den alten Freunden ihrer Eltern ein Lebewohl zu sagen und zum letzten Male die Hand zu schütteln. Da blutete ihr das Herz. Da legte sich ein unaussprechlicher Schmerz auf ihre Seele, und als sie, begleitet von ihren Freundinnen, das Dorf verließ, begegnete ihr Bernhard.

Bleich wie der Tod blieb er am Weg stehen und richtete die tränenschweren Blicke auf sie.

»Martha«, sagte er, »Martha fluche mir nicht! Oh, ich trage den Fluch Gottes im Gewissen und im Haus. Vergib mir, wenn du kannst. Ach, sie haben mich ja so lange bearbeitet, bis ich ja sagte.«

Martha hatte geglaubt, sie wäre stark genug, dies zu ertragen; aber das Herz ist und bleibt schwach. Sie wandte das Gesicht ab und reichte ihm ihre Hand zum Zeichen, daß sie ihm vergäbe.

Er nahm die zitternde Hand des Mädchens, preßte sie in die seinige und rief: »O wende dein Gesicht nicht ab! Noch einmal sieh mich an, und sage, daß du mir nicht fluchst! Du gehst jetzt übers Meer – ich fürchte, mein Weg ist bald ein anderer.« Da fuhr sie, überwältigt von dem Ton, in dem er sprach, herum, sah ihn mit ihren feuchten Augen an und sagte: »Ich vergebe dir. Leb wohl.« Aber nun entriß sie ihm ihre Hand und eilte so schnell hinweg, daß ihr die Mädchen kaum folgen konnten. Auch sie weinten, und eine sagte: »Da hat wieder die Habsucht zwei Herzen auseinandergerissen.« Martha sprach kein Wort. Sie weinte stumm am Hals ihrer Freundinnen, als sie an den Scheideweg gekommen waren, und dann eilte sie fort, als verfolge sie einer, und kam noch vor sinkender Nacht bei ihren Paten an, und wenige Tage darauf reisten alle ab, die sich zur gemeinsamen Meerfahrt nach Amerike verbunden hatten.

Jedermann weiß, daß man sich in großer Gesellschaft leichter findet. So ging es auch Martha. Ohne weitere wichtige Ereignisse erreichten sie Bremen. Da lag schon der Dreimaster, mit dem sie fahren sollten, bereit vor Anker. Ohne langen Aufenthalt wurden die Habseligkeiten der Auswanderer zu denen eingeschifft, die schon an Bord waren, dann sie selbst, und am folgenden Morgen donnerte das Schiff seine Abschiedsgrüße dem Land zu und segelte stolz aus dem Hafen in die hohe See hinaus.

So groß auch die Amerikalust der meisten gewesen war und so sehr sie behauptet hatten, wie leicht ihnen das Scheiden werden würde, jetzt war es anders. Solange man das Land sah, hingen aller Blicke dran, und die Tränen perlten wie der Regen von den Blättern eines Baumes. Als es aber jetzt verschwunden war und nur die grenzenlose Einöde des Meeres sie umgab, da gab's ein lautes Wehklagen auf dem Verdeck.

Der Kapitän des Schiffes war ein junger, ernster Mann. Er hatte oft schon die Reise mit Auswanderern nach Amerika gemacht und ähnliche Auftritte jedesmal erlebt. Er stand an den Hauptmast gelehnt und beobachtete die einzelnen Auswanderer und die Äußerungen ihrer Gefühle. Da fiel sein Blick auf Martha und blieb auf ihr ruhen. Sie bemerkte nicht, daß er sie beobachtete. Ihr Antlitz war bleich. Keine Träne kam in ihre Augen, und doch zeigte dies Gesicht einen tieferen Schmerz als bei allen andern. Ihre Augen suchten das Land, das längst verschwunden war. Ihre Hände waren gefaltet, und der Kapitän sah, wie sich die betenden Lippen leise bewegten.

War es die wunderbare Schönheit des Mädchens oder der ganz besondere Ausdruck von Schmerz oder die Reinheit der Seele, die so deutlich auf diesem Gesicht geschrieben stand, was den Mann so anzog? Er konnte seine Augen nicht wegwenden von ihr und nahm sich vor, sich nach ihrem Schicksal zu erkundigen. Das war nun an und für sich nicht schwer, denn die Leute waren froh, wenn sie jemand auf dem Schiff freundlich anredete; jedoch wartete der Kapitän, bis die Zeit der Genesung von der Seekrankheit eintrat. Verwunderlich war es, daß Martha zu den wenigen gehörte, welche diese Pein nicht auszustehen hatten, erfreulich aber auch, wie sie alles tat, die Qual der anderen zu lindern, was freilich meist fruchtlos blieb. Der Kapitän beobachtete täglich das Mädchen und mit besonderer Teilnahme, seit er wußte, was sie aus der Heimat in die unbekannte Ferne trieb. Martha blieb sich immer gleich. Bescheiden und gefällig gegenüber den Gefährten, aufmerksam und unermüdlich arbeitsam. Die Kranken, von denen mehrere an Bord waren, pflegte sie mit rührender Hingabe. Einem Gespräch wich sie so wenig aus, wie sie es suchte. Mehrmals hatte der Kapitän mit ihr gesprochen und ihre Art, sich auszudrücken, bewundert.

So waren die ersten Tage der Seereise vergangen. Der Himmel war klar gewesen, aber nun sollte es anders werden.

Die Stürme, welche allemal vor und nach der Tagundnachtgleiche herrschen, sind auf dem Meer sehr gefährlich. Dieser Zeitpunkt war ganz nah, und die Stürme hatten noch nicht gebraust. Der Kapitän ließ alles instand setzen, daß sie ihn nicht unvorbereitet träfen.

Das Schiff befand sich vor der Küste von Schottland, als der Wind zu heulen begann und die Kräfte der Tiefe aufwühlte, daß die Wellen wie Berge daherkamen. Alle Reisende mußten das Verdeck räumen. Die Macht des Sturmes wuchs mit jedem Augenblick. Es war drei Uhr mittags, als er das Schiff mächtig gegen die Küste schleuderte. Der Hauptmast krachte und brach. Nicht besser erging es den anderen beiden, und bald war der Rumpf des Schiffes ein Spiel der ungeheuren Wellen. Der Kapitän stand auf dem Achterdeck und gab seine Befehle, aber, obwohl er mit eiserner Ruhe in dem wilden Kampf der schrecklichen Gewalten des Wassers und des Sturmes stand, so konnte man es ihm doch ansehen, wie er das Scheitern des Schiffs mit jedem Augenblick näherkommen sah. Der Sturm trieb Wellen und Schiff gegen die Felsen, welche unweit des Hafens von Kirkwall in Schottland aus dem Meer ragen. Jetzt befahl der Kapitän, Notzeichen durch einige Kanonenschüsse zu geben.

»Ich weiß wohl«, sagte der Kapitän zu seinem Steuermann, »daß unsere Notschüsse keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken werden; aber es ist meine Pflicht.« Kaum hatte er dies Wort gesagt, als ein heftiger Windstoß das Schiff ergriff und es mit unvorstellbarer Gewalt gegen den Felsen warf. Der furchtbare Stoß, das Krachen, der entsetzliche Ruck ließen keinen Zweifel mehr, daß alles verloren war.

Rasch sprang der Kapitän zu den Verdeckluken. »Heraus«, rief er hinab, »heraus, sonst seid ihr alle verloren!«

Während die Matrosen das Boot losmachten und in die schäumende See ließen, feuerte der Kapitän im Kanonendeck eine Kanone nach der anderen ab. Von Kirkwall her antworteten jetzt drei Schüsse, und bald sah man ein großes Lotsenboot, das sich ungeachtet der Gefahren heranmachte. Tröstend deutete der Kapitän auf das Boot. Das ganze Verdeck stand voll jammernder Menschen. Er und der Steuermann ließen zuerst die alten Leute und die Kinder ins Boot. Es kam glücklich durch die Felsen und erreichte den Hafen. Jetzt nahte das Lotsenboot. Es war Zeit, denn das lecke Schiff senkte sich immer tiefer.

»Spring hinab, Mädchen«, sagte der Kapitän zu Martha. »Rette dich, es ist bald vorüber.«

Martha sah ihn lächelnd an. »Nein«, sagte sie, »an mir liegt nichts. Laßt erst die anderen gerettet sein.«

Und sie trug Kinder und Seekranke herbei, die nicht von der Stelle konnten, und half ihnen, das Boot zu erreichen. »Das Boot ist voll!« riefen die Lotsen.

»Halt!« schrie der Kapitän. »Zehn Menschen sind noch hier, wollt ihr die umkommen lassen?«

»Es ist voll!« war die Antwort, und sie ließen los, und eine Welle rieß das Boot alsbald weit weg. Der Kapitän sah ihm nach, dann trat er an die Luke, um nachzusehen, wie das Wasser stieg. Das Wasser füllte mit ungeheurer Schnelligkeit das Schiff, und es zeigte sich hierdurch, wie groß das Leck sein mußte. Mit stets gleichbleibender Gewalt warf das Meer seiner Wellen ganze Wucht gegen die eine Seite, die, da der Halt am Kiel gebrochen war, unmöglich mehr länger Widerstand leisten konnte.

Der Kapitän sah das Ende nahen und blickte tief bewegt auf das liebliche Wesen, das mit einer unbegreiflichen Ruhe den Kampf der tobenden Elemente betrachtete. Er trat zu ihr. »Kind«, sagte er, »schade, daß wir sterben müssen. Du verdientest, glücklich zu werden, und wollte Gott, wir beträten glücklich das Land, du müßtest –« Er stockte. »Wozu so alberne Reden«, sagte er, sich selbst verbessernd. »Laßt uns beten, unsre Stunde ist da!«

Er kniete nieder, und Martha, die mit Vertrauen ihm ins Auge blickte, der sich immer so edel und menschlich benommen hatte, Martha kniete neben ihm. »Bete, Kind«, bat der Kapitän, »ich glaube, der Herr erhört dein Gebet gewiß.«

Martha fühlte sich gestärkt. Ihr Auge leuchtete. Sie begann das schöne Lied zu beten: »Aus tiefer Not ruf' ich zu dir, ach Herr, erhör mein Flehen«, und voll gläubiger Hingebung beteten es alle Knienden nach.

Als Martha ihr Amen gesprochen und es alle wiederholt hatten, rief plötzlich ein Matrose: »Hurra, ein Boot!« Alle sprangen auf und richteten ihre Blicke dahin, wohin des Matrosen Finger deutete. Die Dämmerung war durch die wütenden Elemente früher gekommen; aber so viel konnte man doch noch durch das Leuchten des weißen Gischts der Wellen wahrnehmen, daß ein Boot nahte. Es war das Lotsenboot, das mit Todesverachtung noch einmal dem Wrack zuruderte. Nach unsäglichen Mühen nahte es, und das hinabgeworfene Tau brachte es an die Seite des Schiffes, die dem Wind abgewendet war. Schnell sprangen die Matrosen hinein. Noch stand Martha. »Willst du mit dem Schiff untergehen?« fragte erstaunt der Kapitän das heldenmütige Mädchen.

»Ich will die letzte sein!« sagte sie.

Da umfaßte sie der Kapitän mit starkem Arm und stieg in das schwankende Boot hinab, das schnell losfuhr. Kaum aber war es in einer geringen Entfernung, so barst das Wrack, und eine Minute später war nichts mehr übrig von dem schönen Schiff, das noch bei Sonnenaufgang so stolz die Wogen geteilt hatte.

Das Boot rang mit den mächtigen Wellen, die Fahrt war um so gefährlicher, als nun das Dunkel der Nacht immer schneller sich auf Land und See legte. Dennoch erreichten sie glücklich das Ufer.

Aber welch ein Anblick bot sich ihnen dar!

Zitternd vor Frost, Nässe und Kälte lagen, saßen und standen die Auswanderer um die wenigen Feuer, welche man angemacht und an denen nur die Alten und Kinder sich wärmen konnten. Indessen war der Ruf des entsetzlichen Unglücks schnell nach Kirkwall und in die kleinen Orte der Umgegend gedrungen, und das Mitleid war so groß, daß die guten Schotten mit Wagen nahten, um die armen Schiffbrüchigen heim in ihre Wohnungen zu holen; die Wagen reichten indessen nicht aus, alle auf einmal wegzuführen. Auch hier sorgte der Kapitän für Ordnung, und mit Gewalt hob er Martha auf den Wagen, die wieder hier die letzte sein wollte.

Als der Wagen in Kirkwall ankam, rissen sich die Leute schier um die Unglücklichen. Martha mußte einer reichen Familie folgen, die außerhalb Kirkwalls auf dem Pachthof eines Adeligen wohnte. Während die Wagen nochmals zurückfuhren, trug sie ein leichtes Wägelchen mit dem Pächter und seiner Frau, die zufällig in Kirkwall gewesen waren, dem Hof zu.

Sowenig die Ereignisse dieses Tags auf Martha, äußerlich gesehen, gewirkt zu haben schienen, so tief war indessen dennoch die Wirkung gewesen. Der Gedanke, daß nun alles verloren war, daß sie nicht einmal mehr ein Kleid hatte, um das nasse, das sie anhatte, zu trocknen; daß sie Amerika nun und nimmer erreichen könne, erschütterte sie sehr. Das aber war eben ihr Wesen, daß, je herber die Ereignisse auf sie einstürmten, desto weniger sich der innere Zustand äußerlich bemerklich machte. Ihr tiefster Schmerz war ohne Tränen. Wer aber ähnlich von Natur ist, weiß recht gut, wie das innerlich nagt und verzehrt; wie am Ende die ganze Kraft bricht. Marthas Schmerz war nur teilweise die Folge der Erwägung ihrer eigenen Lage. Sie konnte ja wohl auch in England einen Dienst finden, denn eine fleißige und treue Hand läßt nicht darben; aber die anderen Unglücklichen mit ihren Kinderchen! Was sollte aus denen werden? Es überlief sie eiskalt bei dem Gedanken. Zu diesem Schmerz kam aber auch noch ein weiterer Umstand.

Ihre Kleider waren naß. Der Ostwind blies noch immer mit schneidender Schärfe, und vergeblich war es selbst, daß die gute Pächterin ihren Mantel um sie schlug, während sie ihrem Mann zurief, die Pferde tüchtig laufen zu lassen.

Endlich erreichten sie den Pachthof. Der Ruf der Pächterin brachte schnell weibliche Hilfe herbei. Ihre Tochter und eine Magd eilten herzu, Martha beizustehen; aber die Arme war völlig starr. Sie vermochte fast kein Glied zu rühren.

Man brachte sie in ein warmes Bett, machte Feuer im Kamin und ließ sie Tee trinken, um sie innerlich zu erwärmen.

Der erstarrenden Kälte folgte nun bald eine glühende Fieberhitze, die mit jedem Augenblick wuchs. Gegen Mitternacht schon lag sie in wildem Phantasieren. Sturm und Wogen, Brand und Tod, Bernhards Untreue und die Not der Schiffbrüchigen, zerstörte Hoffnungen und tiefes Leid um die verlassene Heimat, das alles wogte in ihrer Seele durcheinander und gestaltete sich zu den wildesten und entsetzlichsten Traumbildern. Bald sprach sie lange und laut; bald wollte sie aufbrechen, all dem Weh zu entrinnen und Ruhe zu suchen im Grab. Trauernd standen die Frauen aus dem Pächterhaus um das Bett der schönen Kranken, um sie zurückzuhalten. Hätten sie ihre Sprache verstanden, sie hätten tief hineinschauen können in das gequälte Herz. Sie hofften, daß gegen Tag das Fieber zurückgehen würde, und hielten das alles für einen Ausbruch großen Leides und die Folge schwerer Erkältung. Der sichere Blick eines Arztes würde darin den Beginn einer schweren Krankheit erkannt haben.

Während sich dies auf dem Pachthof zutrug, waren in dem edelsten Wetteifer christlicher Liebe und Milde auch die übrigen Unglücklichen alle untergebracht und hatten fürs erste wenigstens ein Obdach und Nahrungsmittel gefunden. Mit großer Aufopferung hatte der Kapitän für alle gesorgt, ehe er an sich selber dachte. Ihn und seinen Steuermann nahm der Hafenkommissar in sein Haus auf.

Mit großer Anteilnahme wurden die beiden Verunglückten hier behandelt; aber auf des Kapitäns Seele lastete eine Sorge, die Sorge um Martha; denn, mochte er sich's gestehen oder nicht, das Mädchen hatte einen Eindruck auf ihn gemacht wie nie zuvor ein weibliches Wesen. Wo sie hingekommen war, blieb ihm vorerst noch verborgen; allein die Beruhigung hatte er doch, daß sie sicherlich auch versorgt worden sei und milde Herzen werde gefunden haben.

Kaum graute der Tag, so war er auch schon auf. Unter dem Vorwand, nach den Verunglückten zu sehen und sich zu überzeugen, daß niemand umgekommen sei, verließ er das Haus. Eigentlich war es die Sorge um Martha. Überall, wo Schiffbrüchige untergebracht waren, forschte er nach; aber nirgends fand er sie. Eine namenlose Angst regte sich in seiner Brust. Wo war sie hingekommen? In welche Hände war sie geraten?

Endlich gelang es ihm, der englischen Sprache kundig, zu erfahren, daß sie der Pächter Wilson mit auf sein Pachtgut genommen habe.

Der Kapitän war der Sohn eines reichen Mannes in Bremen; er hatte den Seedienst aus Neigung erwählt und war durch seine Kenntnisse und Tüchtigkeit schnell zum Kapitän aufgestiegen. Das Haus seines Vaters trieb Handel mit England, darum war es ihm nicht im mindesten bange um seine Rückkehr nach Bremen. Er schrieb schnell nach London an seines Vaters Geschäftsfreunde, meldete den Schiffbruch und bat um die nötigen Geldmittel zu seinem Unterhalt und seiner Rückkehr nach Bremen. Nachdem dies erledigt war, eilte er zum Pachthof.

Wie entsetzt war er, als er Martha schwer erkrankt und noch immer in wirren Träumen befangen fand.

Sie erkannte ihn nicht.

Sofort fuhr er nach Kirkwall zurück, um den Arzt zu holen. Dieser zuckte die Achseln und meinte, ein Nervenfieber sei im Anzug. Heftig erschrak der Kapitän über diese Nachricht, allein in seiner Seele stand schon geschrieben: Du darfst sie nicht verlassen, komme es auch, wie es wolle!

Er wurde nun schnell mit den guten Pachtleuten einig um seine Wohnung und Verköstigung und blieb bei Martha. Tag und Nacht wich er nicht von ihr. Es war, als ob das Bedürfnis des Schlafs seiner Natur fehlte. Jeden Löffel Arznei gab er ihr, und allein das, was nur weibliche Bedienung leisten konnte, trat er an die Frauen ab. Eine ganze Woche lag sie in den wildesten Fieberträumen, und erst als diese aufhörten und nun eine Schwäche eintrat, die nicht einmal das Tageslicht ertragen konnte, gab der Arzt Hoffnung.

Als er dem jungen Manne dies sagte, war dieser außer sich vor Freude. Er umarmte den Arzt und wußte gar nicht, wie er ihm seine Liebe, Dankbarkeit und Freude ausdrücken sollte.

Als ihn Martha zum ersten Male an ihrem Bett sah, fuhr sie auf, rieb sich die Stirn, als wolle sie sich die Gedanken herbeirufen, die sie verlassen zu haben schienen. Endlich sah sie ihn mit einem Lächeln an, das deutlich genug sagte, daß sie ihn erkannt habe und ihn gern an ihrem Bett sähe.

»Kennst du mich, liebe Martha?« fragte er so liebevoll, daß sich ein leichtes Erröten über ihre bleichen Wangen ausbreitete. Sie nickte lachend.

»Erinnerst du dich des Augenblicks, wo du betetest, als wir alle den Tod vor uns sahen?« fragte er weiter. Sie nickte wieder.

Er faßte im Übermaß seiner Freude ihre Hand und sagte: »Arme gute Martha, du hast viel gelitten.«

Sie ließ ihm ihre Hand. Sie wollte reden, aber vermochte es nicht.

Da neigte er sein Ohr an ihren Mund, und nun hauchte sie die Frage: »Wie geht es unseren Schicksalsgenossen?«

»Gut«, sagte der Kapitän und erzählte ihr nun, wie die guten Leute dieser Gegend so freundlich für sie sorgten und wie sich eine Gesellschaft gebildet habe, die Geld sammle, um die Schiffbrüchigen entweder nach Amerika oder nach Deutschland zu bringen.

Diese Nachricht beruhigte Martha, und sie schien ihre Lage über der jener Unglücklichen ganz zu vergessen.

Von nun an schritt ihre Genesung sichtlich, wenn auch sehr langsam, voran. Auch jetzt verließ sie der Kapitän nicht, und als sie in den letzten Tagen des April, die so mild wie Maitage waren, die frische Frühlingsluft atmen sollte, da führte er sie an seinem Arm in den Garten, und die heißesten Dankgebete stiegen aus seiner Seele zum Himmel für ihre Genesung. Kapitän Fritz Becker, so hieß er, fühlte es in seines Herzens innerstem Grund, daß er ohne dieses Mädchen nicht sein, nicht leben könne; aber er war zu edel, jetzt schon ihr damit die Ruhe zu rauben. Er schwieg; allein sein Tun, sein ganzes Benehmen redete lauter und bestimmter von dem, was in seiner Seele vorging, als es Worte hätten tun können.

Konnte solch hingebende Liebe ohne Wirkung auf Marthas Herz bleiben? Dankbarkeit war und ist vieltausendmal die Brücke der Liebe gewesen. Sie war es auch hier. Wie hätte Martha ohne Liebe für ihn bleiben können, der nur für sie lebte, der die Rückkehr zu seinen Eltern aufschob, um bei ihr zu weilen?

Einst, als er wieder bei ihr im Garten saß und ihre Hand hielt, sagte sie: »Ach, Herr Kapitän, wie kann ich armes Bauernmädchen Ihnen danken, was Sie an mir tun?«

»Martha«, sagte er, »sag nur einmal, daß du mir gut bist, und ich bin der Glücklichste in der Welt!«

»Wie könnt' ich ihnen bös sein?« flüsterte sie errötend.

Er preßte ihre Hand an sein Herz. »Martha«, rief er aus, »sieh, hier versteht niemand die Laute, die wir reden, als Gott, der uns sieht und mein Herz kennt; bei ihm schwöre ich es dir, daß ich nie mehr dich missen kann. Martha, willst du, wenn Gottes Gnade dich genesen läßt, mein liebes, treues Weib werden?«

Martha erbleichte. »Ach, mein Gott«, rief sie aus, »was reden Sie? – Ich, das bettelarme Bauernmädchen, Ihr Weib? Nein, Herr Kapitän, das geht nicht!«

»Kind«, rief er da aus, »hast du nicht eben gesagt, du seist mir gut? Stoße mein Herz nicht von dir, wenn du mich nicht elend machen willst! O sprich ja, meine Martha!« flehte er aus tiefster Seele und –«

Da hat Martha nicht anders gekonnt, weil das eigene Herz sie hinriß, und hat ja gesagt, und vor Gottes Angesicht haben sie sich darauf verlobt, und die Pächterfamilie hat's nicht überrascht, als Kapitän Becker ihr sagte, Martha sei seine Braut, denn die hatten es alle längst gemerkt, wie es jeder erkannt haben würde, der nicht stockblind gewesen wäre.

Nun schrieb der Kapitän erst alles seinem Vater nach Bremen. Der kannte seinen Fritz und wußte im voraus, daß es mit diesem Mädchen etwas auf sich haben müsse, für das sein Sohn in einem so hohen Grade eingenommen war. Auf Reichtum brauchte er nicht zu sehen, denn Gott hatte ihn reichlich gesegnet mit irdischen Gütern, und er war auch keine Krämerseele. Daher schrieb er denn seine Einwilligung nach Kirkwall, besorgte das kirchliche Aufgebot und reiste dann selber hinüber nach Schottland, der neuen Tochter seinen Vatersegen zu bringen.

Als er Martha sah und kennenlernte, war er ganz von ihr eingenommen und schrieb seiner Frau nach Bremen: »Unser Fritz hat eine Perle gefunden, wie's kaum mehr eine zweite gibt. Freue dich, Mutter, und danke mit mir Gott. Du kannst und wirst stolz sein auf deine Schwiegertochter, der man das einfache Bauernmädchen aus Westfalen kaum anmerkt.«

Nun ist denn die Hochzeit gefeiert worden, und darauf sind sie nach Bremen abgereist und haben die glückliche Tochter zur frohen Mutter gebracht, daß sie sie auch segne. Und schon nach acht Tagen sagte sie zu ihrem Mann: »Du hast recht gehabt, Fritz hat eine Perle gefunden!«

Und der wußte es auch und trug seine Martha auf Händen. Ihrem Wunsch folgend, reiste er mit ihr noch in diesem Sommer in die münsterländische Heimat, und da sah ich sie wieder und muß es euch sagen, sie war noch schöner, noch lieblicher als früher, und das Glück leuchtete aus jedem ihrer Züge.

»Siehst du, meine liebe Martha«, sagte ich, »wie wahr das heilige Wort ist, daß das Gebot: Ehre Vater und Mutter, die Verheißung des Herrn hat? Oh, das täuscht nicht, und es kommt heute oder morgen in reichem Maß der Segen der Verheißung, und der Eltern Segen baut den Kindern Häuser.«

Sie drückte meine Hand und barg das weinende Auge an des Gatten Brust.

»Nicht wahr«, fragte ich, »du willst aber auch nun nicht mehr nach Amerika?«

»Nein«, sagte sie lächelnd. »Auch mein guter Becker hat den Seedienst mir zuliebe aufgegeben. Ach, ich stürbe, wüßte ich ihn in solchen Gefahren, wie ich sie selbst kennengelernt habe.«

»Nein, nein«, sagte, ihre Wange streichelnd, ihr Gatte, »ich will als Kaufmann nun eine Landratte werden; denn so nennen die Seeleute die, welche auf dem festen Land leben. Mit mir gingst du ja doch nicht zur See, und ohne dich müßte ich zugrunde gehen.«

Sie blieben acht Tage, und da hab' ich denn diese Geschichte gehört und den Worten des Kapitäns zugestimmt, der zu mir sagte: »Seit den letzten Jahren habe ich fünfmal Auswanderer nach Amerika übergeführt; aber immer habe ich, wenn ich Zeuge war, wie das Elend, das Heimweh, die Betrügerei die Armen empfing und heimsuchte, gedacht: O, bliebet ihr im lieben Vaterland; da ist noch Raum für brave, fleißige Leute und auch Brot!«

Und darauf sind denn die beiden Glücklichen wieder nach Bremen gereist, wo es ihnen gutgeht. Aber die armen Auswanderer, wie ging's denen? Ja, da sind viele in England geblieben, wo sie gute Unterkunft fanden; andere wurden reichlich unterstützt und kamen nach Amerika, wo freilich wenig Fettaugen auf ihrer Wassersuppe schwimmen; noch andere kehrten in ihre Heimat zurück und sind arme Leute und werden's bleiben. Von dem Bernhard muß ich euch aber sagen, daß es, seit Martha weg ist und seine Frau ihn nicht mehr mit ihrer Eifersucht quält, besser geht. Er hat alles überwunden. Nun, seine Frau ist so schlimm nicht, aber – sie ist keine Martha.

Treue Hand geht durchs ganze Land

Der Schmiedjakob erzählte einmal abends diese Geschichte.

In einem Dorf der fruchtbaren Wetterau hatte man im Herbst die Hände voll zu tun gehabt, um den reichen Erntesegen unter Dach und Fach zu bringen. Man brauchte nicht zu sorgen: »Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?« Denn Scheuer und Speicher waren voll. Im Keller lagen Obst und Kartoffeln hoch aufgeschichtet, und eine Reihe Fässer, voll süßen Apfel- und Birnweines, sagten denen, die nicht gern Wasser trinken, daß sie dennoch keinen Durst zu leiden brauchten. Auch lag für die Frauen und Mädchen der Flachs, sauber und fein bearbeitet, in der Kiste bereit und wartete nur auf das Spinnrad. Hier und da hatten bereits die Spinnstuben begonnen, und namentlich in einem Haus des Dorfes bot sich das freundliche Bild gemütlichen Winterlebens dar. Es war an einem recht rauhen Novemberabend, als sie so recht behaglich dasaßen; denn draußen stritten Schnee und Regen, vom Sturme gepeitscht, um die Herrschaft. Es war schon spät, da klopfte es plötzlich stark an den Laden. »Wer mag das sein?« sprach der Hausvater, indem er zum Fenster ging. »Wer klopft so spät?« fragte er.

»Ein müder reisender Handwerksbursch, der eine Nachtherberge sucht«, war die Antwort.

Der Hausvater übte noch die fromme Sitte, keinen Herbergesuchenden abzuweisen. Er sagte: »Tretet in Gottes Namen herein!«

So kam denn bescheiden und grüßend der müde, nasse Wanderer herein, und der Hausvater sagte: »Landsmann, legt Euer Felleisen ab und macht Euch in die Ofenecke, daß Ihr warm und trocken werdet. Frau«, sagte er zur Hausmutter, die aber bereits aufgestanden war, »hol dem Burschen etwas unter die Zähne. Ich weiß von meiner Jugend her, daß junge Leute alle zehn Minuten Appetit und alle fünfzehn einen Bärenhunger haben.«

Als es der Handwerksbursche sich schmecken ließ, betrachteten ihn die Frauen und die Mädchen. Man sah's ihm an, daß er's lange so gut und behaglich nicht gehabt hatte, aber auch, daß er ein wohlgearteter, manierlicher Mensch war. Als nun nach dem Essen, das er mit stillem Gebet begonnen und geschlossen hatte, sich die Männer mit ihm in ein Gespräch einließen, da erkannten sie auch, daß er auf seiner Wanderschaft durchs deutsche Land offene Augen und einen offenen Kopf gehabt, denn er hatte ganz erschrecklich vieles gesehen und erfahren. Bei ihm hieß es nicht mit dem alten Sprichwort: »Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gigack wieder heim.« Er erzählte mit Verstand, und man hörte es wieder ganz deutlich, daß es Wahrheit war, was er sagte, denn er windbeutelte nicht, und mit dem weltbekannten Münchhausen hatte er keine Ader gemein. Zuletzt zog er die Aufmerksamkeit der ganzen Spinnstube auf sich.

Er hatte längere Zeit in Prag, der Hauptstadt von Böhmen, gearbeitet, und wußte von dieser Stadt gar viel Merkwürdiges zu erzählen. Mitten in der Rede aber unterbrach ihn einer, der sagte: »Landsmann, im vorigen Frühjahr kamen böhmische Musikanten hier durch, die zur Frankfurter Ostermesse zogen, die wußten viel zu reden vom heiligen Nepomuk und vom Johannisfest. Könnt Ihr uns darüber nicht nähere Auskunft geben?«

»Jawohl«, antwortete der Geselle. »Ich kam gerade am Vorabend des Johannisfestes in Prag an, und Scharen von Menschen aus allen Gegenden des Böhmerlandes zogen mit mir in die prächtige Hauptstadt ein. Ich war erstaunt über die schöne Stadt; denn eine herrlichere hab' ich auf meiner ganzen Wanderschaft nicht gesehen. Sie liegt wie in einem blühenden Garten, rings umgeben von schönen Landhäusern. Ihre neunzig Kirchen, einhundertsiebenundzwanzig Türme und sechzig Paläste geben einem etwas zu schauen, der übrigen, zahlreichen, schönen Gebäude gar nicht zu gedenken. Der kleinere Teil der Stadt, die ›Kleinseite‹ genannt, zieht sich einen Hügel hinauf, auf dem das Schloß mit der Domkirche steht. Wie ein silberner Gürtel schmiegt sich der Moldaufluß an die Stadt, und grüne Inseln heben sich wie Edelsteine aus dem Wasserspiegel empor. Über den Fluß führt eine uralte steinere Brücke, welche die Kleinseite mit der Altstadt verbindet. Diese Brücke hat sechzehn Bogen und trägt auf ihrem Rücken achtundzwanzig Bildsäulen.

Die mittelste derselben stellt den heiligen Johannes von Nepomuk dar, den ehemaligen Erzbischof von Prag, der am 16. Mai 1383 auf Befehl des unholden Königs Wenzel von dieser Stelle hinab in die Moldau gestürzt wurde, weil er das, was ihm die fromme Königin in der Beichte anvertraut hatte, nicht verraten wollte.

Die Böhmen haben ihn zu ihrem Schutzpatron gemacht und wandern jährlich zu Tausenden nach Prag, das Gedenken an den heiligen Nepomuk zu feiern. Wer in den Häusern und Ställen kein Unterkommen finden kann, der sucht es auf der Straße unter freiem Himmel. Das ist namentlich denn für die zahllosen Bettler, Landstreicher und Krüppel der Fall, die aber an solchen Tagen gute Geschäfte machen.

Wer am Johannisfest unter das Gedränge auf der Straße oder auf der Brücke sich mischen will, der mag nur die Säckel fein zuhalten, denn es gibt da Leute genug, die sich nicht scheuen, in fremde Säckel zu fahren und mitzunehmen, was sich nicht wehrt, und der Leute gibt's überall zu solchen Festzeiten viel; in Prag aber mehr als gut ist. Weit kommen freilich die Schelme mit dem gestohlenen Gut nicht, weil es nicht gedeiht. Sie kommen etwa bis in eine heimliche Winkelkneipe, wo sie es vertrinken oder verspielen, und sie sind dann so arm wie zuvor; oft aber kommen sie nicht weiter als vors Wiener Tor, rechts, eine Anhöhe hinauf, wo – der Galgen steht. Dort hab' ich mit eigenen Augen manchen hängen sehen, unter anderem auch ein Dienstmädchen mit Kreuzbändern an den Schuhen, weshalb seitdem kein ehrlich' Mädchen oder Frau in Prag mehr Kreuzbänder an den Schuhen tragen mag.

Doch will ich nicht bloß von Spitzbuben erzählen, sondern ein Exempel bringen, daß es noch ehrliche Menschen in der Welt gibt und gottlob noch viele.

In der Stadt Prag wohnte der berühmte und menschenfreundliche Doktor K., ein alter Junggesell, in einem großen schönen Hause.

Am Morgen des Johannisfestes, als er eben an seinem Schreibpult sitzt, wird er eiligst zu einem Bekannten gerufen, dessen Söhnlein ein Bein gebrochen hatte. Auf der Stelle nimmt der Doktor Stock und Hut und eilt davon. Er vergißt aber in der Eile, sein Pult und seine Stubentür zu verschließen. Das Haus ist unbewacht, und alles darin steht offen! – Da kommt ein Mensch mit einem breitkrempigen Hut, in schwarzen, rußigen Hemdsärmeln, über denen ein braunes Wams herabhängt, dessen Ärmel unten zugebunden sind, damit man allerlei, wie in einen Sack, hineinstecken kann. Denkt Euch nun noch enge schmutzige Hosen und derbe Schnürstiefel dazu, und Ihr habt ein Bild von dem seltsamen Gesellen. Hierzulande würden die Leute auf der Gasse zusammenlaufen, wenn so einer sich sehen ließe; in Prag aber kennt man diese Art von Leuten schon. Es sind die Drahtflechter aus dem südlichen Österreich, aus dem Lande Siebenbürgen, die umherziehen und für die sparsamen Hausfrauen die irdenen Kochtöpfe mit Draht umflechten, daß sie nicht so leicht zerbrechen. Sie halten sich viel in Prag auf, nehmen mit dem schlechtesten Nachtquartier vorlieb und bekommen ihre Dienste bald gut, bald schlecht belohnt, sind aber mit allem zufrieden. Jährlich einmal kehren sie in ihre Heimat zurück und bringen das, was sie erübrigt haben, den Ihrigen. Aber wehe dem, von dem die anderen berichten, daß er sich im Ausland schlecht betragen oder gestohlen habe!

Wer den guten, ehrlichen Namen der siebenbürgischen Drahtflechter in der Fremde befleckt hat, der darf nie wieder auf Reisen gehen, sondern hat das Nachsehen, wenn die anderen fröhlich hinausziehen in die weite Welt.

Ein solcher Drahtbinder kommt am Johannistage zu Prag in das Haus des Doktor K., wo er früher schon manchen Groschen zum Geschenk erhalten hatte. Den Hut in der Hand, naht er sich bescheiden dem Zimmer. Die Tür steht offen, aber niemand ist drin. Er tut einen Schritt hinein, um zu sehen, ob der Hausherr etwa auf dem Ruhebett sitze, aber auch da ist niemand zu sehen. Da fällt sein Blick auf das offene Schreibpult, aus welchem ein paar Rollen Geld ihm entgegenscheinen. Da mag dem armen Kerl denn doch die Versuchung nahegetreten sein. Mit so einer einzigen Rolle Geld könntest du ein glücklicher Mensch werden; brauchtest nicht mehr ein so armseliges Leben zu führen! Alles ringsum ist still, niemand zu sehen noch zu hören. Was hindert dich zuzugreifen? – Nein, sagt eine Stimme in seinem Herzen, du sollst nicht stehlen! Du sollst lieber arm und ehrlich bleiben, als reich und schlecht werden. Aber weil heute viele Landstreicher durch die Straßen ziehen, viele Gauner und Strolche umherschweifen und mausen; weil ein anderer, der da hereinguckte, nicht so bedenklich im Zugreifen ist wie du, so sollst du jetzt hier Wache halten, bis der Herr wiederkommt! So denkt er, und damit drückt er den Hut auf sein schwarzes Haar und setzt sich auf die Schwelle der Tür nieder. –

Mehrere Stunden waren so vergangen, da kommt endlich der Doktor K. von seinem Kranken zurück. Schon von ferne sieht er die offene Tür, und beim Gedanken an den heutigen Tag, wo tausend Diebereien vorzukommen pflegen, erschrickt er tüchtig über seine Vergeßlichkeit und ist vollkommen überzeugt, daß er alles ausgeleert finden werde; aber wer beschreibt sein Erstaunen, als er den Drahtbinder mit seinem schwarzen Gesicht, den Hut tief in die Augen gedrückt und das Kinn auf die Hand gestützt, dasitzen sieht, so trotzig, als wollte er's mit jedem aufnehmen, der es wagen würde, da herein zu wollen.

Als der Drahtbinder den ihm bekannten Hausherrn kommen sieht, steht er auf, zieht ehrerbietig den Hut ab und stammelt in gebrochenem Böhmisch einige Worte, die ihn entschuldigen sollen, daß er hier gesessen. Doch der Doktor fällt ihm in die Rede und fragt: ›Was führt dich auf die Schwelle meiner Tür?‹ – ›Das Almosen, gnädiger Herr, das Sie mir geben, sooft ich nach Prag komme !‹

›Aber du hast mich ja nicht zu Hause gefunden‹, sagt der Doktor.

›Darum hab' ich warten wollen, bis Sie kämen‹, erwiderte der Drahtbinder.

›Aber du fandest ja alles offen, hättest dir ja nehmen können‹, versetzte der Doktor.

›Bewahre, gnädiger Herr‹, entgegnete der Drahtflechter, ›das wäre gestohlen. Der Drahtbinder ist arm, aber ehrlich.‹

›Bist du schon lange hier?‹ fragt weiter der Doktor.

›Wohl zwei Stunden!‹ ist die Antwort.

›Da hast du lange auf dein Almosen warten müssen!‹ ruft der Doktor aus.

›Hab' gern gewartet‹, sagt der Drahtbinder, ›denn ich hab' derweilen Wache gehalten, als Sie weg waren. Es hätten Diebe kommen können!‹

›Du ehrliche Seele‹, spricht gerührt der Doktor, ›das soll dir nicht unvergolten bleiben!‹ Er tritt in das Zimmer und nimmt eine der Geldrollen vom Pult und gibt sie dem ehrlichen Menschen. »Da nimm«, sagt er, »deinen wohlverdienten Lohn!« Der ehrliche Drahtbinder will anfangs gar nicht zugreifen, weil er nun sein Almosen erwartet; als indessen der dankbare Doktor in ihn dringt, nimmt er's endlich und geht mit tausend Segenswünschen und heißem Dank gegen Gott von dannen.

Seht, das hab' ich in Prag erlebt«, sagte der Handwerksbursche.

»Das heiß' ich ehrlich!« sprach der Hausvater, und sein Nachbar fügte hinzu: »Das heißt recht: »Treue Hand geht durchs ganze Land!« Der ehrliche Drahtbinder hat wiederkommen dürfen in die Stadt Prag; aber die Spitzbuben sind an den Galgen gekommen! Das sollte jeder bedenken!«

Das Mädchen von Sasbach

»Die Starken und Gewaltigen sind's nicht«, sagte der alte Schmiedjakob, »die allein Großes und Ausgezeichnetes vollbringen können; denn nicht die Stärke tut's, wenn es gilt, für die Brüder ein Werk aufopfernder Liebe zu vollbringen, sondern die starke und mächtige Liebe, die auch in einem schwachen Geschöpf ihre volle Herrlichkeit offenbaren kann. Das wollen nun freilich viele nicht glauben, und das sind die Superklugen, die noch keinen Hund hinter dem Ofen herausjagen, um einen armen Bruder an seine Stelle zu setzen, den der Frost schier erstarren gemacht. Wenn ich auch jetzt nicht auf die Liebe so mancher schwachen Mutter hinweisen will, die in der Liebe zu ihrem Kind selbst das Leben zu opfern bereit ist, so will ich's an einem Mädchen beweisen, das viele starke Männer beschämen kann. Sie hat unter Einsatz ihres eigenen Lebens zwei Männern das Leben gerettet und war doch nur ein Kind, das noch in die Schule ging! Sie heißt Susanna Reisacher, war damals, als sie die edle Tat verrichtete, zwölf Jahre alt und armer, aber braver Eltern Kind aus Sasbach im Bezirksamt Breisach. Stilles und sittsames Wesen zierte das brave Schulkind, und ihren Eltern war sie ergeben in der Furcht Gottes.«

Es war am 15. September 1831, als bei sehr stürmischem Wetter Georg Bitsch und der noch ledige Martin Bitsch bei herannahendem Abend über den Rhein nach Sasbach heimfahren wollten. Durch anhaltendes Regenwetter war der Rhein zu einer außerordentlichen Höhe angeschwollen. Er schlug schäumende Wellen, und der heftige Sturm peitschte diese Wellen noch zu wilderem Ungestüm.

Unvorsichtig, wie es häufig die Bewohner der Flußufer sind, bestiegen beide einen kleinen Kahn, den man auch sonst Dreibord und Seelenverkäufer nennt. Es war gefährlich, mit so einer leichten Nußschale von Nachen in solchem Wetter über den Rhein zu fahren; aber die beiden Männer hatten noch das schwanke, armselige Fahrzeug bis an den Rand mit Holz beladen. Dennoch setzten sie sich hinein und steuerten mir nichts, dir nichts in die empörte Wasserflut, die das Schifflein schäumend umrauschte und in jedem Augenblick zu verschlingen drohte.

Es kostete eine tüchtige Anstrengung und Steuerkunst, das Schifflein so zu leiten, daß es nicht schon am Ufer von den brandenden Wellen umgekippt. Da dort der Rhein breit ist, so schlug er in der Mitte die wildesten Wellen, und dort drohte die Gefahr. Wenn sie auch hätten umwenden wollen, jetzt war's zu spät; denn plötzlich ergriff eine mächtige Sturzwelle den Kahn und schlug ihn um. Holz und alles, was darin war, auch die zwei Männer, stürzten in die tobenden Fluten des Rheins. Der Nachen war, wie es bei solchen Gelegenheiten immer zu geschehen pflegt, umgeschlagen. Den beiden Männern gelang es, den Nachen zu ergreifen und sich daran festzuhalten. Lange war dies indessen nicht möglich, denn wenn die kalte Flut sie einmal recht unterkühlt hatte, mußten ihre Hände erstarren, waren dann nicht mehr imstande, den Körper zu halten, und das Untersinken und Ertrinken war dann das nächste. Todesangst im Herzen, schwebten die beiden Unglücklichen in unvermeidlicher Todesgefahr, wenn nicht schnelle Hilfe kam.

Weiter rheinabwärts, da wo hoch oben auf dem Felsen die grauen Mauern der alten Ritterburg Limburg stehen und unten die Rheinfähre liegt, hütete gerade zu der Stunde die zwölfjährige Susanna Reisacher die Ziegen des Wirts im Fährhaus. Sie hörte das Jammergeschrei der beiden Unglücklichen; sah, wie sie sich am umgestürzten Kahn festhielten, aber auch, wie sie im heftigsten Wellengebrause mit unaufhaltsamer Schnelle rheinabwärts getrieben wurden.

Das Mädchen rief sogleich in voller Angst um Hilfe; allein es war niemand da als des Fahrwirts Frau, die Magdalena Schneider. Ihr Gatte war mit dem Knecht weit hinaus aufs Feld gegangen. Sonst war weit und breit keine Menschenseele.

Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, holte das Mädchen zwei Handruder, auch Riemen von den Schiffern genannt, und gab der Magdalena Schneider den einen davon, indem sie sie aufforderte, mit der Fähre den Unglücklichen zu Hilfe zu eilen. Die Wirtin aber hat den Mut nicht. Sie sagte: »Wir zwei können nicht fahren. Und wie wollen wir bei der wilden Flut die Fähre lenken? Dazu sind wir zu schwach. Wir ertrinken, ohne daß wir die Verunglückten erreichen und retten können.«

Susanna Reisacher hörte das und dachte: »So fahr' ich allein, Gott wird mich schon schützend Sie sprang in die Fähre, nachdem sie die Ketten losgemacht hatte; allein des Kindes Kräfte reichten nicht aus, den schweren Überfahrkahn vom Ufer, auf welches ihn der Fährmann weit hinaufgezogen hatte, ans Wasser zu bringen. Inständig bat sie die Magdalena Schneider, ihr doch dabei behilflich zu sein; diese aber, statt ihrem Wunsch nachzukommen, versuchte alles, das Kind von dem gefährlichen Unternehmen abzubringen. Allein das war umsonst! Endlich gab die Frau dem Kahn einen Stoß und empfahl das Kind dem Schutz Gottes und seiner Engel.

Nun, die halten gewiß sichere Wacht über den Kindern und über diesem vornehmlich, das eine so reiche Liebe und echtes Gottvertrauen besitzt!

Der Kahn fuhr pfeilschnell hinaus in das wilde Gewässer, während die Frau dem Dorf zueilte, um weitere Hilfe zu holen.

Die beiden Verunglückten waren weit unter die Fährstelle getrieben. Susanna behielt sie fest im Auge. Mit betendem Herzen befand sie sich nun allein in der tobenden Flut. So viel wußte sie vom Fahren, daß sie einigermaßen den Kahn mit dem Ruder in ihren schwachen Händen mitten in das Fahrwasser lenken konnte, und das gelang ihr auch. Pfeilschnell schoß ihr Kahn dahin.

Da sahen die beiden unglücklichen Männer den Kahn und das Kind. Schon waren ihre Kräfte am Erlahmen, ihr Blut am Erstarren. Jetzt durchglühte sie die Hoffnung nach möglicher Rettung. Sie riefen sich gegenseitig zu und ermunterten sich zum Ausharren. Was aber die Annäherung des Kahnes erschwerte, das war der heftig wehende Gegenwind, der die Wellen immer höher hob. Des Kindes Kräfte reichten zudem nicht aus. Der Fährkahn wurde bald hierhin, bald dorthin von den Wellen gerissen und war selbst der Gefahr häufig ausgesetzt, umzukippen und das hilflose Kind in den Wellen zu begraben.

Wohl erkannte Susanna die Gefahr; aber mit ihr wuchs der Mut, das Vertrauen auf Gottes und seiner Engel Beistand, genährt und gefestigt durch das laute Gebet.

Martin Bitsch sah ein, daß mit dem Untergang des Kindes auch die letzte Hoffnung, gerettet zu werden, für sie schwand; er glaubte, die Rettung aller drei dadurch bewirken zu können, daß er, obwohl kein geübter Schwimmer, den Fährkahn erreiche und dann dessen Führung übernähme.

Er rief dem Mädchen zu, es solle sich wacker halten und jetzt tapfer zufahren, er wolle dem Fährkahn entgegenschwimmen. Er ließ seinen Seelenverkäufer fahren, nahm seine letzte Kraft zusammen und schwamm dem Fährkahn mutig entgegen.

Susanna sah das. »Herrgott, stärke mich!« rief das Kind aus und setzte auch seine volle Kraft noch einmal ein, dem Schwimmenden den Kahn entgegenzulenken. Und siehe da, Gott erhörte des wackeren Kindes Gebet. Der Kahn erreichte Martin Bitsch. Er faßte die Bordwand und schwang sich hinein.

»Nun, mit Gottes Hilfe«, rief er dem glücklichen Kind zu, »wollen wir auch den anderen retten«

Dieser war aber mit seinem leichten Dreibord weit von ihnen abgetrieben worden; aber Martin Bitsch faßte mit jugendlicher Kraft das Ruder, während das Kind sich niederwarf und um Gottes Beistand betete.

Schon wollten dem Georg Bitsch die durch das krampfhafte Festhalten und die Kälte des Wassers erstarrten Hände den Dienst versagen; schon empfahl er Gattin und Kinder und die eigne Seele Gottes Huld und Gnade, und er bereitete sich darauf vor, zu sterben. Da nahten die beiden Retter, und Martin Bitsch umfaßt ihn, während die kleine Susanna das Ruder führte, und auch er war in Sicherheit.

Gott laut preisend und sich der gelungenen Rettung freuend, lenkten nun die beiden Männer den Kahn ans Ufer und steuerten ihn dort langsam dem Fährhaus zu, wo sie endlich glücklich anlangten.

Ihr könnt Euch die Wonne und Freude der Geretteten und ihrer Angehörigen und Freunde, aber auch die Dankesworte für das mutige Kind denken, das unter Einsatz des eigenen Lebens, nur dem Drang seiner Menschenliebe folgend, die beiden Männer gerettet hatte. Schon am andern Tage kam der Bezirksamtmann, um über den Vorgang, der mit Recht so großes Aufsehen machte, genaue Erkundigungen einzuziehen.

Als er die kleine Susanna Reisacher fragte, wie sie dazu gekommen sei, sich allein und bei so hohem und wildem Wasser und so heftigem Gegenwind in den Rhein zu wagen, sagte das Kind: »Die Leute, die ich in so großer Lebensgefahr sah, haben mich so gedauert, und als ich ihr Jammergeschrei hörte, da hab' ich gedacht, ich müßte ihnen zu Hilfe kommen und sie retten. An mich hab' ich dabei nicht gedacht. Aber das hab' ich gedacht, daß unser lieber Herrgott mir schon beistehen wird, und das hat er auch getan!«

Der Amtmann berichtete die edle Tat Susanna Reisachers dem Großherzog von Baden, und der gerechte Landesherr hat daraufhin dem Kinde die große, goldene Verdienst-Denkmünze geschenkt und überdies zweihundert Gulden, die ihr bis zu ihrer Volljährigkeit oder Verheiratung verzinst wurden, um dann ausgezahlt zu werden.

Seht ihr's, was die Macht der göttlichen Liebe durch ein schwaches Werkzeug vermag, in dessen Herzen sie einen Strahl ihrer Herrlichkeit fallen ließ? Erkennt ihr den Schutz dessen, der ein frommes Gebet gern erhört? Bei dem Anblick dieser jungen Samariterseele ist's einem, als hörte man den Herrn sagen: »Gehet hin und tuet desgleichen!««

Der Schmiedjakob erzählt von seinen Fahrten

Als des Schulzen Kathrinchen mit dem Baltin Hochzeit hielt, saßen die Alten beieinander, und der Schulze sagte zum Schmiedjakob: »Alterchen, erzähl uns mal, wie dir's in der Welt ergangen ist! Es sind viele hier, die haben's noch nicht gehört, und wir anderen hören's selber gern noch einmal.«

»Warum nicht«, sagte der, und schnell lief jemand hinauf zu dem jungen Volk und sagte: »Der Schmiedjakob erzählt!« Da haben sie sich alle ganz sachte herbeigemacht und sich gesetzt, und der alte, ehrliche Stelzfuß begann:

»Manche von euch«, sagte er, »wissen's noch, was es für trübe Augen gab, als ich zu den Franzosen mußte. Damals gab's eben nur zwei Aussichten: entweder tot oder zum Krüppel geschossen zu werden. An mir könnt ihr sehen, wie wahr es ist. Die trüben Augen gab's bei meinen armen Eltern, die beide alt waren, und ich war ihr einziges Kind. Dem Vater wurde das Schmieden schwer; aber was half's? Daß ich's ehrlich sage, mir wurden die Augen auch trüb, denn ich hab' auch keinen Kieselstein, wo andere das Herz haben. Und noch ein Paar wurden trüb – ich hatte einen Schatz. Ihr habt alle das Bärbelchen gekannt, der alten Zimmermannsliese Tochter, deren Vater vom Gebälk gestürzt war, als das Pfarrhaus gebaut wurde, und den Hals brach. Es war ein herzig Mädchen, sittig, fromm, fleißig. Scheiden und Meiden tat weh! Es flössen viele heiße Tränen, aber ich mußte fort, und Bärbelchen rief: »Treu bis zum Tod!« Von Hanau aus ging's nach Frankreich hindurch nach Spanien, über das Gebirge, das Spanien von Frankreich scheidet, und bald hörten wir spanische Kugeln pfeifen, was aber gerade klang wie hier auch – nur mit dem Unterschied, daß sie verteufelt gut trafen.«

Der alte Schmiedjakob wollte mit den letzten Worten einen Scherz machen, der die Leute nicht seinen Schmerz sollte sehen lassen; allein der brach doch durch, und er mußte husten, um die vor innerer Bewegung zitternde Stimme zu verbergen.

Darauf fuhr er mit der Hand über das Gesicht, als wolle er mit der hervorbrechenden Rührung alle innere Bewegung wegwischen, und fuhr fort: »Es war Anno 1808, wo's in der Landschaft Aragonien recht blutig zuging, absonderlich bei Saragossa. Dorthin ging's. Die Stadt liegt in einer Ebene, fruchtreicher als unsere gesegnete Wetterau, und ich möchte sagen, wie's in der Bibel heißt, es flösse Milch und Honig dort, und an dem Fluß Ebro. Ich hab' da alles recht genau kennengelernt, denn wir haben lange Zeit dazu gehabt. Die Spanier sind ein kriegerisches Volk. Die waren gegen die Franzosen aufgestanden und wehrten sich für ihr Vaterland. Meiner Seele! Es ist mir an das Herz gegangen, wenn ich gegen sie kämpfen mußte. Ich hätte das Gewehr lieber gegen die Unterdrücker, die Franzosen, gerichtet. Und wie wurde für uns gesorgt? Daß sich Gott erbarme! Futter für die Pferde ließ der liebe Gott überall in dem gesegneten Land wachsen; aber wenn wir nicht vom Wind leben wollten, mußten wir uns selbst suchen, was wir brauchten, das heißt stehlen. Was tut der Mensch nicht alles, wenn er vor Hunger nicht sterben will?

Anfangs hatte ich greulich das Heimweh; aber man gewöhnt sich halt an alles. Ich fand mich drein und mußte mich drein finden, weil ans Heimkommen nicht zu denken war.

Einmal sagte abends der Leutnant: ›Kinder, morgen früh, wenn's Tag wird, müssen wir Lebensmittel in einem Dorf suchen, das drei Meilen von hier entfernt ist. Um zwölf Uhr sitzen wir auf.‹

Alles wurde vorbereitet, und richtig, um zwölf ritten wir ab – fünfzig Mann. Der Mond schien silberhell auf das schöne Land. Als es Tag zu werden begann, lag das Dorf vor uns; aber die Leute hatten Wind von unserem Kommen. Es war keine Seele im Dorf und nirgends etwas zu beißen.

Ich kam in ein Haus, das einem wohlhabenden Mann zu gehören schien. Das ganze Haus war leer. In der Küche stand eine Art Schrank an der Wand, in dem aber nichts war.

Je mehr ich aber das Ding mir ansah, desto fester wurde meine Meinung, daß dahinter etwas sein müsse.

Ich setzte mich ruhig auf den Herd und dachte: Laß mal sehen, ob sich's dahinter nicht rührt? Ich hatte seit zwei Tagen keinen Bissen gegessen, daher einen Hunger, der kaum zu ertragen war. Die Tür des Schrankes stand offen.

Vielleicht zehn Minuten war's still. Da hörte ich aber ein Flüstern hinter der Schrankwand, und bald wurde sie weggeschoben von einem kleinen, schönen Händchen. Nicht lange, so guckte ein Mädchenkopf heraus, so schön, wie er vielleicht in ganz Spanien nicht mehr zu finden war.

Als sie mich sah, stieß sie einen Angstschrei aus und wurde totenbleich. Sie wollte rasch wieder die Wand vorschieben – aber ich faßte ihre Hand und sagte so gut es ging, ich sei ein Deutscher und verlange nur Brot; ich wolle ihnen nichts Böses zufügen.

Sie sah mich mit den durchdringenden schwarzen Augen an, als wolle sie mich recht prüfen, und als mein Gesicht sie beruhigt hatte, schob sie die Schrankwand ganz weg, und ich sah in ein Kämmerlein, wo eine alte Frau saß und Lebensmittel genug aufgeschichtet lagen.

Das bildhübsche spanische Mädchen sah mich so freundlich an und erzählte mir allerlei vor, was ich durchaus nicht verstand. Als sie aber auf die Brote deutete, nickte ich. Sie reichte mir auch einen Krug Wein, wie ich ihn nie getrunken.

Die Alte wollte nicht so freundlich werden; aber als sie meinen Hunger sahen, traten in des Mädchens Augen Tränen. Sie reichte mir nun Früchte und was sie sonst noch hatte.

Wie es zuging, weiß ich nicht; aber wir waren schnell gute Freunde. ›Deutscher!‹ wiederholte sie immer wieder. Sie kannten uns und wußten wohl, daß wir gezwungen wurden, gegen Spanien zu kämpfen. Als ich mich gelabt hatte, gab sie mir ein Brot, faltete dann ihre Hände und sah mich flehend an.

Ich legte die Hand auf das Herz, erhob sie dann zum Himmel, wie wenn ich schwören wollte. Das beruhigte sie. Sie stieg wieder in ihr Versteck, nickte mir noch einmal zu und schob die Wand vor.

›Gott schütze Euch!‹ sagte ich, ging rasch weg, verbarg mein Brot, das ich in mehrere Stücke schnitt, und suchte meine Kameraden auf, die einen Keller gefunden hatten, ihn erbrochen und Vorräte entdeckt hatten. Wir nahmen mit, was wir tragen konnten, und jagten in raschem Ritt gen Saragossa.

Es mochten acht Tage vorüber sein, als wir wieder einen solchen Zug machten.

›In dem Dorf steckt noch mehr‹, sagte der Leutnant. ›Wir wollen noch einmal hin.‹ Mir pochte das Herz ein wenig, wenn ich an das schöne Mädchen dachte. Wir erreichten wieder bei Tagesanbruch das Dorf. Bald zerstreuten sich die Reiter suchend und in der Meinung, das Dorf sei leer wie damals.

Ich ritt zu dem Haus und band mein Pferd an einen Baum. Alles war wieder still. Als ich in die Küche kam, stand wieder alles wie damals. Ich machte die Tür des Schranks auf und klopfte dreimal an die innere Wand.

Sogleich wurde sie zurückgeschoben. Wie das erste Mal erschrak das liebliche Kind, aber als sie mich erkannte, lächelte sie mich holdselig an und kam heraus. Sie brachte mir wieder Lebensmittel, aber plötzlich erschrak sie, fing heftig zu reden an und gab mir zu verstehen, es kämen Leute, die uns totschössen, und ich sollte mich fortmachen.

Als ich zauderte, ergriff sie meine Hand, preßte sie mit den ihrigen, sah sich scheu um und drängte mich freundlich fort.

Jetzt wurde mir's denn doch Ernst. Ich lief rasch hinaus, schwang mich aufs Pferd und – schon hörte ich die Trompete das Sammelsignal blasen; schon fielen Schüsse am andern Ende des Dorfes. Ich jagte im Galopp dorthin, wo ich den Ton der Trompete vernahm. Als ich noch einmal zurücksah, stand das Mädchen unter dem Baum und hielt einen Spanier davon ab, auf mich zu schießen; aber er stieß sie weg, der Schuß fiel, und im Augenblick fühlte ich, daß die Kugel mir in die rechte Wade gedrungen war.

Glücklich entkamen wir. Ich war der einzige, der verwundet worden war. Mein Sacktuch wurde um das Bein gewickelt, und wieder im raschen Trab, bei einer sengenden Hitze, ging's ins Lager zurück.

Ich stand höllischen Schmerz aus, und der große Blutverlust bewirkte, daß ich, nahe dem Lager, ohnmächtig vom Pferd sank. Für eine geraume Zeit muß ich ohne Besinnung gewesen sein. Unter Schmerzen, die ich Euch nicht beschreiben kann, wurde ich wach – und – was sah ich: Vier Doktoren waren an mir und – schnitten mir das Bein unter dem Knie ab.

Ich schrie: ›Was macht ihr, Halunken?‹

›Still, still !‹ sagte unser Regimentsarzt, er war aus der Stadt Marburg und ein kreuzbraver Mensch; ›wenn du nicht sterben willst, muß es abgenommen werden, denn der kalte Brand ist schon drin!‹

Soll ich euch die Schmerzen beschreiben, die ich litt? Wozu? Ihr fühlt sie doch nicht, und Gott bewahre euch davor. Es ging auch vorüber, und einem Paar schöner Mädchenaugen habe ich vielleicht mein Unglück zu danken; doch, wer weiß es?

Über ein Jahr will ich hinweggehn. Man schleppte mich in den Lazaretten herum, bis mein Fuß heil war. Nun sollte ich nach Frankreich. Auf eine langsame, traurige Art kam ich nach Bayonne. Dort erkrankte ich heftig und lag ein Vierteljahr abermals im Lazarett. Endlich genas ich und wurde nach Paris transportiert. Hier, hieß es, würde über eine Pension verhandelt, die ich bekommen sollte; aber es ging ein halbes Jahr hin, und ich bekam am Ende meinen Paß nach der Heimat. Ich war ja nur ein Deutscher! Der mochte sehen, wie er betteln lernte. So bin ich denn aus Frankreich gewandert. Das ging auch verteufelt langsam und war nicht erfreulich. Ich wurde wohl einquartiert, aber was ich sonst brauchte, mußte ich betteln. Das ist in der Regel des invaliden Soldaten Los.

Das muß ich aber sagen, ich fand viel Mitleid. Jeder sah mir ja auch meine Jugend an, und wenn ich erzählte, daß ich keine Pension bekäme, dann gaben mir die Leute mit vollen Händen, und es verlauteten dann eben keine Segenswünsche für den Napoleon.«

»Hast du denn nichts von daheim gehört?« fragte der Schulze.

»Von daheim?« sagte der Schmiedjakob, »du lieber Gott, mein Vater konnte nicht schreiben und ich auch nicht. Einmal hatte ich heimschreiben lassen. Der Brief kam nicht an. Wohin hätten sie schreiben sollen? – Als ich nach Straßburg kam, ging ich an einer Schmiede vorbei. Da fiel mir das Handwerk aufs Herz. Ich blieb stehen, und sah dem Gesellen zu, wenigstens hielt ich ihn dafür. Er schmiedete ein Hufeisen, daß sich Gott erbarm'. Es hatte keine Art und kein Geschick.

Ich trat hinein und sagte: ›Laßt mich einmal ein Eisen schmieden!‹ Der sah mich verwundert an. ›Meinetwegen!‹ sagte er und sah mich mit spöttischem Lachen an. Er mochte denken: Der Stelzfuß wird auch einen dicken Teil verstehen!

Der, den ich für den Gesellen gehalten hatte, war der ehrsame Meister selbst, der sonst nicht ungeschickt war, aber mordsmäßig schlechte Hufeisen machte, noch schlechter aber die Pferde beschlug.

Ich nahm den Hammer, und – nun, ihr wißt, heute noch geht mir die Arbeit rasch von der Hand – flugs war das Eisen fertig; auch fand ich, daß mich der Stelzfuß nicht einmal sehr behinderte.

Als der Meister sah, daß mit dem Stelzfuß etwas anzufangen sei, sagte er: ›Wißt Ihr was, bleibt bei mir, Ihr sollt, wenn Ihr die Pferde gut beschlagt, einen guten Wochenlohn und ein ordentliches Leben haben.‹

Ich dachte: Verdien dir so viel Geld, daß du nicht wie ein armer Bettler und Lump in dein Dorf kommst, und sagte zu. Also trat ich sogleich ein und half hämmern; aber ich machte fast nichts als Hufeisen, und als die Leute einmal hörten, der Stelzfuß sei ein rechter Kurschmied, der auch das Viehdoktern verstehe, da war unsere Schmiede die besuchteste in der ganzen Stadt.

Das gefiel meinem jungen Meister, und da er wohl wußte, daß ich der Grund war, und denken mochte, andere spannten mich ihm aus, so hatt' ich's königlich gut, und ich krieg's wohl niemals wieder so. Es müßte denn sein, daß mein Sohn wiederkäme.«

Er seufzte, und Nachbar Veits Lieschen – seufzte auch. »Ich verdiente Geld wie Wasser«, fuhr er fort. »Nun kaufte ich mir gute Kleider, schaffte mir neue Hemden an, ließ mir einen bequemeren Stelzfuß machen und sparte mir doch noch etwas für die Reise; denn das Betteln konnte mir gestohlen bleiben. Endlich konnt' ich's doch nicht länger aushalten. Ich sagte meinem Meister Lebewohl und ging bei Kehl über den Rhein.

Nach einer recht mühseligen Reise kam ich in mein Dorf. Ich hatte mir einen greulichen Bart wachsen lassen, daß mich niemand erkannte. Die roten Backen waren auch nicht mehr da!

Als ich auf die Anhöhe kam, kurz vor dem Dorf, wo die drei Eichen stehen, und nun das schöne Dorf vor mir lag, dachte ich, wie wird's um meine Lieben stehen? Und das Herz fing mir so zu pochen an, daß ich nicht weiterkonnte. Lagen doch zwei volle Jahre dazwischen, seit ich geschieden war, und gehört hatte ich seitdem nichts. Ich dachte an die Eltern und – an mein liebes Bärbelchen. Gar mancherlei Gedanken machten mir das Herz schwer. Wie war ich weggegangen, und wie kam ich wieder? – Ach, es war wohl hart!

Wie ich so dasaß, den Kopf in die Hand stützte und es mir feucht in den Augen wurde, da fing's mit allen drei Glocken zu läuten an. Sonntag war's ja nicht. Gewiß eine Leiche! Ich weiß nicht zu sagen, wie mich das bedrückte und mich so weich machte, und unwillkürlich dacht' ich: Wie gut war's vielleicht für dich, wenn sie dich da hinaustrügen.

Ich sah den Zug kommen, so ernst, so still und feierlich. Ich hörte dann den bekannten Grabgesang, als sie die Leiche hinabsenkten, und sah sie zur Kirche gehen. Das Herz hätte mir brechen können, und ich wußte nicht, warum.

Endlich kam ein altes Mütterchen den Berg herauf. Ach, es war meine Mutter! Sie sah mich sitzen und grüßte mich, aber sie erkannte mich nicht. Ihr Auge war vom Weinen schwach geworden, wie sie mir später sagte, vom Weinen um mich.

Ich hatte mir die Elsässer Mundart sehr angewöhnt während meines Aufenthalts in Straßburg. Das machte mich vollends unkenntlich.

Ich mußte sie anreden.

›Wie heißt das Dorf ?‹ fragte ich recht elsässisch.

Sie horchte auf, und erst nach einer Weile sagte sie den Namen.

›Wo seid Ihr denn her?‹ fragte sie.

Ich nannte ein Dorf, das etwa sechs Stunden weiter lag.

›Ist kein Schmied im Dorf, der einen Gesellen braucht?‹ fragte ich weiter und faßte mich mit aller Kraft.

›Ach, seid ihr ein Kurschmied?‹ fragte sie zurück.

Als ich das bejahte, sagte sie: ›Mein Mann wird Euch gern nehmen; aber –‹

›Ihr meint gewiß‹, fiel ich ihr in die Rede, ›der Stelzfuß hindere mich. Nein, ich habe in Straßburg gar lange gearbeitet, und kann's beweisen, daß sie mich gern hatten.‹

›Glaub's, glaub's‹, sagte sie freundlich, als wollte sie das gutmachen, was mich hätte kränken oder mir weh tun können.

›Habt Ihr dann das von Kindesbeinen an?‹ fragte sie teilnehmend.

›Ach nein‹, sagte ich, ›ich war im Krieg in Spanien, da hab' ich das Bein verloren.‹

Sie schlug die Hände zusammen. ›Du großer Gott!‹ rief sie aus. ›Ich hab' auch einen Sohn, mein einziges Kind, bei den Franzosen, wenn das mir so zurückkäme!‹ Sie schauderte zusammen.

Ihr mögt euch wohl denken, wandte sich hier der Schmiedjakob an seine Zuhörer, wie mir das ins Herz schnitt.

›Gott behüt' Euch davor‹, sagte ich, und ich mußte meine ganze Kraft zusammennehmen, daß ich fortfahren konnte. ›Würdet Ihr ihn aber nicht lieber als Krüppel nehmen, wenn Ihr ihn nur wieder hättet, als daß er dort begraben würde ?‹

›Ach Gott, ja!‹ rief sie aus. ›Habt Ihr vielleicht etwas von ihm gehört?‹ Sie nannte meinen Namen.

Ich sagte fest: ›Nein‹, und fragte weiter, ›ist er denn schon lange fort?‹

Jetzt setzte sie sich zu mir und fing an zu erzählen und kam auch auf das Bärbelchen. Sie weinte laut und sagte: ›Er wird wohl tot sein. Das soll auch einer geschrieben haben, der ihn kannte.‹

›Ist dann sein Schatz ihm treu geblieben?‹ fragte ich.

›Ach ja‹, erwiderte sie, ›aber alle Welt sagte, daß er tot sei, sonst hätt' er geschrieben. Da hat das Bärbelchen vor einem halben Jahre den Schulmeister geheiratet, und nun ist er schon tot; sie haben ihn eben begraben, und es hat mir recht in das Herz geschnitten, als ich vorbeiging. Da stand die arme junge Witwe an die Tür gelehnt und sah im tiefen Schmerz der Leiche nach. Lieb hatte sie ihn, und er verdiente es auch, aber – was macht Ihr?‹ fragte sie, denn ich hatte die Hände vor das Angesicht gedrückt und weinte. Sie riß mir die Hände weg, sah mir ins bärtige Angesicht und rief: ›Mein Sohn! Mein Sohn!‹«

Der alte Schmiedjakob konnte nicht mehr reden, so ergriff ihn die mächtige Erinnerung. Er stand auf und ging hinaus, die Frauen und Mädchen trockneten sich ihre Tränen, und die Männer blickten ernst zur Erde. Nach einer Weile, wo keiner in der Stube durch ein Wort die Stille unterbrochen hatte, kam er wieder und setzte sich.

»Es hat lange, lange gedauert«, sagte er, »ehe wir beide, Mutter und Kind, reden konnten; aber die Mutter dachte nicht mehr an den Stelzfuß, und mir machte der Gedanke: Das hast du verdient, weil dir das spanische Mädchen gefiel – das Herz nicht leichter.

Endlich sagte sie: ›Ach, lieber Jakob, zürne dem Bärbelchen nicht. Sie wollte ja nicht; aber alle Welt hing sich an sie. Ihre Mutter war tot. Sie stand allein in der Welt, und dich hielten wir ja alle für tot. Warum sollte sie da den braven Lehrer nicht nehmen? – Ich riet's ihr auch.‹

Ich konnte nicht weiter über den Punkt reden. Wir gingen ins Dorf. Die meisten Leute waren in der Kirche; die übrigen auf dem Felde. Niemand sah uns.

Liebster Gott, mein Vater war fast tot vor Schrecken, als er mich erkannte und meinen Stelzfuß sah; indes siegte doch über diesen Schrecken die Freude, zumal ich ihn darüber beruhigte, daß ich doch im Handwerk mein Brot verdienen könnte.

Wie ein Lauffeuer ging's durchs Dorf: ›Schmied's Jakob ist wieder da!‹ Da kamen denn die Leute und grüßten mich so herzlich. Sie fanden mich sehr verändert. Freilich wohl! Das Elend, das ich erduldet, hatte mich nicht jünger gemacht; der Schmerz seit gestern hatte die Frische der Gesundheit von meinem Gesicht gejagt, und der Bart entstellte mich auch. Das ganze Dorf kam, Bärbelchen nicht. Ich hatt's auch nicht erwartet. Der Witwe ziemte es nicht. Ich mied es auch, sie zu sehen; aber als sie sonntags in dem schwarzen Trauerkleid zur Kirche ging, da stand ich hinter dem Laden der Schmiede und lugte hinaus; aber die Hand zitterte, die den Laden hielt, daß sie es hätte sehen können, wenn sie hergeblickt hätte. – Ach, sie war ja noch so schön, und die Trauer gab ihr etwas, das mächtig auf das Herz wirkte. Ich wollte auch in die Kirche gehen; aber ich konnte nicht. Ich saß in der Stube, lehnte den Kopf auf den Tisch und machte dem schweren Herzen Luft. Es vergingen gewiß sechs Wochen, ehe ich sie sah und sprach.

Ich war in den Wald gegangen, um Holz zu holen, und als ich beim Heimgang eben an einem Baum ruhte, kam sie langsam den Weg her und sah mich erst, als sie kaum zehn Schritte von mir entfernt war.

Sie blieb einen Augenblick stehen wie eine Bildsäule. – Dann ging sie langsam auf mich zu, reichte mir ihre Hand und drückte ihr Tuch vor die weinenden Augen. Ich ergriff ihre Hand und hielt sie fest, aber ich konnte auch nicht reden.

Endlich ermannte ich mich. ›Bärbelchen‹, sagte ich, ›es ist vieles anders geworden in den zwei Jahren. Du bist Witwe und ich ein armer Krüppel !‹

Sie sah mich an mit den tränenvollen Augen. ›Jakob‹, sagte sie langsam, ›sie sagten, du seist tot, selbst deine Mutter sagte es, und ich habe schwer um dich getrauert. Da starb meine Mutter – ich war allein. Ach Gott, wie haben sie mich gequält, bis ich ja sagte, selbst deine Mutter, Jakob !‹

›O ich hadere nicht mit dir, Bärbelchen‹, sagte ich. ›Du tatst wohl. War ich tot, so war ja unser Band zerrissen.‹

Sie seufzte tief und sah mich an mit einem Blick, den ich nie vergessen werde; denn er sagte mir, daß das Band heute noch nicht zerrissen sei. Wenigstens deutete ich ihn so.

›Und was wär's‹, fuhr ich fort, ›wenn du ledig geblieben wärst? Du hättest dein junges Leben ja doch nicht an das eines Krüppels binden dürfen.‹

›Ach, Jakob‹ sagte sie, ›du redest harte Worte, die ich nicht verdiene!‹

In diesem Augenblick hörten wir Stimmen. Sie erschrak, sagte mir Lebewohl und wankte dahin.

Ich ging heim, und in meiner Seele ist's damals recht bunt durcheinandergegangen. Das Herz hoffte – und der Verstand sagte: Du darfst nicht hoffen, weil du Unrecht tust, sie an dich zu binden.

Ich hielt mich still und zurückgezogen. War dienstfertig; arbeitete fleißig, und ihr hattet mich alle lieb.

Es war etwas über anderthalb Jahre später, da starb mein Vater, und die Mutter erkrankte auch. Damals kam Bärbelchen oft ins Haus. Sie pflegte mit Veits Frau meine Mutter, bis auch sie starb.

Nun war ich allein und verlassen.

Einmal kam der Nachbar Veit zu mir und sagte: ›Jakob, du mußt heiraten! So geht's nicht mehr länger.‹ Ich schüttelte den Kopf.

›Aha‹, sagte er. ›Alte Liebe rostet nicht. Du magst keine andre als das Bärbelchen. Nehme dir's auch nicht übel!‹

Wir kamen nun tief in den Text, nicht wahr, Veit? Du warst immer ein guter Advokat! Da hörte ich denn etwas, was mir gar wundersam Mut machte und was ich gar nicht wußte, daß nämlich meine sterbende Mutter Bärbelchen gebeten hatte, mich zu heiraten, und – sie hatte es nicht abgelehnt.

Ich will's kurz machen! Der Veit machte den Mittelsmann. Er zerstreute meine Bedenken, die aus ehrlichem Grund hervorgingen, und wir kamen öfter zusammen – ja nach kurzer Zeit war Bärbelchen meine Frau.

Das war eine Ehe, die gewiß im Himmel geschlossen war; denn kein Wölkchen trübte sie. Unser Glück wurde noch größer, als mir Gott meinen Philipp schenkte; aber es war zu groß für diese Welt, wo ja einmal nichts Vollkommenes sein soll und kann.

Nach fünfzehnjährigem Leben wie im Himmel ist sie mir gestorben!«

Über des alten Mannes tiefgefurchte Backen rieselten heiße Tränen, und er war's nicht allein, der sie vergoß. Es war still in der Stube; man hörte nur das Ticken der Schwarzwälder Wanduhr und die Töne teilnehmender Liebe für den Mann, der ihnen allen an das Herz gewachsen war.

Da klopfte es plötzlich an die Tür. Alle Köpfe wandten sich um, und auf das freundliche »Ja!« öffnete sie sich, und ein junger Mann mit einem Felleisen auf dem Rücken stand grüßend in der Stube.

»Philipp! Philipp!« rief Veits Lieschen voll seliger Freude aus, und der Schmiedjakob sprang auf. Das konnte ja nur sein Sohn Philipp sein!

Er war's auch. Nachdem er sein liebes Lieschen geherzt und gar nicht dran gedacht, daß Leute dabei waren, fiel er dem Vater um den Hals.

»Wo warst du?« fragte der Schmiedjakob, der sich an dem prächtigen Burschen gar nicht sattsehen konnte, nachdem alle ihn herzlich willkommen geheißen.

»In England«, sagte er, »lieber Vater, und bin ein rechter Schmied geworden. Nun bin ich da, und Ihr sollt gute Tage haben!«

Der Schulze sagte: »Setz dich, Philipp«, und die junge Frau, das Kathrinchen, und das Lieschen trugen auf, daß der Philipp hätte müssen sieben Mägen haben, wenn er's hätte essen wollen.

Aber die Freude des alten Schmiedjakob hätte ein Christenmensch sehen sollen und das leuchtende Angesicht Lieschens!

Und als sie am Abend so recht heiter waren und der Philipp kosend neben seinem Lieschen saß, sagte der Schmiedjakob zu Veit: »Nachbar, was hindert's, daß wir heute noch den Pfarrer holen!«

Und noch an dem Abend legte der Herr Pfarrer die Hände Philipps und Lieschens ineinander, obwohl die silbernen Ringe nicht zur Hand waren, und die Hochzeit folgte bald nach.

Der Schmiedjakob hatte die Freude, daß Schulzens Kathrinchen seinen Valtin zu einem braven Mann machte und Philipp und Lieschen eine Ehe führten, wie er damals mit seinem seligen Bärbelchen, und in dem Glück seiner guten Kinder wurde der Alte wieder ordentlich jung!

Wie eine Frau ihren Mann einmal kuriert hat

»Ich bin in meinem Leben gar oft mit Hausstreit und ehelichem Hader bekannt geworden, und es hat mich oft betrübt, wenn die Männer roh und unartig ihre Frauen behandelten«, sagte der Schmiedjakob. »Das ist immer schändlich und entehrt den Mann. Meist hab' ich solche Roheit und Mißhandlung der armen Frauen, die ja doch rechte Kreuzträgerinnen sind, bei solchen Männern gefunden, die sich dem liederlichen Leben, namentlich dem Wirtshaus gehen, Kartenspielen und Branntweintrinken, ergeben hatten, denn das sind, wie der Heidelberger Katechismus sagt, »eigene Werke des Teufels.« Dadurch sinkt der Mann zu wahrhaft tierischer Roheit, Stumpfheit und Gefühllosigkeit herab und verliert jene heiligen Gefühle für Weib und Kind, die er am Altare Gottes doch so teuer gelobt und beschworen hat.

Da haben aber oft auch die Frauen bitter gefehlt. Saßen die Männer im Wirtshaus bei den Saufbrüdern über Gebühr und Zeit, so liefen sie, heulend und schimpfend, ins Wirtshaus, um die Männer zu holen. Gingen sie mit, so höhnten und spotteten die liederlichen Gesellen über den Mann, der seiner Frau gehorche, und reizten so lange, bis er sie mißhandelte und Hadern und Fluchen da war, das allemal den Segen Gottes austreibt. – Blieb er da, so reizten sie ebenfalls und sagten: »Das hätte mir einmal meine Frau probieren sollen, ich wollt' ihr das Maul gestopft haben!« und dergleichen. Dann trank der Mann vor Ärger, und wenn er heimkam, gab es Auftritte, die einem das Herz bluten machten.

Das waren verlorene, grundschlechte Männer, aber (und das möchte ich jeder guten Frau, die das Unglück hat, mit so einem miserablen Menschen verheiratet zu sein, ins Ohr flüstern) auch unvernünftige Weiber. So bessert man einen Saufbruder und Bruder Liederlich nicht!

Wenn die Weiber nur einmal verständig bedenken wollten, was für mächtige Waffen ihnen Gott gegeben hat – ich meine die herzlichen, liebevollen Bitten und die Tränen! Wie der sanfte Regen den vertrockneten, harten Boden aufweicht und mild macht, so wirkt das liebevolle Zureden, die warm, innig ausgesprochene Bitte, die eine Träne des tiefen Leides und Schmerzes begleitet, auf das verhärtete Herz des Mannes. Der Regentropfen, der immer auf dieselbe Stelle des harten Steins fällt, höhlt ihn am Ende aus; warum soll nicht das fortgesetzte Bitten und Flehen eines treuen Weibes ein irregeleitetes Mannesherz auf den rechten Weg zurückführen können?

Schimpfen, Schelten, Zanken, den Mann vor anderen beschimpfen, nein, ihr lieben Weiber, das erbittert, aber es bessert nicht. Versucht's mal, wie ich es hier rate und wie ich es in besonderen Fällen gar oft mit Erfolg geraten habe, und ich wette, in hundert Fällen hilft's neunundneunzigmal. Und in dem einen, wo es fruchtlos bleibt, nun, da muß ein weises, christliches Weib auf andere Mittel und Wege sinnen und Gott bitten im Gebet, daß er sie darauf hinleite, so wird's nicht fehlen.

Von einem solchen Fall will ich erzählen.

Jedermann weiß, daß der Teufel keinen bessern Helfershelfer hat als den Branntwein. Er ist ein Gift, das nicht bloß den Leib und seine Kräfte ruiniert, nicht bloß den Geist stumpf und stockdumm macht, sondern auch das Herz gegen alles verstockt, was heilig und rein und gut ist.

Ein junger Bauersmann (ich will aus Rücksicht seinen Namen nicht nennen) hatte sich mit einem braven, fleißigen Mädchen verheiratet. Er war arm, sie war arm – aber sie waren treu, fleißig und sparsam, und siehe da, sie kamen herrlich voran. Unverschuldete Armut schändet nicht, und es ist nicht gesagt, daß die, die arm in die Ehe treten, arm darin bleiben. Heißt's da: »Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn!«, heißt's da: »Bet' und arbeite!«, heißt's da: »Wenn's Hähnchen kratzt und's Hühnchen sparrt, beim Bettelsack man nicht beharrt« – dann geht's prächtig voran, und Gottes Segen hilft ein eignes Haus bauen und Acker und Wiesen anschaffen. So hatte es auch den Anschein bei dem Ehepaar, von dem ich rede; aber der Mann, der wohl gutmütig, aber auch leichtsinnig war, ließ sich von ein paar Kameraden ins Wirtshaus locken. »Wenn man so fleißig arbeitet wie du«, sagten sie, »so muß man sich auch als einmal Gutes antun!« Das gefiel dem Mann, und zwar alle Tage besser. Der Branntwein schmeckte ihm gut und immer besser. Das arme Weib sparte sich's am Mund ab und er – vertrank's. Sie bat, sie flehte, sie weinte. Sie wies auf das liebliche Kind hin, womit sie Gott gesegnet hatte – alles half nichts. Aller Verdienst wurde vertrunken. Der Branntweinteufel hatte sich seiner bemeistert; hatte ihn in seine Ketten und Bande geschmiedet; die Ehre, die Scham, die Pflicht – nichts half. Er war verloren! – Er war von einem freien Mann ein Sklave des Branntweins geworden! Ach, bei dem tiefen Schmerz, ihren lieben, einst so braven Mann so tief in das Verderben hinabgesunken zu sehen, mußte das arme Weib alles verdienen mit ihrer Hände Arbeit, was die Haushaltung kostete, denn er war so tief gesunken, daß er nicht mehr fragte: »Woher nimmst du Brot und Gemüse, Milch und Fett?« Er verlangte ein ordentliches Essen, und was er verdiente, vertrank er doch. Es war himmelschreiend!

Allmählich magerte das arme, junge Weib ab. Ihr armes Kind trank die Kummermilch und siechte hin wie ein Schatten. Ihr Auge war fast blind geworden vom vielen Weinen. Er schien das alles nicht zu sehen und lebte in seiner Weise fort, während sein armes Weib am Rande der Verzweiflung stand.

Sie hatte aufgehört mit Bitten und Flehen, mit sanftem, liebevollem Zureden, ihre Tränen erweichten sein Herz nicht mehr. Sie bat nur Gott, er möge ihr ein Mittel in den Sinn geben, das fruchte, oder sie und ihr armes Würmchen zu sich nehmen aus diesem Leben in Jammer und Elend, das sie doch nicht mehr länger ertragen könne.

So betete sie auf ihren schwachen Knien an einem Sonntagabend, an dem sie gehungert hatte, um ihr Kind und ihren Mann zu sättigen. Für den morgenden Tag war nichts da als trockenes Brot zum Frühstück.

Und am Sonntagabend vertrank er den Lohn der ganzen vorigen Woche!

Unter Tränen war das arme Weib endlich eingeschlafen, und sie hörte gar nicht, daß er um zwölf Uhr hereintaumelte und sich, unfähig zum Auskleiden, mit den Kleidern aufs Bett legte. –

Morgens stand er dennoch früh auf, aß das Stück Brot mit heimlichem Murren, weil kein Kaffee da war, und sagte dann, als er zur Arbeit ging: »Daß du mir nur Schlag elf Uhr ein ordentliches Essen bringst! Wenn man ordentlich arbeiten soll, muß man auch nahrhaft essen!«

Zanken und hadern mochte sie nicht. Sie schwieg, aber heiße Tränen rieselten über die bleichen Wangen.

Er ging fort, ohne das zu beachten.

Während er arbeitete, wand sich das arme Weib in Tränen am Boden. Sie rang im Gebet. Ihr Kind lag stöhnend in der Wiege, denn es war erkrankt, und die Quelle der labenden Milch in der mütterlichen Brust versiegte vor Elend, Entkräftung und Herzeleid.

Plötzlich läutete es elf Uhr! Sie hatte nichts zu essen, keinen Heller, um etwas zu kaufen. Sie raufte verzweifelt ihr Haar.

Da durchblitzte sie ein Gedanke!

Unter einem Baum saß rastend ihr Mann und harrte des Mittagsbrotes. Da sah er seine Frau daherwanken. Sie trug einen Korb auf ihrem Kopf, über dem ein weißes Tuch gedeckt war.

»Kommst du endlich?« sagte er.

Still setzte sie den Korb ab und lehnte, leise schluchzend, mit gefalteten Händen am Baum. Er rückte den Korb näher. Zu beten hatte er längst verlernt, denn das Gebet: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du bescheret hast!« – das paßte nicht mehr zu seinem Sinnen und Tun.

Jetzt deckte er das Tuch ab – und prallte, wie vom Blitze getroffen, zurück, denn in dem Korb lag bleich und todesmatt – sein Kind!

Er wandte das erbleichte Angesicht der Mutter zu, als wollte er fragen: Was soll das bedeuten? Aber es war doch kein Zorn in seiner Miene, denn er hatte noch keinen Branntwein getrunken.

Da sagte das zitternde, weinende Weib: »Iß, lieber Mann, iß, was ich dir brachte. Es ist mein Letztes, was ich habe. Im Haus ist nichts mehr. Sieh, dein armes Kind ist schon halb verhungert; ich habe seit gestern morgen nichts mehr gegessen. Die Milch in meiner Brust ist schon versiegt. Es kann doch nicht mehr leben. Du bist ja Herr und Meister drüber. Iß es, damit es von seinem Jammer erlöst wird. Ich folge ihm bald nach, dann kannst du, ohne Vorwürfe deines Gewissens, alles vertrinken, was du verdienst.«

Mit diesen Worten nahm sie das Kissen mit dem kranken Kindchen aus dem Korb und legte es auf seinen Schoß.

Da war es, als ob die Hand Gottes sein Herz erfaßte und preßte. Er schauderte zusammen wie im Fieberfrost. Er stieß einen Schrei aus, der der armen Leidensschwester durch Mark und Bein ging. Dann saß er eine Weile und sah das arme, leidende Kind an und – Tränen brachen plötzlich aus seinen Augen hervor.

»Gott, mein Gott«, rief er aus, »vergib mir meine Schuld!« Dann küßte er das Kind, was er seit dessen Geburt nicht getan, legte es sacht in den Korb und fiel seiner Frau um den Hals. »Willst du, kannst du mir verzeihen?« flehte er. »Ach, ich war ein arger Mensch, ein schlechter Mensch; aber es ist vorüber! Ich schwor's hier unter Gottes freiem Himmel, ich will keinen Branntwein mehr trinken! Ich will ein ordentlicher Mensch werden!«

Da jubelte das arme Weib ein Halleluja in ihres Herzens Grund, das aber nur Gott hörte; da drückte sie ihn ans Herz und sagte: »Hat dich Gott wieder mir und meinem armen Kind geschenkt? Sollen die schönen Zeiten wiederkommen, wo du noch brav und gottesfürchtig warst?«

»Ja, so wahr mir Gott helfe!« rief er aus und reckte die drei Finger der Rechten schwörend hinauf zum blauen Himmel über ihm.

»Aber nun komm«, sagte er und zog sie zum Kind, und als sie es aufgehoben hatte, zog er sie heim und lief dann zu dem reichen Mann, bei dem er arbeitete, und sagte: »Gott hat mein Herz umgewendet! Nun helft mir auch, daß ich's vollführe! Meine Frau und mein Kind verhungern daheim! Gebt mir einen Topf Milch und ein Brot. Zieht's vom Lohn ab!«

Der Mann war ein Ehrenmann. »Gott segne dir's«, sagte er und rief nach seiner Frau. Die gab ihm Brot und Milch, aber sie tat noch mehr, sie kochte eine stärkende Weinsuppe und trug's zur armen Frau. Aber die lächelte selig und sagte: »Ach, Gott hat mein Flehen erhört! Er wird weiterhelfen!«

Und er half. Keine Versuchung, keine Lockung vermochte mehr den früheren Säufer ins Wirtshaus zu bringen. Er war gründlich geheilt. Frau und Kind genasen wieder und blühten auf. Das Glück kehrte wieder ein mit der Treue und Gottesfurcht. Freudig arbeiteten die Ehegatten wieder und hielten zusammen, was sie an Geld erübrigten, und bald konnten sie sich ein Äckerchen nach dem anderen kaufen, ein Wieschen nach dem anderen. Bald stand eine schöne milchende Kuh im Stall, und der wachsende Wohlstand feuerte beide zu steter Tätigkeit an. Ihr eheliches Glück wurde nicht mehr getrübt. Gott segnete sie mit mehreren Kindern, die wie Rosen blühten. Mit fröhlichem Lächeln brachte die Frau ihrem Mann das Essen aufs Feld, und Heiterkeit lachte aus ihren Zügen! Da sagte der Mann allemal: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was du bescheret hast!« Und setzte dann hinzu: »Herr, du hast Großes an mir getan, des bin ich fröhlich! O tue es an allen, die in die Stricke des Verderbens geraten, wie ich es war, daß sie gerettet werden!«

Der siebente

Im Sommer des Jahres 1849 war ich einmal in der Stadt zu Besuch bei dem Kaufmann Seibert, der mir ein alter, guter Freund ist. Der hatte damals auch noch einen andern zu Besuch, den er in dreißig Jahren nicht gesehen hatte. »Schmiedjakob«, sagte Seibert zu mir, »das ist einer für Euch! Der hat immer einen Sack voll Geschichten im Kopf gehabt!« – »Soll mich freuen«, sagte ich, wenn der Herr eine zum besten gibt!« – »Warum nicht?« war die Antwort. Wir setzten uns zusammen, und der Freund erzählte die Geschichte.

»Alles in der Welt hat seine zwei Seiten«, sprach der Freund, »so ist's auch mit der Gewerbefreiheit. Da bekommt jeder Bub, der kümmerlich ausgelernt hat, seinen Gewerbeschein und läßt sich als Meister nieder, und da er doch keiner ist und auch keiner wird, so drückt er durch wohlfeile Preise und Pfuscherei das Handwerk herunter und wird doch ein Lump, macht aber auch andere ehrliche Meister zu Lumpen. Das hab' ich einmal recht bitterlich erfahren, als ich noch in C. wohnte. Da hatte ich einen Schuster, einen recht verständigen und braven Mann, der tüchtige Arbeit lieferte, aber dennoch sehr arm war. Meine Hausleute, die mir ihn empfohlen hatten, erzählten mir, daß er eine ebenso brave wie wackere Frau habe, aber, bei sechs Kindern, dennoch nicht so viel zu verdienen imstande sei, daß er sich einmal einen ordentlichen Ledervorrat anschaffen könne. Die sechs Buben verursachten ihm viele Kosten, und doch sei keiner von ihnen so weit, daß er Hilfe leisten könne. Ich nahm an der Familie einen um so größeren Anteil, je mehr Gutes ich von ihr hörte. Meine abgelegten Kleidungsstücke erhielt Meister Dörfler, so hieß der Schuster, und seine Frau wußte mit großem Geschick daraus die stattlichsten Kleider für ihre Buben zu machen. Dafür verrichtete mir der älteste Sohn, wenn er aus der Schule kam, allerlei kleine Dienste, und bei dem Vater und der Mutter stand ich in hohen Ehren.

Eines Tages trat, nachdem ich ihn hatte rufen lassen, Meister Dörfler in meine Stube, um mir ein Paar Stiefel anzumessen. Der Mann war heute nicht so fröhlich und freundlich wie sonst, und manchmal hörte ich einen tiefen Seufzer, den er vor mir zu verbergen suchte. Als das Anmessen beendet war, reichte er mir mit großer Verlegenheit eine kleine Rechnung. Es waren etwa nur acht bis zehn Groschen, die ich ihm für Kleinigkeiten noch schuldete.

›Vergeben Sie‹, sagte der arme Mann, ›daß ich die Kleinigkeit jetzt fordere; ich brauche das Geld gar zu notwendig, denn, denn .. .!‹

›Ei‹, fiel ich ihm in die Rede, ›warum wollen Sie sich entschuldigen? Ich bin es Ihnen schuldig, und Sie hätten mir längst sagen sollen, wieviel es beträgt, denn ich wußte es ja nicht.‹ Als ich ihm das Geld reichte und in seine Augen blickte, sah ich Tränen darin. Das ergriff mein Herz.

›Es stehen Tränen in Ihren Augen, Meister Dörfler‹, sagte ich. ›Was ist Ihnen? Lassen Sie mich Ihr Leid wissen! Setzen Sie sich und erzählen Sie mir.‹

Ich nötigte ihn, sich niederzusetzen, und nun hob er, nachdem er sich die Tränen getrocknet, an und sagte: ›Ach, was unter anderen Umständen uns recht glücklich machen würde, müssen wir bei unserer Armut als ein Unglück beklagen. Kaum vermögen wir, meine brave Frau und ich, durch Fleiß und Sparsamkeit unsere sechs Kinder und uns zu ernähren, den schweren Hauszins zu bezahlen und uns ehrlich durchzuschlagen. Nun hat uns Gott abermals mit einem Knaben diese Nacht gesegnet. Das ist der siebente. Nun kann meine Frau lange nicht arbeiten, und ich bin auch gehemmt. Und es ist wieder einer mehr, der ernährt, erzogen und gekleidet sein will.‹

Ich sah mit aufrichtigem Mitleid den armen Handwerksmann an und suchte ihn zu trösten. Anfänglich tat ich das in einem heitern, ermutigenden Ton, indem ich ihn an das Sprichwort erinnerte: ›Wenn Gott läßt wachsen ein Häschen, läßt er auch wachsen ein Gräschen.‹ Auch er lächelte wehmütig. ›Ja‹, sagte er, ›wenn es mit dem Gräschen getan wäre!‹

Nun aber erinnerte ich den Mann daran, daß Luther einst sagte: ›Wo viele Kinder sind, da ist viel Segen Gottes; denn wo so viele Kinder sind, sind viele, die beten, und wo viel gebetet wird, da ist eitel Segen Gottes.‹

Da wurde der Mann ernst. Eine gewisse Heiterkeit überglänzte sein Angesicht, und er sagte: ›Ja, das ist ein Wort, welches tröstet. Wir haben alle im Gebet schon oft diese Kraft zum Dulden, aber auch die helfende Gnade Gottes erfahren !‹

›Nun, so fassen Sie Mut und Vertrauen zu Gott. Wer weiß, ob nicht der siebente noch ein rechter Segen im Haus wird.‹ So sagte ich zu dem Mann, der herzlich für den Trost dankte und wirklich heiterer von dannen gehen wollte. Ich rief ihn zurück.

›Haben Sie denn schon einen Paten für Ihren Kleinen?‹ fragte ich.

›Ach‹, sagte er, ›wer wird mir armem Mann diesen Liebesdienst leisten? Ich werde ihn wohl selber über die Taufe heben müssen.‹

›Schon wieder eine Mutlosigkeit, Meister Dörfler‹ sagte ich, ›die nicht recht ist. Erst zweifeln Sie an Gottes Hilfe und jetzt an der Menschen Liebe! Ich wollte mich Ihnen anbieten, wenn ich Ihnen recht bin.‹

Er sah mich zweifelnd an. ›Ach Gott, Sie?‹ sagte er halblaut.

›Warum denn nicht?‹ fragte ich. ›Es ist mein voller Ernst, wenn ich Ihnen recht bin.‹

Da traten wieder zwei Tränen in des armen Mannes Augen, und er konnte nichts sagen, so unerwartet kam ihm dies Anerbieten. Endlich sammelte er sich und nahm mit vielem Dank diese Ehre, wie er sagte, an. Ich drückte ihm zwei Taler in die Hand, ließ meine künftige Gevatterin grüßen und entließ frohen Herzens den Vater, dessen Herz auch wieder um vieles leichter schlug.

Mir gingen eine Menge Gedanken durch den Kopf, wie ich die arme Familie unterstützen wollte; allein, wie es gewöhnlich geht, der beste kam zuletzt. Ich erinnerte mich nämlich, daß ein Gesetz vorhanden war, nach welchem der König bei dem siebenten Knaben eines Ehepaares, wenn die Reihe der sieben durch kein Mädchen unterbrochen ist, Patenstelle annimmt und gewöhnlich ein ansehnliches Geschenk gibt.

Nach Berlin war weit. Der König hat auch mehr zu tun, als auf jeden Brief gleich frischweg zu antworten. Das berechnete ich und eilte, mich anzukleiden, um auf die Bürgermeisterei und zu dem Geistlichen zu gehen und mir die Zeugnisse zu holen, die ich nötig hatte.

Der Bürgermeister und der Pfarrer bescheinigten mir, daß der neugeborene Knabe der siebente in ununterbrochener Reihe desselben Vaters und derselben Mutter sei, und beide gaben mir bereitwillig die allerlöblichsten Zeugnisse für Meister Dörflers Wohlverhalten. Damit eilte ich heim. Unterwegs begegnete mir der Doktor, ein guter, wohltätiger Mann, und reich dabei. Er hieß Wilhelm, ich Friedrich, das waren die beiden Namen des Königs.

›Doktor‹, sagte ich, ›du mußt mein Mitgevatter werden und wir beide die Stellvertreter unseres Königs.‹

›Bist du toll?‹ fragte er erstaunt.

›Bin völlig bei Verstande‹ sagte ich und erzählte ihm die Geschichte. Er kannte den ehrlichen Schuster genau und freute sich dessen, was ich tun wollte, nahm auch die Patenschaft an und versprach, wacker die arme Familie zu unterstützen.

Das Herz in der Brust hüpfte mir vor Freude. Ich eilte nach Haus und schrieb sogleich eine Bittschrift im Namen Dörflers. Erzählte dem König die Umstände der Familie, legte die Zeugnisse bei und bat um die Gnade, daß seine Majestät Pate des Neugeborenen werden möge. Die Bittschrift ging mit meinen besten Wünschen ab. Mittlerweile ersuchte ich mir befreundete, wohltätige Familien um Unterstützung der Wöchnerin und der Familie, was mir über Erwarten glücklich gelang.

Nach einigen Tagen kam Dörfler zu mir. Sein Gesicht strahlte vor Freude. Er faßte meine Hand, aber reden konnte er nicht, bis er sich gesammelt hatte.

›Sie haben wahr prophezeit‹ sagte er. ›Der siebente ist ein reicher Segen geworden; aber wir wissen, wo des Segens Anfang ist, und unsere Dankgebete gedenken Ihrer vor Gott.‹

Nun erzählte er, wie ihnen von allen Seiten Kinderkleidungsstücke, Speisen, Geldunterstützungen und eine Menge Schusterarbeit zuflössen. Er müsse nun, sobald seine Frau genesen sei, einen oder zwei Gesellen nehmen, um all die neuen Kunden zu bedienen. Der Mann konnte vor Dankbarkeit gar nicht Worte genug finden. Er bat mich, nun doch auch ihn einmal zu besuchen, um meinen Paten und die glückliche Mutter zu sehen. Das versprach ich und sagte ihm, auch der Doktor habe sich zum Paten angeboten, wenn er nichts dagegen habe. Der Mann war ganz außer sich vor Freude und eilte heim.

Bald folgte ich ihm und trat in die Stube der armen Leute. Zu meinem Erstaunen fand ich die größte Reinlichkeit. Zwar sah man überall Armut, aber Ordnung war in allem und kein Stäubchen sichtbar. Die jüngeren Knaben spielten still für sich. Die älteren waren in der Schule. Einer wiegte das Kleine, und die Mutter saß im reinlichen Kleid da und bereitete Kartoffeln zum Mahl, während der Vater eifrig an seiner Werkbank arbeitete. Heiterkeit zeigte sich auf allen Gesichtern. Mir wurde recht wohl in dem kleinen, reinlichen Stübchen. Und mit welcher Freude und Dankbarkeit wurde ich aufgenommen. Mit welchem Glück zeigte mir die Mutter den kleinen Paten, der so anmutig und appetitlich in seinem sauberen Bettchen lag.

›Über den Namen des kleinen Burschen‹, sagte ich, ›bin ich mit dem Doktor einig geworden; ich denke, Sie haben nichts dagegen, wenn wir ihn Friedrich Wilhelm nennen.‹

Lächelnd sagte die Mutter: ›Das ist ja auch der Name unseres lieben Königs, warum sollten wir den nicht gern nehmen?‹

›Mit der Taufe aber‹, versetzte ich, ›werden wir noch etwas warten. Ich habe jetzt noch einige wichtige Geschäfte abzuwickeln, die ich gerne hinter mir haben möchte, wenn wir die Taufe feiern.‹

Sie stimmten bei, und alles war in der besten Ordnung.

Die befreundeten Familien fuhren getreulich mit ihren Unterstützungen fort, und meine Hausleute sagten mir mit großer Freude, der ehrliche Dörfler habe heute einen Gesellen angenommen. Die Familie sei voll Preis und Dank über die Wendung ihres Schicksals. Ich kann wohl sagen, daß ich mich selber glücklich fühlte im Glück der braven Familie.

Endlich brachte mir der Postbote einen Brief mit dem königlichen Siegel. Ich öffnete ihn mit Beben der Freude. Richtig! Der König hatte die Patenschaft angenommen und, in Berücksichtigung der Armut des Vaters und seiner vorzüglichen Zeugnisse, einen Kassenschein von hundert Talern als Patengeschenk beigelegt.

›Gott segne den König !‹ rief ich frohlockend aus, schloß aber fürs erste die Freude in meine Brust ein und lief zum Doktor. ›Der König hat angenommen!‹ rief ich ihm zu. ›Nun muß aber bis übermorgen eine ordentliche Kindtaufe angerichtet werden.‹ ›Versteht sich‹, entgegnete der Doktor, ›aber ich verstehe mich auf dergleichen Dinge nicht. Weißt du was, richte du alles her, und hinterdrein sagst du mir, was ich zu zahlen habe. Auch mit dem Patengeschenk dürfen wir uns nicht lumpen lassen!‹

›Versteht sich‹, entgegnete ich ihm. ›Wieviel denkst du?‹

›Ich dachte‹, sprach der Doktor, ›wir sollten durch unser Patengeschenk den Mann in den Stand setzen, seinem Geschäft einen kleinen Aufschwung zu geben. Sind dir zwanzig Taler für deinen Teil nicht zuviel?‹

›Nein!‹ rief ich.

›So bleibt's dabei‹, fuhr der Doktor fort. ›Für Kundschaft will ich schon so treulich sorgen, wie du es getan hast.‹

Nach dieser Verabredung ging ich weg und geradewegs zu Dörflers Wohnung. Wieder fand ich die musterhafte Ordnung und Reinlichkeit. Ich sagte nun der Mutter, daß übermorgen die Kindtaufe, mittags um ein Uhr, sein solle, und bemerkte, daß sie sich ja keine Umstände und Ausgaben machen solle, da der Doktor und ich alles besorgen und bestreiten würden.

Ohne auf ihren Dank zu hören, eilte ich weg und ließ meine brave Hausfrau Kuchen, Kaffee und alles Nötige zurichten. Ich sandte eine gehörige Anzahl Weinflaschen hinüber.

Um die fortgesetzte Stunde kam der Doktor. Wir gingen zu den glücklichen Dörflers, und im stolzen Zug, den Vater zwischen uns, schritten wir zur Kirche. Als wir aus der Kirche zurückkamen, war die Stube geräumt und festlich geputzt. Ein langer Tisch stand in der Mitte, und auf diesem die köstlichsten Kuchen, der duftende Kaffee, der goldene Wein.

Der Pfarrer und mehrere achtbare Bürgerfamilien, Verwandte und Nachbarn Dörflers waren eingeladen.

Heiterkeit und Freude saßen mit uns zu Tisch. Als der Kaffee getrunken war und der treffliche Wein in den Gläsern perlte, zog ich mein königliches Schreiben heraus und nahm also das Wort: ›Meinen lieben Gevattersleuten und der ehrenwerten Gesellschaft bin ich nun noch das Bekenntnis eines kleinen Schelmenstreichs schuldig, den ich gespielt habe. Es ist bekannt, daß das Gesetz besteht, daß, wenn eine Familie in ununterbrochener Reihe sieben Knaben hat, der König bei dem siebenten Pate ist. Da hab' ich denn so in der Stille an des Königs Majestät für meinen Gevatter Dörfler geschrieben, und der König hat willfahrt, er ist Pate des Kleinen, und der Doktor und ich sind nur die Stellvertreter. Der hohe Pate hat aber auch zugleich ein Patengeschenk von hundert Talern beigefügt, das ich hiermit meiner Frau Gevatterin überreiche!‹

Die beiden Eltern wären vor Erstaunen und freudigem Schrecken ganz starr und bleich.

Der Pfarrer aber stand auf und nahm das Glas: ›Wir wollen aus dankerfülltem Herzen dem hohen Paten ein Lebehoch bringen !‹ sagte er, und die Gläser klangen hell und das ›Hoch‹ schallte frisch und kräftig.

›Aber‹, fuhr der Pfarrer fort, ›auch die beiden wackeren Paten-Stellvertreter sollen hochleben !‹

Und abermals klangen die Gläser und das ›Hoch‹ lustig auf.

Jetzt erhob sich Meister Dörfler und sagte: ›Niemand soll mir weismachen, daß es heutzutage keine Propheten mehr gäbe! Als ich hier zu dem Herrn mit schwerem Herzen kam, um ihm die Stiefel anzumessen, und ihm erzählte, mein siebenter sei geboren, da tröstete er mich und sagte, der bringe mir gewiß Segen!

Das ist herrlich wahr geworden, reichlicher, als ich es jemals zu hoffen würde gewagt haben. Nächst Gott danke ich es Ihnen!‹ rief er aus, und die hellen Tränen standen in des Glücklichen Augen.

Daß aber auch wirklich der siebente Segen brachte, erwies sich augenscheinlich; denn der Meister bekam einen weiten Kreis von Kunden, die er sich durch vortreffliche Arbeit, durch unbestechliche Rechtschaffenheit erhielt. Er arbeitete fortan immer mit zwei und drei Gesellen, und als seine Knaben heranwuchsen, ist er ein sehr wohlhabender, aber auch sehr geachteter Mann geworden. Und das kam mit dem siebenten!«

Die Spinnerin

»Seit das Maschinengarn regiert, steht's schlimm um die armen Spinnerinnen, die kaum mehr als das Wasser verdienen, das sie trinken. Freilich gibt's welche, deren feine Fingerchen einen Faden drehen, wie ihn keine Maschine fertigbringt, und das Bielefelder Handgespinst bleibt doch Nr. 1 für solche Leute, die etwas aufs Echte halten. Das aber steht fest, daß so eine geduldige Spinnerin nicht viel verdient.

Drunten in der Gegend, die ich genannt habe, lebte so eine echte Spinnerin, und sie war jung – und das Bildchen hier zeigt, daß sie auch ein liebliches Mädchen war. Ihr Los war freilich nicht aufs lieblichste gefallen, denn ihr Vater, ein geschickter Bildweber, war längst tot; die alte, treue Mutter – ihr seht sie auf dem Bildchen, wie sie, das müde Haupt stützend in die Hände, vom eintönigen Schnurren des Rades eingeschlafen ist – konnte nichts mehr verdienen, denn sie war blind geworden.

Blind! Großer, barmherziger Gott, behüte uns in Gnaden! Das ist ein Schicksal, das zu den schwersten auf dieser Erde gehört!

Und sie waren arm; hatten nichts als das Häuschen, darin sie wohnten, und ein Gärtlein dran und – was blieb da übrig, als Mariechen mußte die alte Mutter ernähren und für das eigne Brot sorgen. Sie war aber weit und breit die geschickteste Spinnerin. Ihr Faden war so fein; so gleichförmig lief er durch die niedlichen Fingerspitzen, wie man ihn kaum finden mochte. Aber dennoch verdiente sie kaum so viel, daß sie und die Mutter leben konnten. Da kamen oft Stunden herben Wehs, und manche Träne netzte den Faden, den die Spule einnahm.

Frommer, sanfter, sittsamer aber war kein Mädchen im Dorf, und ich muß es sagen, auch schöner keins. Sie trug die blinde Mutter auf ihren Händen, und ihr Segen und der verheißungsvolle Sinn des Gebotes: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, bildeten ein Heiratsgut, wie selbst die reichsten Mädchen des Dorfes es nicht hatten.«

»Ja, ja« , sagte der Gevatter in der Spinnstube, als der alte Schmiedjakob das gesagt hatte, »nach solchem Unsichtbaren werden die Burschen nicht ausgeschaut haben. Die wollen das Heiratsgut sehen in lang sich hinziehenden Äckern und Wiesen, in blanken Talern oder in etwas, das ins Gewicht fällt.«

»Leider ist's so«, entgegnete der Schmiedjakob, »und diese Äcker und Wiesen und Taler machen eine häßliche Hexe schön und eine arge Zecke zu einem Dreiviertelsengel. Ich weiß es wohl, aber diese Ehen sind auf Erden geschlossen, und der Zank- und Streitteufel zieht mit ins Haus und jagt das Glück hinaus, daß es bis zum Grab nicht wiederkehrt. Die rechten Ehen, Gevatter, werden im Himmel geschlossen, und da gilt das unsichtbare Heiratsgut, dessen Mariechen ein so schönes Teil besaß, ohne es zu wissen und zu wollen.

Wenn auch die Burschen nicht nach dem Heiratsgut ausschauten, so taten sie es doch nach dem Mariechen, denn da hätte einer doch blind sein müssen, wie ihre arme, alte Mutter, wenn er nicht gesehen hätte, wie engelschön das arme Mädchen war. Da gibt's wohl windige Burschen, die eine Liebschaft mit einem lieblichen Mädchen anzufangen Lust haben, aber ans Heiraten nicht denken. Und solcher gab's auch in dem Dorfe Mariechens nicht wenige. Versuchten's auch bei Mariechen, aber da hatten sie sich arg verrechnet. Das Mädchen wies sie zurück in einer Weise, daß ihnen das Wiederkommen verging, ohne daß sie unartig ihnen begegnet wäre; ohne daß sie viele Worte verlor, oft ganz ohne Worte, und doch so gewaltig, daß es keinem mehr ankam, einen ähnlichen Versuch zu machen. Mariechen vergoß manche Träne über solche Menschen, und sie trugen die Schuld, daß sie in keine Spinnstube ging; daß man sie nie am Sonntagnachmittag bei den jungen Leuten sah und nie beim Tanz auf dem Kirchweihfest.

Allein im Stübchen bei der Mutter, las sie dieser aus dem Wort Gottes vor; hörte die Erzählungen der Mutter an, die sie so lebendig aus dem Schatz des Alten und Neuen hervorholte, daran ihr Gedächtnis so reich war, und am Abend führte sie die blinde Mutter hinaus ins Freie. Allerdings mußte sie da manche Geschichte gar oft wiederholen hören, allein sie trug das mit einer wahren Engelsgeduld, und wenn die Mutter nur anhob, dann wußte sie, was kommen würde, und hörte es immer wieder geduldig an. Eine Geschichte war's, die sie am häufigsten wiederholte, weil eben sie gerade den unglückseligsten Einfluß auf ihr Geschick gehabt hatte, und diese muß ich kurz erzählen, weil damit manches Folgende zusammenhängt.

Als sie, die blinde Mutter und der verstorbene Vater, durch die Geburt Mariechens die glücklichsten Eltern geworden waren, da stand es besser um ihre häusliche Lage als in späteren Tagen. Es war nämlich in B. eine Leinwandhandlung, die ließ auf Bestellung die feinsten und schönsten Damaste weben und zahlte guten Lohn. Für diese Handlung arbeitete Mariechens Vater, und die damals junge und noch lange nicht das Erlöschen des Augenlichtes befürchtende Mutter spann das Garn dazu, denn sie galt, wie jetzt ihre liebliche Tochter, als die geschickteste Spinnerin im Land weit und breit. Da ging's dann Hand in Hand, und der Vater verdiente einen schönen Batzen im Jahr und ließ das Geld auf Zins bei dem Leinwandhändler, Herrn M., stehen, bis er es brauchen würde, und nahm sich eben nur das Notwendigste fürs Leben. Die Mutter lieferte immer das kunstreiche Gewebe ab, und da begleitete sie denn in späteren Jahren das kleine Mariechen, damals ein engelschönes Kind, an dem alle Leute ihre Lust hatten. Der Herr M. hatte einen Knaben, und mit dem kleinen Leopold spielte sie dann gar fröhlich, und sooft sie mit der Mutter kam, holte er sie gleich zum Spiel, und die Kinder hatten sich überaus lieb.

Die Eltern Mariechens sahen einer recht frohen Zukunft entgegen, denn ihr Kapitälchen wuchs, und sie hatten ihre Pläne gemacht und wollten sich ein Gütchen anschaffen, um ihr Brot zu ziehen und sich eine oder zwei Kühe zu halten. Dazu wären sie auch ganz gewiß gekommen, wenn – nicht die unglücklichen Kriegsjahre von 1806 und 1807 den Handel gelähmt hätten und eines Tages ein Brand das Magazin des Herrn M. in Asche gelegt und ihn zum Bettler gemacht hätte. Ein Bankrott mußte folgen, und all ihr Erspartes war dahin. Von da an kam ein Unglück über das andere. Der Vater grämte sich so sehr, daß er hinwelkte und der Keim der Auszehrung, der in ihm mochte gelegen haben, sich rascher entwickelte und sein Leben endete. Mit Spinnen ernährte sich die arme Witwe und erblindete, als das Mariechen erwachsen war. Sprach die arme Blinde von diesen Ereignissen, dann quollen Tränen aus den lichtlosen Augen, und das erschütterte allemal das Gemüt des weichen Mädchens bis in seine Tiefen. Wie sie aber auch bat, sie kam immer wieder auf diese Ereignisse, mit denen ihr Unglück anhob. Es war das, was ihre Seele erfüllte. Wie aber auch die stets sich erneuernde Geschichte dieses Unglücks auf die beiden davon so schwer betroffenen Herzen zurückwirkte, kein übles Wort traf den Herrn M. Sie wußte es zu gut, die arme Blinde, daß er nicht die Schuld des Unglücks trug, sondern daß es in den Verhältnissen jener Tage gelegen. M. wurde ja selbst arm wie Hiob und zog mit seinem Kind und seiner braven Frau in die Welt hinein – wohin, das wußte niemand; aber das wußten alle, daß die unglückliche Familie, mittellos geworden, von dannen zog.

Wenn ihr das Bildchen wieder anseht«, sagte der Schmiedjakob, »so erkennt ihr in den Zügen Mariechens den Ausdruck der Trauer. Die Mutter hatte eben wieder die Geschichte erzählt, ehe sie in den Schlummer sank. Noch eine Weile blieb es ruhig und still im Stübchen, und nur das Schnurren von Mariechens Rädchen unterbrach diese Stille. Das Mädchen hing den schmerzlichen Gedanken nach und merkte nicht, daß vor den spiegelblanken Scheiben des Fensterchens einer stand, der schon lange seine Blicke an ihrer Schönheit geweidet hatte.

Der junge Mann mochte fürchten, von ihr entdeckt zu werden. Er trat zurück und ging auf die Tür zu, denn um die Ecke der nächsten Gasse bog eben ein Karren, welcher bestimmt war, das Gespinst abzuholen, und der junge Mann war der Beauftragte eines reichen Mannes, der eine Kunstweberei in Leinen errichtet hatte, den Frauen und Mädchen der Gegend den Flachs lieferte und ihnen das Spinnen bezahlte. Dieses Mal kam nicht der gewöhnliche Abnehmer, sondern ein neu in das Geschäft eingetretener junger Mann.

Warum hatte er so lange das schöne Mädchen durchs Fenster beobachtet? Es war nicht nur die Macht ihrer Schönheit, die freilich hätte allein solches bewirken können, sondern es mußte etwas Tieferliegendes sein. Schon die eigentümliche Bewegung, welche sich in seinem ganzen Wesen ausdrückte, ließ derartiges vermuten. Er grüßte freundlich und bemühte sich, jede Bewegung zu verbergen; dann wünschte er die Ablieferung des Gespinstes, und als diese erfolgt und die Ware auf dem wohlbekannten, dazu besonders eingerichteten Karren untergebracht war, zahlte er den entsprechenden, im Verhältnis zu den Pfunden stehenden Preis, grüßte wieder und entfernte sich schnell.

Seltsam! dachte Mariechen. Was mag dem jungen Mann begegnet sein? Dem schien das Weinen näher als das Lachen! Sie schwieg indessen, weil sie nachdachte, wo sie den jungen Mann schon könnte gesehen haben, der ihr so bekannt vorkam.

Die Mutter war, während das Geschäft abgewickelt wurde, erwacht. Sie hatte still den gewechselten Worten gelauscht, aber mit einer ungewöhnlichen Aufmerksamkeit. Als er endlich weggegangen war, sagte sie zu Mariechen: ›Es ist doch eine gar wundersame Sache, daß, wenn der eine Sinn einem abgeht, die andern eine so außerordentliche Schärfe erlangen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie die Stimme des jungen Mannes, der das Garn einsammelte, der des Herrn M. glich. Ich meinte, er war's selber. Doch‹, setzte sie hinzu, ›wie sollte der hierherkommen? Und – nicht wahr, der Einsammler war ganz jung?‹ Das bejahte das Mädchen. Die Alte fing am Abend noch einmal davon an und wollte wieder die ganze Leidensgeschichte wiederholen, allein Mariechen, selbst eigentümlich bewegt, suchte das zu verhindern, was ihr nur schwer gelang.

Einige Tage später trug sich etwas zu, was die Erinnerung aufs neue weckte.

Der Pfarrer des Dorfes, ein alter, ehrwürdiger Mann, der über fünfzig Jahre seinem Amt in dieser Gemeinde vorstand und ein treuer Freund des Herrn M. gewesen war, kam, was er mehrmals im Jahr zu tun pflegte, zu der blinden Witwe. Er kannte ganz genau die Umstände der Familie und war ein väterlicher Gönner und Freund Mariechens und ihrer unglücklichen Mutter. Mariechen sprang von ihrem Spinnrad auf, als der würdige Greis eintrat, reichte ihm die Hand und führte ihn zum alten Lehnstuhl, in dem ihr Vater oft gesessen hatte. Die Mutter saß ganz nahe am Ofen, weil es eben draußen recht winterlich zu werden anfing.

Nach einigen einleitenden Fragen und Reden begann der alte Mann also zu reden: ›Mutter Grete, nicht wahr, Ihr denkt oft an Herrn M.?‹

›Wie sollte ich nicht?‹ entgegnete die Blinde.

›Habt Ihr denn einmal etwas von ihm gehört ?‹

›Niemals ein Wörtlein! Der arme, unglückliche Mann ist wohl längst tot!‹

›Das ist er auch‹, versetzte der Geistliche, ›und es ist ihm recht kümmerlich ergangen bis an sein Ende.‹ ›Ach du lieber Gott, das. tut mir leid!‹ rief die Blinde, ihre Hände zusammenschlagend, ›das hatte er doch wohl nicht verdient !‹

›Ich freue mich‹, sprach der Pfarrer, ›daß Ihr keinen Haß auf ihn geworfen habt. – Doch das weiß ich ja längst. Auch seine brave Frau ist tot. Nur der Sohn lebt noch, und dem hat er es sterbend auf die Seele gebunden, wenn ihn Gott segnete, Euch Euer verlorenes Gut zu erstatten.‹

›Siehst du, Mariechen‹, rief die Alte, ›wie wahr ich geredet? Unser Unglück beugte ihn tiefer als das eigene, eben weil es schwerer war.‹

›Der Sohn ist eine grundehrliche Seele, der, obwohl er noch nicht selbstständig sein Geschäft hat, so viel sich verdient, daß er außer seinem ordentlichen Auskommen noch etwas erübrigt. Wieviel war's doch, was Ihr verlort?‹

›Einhundertundfünfzig Taler‹, sagte die Witwe.

›Richtig‹, versetzte der Pfarrer. ›Er will es Euch ehrlich zurückbezahlen mitsamt den Zinsen, aber auf einmal kann er das nicht. Da hat er mir denn – ‹

›Zinsen?‹ rief lebhaft die Blinde aus. ›Zinsen? Gott behüte mich in Gnaden, daß ich einem so braven Sohn eines braven Vaters Zinsen abnehmen sollte! Nie und nimmermehr, nicht wahr, Kind?‹

›O nein‹, sagte das liebliche Mädchen.

Der Pfarrer fuhr in seiner unterbrochenen Rede fort: ›Das ist sehr ehrenwert von Euch, und ich danke Euch dafür, hab's aber so mir vorgestellt. Nun hört weiter: da erhalte ich heute mit der Post eine Abschlagszahlung von fünfzig Talern für Euch! ‹

Die alte Frau schlug die Hände vor Verwunderung zusammen.

›Fünfzig Taler! Ach, du lieber Gott, das ist viel Geld! Wenn sich nur der brave Sohn – Leopold hieß er ja, gelt, Mariechen? – nicht weh tut. Wir haben's lange verschmerzt!‹

›Tut nichts‹, entgegnete der Pfarrer. ›Hier ist das Geld. Mariechen schreibt mir die Quittung !‹

Beide, Mutter und Tochter, wußten sich gar nicht zu fassen, und meinten, es könne nicht sein; aber es war doch so, und der Beweis lag vor, daß es noch Ehrlichkeit in der Welt gibt.«

»Ist leider dünn gesät!« sagte der Gevatter halblaut.

»Aber doch noch da«, entgegnete der Schmiedjakob und fuhr dann fort:

»Als das im Dorf bekannt wurde, fanden sich die Burschen wieder ein, denn nun schien das Mariechen beträchtlich in seinem Wert gestiegen zu sein.«

»Da haben wir's!« sagte der Gevatter. »Es ist der Welt Gang und Lauf: erst Geld – dann kommt das andere.«

»Das ist aber nicht der Welt Gang und Lauf, was sie hier erfuhren«, sagte der erzählende Alte; »denn sie dachten, das Mädchen nähme sie nun mit Freuden an und auf; aber die Rechnung war so falsch wie ihre erste. Zum ersten Male kamen sie, um sich einzunisten, aber damit war's Matthäus am letzten. Sie kamen nicht wieder. Was das Mariechen gemacht und getan hat, ich weiß es nicht, aber sie kamen nicht wieder, das ist gewiß. Auf des Pfarrers Rat kaufte Mariechen von dem Geld ein Feldstück neben ihrem Häuschen zum Gemüsebau; standen auch einige Äpfelbäume drauf, und im nächsten Frühjahr grub sie es um und bepflanzte es mit großer Freude, zumal sie Hoffnung auf reichen Obstertrag hatte.

Mittlerweile war der Garnsammler wiedergekommen, und allemal hatte er mit Mariechen liebreich und freundlich geplaudert und sich allemal gefreut auf diese Stunde.

Wenn die Mutter nicht blind gewesen wäre, so hätte sie merken können, daß der Sammler, wie man ihn, ohne seinen Namen zu kennen, im Dorf nannte, mit gar andächtigen Blicken ihr schönes Kind betrachtete, ja sie hätte noch ein anderes beachten können, nämlich, daß Mariechens Wangen glühten; daß ihr Atem rascher ging; daß ihr Auge eigentümlich glänzte, daß ihre Hand mit dem Faden zitterte, wenn sie ihn kommen sah.

In einem Dreivierteljahr hatte der alte Pfarrer die hundertundfünfzig Taler bezahlt; aber im Leben und Tun Mariechens und ihrer Mutter blieb alles gleich. Nur eine Änderung trat ein, die aber die Mutter nicht gewahrte, nämlich, wenn die Zeit nahte, wo der Sammler kommen sollte, sah Mariechen oft durch das Fenster, was sie nie getan hatte, und wenn er kam, hatte sie allemal mehr des herrlichen Garnes, und er mußte es loben. Ihr Fleiß verdoppelte sich, weil er ihn pries.

Ob nun gleich der junge Mann immer bekannter im Haus wurde, so blieb er doch gleich achtungsvoll gegenüber dem Mädchen, wenn er auch stets traulicher und, wie jeder andere gesagt haben würde, liebevoller zu dem Mädchen wurde, das jedesmal glühender errötete, aber in seiner demutvollen Scheu sich gleich blieb. Ob's ihr Herz fühlte, daß er sie liebhabe, daß weiß ich nicht, aber – die Mädchen finden so etwas leicht heraus. Ich lasse es dahingestellt sein«, sagte der Schmiedjakob, »denn ich sehe, das Kathrinchen zieht schon die Lippen etwas schnippisch in die Höhe, und Streit will ich keinen mit ihr. – Kurz – es ging so ein Jahr und mehr ins Land, da kam der Sammler nicht mehr, sondern ein anderer, der kurz angebunden war und den Mariechen im Zaum halten mußte, was es auch tat, und mit gutem Erfolg, denn wie unbescheiden er auch nach Musterreiterart auftreten wollte, das einfache Landmädchen schüchterte den kecken Burschen bald so ein, daß er zahm wurde und scheu und allemal froh zu sein schien, wenn er draußen war und sein Geschäft beendet hatte.

Mariechen aber war seitdem stiller geworden, oft sehr traurig. Ihre Mutter mochte Geschichten erzählen, wie sie wollte, Mariechen hörte sie nicht, denn ihre Gedanken waren sonstwo.

Um diese Zeit kam einmal der Pfarrer wieder und saß lange bei ihnen. Endlich sagte er: ›Es ist doch eine recht sichtbare Fügung der Vorsehung Gottes, daß der Leopold M. eine reiche Erbschaft gemacht hat. Ein alter Oheim, seines seligen Vaters ältester Bruder, war als blutjunger Mensch, nachdem der seine Lehre als Kaufmann hinter sich hatte, in die Welt gegangen. Wohin? Das wußte nur der Herr, der alles lenkt. Vor einem halben Jahre, eben, als der Besitzer der großen Weberei, für die du spinnst, Mariechen, sich von seinem Geschäft zurückziehen wollte, kam aus Holland die Kunde, der Leopold M. sei ohne Leibeserben in Batavia gestorben; die Erben in Deutschland sollten sich melden. Da war denn Leopold M. der einzige Erbe. Er reiste nach Holland. Darum kam er auch nicht mehr das Garn einsammeln.‹

›Wer?‹ fragten erstaunt Mutter und Tochter.

›Der Leopold M.‹, erwiderte der Pfarrer. ›Ihr saht ihn ja alle Monate. Kanntet ihr ihn denn nicht?‹

Von dem Erstaunen der Mutter und Mariechens könnt ihr euch keine Vorstellung machen; aber daß sie das nicht wußten, kam daher, daß der junge Mann, wie es sich nun herausstellte, absichtlich seinen Namen verschwieg, um wegen des nachbezahlten Geldes keinen Dank zu ernten, und weil aber Mariechen nie herauskam, auch die Leute nicht viel zu ihr und ihrer Mutter kamen und sie absichtlich immer das Gespräch über den ›Sammler‹ vermied, so blieb ihr sein Name fremd, während der, der ihn trug, in ihrem Herzen eine Stelle fand, wie sie darin nie ein anderer besaß.

›Siehst du, Mariechen‹, sagte die Blinde, ›wie scharf mein Ohr ist! Ich hab' dir's gleich gesagt, daß mir die Stimme des jungen Sammlers gerade so vorkam wie die des Herrn M. Nun zeigt sich's, wie das kam. Also das war der kleine Leopold! Hält' ich das doch nur gewußt, daß ich ihm hätte danken können !‹

›Darum verschwieg er Euch seinen Namen gerade‹ bemerkte der Pfarrer. ›Der wackere Junge wollte das nicht! Daß er aber ein wackerer Junge ist, das kann ich bezeugen‹, fuhr der Pfarrer fort. ›Durch mich hat er viele der Schulden seines Vaters in der Stille abbezahlt, wie bei Euch. Jetzt aber zeigt sich's noch klarer. Da er ein sehr reicher Mann geworden ist, so zahlt er alles, was durch das Brandunglück und den Bankrott seines Vaters verlorenging. Ich habe die Gelder empfangen und bin eifrig daran. Nun dringt er aber auch darauf, Euch die Zinsen zu bezahlen, die Ihr vor zwei Jahren nicht annahmt. Er hat sie auf Heller und Pfennig berrechnet, und hier bringe ich sie!‹

Da anstand denn wieder ein Kampf, denn die Blinde und ihr Kind wollten es nicht annehmen, bis endlich der Pfarrer einen Brief herauszog, indem zu lesen stand, wie der junge Mann den Wunsch hege, daß mit dem Geld, das schier die Hälfte der Hauptsumme betrug, Mutter und Kind sich bessere Tage machen und bereiten sollten, damit nicht länger Mariechen durch das stete Sitzen und Spinnen ihre Gesundheit untergrabe und die alte blinde Mutter kräftigere und erquickende Nahrung genießen könne. Die Mutter vergoß Tränen des Dankes und der Freude über solche Teilnahme. Das Mädchen erbleichte, daß sie anzusehen war wie eine Leiche; aber sie nahm das Geld und versprach, es allein zu der Mutter Pflege zu verwenden, da sie selber dessen nicht bedürfe.

Ich habe«, sagte der Schmiedjakob, »darüber nachgedacht, warum Mariechen wohl so bleich geworden ist, da doch an und für sich Ursache zur Freude war! Ich fand eben nur, daß es der Gedanke sein könnte, er liebe sie – ein Gefühl, das dem in ihrer stillen, verschwiegenen Brust längst wohnenden begegnete und so das ihre durch die Macht des Fremden zum klaren Bewußtsein brachte.

Alles, was die Mutter zum Preise Leopolds sagte, als der Pfarrer weggegangen war, ging an Mariechens Ohr ohne allen Eindruck vorüber, denn ihre Seele hatte sich mit sich selber zu beschäftigen, und ihre Tränen sah die Mutter nicht, die den Kampf begleiteten, den sie kämpfte, die törichte Liebe aus ihrem Herzen zu bannen, da nun durch seinen Reichtum die ohnehin unübersteigliche Scheidewand zwischen ihr und Leopold um das Doppelte sich erhöhte. Dieser Kampf aber war nicht mit einem Male ausgekämpft; er dauerte, siegreich bald, bald schier vergeblich, fort und fort und wurde nur dadurch erleichtert, daß sie auch nicht das geringste mehr von Leopold hörte. Das Geschäft war mittlerweile seinen Gang ruhig und geregelt fortgegangen, und Mariechen spann nach wie vor für die Fabrik und spann oft gar verwunderliche Träume mit dem Faden hinein. Ihrer völligen Abgeschiedenheit von den Leuten im Dorf und ihrem Mangel an allem Umgang war es indessen zuzuschreiben, daß sie von dem nichts erfuhr, was sich in der Stadt und in der Fabrik, für die sie spann, zutrug.

Der bisherige Besitzer, der sich ein schönes Vermögen erworben hatte, wollte seine alten Tage in Ruhe und Frieden verleben und beabsichtigte daher, seine Fabrik samt dem hübschen Anwesen, das er sich nach und nach zu einem ansehnlichen Landgut zusammengekauft und -gebaut hatte, zu verkaufen. Das wußte Leopold M. und schrieb daher aus Holland, wo er sich in Den Haag bis zur Erhebung seines Erbes aufhielt, um den Preis, und unerwartet schnell wurde Leopold M. Herr der ganzen Geschichte, ohne daß es ein Gerede davon im Volk gab.

Endlich aber kam er, nahm alles in Besitz, und der bisherige Inhaber zog von dannen. Um diese Zeit verkehrte der alte Pfarrer viel mit Leopold M., und er wurde häufig mit einem Wagen zur Stadt geholt.

Als der Tag der Garnablieferung kam, war es dem Mariechen ganz sonderlich zumute. Es wußte selber nicht, woher es kam, und als schnell ein dunkler Schatten am Fenster vorüberging, wagte es nicht aufzublicken, ja ein leises Zittern fühlte sie in ihren Gliedern, als es endlich anklopfte und – Leopold hereintrat.

›Ach, Herr M.!‹ stieß erschreckend das Mädchen hervor; aber Leopold trat auf sie zu und faßte ihre Hand.

›Mariechen‹, sagte er, ›erschrick nicht. Es ist ein treues Gemüt, das heute sein Glück von deinen Lippen erwartet!‹ Und nun erzählte er, wie es ihm ergangen war, und sagte dann, alle seine Güter seien ohne Wert für ihn, wenn sie nicht Mariechen mit ihm teile.

Kurzum – er warb um sie, und ihre Liebe zu ihm brach endlich durch, und das Ja erfolgte und der Mutter Segen. Der Pfarrer kam auch, und die Verlobung fand statt und am nächsten Sonntag das Aufgebot in der Kirche des Dorfes und in der Stadt. Das gab lange Hälse und neidische Blicke, aber es war so, und alles half nichts.

Am anderen Morgen nahm der bisherige Garnsammler seinen Abschied. Er wollte gern der jungen Frau aus dem Weg gehen, die seine Prinzipalin werden sollte und bald genug in ihren neuen Wirkungskreis eintrat, ein Engel an Schönheit, aber auch an Milde, Demut und Treue!

Das ist eine Geschichte ohne alle Verwicklungen und Abschweifungen«, sagte der Schmiedjakob, »aber wahr ist sie, und der sie mir erzählt hat, kennt Leopold und Mariechen und ihre lieben Kinder und ihr eheliches Glück und ihr blühendes Geschäft und meint, das sei eine von den Ehen, die sicherlich im Himmel geschlossen seien, denn der Segen des Herrn ruhe sichtbar darauf. Die Blinde ist alt und lebensmüde, aber ihre Kinder und Enkel segnend gestorben, und die Gatten meinen, die Jahre ihrer Ehe seien ebenso viele Wochen nach ihrer Hochzeit. Bei dieser Ehe hat der Geldteufel seine Hand nicht im Spiel gehabt, drum wurde sie eine glückliche, und Leopolds Ehrlichkeit hat ihm bis heute reichen Segen gebracht, wie er niemals solchem Tun fehlt.«

Unverhofft kommt oft

»Unsereiner«, sprach der alte Schmiedjakob, »der so oft abends seine Geschichten auftischen muß und keine zweimal bringen darf, weil ihr mir sonst darüber einschlaft, ist übel dran, indem er Geschichten aufgabeln muß, um sie hier in der Gesellschaft an den Mann zu bringen. Da ist mir kürzlich ein braver Gesell aus Breslau begegnet, als ich in die Stadt ging. Vom Begrüßen kam's zum Plaudern, und als ich ihn fragte, was es Neues in seiner Heimat gebe, da hat er mir die folgende Geschichte erzählt.

Zwei Stunden von Breslau liegt ein Dorf, das gerade so aussieht wie alle anderen schlesischen Dörfer auch, und es wohnen reiche und arme Bauern drin, wie's halt überall ist. Unter diesen wohnt auch eine arme Witwe, die einen Sohn hat von etwa vierundzwanzig Jahren, eins mehr, eins weniger. Zu dem hat sie oft gesagt: ›Gottfried, ich werde alt und kränklich, und es war' mir lieb, wenn du mir eine brave Frau ins Haus brächtest; aber da du arm bist, so mein' ich: Es wäre gut, wenn sie etwas mitbrächte an Ackerland und Gut. Wir haben zum Leben zuwenig und zum Sterben zuviel, und die sechshundert Taler Schulden sind eine harte Nuß.‹ Eine brave Frau ins Haus bringen, das gefiel dem Gottfried schon, aber der Zusatz nicht, und das hatte seinen Grund. Bekanntlich wartet selten ein junger Bursche mit dem Liebhaben eines Mädchens, bis er heiraten kann. In Schlesien ist das so, und ich glaube, am Rhein, Main und Neckar wird's um kein Haar breit anders sein. Meist haben sie in dem Alter schon lange einem Mädchen tief in die Augen gesehen und schwören darauf, keine andere habe hübschere. Gerade so war's dem Gottfried Eisner ergangen.

In seinem Dorf wohnte ein Weber, der sieben Kinder hatte, und kaum Brot für drei. Sieben Kinder, Mann und Frau, das gibt gerade neun, und neun gesunde Esser können etwas wegputzen, nämlich wenn's da ist, und klagen viel, wenn's fehlt. Nun hätten des Webers Leute oft gern etwas weggeputzt, wenn's dagewesen wäre.

Unter den sieben frischblühenden Kindern des Webers war das älteste ein Mädchen wie Milch und Blut. Käthe konnte ohne weiteres als das schönste Mädchen im Dorf gelten, wenn auch für das ärmste, und mancher reiche Bursch wehklagte, daß es nicht wie er gesegnet war mit Äckern und Wiesen; denn die schlesischen Bauern meinen auch, drei Äcker und drei dazu gäben sechs oder, mit anderen Worten, die Frau müsse doch wenigstens ebenso reich sein wie der Mann, sonst klappe es nicht. Wo aber nun gar keine Äcker sind, da können auch keine zugebracht werden. So kam's denn, daß ein reicher Bursche nicht mit der bildhübschen Weberskäthe gehen durfte, weil sie ihm eben nicht ebenbürtig war. Der Gottfried meinte, ihm wäre die herzliebe Käthe auch so recht, und ihre Sittsamkeit, ihr Fleiß, ihr gutes Herz und ihr stilles, liebes Wesen samt ihrem Engelsgesichtchen seien ihm ebensoviel, ja noch weit mehr wert als eine hübsche Mitgift an Äckern und Wiesen. Nun traf's sich einmal, daß er bei einem Tanz dem Mädchen in die Augen sah, und da war's rein aus. Diese oder keine! sagte er zu sich selbst. Dem Mädchen ging's kaum besser. Gottfried war ein schmucker Bursche, hatte gedient im Heer, war treu, fleißig, und der Herr Baron, der ein Gut im Dorf und ein Schloß besaß, versuchte schon manchesmal, ihn als Kutscher zu kriegen, denn Gottfried verstand das Kutschieren und wußte mit den Pferden umzugehen wie ein halber Viehdoktor. Gottfried und Käthe gewannen sich lieb, und wer's wußte, der war überzeugt, sie blieben sich treu bis in den Tod. Das hatten sie sich auch gelobt vor Gott.

Als nun die Mutter wieder mal so von der Schwiegertochter sprach, sagte Gottfried: ›Liebe Mutter, eine reiche Erbin krieg' ich nicht, und die ich mag, gefällt Euch nicht, so werd' ich wohl ledig bleiben wie ein Kapuziner.‹

›Wer ist's denn, Gottfriedchen?‹ fragte die Mutter. ›Du lieber Himmel, ich kann's doch nicht aus meinem kleinen Finger saugen, wen du liebhast.‹

›Die Weberskäthe‹, sagte halblaut Gottfried.

Die Mutter seufzte tief und sagte: ›Das Mädchen ist nicht zu verachten, denn es ist kreuzbrav; aber, liebes Kind, die sechshundert Taler!‹

Gottfried stieß einen Seufzer tief aus der Brust heraus, und er ging gesenkten Hauptes hinaus. Eigentlich hatte die Mutter schon lange Wind von der Sache; aber sie wollte es nur nicht sagen. Sie dachte nach und meinte: Der Gottfried wird nur mit dem Mädchen glücklich, und mir wär' kaum eine Schwiegertochter lieber als die Käthe. Aber – die Wenn und die Aber, die in der ganzen Welt ihre Mucken haben, haben sie auch in Schlesien.

Die Mutter schwieg, und Gottfried wurde alle Tage stiller und trauriger. Das drückte der Mutter schier das Herz ab. An einem Sonntagnachmittag kam der Kutscher des Herrn Baron ins Häuschen, sagte: ›Guten Tag!‹ und setzte sich zu der Alten und Gottfried. ›Hört mal, Elsnerin und du, Gottfried‹ begann er, ›ich komme vom gnädigen Herrn und bring' euch eine Botschaft. Ihr wißt, der gnädige Herr ist ein guter Herr. Er hat mir zu Neiße, wo er ein Gut hat, ein Pachthöfchen gegeben, und nun heirat' ich mein Ottilchen und werde Pächter. Da fehlt's an einem Kutscher. Du, Gottfried, bist dazu wie gedrechselt. Es steht ein schlimmes Jahr vor der Tür, da denk' ich, du greifst zu, wenn ich dir sage, daß dir der Herr Baron dreißig Taler geben will, drei Hemden, zwei Paar Stiefel und eine neue Kleidung, überdies deiner Mutter drei Malter Korn jährlich, solange du dienst. Solch ein Lohn fliegt dir nicht mehr an den Hals. Für's Heiraten sind die Zeiten zu schlecht, wenn man nicht geborgen ist. Du stirbst noch nicht vor Alter, und die Käthe ist neunzehn. Was hat's da für Eile. Tu's einmal auf ein Jahr. Das Weitere gibt sich.‹

Der Kutscher konnte schmusen wie ein fahrender Händler, und der Gottfried sagte: ›Morgen abend komm' ich aufs Schloß und sage dir Antwort.‹ Damit war der Kutscher zufrieden, und ging.

Mutter und Sohn saßen eine lange Weile still beieinander, jeder in seine Gedanken versunken. Endlich sagte die Mutter: ›Gottfried, ich sehe schon, du läßt nicht von der Weberkäthe, und ich will nicht hart sein. Ich will euch meinen Segen geben.‹

Da war's, als ob den Gottfried eine Tarantel gestochen hätte. Er sprang auf und fiel seiner Mutter um den Hals und herzte und küßte sie rechts und links.

›Nun hör mich weiter an‹, sagte sie, ›wenn du aufs Schloß gehst, sagst du dem gnädigen Herrn, es war' dir alles recht, aber du müßtest dir ausbedingen, daß du deine paar Äckerchen für mich bauen dürftest. Ich hoffe, das läßt er zu. Die dreißig Taler Lohn zahlen die Zinsen der Schuld, und ich spare, dann können wir die drei Malter Korn verkaufen und das Geld auf die Schuld bezahlen. Du bist jung und die Weberkäthe auch. Dienst du ein paar Jahre, so heiratet ihr euch. Damit aber die Weberkäthe auch etwas spart, so kann die solange in Breslau Arbeit nehmen.‹

Als die Mutter ausgeredet hatte, lief der Gottfried wie ein Besessener zu den Webers, beichtete alles, erhielt das Jawort von Vater und Mutter und die Zusage, daß sie alles, was die Eisnerswitwe gesagt hatte, billigten. Nun mußte die liebe Käthe mit zur Mutter, wie sie sich auch sträubte, und die Mutter gab ihnen ihren Segen.

Am andern Tage ging Gottfried aufs Schloß. Am Tor begegnete ihm der gnädige Herr, betrachtet ihn mit Wohlgefallen und sagte, wie der Gottfried so vor ihm stand, die Mütze in der Hand: ›Wie ist's Gottfried, willigst du ein?‹

›Es wär' mir schon alles recht, gnädiger Herr‹, sagte er, ›aber meine alte arme Mutter hat ein Land, wie Sie wissen. Wer soll das bauen, wenn ich nicht da bin? Geld hat sie keins, Taglöhner zu bezahlen.‹

›Ei, du toller Junge‹, rief da der gnädige Herr aus, ›du sollst's bauen, und meine Ackergäule sollst du dazu haben!‹ Da war's beschlossen, und schon nach acht Tagen zog der Gottfried aufs Schloß und die Käthe in einen guten Dienst nach Breslau, wo sie auch zweiundzwanzig Taler Lohn erhielt, und noch allerei dazu.

Nun rechneten sie, was sie alles zusammensparen könnten, aber das Hungerjahr rechneten sie nicht mit ein und auch nicht, daß Webers mit ihren Kinderchen verhungern müßten, wenn sie nicht Unterstützung empfingen, denn Verdienst gab es keinen und Hunger viel. Da gab denn Gottfrieds Mutter ihre drei Malter Korn dem armen Weber und Käthe ihren ganzen Lohn und brachten sie glücklich durch. Und als sich Käthe und Gottfried sahen, fielen sie sich mit Tränen um den Hals und sagten: ›Wir dienen ein Jahr länger!‹ Die Tränen hatte der Herr im Himmel gesehen und die Worte gehört und verstanden! –

Zur selben Zeit herrschte in Schlesien eine ungeheure Not, und in Breslau war das Betteln kaum mehr auszuhalten.

In der Stadt wohnte damals ein reicher Kauz, der weder Frau noch Kinder hatte, alt war und erstaunlich viel Geld besaß. Dazu hatte er aber auch ein mildes, weiches Herz, und es ging kein Armer ohne reichliche Gabe von seiner Tür weg. Er war aber ein ganz absonderlicher Kauz, der ganz sonderbare Grillen im Kopf hatte. So fiel es ihm einmal ein, sich in Bettelkleider zu hüllen, und auch mal zu fechten, wie die Bettler sagen.

Er wollte einmal sehen, ob denn wirklich soviel Barmherzigkeit unter den Menschen zu finden sei. Er zog die schäbigsten Kleider an, die er nur eben finden konnte, und stützte sich auf einen Stock, als könne er fast nicht mehr gehen. So stellte er sich auf den Gemüsemarkt an eine Ecke, aber er forderte nichts und blickte nur zu Boden. Die ihm jetzt gaben, gaben gewiß gern.

Da stand er denn eine lange, lange Zeit. Viele kamen und gingen und sahen ihn so demütig dastehen, aber niemand dachte daran, dem armen alten Mann etwas zu geben.

Endlich kam ein Mädchen daher, die einen Korb trug, um Gemüse für ihre Herrschaft zu kaufen. Als sie den alten Mann sah, blickte sie ihn mitleidvoll an, aber da viele Leute sich da drängten, ging sie vorüber, sah aber nochmals zurück, ob er auch noch dastehe; und als gerade bei ihm keine Leute standen, lief sie zu ihm zurück und redete ihn mit herzgewinnender Freundlichkeit an: ›Ach, Vater, Ihr habt wohl auch Hunger?‹

Er nickte mit dem Kopf.

Sie griff in die Tasche und zog ein Stück Brot heraus und reichte es ihm. ›Das hab' ich mir heute am Frühstück für einen Armen abgespart‹, sagte sie. ›Ich weiß auch, wie's Hungern tut.‹ Darauf gab sie ihm noch einen Silbergroschen mit den Worten: ›Es ist nicht vom Geld meiner Herrschaft! Ich hab' ihn eben in der Straße gefunden.‹

Darauf sprang sie fort.

Dem Alten wurde es weich ums Herz. Das ist ein rechtes Samariterherz, dachte er und beobachtete sie, folgte ihr von weitem und sah sie endlich in ein Haus gehen. Er fragte und hörte, es sei die Magd eines Kaufmannes, der in dem Haus zu ebener Erde seinen Laden habe.

Nun wußte er genug und ging heim, kleidete sich wieder ordentlich und machte sich auf den Weg zu dem Kaufmann. Als er in dessen Haus trat, sprach er den Wunsch aus, mit dem Kaufmann und seiner Frau ein Wort allein zu sprechen. Die willigten gern ein, da sie den alten Herrn wohl kannten.

Als sie nun so unter sechs Augen beisammen saßen, sagte er, sein Kommen gelte ihrem Dienstmädchen; er wünsche zu wissen, woher sie sei, wie sie heiße und wie sie sich betrage.

Obwohl das die Kaufmannsleute wunderte, daß ein so reicher Herr sich um ihre Käthe kümmere, so erzählten sie ihm doch eben alles, was sie von ihr wußten, und das ist die ganze Geschichte, denn das gute Mädchen hütete kein Geheimnis und hatte ihrer Herrin alles erzählt, was wir schon wissen. Die Frau sagte ferner, daß sie sich wöchentlich ihren Lohn auszahlen lasse und den ihren armen Eltern gebe, obgleich daran der schönste Wunsch ihres Herzens hänge; ferner versicherten beide, es könne kaum eine fleißigere, treuere Magd geben als Käthe.

Als das der alte Herr gehört hatte, erzählte er auch seine Geschichte vom Gemüsemarkt, und daß er etwas für das gute Mädchen tun wolle. Beide Eheleute mußten ihm unverbrüchliches Schweigen geloben, und er schied.

Mittags ließ er anspannen und fuhr in das Dorf, da er den Herrn Baron kannte, und erkundigte sich auch da und bei dem Pfarrer, und da alles buchstäblich wahr und richtig war, fuhr er wieder heim.

Nun standen, wie er von dem Schulzen des Dorfes gehört hatte, die sechshundert Taler Schuld der Eisnerswitwe bei dem Hospitalfonds in Breslau. Dort ging er hin, bezahlte sie einschließlich Zinsen aus, ließ sich die Schuldurkunde und die Quittung geben und ging zurück in das Kaufmannshaus.

›Ich bitte nochmals um ein Stündlein‹, sagte er zum Kaufmann und seiner Frau, und die gewährten's recht gern.

›Lassen Sie doch mal das Mädchen hereinkommen‹, sagte er zu der Frau, und die rief: ›Käthe!‹

Da kam denn das nette Mädchen herein und grüßte höflich.

Der alte Herr fragte: ›Kennst du mich noch, Mädchen? Sieh mich mal an!‹

Sie errötete, schaute ihn aber freimütig an; dann sagte sie: ›Ich kenne den Herrn nicht, aber – ‹

›Nun, was weiter? Sag's nur gerade heraus, Kind!‹ fuhr er fort.

›Vor etlichen Tagen‹, sagte sie stockend und verlegen, ›da stand am Gemüsemarkt ein armer Mann, der – glich dem Herrn aufs Haar.‹

›Richtig‹, sagte er, ›ich kenne den Tagedieb !‹

›Ach, nein‹, sagte das Mädchen bestürzt, ›ein Tagedieb war's nicht !‹

›Was gabst du ihm, Kind?‹ fragte er weiter.

›Ach‹, sagte sie, ›ich hatte mich satt gegessen und noch ein Stück Brot übrig, das steckte ich für einen recht Armen in den Sack, weil ich weiß, daß meine gute Herrschaft nichts dagegen hat. Und wie ich so die Straße hingehe, da blinkt etwas vor mir, ich bücke mich und raffe einen Silbergroschen auf. Da denk' ich, den soll auch ein Armer haben.‹

›Aber, Mädchen‹, sagte der alte Herr, ›hättest du den Silbergroschen nicht selber aufheben können für dich? Bist doch auch nicht reich.‹

›Ach wohl‹, sagt sie, ›aber den hatte mir Gott beschert, und der Armen sind so viele. Was ich habe und verdiene, gebe ich meinen armen Eltern und Geschwistern, da wollte ich denn auch die Freude haben und einmal etwas einem anderen Armen geben.‹

Der alte Herr fuhr mit der Hand über das Gesicht und hustete einigemal, um seine Bewegung zu verbergen. ›Weißt du aber auch, daß der Mensch, dem du Brot und Geld gabst, gar nicht arm ist ?‹ fragte er.

›Das wäre von ihm unrecht‹, sagte sie, ›aber mir tut's nichts, ich hab's gut gemeint, das weiß Gott!‹

›Denke dir‹, fuhr er fort, ›der Silbergroschen war ein Glücksgroschen, der hat sich ungeheuer vermehrt. Jeder Pfennig ist zu hundert Talern geworden!‹

›Der Herr spaßt!‹ sagte das Mädchen.

›Nein, Kind, ich spaße nicht‹, rief der Herr. ›Sieh, hier geb' ich dir die Quittung und den Schuldschein über Gottfrieds Häuschen und Gütchen, das ist jetzt schuldenfrei.‹

Sie sah ihn mit einem Blick tiefsten Erstaunens an. ›Kennt denn der Herr den Gottfried?‹ fragte sie.

›Ob ich ihn kenne ?‹ sagte dieser. ›Da, dein Herr liest dir alles vor.‹ Der Kaufmann tat es.

Ihre Augen leuchteten. ›Großer Gott, wie glücklich wird er sein! Aber wo er nur das viele Geld herhat ?‹

›Ich sage dir ja, dem du den Silbergroschen gabst, ist ein reicher Mann, der einmal probieren wollte, ob es auch noch barmherzige Herzen gäbe. Da hat er denn jeden Pfennig deiner Gabe zu hundert Talern gemacht, hat davon die Schuld deines Bräutigams bezahlt und – hier hast du den Rest, es sind sechshundert Taler zu deiner Aussteuer !‹‹

Es hat recht viele Mühe gekostet, Käthe davon zu überzeugen, daß es so sei; aber dann sind auch ihr Dank, ihre Freude, ihr Glück übergroß gewesen.

Sie lief noch am selben Tag mit Erlaubnis ihrer Herrschaft heim, brachte Gottfried Quittung und Geld und machte dort so glückliche Herzen, wie das ihrige war. Gottfried kam mit und wollte auch danken, aber der Herr war an dem Tag noch verreist.

Darauf ist denn Käthe bis zu Weihnachten im Dienst geblieben und ist dann heimgegangen und Gottfrieds glückliches Weib geworden. Er blieb aber im Dienst des Barons und wird wohl sein Lebtag darin bleiben. Zur Hochzeit kam auch der alte Herr und ist seitdem Käthes und ihrer Eltern Wohltäter geblieben. So hat mit der Geselle die Geschichte beschrieben, und ich hab' dabei gar oft an des Herrn Wort gedacht: ›Geben ist seliger denn Nehmen!‹«

Der Welt Lauf

Sieht man so manchmal, sagte der Schmiedjakob, wie's in der Welt zugeht, so meint man, man müsse dreinschlagen! Das kommt aber unsereinem nicht zu, und man muß es dem überlassen, der gesagt hat: »Mein ist die Rache, ich will vergelten!« Und der tut's auch, das hab' ich oft und auch in der Geschichte erlebt, die ich euch jetzt erzählen will.

Es gibt Haushaltungen, von denen im Dorf fast niemand plaudert. Bei meiner Seele! Das sind die übelsten nicht; ich möchte vielmehr sagen, es seien durchwegs die besten. Da geht's so still, ordentlich und gottesfürchtig her, daß auf die Zähne, auf denen Haare wachsen, kein Bissen zum Zerbeißen kommt. So hab' ich eine gekannt.

In der Kreuzgasse zu Oberndorf steht noch heute ein schönes Haus mit Hof, Scheuer und Stallung, geräumig und tüchtig wie wenige im Dorf. In der Zeit, von der ich reden will, bewohnte dieses Haus ein dicker Bauer, aber, wie gesagt, ein stiller Mann. Er hatte zwei Kinder, einen Sohn, der Jacob hieß, und eine Tochter, die sie Ammichen, was eigentlich Annemariechen hieß, riefen. Die Mutter lebte auch noch und war ein Muster einer fleißigen Hausfrau. In dem Haus, meinte man, gingen sie alle auf den Strümpfen, so still war's. Man hörte kein Poltern, Schimpfen, Fluchen, und doch redeten die vier Leute recht viel miteinander, weil sie sich liebhatten. Da klappte alles. Niemand störte den andern, da jeder wußte, was er zu tun hatte, und dem andern in die Hände arbeitete.

Es gibt halt Leute, die meinen, wenn nicht gelärmt und geschrien würde, so ging's nicht und könnte nicht gehen; aber da hab' ich's recht klar erkannt, daß man mit dem stillen Wesen viel weiter und eher dahin kommt, wohin man will. Dem Peter Ackermann gelang alles, und er war, obgleich er viel zu tun hatte, doch immer eher fertig als die Schreier und Lärmmacher. Was mir aber im Haus am besten gefiel, das war die Kinderzucht. Alles geschah aufs Wort! Niemals hörte ich schelten oder poltern. Der Sohn, der Jacob, war ein stiller, fleißiger Bursche. Er kam in kein Wirtshaus, spielte nicht, und jedermann mochte ihn, weil er höflich und manierlich war. Das Ammichen war ein gar liebliches Mädchen, fleißig und sanft, kein Putzaffe und keins, das obenhinaus wollte. Die war ganz dazu gemacht, einen Mann recht glücklich zu machen. Einen eigentlichen Schatz hatte sie nicht. Sie war eben auch noch jung und kam nicht viel aus dem Haus.

Damals kam ein Förster ins Dorf, der hier bei dem alten Förster Gotthelf den Dienst im Wald erlernen sollte; denn er war schon in Sachsen auf einer Lehranstalt gewesen, ich glaube, in der Stadt Freiberg. Dort hatte aber der Wildfang wenig gelernt. Er gehörte einer reichen und vornehmen Familie an, hatte aber nirgend etwas getaugt. Wie es zuging, weiß ich nicht, aber er war bald ein Freund von Jacob. Die zwei paßten eigentlich nicht zueinander, und doch wurden sie Freunde; ja, es sah so aus, als habe das Herrchen die Hörner abgelaufen und wolle nun anfangen, vernünftig zu werden; denn er führte sich gut auf, wie Gotthelf sagte. Man konnte ihm im Dorf auch gar nichts Unebenes nachsagen. Er ging mit dem alten Gotthelf ins Laub, überwachte die Holzhauer, die Lohschäler und taxierte das Holz, schoß auch einmal seinen Rehbock aufs Blatt, daß es eine Art hatte. In der Zwischenzeit saß er hinter seinen Büchern.

Der alte Gotthelf sagte zum alten Ackermann, zu dem er bisweilen kam: »Ich begreif's nicht, was die Leute wollten! Der junge Woltersdorf soll absolut ein Erztaugenichts sein, und ich kann's doch gar nicht begreifen. Der ist so zahm wie ein Lämmchen und so fleißig und brav, wie ich mir nur einen Menschen wünschen mag; versteht auch etwas und nimmt gern Lehren an. Ihr könnt euren Jacob ohne Sorge mit ihm gehen lassen.«

Seit ungefähr einem Monat war der junge Woltersdorf da und grad so lange war Ammichen bei ihrer Goth, der Müllersfrau zu Abtsdorf, die gar sehr geklagt hatte, daß Vetter Ackermann das gute Kind einmal sollte einige Zeit bei ihr zu Besuch lassen, denn sie hatte eine Tochter gehabt, und die war ihr gestorben. Nun war es Zeit, daß das Mädchen zurückkommen sollte. Sie wollte nicht fahren, sondern gehen, so sehr auch die Goth, die Müllerfrau, davon abriet. Dem Jacob hatte sie sagen lassen, er solle am nächsten Dienstag bis da und dahin ihr entgegen kommen, sie werde um vier Uhr mittags etwa dort sein.

Der Jacob sagt das dem Woltersdorf, und so gehen sie gemeinsam dem Mädchen entgegen.

Als sie an die bezeichnete Stelle kommen, sehen sie niemand, aber des Jägers Hund gibt Laut. Sie treten endlich um einen Haufen Büsche, in deren Mitte eine uralte Eiche steht, und siehe da, an deren Fuß sitzt Ammichen. Sie mußte müde gewesen sein, denn sie war eingeschlafen.

Der Jacob sah sie zuerst und winkte dem Jäger. »St!« rief er leise. »Mach sie mir nicht wach!«

Der tritt denn rasch, aber ganz leise herzu und sieht das Mädchen.

Man mochte aber auch selten etwas Lieblicheres und Schöneres sehen, als das holdselige Mädchen, wie es so am Stamm des Baumes saß. Das schöne Köpfchen, das aussah wie der Kopf eines unschuldigen Engels, wurde von dem rechten Arm gestützt, dessen Ellenbogen auf der geflochtenen Strohtasche ruhte. Die Linke lag auf ihrem Schoß und hielt ein Sträußlein schöner Wiesenblumen. Sie lag halb, halb saß sie im schwellenden Moos, das den alten Eichenbaum umgab. Die beiden jungen Leute standen eine Weile da und schauten das schöne Bild an, denn so kam's ihnen vor, und der eigene Bruder mußte sagen, daß Ammichen ganz geeignet war, es einem jungen Burschen anzutun, und was er dachte, das war schon bei einem geschehen, der ganz nahe bei ihm stand. Der junge Jägersmann war, wie man zu sagen pflegt, ganz aus dem Häuschen, rein weg. Das Herz in der Brust schlug ihm Generalmarsch, und doch wünschte er, das Mädchen müsse noch acht Tage so fortschlafen und er so dastehen und sie betrachten, und er hätte es getan, wenn auch die Frevler den ganzen Forst umgehauen hätten.

Sie würden ohne Zweifel auch noch lange so dagestanden haben, wäre es dem Hund nicht langweilig geworden. Der wollte jagen und gab an der Koppel Laut. Das Mädchen erwachte, sprang vor Schrecken auf und stand nun errötend vor ihnen.

Den Schrecken Ammichens könnt Ihr euch vorstellen, als es den hübschen, aber wildfremden Förster erblickte. Sie konnte sich gar nicht fassen. Erst als sie ihren lieben Bruder sah, legte sich ihre Angst. Sie reichte ihm die Hand und sagte: »Warum hast du mich so erschreckt?«

Der Woltersdorf merkte wohl, daß das auf ihn zielte, und so ein Stadtfink weiß Triller zu schlagen. Er nahm das Wort, plauderte so zuckersüß, sagte dem lieben Mädchen so viel Schönes, daß der der Kopf ganz toll wurde; aber bös konnte sie nicht werden, dafür plauderte er zu lieb und auch zu gescheit, denn man meinte, man höre aus einem Buch vorlesen. Er gefiel ihr über die Maßen gut, und da er oft ins Haus kam, abends das Horn so wunderschön blies, alle Tage besser. Sie lag oft bis spät in die Nacht im Fenster und hörte den herrlichen Weisen zu, die er blies, wenn die Stille der Nacht die Töne herübertrug vom Forsthaus. Wie er erfuhr, daß sie abends im Fenster liege und ihm zuhorche, weiß ich nicht; genug, er erfuhr's, und die Folge war, daß er herbeischlich und ein Stündchen und noch eins mit ihr verplauderte, und das gefiel Ammichen noch besser als das Hornblasen. Kurzum, sie war in ihn vernarrt und er in sie!

Der alte Revierförster Gotthelf war noch einer aus der alten Welt. Nicht hochmütig, treu, einfach und gradaus. Er schoß grad aufs Blatt. Der merkte beizeiten, wieviel Uhr es mit den beiden war, noch ehe es die Ackermanns merkten. Der nahm sich's vor, dem jungen Menschen einmal den Fuß zu stellen und ihm zu sagen, wo Bartel den Most holt, nötigenfalls auch den Kümmel zu reiben, daß er den Geruch davon lange in der Nase behielte.

Dafür war Gotthelf gerade der Rechte.

Er konnte sogenannte Löffeleien nicht leiden und wollte alles ehrlich gehalten haben, was man zusagt.

Ging er denn einmal morgens früh mit dem Woltersdorf hinaus, und als sie in den Wald kamen, blieb er plötzlich stehen, sah den jungen Mann frischweg mit seinen Falkenaugen an und sagte: »Hört mal, junger Herr, Ihr macht mir da Jagd auf ein schönes, edles Wild, ich meine Ackermanns Ammichen, und es ist doch für Euch noch eigentlich Hegezeit, weil Ihr kein Brot habt, wenn Ihr's ehrlich meint. Betracht' ich die Sache recht, so mein' ich, es wäre unrecht von Euch, dem herzigen Kinde den Kopf zu verdrehen. Wahrscheinlich sind's doch von Euch Possen?«

Der junge Woltersdorf stand verblüfft da; das Blut stieg ihm aber in den Kamm, und er sagte: »Wofür haltet Ihr mich, Herr Revierförster?«

»Ei«, sagte der, »für einen jungen Menschen, der noch keine Frau braucht, darum aber auch einem braven Mädchen nicht weismachen soll, er wolle es heiraten. Wird doch nicht's draus! He? Ist's anders?«

»Ihr habt wenig Fehlschüsse in Eurem Leben getan, hier aber einmal einen rechten«, sprach fest und männlich Woltersdorf. »Ich sag' Euch, daß es mir Ernst ist mit dem Mädchen, das ich für vortrefflich halte und treu liebe. Sie wird meine Frau und nie eine andere!« »Brav«, sagte Gotthelf, »wenn's an der Zeit wäre; aber – was wird Eure Familie sagen? Sie ist ein simples Bauernmädchen.«

»Aber mehr wert als alle Stadtdunzeln!« rief Woltersdorf.

»Zugestanden«, fuhr Gotthelf fort, »allein meine Frage ist nicht beantwortet.«

»Um meine Familie hab' ich mich nicht zu kümmern, falls sie dagegen sein wollte. Vater und Mutter sind tot; was kümmern mich die anderen? – Ich stehe auf eignen Ständern (andere Leute sagen: Füßen)«, fuhr Woltersdorf fort. »Spätestens in einem Jahr hab' ich ein Amt, und dann heirate ich Ammichen! Dabei bleibt's. Und damit Ihr seht, daß es mir redlicher Ernst ist, so bitt' ich Euch, werdet mein Freiersmann!«

»Gleich?« fragte erstaunt Gotthelf.

»Ja«, sagte Woltersdorf. »Ich will Gewißheit, damit sie mir nicht ein anderer wegschnappt.«

Gotthelf reichte ihm die Hand und sagte: »Ihr seid ein wackerer Mensch. Nehmt's nicht übel, daß ich in Euren Wechsel trat; aber ich hab's treu mit Euch und dem lieben Kind gemeint. Nun aber laßt auch eines alten Mannes Rat etwas gelten. Von dem Plan steht ab. Die langen Liebschaften sind nicht viel wert, aber sie sind noch besser als die langen Brautschaften. Wartet, bis Ihr ein Amt habt; dann stellt das Treibjagen an. Daß Euch das Mädel treu bleibt, verbürg' ich Euch, denn die ist in der Wolle gefärbt. Bleibt Ihr nur treu'. Ich sag's Euch, wenn Ihr das Mädel sitzenlaßt, so kommt mir nicht in den Bereich meiner Kugel; sie könnte sonst den Weg zu Eurem Herzen finden, das freilich in solchem Falle keinen Schuß Pulver wert Sie redeten in der Weise noch fort, und der junge Mensch folgte dem Rat des Greises, der es so treu mit ihm und seinem Ammichen meinte.

Aber immer inniger wurde das Band zwischen beiden, und es schien, als sollte das wahr werden, was in dem alten Lied steht:

Es war einmal ein junger Knab',
Der liebt sein'n Schatz ein ganzes Jahr;
Ein ganzes Jahr, und noch vielmehr,
Die Liebe nahm kein Ende mehr.

Die alten Ackermanns wußten's und billigten's, denn der alte Gotthelf hatte ihnen von seiner Unterredung mit Woltersdorf erzählt. Auch alle Leute im Dorf wußten's und gönnten dem lieben Ammichen ihr Glück; denn es wurde nicht hochmütig und blieb so demütig wie allezeit.

So floß noch ein Jahr dahin, und Ammichen galt überall als des jungen Forstmannes Braut.

Da kam plötzlich eine Verfügung, die ihn zum Forstaktuar in einer Stadt ernannte, die etwa dreißig Stunden weit weg war. Es war im Herbst, als das geschah.

Wer das Leid gesehen in der Abschiedsstunde, der mußte glauben, daß weder die Zeit noch die Entfernung, noch andere Mädchen dieses Band treuer Herzen jemals trennen könne.

Er gelobte ewige Treue. Sie war ganz außer sich vor Leid. »Bis zu Pfingsten komm' ich wieder«, sagte er, »und dann gehst du als mein liebes Weib mit mir von dannen«. Mit solchen Gedanken schied er; denn ein Aktuar kann schon eine Frau ernähren, und Woltersdorf war reich; er hatte etwas zuzusetzen im Notfall, und Ammichen war auch nicht arm, wie ich euch sagte. Vom Aktuar zum Revierförster ist auch nur noch ein Schritt, und es waren gar viele alte Leute im Dienst, die bald ausscheiden würden.

Woltersdorf schrieb oft, und alle seine Briefe waren voll Lieb und Treu. Nach und nach kamen aber die Briefe seltener, und er klagte über ganz erstaunlich viel Arbeit, die er habe. Dem alten Gotthelf wurde es unheimlich, obwohl in Ammichens Seele kein Zweifel kam.

Gotthelf hatte den Woltersdorf gern. Er hielt viel auf ihn; aber jetzt kamen dennoch beängstigende Gedanken über ihn. Er machte den Prozeß kurz und sich auf die Socken und ging zu ihm. Als ihn Woltersdorf sah, geriet er etwas in Verlegenheit, und das fiel dem Alten auf; dennoch aber war alles Lieb's und Gut's, wie man sagt. Er zeigte ihm den Forst und alles, was sehenswert war, und führte ihn dann auch zu seinem Revierförster. Man konnte es sehen, daß da der Herr Aktuar gar wohl gelitten war, besonders bei der feinen und schönen Tochter, mit der er auch gar nicht übel zu stehen schien. Gotthelf hatte scharfe Augen.

Abends sagte er zu Woltersdorf: »Als ich schied, sah ich in ein Paar Augen, die dick voll Tränen standen. Sie waren schöner, aber nicht so verlockend als die zwei, in die Ihr heute so oft geblickt habt. Denkt Ihr auch noch an die lieben, treuen Augen, die Euch einst so gut gefielen?«

Woltersdorf geriet in Verlegenheit. Er gelobte hoch und teuer, daß er Ammichen liebe und sie bald heimführen würde.

Gotthelf kam betrübt heim. Zwar hatte er beim Abschied den Aktuar an seine Pflicht gemahnt mit Worten voller Kraft und Wahrheit, aber er mißtraute ihm.

Nicht weit von dem Dorf, wo man noch die letzten Häuser sah, stand ein gar reicher Brunnen köstlichen Wassers. Als Gotthelf zurückkam, nahte er sich dem Brunnen zwar, aber der hier nahetretende Wald verbarg ihn noch.

Ammichen stand allein am Brunnen; sie lehnte an der Umfassungsmauer und hielt ein Gänseblümchen in ihrer Hand, das man auch ein großes Maßliebchen nennt. Traurig stand sie da und riß eins der weißen Blütenblättchen, die um den goldgelben Kreis in der Mitte stehen, nach dem andern aus und sagte dabei, wie es die Mädchen zu tun pflegen: »Er liebt mich, von Herzen, ein wenig, gar nicht.«

Das ist so ein Spiel, aber die Mädchen haben den Aberglauben dabei, es tue ihnen kund, wie es um das Herz des fernen Liebsten stehe.

Und als sie das letzte Blättchen abriß, kam es auf die Wörtchen: »Gar nicht!« Da faltete sie die Hände vor dem treuen Herzen, sah gen Himmel, und in den treuen, blauen Augen perlten heiße Tränen. So stand sie lange, und es war, als habe sie die ganze Welt vergessen. Darauf wusch sie sich die rotgeweinten Augen aus und ging raschen Schrittes mit ihrem Wasser dem Dorf zu.

Der ehrliche Gotthelf hatte das mit angesehen, und es war ihm ein Schwert durch die Seele gegangen. Armes, gutes Kind, sagte er zu sich, du hast da in dem kindischen Spiel leider die Wahrheit vernommen! Er saß lange da, denn es erfüllte seine Seele ein heiliger Zorn. Er eilte heim und schrieb an Woltersdorf, was er gesehen, und noch mehr, was ihm ins Herz fahren mußte wie ein feuriger Pfeil.

Es war zu spät!

Als nämlich die Geschwister Woltersdorfs hörten, er wolle ein einfaches Bauernmädchen heiraten, da empörte sich der Stolz der vornehmen Leute gegen eine solche Heirat. Sie setzten ihm gewaltig zu und erreichten, daß er so weit von Oberndorf wegversetzt wurde. Aus den Augen, dachten sie – aus dem Sinn. Leider hatten sie da nicht falsch gerechnet. Er kam dorthin, und die Revierförsterin fand eine Verheiratung ihrer einzigen Tochter mit dem jungen und reichen Aktuar sehr passend. Da wurden denn alle Segel aufgespannt, und der leichtsinnige junge Mensch ging in die Falle. Er vergaß das liebe Mädchen und – acht Tage nach Gotthelfs Heimkehr nach Oberndorf war seine Hochzeit; denn seine älteste Schwester kam mit ihrem Mann zu ihm auf Besuch, und die machten's schnell fertig.

Ammichen wußte es nicht, aber sie ahnte es, bis es ihr die Eltern nicht mehr verheimlichen konnten.

Das sanfte Mädchen trug still ihr Weh. Sie verbarg vor ihren Eltern, vor Jacob ihre Tränen; nur die stille Nacht sah sie; aber sie verblühte wie die junge Rose, in deren Herz ein Wurm nagt. Bleich wie eine Lilie wankte sie dahin, bis endlich der Tod ihrem Leiden ein Ende machte, und der Doktor sagte: Sie sei am gebrochenen Herzen gestorben.

Oh, wie waren ihre letzten Stunden so rührend! Gotthelf, der sie wie ein Vater liebte, saß mit ihren Eltern und Jacob bei ihr. Sie betete für ihn: daß Gott ihm ihren Tod vergebe und es ihm wohlgehen lasse. Sie flehte: »Fluchet ihm nicht; zürnet ihm nicht. Ich habe ihm vergeben, vergebet auch ihr ihm!« Besonders bat sie Gotthelf, dessen Jähzorn sie kannte, ihr zu versprechen, daß er ihm auch vergebe und ihm nicht zürne, und dann nahm sie von allen rührenden Abschied und hauchte ihr Leben in einem Seufzer aus.

Alle Leute im Dorf nahmen herzlichen Anteil. Obgleich Ammichen noch sterbend gesagt: »Ach, fluchet ihm nicht!« – so traf ihn doch tausendfacher Fluch.

Aber im Himmel ist einer, der weiß die Schändlichen zu fassen, die eines Mädchens Herz brechen und es um Glück und Frieden bringen!

Hätte ihn der zürnende Gotthelf vor sein Rohr gekriegt, wer weiß, was der alte Mann in seinem Grimm getan hätte; aber er war bei Ammichen, als sie starb, und ihr Wort machte ihn mild. »Überlaßt ihn Gott!« sagte er. Der hat gesagt: »Mein ist die Rache; ich will vergelten!«

Und Gott hat ihn erreicht. Der alte Gotthelf schrieb ihm einen Brief, worin er ihm Ammichens Tod meldete und ihm sagte: Er habe sie gemordet.

Das traf ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Seitdem war er wie ein verscheuchtes Huhn. Er mied die Menschen. Er ging überall allein und seufzte. Zu Haus hatte er nichts. Seine Frau war ein Zankeisen, so ein Hausdrache. Sie vergällte ihm jede Freude. Seine Kinder starben ihm alle dahin.

Immer düsterer wurde er seitdem. Unglück auf Unglück traf ihn. Er hatte gemeint, der Revierförster sei reich; aber der hatte Schulden wie ein Major, die Woltersdorf mußte bezahlen helfen. Das wäre nicht so schlimm gewesen; aber an seiner Seele nagte Gotthelfs Brief wie ein Geier. Er hatte nirgends Ruhe und Frieden. So zehrte er ab, daß er am Ende ein bloßes Gerippe war, und starb dann mit dem traurigen Bewußtsein, daß seine herzlose Frau nicht um ihn sonderlich trauern würde. Ja, das Gewissen ist ein nagender Wurm. Wohl dem, den es nicht beißt.

Das ist so der Welt Lauf; aber wehe dem Treulosen, der ihm folgt! Ein Herz elend machen ist eine Teufelei, und glaubt mir, Gottes Arm ist noch nicht verkürzt. Mag sich ein Leichtsinniger darüber hinwegsetzen – immer kann er's nicht und – den Frieden im Herzen kann man nicht kaufen! Selbst nicht mit dem Geld einer reichen, vornehmen Frau!

Wie's den Ackermanns ergangen, werdet ihr fragen.

Sie legten ihre grauen Häupter mit Herzeleid in die Grube, und ihre alten Tage waren tiefen Leides. So glücklich sich auch der brave Jacob verheiratete, immer nagte Ammichens Tod an ihren Herzen, bis auch sie brachen.

Gotthelf raufte an ihrem Grabe seine grauen Haare und rief: »Mußte ich das erleben!«

Was einer fertigbringen kann, wenn er will

Einmal saßen abends mehrere Freunde bei ihrer Lampe traulich beieinander und hörten aufmerksam dem Gevatter und dem Schmiedjakob zu, die miteinander debattierten. Der Schmiedjakob hatte gesagt, es sei ganz erstaunlich, was ein guter, wackerer Mann durch Wort und Beispiel bei anderen Leuten bewirken könne – ja noch mehr, es könne einer bei einer ganzen Gemeinde zu Nutz und Frommen beitragen, ohne daß er Pfarrer oder Schulmeister wäre, wenn er's nur am rechten Zipfel anzugreifen wisse, zumal, um schlechte Sitten zu bessern und auch in der Landwirtschaft neue, bessere Einrichtungen einzuführen, die den Wohlstand förderten.

»Macht mir meinen Gaul nicht scheu«, rief der Gevatter aus. »Plaudere einer, soviel er will; mach' er's, so gut er nur kann – die Leute haben ihren Kopf und gehen ihr eignen Wege und kümmern sich nicht drum. Und vollends im Ackerbau machen's die Jungen, wie's die Alten seit Anno X machten, und es geht immer im alten Trott fort. Kehre jeder vor seiner Tür, und lasse den Schmutz vor anderer Leute Türen liegen!«

»Prost Mahlzeit!« rief der Schmiedjakob, der sonst nicht leicht hitzig wurde. »Glaubt nicht, daß ich so etwas leichtfertig sage! Ich weiß, daß Ihr das Dorf Hollbach kennt.«

»Freilich kenn' ich's», fiel ihm der Gevatter in die Rede.

»Oh, dann kennt Ihr auch das Sprüchelchen von Hollbach?«

»Welches?«

»Ei, das«, sagte der Schmiedjakob: »Die Hollbacher gehn alle betteln bis auf den Pastor, den Schulmeister und den Schöffen, und die kommen nicht, weil sie keine Schuhe haben.«

»Meiner Treu«, sagte lachend der Gevatter, »das hatt' ich ganz vergessen. Es ist aber jetzt auch nicht mehr so in Hollbach.«

»Und warum?« fragte der Schmiedjakob, »ich will's Euch sagen. Vor etwa zwanzig Jahren kamen der ›Batzenmann‹, wie sie den Steuerboten, und der ›Blutegel‹, wie sie den Gerichtsvollzieher hießen, nicht mehr aus dem Dorf. Die Hollbacher waren Lumpen und Faulenzer, und um ihr gutes Feld stand's jämmerlich. Man meinte, über Hollbach herrschten unaufhörlich die sieben mageren Jahre Ägyptens, und es wohnten wirklich so viele Bettler darin wie Bürger. Seht mal jetzt das Dorf an! Keiner bettelt, die Häuser sind nett, die Straßen sauber; Batzenmann und Blutegel haben den Weg zum Dorf vergessen; die Felder sind bebaut, die Weinberge stehen prächtig, und die Metzger kaufen mehr fette und gemästete Ochsen dort, als sonst magere Kühe und Ziegen drin waren. Und dazu hat, nächst Gott, ein Mann das meiste beigetragen. Noch mehr, es herrschen dort jetzt Sitte und Zucht, während früher keine Ehe in Ehren geschlossen wurde.«

»Wer war denn das?« fragten einige.

»Der Nachtwächter«, sagte der Schmiedjakob. »Ich will's Euch erzählen. Zu Hollbach stand damals rechts, wenn man um die Kirche bog, in der Ecke ein Haus, das machte es wie alte Leute – es hatte sich so gebückt, daß es alle Tage einzufallen drohte. Der in dem Haus wohnte, war der Schuster Bäcker, ein alter Faulenzer, der lieber spazierenging, als daß er arbeitete. Er hatte ein gar liebes braves Töchterlein, aber das konnt's nicht packen, und es ging im Hauswesen alle Tage drunter und drüber. Des Schusters Weinberge lagen fast brach, seine Äcker waren nicht gedüngt, seine Wiesen trugen kein Heu mehr, weil seit Menschengedenken keine Asche drauf gekommen war und kein Wasser drauf geleitet wurde. Alles in allem, wenn's Dukaten geregnet hätte, der Schuster Bäcker war' zu faul gewesen, sie aufzuraffen.

Er hieß im Dorf nur der ›Schlotterbuchs‹. Sein Töchterlein, das hübsche Fränzchen, arbeitete wie ein Pferd, aber sie konnt's nicht allein schaffen. Alle Kunden gingen fort, und es war just Matthäi am letzten.

Einmal im Herbst hatte das liebe Fränzchen Trauben aus dem Weinberg in einer Bütte und wollte sie schweren Herzens heimtragen. Aber sie war ihr doch zu schwer zum Heben. Ihr Vater war zu faul gewesen, mit ihr zur Weinlese zu gehen, sonst hätte er die Bütte heben können. Nun war weit und breit niemand, und das hübsche Mädchen mußte sitzen und warten, bis jemand kam.

Wie sie so dasaß, dachte sie an ihr Elend. Der Weinberg sollte gerodet werden, aber konnte sie es? Oben und unten lag noch unbebautes Land, das herrliche Trauben hätte tragen können. Alles das stand vor ihrer Seele. Da fing sie recht herzlich an zu weinen. Ihr kindliches Gefühl verbot ihr, den Vater zur Arbeit anzuhalten, und so konnt's doch nicht mehr weitergehen! –

Wie sie so dasaß, kam die Straße entlang ein Handwerksbursche, ein stattlicher, bildhübscher Mensch, kein Stromer und Landstraßenheld, sondern gut gekleidet, und an dem Ranzen sah man es ihm an, daß er auch ein Schuster war.

Der war da unten am schönen Rhein zu Haus, in Braubach, wo oben die Marxburg steht, und hätte auch für sein Leben gern eine Traube gegessen, wenn er sie mit Recht und Ehren gehabt hätte. Sah er das hübsche Mädchen sitzen und dachte: Die gibt dir gewiß eine! Er sagte: ›Gelt, du freundliches Mädchen, eine Traube versagst du mir nicht?‹

›Auch nicht zehn und mehr‹, sagte sie.

Da sprang er herzu, setzte sich neben sie hin, und ließ sie sich gut schmecken, ›Hebt Er mir auch die Last auf?‹ fragte sie, als er sich satt gegessen hatte.

›Ich trag' sie, wenn du willst !‹

Aber das tat sie nicht. So wanderten die beiden miteinander, und ehe sie das Dorf erreichten, wußte er, daß sie eine Meisterstochter war, und er dachte: Ich wollte, sie wär' die Meistersfrau und ich der Meister! Denn das Mädchen gefiel ihm über die Maßen und, wie es schien, er ihr auch.

Es ging schon stark auf den Abend zu, als sie das Dorf erreichten, und der Bursche war müde.

›Wenn Ihm Kartoffeln und Sauermilch nicht zu schlecht sind‹, sagte sie, ›so eß Er mit uns.‹

Das gefiel ihm, und er ging mit.

Meister Bäcker war ein guter Mann. Er sah's gern, daß dies das Fränzchen getan hatte, und fing gleich mit dem Burschen von der Wanderschaft zu reden an, und der erzählte so viel Schönes, daß der Abend herumflog wie eine Minute.

Dem Jakob Prinz, so hieß er, gefiel's gar gut, nämlich das Fränzchen und darum alles.

Abends sagt' er: ›Lieber Meister, ich bin des Wanderns müde, wollt Ihr mich nicht als Gesellen behalten? Ich will um die Kost arbeiten.‹

Das gefiel dem faulen Bäcker gut, und er stimmte zu. So blieb der Jakob Prinz da, und mit Tagesanbruch begann er zu klopfen und arbeitete alles nett und sauber auf, was seit Wochen dalag, wie oft auch die Leute danach gefragt hatten. Nun waren aber noch zwei Weinberge abzuernten, und in der Luft flog Schnee. ›Habt Ihr nicht noch eine Bütte?‹ sagte Jakob; ich kanns nicht sehen, daß Eure Tochter alles auf dem Kopf heimtragen muß, und ich soll nebenher gehen.‹

Da lieh das Fränzchen eine Bütte, und es ging flugs von der Hand. Abends sagte Prinz: »Meister, die Weinberge könnten siebenmal soviel tragen, wenn man sie einlegte, das heißt, die alten Stöcke in die Erde, dann werden die Weinberge wieder jung. So macht man's bei uns.‹

›Das wär' eine Heidenarbeit !‹ sagte der Meister.

›Ich will sie tun, wenn's trocken bleibt, rief Prinz. ››Mir macht's Spaß.‹

›Den Spaß will ich Ihm lassen‹, sagte lachend der Meister.

Als nun das bißchen Most verkauft war und nicht mehr soviel zu tun war, auch das Wetter erträglich war, machte sich Jakob Prinz dran. Die Hollbacher wollten sich halb totlachen.

Nach vierzehn Tagen hatte der junge Mann den ganzen Weinberg neu gemacht. Die alten Rebenschenkel lagen in der Erde, und das junge Holz stand oben heraus, als wäre der Weinberg jung, und alle standen nach der Schnur, reihenweise und so, daß Luft und Sonne darauf wirken konnten. Darauf gewannen sie Vertrauen zu dem Menschen. Die Kunden kehrten zurück, und Meister Bäcker schämte sich bei dem Fleiß des Gesellen des Herumfaulenzens. Er begann zu arbeiten, und Fränzchens Herz lachte, ihre Wangen blühten wie Rosen, und die Arbeit ging ihr schnell von der Hand.

So war bald der Winter herum, und zu Ostern sagte der Meister, der sich doch schämte, den braven Menschen nur für die Kost arbeiten zu lassen:

›Jakob, hier ist Sein Lohn! Er hat ihn ehrlich verdient‹

›Soll ich gehen?‹ fragte Jakob.

›Nein, nein!‹ rief Bäcker. ›Er soll bleiben, solang' Er will, aber den wohlverdienten Lohn nehmen.‹

›Meister‹, sagte darauf Jakob Prinz, ›ich wüßt' ein Mittel, daß Ihr den Lohn spartet, und ich bliebe doch.‹

›Wie das ?‹ fragte Bäcker.

›Gebt mir Fränzchen zur Frau. Ich bin braver Leut Kind, die freilich tot sind, und bin kein Bettler.‹

Einen bessern Schwiegersohn konnte sich Bäcker nicht wünschen; drum sagte er: ›Mir ist's schon recht, wenn das Fränzchen will.‹ Da fiel ihm der Jakob um den Hals vor Freude, und weil das Fränzchen in der Küche fröhlich sang beim Kochen, lief er hinaus und sagt's ihr offen und ehrlich auf gut rheinische Weise.

Da hörte das Mädchen zu singen auf und sagte mit tiefem Weh: ›Jakob, ich bin ein armes Mädchen!‹

Aber er ließ sie nicht weiterreden, und ehe man sich's versah, hat sie ja gesagt mit Freuden.

Die Hollbacher Mädchen beineideten das Fränzchen, aber die dachte: Besser Neider als Mitleider!

Nach drei Wochen waren sie ein glückliches Paar.

Nun ging der Prinz mit seiner schönen Frau nach Braubach zu seinem Vormund, dem er schon geschrieben hatte, und holte sich sein Vermögen, das aus neunhundert Gulden bestand. Er und seine Frau wurden aber einig, niemandem etwas davon zu sagen.

Jakob Prinz aber hatte nun so viel Arbeit, daß der alte Bäcker wacker Zugriff. Es war ein ganz anderes Leben im Lauf, und es kam ein schöner Verdienst herein. Sobald die Witterung es erlaubte, kaufte Prinz Holz und besserte das Haus aus, daß man es nicht mehr wiedererkannte. Von dem übrigen Geld kaufte er Äcker und Wiesen, die billig zu haben waren. Nun machte er's mit den andern zwei Weinbergen wie mit dem ersten. Die Wiesen bewässerte er und tat Asche drauf. Statt der zwei Ziegen kaufte er eine Kuh. Da hättet ihr das Fränzchen sollen wirtschaften sehen! Es war eine Lust!

Als nun die Weinberge üppig grünten, frisch wuchsen und herrliche Trauben trugen; als die Wiesen besseres und doppelt soviel wie früher an Heu brachten; als Jakob Prinz herrlichen Klee, reiche Früchte auf seinen Äckern zog – da sagten sie: ›Wer hätte das geglaubt?‹ Sie lachten und spotteten nicht mehr, ja, hin und wieder fing einer hier, der andere da an und folgte dem Beispiel des Schusters Prinz. Der aber kam voran und mußte sich bald einen Gesellen halten. Aber mit seinem Schwiegervater war eine völlige Verwandlung vor sich gegangen. Im Wirtshaus sah man ihn nicht mehr. In der Schmiede, wo er sonst halbe Tage lang stand und rauchte und plauderte, war er ein seltener Gast. Die Hollbacher sagten: ›Sie geben ihm nichts, und er muß arbeiten !‹

Allein jeder, der ins Haus trat, sah, daß das nicht stimmte. Freundlicher und liebreicher waren in ganz Hollbach keine Kinder zu ihren alten Eltern als Fränzchen und Prinz zum Alten. Er sagte das auch überall und bekannte freudig, daß er einsähe, daß Arbeit ein Segen und das Herumfaulenzen ein Unglück und Verderben sei.

Es war verwunderlich, wie das Urteil der Leute in Hollbach sich geändert hatte. Anfänglich hatten sie, wie gesagt, den Jakob Prinz zu einem Narren erklärt, hatten geschimpft, der wolle alles neu machen und umkehren, aber sie wollten es noch erleben, daß es ihm gehe wie ihnen auch. Als es aber nicht so ging als sie sahen, wie vortrefflich seine Erneuerung der alten Weinberge ausfiel; wie die gutbewässerten Wiesen so viel mehr und besseres Heu trugen; wie seine wohlbestellten Äcker einen reichen Ertrag lieferten; wie er im dritten Jahr seiner Ehe schon zwei Kühe hielt und damit sein Feld bestellte und düngte – da mußten sie's anerkennen und ahmten es nach. Sie kamen und holten sich Rat bei ihm, und er war willig und bereit, selbst mit Hand anzulegen, um sie dies und jenes zu lehren.

Ins Wirtshaus ging er nicht; aber wenn die Leute sonntags vor den Türen saßen, ging er gern zu ihnen. Da sprach er dann frisch von der Leber weg, tadelte hart das Bettelngehen und meinte, wenn die Leute ihre erwachsenen Kinder zur Arbeit anhielten, kämen sie weiter. Gar oft mußten sie aus seinem Mund das Sprüchelchen hören: ›Die Hollbacher betteln alle bis auf den Schöffen, Pfarrer und Schulmeister, denn die haben keine Schuhe.‹ Da sagte er denn, was das für eine Schmach und Schande für den Ort sei, daß sie es gar nicht nötig hätten, wenn sie nur ihre Felder gut bebauen wollten.

Hier und da wirkten seine Worte; aber die meisten Hollbacher ärgerten sich und sagten: ›Der hat gut reden!‹

Freilich war das Betteln für die faulen Hollbacher der allerleichteste Verdienst und kostete für die Kinder kein Lehrgeld, aber sie bedachten nicht, welch einen Schaden es ihren Seelen brachte, wie Frechheit, Schamlosigkeit, Faulheit und Unreinlichkeit damit schon früh in ihre Seelen gepflanzt wurde und als Unkraut fortwucherte.

Dennoch wirkte auch da Jakobs Wort, das er mit überzeugenden Gründen zu belegen wußte. ›Ein Tropfen höhlt den Stein‹, sagte er, ›wenn er öfter auf dieselbe Stelle fällt‹, und kam darum immer wieder darauf zurück.

In den Häusern herrschte häufig Unordnung und Unsauberkeit. Jakobs Hauswesen war darin ein Muster, und Fränzchen ging, soviel sie auch arbeitete, immer sauber und nett einher. Zwei Kinderchen hatte ihr Gott geschenkt; dann waren noch ein Geselle, der Vater, ihr Mann – das war schon eine ordentliche Tischgenossenschaft. Zwei Kühe standen im Stall, und sie hatte doch keine Magd. Da hieß es: Früh auf und spät ins Bett! Das war auch in Hollbach nicht Sitte. Sie kehrten's lieber um, und sagten: ›Spät auf und früh ins Bett!‹

Das Wirtshaus war immer voll. Da wurde getrunken und gekartet bis Mitternacht, oft bis zum hellen Tag. Abends zog das junge Volk bis zehn, ja bis elf Uhr herum, und in den Ecken und Winkeln konnte man die Pärchen finden.

Das alles mißfiel dem ehrlichen Mann sehr, und eines Sonntags, als er bei seiner Frau saß, sagte er: ›Ich habe manches schon in Hollbach gebessert, aber nun weiß ich ein Mittelchen, wie ich all das Unwesen aus der Welt schaffe!‹

›Ach, Jakob‹, sagte Fränzchen, »ich bitte dich, laß sie gehen. Du machst dir nur Feinde und besserst sie doch nicht!‹

›Wer sagt's?‹ fragte er. ›Man muß sich vor keiner Arbeit fürchten, sonst bringt man sie niemals fertig. Wenn ich mir auch manche zum Feind mache, die Besseren erkennen's, und wenn ich sie auf bessere Wege gebracht habe, danken sie mir's hintennach doch.‹

›Was willst du denn tun?‹ fragte sie.

›Nachtwächter werden!‹ rief er lachend.

Fränzchen kannte ihn schon. Wenn er auch dabei lachte, so wußte sie doch gewiß, daß es damit sein Ernst war.

Daß ich es aber geradeheraus sage: Das gute Fränzchen hielt das für eine große Schande, wenn ihr Mann, ein tüchtiger Meister im Handwerk und ein wohlbemittelter Mann, Nachtwächter würde.

›Du wirst doch nicht?!‹ rief sie.

›Ich werde es doch‹, sagte er und sah sie lächelnd an. ›Was hast du denn dagegen?‹

›Es ist – eine Schande!‹ platzte sie heraus.

›Kein Geschäft bringt dem Unehre, der's redlich tut‹, sagte er. ›Es ist eine Arznei für Hollbach.‹

›Was werd' ich nicht noch alles erleben!‹ rief sie aus.

›So Gott seinen Segen gibt, wirst du viel Gutes dabei erleben‹, sagte Prinz. ›Ich hab' mir alles ausgedacht. Laß mich, Kind, ich sage dir, es ist eine Arznei für Hollbach; anfänglich ein bißchen bitter, aber dann desto heilsamer. Auch bleib' ich's nur so lange, bis mein Zweck erreicht ist.‹

Nun schwieg Fränzchen, weil sie wußte, daß doch ihre Einwände nichts mehr halfen.

›Laß ihn gehen‹, sagte der Alte, der ruhig zugehört hatte. ›Er hat etwas Gutes vor, ich merk's schon!‹

Am Martinitag kam die Gemeinde zusammen. Der Hirte und Nachtwächter wurden da immer in Dienst genommen. Der alte Nachtwächter war vor kurzer Zeit gestorben. Nun meldeten sich zwei. Der eine forderte dreißig Gulden, der andere fünfundzwanzig. Da erhob sich Jakob Prinz und sagte: »Ihr Männer, ich tu es umsonst, wenn ihr das Geld anwendet, um die Löcher im Straßenpflaster auszubessern.‹

›Das ist ein Wort, vor dem ich Respekt habe‹, sagte der Schöffe. ›Der Prinz meint's mit uns allen gut. Wenn ihr denkt wie ich, so bleibt's dabei.‹

Alle Männer stimmten zu, und Meister Prinz bekam das Horn. Alles lachte. Manche spöttisch, manche, weil's ihnen komisch vorkam, daß ein so bemittelter Mann wie Prinz den Dienst tun wollte, den bisher nur die ärmsten Leute getan hatten.

Aber es wurde ins Gemeindebuch geschrieben, und nun biß keine Maus mehr einen Faden davon ab.

Als Prinz mit dem Horn heimkam, ließ Fränzchen das Köpfchen hängen und redete kein Wort mehr.

Das ist Weiberart, dachte Jakob und tat, als sah' er's nicht. Sie wird schon wieder vernünftig, sagte er zu sich.

Um zehn Uhr nahm er das Horn und ging lachend hinaus.›Gib mal auf mein Sprüchlein acht!‹ sagte er zu seiner Frau; aber die war verdrossen und schwieg.

Unten im Dorf lag das Wirtshaus. Da war's heute sehr voll, und es ging lustig zu. Die meisten karteten. Jakob hob das Horn und stieß einen Ton heraus, so voll und kräftig, daß alle in der Stube vor Schrecken in die Höhe fuhren, fluchten und tobten über den groben Schalksstreich. Jakob blies zehnmal, dann rief er mit lauter Stimme:

›Das Wirtshaus voll, die Kirche leer –
Drum geht in Hollbach alles quer.
Der Mann bei der Kart', die Frau in Not,
Im Haus kein Salz und auch kein Brot.
Daher nur Betteln und Klagen!
's hat zehn geschlagen!‹

Dies Sprüchlein rief er durchs ganze Dorf. Überall kamen die Leute, die noch auf waren, ans Fenster und hörten zu. Die Weiber dachten: Gott lohn's! Der sagt's den Spielern einmal! Fränzchen lächelte, als sie's hörte. Jetzt begriff sie ihn, und als er heimkam, war ihr Gesicht wieder freundlich wie sonst. Aber im Wirtshaus schrien und tobten die Brüder Liederliche. ›Wenn der's so macht, so wollen wir's ihm austreiben! Entweder muß er das Horn abgeben, oder wir prügeln ihn krumm und lahm!‹ Das sagten sie so in der ersten Hitze. Es war aber nicht so ernst gemeint, denn die Hollbacher tun viel mit dem Mund und wenig in der Tat. Die meisten duckten sich und gingen alsbald heim. Nur so ein Häufchen Erzspieler blieb sitzen.

Um elf Uhr kam Jakob wieder und sah noch drei dasitzen und mit dem Wirt spielen.

Wieder stieß er in das Horn wie beim erstenmal, dann blies er die Stunde und rief:

›Es sitzen und spielen noch drei.
Wollt ihr wissen, wer's sei?
Um zwölf nenn' ich sie frank und frei!
's hat elf geschlagen!‹

›Der Kerl ist des Teufels‹, riefen Wirt und Spieler. ›Er ist imstande und hängt uns den Denkzettel an!‹ Solche Schande wollten sie sich doch nicht antun lassen und machten sich eilig aus dem Staub. Das Sprüchelchen rief Jakob wieder durchs ganze Dorf. Am andern Tag gab es ein großes Gerede. Jeder fragte, wer die drei gewesen waren, und sie brachten's richtig heraus – und die drei bekamen ihr Teil. Prinz aber sagte überall, wo er hinkam: ›Bei meiner Seel', ich nenne sie alle beim Namen, wenn ich wieder Spieler und Säufer im Wirtshaus finde !‹

›Ach‹, sagte Fränzchen, ›Jakob, du wirst sehen, die ganze Kundschaft geht fort, wenn du es so machst.‹

›Tut nichts‹, sagte er. ›Sie kommt auch wieder. Und kommt sie nicht, so werd' ich ein ganzer Bauer, jetzt bin ich doch nur ein halber, und wir verlieren dabei nicht; aber bearbeiten will ich die Hollbacher, daß es eine Art hat, bis es besser wird.‹

Die Spieler und Säufer aber beratschlagten, wie sie ihn irreführen könnten. Einer schlug vor, sie wollten, wenn er die Stunde bliese, das Licht auslöschen. Da er unten anfinge, so könnten sie dann ungestört weiterspielen. Einer müsse Wache halten. Das gefiel ihnen, und so war es beschlossen.

Im Sprichwort heißt's aber: ›Die Wände haben Ohren!‹ Und da, wo die Spieler zusammensaßen, hatten sie weibliche Ohren, und die Weiber hätten den Jakob Prinz alle auf den Händen tragen mögen. Eine erzählte ihm von dem Plan. ›Schon gut‹, sagte er.

Als er am Abend zur zehnten Stunde blies, war alles im Wirtshaus dunkel und totenstill. Er rief:

›Ihr Spieler blaset aus das Licht
Und meinet, der Wächter merk' es nicht!
Er wird es doch den Leuten sagen!
's hat zehn geschlagen!‹

Und wieder rief er das Sprüchlein durchs ganze Dorf. Alles lachte; die Spieler samt dem Wirt fluchten und tobten, aber sie schlichen heim, und als Jakob um elf Uhr horchte, war das Wespennest völlig leer. Und er hatte die Freude, zu erleben, daß die Furcht vor ihm die Liederjane heilte. Zwar verübelten sie's ihm dann und wann noch einmal; Jakob aber hatte jetzt in den Weibern seine Spione gefunden, und er trieb es wie zuvor, bis abends das Wirtshaus leer blieb. Er rechnete darauf, daß der Spott der Besseren, die Bitten der Frauen, die bessere Erkenntnis seine Bundesgenossen seien, und hatte richtig gerechnet.

An einem andern Abend sah er ein Pärchen in einer Ecke stehen. Da rief er durchs Dorf:

›Der Schlechte vor dem Licht entweicht!
Das Laster stets im Finstern schleicht. Soll ich vom Pärchen die Namen sagen?
's hat elf geschlagen!‹

Da gab's ein Gerede am anderen Tag: ›Wer war's? Wer war's?‹ Viele fragten ihn. Er aber sagte: ›Find' ich sie noch einmal, so werden sie alle genannt.‹ Auch das wirkte. ›Die Furcht hütet auch den Wald‹, sagte er, ›und damit ist schon viel erreicht. Die Hauptsache aber tut der liebe Gott.‹

Fand er Buben abends auf der Straße, so faßte er sie am Kragen und führte sie zum Schöffen. Der war ein rechtschaffener Mann, der, wie alle Besseren im Dorf, seine Lust an dem neuen Nachtwächter hatte.

Im Frühjahr wurde das ersparte Geld für das Straßenpflaster verwendet, und jedermann freute sich darüber; aber mehr noch freuten sich die Rechtschaffenen über die Ordnung im Dorf. Die Männer blieben daheim, sparten das Geld, hielten die Kinder in Ordnung und arbeiteten etwas für die Haushaltung, um die Zeit zu verkürzen. Sie banden Besen, flochten Strohmatten und Strohkörbe, Bienenfässer und dergleichen. Das wurde verkauft, und es kam Geld ins Haus.

Niemand war glücklicher als die Frauen.

Die Mädchen und Burschen waren zwar verdrossen, aber die Alten hielten sie besser in der Zucht, und die Buben wagten sich nicht mehr heraus, seit der alte Schöffe sie so ins Gebet genommen hatte. In Hollbach herrschte Ordnung und ein ganz anderes Leben. Prinz hatte recht, wenn er sagte: ›Früher Haß wird oft späte Liebe‹. Die Kundschaft nahm nicht nur nicht ab, sondern sie wuchs, und Fränzchen mußte sich geschlagen geben. ›Es muß noch besser kommen‹, sagte Prinz. ›Wartet nur bis zum Frühling, wo man auf dem Feld arbeiten kann, dann lehre ich meine Hollbacher auch früh aufstehen.‹ Als nun diese Zeit kam, machte er's so. Er hatte nur bis drei Uhr morgens zu blasen; doch das genügte ihm nicht. Er blies bis vier. Um vier Uhr stieß er in das Horn, daß die Schläfer voll Entsetzen auffuhren. Dann rief er:

›Morgenstund' hat Gold im Mund,
Das tue ich Euch allen kund.
Steht auf, die Sonne wartet schon!
Dem Fleiß'gen wird gewisser Lohn!
Steht auf, steht auf, steht auf !‹

Da war's mit dem Schlafen aus. Anfänglich knurrten und brummten die Faulpelze, aber das half ihnen nichts. Standen sie nicht auf, so kam er noch einmal zurück und blies vor dem Haus, wo noch alles still war. Nach ein paar Tagen lagen die Leute schon in den Fenstern, wenn er kam, lachten und sagten: ›Jakob, du kannst das Blasen sparen!‹ ›So ist's recht‹, sagte er und ging.

Mit der Gewohnheit ist es ein gar sonderbares Ding. Ist man ein- bis zweimal um vier Uhr aufgestanden, so wird man alle Tage um die Stunde wach. Wollte dann der Mann noch ein bißchen faulenzen, so rief die Frau: ›Der Nachtwächter kommt!‹, und wie der Blitz war er auf.

Die Hollbacher sind gutmütige Leute. Waren sie auch anfänglich ungehalten über das Treiben ihres Nachtwächters, so erkannten sie bald, da er's umsonst tat, wie er's meinte, und achteten ihn deshalb um so mehr.

Das zeigte sich dann auch vielfach. Sie neckten ihn und riefen ihm zu: ›Mich fängst du nicht mehr!‹ Aber nun waren sie geweckt, und es ging bald alles gut im Dorf. Sein Wort fand überall Gehör. Man konnte es deutlich sehen. Die Felder standen herrlich. Die Hollbacher rodeten eine Menge Land und bebauten es sorgfältig. Ihre Wiesen bewässerten sie, und der Ertrag verdoppelte sich. Das hatte den Nutzen, daß sie mehr Vieh hielten, besser ihre Äcker und Weinberge düngen konnten. Jakob Prinz baute Klee, und die Bauern machten's nach. So kam's, daß sie ihr Vieh zu Hause hielten. Nun hatten sie doppelt soviel Nahrung vom Vieh. Wenn sonst in Hollbach jede Kuh den Vorteil hatte, daß, wenn's heiß war, der Bauer seinen Hut auf die dürre Hüfte hängen konnte, und er fiel nicht herunter, so wurden jetzt mehr fette Kühe und Ochsen aus Hollbach getrieben, als früher magere oder Ziegen da waren. Der Hollbacher Wein war nie gefragt, obwohl die Weinberge günstig liegen. Seit die Hollbacher von Jakob Prinz den rheinischen Weinbau gelernt und die Heckenweinberge, die wie ein Struwwelkopf aussehen, in Pfahlweinberge umgewandelt haben, sie gut düngen und rechtzeitig bearbeiten, ist ihr Wein gesucht, teuer bezahlt und berühmt. Das Sprüchlein aber vom Betteln der Hollbacher ist ausgestorben, denn schon lange, lange geht kein Hollbacher mehr fechten.

Als das erste Jahr von Jakobs Nachtwächterei um war, starb der alte Schöffe. Auf Martini sollte der Dienst wieder vergeben werden. Alle Männer aber riefen: ›Du sollst auch am Tag für uns wachen, du sollst unser Schöffe sein! Jetzt ist's durchgebissen. Der Wirt hat sein Schild eingezogen, auf der Gasse ist kein Unfug mehr, und wir haben gelernt, früh aufzustehen.‹ Jakob Prinz wehrte sich und wollte nicht, aber er mußte.

Als das dem Landrat bekannt wurde, der die Nachtwächtergeschichte kannte und sich herzlich darüber freute, kam er selbst, Prinz als Schöffen einzusetzen. Da hielt er eine Rede, daß den Hollbachern Wasser in die Augen kam, und als er geendet hatte, riefen alle Bauern: ›Unser neuer Schöffe lebe hoch!‹

So empfing in dieser Anerkennung Prinz seinen äußeren Lohn; den inneren hatte er schon lange durch den Erfolg seiner Bemühungen.

Was machte Fränzchen für Augen, als sie das hörte! Als er heimkam, rief sie neckend: ›Gelt, du bist doch als Nachtwächter abgesetzt worden!‹ Aber die Freude über ihres lieben Mannes Ehrung leuchtete aus ihren glänzenden Augen.

Prinz war aber auch der richtige Schöffe. Nun war ihm das Feld für seine Absichten geöffnet. Er hielt gut Haus mit dem Gemeindevermögen, aber er legte gute Wege an, baute ein neues Schulhaus, verbesserte des braven Lehrers Besoldung, pflanzte Bäume, gute Obstbäume an die Wege, legte eine Gemeindebaumschule an, kaufte eine neue Feuerspritze und war unablässig bemüht, den Wohlstand des einzelnen zu fördern. Durch ihn, kann man sagen, ist mit Hilfe Gottes, der den Segen dazu gab, Hollbach aus einem Lumpennest ein reiches Dorf geworden, und die Leute sind brav und geachtet.

Da seht Ihr, Gevatter«, sagte der Schmiedjakob, »was einer in einer Gemeinde kann, wenn er will und wenn er sich nicht scheut, es anzupacken.«

»Meiner Treu!«, sagte der Gevatter, »Ihr habt recht!«

»Ist im Dorf ein tüchtiger Mann, so wirken Wort und Beispiel segensreich«, fuhr der Schmiedjakob fort. »Dabei kann man aber auch lernen, daß es nicht gesagt ist, daß ein Lumpendorf nicht noch ein tüchtiges werden kann, wenn ihm nur der liebe Gott den rechten Nachtwächter beschert. Ich aber möchte in alle Dörfer hineinrufen: ›Ist denn kein solcher Nachtwächter da?‹«

Zwei harte Steine mahlen selten reine

»Das Sprichwort: ›Zwei harte Steine mahlen selten reine‹ kennt ihr alle und habt's wohl oft gebraucht«, sagte der Schmiedjakob, »was es aussagt, weiß jeder Müller am besten – aber auch harte Köpfe haben Ähnlichkeit mit harten Steinen, und darauf will das Sprichwort eben hinaus; denn so zwei harte, eigensinnige Köpfe mahlen auch nicht reine, tun nicht gut zusammen. Nur darin sind sie verschieden, daß harte Steine hart bleiben, harte Köpfe aber in der bittern Schule des Lebens wohl weich werden. Dafür spricht auch die nachfolgende Geschichte, deren Wahrheit ich verbürgen kann.

Vor den Toren der großen und reichen Seestadt Hamburg liegt die Stadt Altona. Dort wohnte ein Kaufmann mit Namen Walther, ein rechtschaffener, tätiger Mann, der sich ein schönes Vermögen im Handel erworben hatte; aber er war so ein harter Stein, ein jähzorniger, eigensinniger Mensch, der alle Tage recht haben wollte, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Da gab's denn oft ein hartes Aneinanderstoßen mit seinen Handelsfreunden – aber seine strenge Rechtschaffenheit ließ sie über alles hinwegsehen. Im Hause duckte sich alles vor ihm, und sagte der Vater: ›Zwei mal zwei ist fünf‹ oder: ›Das Wasser läuft den Berg hinauf‹, so schwieg seine sanfte Frau still. Er kam dann selber am Ende drauf, daß doch zwei mal zwei vier ist und das Wasser den Berg hinabläuft; allein dann schwieg er still und gestand sein Unrecht um alle Welt nicht ein. Wäre seine Frau nicht ein recht weicher Stein gewesen, so wäre das Mehl auch schlecht geworden, und das aus dem Alten Testamente bekannte ›Haderwasser‹ hätte tüchtig im Haus gebraust.

Sie hatte aber die Kunst gelernt, den Mund zu halten und still zu tun, was sie für recht hielt. Bei meiner Seele, wenn das die Frauen und Mädchen beizeiten lernten, es stünde besser um sie und um ihr häusliches Glück, wenn ihnen etwa der liebe Gott einen harten Stein von einem Mann beschert hat oder noch beschert. Damit soll aber der harte Stein kein Lob gesagt kriegen; das sei fern! Vielmehr rufe ich denen das Sprüchlein zu:

Brich den harten Kopf beizeiten,
Willst Frieden du mit andern Leuten;
Und lernst du das bei guter Zeit –
Ist im Hause und Herzen Zufriedenheit!

Um wieder auf meinem Kaufmann zu kommen, so hatte er eine recht hübsche Zahl Kinder, nämlich sieben. In seinem Haus herrschte er wie ein Selbstherrscher aller Reußen. Da hieß es: Hanneschen, duck dich! Seine engelsmilde Frau räumte möglichst alles aus dem Weg, was seinen Jähzorn reizen konnte, was ihn in böse Laune hätte bringen können. Immer ging das nun nicht. Dann aber brausten Blitz, Sturm und Donner daher, daß es allen angst und bange wurde. Unter den Kindern war der älteste Sohn, Leonhard, ein Erbe des väterlichen harten Kopfes. Bei großer Gutmütigkeit, die er von der Mutter geerbt hatte, war er ein Hitzkopf wie sein Vater, und sein Eigensinn gab auch Hoffnung, daß er mit der Zeit wie der Alte werden würde. Da konnte es denn gar nicht fehlen, daß es manche harte Nuß zu knacken gab.

Leonhard hatte das Alter erreicht, wo er wohl schon prüfen konnte und unterscheiden, daß der Vater oft zuviel tat und unrecht hatte, wo er behauptete, recht zu haben. Statt aber, wie es dem Sohn ziemte, still zu sein, widersprach er dem Vater, und dies artete zuletzt in offenbaren Trotz und Widerstreit aus. Natürlich wurde der Vater nur wilder und zorniger, und die Geschichte endete damit, daß er Leonhard verprügelte. Hierdurch wurde dieser nur unartiger und starrköpfiger. Ach, wie litt da die arme Mutter! Alles bot sie auf, den Sohn zu einem pflichtmäßigen Tun zu bringen; aber es war einmal zu weit zwischen Vater und Sohn gekommen, als daß es hätte anders werden können, vielmehr wuchs die Zwistigkeit und Unerträglichkeit zwischen beiden von Tag zu Tag. Nun kam es auch, daß sich Leonhard einer Gesellschaft anschloß, die dem Vater mißfiel. Nun war's denn zum Schlimmsten gekommen. Eines Tags, an dem Walther gehört hatte, daß sein Sohn wieder bei den wüsten und rohen Gesellen gewesen war, brach sein Zorn so furchtbar los, daß er Leonhard zum Haus hinauswarf und ihm unter schrecklichen Drohungen verbot, jemals seine Schwelle wieder zu betreten.

Leonhard eilte fort, weil die Augen der Nachbarn auf ihm mißbilligend ruhten; die Mutter sank ohnmächtig nieder, die Kinder jammerten, und der Vater tobte und polterte im Haus herum wie ein Toller und Wahnsinniger.

Leonhard wußte eigentlich nicht, wohin er lief; aber es war der Weg nach Hamburg, wo man ihn nicht kannte. Er suchte vorerst ein Plätzchen, wo er nur imstande gewesen wäre, ruhiger über seine Lage nachzudenken, und fand es endlich am Hafen, wo Schiffsbauholz aufgetürmt lag. Dort setzte er sich so, daß ihn, wie er meinte, niemand sehen könne. Da brach denn das, was seine Seele jetzt so stürmisch bewegte, in lauten Worten hervor, die Ungerechtigkeit seines Vaters gegen ihn. Daß er selber gefehlt hatte, das erkannte er nicht. Es ist ja leichter, den Splitter in des andern Auge als den Balken im eigenen Auge zu sehen! Er sah wohl seine Lage ein, allein sein unbändiger Trotz ließ es nicht zu, gleich dem verlorenen Sohn zurückzukehren zum Vater und zu sagen: ›Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir.‹ Bis solch eine Gesinnung Raum in seiner Seele fand, mußte erst noch der harte Stein mürbe werden. Jetzt war er noch zu hart! Allerdings sah seine Lage nicht rosig aus. Er hatte ja nichts weiter an Kleidungsstücken und Wäsche, als was er auf dem Leibe trug; kein Geld als das wenige, das er zufällig in seinem Säckel hatte. Und nun sollte er in die Welt gehen und sich durchschlagen? Als er so dasaß und laut in seinem Eifer über das alles mit sich selbst redete, trat hinter dem Schiffsbauholz ein alter Mann hervor. Es war ein Schiffszimmermann, der an dem Holz gestanden hatte, um sich eins zu seinem Gebrauch davon auszusuchen. Der alte, brave Mann kannte zwar Leonhard Walther nicht, aber von dessen lautem Selbstgespräch verstand er eben soviel und völlig genug, um zu wissen, wie es um den jungen Menschen und daheim stand. Er trat, wie gesagt, plötzlich hervor und sagte das Sprichwort: ›Vorgetan und nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht‹ Das Wort fuhr wie ein Donnerschlag auf Leonhards Haupt, daß er ordentlich zusammenknickte, aber seine Aufregung war noch zu groß, als daß ein solches gutes Wort in seiner Seele den guten Ort hätte finden können und sollen.

›Kümmert Euch nicht um mich!‹ rief er zornig dem Greis zu.

›Junger Mensch‹, sagte der ruhig, ›ich hab' mehr Trotzköpfe gesehen, die das Elend mürbe machte und zahm wie Lämmer; aber der liebe Gott mußte sie in die Schule des Elends nehmen, bedenkt das! Ihr wart, wie ich aus Euren Reden entnehme, was man so einen bösen Buben nennt. Geht heim und bittet Euren Vater um Vergebung und brecht Euren harten Kopf, ehe Ihr ihn in der Welt brechen müßt! Glaubt mir, mit des Vaters Fluch belastet in die Welt zu gehen, das ist der schlechteste Paß!‹

Mit diesen Worten ging er von dannen.

Da hatte der Herr zu dem jungen Mann noch einmal eine Botschaft des Friedens geschickt; aber es war, wie wenn der erste Regen bei wechselndem Wetter im Winter fällt. Die Erde ist noch hart gefroren und nimmt ihn nicht auf. Er erweicht nicht, sondern gefriert zu Spiegeleis oder, wie man's auch nennt, Glatteis.

So prallte das Wort des Mannes, der ihn anfänglich durch seine Erscheinung erschreckt hatte, an dem Trotzkopf ab. Sollte er zurückkehren? O nein, da war das Bürschchen zu stolz. Er mochte, wie man am Rhein sagt, dem Vater die Gönne nicht antun. Sollte er zurückkehren? O nur nicht! flüsterten ihm sein Leichtsinn und seine Einbildung ins Ohr; bei deinen Talenten steht dir die ganze Welt offen. Du wirst dir dein Bahn schon brechen! Die gebratenen Tauben werden dir frischweg ins Maul hineinfliegen, das kann einem Menschen, wie du einer bist, nicht fehlen!

Meint man nicht, das Kerlchen habe Anno 1849 gelebt?

Man sollt's glauben; denn heute kommen die Buben alle mit hohen Verdiensten, und, was auch was ist, gescheiter auf die Welt als ihre Väter, die alten Esel, sind! Dann steht's auch so vortrefflich in der Welt, wo die Buben das Land regieren wollen, denen die Mutter zuruft: ›Halt still, mein Lieber, ich habe dich hinter dem Ohr noch nicht abgetrocknet!‹

Leonhard machte nun den Prozeß kurz, denn an seine sanfte, engelsgute Mutter dachte er nicht und lief im Hafen herum, ein Schiff zu suchen, dessen er sich zur Überfahrt nach Kopenhagen bedienen könnte. Er meinte, weit weg, das wäre das Beste. Dort wäre er auch gut dran gewesen; denn die Dänen halten alles, nur ihr Wort nicht. Es hätte ihm vielleicht gutgetan, wenn er einmal dänisch hätte hungern gelernt. Er hätte denn doch den Unterschied zwischen deutschem Hungern und dänischem kennengelernt, wenn's einen gibt!

Deutsch lernte er's in Hamburg noch prächtig. Fünf volle Tage lief er herum; suchte Schiffsdienste und – fand keine. Er hatte keine Papiere, keine Zeugnisse; wer konnte ihm trauen? Zu Altona war er fortgelaufen ohne Hut oder Mütze. Er mußte sich aber etwas auf den Kopf kaufen. Das verzehrte aber die Hälfte seines Geldes – weil er sich noch nie nach seiner Decke strecken gelernt hatte.

Schon am zweiten Tage sah er ein, daß er wohl unter dem Bauholz schlafen müsse, wenn er zum Kauf von Brot noch etwas übrig haben wolle. Er tat's; aber für die zarten Rippen und Knochen war das Lager entsetzlich hart!

Am Morgen des fünften Tages, als die Sonne aufs Schiffsbauholz schien, erwachte er hungrig und – hatte nichts mehr.

Da saß er, die Stirn in die Hand gestützt, und es fielen dicke Tropfen aus den Augen auf die harte Erde unter ihm. Doch es waren noch nicht die rechten Tränen, die Traurigkeit war die noch nicht, die Paulus eine göttliche nennt, welche eine Reue gebiert, die niemandem gereut; es war noch eine weltliche, fleischliche, es war der Unmut über das Mißlingen seiner Pläne. An die reuige Rückkehr ins Vaterhaus dachte er nicht. Gott wollte ihn noch anders führen.

Wie er so dasaß und nichts hörte noch sah, kam ein Kapitän daher, dessen Schiff eben segelfertig lag für die Fahrt zu der westindischen oder eigentlich südamerikanischen Insel Saint Croir, dem aber noch ein Notmast fehlte, den er sich hier suchen wollte. Ihm war das Unglück passiert, daß ihm sein Schreiber gestorben war. Er selbst nämlich war nicht sonderlich fix, was Feder und Tinte anbelangt, darum hielt er sich einen Schreiber, dem er das Nötige diktierte. Als er so um die großen Haufen des Holzes herumging, sah er den Leonhard dasitzen und sah auch das Tropfen der Tränen. Er betrachtete den achtzehnjährigen, sauberen Burschen, seine feine Kleidung und dachte, wer weiß, da kriegst du vielleicht wieder einen Schreiber!

Er trat zu ihm und klopfte ihm mit den Worten: ›Warum so traurig, mein Sohn?‹ auf die Schulter. In dem Ton des Mannes lag etwas Weiches und Gutmütiges, das Leonhards Herz berührte. Er erschrak freilich über die unerwartete Berührung und Anrede, aber er sammelte sich schnell und sagte:

›Hunger im Magen, kein Verdienst in Aussicht und kein Geld um Beutel, das sind Quellen schlechten Trostes, Herr Kapitän.‹ ›Vollkommen richtig‹, erwiderte dieser lächelnd, ›allein da ließe sich doch helfen, wenn Arbeitslust und Gottvertrauen dabei wären.‹

›Beides fehlt mir nicht‹, sagte Leonhard keck, ›aber seit fünf Tagen suche ich Arbeit und finde keine.‹

Der Kapitän sah ihm in die Augen, und dieser Blick reichte für den Menschenkenner aus, Wohlgefallen an dem Menschen zu finden.

›Nun‹, sagte er dann, wenn Ihr mir klaren Wein über Euch einschenkt und gute Zeugnisse habt, so könnte sich's machen lassen, daß Ihr Arbeit bei mir fändet, wenn Ihr nämlich Lust habt, mit mir zur Insel Saint Croix zu reisen.‹

Das war Wasser auf Leonhards Mühle! ›Setzt Euch ein bißchen zu mir oder befehlt, wohin ich mit Euch gehen soll, so will ich Eurem Wunsche vollkommen genügen‹, sagte Leonhard.

Mit den Worten: ›Es ist mir schon gut genug hier‹, setzte sich der Kapitän zu ihm, und Leonhard beichtete ihm wie einem Pfarrer haarklein, wie alles gekommen war, und blieb der Wahrheit bis ins kleinste treu.

Der Kapitän hörte aufmerksam zu und sagte, als Leonhard geendet hatte: ›Macht Euch auf, mein Sohn, geht zurück zum Vater und bittet ihn um Vergebung!‹ Und diese Worte ergänzte er noch mit nachdrücklichen Ermahnungen hinsichtlich dessen, was ein Kind seinem, wenn auch vielleicht nicht unfehlbaren Vater schuldig ist. ›Lieber vor Hunger sterben!‹ rief entschlossen und fest Leonhard.

Der Kapitän redete ihm auf harte und auf sanfte Weise zu; als er aber sah, daß nichts zu ändern sei, sagte er: ›Gut denn; Ihr sollt mit mir an Bord meines Schiffs gehen. Ist Euer Wohlverhalten so, daß ich zufrieden sein kann, so sollt Ihr's nicht bereuen, mit mir gegangen zu sein; ich will dann in Saint Croix für Euer Fortkommen sorgen.‹

Leonhard versprach heilig und teuer, gehorsam und treu zu sein, und der Kapitän nahm ihn mit, und nachdem der Notmast hergestellt und an Bord war, lichteten sie bei günstigem Wind die Anker und segelten in Gottes Namen ins weite Weltmeer hinaus.

Leonhard war noch nicht zur Erkenntnis seines Unrecht gekommen. Er sah sich noch immer als den leidenden Teil an und glaubte in seinem Recht zu sein, indem er nicht ins Vaterhaus zurückgekehrt war. – Dem Kapitän war er treu ergeben. Da er mancherlei Kenntnisse besaß, so konnte ihn der Kapitän gut brauchen und bediente sich seiner mit großem Vorteil. Er gewann ihn ungemein lieb und bewies ihm diese Neigung überall. Dies reizte die anderen Schiffsoffiziere zu Neid und Feindschaft gegen Leonhard, was sie ihm jedoch zu beweisen nicht den Mut hatten, solange der Kapitän ihn schützte. Oft redete er mit ihm, wie er in Saint Croix für ihn sorgen würde; allein – der Mensch denkt's und Gott lenkt's. Noch auf See erkrankte der Kapitän. Leonhard pflegte ihn in treuer Liebe und Dankbarkeit; die Krankheit verschlimmerte sich aber so sehr, daß der brave Kapitän starb. Leonhard trauerte tief um ihn. Er sah eine Stütze seines Fortkommens zerstört, und ihm begann es bange zu werden, wenn er daran dachte, wie es ihm ergehen würde.

Bald genug zeigten sich für ihn die Folgen des Hasses, welchen die Schiffsoffiziere ihm entgegenbrachten. Der erste Schiffleutnant übernahm nun den Befehl. Er war ein finsterer, rauher Mensch, der Leonhard sehr abgeneigt war. Bisher hatte Leonhard beim Kapitän gewohnt und an dessen Tisch gegessen. Jetzt mußte er im schlechtesten Raum des Schiffes schlafen, mußte mit den Matrosen essen und all die schweren Arbeiten eines Schiffsjungen verrichten, zu denen sich noch allerlei Quälereien gesellten, die ihm das Leben auf dem Schiff, das für ihn bisher so angenehm war, zur wahren Hölle machten. Murren half nichts. Sich dagegen aufzulehnen, hätte ihm die schwerste Strafe eingebracht. Da blieb nichts übrig, als still zu dulden, zu arbeiten und zu entbehren. Er sank oft abends auf sein dürftiges Lager so ermüdet, so völlig erschöpft, daß er wünschte, er möge den morgigen Tag nicht erleben. Dabei wurden ihm die härtesten Worte an den Kopf geworfen. Er konnte nichts recht machen. Jeder stieß ihn hierhin und dorthin; denn als die Matrosen sahen, wie die Offiziere ihn mißhandelten, machten sie's ihnen nach, und, da sie deshalb nicht zurechtgewiesen und bestraft wurden, vielmehr merkten, daß das den Offizieren gefiel, fanden ihre Roheit und Grausamkeit keine Grenze mehr, und Leonhard war unstreitig der geplagteste Mensch, der nicht eine Minute Ruhe fand und selbst für die Matrosen die gemeinsten Dienste verrichten mußte und dafür Püffe und Rippenstöße als Dank erntete. Der harte Stein wurde weich. – Nicht den zehntausendsten Teil dieses Unrechts hatte ihm der Vater angetan, und gegen diesen hatte er im Ungehorsam seine Stimme erhoben. Hier mußte er Roheit und Mißhandlung still dulden und Arbeiten verrichten, an die er nie gewöhnt war, und sich mit Nahrungsmitteln sättigen, die niemand mochte. Ein Wort, eine Gegenrede, ein Murren hätte für ihn die schlimmsten Folgen gehabt.

Wenn er da so in Nächten, wo nur die Wellen des Meeres dumpf an die Wände des Schiffs schlugen, auf seinem Lager lag, und die Tränen seine Wangen netzten, dann dachte er wohl zurück an das Vaterhaus, an die Mutter, die Geschwister. Er rief sich sein Betragen gegen seinen Vater zurück, und die Reue begann an seiner Seele zu nagen. Hätte ich still geschwiegen, wie ich hier zu viel größerem Unrecht still schweigen muß, ich könnte glücklich und zufrieden im Schoß meiner Familie leben! Das sagte er sich vieltausendmal und Tränen begleiteten solche Worte und Gedanken, Tränen der tiefsten Reue.

Die Schule Gottes begann ihre Früchte zu tragen.

Widrige Winde, heftige Stürme hatten den Lauf des Schiffes gehemmt und die Ankunft verzögert. Die Lebensmittel begannen allmählich knapp zu werden. Diese Verknappung verspürte zuerst Leonhard. Er war, wie man zu sagen pflegt, der Sündenbock auf dem Schiff. Die Arbeit blieb dieselbe, aber bei der schmalen Kost konnte er sie kaum mehr verrichten. Seine Beine konnten ihn kaum mehr tragen. Es war ein großes Glück, daß sie endlich Saint Croix erreichten. Gewiß wäre er sonst auf dem Schiff gestorben.

Als sie landeten, ließ ihn der erste Schiffsleutnant zu sich rufen. ›Bursche‹, sagte er in hartem, unfreundlichem Ton, ›daß ich dich Landstreicher bis jetzt auf dem Schiff hielt und nicht, wie du es verdient hättest, in die See werfen ließ, magst du meiner Barmherzigkeit zuschreiben. Jetzt aber dulde ich dich keine Stunde länger auf dem Schiff. Es sind Leute mit einem Boot ans Schiff gekommen, die uns Lebensmittel verkauft haben. Mach, daß du mit dem Boot ans Land und mir aus den Augen kommst!‹

In gebückter, demütiger Haltung hörte Leonhard diese Worte an. Als der Befehlshaber geendet hatte, verbeugte sich Leonhard tief und ging. Aus Mitleid nahmen ihn die Leute in ihrem Boot ans Land mit.

Aber wie sah er aus! Der gute Kapitän hatte ihm, als seine feinen Kleider zerrissen waren, andere, auch einige Hemden gegeben; aber was davon gut war, behielten die Matrosen, und in Lumpen gehüllt, ohne einen Kreuzer Geld, stand er nun am Ufer des fremden Landes, wo er keine Seele kannte. Dazu quälte ihn ein unermeßlicher Hunger, und seine magere Gestalt, sein todbleiches Aussehen, seine eingesunkenen Augen zeigten klar, wie es ihm auf dem Schiff ergangen war.

Der einzige Umstand, den man ein Glück für ihn nennen konnte, war der, daß er die französisches Sprache beherrschte, wodurch er doch imstande war, mit den Leuten auf der Insel zu reden.

Der Schiffsmann, mit dem er ans Land gekommen, war selbst ein blutarmer Mensch, und fühlte Mitleid mit ihm. Er nahm ihn mit in seine Hütte, stillte Leonhards Hunger, gab ihm Nadel und Garn, damit er seine Kleidung flicken konnte, und ließ ihn die Nacht in seiner Hütte schlafen. Morgens aber sagte er zu ihm: ›Nun geh und sieh, daß du Brot verdienst. Ich habe selber nichts als meine Hütte und mein Boot und was ich mühsam verdiene. ‹ Leonhard dankte ihm unter Tränen für seine Wohltat und ging nun, sich Unterkunft zu suchen. Er hoffte, das würde ihm wohl nicht schwerfallen, da er gern arbeiten wollte; darin aber hatte er sich getäuscht. Er lief die Stadt auf und ab; allein niemand machte den schrecklich aussehenden Bettler aufnehmen. Der Tag verging, Bettelbrot stillte seinen Hunger, aber kein Obdach blieb ihm als das Vordach einer Kirche. Der zweite, dritte und vierte Tag gingen ebenso dahin, und es gesellte sich noch der Mangel hinzu, denn niemand gab ihm mehr etwas. Da lag er denn hungernd auf dem harten Steinboden des Vorplatzes der Kirche. Die Sterne standen in voller Pracht am Himmel, aber niemand wollte sich seiner annehmen. Das Maß seines Elends war zum Überfließen voll. Jetzt packte ihn die Reue mit all ihrer schrecklichen Macht und Gewalt und rüttelte ihn auf aus seinem blinden Trotz; er klagte sich als Urheber seines Jammers, des Jammers seiner vortrefflichen Mutter an, und zum ersten Male schlug er an seine Brust und betete: ›Herr, sei mir Sünder gnädig!‹ Er raffte sich auf und fiel auf seine Knie nieder und bekannte Gott seine Schuld. Er betete laut und wußte es nicht, so war sein Inneres erschüttert. Er betete mit einer Glut und Inbrunst, wie er noch nie gebetet hatte.

Solch ein Gebet höret der, der den Reuigen wieder annimmt, und seine Hilfe ist zu solcher Stunde nahe.

An demselben Abend war ein reicher Kaufmann der Stadt bei einem Nachtessen im Haus eines Freundes gewesen, wo ihn die angenehme Gesellschaft länger zurückhielt, als es sonst seine Gewohnheit war. Der Mann war sehr reich, aber der Mammon hatte seine Seele noch nicht so gefesselt und sein Herz noch nicht in dem Maße verhärtet, daß er nicht noch Mitleid mit einem unglücklichen Menschen gehabt hätte.

Er kam gerade an der Kirche vorüber, als so innig und alles um sich vergessend der arme Leonhard mit Gott redete.

Der Kaufmann blieb stehen.

Er hörte alles und verstand es, denn er war ein Deutscher aus Bremen, der schon lange auf der Insel wohnte. Je länger er aber die Worte des Betenden hörte, desto tiefer drangen sie in sein Herz, und als endlich das Gebet Leonhards in lautes Weinen überging und der Kniende mit seinen Händen sein Angesicht bedeckte, da trat der Kaufmann Stifter, so hieß der gute Mann, zu ihm, zog die Hände sanft vom Angesicht des Unglücklichen und sagte mit sanfter, herzgewinnender Milde: ›Seid zufrieden, junger Mensch. Wenn das, was Ihr jetzt vor Gott bekannt und gelobt habt, Euer rechter Ernst ist, so will ich Euch in mein Haus aufnehmen !‹

Wenn man im unbekannten, fremden Land die liebe Muttersprache hört, so ist es einem, als sei der, der sie redet, ein Engel Gottes. Wenn aber vollends ein liebevolles Wort in der Muttersprache in solcher Stunde, wie sie jetzt für Leonhard gekommen war, zum Herzen geredet wird, so ist der Redende erst recht ein Engel Gottes.

Leonhard starrte ihn an, als sei das ein Traum. Die Fackel, die Stifters Diener trug, beleuchtete diesen, und Leonhard blickte in ein mildes, freundliches Angesicht. ›Ach Gott‹, seufzte er, ›wollt Ihr, den mir Gott gesendet, Euch eines armen Verlassenen annehmen, der nahe am Hungertod ist, so wird seine Dankbarkeit nie enden. Alle meine Kräfte will ich Euch mit Freuden widmen, solange mir sie Gott schenkt !‹

In des edlen Stifters Augen traten Tränen.

›Kommt‹, sagte er, ›daß ihr Euch schnell durch Nahrung erquicken könnt.‹

Das ließ sich der arme, hungernde Leonhard nicht zweimal sagen. Er begleitete Herrn Stifter heim und legte sich mit heißem Dank gegen Gott auf einem guten Lager zum erquickenden Schlaf nieder.

Herr Stifter war ein Mann, der die Welt kannte und der oft angeführt und betrogen worden war. Er traute darum nicht blindlings, sondern prüfte erst durch mancherlei Aufträge und Aufgaben seinen neuen Schützling; aber bald gewann er die Überzeugung, daß er einen ebenso redlichen wie geschickten jungen Mann gewonnen hatte, an denen eben in Saint Croix kein Überfluß war. Schon nach einem Vierteljahr konnte er mit voller Sicherheit Leonhard in sein Handelsgeschäft einweihen. Er fand, daß Leonhard wohlunterrichtet sei, daß er eine tüchtige Kaufmannslehre durchgemacht, daß er französisch und englisch sprach und daher, bei seiner Treue, gar nützlich werden konnte. Er zahlte ihm einen guten Lohn für seine Dienste, der sich von Jahr zu Jahr erhöhte. Leonhard reiste für seinen Herrn zu den französischen Inseln, dann auch in die nordamerikanischen Freistaaten und machte so vorzügliche Geschäfte, daß, als er aus Nordamerika zurückkam, Herr Stifter ihm mit Freuden und Dank zum Teilhaber in seinem Handelsgeschäft machen konnte. Leonhard hatte auch schon ein schönes Kapital erspart. Herr Stifter beschenkte ihn nämlich neben dem Gehalt mit allem, was er an Kleidungsstücken bedurfte. Da war's denn keine Kunst, daß er sein ganzes Gehalt zurücklegen konnte. Gerade diese Sparsamkeit ohne Geiz empfahl Leonhard ebenso sehr dem Herrn Stifter wie seine Ordnungsliebe, sein Fleiß, seine Treue und Redlichkeit und die große Einsicht, welche er in Handelsgeschäften besaß.

Leonhard nahm das Glück in Demut als eine unverdiente Gnadengabe Gottes an. Er freute sich darüber, aber nur in der Aussicht, daß er heimkehren könne, um sich die väterliche Vergebung, den väterlichen Segen zu holen, ohne den er nicht hätte glücklich leben und ruhig sterben können.

Die Augen über sich selbst und über seine Schuld gegenüber seinem Vater hatte ihm der liebe Gott in der Schule des Unglücks geöffnet; der harte Sinn war gebrochen, der Stolz geknickt, der harte Stein mürbe geworden, daß er nun selbst mit einem sehr harten gar gut mahlen konnte, wenn's nötig wäre. Immer mehr erkannte er, wie sein Vater in so vielen Dingen mit seinem Tadel recht gehabt hatte. Er begann seine Halsstarrigkeit einzusehen, zu mißbilligen, zu bereuen. Ach, und seine gute, gute Mutter! Wieviel mußte sie gelitten haben durch seinen Weggang!

Solche Gedanken kamen immer öfter, immer mächtiger, immer nachhaltiger. Auf viele Briefe, die er voll Reue an seinen Vater geschrieben hatte, dann an seine Mutter, kam keine Silbe Antwort. Das quälte ihn alle Tage mehr.

So wuchs das Heimweh in seiner Seele, das ihm am Ende alle Ruhe raubte. Herr Stifter kannte genau seine Geschichte und sah mit Bedauern, wie er so traurig wurde. Endlich sagte er selbst: ›Lieber Walther, ich sehe, Sie müssen heimgehen, sonst begraben wir Sie hier!‹ Das war richtig; denn am Heimweh ist schon gar mancher in der Fremde gestorben, der nicht heimkehren konnte, weil ihm die Mittel fehlten. So war's bei Leonhard Walther nicht. Als er mit Herrn Stifter abrechnete, zeigte es sich, daß er ein schönes Vermögen sich erworben hatte, ein Vermögen, das ihn zum reichen Mann machte. Als er alles, teils bar, teils in guten Wechselbriefen in seiner Tasche hatte, nahm er dankbaren Abschied von seinem Retter und Freund, Herrn Stifter, und bestieg ein Schiff, das nach Hamburg segelte.

Nun müssen wir aber auch einmal in Gedanken nach Altona gehen und sehen, wie es dort im Haus von Leonhards Eltern zuging, seit er weggegangen war.

Der wilde Zorn war bei dem alten Walther auch verraucht. Anfänglich gestand er es sich insgeheim, wie es ihn reue, gegen seinen Sohn zu hart gewesen zu sein und ihn gereizt zu haben. Als er aber seine vortreffliche Frau so unaussprechlich viel und schwer leiden sah, da überfiel ihn doch die Macht des Gefühls, und er bekannte es laut, wie die Reue und der Schmerz an seinem Herzen nagten wie ein Wurm, der nicht raste, noch ruhe.

Die unglückliche Mutter war untröstlich, und ihr Schmerz wurde zu immer neuer Qual für Walther.

Sie hatte gleich anfangs treue und vertraute Leute und Dienstboten ausgesandt, um ihren Sohn zu suchen und ihn zu einer Unterredung mit ihr, seiner liebevollen Mutter, zu bewegen; allein, da er in seinem Zorn nach Hamburg geeilt war, so verloren sie durch das Suchen in befreundeten Häusern so viel Zeit, daß sie eben nur die Nachricht zurückbringen konnten, er sei mit einem Schiff nach Saint Croix abgefahren.

Da war die Mutter verzweifelt. Nur die Liebe zu ihren übrigen Kindern hielt sie noch aufrecht, und in verdoppelter Fürsorge als Hausmutter suchte sie Trost in ihrer Traurigkeit und im heißen Gebet für ihren fernen Sohn.

Auch der harte Stein in Walthers Seele hatte mit der Reue über seine Härte gegen seinen Sohn angefangen, mürbe zu werden. Der Kummer und die Tränen seiner guten Frau machten ihn jeden Tag mürber.

Alle Nachforschungen blieben ergebnislos. Der Kapitän des Schiffes, der es mit Leonhard wohlgemeint hatte, war ja tot, und sowohl Offiziere als Matrosen des Schiffes, die sich so abscheulich und unbarmherzig gegen Leonhard benommen hatten, mochten keine Kunde verbreiten, die sie der Gefahr aussetzte, daß, indem man Leonhard fände, auch durch ihn ihr abscheuliches Betragen bekannt würde.

So logen sie denn noch zu ihrer Schandtat und sagten, in Saint Croix sei er nicht geblieben, sondern gleich wieder zu den französischen Inseln in der Nähe von Saint Croix abgereist. Damit war denn jede Spur verwischt. Von den Briefen, welche Leonhard heimschrieb, war auch nicht einer in die Hände seiner Eltern gekommen.

Dies beugte den Vater noch tiefer. Wie erging es dem armen Jungen? Diese Frage quälte ihn unablässig. Er hatte ihn vielleicht in die Arme des Elends gestoßen; er war vielleicht schuld an seinem Tod! Zu dieser innern Veränderung, die sich in einer gänzlichen Wandlung kundtat, und in einem ebenso sanften wie liebreichen Betragen gegenüber Frau und Kindern, kam nur zu bald auch noch eine äußere. Walther hatte mit einem anderen Kaufmann ein Handelsgeschäft getätigt, war aber mit diesem in einen bittern Zwist geraten. Dadurch wurde der richtige Zeitpunkt versäumt, und das ganze Geschäft schlug fehl und brachte ihm empfindliche Verluste an seinem Vermögen. Kaum war dieses Unglück geschehen, so machte ein Handelshaus in Altona Bankrott, das Walther ein beträchtliches Kapital schuldete. So kam ein Verlust zum andern. Allmählich mußte Walther seinen Handel beschränken, und nach Verlauf einer kurzen Reihe von Jahren war er ein armer Mann. Das ist Gottes Strafgericht! sagte er zu sich selbst. Das habe ich an meinem Kind verdient, daß ich ohne Erbarmen in die Welt hinausstieß! Da nagte denn der Wurm, der nicht rastet, und hörte nicht mehr auf. Jeder kummervolle Blick seiner Frau war ein Stich in sein Herz.

Da war wieder Gottes Schule wirksam, darinnen die harten Köpfe, die stolzen Herzen, der übermütige Sinn gebeugt werden! Und hier tat sie ihre gute Wirkung.

Als er sein letztes Vermögen zusammenraffte, blieb kaum so viel, daß er mit seiner Familie, bei großer Einschränkung und fleißiger Arbeit, dürftig leben konnte. Er mietete ein kleines Landhäuschen mit einem Gärtchen außerhalb der Stadt und zog dorthin. Er suchte Arbeit in einem Handelsgeschäft; seine Frau und Tochter verdienten zu Hause mit Nähen, Sticken und Stricken Geld, und doch reichte es nicht, die große Familie zu ernähren.

So groß auch ihre Not war, Walthers treffliche Frau dankte doch Gott dafür; denn ihr Mann war ja ein anderer geworden. Er war kein Tyrann mehr im eigenen Haus, dessen Heftigkeit und Jähzorn sie alle erschreckte. Er war ein sanfter, liebevoller Gatte und Vater geworden. Sie trug ihr Leid im stillen und dankte Gott für diese Veränderung.

Hier hatte es sich dann wieder bewährt, daß Gottes Wege durch Nacht zum Licht führen.

Hätte nur die gute Mutter etwas von ihrem Sohn gewußt, sie würde Gott noch herzlicher für diese Wendung ihres Schicksals gedankt haben. Er war der Gegenstand ihres täglichen und stündlichen Gebets. Manchmal ging, in ihrem Herzen ein Stern der Hoffnung auf, aber dann verdeckte ihn wieder dunkles Gewölk.

Je größer die Not, je näher Gott! Dies herrliche Sprichwort sollte sich an Walthers Familie aufs neue bestätigen.

Es war an einem schönen Abend, als Walther mit schwerem Herzen bei seiner Frau saß. Es war eine teure Zeit damals. Ihre sechs Kinder wollten ernährt, gekleidet, unterrichtet sein. Das kostete mehr, als sie bei allem Fleiß, bei aller Sparsamkeit erübrigen konnten. Nun waren sie zwei Vierteljahre mit der Zahlung der Miete im Rückstand, und es fehlte an Geld dazu. Der harte Eigentümer des Häuschens und Gartens drohte, sie hinauszuwerfen, wenn sie nicht zahlten. Aber das war unmöglich! Der Vater saß da mit gefalteten Händen; blickte mit feuchtem Auge betend hinauf zum Himmel, von wannen allein Hilfe und Rettung kommen konnte. Die tiefergriffene Mutter lehnte ihr Haupt an seine Schulter, und ihre Tränen rannen leise ins Gras. Die älteste Tochter stand am Stamm des Baumes, unter dem sie saßen, und drückte ein Tuch an ihre Augen, das ihre Tränen auffing. Die jüngeren Kinder, die das Weh ihrer Eltern noch nicht begriffen, spielten arglos.

Da kam einer der Knaben gelaufen und sagte, es sei eben ein Wagen dahergekommen, aus dem ein Herr gestiegen sei, der nach dem Vater frage.

›Großer Gott‹, rief voll freudigen Schreckens die Mutter aus, ›vielleicht sendet uns Gottes Gnade rettende Hilfe!‹ – Der Fremde nahte schon. Es war Leonhard! Als er seine kummervollen Eltern erblickte, versagten ihm die Kräfte. Er taumelte laut weinend gegen einen Baum. Niemand erkannte ihn. Nur das Auge der Mutterliebe sah schärfer als alle. Sie rief: ›Mein Sohn!‹ und sank ohnmächtig zur Erde.

Die Tochter eilte zur Mutter, denn sie hatte in ihrem Schmerz auf den Ausruf der Mutter nicht geachtet. Der Vater aber eilte auf seinen Sohn zu, umfaßte ihn, sah ihm ins Gesicht und rief dann: ›Leonhard! Mein Leonhard! Hab' ich dich denn wieder?‹

›Vater‹, seufzte der erschütterte Sohn, ›vergibst du mir denn?‹

›O mein Kind‹, rief da der Vater, ›frage so nicht! Hast du nicht mir meine unnatürliche Härte zu vergeben ?‹

Und nun fielen sie einander in die Arme, und der Bund der kindlichen und väterlichen Liebe wurde aufs neue für ewig geschlossen. Die harten Steine waren mürbe geworden, und Gott im Himmel hatte seine Freude dran und wußte es, daß sie von nun an rein mahlen würden.

Erst jetzt sahen sie, daß die Mutter wie eine Tote auf der Erde lag, hörten das Jammern der Kinder: ›Die Mutter ist gestorben!‹

›Seid ruhig‹, sprach der glückliche Vater. ›Die Mutterfreude bricht kein Mutterherz. Gott schenkt sie uns wieder!‹

Sie trugen sie nun ins Haus; aber nur mit vieler Mühe brachten sie die fromme Dulderin wieder ins Leben. Nun lag lange in seliger Freude der Sohn wieder am Mutterherzen, und erst dann konnte er die Geschwister bewillkommnen, die so schön herangewachsen waren, daß er sie kaum kannte.

Im Haus des Kummers war die Freude eingekehrt. Je größer die Not, je näher Gott!

Nach und nach faßten sie sich wieder, und Leonhard, der den Brief, den der Vater noch immer in seiner Hand gehalten, aber am Bett der Mutter doch fallen gelassen hatte, aufhob und flüchtig hineinblickte, erkannte die Quelle des tiefen Leids, in das er sie versenkt gesehen hatte, als er kam.

›Gott sei Preis‹, rief er aus, ›daß ich zur rechten Stunde kam, ehe größeres Weh euch Lieben heimsuchte! Nun ist alle Sorge vorüber! Gott hat mich, ohne daß ich es verdiente, reich gesegnet; aber alles, was ich habe, ist nicht mein, es ist euer, und die Tage der Not sollen nun in Tage des Glückes sich um wandeln!‹

Der erste Sturm der Freude ging vorüber. Als sie ruhiger beieinander saßen, konnte Leonhard ihnen von seinem Geschick erzählen, das sie aufs neue zum Lobe Gottes führte, der die Seinen, zwar oft wunderlich, aber immer zu ihrem Heil führt.

Leonhard zahlte nun schnell die rückständige Miete; aber damit nicht zufrieden, ruhte er nicht, bis er ihr altes, väterliches Wohnhaus in der Stadt wieder gekauft hatte. Und nun begannen Vater und Sohn mit neuer Tätigkeit Handelsgeschäfte, die Gott sichtbar segnete, denn nun mahlten keine harten Steine mehr dabei, sondern es herrschten Liebe, Sanftmut, Friede und Milde. Treuer Fleiß und unbestechliche Redlichkeit walteten im Haus und im Geschäft. Die Mutter lebte wieder auf. Es war, als habe der so tiefgebeugte Vater neue Jugendkraft gewonnen. Die Kinder wuchsen auf in Gottesfurcht und blühender Gesundheit – kurz, Glück und Segen begleiteten die Familie auf allen Wegen, ihr Wohlstand wuchs zur früheren Blüte, und ihr Familienglück trübte kein inneres Leid mehr. Wohl begegnete Leonhard später einmal dem Schiffsleutnant, der ihn so mißhandelt hatte; er war kränklich, und es ging ihm über. Statt Rache zu nehmen, tat er ihm Gutes und sammelte die feurigen Kohlen der Erkenntnis und Reue auf sein Haupt.

Was ich noch zusetzen möchte, ist das: Wenn das Sprichwort so wahr sagt, daß zwei harte Steine nicht rein mahlen, und diese Begebenheit zeigt, daß erst das Unglück sie mürbe machen muß, so will mir's doch scheinen, es sei besser, sich im rechten Ausschauen zu Gott selber mürbe zu machen, wenn man ein harter Stein ist; die Hitzköpfigkeit zu beherrschen, den Starrkopf zu bändigen und mild und sanft zu werden. Das gelingt dem, der tut, was Christus sagt: ›Wachet und betet, daß Ihr nicht in Anfechtung fallet!‹«

Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an das Licht der Sonnen

In den Jahren meiner Wanderschaft war ich auch in Straßburg in Arbeit, sagte der Schmiedjakob, da wurde mir die nachfolgende Geschichte einmal erzählt:

In der schönen Stadt Straßburg im Elsaß lebte vor etwa fünfzig Jahren ein sehr reicher Mann, ledigen Standes. Solche alte Junggesellen haben alle ellenlange Haarzöpfe, zwar nicht in der Wirklichkeit, denn diese Mode ist längst vorüber, sondern ich meine damit ihre Eigenheiten und eingerosteten Vorurteile. Besagter alter Junggeselle hatte solcher Zöpfe zwei. Der eine war ein gewaltiger Hochmut und der zweite ein ebenso gewaltiger Geiz.

Seine Geldkiste hatte sieben Schlösser, und wenn er geben sollte, so waren alle sieben Schlüssel verlegt oder verloren, und er konnte sie schlechterdings nicht finden.

Nun hatte er eine Schwester, die wider seinen Willen einen armen, aber sehr braven Mann geheiratet hatte. Seitdem durfte sie ihm nicht mehr vors Angesicht kommen. Sie lebte in einem Städtchen sehr kümmerlich und wandte alles, was sie auf- und losbringen konnte, daran, ihren sehr talentvollen Sohn wohl unterrichten zu lassen. Als er aber auf die Universität Straßburg gehen sollte, um als Geistlicher zu studieren, da starb sie plötzlich. Der junge Mensch war außer sich vor Schmerz über den Tod seiner geliebten Mutter. Er sah sich nun aller Mittel beraubt, die von ihm gewählte Laufbahn einzuschlagen.

Ein wackerer Mann, ein Freund seiner Eltern, der aber selber arm war, sagte zu ihm: »Verzagen Sie nicht, Herr Schmitt. Mancher junge Mann hat schon in Straßburg studiert und hatte keinen Heller Vermögen. Da gibt es gar viele Gelegenheit, in reichen Familien Unterricht zu geben, und der wird in Straßburg erstaunlich bezahlt. Auf ihren feindseligen Onkel können Sie ja doch nicht zählen. Ich habe viele Freunde in Straßburg und komme heut über acht Tage hinein. Da will ich Ihnen schon die Wege bereiten. Seien Sie guten Mutes!«

Das war ein Ehrenmann, der für seines Freundes Kind getreulich sorgte. Als er zurückkam, ließ er den jungen Schmitt rufen.

»Der liebe Gott hat geholfen!« rief er ihm fröhlich entgegen. »Bei einem Freunde wohnen Sie, das steht fest, und kostet Sie keinen Pfennig. Sie unterrichten dafür sein Söhnlein. Die Vorlesungen kriegen Sie frei, und in noch drei anderen Familien geben Sie Unterricht, der Ihnen so viel abwirft, daß Sie prächtig durchkommen.«

Der junge Schmitt ging nach Straßburg, und alles ging herrlich. Er brauchte den Knicker von Onkel nicht und ließ ihn laufen; aber der Onkel ihn nicht. Wer glauben wollte, der Alte habe seine Sünde gegen seine verstorbene Schwester erkannt und wolle am Kind gutmachen, was er an der Mutter verschuldet, der hätte sich verrechnet. Das war's nicht, sondern – der Hochmut war's, der die sieben Schlösser des Geldkastens löste. Es war ihm hier und da unter die Nase gerieben worden, seiner leiblichen Schwester Sohn behelfe sich kümmerlich und könne sich nur mit Unterrichtgeben erhalten, sei aber musterhaft in Fleiß und Sitten. Das wurmte den Alten. Er fing an, sich zu schämen, daß seiner Schwester Sohn sich wie ein Bettler durchschlagen solle. Da ließ er denn eines Tages den jungen Schmitt zu sich kommen, stellte sich, als blute sein Herz, daß er nicht schnurstracks zu ihm gekommen sei; er würde ihn mit Liebe aufgenommen haben. Nun müsse die Armutei aufhören. Er müsse das Unterrichten aufgeben, bei ihm wohnen, bei ihm essen, und er werde schon dafür sorgen, daß er auch in seinem äußeren Auftreten seinem Onkel keine Schande mache.

Der junge Mensch fiel aus allen Wolken, aber es war so. Der Alte hielt Wort. Nach und nach gewann er sogar den musterhaft braven Schwestersohn lieb, und das Geld, das er ihn kostete, tat ihm allmählich weniger weh im Herzen. Der junge Mensch fragte nicht nach den Beweggründen dieses Benehmens des Alten, trug ihn auf den Händen und wurde durch Fleiß und Talent ein tüchtiger Mann.

Der Schuftikus von Geizhals glaubte aber nun auch, seiner Schwester Sohn müsse in allen Stücken sein Sklave sein, der gar keinen eigenen Willen habe und haben dürfe.

»Was willst du nun anfangen?« fragte er ihn, als der junge Mann sein Examen bestanden hatte.

»Mein Brot verdienen, Oheim, und Ihnen nicht länger zur Last fallen«, sagte der junge Schmitt.

»Das ist ein ganzer guter Gedanke«, versetzte zufrieden lächelnd der Alte, »aber nur in einer Weise, die keinen Schatten auf uns wirft. Zum Beispiel, Unterricht darfst du hier nicht geben, Hauslehrer hier nicht werden; das würde mir zur Unehre gerechnet. Weißt du was? Werde Vikar bei dem alten Pfarrer zu M. Da übst du dich im Amt und bist bei braven Leuten, wie ich höre. Er sucht einen Vikar. Er ist zwar ein Lump, fuhr er fort, der dir wenig wird geben können; allein man muß sich behelfen. So lernt man hausen und sparen. Habe mich auch durch die Welt drücken müssen. Hast du dann einmal eine gute Pfarrei und heiratest eine recht reiche Frau, die zu hausen versteht, so kannst du ein wohlbehaltener Mann werden.«

Schmitt wäre nun für sein Leben gern in Straßburg geblieben, aber er durfte den alten Isegrimm nicht vor den Kopf stoßen; daher ging er nach M., und der alte Pfarrer nahm ihn gern als Vikar an.

Schmitt fühlte sich auch ganz wohl da. Der alte Pfarrer war ein ehrwürdiger, vortrefflicher Mann, der alles aufbot, um ihn zufriedenzustellen. Er war Witwer und hatte nur eine einzige Tochter, ein ebenso schönes wie tugendhaftes Mädchen; aber der alte Pfarrer war durch Unglücksfälle in Schwierigkeiten geraten. Zwar hatte er keine Schulden; aber es war auch nicht das geringste Vermögen da, und die Stelle war auch keine von denen, die man fette Pfründen nennt, und ungemein lästig, denn sie hatte eine Filialkirche, fast anderthalb Stunden entfernt. Der Weg dahin führte über einen hohen Berg, der mit Hochwald dicht bewachsen war. Und dennoch fühlte sich Schmitt dort glücklich, denn die Gemeinde hatte ihn lieb, der alte Pfarrer hielt sehr viel von ihm und – er und des Pfarrers Tochter waren ein Herz und eine Seele. Der Pfarrer, der das wußte und gern sah, leitete es ein, daß er pensioniert wurde und Schmitt die Pfarrei erhielt. Alles ging nach Wunsch, und Schmitt eilte nach Straßburg, sein unerwartetes Glück dem alten Oheim anzuvertrauen.

Dieser freute sich darüber; denn immer fürchtete er, Schmitt könne ihm doch noch einmal wieder zur Last fallen. »Nun«, sagte er, »wird es gut sein, daß du dich verheiratest und eine reiche Frau nimmst. Da wüßte ich eine!« Er schlug im eine fünfzig Jahre alte Person vor, ebenso bekannt durch ihren Geiz als durch ihre Kratzbürsten-Natur.

Schmitt bekannte mit Offenheit, daß er mit des alten Pfarrers Tochter verlobt sei.

Da brach ein Gewitter los, wie Schmitt noch keins erlebt hatte.

Der Alte warf ihm seiner Mutter Verbindung mit einem armen Mann, ihr Elend, seine Hilfleistung mit den bittersten und härtesten Worten vor und sagte dann, als Schmitt sich nicht umstimmen ließ, er solle ihm nie wieder unter die Augen treten.

Betrübt, aber in sich ruhig, ging Schmitt weg. Die Heirat mit des Pfarrers Tochter schied ihn auf immer von seinem Onkel. Er lebte indessen glücklich und zufrieden bei seinen beschränkten Verhältnissen, geliebt und geachtet von seiner Gemeinde und jedem, der ihn kannte. Fünf Kinderchen blühten ihm fröhlich auf, und der Gedanke an des Onkels Feindschaft, obwohl sie ihm schmerzlich war, konnte sein Familienglück nicht stören.

Da ereignete sich etwas Entsetzliches! An einem Sonntagmorgen ging froh und zufrieden der Pfarrer Schmitt von seiner Familie weg, um des Gottesdienst im Filialdorf zu halten. Um Mittag sollte er wieder da sein; aber im Filialdorf läutete es, und es kam kein Pfarrer. Bei der Pünktlichkeit in seinem Amt war das etwas Außerordentliches. »Er ist gewiß krank geworden«, sagten die Leute; allein er kam auch nicht heim, und da das die Frau sehr beunruhigte, sandte sie einen Boten ins Filialdorf.

Als dort die Bauern hörten, wie es stand, sagten sie: »Gebt acht, es ist ihm ein Unglück unterwegs im Wald widerfahren!«

Die ganze Gemeinde brach auf, den geliebten Seelsorger zu suchen. Der Bote war mit der Nachricht schnell heimgelaufen, und auch vom Wohnort aus folgte alles der jammernden Gattin in den Wald.

Wer beschreibt den Schrecken, das Entsetzen, den Jammer, als sie den Pfarrer dort – erhängt an einem niedern Baum fanden?

Nach den Gesetzen mußten sie ihn an Ort und Stelle lassen und dem Gericht Anzeige erstatten. Dessen Vertreter kamen mit den Ärzten. Nach genauester Untersuchung zeigte sich keine Spur von einer Gewalttat. Er hatte seine Uhr noch, eine alte silberne Uhr von geringem Wert. Daß er kein Geld in der Tasche hatte, ließ nicht auf Gewalttat schließen, weil die jammernde Familie bekannte, daß er nie Geld bei sich zu tragen pflege, wenn er nicht eine Reise mache.

Da war denn kein Zweifel, der Pfarrer war ein Selbstmörder! Aber was hatte ihn dazu bewegen? Da lag ein undurchdringliches Dunkel! Er lebte in den glücklichsten ehelichen Verhältnissen. Kein Zweifel trübte das schönste Familienleben. Wenn auch kein Reichtum da war, so hatte doch die Familie keine nagenden Sorgen und ihr einfaches Auskommen. Kein Unglück hatte sie heimgesucht. Kein Elend drohte. Er war gesund, stets heiter gewesen. Keine Spur von Schwermut war an ihm zu bemerken gewesen. Kurz – hier lag ein entsetzliches Dunkel, das menschlicher Einsicht zu durchdringen völlig unmöglich war. Von dem Jammer der Familie will ich schweigen. Jeder begreift ihn und kann sich ihn denken. Den alten Pfarrer beugte dieser Schlag in dem Maße, daß er bald darauf starb. Nun stand die arme Frau mit ihren Kinderchen allein in der Welt, ohne Vermögen, ohne Stütze. Ihr Los war aufs betrübteste gefallen. Sie mußte das Pfarrhaus bald verlassen, und nichts blieb übrig, als sich im Dorf einzumieten. Jedermann dachte: Dieses harte Schicksal wird das steinerne Herz des alten Onkels erweichen!

Allein, wer dies glaubte, verrechnete sich völlig. Die Schmach des Selbstmordes, die der Pfarrer ihm angetan, erbitterte ihn in dem Grade, daß er auch nicht die geringste Unterstützung der unglücklichen Witwe und ihren Waisen zukommen ließ. Ja, sein Zorn ging so weit, daß er einen Notar kommen ließ, um ein Testament aufzusetzen, in dem er sein Vermögen Fremden vermachte und die Witwe und die Kinder seines Neffen völlig enterbte.

So häufte sich denn ein Maß der Trübsal auf die arme Witwe, das jede andere niedergebeugt hätte. Sie blieb stark. »Wie schwer auch der Verdacht des Selbstmordes auf meinem Gatten ruht«, sagte sie mit der Klarheit und Festigkeit der heiligen Überzeugung, »so ist er dennoch unschuldig. Zwar bin ich außerstande, das entsetzliche Dunkel aufzuhellen, aber ich habe keinen Zweifel, es ist ihm Gewalt angetan worden. Gott allein weiß es, wie es geschehen ist, und er wird es auch ans Licht bringen und die Schmach vom Namen meines Mannes wegnehmen und tilgen!«

Das glaubten auch alle, die ihn näher kannten; aber es blieb ein unaufhellbares Dunkel über seinem Tod, und leider waren auch wieder viele dennoch überzeugt, er sei ein Selbstmörder gewesen.

Die Härte des Oheims beugte die gute Frau nicht. In ihrer Seele lebte ein lebendiger Glaube an den, der aller Witwen Versorger, aller Waisen Vater ist. Sie arbeitete mit kunstfertiger Hand für andere Leute, erzog ihre Kinder in der Liebe zum Herrn, und siehe, er erweckte ihr viele Herzen, die ihr Wohltat und Unterstützung in so reichlichem Maß angedeihen ließen, daß sie nicht zu darben brauchte.

Das Gericht selbst hegte große Zweifel, daß der Pfarrer sich selbst entleibt habe. Unermüdlich forschte der Staatsprokurator in allen Richtungen nach den Spuren des Verbrechens; doch auch nicht die leiseste, nicht die entfernteste Andeutung bot sich dar, an deren Hand man hätte hoffen dürfen, das Dunkel aufzuhellen.

So vergingen Jahre, und die Zeit legte den Mantel des Vergessens über eine Begebenheit, die so viele Gemüter erschüttert, eine harmlose Familie in den tiefsten Abgrund des Jammers gestürzt hatte.

Da wurden in der Gegend von Weißenburg zwei kühne Einbrüche und ein Raubmord auf offener Landstraße verübt, der die Polizei in eine ungewöhnliche Aktivität versetzte. Ihren Bemühungen gelang es endlich, zwei Menschen zu ergreifen, die bereits seit Jahren mehrmals den Gefängnissen entsprungen waren und sich stets an der Grenze bald als Schmuggler umhergetrieben hatten, bald mit dem begründeten Verdacht verübter Verbrechen belastet, über die Grenze zu entkommen wußten, ohne daß es hätte gelingen können, ihren Aufenthaltsort zu entdecken.

Alle Umstände sprachen gegen sie, und bald war es klar, daß sie die Urheber dieser und anderer Verbrechen und Schandtaten waren.

Der Staatsprokurator und der Untersuchungsrichter entlockten ihnen fast täglich das Geständnis neuer Verbrechen, die sie mit einer Frechheit bekannten, die das Herz fast vor solcher teuflischen Verdorbenheit erstarren machte. Grade, als ob ihm Gott den Gedanken eingegeben hätte, fiel eines Tages im Verhör dem Prokurator der Pfarrer Schmitt wieder ein. Wer weiß, dachte er, ob ich nicht hier wieder einen neuen Schlangenweg der Bosheit entdecke! Er fragte daher den einen der Verbrecher kurz und bündig: »Sagt mir doch einmal, wie ist es denn eigentlich mit der Erhängung des Pfarrers Schmitt von M. zugegangen und warum ihr ihm seine Uhr nicht nahmt, sondern nur die paar Kreuzer, die er in der Tasche hatte?«

Der Verbrecher fuhr zusammen, als hätte ihn eine giftige Natter gebissen.

»Wie kommt Ihr zu dieser Frage?« entgegnete der Verbrecher. »Was weiß ich von der Geschichte?«

»Das wäre schon gut«, fuhr, durch die Betroffenheit des Menschen noch mehr bestärkt in seiner Meinung, der Prokurator fort, »wenn nicht Euer Geselle bekannt hätte, Ihr hättet ihn aufgehängt!«

Da brach der Mensch in ein wildes, rohes Schimpfen aus und sagte: »So legt er mir zur Last, was er doch nur getan hat!«

Da durchzuckte ein Strahl der Freude das Herz des richterlichen Beamten. Er sah, daß er sich nicht getäuscht hatte. Die erste Spur eines Verbrechens lag vor ihm, das den Namen eines durchaus unbescholtenen Mannes mit Schmach belastet hatte. Er stellte sich nun, als wisse er schon alles von dem anderen, und sagte: »Ja, der ist pfiffig! Kann er eine Schuld von sich auf Euch schieben, so tut er's. Erzählt Ihr mir einmal den Hergang genau, dann muß es sich doch herausstellen, wer der Mörder ist, und den die Strafe treffen, der sie verdient hat.«

Jetzt war dem Menschen die Zunge gelöst.

»Wir kamen damals mit einigen Ballen geschmuggelten feinen Tabaks über die Grenze«, erzählte der Verbrecher, »und lagen in dem Wald im Dickicht. Es war an einem Sonntagmorgen und alles so still im Wald, daß man den Schritt eines Wanderers auf dem Weg deutlich hören konnte. ›Hör mal‹, sagte da mein Kamerad, ›unser Geld ist bald alle. Laß uns, wenn der Kerl, der da kommt, so aussieht, daß er Geld hat, ihn kaltmachen. Es ist kein Mensch weder nah noch fern.‹ Ich riet ab, weil wir mit dem Tabak nicht weit mehr zu gehen hatten und dann ein schönes Stück Geld verdienten. Auch mochte ich an einem Sonntag so etwas nicht gerne tun. Er lachte mich aus, nahm einen Strick und schlich leise dem Weg zu. Ich hinter ihm drein.

Da sahen wir einen schönen Mann in feiner, schwarzer Kleidung daherkommen. ›Es ist ein Pfarrer‹, flüsterte mein Kamerad mir zu, ›und da er so gut gekleidet ist, hat er auch Geld.‹ Auffallend war es, daß der Pfarrer laut vor sich hin redete und mit den Händen dazu gestikulierte, als ob er auf der Kanzel stehe.

›Der lernt seine Predigt auswendig!‹ sagte mein Kamerad. ›Gib acht, den fang' ich wie die Metzger einen scheu gewordenen Ochsen!‹ Er machte nun schnell aus dem Strick eine Schlinge, zog seine Schuhe aus, und als der Pfarrer an uns vorüber war, kroch er aus dem Dickicht heraus, schlich, ohne daß der laut redende Pfarrer es hörte, hinter ihn, warf ihm die Schlinge über und zog so schnell und so heftig zu, daß der Pfarrer ohne einen Laut hinstürzte und schnell erdrosselt war.

Jetzt mußte ich helfen. Wir trugen ihn schnell an den Platz, wo unsere Bündel lagen, und untersuchten seine Taschen; aber wie täuschte sich mein Kamerad! Auch nicht ein Kreuzer war bei ihm zu finden! –

›Hätt' ich das gewußt‹, sagte er, ›so hätt' ich den armen Schlucker laufen lassen!‹

›Da steckt eine Uhr‹, sagte ich, denn ich hörte sie ticken. Er zog sie heraus. Es war eine uralte, schlechte silberne Uhr, die keine zwei Fünffrankentaler wert war.

Die feinen Kleider und die Uhr hätten wir wohl gern mitgenommen; aber das hätte uns verraten können.

›Nun mag er auch alles behalten‹, sagte mein Kamerad, ›und weißt du was? Wir führen einmal die Leute recht an!‹

›Wie?‹ fragte ich.

›Wir hängen ihn mit dem Strick da an den Ast, putzen seinen Rock sauber ab und lassen ihm alles. Finden ihn dann die Bauern, so heißt's, er habe sich erhängt, und niemand verfolgt uns!‹

Dies geschah schnell, und da zu vermuten stand, daß man den Pfarrer bald suchen würde, so machten wir uns so schnell wie möglich davon, nachdem wir vorher die Spuren im Staub des Weges, wo der Erdrosselte sich noch gewehrt hatte, getilgt hatten, wanderten wir rasch unserm Bestimmungsort zu.

Daß unsere List vollkommen gelungen war, hörten wir bald; denn wir kamen wieder als Schmuggler in die Gegend, wo uns denn auf die Frage, was es Neues gäbe, ein uns vertrauter Kohlenbrenner erzählte, der junge, brave Pfarrer von M. habe sich erhängt, und kein Mensch könne begreifen, was den frommen Mann zu solcher Tat, könne bewegen haben, da er doch gar keinen Beweggrund dazu gehabt habe. Das aber könnt Ihr mir glauben«, setzte der Verbrecher hinzu, »daß uns niemals ein Streich so gereut hat wie der, denn er brachte uns nichts ein als diese Reue und die Angst, die uns deswegen oft plagte.«

So war denn unverhofft, nach sieben vollen Jahren, ein Verbrechen durch Gottes wunderbare Fügung, die dem Prokurator den Gedanken eingab, entdeckt, das den braven Geistlichen gebrandmarkt hatte.

Der Gerichtsschreiber hatte die ganze Erzählung aufgeschrieben, und der Verbrecher unterschrieb ohne Einwendungen das Protokoll.

Als es der Prokurator dem anderen vorhielt, mußte er es vollständig bestätigen.

So kamen denn endlich die Verhandlungen vor Gericht, und feierlich wurde Schmitts Unschuld anerkannt und auf alle mögliche Weise verkündigt, damit die Ehre des unschuldig hingemordeten Mannes hergestellt werde und die Schmach vom Namen seiner Kinder weiche.

Wurde auch seine Ehre hergestellt, was sie um ihrer Kinder willen wie um seinetwillen so sehr freute, so machten doch die Umstände seines Todes einen um so tieferen und schmerzlicheren Eindruck auf die arme Witwe, und sie versank wieder in die Tiefe ihres neu erwachten Schmerzes.

Aber auch zu ein paar anderen Ohren kam die Kunde von der Unschuld seines Neffen an dem ihm zur Last gelegten Selbstmord, zu denen des alten Geizhalses. Er war fast achtzig Jahre alt, aber noch rüstig. Diese Nachricht aber ergriff und erschütterte ihn derart, daß er keine Ruhe mehr finden konnte. Sein ganzes Verhalten gegenüber dem Verunglückten erschien ihm nun als höchst verwerflich. Er vernichtete das Testament und machte dadurch seine herz- und lieblosen Bestimmungen ungültig. Das genügte ihm nicht. Er zog die genauesten Erkundigungen über die verlassene Frau und ihre Kinder ein. Was er hörte, war nur Gutes, nur Lob. Endlich mietete er den billigsten und verrufensten Mietkutscher, der wegen des schlechten Zustandes seines Fuhrwerks und wegen seines elenden Pferdes fast von niemanden mehr genommen wurde, und fuhr nach M. Dort trat er in das Haus der armen Witwe. Sie kannte ihn nicht. Sie hatte ihn nie gesehen; aber freundlich und artig empfing sie den wankenden Greis. Als er aber überall die Spuren tiefer Armut und doch die Ordnung und die Reinlichkeit gewahrte; als er die blühenden Kinder sah, die so still ihre Arbeit taten, so dürftig gekleidet waren – da brach er in ein lautes Weinen aus und rief: »Vergebt mir, der ich herzlos und ohne Erbarmen war, ich bin Euer Oheim, der alles gutmachen will!«

Und er hat Wort gehalten. Die Witwe zog zu ihm nach Straßburg und pflegte ihn bis an sein Ende wie eine Tochter den Vater, und er segnete die Stunde, wo sie in sein Haus getreten war. Ihre Kinder aber erzog sie in der Gottesfurcht nach wie vor, und sie gerieten gut und wurden tüchtige Leute, wie ihr unglücklicher Vater einst ein tüchtiger Mann gewesen war. Diese Geschichte aber lehrt's klar, daß die strafende Hand Gottes den Verbrecher immer erreicht und kein Verbrechen so heimlich begangen wird, daß es der Vergelter nicht ans Tageslicht zöge. Darum, was du tust, bedenke das Ende, so wirst du nimmermehr Übels tun. Du aber, der du unschuldig leidest, sei getrost; es wird dir alles wohl belohnt werden!

Die Geschichte von den zwei Ferkelstechern

Ich brauch's kaum zu sagen, wen man Ferkelstecher nennt; jedermann weiß, daß das die sogenannten Winkeladvokaten sind, welche von den Untergerichten die kleinen Prozesse führen (die Ferkel stechen) – während die Advokaten vor den Landgerichten usw. die großen Prozesse führen (die erwachsenen Schweine stechen). Beide haben's mit fetten Braten zu tun, und wir liefern sie ihnen!« So sprach eines Abends der Schmiedjakob. Und der Andreas sagte: »Schmiedjakob, da habt Ihr nicht fehlgeschossen. Ich hab's neulich erst gemerkt.«

»Wohl bekomm's«, sagte der Schmiedjakob, »und ich denke, dir geht's, wie das Sprichwort sagt: Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Ich will euch aber mal eine Geschichte erzählen, die könnte manchem als Wegweiser dienen.

In einem ehemals kurtrierischen Städtchen lebten so zwei Ferkelstecher und saßen tüchtig in der Wolle, die sie dem armen Volk ausgerauft – und das Volk fror, wie solches ihm recht geschah.

Einmal hatten beide nichts zu tun und gingen zum Tor hinaus spazieren, ohne daß sie voneinander wußten, und jeder dachte bei sich: Du gehst einmal in das nächste Dorf, trinkst einen Schoppen und siehst zu, ob's kein Prozeßchen gibt, ob nicht zwei aufeinanderzuhetzen sind oder dergleichen. Das Dorf lieferte ihnen die besten Kunden, denn es hatte das Gericht sozusagen in Pacht. Die zwei hatten sich einander nicht extra lieb; denn der Brotneid ist ein giftiges Gewächs. Unterwegs begegnen sie sich.

›Wohin, Kollege?‹ fragte der Fuchs den Wolf. »So will ich beide nennen«, sagte der Schmiedjakob, »weil man leider nicht immer das Kind beim rechten Namen nennen darf.« – Der Wolf dachte heimlich: Wärst du, wo der Pfeffer wächst!, sagte aber laut: ›Will ein bißchen nach Prozeßbach gehen.‹ So hieß nämlich das Dorf im ganzen Land.

›Blitz noch einmal‹, sagte der Fuchs, ›da will ich auch hin, und wir können dann miteinander gehen! Glaub' auch‹, fuhr er fort, ›wir haben da einerlei Geschäfte

›Wieso?‹ fragte der Wolf.

›Ei, Kollege‹, rief der Fuchs aus, der ein rechter Schelm war, ›die Bauern fangen an und werden gescheit, und das ist unser Verderben‹

›Wieso?‹ fragte der Wolf wieder.

›Ei, sie halten Frieden und führen keine Prozesse mehr. Seit vier Wochen ist kein Prozeßbacher mehr vor Gericht gewesen. Das ist ja unerhört! Solange sie sich schimpfen und verklagen, prügeln und verklagen, sich über die Grenze ackern und verklagen – so lange ist unsre Erntezeit. Hört das mal auf, dann können wir uns krummlegen oder arbeiten, und keins von beiden gefällt mir! Da will ich einmal selber nach Prozeßbach gehen und nachsehen, ob's nicht ein bißchen Hader gibt, daß ich etwas verdiene, und das willst du auch, ich seh' dir's an der Nase an!‹

Der Wolf brach in ein unmäßiges Gelächter aus. ›Du bist ein Erzschelm‹, sagte er, ›und kennst meine Gedanken. Da du so offenherzig bist, sollst du mich in dieser Tugend nicht übertreffen, und ich will es ehrlich bekennen, daß ich auf denselben Schnepfenstrich ausging.‹

›Bravo!‹ rief der Fuchs. ›Das heiß' ich geredet, wie ein ehrlicher Mann spricht. Ich seh's auch gar nicht ein, warum wir uns das verheimlichen sollten. Wir beide ziehen ja an einem Strick. Du hinten und ich vorne. Jeder Prozeß hat zwei Parteien, und für die treten wir beide allemal vor. Heute gewinnst du, morgen ich. Wenn wir uns auch vor dem Gericht wie bissige Hunde entgegenstehen: das ist von Berufs wegen und geht das Herz nichts an. Wir könnten die besten Freunde sein, und das war' erst recht unser Vorteil; denn da könnten wir die magersten Prozesse fett machen; könnten sie wie Draht in die Länge ziehen, und wer auch verlöre, wir hätten alle beide gewonnen !‹

Der Wolf lachte wieder und sagte, indem er sich an die Haselhecken am Wege mit dem Rücken lehnte und stehenblieb. ›Das ist verständlich geredet, und mir ist's schon recht. Laß uns denn Hand in Hand gehen und die Bauern schinden, daß es eine Art hat!‹ ›Topp!‹ rief der Fuchs. ›Wie steht's denn in Prozeßbach? Weißt du nichts ?‹

›Ich gebe dem Büttel alle Monate einen halben Taler‹, sagte der Wolf, ›daß er mir alles sagt, was dort vorgeht. Der kommt alle Tage und sagt: es sei windstill und ganz verdammt friedlich im Dorf.‹

›Sitzen sie denn nicht mehr im Wirtshaus?‹ fragte der Fuchs.

›Ei freilich‹, war Wolfs Antwort.

›Oho!‹ sagte der Fuchs. ›Wenn das so ist, so ist geholfen. Wirtshäuser, das sind unsere Advokaten. Versteh! Da gibt's übers Karten und Trinken Händel; sie raufen sich und –wir sind Hahn im Korb, denn es gibt Prozesse! Will dir einen herrlichen Vorschlag machen. Ich gehe ins Wirtshaus. Die Bauern kennen mich als einen, der foppen kann und Schnörkel machen. Gleich kommen sie mir nach. Darauf kommst du auch ins Wirtshaus und setzt dich zum Schoppen. Deine Kunden kommen dir nach. Ich rede, und du widersprichst. Nun ist es schon spät. Es kommt Licht. Unser Streit wird hitziger. Die Bauern nehmen Partei. Da stoß' ich das Licht um, und du gibst dem ersten besten eins auf die Nase. Wir zwei schlüpfen unter den Tisch, und die Bauern hauen sich gottsjämmerlich. Für Prozesse ist gesorgt, und unser Weizen blüht. Ist dir's recht so?‹

›Es ist vortrefflich ausgedacht‹, sagte der Wolf, ›und wir wollen ans Werk gehen.‹ So brachen sie denn auf und waren so vertieft, daß sie des Wannelpeters Philippsjakob gar nicht sehen, der hinter der Hecke stand und dachte: Ihr vermalefizten Ferkelstecher!

Es ist nun schon ziemlich spät am Nachmittag, als der Fuchs, der vorauslief, auf das Wirtshaus zuging. Die Bauern, die ihn kannten und wußten, daß bei dem keine Langeweile aufkam, folgten ihm ins Wirtshaus und setzten sich zu ihm.

Gleich darauf ging der Wolf ins Dorf und bog auch um die Ecke nach dem Wirtshaus. Hier nickte er einem seiner Kunden zu, dort winkte er einem, und bald folgte ihm auch ein Troß, und sie dachten, der Fuchs wird den Wolf hänseln und foppen. Der ärgert sich gleich wie eine Kreuzspinne, und da gibt's gewiß einen Spaß, der einen Schoppen wert ist.

So füllte sich die Wirtsstube, und der Wirt dachte: Ich wollt', die Ferkelstecher kämen alle Tage.

Kaum saßen sie, so sagte der Fuchs: ›Die Fruchtpreise sind zu niedrig, es kann kein Bauer mehr bestehen!‹ Dem widersprach der Wolf. Drauf sagte der Fuchs: ›Die Steuern drücken die Bauern mausetot.‹

›Ist auch nicht wahr!‹ rief der Wolf.

Da nahm der Schultheiß, der neben Wolf, dem Fuchs gegenüber, saß, Partei für Fuchs, und es ging hitzig aneinander.

Schon war's dunkel. Die Öllampe stand auf dem Tisch.

›Wenn mein Freund, der Herr Schultheiß, so wacker meine Sache führt‹, sagte der Fuchs, ›so kann ich mir eine Pfeife anmachen.‹

Das ärgerte den Wolf, und er rief: ›Am Ende ist so ein dummer Bauer doch gescheiter als ich!‹

Im selben Augenblick stieß der Fuchs das Licht um und versetzte dem Wolf einen Schlag von der Seite her, wo der Schultheiß saß.

Der Wolf meinte, sie komme vom Schultheißen und sei der Trumpf auf seinen ›dummen Bauern‹ und faßte den Schultheiß an der Gurgel.

Der rief: ›Ei du vermaledeiter Ferkelstecher!‹ und traktierte den Wolf rechts und links mit Faustschlägen.

Jetzt gab der Fuchs, der unter den Tisch gerutscht war, der Bank einen Stümper, daß die umfiel und alle Bauern, die draufsaßen, mit. Da gab's denn eine arge Prügelei. Der Wolf war ein gewandter Schelm, der sich losmachte und unter den Tisch schlüpfte zu seinem Kollegen, und der Schultheiß bleute seinen Nachbarn und der ihn – kurz – es war eben eine Wirtshausbalgerei, daß es eine Art hat.

Des Wirts Frau in der Küche hörte den Lärm, nahm ihr Licht und eilte in die Stube. Da sahen denn die Bauern, daß sie sich untereinander prügeln, und die beiden Winkeladvokaten saßen mit heiler Haut unter dem Tisch.

Da aber ging dem Schultheiß ein Licht auf. ›Halt!‹ rief er aus. ›Jetzt wird mir's klar, der Fuchs hat dem Wolf den Schlag versetzt und nicht ich, und am Ende glaub' ich, ihr Bauern, wir sind alle in den April geschickt. Die beiden Schwerenöter sind hergekommen, um Streit anzufangen, damit sie Prozesse kriegen.‹

›Da habt Ihr's getroffen, Herr Schultheiß‹, sagte des Wannelpeters Philippsjakob, der eben hereintrat. ›Ich hab's hinter der Haselhecke am Wege gehört, als sie vorübergingen, daß sie es so machen und euch alle aneinanderhetzen wollten, damit ihr euch tüchtig prügeltet und sie Prozesse bekämen.‹

›Daß euch alle Wetter!‹ fluchte da der Schultheiß.

Der Fuchs dachte: O weh, nun geht's an unser Fell! und wollte sich davonmachen; aber der Philippsjakob faßt ihn am Kragen, und die anderen Bauern packten den Wolf, der auf den Fuchs schimpfte, weil er ihn geschlagen habe, und nun hauten sie sie lederweich und jagten sie fort.

Verklagt haben sie die Bauern nicht, aber gute Freunde sind sie, nachdem diese erste Probe ihrer Freundschaft so übel ausgeschlagen, ihr Lebtag nicht mehr geworden.

Als sie fort waren, sagte der Schultheiß zu den Bauern: ›Was sind wir doch Esel! Wie oft haben die uns schon aneinandergehetzt, wenn auch anders als heute, und wir haben sie noch teuer dazu bezahlt, wenn auch wieder anders als heute. Ich will euch einen Vorschlag machen!‹

›Tut's, Herr Schultheiß‹, sagten die Bauern; aber des Schultheißen Nachbar sprach: ›Nur nicht wie heute‹, denn er hatte den ›Vorschlag‹ des Schultheißen gekriegt und spürte es noch.

›Wir haben heute allesamt mehr profitiert als beim besten Handel. Die Ferkelstecher haben uns die Augen geöffnet. Wir wollen sie trockensetzen.‹

›Wie?‹ fragten die Bauern.

›Ei‹, sagte der Schultheiß, ›wir wählen unter uns ein Schieds- und Vergleichsgericht und verbinden uns, alle unsere Streithändel erst vor dies Schiedsgericht zu bringen, ehe wir uns am Gericht das Kamisol ausziehen lassen. Und kommt ein Prozeß doch vor Gericht, so darf keiner einen Advokaten nehmen.‹

Das wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen, und am andern Tage schon wählten sie drei Schiedsrichter, und seitdem hat das Dorf den Namen Prozeßbach verloren, und die Ferkelstecher mußten – arbeiten, wenn sie nicht hungern wollten.«

»Das war recht«, sagte der Philipp; »aber sagt einmal, Schmiedjakob, geht's nicht noch alle Tage so?«

»Freilich«, sagte der Schmiedjakob. »Geh mal einer hin und frage so einen Ferkelstecher: ›Herr X. Y. Z., was soll ich da machen? Der Veit hat mich geschimpft!‹ ›Verklagt ihn !‹ sagt er gewiß.

Ein anderer frage ihn: ›Herr X. Y. Z., was soll ich da tun? Der Michel hat mir eine Kuh verkauft als fehlerlos, und nun stößt und schmeißt sie?‹

›Verklag ihn!‹ sagt er.

Und so geht's in allen Fällen. Wenn ihr einmal hört, daß so einer sagt: ›Ach was, vergleicht euch und spart euer Geld!‹, so laß ich mich gleich hängen.

Und wer macht sie reich? Wir. Tragt ihnen keine Ferkel hin, so stechen sie keine, und macht's wie die Prozeßmacher oder, noch besser, denkt allzeit an das Sprichwort: Friede ernährt, Unfriede verzehrt!«

Der Krakeeler

Es ist eine eigene Sache, hob eines abends auf aller Bitten der Schmiedjakob zu erzählen an, daß manchmal der Anblick eines Menschen wie ein Rätsel vor einem dasteht. Man fühlt, daß da etwas Verborgenes, Geheimes liegt, und man muß den Menschen immer wieder darauf ansehen, ohne daß man eigentlich sagen könnte, warum. Gibt man nur genauer auf ihn und sich selber acht, so ist doch meist etwas Auffallendes, Sonderbares in seinem Wesen, der Grund der Neugierde, die gern dahinterkommen möchte, warum er dies Auffallende an sich habe. Das ist mir einmal in einem Dorf am Donnersberg so ergangen. Wenn man aus der Hintergasse rechts herum zur Kirche gehen wollte, so fiel einem das Eckhaus auf, ein recht stattliches, geräumiges Bauernhaus, dessen Außenwände weiß und dessen Balken dunkelrot mit schwarzen Einfaßstreifen angestrichen waren. Hof und Scheuer nahmen einen weiten Raum ein, und überall tat es sich kund, hier wohne ein reicher, dicker Bauer. Und doch wohnte in dem Haus ein einzelner, ein lediger Mann, der einen Knecht und eine alte Magd hatte und so zurückgezogen und still lebte, daß man ihn nirgends in einer Gesellschaft sah.

Dieser Mann war es, der mir gleich anfangs, als ich herkam, ungemein auffiel. Ich will euch aber auch gleich sagen, warum. Es war ein großer, schöner Mann von etwa vierzig Jahren, der zu den Reichsten zu zählen war, aber sein schönes Gesicht war bleich wie das eines Toten, sein Haar weiß wie frisch gefallener Schnee. Nie hab' ich ihn lächeln sehen; der düsterste, schmerzlichste Ausdruck lag in seinem Gesicht. Er sprach nur so viel, als unumgänglich nötig war, und jeder Versuch, aus ihm etwas herauszulocken, war umsonst.

Der war so ein Rätsel, und ich will's ehrlich gestehen, ich hätte wohl wissen mögen, was für Schicksale dieser Mann erlebt hatte, die ihn zu dem gemacht hatten, was er nun war.

Eines Tages war er länger bei mir in der Schmiede gewesen, weil er einen neuen Wagen hatte beschlagen lassen. Da machte er erst recht wieder meine Neugierde rege. Sonntags saß ich wieder beim Großvater auf der Bank im Garten. Da fiel mir der weiße Peter wieder ein, wie sie ihn nannten, nicht, weil er etwa mit seinem Namen Weiß geheißen hätte, sondern weil er so schneeweißes Haar hatte und doch noch so jung war.

»Großvater«, begann ich, »was hat es doch mit dem weißen Peter auf sich? Der Mann muß ein schweres Schicksal gehabt haben, weil er schon so grau und doch noch so jung ist und weil er immer so gesenkten Hauptes einhergeht und mit niemandem redet?«

»Ach ja«, sagte der Greis, »mit dem hat es freilich eine absonderliche Bewandtnis, und es ist eben keine fröhliche Geschichte, die ich dir da erzählen will. Du bist noch ein junger Kerl, und ich denke, es schadet keinem etwas, wenn er lernt und an einem Beispiel von so auffälliger Art lernt, wie nötig es ist, überall und immer Herr seiner selbst zu bleiben. Du bist auch auf einem Dorf jung geworden, Jakob«, fuhr der Greis fort, »und weißt so gut wie ich, wie es dort zugeht, besonders unter dem Jungvolk.

Es gehört da oft dazu, um sich großzutun, daß man ein rechter Krakeeler ist, der sich nichts gefallen läßt, alle Welt narrt, jedem über die Nase fährt und seine Gründe mit zwei kernhaften Fäusten zu bekräftigen allzeit bei der Hand ist.

Ich glaube, es gibt kein Dorf, das nicht solche Vögel herbergt. Genauer besehen, wirst du gefunden haben, daß das niemals arme Burschen sind, sondern Reiche, die in dem Willen um ihr Geld und Gut schon den Übermut und das Recht zu tragen glauben, nach niemandem zu fragen, und keinem andern es zugestehen, das, was sie zu tun Lust tragen, zu tadeln.

Hat nun so ein Raufer, so ein Eigenherrchen einen Groll auf einen andern, so hebt er sich's auf für die Kirchweih. Da muß geprügelt und geklopft werden, denn da trinkt er sich erst Frechheit und Mut an; dann wird's ausgemacht – und eine Kirchweih ohne Schmisse wäre ja eine unerhörte Geschichte.«

Was da der Großvater sagte, war so richtig und wahr, daß ich es nur bestätigen konnte, und auch hier haben wir ganz dasselbe alle Jahr vor Augen. Der Großvater meinte, er müsse das so vorausschicken, weil's eigentlich der Grund und Boden sei für die Mitteilung über den weißen Peter.

»Siehst du«, fuhr er dann fort, »in dem Haus, in dem nun der Peter wohnt, wohnte damals sein Vater, der unstreitig der Hochmütigste und Hoffärtigste im Dorf war. Er hatte nur den einen Sohn, und dem einzigen Bübchen war eben alles erlaubt. Der Alte war in seiner Jugend auch so ein Erzkrakeeler gewesen, und da lernte es denn das Peterchen von keinem Pfuscher. Alle stillen, braven Jungburschen mieden seine Gesellschaft, und er gewann eben nur Anhang bei rohen Gesellen oder solchen, die sich von ihm die Gurgel schwenken ließen, und solcher Schmachtlappen gibt's ja überall genug. Diese Rotte, es waren ihrer etwa vier, fünf Burschen, stellte alle Malefizstreiche im Dorf an; machte nachts bis elf, zwölf Uhr Lärm, daß ehrliche Leute nicht schlafen konnten, und verfolgte namentlich die ordentlichen Burschen überall, um sie zu reizen. Oft brachen sie in eine Spinnstube ein, und was unerhört war, sogar die jungen Weiber hatten keine Ruhe, und wenn ein Alter einmal dreinfuhr, waren sie imstande, ihn auszulachen. Der Anführer, Anstifter und Vorderste war da immer der Peter, und der Alte freute sich seines Jüngelchens und meinte, wenn ihm einmal einer wegen seiner schlechten Zucht die Meinung sagte, die Jugend müsse toben; die Ärgsten würden gerade als Männer die Besten. Du kannst dir denken, daß das für den Peter Öl auf die Ampel war.

Einen Schatz hatte er im Dorf nicht; aber wußt' er, wo ein braver Bursche einen hatte, da ging er gewiß hin und machte sich an das Mädchen heran. War es dumm und meinte, es sei dem Peter ernst, und ließ seinen Schatz laufen, so lachte er es aus und ließ es sitzen.«

»Ei, warum waren denn die Mädchen so einfältig, da sie ihn doch kannten?« sagte ich.

»Jakob«, sprach der Großvater, »du weißt, die Weiber sind wankelmütige Wesen. Jede meinte, bei ihr sei es ihm doch einmal ernst, und du mußt denken, er war ein einzig Kind und einer der Reichsten im Ort; daß er aber auch sonst Eigenschaften hatte, einem Mädel den Kopf zu verdrehen, wenn er Süßholz raspelte, kannst du ihm noch heute ansehen. Er war der schönste Bursche im Dorf.

Nun wohnte drüben am Pörtchen eine arme Witwe, die Reiberin; die hatte einen Sohn, der Andres hieß. Er ernährte seine alte Mutter mit seiner Hände Arbeit, denn er war ein geschickter Weber, wie es weit und breit keinen gab. Alle Stadtleute ließen bei ihm Damast weben und bezahlten ihn sehr gut. Der Andres war das Muster eines braven Jungen, der mit dem Peter gar nichts mochte zu tun haben und ihm nirgends in den Weg kam. Dennoch neckte und hänselte dieser ihn, wo er konnte. Sich aber doch zu hart an ihn heranzumachen, wagte der Peter nicht, denn Andres war sehr stark, und ich glaube, er hätte den Peter, so groß und stark er auch war, in die Luft geworfen und wie einen Ball wieder aufgefangen.

Jedermann hatte den stillen, fleißigen Andres lieb, während kein Mensch den Peter leiden mochte, der nur herumstolzierte mit der silbernen Kette an der Uhr und mit dem dicken Meerschaumkopf, mit Silber beschlagen, und die Leute ärgerte.

An dem Andres hätte er sich gar gern einmal reiben mögen, wenn er eben nur gewußt hätte, wie er es anfangen sollte.

Nun hatte der Andres Reiber ein Mädchen lieb, ebenso brav, aber auch so arm wie er. Stinchen hieß das Mädchen. Es war des Wagnerjakobs Tochter, der droben hinter der Schule wohnt. Das Stinchen war unstreitig das schönste Mädchen im Ort. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lieblich und sittsam es war. Die zwei hatten sich von Kindesbeinen an von Herzen lieb, und der ehrliche Andres dachte nun alles Ernstes daran, sein Stinchen zu heiraten.

Da merkte er, daß der Peter Miene machte, ihm ins Gehege zu kommen.

Wunderbarlich war's, daß es diesmal dem Peter auch ernst war. Das herzige Mädchen gefiel ihm so sehr, daß er, ohne daß es freilich sein Vater ahnte, dem Mädchen nachstieg und den Andres auszustechen suchte. Da hatte er sich nun verrechnet. Das Stinchen war so einfältig nicht, sich von ihm betören zu lassen, und fand auch nicht den mindesten Gefallen an ihm. Es wies ihn zurück, wo er in seine Nähe kam, und als er endlich allen Ernstes um sie warb, da bekam er einen Korb von dicken, derben Weiden. Das drückte ihn und traf seinen Hochmut unendlich hart. Er war lange Zeit gar nicht mehr der Mensch wie sonst; allein er raffte sich wieder auf. Die Liebe zu dem schönen Stinchen wandelte sich in Haß um, der sich nun mit aller Macht gegen Andres richtete, weil der ihm doch bei Stinchen ganz allein im Wege stand. Wo sich eine Gelegenheit ergab, verspottete und verhöhne er ihn aufs bitterste.

Andres schwieg dazu und ließ ihn gehen. Das ergrimmte den Peter nur noch mehr und brachte ihn am Ende zu der Annahme, der Andres sei feige und fürchte sich vor ihm.

Einst traf es sich, daß sie an einem Sonntagnachmittag zusammenkamen, wo dann der Peter, da auch die Mädchen dabei waren, das Stinchen auf alle Weise beleidigte.

Da sprang Andres auf und sagte: ›Wenn du Tagedieb über mich schimpfst, so hab' ich das still hingehen lassen, weil ein Mensch wie du einem ehrlichen Burschen die Ehre nicht abschneiden kann; daß du aber das Mädchen beleidigst, das ist ein Schurkenstreich; schweig, sag' ich dir, oder ich mache dich schweigen.‹

Wie ein Tiger schoß der Peter auf Andres zu und faßte ihn bei der Gurgel. Er war gräßlich anzusehen, denn seine Augen waren aus dem Kopf getreten und glühten im Zorn, und vor seinem Mund war Schaum, wie bei einem wütenden Hund.

Andres faßte seine Hand mit solcher Gewalt, daß der Peter laut schrie vor Schmerz; dann gab er ihm eine so heftige Ohrfeige, daß Peter eine Minute lang völlig toll war und taumelte.

Damit war's aber nicht zu Ende. Zwei Spießgesellen des Peter fielen über Andres her, um ihn tüchtig durchzubleuen; doch sie flogen wie Spreu, der eine hierhin auf die Wiese, der andre dorthin.

Die übrigen Burschen lachten laut. Das Lachen steigerte die Wut des hochmütigen Peter so, daß er sich aufs neue, als er sich erholt hatte, auf den Andres stürzte, der zum Ringen gerüstet dastand.

Peter war blind vor Wut, als er den stämmigen Andres anfiel. Der sah seinen Vorteil, unterlief ihn, faßte ihn dann um den Leib, hob ihn in die Höhe und warf ihn mit solcher Wucht auf die Wiese, daß er betäubt eine Weile regungslos liegenblieb.

Die Mädchen waren fortgelaufen, und die übrigen Burschen mischten sich nun in den Streit und legten ihn, wie es schien, äußerlich bei; aber wer den Peter kannte, wußte, dabei bleibt's nun nicht: Laßt nur die Kirchweih kommen, dann erleben wir ein Spektakel.

Peter wich fortan dem Andres, dessen Muskelkraft er nun kennengelernt hatte, wohlweislich aus; aber die Leute hatten recht. Der wütendste Haß loderte in seinem Herzen, und er schmiedete einen Plan der Rache nach dem ändern. Da er aber den Mut nicht mehr hatte, es allein und mit wenigen gegen den Andres aufzunehmen, so warb er sich alle seine Genossen zu Helfern, um am Kirchweihfest die Sache ordentlich auszutragen und den armseligen Leinweber einmal so zu treffen, daß er an sie denken solle. Der Andres wußte das wohl, aber es kümmerte ihn nicht im geringsten. Er konnte darauf rechnen, daß alle ordentlichen Leute auf seiner Seite standen, wenn die Übermacht über ihn käme.

Stinchen, das nichts Gutes ahnte, bat ihn um alles in der Welt, nicht zur Musik zu gehen; sie wollte ja gern auf das Vergnügen des Tanzes verzichten; aber Andres tat es nicht. »Soll ich mich durch den Strolch um meine und deine Freude bringen lassen?‹ sagte er. ›Nein, er soll mich finden, wenn er es wagt, an mich zu gehen!‹

So kam die Kirchweih, und abends, als schon der Tanz wirbelte und der Wein in die Köpfe zu steigen begann, trat Andres mit seinem schönen Stinchen in den Tanzsaal.

Wer die Augen des Peter und seiner Helfershelfer gesehen hatte, konnte aus dem Zwinkern und Blinzeln wahrnehmen, daß etwas verabredet war, und ein Trupp Burschen und junge Männer hatten sich vereinigt, jedem Streit entgegenzutreten und ihn womöglich zu verhindern.

Einige Tänze gingen ohne Störung vorüber, und die Leute dachten, es bliebe ruhig. Da begann die Musik aufs neue, und Andres begann arglos mit seinem Stinchen zu tanzen. Da stellte der Peter ihm ein Bein, und Andres fiel mit seinem Mädchen unter dem lauten Hohngelächter Peters und seiner Gesellen zu Boden.

Das war doch zuviel für den Andres. Er raffte sich auf, faßte den Peter und schleuderte ihn zur Erde, daß noch zwei der Gesellen mit ihm stürzten. Das war das Zeichen!

Nun warfen sich alle auf ihn. Der Andres arbeitete wie ein Riese unter den Kerlen, und sie fielen wie die Kegel.

Die jungen Männer und übrigen Burschen mischten sich drein und wehrten ab. Der Peter aber hatte sich aufgerafft, hatte eine Weinflasche ergriffen, sich hinter den Andres geschlichen und ihm die Flasche mit solcher Wucht auf den Kopf geschlagen, daß er blutend zusammenbrach.

Jetzt stürzte alles herbei; aber es war zu spät. Die Glasscherben waren in das Gehirn gedrungen, der gute Andres war in wenigen Minuten tot.

Als es Peter sah, rief er, teuflisch auflachend: ›Das war für die Ohrfeige auf der Wiese !‹

Du kannst dir den Schrecken und Jammer vorstellen, Jakob«, sagte der Großvater.

»Das Stinchen lag neben ihm auf der Erde in einer todesähnlichen Ohnmacht; aber erst die alte arme Mutter! Jakob, ich half ihn heimtragen. Etwas Ähnliches hab' ich nie wieder erlebt, und Gott behüte mich, daß ich etwas von der Art wieder erleben sollte.

Der ganze Ort war in Trauer und Jammer; aber was den Haß auf den Peter noch erhöhte, war, daß er weitertanzte, als wär' nichts geschehen.

Der Ortsvorstand hatte indessen schnell Nachricht in die Stadt gesandt. Die Herren, der Richter, der Bürgermeister und der Doktor, kamen sogleich, und Peter wurde sofort verhaftet und in die Stadt fortgeführt.

Der Eindruck auf Peters hochmütigen Vater war kein tiefer. Er scheute sich nicht auszusprechen, daß es eine silberne Säge gäbe, die alle Fesseln zerschneide, und einen goldenen Hammer, der Kerkermauern breche. Daß er damit auf die Macht seines Geldes hinwies, war leicht zu verstehen. Der Unwille gegen ihn war so groß, daß er sich nirgends durfte sehen lassen.

Das Begräbnis des armen Andres war wahrhaft erschütternd. Der Pfarrer hielt eine mächtige Rede, worin er nachwies, daß der Mangel an Gottesfurcht immer und überall solche Früchte trage, und dazu hatte er vollen Grund, denn der Peter wie sein Vater gingen selten in eine Kirche; im Hause herrschte Fluchen und Schelten, aber das Gebet hatte keine Stätte. Die Warnungen, die der Pfarrer aussprach, gingen so tief in die Herzen hinein, daß von da an mancher in sich ging, besonders einige von den Spießgesellen Peters.

Die Beklagenswertesten aber waren Stinchen und die Mutter. Wie zwei Leichen wankten sie hinter dem Sarg her, und als das Grab zugeschaufelt wurde, da war der tiefe Schmerz so groß, daß alle in lautes Weinen ausbrachen. Ich dachte, sie würden beide bald begraben; aber die Frauenherzen haben meist mehr ausdauernde Kraft als die der Männer. Freilich kehrten auf Stinchens Wangen keine Rosen mehr zurück, und als ihre Eltern starben, zog sie ganz zu der unglücklichen Mutter und suchte ihr den geliebten Sohn zu ersetzen. Sie lebten, in Liebe verbunden, still dahin, und Stinchen schlug beharrlich jeden Antrag ab. Sie wollte ihrem Andres die Treue bis ins Grab bewahren.

Mit dem Peter ging es den langsamen Gang des gerichtlichen Verfahrens. Das Gericht war damals in Mainz, und er saß fast ein halbes Jahr in strenger Haft. Nur einmal war sein Vater bei ihm; aber die Unterredung mußte herzergreifend gewesen sein, denn der Übermut des Alten war im innersten Mark gebrochen. Was ihm der Sohn gesagt hat, ist damals nicht bekanntgeworden; allein die Veränderung seines Wesens und Tuns war zu auffallend, als daß man nicht hätte annehmen müssen, in jener Zusammenkunft mit seinem Sohn liege der alleinige Grund. Er ging von da an in die Kirche; man sah ihn sonntags nie mehr im Wirtshaus, sondern er saß allein zu Haus mit seinem Gebetbuch; er zankte und fluchte nicht mehr. In einem Fall trat das am auffallendsten hervor. Die Mutter des Andres schuldete noch auf ihr Häuschen an einen Hypothekengläubiger vierhundert Gulden, und der Mensch drängte nun die arme gebeugte Frau. Als das ruchbar geworden war, kam eines Tages die Quittung über die Summe samt den Zinsen an die Frau, und kein Mensch erfuhr, wer's bezahlt hatte; doch ebensowenig zweifelte jemand daran, daß es der Vater Peters bezahlt habe. Das söhnte die Leute wieder mit ihm aus, und es gesellte sich das Mitleid mit ihm doch auch hinzu, denn man sah, wie ihm das Schicksal seines Sohnes zu Herzen ging und wie er schnell alterte, und zwar von innen heraus.«

»Aber, Großvater, wie ging's denn mit dem Peter?« fragte ich.

»Laß mir nur Zeit«, sagte er darauf und fuhr nach kurzer Unterbrechung fort: »Du magst dir denken, Jakob, daß eine Menge Zeugen gehört wurden. Nicht nur alle Leute, die damals auf dem Tanzboden waren, wurden verhört, sondern noch eine Menge außerdem, welche es bestätigten, daß Peter ein Krakeeler, ein Raufer und Händelsucher gewesen sei und daß der Andres ihn niemals gereizt habe. Das alles brach ihm, wie wir sagen, den Hals. Vor dem Gericht zu Mainz wurde die Sache verhandelt. Sein Advokat wußte besonders hervorzuheben, daß er Stinchen liebgehabt und die Tat eine Frucht der wildesten Eifersucht gewesen. Sie fiel denn das Urteil ungemein mild aus, und nur eine Reihe von Jahren strenger Haft war das Ergebnis und die Übernahme sämtlicher Kosten, die freilich sehr hoch waren, aber dennoch den Vater Peters noch nicht zum armen Mann machen.«

»Ihr habt mir wohl nun das Ende der Geschichte soweit erzählt«, sagte ich, »allein es bleiben mir dennoch Dinge, die ich wohl kennen möchte; besonders das, was im Gefängnis vorfiel.«

»Du verlangst da, Dinge zu erfahren«, versetzte der Großvater, »die in dem Innern des Menschen vorgehen und die allein der kennt, welcher Herz und Nieren prüft und durch die Wirkungen seiner Gnade und Allmacht das Herz in der Brust umwendet. Was aber einem menschlichen Auge und Ohr erreichbar gewesen ist, das kann ich dir wohl erzählen. Der Gefängniswärter zu Mainz und der in der Stadt sind Brüder gewesen, und der Ölmüller drunten im Tal, der meines Sohnes Pate gewesen ist, war ihr Schwager. Damals sprach man hierherum fast von nichts anderem als von dieser schrecklichen Geschichte, und du kannst dir vorstellen, daß wir, wenn wir zusammenkamen, eben auch über nichts anderes plauderten.

Da hörte ich denn, daß der Alte seinen Sohn besucht habe im Gefängnis und fast zu Boden gesunken sei bei seinem Anblick. Von der Qual des Gewissens gefoltert, war der Peter ganz tiefsinnig geworden. Sein rabenschwarzes Haar war in wenigen Wochen schneeweiß geworden und alle frische Lebensfarbe aus seinem Gesicht gewichen, so daß er ausgesehen habe wie eine Leiche. Er habe den Vater angestarrt wie ein Irrsinniger und ihn erst gar nicht erkannt. Als er ihn endlich aber erkannt, habe er ihm gesagt, er, der Vater, trage die Schuld des Mordes an dem unglücklichen Andres zur Hälfte; denn er habe ihn, den Peter, aufwachsen lassen wie eine Brennessel; er habe keine Gottesfurcht in seine Seele gepflanzt, habe ihn nicht zum Guten angehalten, wohl aber Hochmut und Übermut ihm eingepflanzt und ihn gelobt, wenn er alle Welt geärgert und überall Hader und Streit angefangen habe. Nun sähe er die Frucht seiner Kinderzucht: sein Sohn ein Mörder, sein Namen mit Fluch und Schande belastet, seine Seele verdammt, denn der Hingemordete sei vor Gott sein Ankläger, und Abels Blut schreie um Rache zum Himmel; das unglückliche Stinchen und die arme Mutter stünden da als ihre Ankläger, und ihr Elend mehre seine schreckliche Schuld. Bei diesen Reden sei er immer wilder geworden und zuletzt in einen Zustand geraten, der völlige Raserei geworden sei. Er habe sein Haar gerauft und geschrien: ›Ich bin verdammt, ewiglich verdammt, ohne Hoffnung der Gnade und Erbarmung!‹ Und in dieser schrecklichen Raserei habe er einen furchtbaren Fluch über seinen Vater ausgesprochen.

Endlich sei der Alte herausgetaumelt, wie ein Rasender selber, und sei fortgewankt, ohne daß er es gewagt habe, einen Menschen anzusehen.

Daraus läßt sich erklären, wie der Alte so plötzlich umgewandelt wurde. Das Strafgericht Gottes hatte seine Seele ereilt und ergriffen.

Der arme Peter soll entsetzlich gelitten haben, bis ein braver Geistlicher zu ihm kam, der soll seine Seele auf den Weg der Buße geführt haben. Sein Vater lebte fortan einsam und still; aber das muß ich ihm nachsagen, er wurde ein Wohltäter der Armen und Bedrängten; er wurde ein Christ, was er nie gewesen war, und die Wohltaten, welche von unbekannter Hand der armen Mutter des Andres zuflössen, kamen ohne Zweifel von ihm, obwohl er es so heimlich zu machen wußte, daß kein Mensch dahinterkommen konnte. Kummer und Gram nagten an seiner Seele, und in demselben Jahr, in welchem Peters Gefangenschaft endete, ist er gestorben.

Des Andres Mutter überlebte ihn. Stinchen wohnte als treue Tochter bei der alten Frau und pflegte sie mit kindlicher Liebe. Stinchen war arm, und es wäre ihnen wohl schlimm gegangen, wenn nicht, wie ich dir schon gesagt habe, gar oft Gaben von unbekannter Hand ihnen zugeflossen wären.

Endlich kam Peter wieder.

Allmächtiger Gott, wie war der Mensch verändert! Die meisten Leute kannten ihn nicht mehr. Sein Haar war schneeweiß, sein Gesicht leichenblaß.

Es soll ein herzzerreißender Augenblick gewesen sein, als er gleich am ändern Tag nach seiner Ankunft zu Andres' Mutter kam. Er warf sich weinend auf seine Knie vor den beiden Frauen und flehte um Vergebung wegen seiner Schuld.

Man mag es sich denken, wie es der Mutter und Stinchen zumute war; aber sein Flehen soll so bewegend, so herzergreifend gewesen sein, daß am Ende beide, dennoch überwältigt, ihm vergeben hätten. Ach, da habe er mit dem Haupt auf der Erde gelegen, und seine Tränen seien ordentlich wie ein kleines Bächlein auf dem Stubenboden geflossen!

Er ließ nun einen Notar kommen und setzte einen Schenkungsakt auf, wodurch er die Hälfte seiner Güter der Mutter Andres' übergab und nach ihrem Ableben dem Stinchen. Die wollten es nicht nehmen, aber er flehte so lange um Gottes willen, bis sie es endlich taten. Von da an lebte er so still und einsam wie heute noch, und wahrhaftig – seine Buße ist echt und tief.

Andres' Mutter starb bald darauf, und das Stinchen ist auch nicht alt geworden. Vor drei Jahren hat es Gott auch erlöst.

Nun kannst du oft den weißen Peter, wie er, seitdem er das schneeweiße Haar hat, heißt, allein auf dem Kirchhof sehen. Er sitzt dann auf des Andres Grab und weint heiße Tränen.«

Der Großvater schwieg eine Weile.

»Siehst du, Jakob«, begann er dann wieder, »das sind die Folgen des Krakeelens und der Kirchweihraufereien. Wollte Gott, die Jungburschen hielten sich das Schicksal Peters vor und würden erkennen, wohin ihre Streitsucht und rohe Prügelei führen könne. Wer mag das Elend ermessen, das aus der Tat rohen, verwilderten Übermutes, roher Selbstrache hervorgehen kann!«

Der Großvater stand auf und ging weg; ich aber saß noch lange da und dachte: O möchten es alle die auch denken, denen der Großvater einen Spiegel vorgehalten hatte.

Prinz Lieschen

»Die Geschichte, die ich euch heute erzählen will«, sagte eines abends der Schmiedjakob, »heißt: Prinz Lieschen.«

»Holla!« rief da der Gevatter. »Der meint gewiß, wir seien Kinder, und da will er uns ein Kindermärlein auftischen wie das vom Prinzen Bibi oder derlei eins!« »Es ist doch wahr«, sagte darauf der Schmiedjakob, »der Gevater hat eine feine Nase und könnte Ratsherr zu Nürnberg oder, wenn mal der berühmte Polizeirat Duncker in Berlin zur Freude aller Diebe und Halunken stürbe, sein Nachfolger werden; aber diesmal hat er doch neben das Ziel geschossen. Mit dem Prinzen Lieschen hat es so gut seine Richtigkeit wie damit, daß zwei mal zwei vier ist. Es ist eine wahre Begebenheit und kann darum heilsam und nützlich werden, denn sie lehrt, wohin Hochmut, verschrobener Sinn, Romanleserei und Eitelkeit den Menschen führen können, wenn er erst aus den Schranken getreten ist, die ihm Gott gesetzt hat, und das heilige Gesetz der Scham und Zucht aus den Augen läßt. Ich hätte auch drübersetzen können: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht – oder: Die Reue kommt allemal, wenn's zu spät ist; aber das wollte ich nicht, und die Leute zu Lunzenau und da herum wissen schon, warum.

In der Herrschaft Schönburg, im Königreich Sachsen, liegt das Städtchen Lunzenau. Nicht sonderlich groß ist's, aber recht gewerbefleißig und betriebsam, und es wohnen viel brave Leute drin. Vor etwa – oder daß ich es genauer sage, am Ende des siebzehnten Jahrhunderts, lebte in Lunzenau ein Zeugweber, der Apitzsch hieß. Er war ein stiller, braver Mann, der bei allen seinen Nachbarn beliebt war und im besten Rufe stand, aber es ging ihm wie heutzutage vielen Webern. Die Zeit war schlecht, und sein Webstuhl brachte ihm wenig ein. Der Mann hatte bessere Tage gesehen, war reich gewesen, hatte eine Anzahl Gesellen gehabt, aber sein blühendes Geschäft war in Rückgang gekommen, und jetzt plagte er sich Tag und Nacht allein und brachte doch nichts voran, ja kam kaum aus. Das war nicht seine Schuld. Unglücksfälle, lange Krankheiten, Ungunst der Zeiten hatten seinen Wohlstand zerrüttet. Er selber war sparsam. Nie sah man ihn wie andere seines Standes sonntags im Wirtshaus; er gab für sich die ganze Woche keinen Kreuzer aus. Es war traurig, aber es war so, das ließ sich nicht leugnen, daß oft Mangel und Not in seinem Hause waren. Er darbte und arbeitete und war zufrieden; allein es war noch jemand in seinem Haus, der nicht so demütig, geduldig und ergeben die Not trug, das war seine Tochter Lieschen.

Es ist ein großes Unglück, wenn ein Kind früh die liebende, sorgende wachende Mutter verliert. Noch schlimmer ist es für ein Mädchen, wenn es sich selber erzieht. Kommt aber noch jemand hinzu, der ihr den Narren einpfropft und ihr den Kopf schwindelig macht, dann steht's vollends schlimm. So ging's dem Lieschen. Ihr war die Mutter früh gestorben. Da pflegte nicht die mütterliche Sorgfalt das Heilige im Gemüt. Lieschen war hübsch, sogar sehr hübsch, und in ihrem Wesen, in ihrer Haltung lag so etwas vornehm Hochmütiges, daß man hätte meinen sollen, sie stamme aus gräflichem Blut. Wie das in das eitle Ding kam? Du lieber Gott, von ihrem stillen, demütigen Vater kam es nicht; aber da lebte nicht weit vom Tor in Lunzenau eine alte Base, die's gar nicht verwinden konnte, daß nie einer um sie gefreit. Nun waren längst Spiel und Tanz für sie vorbei, denn ihre Zähne waren ausgebissen; an ihren grauen Haaren sah niemand mehr, daß sie einst blond gewesen, alles in allem: die Tage waren gekommen und Jahre hinzugetreten, von denen man sagt: Sie gefallen mir nicht. Dem guten Apitzsch konnte sie es ohnehin nicht verzeihen, daß er, als seine Frau gestorben war, sie nicht zu seiner zweiten gemacht. Sie hatte es ihm zu verstehen gegeben, daß er keinen Korb bekäme, aber er verstand's nicht. Sie war Lieschens Pate. Da sie nun gar nichts zu tun hatte und doch leidlich leben konnte, so las sie den ganzen Tag Märchen, Romane, Rittergeschichten und dergleichen und hatte den Kopf voll abenteuerlicher Gedanken. Dabei verstand sie zu klatschen, mit der Zunge zu hecheln und wußte alles, was in Lunzenau geschah und nicht geschah, selbst was noch geschehen sollte, nämlich nach ihrer Meinung. Ihre beste Kunst bestand aber darin, daß sie, was sie einmal gelesen hatte, anmutig wiederzuerzählen verstand. Damit hatte sie Lieschen früh an sich gelockt. Wenn auch die Leute in Lunzenau meinten, die Base habe niemanden lieb als sich selber, so irrten sie doch sehr, denn sie vergötterte das Lieschen fast, so lieb hatte sie es. Alle Tage sagte sie dem Mädchen, es fehlten ihm zu einem leibhaftigen Engel nur ein Paar Flügel; sie müsse noch einen Grafen oder Fürsten heiraten, denn in ihr stecke etwas Großes.

Das sage jemand alle Tage einem jungen Mädchen vor und sehe zu, ob sie daran zweifelt! Wenn es aber eine alte Base tut, die ohnehin alle Weisheit gepachtet hat, so schlägt's gewiß durch. Das Lieschen konnte an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne hineinzublicken, und sie erstaunte allemal, wie richtig die Base gesehen habe. Sie sah's ja selbst, daß sie alle Tage schöner wurde. Wie andächtig hörte sie zu, wenn ihr die Base die prächtigen Geschichten erzählte, wie ein armes Mädchen durch seine Schönheit zur Frau von, Gräfin, Fürstin, ja Königin geworden war, und sie dachte allemal: Das passiert dir sicherlich auch noch!

Das allerschlimmste war, daß die Base dem Kind die Liebe zum Vater aus dem Herzen stahl. Sie wiederholte es alle Tage: ›Sieh, holdseliges Kind, du könntest das erste Mädchen in der Stadt sein. Daß du rauhe Arbeiten tun mußt, die für dein kleines, schönes Händchen gar nicht passen; daß du in groben Kleidern gehen, dich in allem behelfen mußt, daran ist dein Vater schuld, der Simpel! Hätte der einen Kopf und wäre zu rechter Zeit tätig gewesen, hätte sich nicht quergestellt, so wäret ihr steinreich; aber er ist ein Betbruder, ein Duckmäuser, der dich nicht einmal zum Tanz läßt. Die jungen Herren sehen dich ja nicht, wie können sie sich denn in dich verlieben?‹

So zischelte die alte Schlange, und Lieschen sog ihr Gift ein. Sie tat alle Arbeit mit Widerwillen. Mißmut und Unzufriedenheit erfüllten sie. Sie achtete auf vieles gar nicht, ließ manches zugrunde gehen, und so ging's immer mehr bergab. Der Vater konnte am Ende nicht mehr genug aufbringen, um zwei Menschen zu ernähren, und das war denn doch zu arg. Da konnte es denn nicht ausbleiben, daß der brave Mann ihr Vorstellungen machte, die Leviten las und den Kümmel rieb. Kam so was, so lief sie zur Base und hatte natürlich immer recht und der Vater unrecht.

›Ja‹, sagte Lieschen, ›es ist nicht mehr auszuhalten. Ich tue doch, was ich kann; aber alle Tage wird er grämlicher. Wär' ich ein Mann, ich ließe ihn sitzen und ginge in die weite Welt !‹

›Himmel, was wärst du für ein Bürschchen!‹ rief die Base. ›Ein Prinz wäre nicht schöner! Dir müßte es glücken !‹

So kam's, daß dieser Gedanke sich in ihrem Köpfchen festsetzte. Im armen Vaterhaus gefiel's ihr alle Tage weniger bei der schmalen Kost und harten Arbeit. Sie sehnte sich hinaus in die Welt, und seit in Lunzenau eine herumziehende Komödiantentruppe gewesen war, wo auch ein schamloses Mädchen als Mann gespielt hatte, da war's vollends aus, und sie sah sich schon bewundert wie die. Da konnte sie alle Tage einen Prinzen spielen mit leichter Mühe.

Armes Lieschen! Wenn ein böser Bube, unwillig über die strenge, väterliche Zucht, die Gott ihm zum Heil angeordnet hat, in die weite Welt läuft, weil er meint, einem Burschen wie ihm müßten die gebratenen Tauben überall ins Maul fliegen, so stehen ihm zwei Wege offen. Der eine führt zum Bettelsack, der andere ins Zuchthaus, wenn nicht noch weiter in die Höhe, nämlich an den Galgen; aber wenn solche Gedanken in einem Mädchenherzen aufsteigen, das in Demut, Sitte und Zucht das Haus ihrer Eltern als ihre Welt ansehen muß, bis es Gott fügt, daß sie an der Hand eines braven Mannes in ihr eignes einzieht – was soll's da werden? Welche Wege stehen da offen? Wahrlich, es überläuft mich eiskalt, wenn ich mir das denke! – Armes Lieschen, die Base war die Schlange in deinem Paradies. Hättest du ihr doch nicht dein Ohr geliehen!

Das Sprichwort sagt: Male den Teufel nicht an die Wand, er kommt sonst hergerannt! Lieschen hatte ihn drangemalt, das heißt, sie hing dem Gedanken nach, als Mann verkleidet in die Welt zu gehen, wo es ihr ja nach dem Wort der Base gar nicht fehlen konnte. An den alten Vater dachte sie nicht mehr; an Gott? – auch nicht, sonst hätte sie's nicht tun können.

Sie bedachte alles sehr wohl. Woher sollte sie aber Männerkleider kriegen? ›Halt!‹ rief da Lieschen aus und schnippte mit Daumen und Mittelfinger, ›hat nicht mein Vater noch den feinen schwarzen Anzug aus bessern Zeiten im Schrank hängen? Ich habe mir so manches alte Fähnchen modisch gemacht, warum sollte es mit den Männerkleidern nicht ebensogut gehen?‹ Der Vater war ohnehin mager und nicht größer als sie auch. Das war nun keine Hexerei mehr. Sie lief zum großen Kleiderschrank, probierte Rock und Hose und Weste einmal und – siehe da, nur wenig war zu verändern, und – es paßte!

Gerade um jene Zeit mußte ihr Vater auf etwa fünf, sechs Tage nach Annaberg verreisen. Das kam erwünscht. Sie machte sich dran, und bald paßten die Kleider. Des Vaters neue Stiefel waren zwar etwas groß, aber sie zog zwei Paar Strümpfe übereinander an, und es ging herrlich. Von ihrem Haushaltungsgeld kaufte sie sich eine Mütze, und der nette, schmucke Bursch war fertig. Nur eins quälte sie noch. Ach, die schönen, lange Haare! Indessen, auch das wurde überwunden, und die Schere machte sie schnell zum lieblichsten Jüngling. Der Plan war auch fix und fertig. Sie wollte sich für einen von einer harten und ungerechten Gutsherrschaft vertriebenen Schullehrer ausgeben. Wahrscheinlich waren die Komödianten noch nicht gar zu weit weg, daß sie sie bald erreichen konnte. Dann war geholfen. So verließ sie denn, ehe der arme Vater zurückkehrte, das Haus, das nun bald Zeuge des tiefsten Vaterschmerzes sein sollte, und wanderte an der Hand der allerschlimmsten Gesellen des Leichtsinns und der Gottvergessenheit in die weite Welt hinaus.

Wir müssen nun das leichtfertige Ding ein bißchen allein wandern lassen, weil ich euch, liebe Leser, mit anderen Leuten bekanntmachen muß, die bald mit Lieschen zusammenkommen sollten.

Wer in Sachsen bekannt ist, weiß auch, wo das Städtchen Schellenberg liegt und daß oben auf dem Gipfel des Berges, zu dessen Füßen das Städtchen, das prächtige Schloß Augustusburg steht. Dazumal war's prächtig eingerichtet, denn der Kurfürst von Sachsen, der zugleich auch König von Polen war, August der Starke genannt, kam dann und wann einmal dahin, wenn er nichts Besseres zu tun wußte als zu jagen. Das Schloß unterstand einem adeligen Herrn, dem Herrn von Günther, der den seltsamen Titel Oberfischmeister führte, wahrscheinlich, weil er die Aufsicht über die Fischereien führte oder geführt hatte. Es gibt halt allerlei närrische Titel in der Welt, und die Leute bilden sich etwas darauf ein. Das Sprichwort sagt: Jedem Narren gefällt seine Kappe!

Wer dem Herrn Oberfischmeister von Günther nachgesagt hätte, er wäre schuld am Krieg oder daß die Frösche keine Schwänze haben, oder gar, er hätte das Pulver erfunden: der wäre ein arger Lügner gewesen. Hätte aber einer gesagt, wie man sich bei uns auszudrücken pflegt, er habe einen Schuß mit der Pelzkappe gekriegt, was soviel heißt, als er sei nicht bei Trost, der hätte die Wahrheit getroffen. Keine hervorstechenden Eigenschaften als die der Dummheit zu haben, ist überall schlimm, vor allem am Hof eines Fürsten. Da sah man's bald genug ein, man könne den alten Mann zu nichts brauchen als höchstens zum unfreiwilligen Hofnarren. Dazu war er erstens zu vornehm, zweitens zu alt und drittens zu gutmütig. Da sandte man ihn denn mit dem Titel Oberfischmeister nach Augustusburg.

Der Titel gefiel ihm schon; auch die Ruhe, zumal er dick und fett war; aber daß er nicht mehr am Hof war, nichts mehr galt, das wurmte ihn gewaltig. Überdies plagte ihn die Langeweile da oben. Drunten im Städtchen Schellenberg wohnte ein Amtmann, der war zufällig auch am Verstand zu kurz gekommen und war ungefähr ebenso ein Pfiffikus wie der zu Augustusburg; aber er war ein Lügner und Windbeutel wie kein zweiter in Sachsen, wo's doch auch an Windbeuteln nicht fehlt. Er log wie gedruckt, so daß er's am Ende selber glaubte.

Niemand ist aber schlimmer dran als ein dummer Lügner. Dem sehen's die Leute schon an der Nase an, daß er lügt, weil eben, was er erzählt, nicht klappt. Der mußte just so einen haben wie den Oberfischmeister. Dem log denn der Amtmann alle Tage was Neues vor, und der glaubte es und freute sich, weil er Zeitvertreib hatte. Eines Tages kam er wieder, und als beide bei einer guten Flasche saßen, sagte der Amtmann: ›Haben denn der Herr Oberfischmeister gehört, daß unser Allergnädigster Kurfürst und König mit des Kronprinzen Hoheit so ein bißchen auseinander oder streitig sind?‹ ›Wa – wa – was ?‹ fragte dieser mit starrem Entsetzen.

›Ja‹, fuhr der Amtmann fort (und diesmal ist es nicht eine von ihm erdachte Lüge, sondern ein Schalk von Dresden hatte es ihm geschrieben, weil er ihn kannte), ›ich hab's schwarz auf weiß.‹

›Ist ja ganz entsetzlich !‹ rief der Oberfischmeister aus. »Jawohl«, sagte der Amtmann mit bedauerlicher Miene.

»Wissen denn der Herr Amtmann nichts Näheres?« fragte jener. »Ich kann schweigen wie ein Grab!«

»Weiß wohl«, sagte der Amtmann. »So hören Sie denn. Des Kronprinzen Königliche Hoheit wandern im Land herum, ganz mutterseelenallein, ohne einen Kammerdiener selbst, das hohe, edle, junge Blut! Daß aber so ein Kalif Harun al-Raschid in der Seele steckt, das geht daraus hervor, daß Ihre Hoheit überall fragen und forschen, alles genau untersuchen und gern die um das Land verdienten Männer kennenlernen wollen. Mancher baut sich wohl da im stillen die Brücke zu hohen Würden und Ehren!«

Als das der Oberfischermeister hörte, war er ganz starr vor Erstaunen und fragte hastig: »Hat man etwa Ihre Hoheit auch in unserer Nähe gesehen?«

»Ei freilich«, sagte der Amtmann und fiel wieder in seine alte Sünde, ins Lügen nämlich; »denken Sie nur, gestern kommt mein Kollege von – von – Dingsda – ach, es ist doch entsetzlich, was einem oft die Namen entfallen! Es ist, als schnappte sie etwas vom Munde weg – «

»Tut nichts«, fiel der Oberfischermeister hastig in die Rede, »ich weiß schon – fahren Sie nur fort!«

»Nun, der sagt«, log der Amtmann, »die Hoheit sei gekleidet wie ein Magister, gebe sich auch dafür aus, oder für einen Kandidaten. Ihre Hoheit Absicht sei, zu sehen, wie es eben im Lande stehe.«

»Ach, das ist ein königlicher Gedanke und erinnert wohl, wie der Herr Amtmann richtig bemerkten, an den berühmten Großtürken von Bagdad, der sich auch verkleidete und überall die Leute ausfragte, damit er etwas höre von diesem und jenem und die Spreu vom Weizen sondern lerne. Man sollte freilich Ihro Hoheit nicht mit dem Ungläubigen Harun al-Raschid vergleichen – aber – was ein Dörnchen werden will, das spitzt sich früh.«

»Nun«, sagte der Amtmann, »wollen davon nicht weiter reden, vielmehr davon, was zu tun, wenn Ihro Hoheit nach Schellenberg käme.«

»Oder vielmehr nach Augustusburg!« sagte der Oberfischmeister mit Stolz.

»Freilich, freilich!« rief der Amtmann; »ich meinte nur, Ihro Hoheit müsse doch zuerst nach Schellenberg, da es unten liegt. Sonst müßten ja Ihro Hoheit Flügel haben !«

Das ließ nun Herr von Günther gelten. Beide Herren verabredeten nun die Maßnahmen. Der Oberfischmeister meinte, man müsse den Prinzen mit Glanz empfangen, was aber der Amtmann dadurch widerlegte, daß er darauf hinwies, daß der Prinz unerkannt bleiben wolle. Man müsse tun, als kenne man ihn nicht, aber ihm doch alle königlichen Ehren erweisen.

An dem, was der Amtmann gesagt, war kein wahres Wort; aber das war richtig, daß ein solches Gerücht überall im Land umherlief.

Nun wurden auf Augustusburg die Gemächer in vollen Glanz versetzt, für die Tafel gesorgt, alles blank gemacht, und der Oberfischmeister lief in goldglänzender Uniform den ganzen Tag umher. Er spekulierte so: Mach' ich mich dem Prinzen wert, so komm' ich zu Ehren! Den ganzen Tag kam er nicht vom Fenster.

Dies Volksgerede kam aber niemandem besser zustatten als unserem Lieschen. Sie trug einen Anzug, wie ihn der Amtmann angedeutet hatte, war schlank wie eine Tanne gewachsen, jung, zart, schön und hatte, wie ich schon gesagt, ein vornehm-hochmütiges Wesen angenommen. Sie konnte für einen Magister gelten, wie man in Sachsen Pfarrer und Lehrer an höheren Schulen nennt, aber auch für noch mehr.

Es war recht heiß in jenem Sommer, und an einem kühlen Abend saß der Herr Oberfischmeister, des langen Wartens endlich müde, unter der schönen Linde im Schloßhof. Er dachte eben darüber nach, wie er sich des Prinzen Gunst sichern wolle, da trat Lieschen schüchtern durch das Tor in den Schloßhof, um als vertriebener Schulgehilfe sich einen Zehrpfennig zu erbitten, da ihre Kasse leer geworden und sie in Sorge war, drunten in Schellenberg ein Quartier zu finden ohne einen Kreuzer in der Tasche.

Als der Oberfischmeister die schlanke, feine Gestalt, das dunkle Haar, das allerliebste Gesichtchen sah und dabei den schwarzen Anzug, dachte er: Wenn das der Prinz nicht ist, so gibt's keine Prinzen mehr in der Welt! Und daß er geradezu nach Augustusburg kommt – wer könnte daran zweifeln?

Lieschen zog ihr Käppchen vor dem hohen Herrn und nahte sich mit hochklopfendem Herzen, um sich eine Gabe zu erbitten; aber wie erstaunte sie, als er sich ihr in einer Weise näherte, die es zweifelhaft ließ, ob die tiefste Unterwürfigkeit oder die reichste Liebe darin den Vorzug habe. Er sprach unter Bücklingen von dem Glück, welches ihm dieser hohe Besuch bereite, und bat, der junge Herr möge die Gnade haben, über die Schwelle des Schlosses zu treten, wo er von nun an allein Herr sei.

Anfangs meinte das Mädchen, der alte Herr sei ein arger Spaßvogel und wolle sie hänseln, oder es rappele bei ihm höchst bedenklich; aber ihr scharfes Auge sagte ihr doch, daß es dem Mann Ernst mit Wort und Tat sei. Sie dachte: Wenn er's so will, so ist's mir schon recht! Er macht mich ja zu einem Prinzen, ich nicht!

Wie weit es mit dem leichtsinnigen Mädchen gekommen war, das sieht man hier deutlich. Wer einmal auf dem Wege zum Bösen A gesagt hat, für den ist es am Ende auch nicht schwer, B zu sagen. Sie folgte nun dem Simpel, der sie zum Prinzen stempeln wollte, und dachte: Nun mußt du dich auch wie ein Prinz verhalten, denn er nennt dich bald ›Prinz‹, bald ›junger Herr‹, bald ›gnädigster Herr‹, und alles zusammen in einem Atem. Sie hatte von den Komödianten in Lunzenau gelernt, wie sich so ein Prinz gibt, und machte nach, und wenn sie's einmal falsch machte, so dachte der Oberfischmeister: Jetzt will er's wieder verbergen, daß er ein Prinz ist; aber es gelingt ihm nicht.

Nun wurde denn Prinz Lieschen in das prachtvollste Gemach geführt. Hier kamen beide in eine Unterredung, in der Lieschens natürlicher Verstand dem dummen Oberfischmeister so groß erschien, daß nun kein Zweifel mehr in seine Seele kam. Um nun zu zeigen, wie scharfsichtig er sei, sagte er, er habe sie gleich als Kronprinzen erkannt. Er wisse alles, wie es gekommen sei, und warum Ihro Hoheit in so unscheinbarer Gestalt im Lande umherreise; er bitte, fuhr er fort, Ihre Hoheit untertänigst, es sich bei ihm gefallen zu lassen. Er wolle schweigen wie ein Grab. Der Prinz möge nur befehlen; jeder Befehl werde auf der Stelle ausgeführt. Er sei sein treuester und jetzt durch seine Anwesenheit glücklichster Untertan!

Manchmal hatte Lieschen gefürchtet, der Oberfischmeister sei betrunken, aber nun sah sie (wie das Sprichwort sagt), wie die Pferde im Stalle standen oder – wie hier – der Esel. Sie bat um Ruhe und stellte sich nun, als er fort war, alles zusammen.

Sie fand schnell heraus, daß sie der Oberfischmeister für den verkleideten Kronprinzen hielt und daß Umstände vorhanden sein müßten, die dies begünstigten. Sollte sie sich dem schönen Abenteuer, ganz ähnlich denen, von denen ihr die Base so oft erzählt, entziehen? Man drängte es ihr ja auf. Sie hatte es ja gar nicht gewollt, und wenn sie die Ehre abwies, hatte der Oberfischmeister gelächelt und gesagt: »Ich weiß alles.« Nun konnte sie sich ja den Spaß machen und einmal ein paar Tage ›Prinzches spielen‹. Was vor Gott recht ist, was wohllautet und sittlich und ehrbar ist, das kümmerte das pflichtvergessene Mädchen nicht. Ihr galten nur ein leichtfertiger Spaß, gute Tage und Eitelkeit. So machte sie sich denn weiter kein Gewissen daraus, das Netz zuzuziehen, in dem der Oberfischmeister sich selber gefangen. Sie ging fortan auf seine Gedanken ein und sagte: ›Wenn ich bei Ihnen länger weilen soll, so müssen Sie mir geloben, über meine Person und wer ich eigentlich bin, das tiefste Schweigen zu beobachten.‹

Das gelobte der Herr von Günther, aber der war mir der Rechte vom Schweigen! Schon, als er noch in Dresden war, hieß er am Hof die Stadtschelle!

Nachdem Lieschen mit ihrem Plan fix und fertig war, ließ sie sich zur Tafel führen. Die bog sich vor Kostbarkeiten, die Lieschen nicht einmal dem Namen nach kannte. Sie ließ es sich bei königlicher Aufwartung königlich schmecken, ging dann zu Bett und schlief wie ein Prinz. Ich weiß aber einen zu Augustusburg, dem kam vor lauter Glück und Hoffnung auf künftige Ehrenstellen kein Schlaf in die Augen. Daß er würde Minister werden, war gewiß, wenn er es nur richtig anstellte. Als die Sonne schon hoch stand, stieg Prinz Lieschen aus dem königlichen Bett, heiter und fröhlich, und sich halbtot lachend über das köstliche Abenteuer, kleidete sie sich an. Beim Frühstück bediente sie der Oberfischmeister selbst. Es war überaus köstlich und schmeckte Lieschen herrlich; aber den Oberfischmeister ärgerte es doch, daß der Prinz, wie er am Tag sah, in einem gar fadenscheinigen Röcklein aufzog, dem sogar die Motten schon weidlich zugesetzt hatten; auch quälte es ihn, daß er keinen Leibdiener hatte. Er machte nun Prinz Lieschen bescheidene Vorstellungen. Den Diener lehnte sie entschieden ab, aber für ein neues Kleid oder etliche ließ sie den Herrn Oberfischmeister sorgen, indem sie äußerte, ihre Kasse sei auf der Reise leer geworden und sie habe sich doch niemandem anvertrauen können.

Jetzt war der glücklichste Augenblick für den Oberfischmeister gekommen. Konnte er den Prinzen zu seinem Schuldner machen, so war alles für ihn gewonnen. Er eilte daher hinweg und brachte einen Beutel mit fünfzehnhundert Gulden in Gold, den er dem Prinzen überreichte mit der Versicherung, wenn er anfange, sich zu leeren, werde er sich glücklich schätzen, ihn wieder füllen zu dürfen. Er dachte nach dem rheinischen Sprichwort: Da werf' ich eine Bratwurst nach einem Schinken!

Von nun an, da der glückliche Oberfischmeister wußte, daß ihm der Prinz verpflichtet sei, kannte seine Freude keine Grenzen mehr. Wie hätte er sein Geheimnis bei sich behalten können? Er lud den Amtmann zu Gast; er lud den Adel der Umgegend ein. Fest auf Fest folgte. Lieschen schwelgte in voller Lust. Aber, werdet ihr fragen, merkte es denn niemand, wie es stand? Oh, Lieschen war gewandt und wußte sich bald zurückzuhalten, bald freundlich zu sein; sie hielt sich so stolz wie möglich. Alle waren entzückt von des Prinzen Liebenswürdigkeit und Hoheit, denn der Oberfischmeister hatte es jedem heimlich anvertraut, es sei der Erbprinz, der einmal Land und Leute kennenlernen wolle, aber nicht möge erkannt sein. Das Gerede war ohnehin überall bekannt. Um so lieber glaubte man es. Nun gab der Adel Feste auf Feste, und überall glänzte Prinz Lieschen.

Die Nachricht von der Anwesenheit des Prinzen in Augustusburg blieb aber nicht lange auf die Umgegend von Augustusburg beschränkt. Briefe trugen die Kunde hierhin und dorthin, endlich auch nach Dresden und zum Ohr des Königs, der am besten wußte, daß der Erbprinz damals gerade zu Wien im Hoflager des Kaisers war und dort täglich mit Ehren überhäuft wurde.

Der König vermutete also mit Grund, daß irgendein pfiffiger Spitzbube sich an den dummen Oberfischmeister gemacht und den einfältigen Landadel zum Narren habe und tüchtig hänsele und rupfe. Darüber hätte nun der König gelacht, wenn nicht der Name des Erbprinzen der Deckmantel einer Betrügerei gewesen wäre. Das durfte er nicht dulden, und für diese Hacke mußte so schnell als möglich der Stiel gefunden werden.

Der König sandte also einen Vertrauten heimlich nach Augustusburg, um einmal selber nachzusehen, wie es stünde. Der kam, sah die Geschichte, lachte sich halbtot und berichtete dem König die ganze Fastnachtsgeschichte. Auch der König lachte, aber nun war's am Ende! Schon am andern Morgen ritt ein Offizier mit einer Abteilung Husaren zum Tor hinaus, gerade nach Augustusburg zu. Der Offizier kam an und lud den Prinzen Lieschen und den Herrn Oberfischmeister höflich ein, in den Wagen zu steigen und ihm zu folgen; im Staatsgefängnis zu Dresden würden sie sich von der Reise erholen können, ehe sie vor den König treten müßten. Anfangs dachte der Oberfischmeister: Aha, das kommt von dem Zwiespalt, von dem der Amtmann erzählte. Was tut's, wenn du auch ein bißchen leiden mußt, so wird dir der Prinz um so mehr verpflichtet, und ein Paar Königsaugen müssen sich ja auch früher oder später im Tode schließen, und dann fängt dein Weizen an zu blühen! In diesem Glauben wurde er um so mehr bestärkt, als die anfängliche Verlegenheit Lieschens bald wieder der heitersten Laune Raum gab. Aber als beide am andern Morgen vor dem König standen und Lieschen nun alles beichten mußte, als der Oberfischmeister einsah, daß er sich in der eigenen Falle gefangen hatte, da brach er zusammen. Geld, Ehre, Aussicht – alles war fort für immer.

Lieschen suchte sich so gut reinzuwaschen wie möglich; aber der König hatte gute Augen. Er durchschaute, wie es mit dem Mädchen stand und was, wenn er sie laufen ließe, aus ihr werden müßte.

Zu Waldheim lag und liegt wohl noch ein Gebäude, groß und still und beängstigend anzusehen. Die Leute nannten es das Zuchthaus. Da war Platz für ungeratene Mädchen. Das Gericht, welches den Prozeß führte, wies dem Lieschen da freie Wohnung und Kost zu, die freilich nicht so köstlich war wie bei dem Oberfischmeister zu Augsburg, und was das schlimmste war, sie mußte arbeiten, was sie niemals gern getan hatte.

Was der König dem Oberfischmeister sagte, hat er niemals verraten, selbst dem Amtmann zu Schellenberg nicht, der auch seinen Rüffel bekam. In Augustusburg blieb der Oberfischmeister nicht länger. Er zog auf ein fernes Landgut, wo er bald starb.

Lieschen wurde schonend behandelt, aber die Reue kam doch mit Macht. Sie erkannte ihre Sünden. Die Zahl der Jahre ihrer Haft überlebte sie nicht. Ihr armer Vater kam so herab, daß er betteln mußte, und der Kummer brach ihm früh das Herz. Die Base überlebte sie alle und betrauerte nichts mehr, als daß aus ihrem Lieschen nicht eine Gräfin geworden wäre.

Das ist die Folge des Romanlesens und des Hochmuts und die notwendige Folge, wenn ein Mädchen weder Gott vor Augen noch im Herzen hat. Wenn sie's auch nicht alle machen wie Lieschen, so gibt's leider der Wege viele, die zu Entehrung, Schmach und Verderben der Seele führen. Nicht immer sind so alte Basen daran schuld, oft junge Herren – meist aber das eigne, eitle, verderbte Herz!«

»Ich wüßte schon ein Mittelchen dagegen«, sagte der Gevatter, »nämlich das Wörtlein: Bete und arbeite!«

»Da habt Ihr recht, Gevatter. Das hilft allemal sicher und ist ein Damm für das Böse. Noch einmal aber sag' ich: was ich erzählt habe, ist Wahrheit!«

»Und ein rechter Spiegel!« fiel ihm der Gevatter wieder ins Wort.

»Freilich! Ein Spiegel ist die Wahrheit immer, und wohl dem, der gern hineinschaut! Hier gilt's den Mädchen!«

Die sich meinen, werfen sich mit Steinen

1

»An das Sprichwort: Die sich meinen, werfen sich mit Steinen, oder an das andere: Was sich liebhat, neckt sich gerne, bin ich einmal recht lebhaft erinnert worden«, sagte der alte Schmiedjakob eines Abends. »Ich war damals in der Pfalz als Geselle und hab's miterlebt.

Die Pfälzer haben ein Sprüchlein, das heißt: Fröhliche Pfalz, Gott erhalt's! Und das Sprüchlein ist so bezeichnend für das lebenslustige Völkchen, welches das schöne, gesegnete Land bewohnt; aber zu meiner Zeit hatte es doch auch manche dunkle Flecken, und ich glaub', man hat die Fleckkugel noch nicht gefunden, sie alle auszumachen. Ich will aber nur eines jetzt gedenken. Mit dem Schulwesen stand's Anno 1780 und daherum nicht besonders.

Der Herr Schulmeister in dem Dorf, in dem ich in Arbeit stand, meinte, Schreiben brauchten die Mädchen nicht zu lernen, und wenn die Buben ihren Namen schreiben könnten, war's eben auch grad genug.

Nun, der Mann war ein ehrsamer Leineweber, und in der Schulstube standen sein Webstuhl, sein Bett, seine Kiste und unter dem Bett der Roller, darin sein einziges Kind schlief, die kleine Susel. Den übrigen Raum nahmen die Bänke ein, auf denen die Kinder saßen.

Das war aber nur im Winter so; denn zur Sommerszeit fiel die Schule ganz aus, und dann war Raum genug für Meister Märten und seine Familie.

Die Schulbesoldung trug vierzig Gulden, die Wohnung und fürs Uhraufziehen und Stellen, sowie fürs Geläute und Vorsingen in der Kirche noch zwanzig Gulden ein. Die Kinder trugen das Holz scheitweise alle Tage herbei, und der Schulacker war nicht zu verachten.

Alle Jahre um Martinitag, der auf den elften November fällt, wurde Märten frisch gedingt und gab dann eine Maß Branntwein zum besten, wie auch der Hirte und Spießmann und Nachtwächter. Das war so Sitte.

Es war nicht die geringste Gefahr, daß Märten einmal nicht wäre wieder gedingt worden; denn die Bauern wußten, daß er von dem Herrn Inspektor alle Jahre gelobt wurde; sie wußten, daß er der Gescheiteste im Dorf war; daß er singen konnte mit so mächtiger Stimme, daß die Fensterscheiben der Kirche klirrten und – daß es keiner billiger tat.

Märten konnt's auch tun für das Geld; an seinem Handwerk hinderte es ihn nicht, und die Kinder sagten wacker ihren Katechismus und ihr Lied auf, während das Weberschifflein lustig im Zettel des Gewebes hin- und herfuhr. Sie mußten freilich tüchtig dabei schreien; das hatte aber wieder sein Gutes, nämlich daß ihre Lungen sich recht weit ausdehnten und die Gewohnheit, laut zu reden, den schwerhörigen Leuten im Dorf zugute kam, auch wurden sie gute Sänger in der Kirche.

Märten war ein armer Mann, der sich mit dem Schuldienst und seinem Handwerk kümmerlich ernährte. Seine brave Frau wusch den Bauersfrauen und Mädchen die Nebelkappen, die man damals noch trug, und legte so zum ehrlichen Auskommen noch etwas Schönes bei.

Schulmeisters waren gar grundbrave Leute, treu und fromm. Im Haus war niemals Streit oder Hader. In Lieb' und Freundlichkeit, in Eintracht und Verträglichkeit lebten sie zusammen, und der Morgen- und Abendsegen begann und beschloß, wie es bei rechten Christenmenschen sein soll, das Tagewerk. Die Bauern hatten sie auch alle lieb, und gar vieles floß in die Küche und den Keller, was der Mann nicht wußte, und das half und war nicht zu verschmähen, da es die nachbarliche Liebe gab.

Als das Suselchen heranwuchs, lernte es auch das Kappenmachen und Waschen, und die alte Mutter brauchte es nicht mehr zu tun. Das war recht gut; denn sie sah nicht mehr recht, ob sie die Nebelkappen zu sehr oder zu wenig blähte oder Falten hineinbügelte.

Das war Märtens Herzeleid, daß seine liebe Frau blind zu werden drohte. Die Sehkraft ihrer Augen nahm leider zusehends ab, und nach zwei Jahren blieb kaum noch so viel, daß sie spinnen konnte. Das ging aber auch, denn das Gefühl in den Fingespitzen tat das meiste, und den Rocken legte Susel ihr an. Im Hause ging sie übrigens bei Tag und Nacht, ohne zu straucheln, umher, weil sie jeden Raum genau kannte. Sie trug ihr großes Unglück mit wahrer Hiobsgeduld und Ergebung, und Mann und Tochter verdoppelten seit diesem Unglück ihre Liebe für die vortreffliche Frau. Selten kommt ein Unglück allein, sagt das Sprichwort, und es ist leider nur zu wahr, hab's wenigstens oft genug in der Welt erfahren.

Es war im Winter 1780, als Märten einen Blutsturz bekam. Lieber Gott, er konnte sich nicht schonen. Laut reden, das schwere Handwerk üben von morgens früh bis abends spät, das erträgt nicht jede Brust auf die Dauer, am wenigsten eine schwache, wie sie der arme, ehrliche Märten hatte. Bis zum Frühjahr ging's noch mit ihm; aber es heißt: Was der März nicht will, nimmt der April. Im April begruben sie den guten Märten, und als das schöne, siebzehnjährige Suselchen die arme blinde Witwe hinter dem Sarg herführte und aus den erloschenen Augen die Tränenströme rannen, da weinten die Bauern mit ihr, und das Mitleid zog in aller Herzen ein.

Abends versammelte der Vorstand die Gemeinde unter der Linde.

›Ihr habt alle heut mittag mit der armen Schulbase geweint‹, sagte der Vorstand. ›Es war kein Wunder. Wer die arme, blinde Frau ansieht, muß ein Herzeleid fühlen. Für den Sommer kann sie im Schulhaus wohnen, aber auf den Winter müssen wir uns einen Schulmeister dingen, und da wird's denn mit der Wohnung schlecht aussehen. Ihr Männer, was meint ihr, wenn wir's so machen, daß wir dem schönen braven Suselchen den Schuldienst gäben, oder es doch so machten, daß, wer den Dienst haben wollte, müßte das Mädchen heiraten. Es war' dann versorgt und die Schulbase mit.‹

Die Bauern pflegten sonst weitläufig ihre Sachen zu besprechen, und es waren so ein paar Krakeeler da, die in alles ihr Mäulchen hingen und es besser wußten; aber heute redete keiner drein. Es war allen aus dem Herzen geredet, was der Vorstand gesagt hatte, und so bekam er denn Vollmacht, mit dem Herrn Inspektor zu reden. Er ging nun anderntags in die Stadt, und da der Herr Inspektor zustimmte, es in Kurpfalz auch so ein Herkommen in ähnlichen Fällen war, so stand nichts im Wege, und es war so gut wie abgemacht, da der Herr Inspektor es bei dem Kirchenrat in Heidelberg durchzusetzen fest zugesagt hatte, und das Durchsetzen verstanden die Kurpfälzer Beamten.

Im ganzen Dorf freute man sich, nur im Schulhaus war jemand, der heiße Tränen darüber vergoß, und das war niemand anders als die Susel, Märtens nachgelassene Tochter; denn dem Mädchen ging's doch gegen das Herz, sich so mit der Schule zu verschachern. Hochmut war's nicht, denn der hatte in der Seele des Mädchens nicht Raum; aber es ging gegen ihr Gefühl, und, meiner Treu, sie hatte recht! Daß es die Bauern gar ehrlich und treu meinten, erkannte sie dankbar an, aber aufs bestimmteste erklärte sie, daß sie um diesen Preis keine Wohnung haben und lieber Tag und Nacht arbeiten wolle.

Das tat sie auch. Ihrem Verstand leuchtete es aber ein, daß sie noch ein Geschäftchen mit versehen könne, und sie kam auf das Tuchbleichen. Ihre Mutter hatte das früher, solange sie noch gut sehen konnte, mit Erfolg betrieben. Susel konnte es ja auch, und das Kappenmachen und Waschen dazu. Sie mietete sich unter der Hand bei einer armen braven Witwe für acht Gulden jährlich ein unter der Bedingung, daß sie erst im Herbst einzöge. Nun ging sie in die Stadt, um nach Tuch zu fragen, und das liebliche, nette Mädchen bekam eine Menge Tuch zum Bleichen, und es war ihr von da an gar nicht mehr bange, daß sie sich und die Mutter gut durchbrächte.

Die Bauern judizierten viel über Suseis Widerwillen gegen die beabsichtigte Versorgung, aber die Weiber und Mädchen gaben ihr durch die Bank recht.«

2

»Die Susel wird uns nun wohl näherkommen«, fuhr der Schmiedjakob fort. »Ei, alle Blitz, sie verdiente das auch. Ihr wißt, ich verstehe mich nicht sonderlich auf die Beschreibung eines Mädchens und sah sie darauf nicht an, denn ich hatte ja mein Teil schon im stillen daheim; aber das kann ich doch sagen, daß ich viel schönere mein Lebtag nicht gesehen habe. Man mußte ihr gut sein, wenn man in das herzigtreue, blaue Auge sah, das sie so schalkhaft zukneifen konnte, und um den Mund war's immer, als wollte sie lächeln, und dann gab's Grübchen in den rosigen Wangen. Dabei war sie so gut wie der Tag, und nur Liebes und Gutes ging ihr aus dem Mund. Schon als Kind soll Susel so schön gewesen sein. Ihren Lebenswandel konnte nicht der leiseste Makel treffen.

Trotz alledem hatte das Mädchen von Kindesbeinen an einen Feind, wenn man einen so nennen kann, der ihr allen nur erdenklichen Schabernack antat, und das war eben des braven Ortsvorstands wilder Bub, der Ulrich hieß; auch ein schönes Stück junger Kerl, so alt etwa wie die schöne Susel. Der Ulrich war der hübscheste Bursche im Dorf, aber ein Raufer und Krakeeler, der mit aller Welt Händel anfing, alle Welt neckte, foppte und ärgerte, denn sein Spaß war handfest und manchmal plump. Kam wohl auch einmal an den Unrechten, der ihn dann verwalkte, daß es eine Art hatte; dann sagte allemal sein Vater: ›Wohl bekomm's! Laß die Leute in Ruhe!‹ Das half aber in der Regel nichts.

Sein Mutwille kannte kein Maß und keine Grenzen.

Ulrichs Vater wohnte nahe an der Schule. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß er mit Susel manchmal spielte, und sie spielte am liebsten mit ihm; aber dann spielte er ihr gewiß allemal einen Schalksstreich oder Possen. Hatten sie zusammen ein Häuschen gebaut, so schmiß er's ein; hatte sie schöne Steinchen gesucht, so warf er sie in den Bach und lachte, wenn sie zankte und grollte. Ihre Puppe versteckte er, daß sie oft weinend suchte, und erst nach vielen Tränen zeigte er ihr den Schlupfwinkel, wohin er sie gesteckt hatte. Ihre Blumen pflückte er meist ab, ehe sie blühten. Stand sie am Bach, so flog gewiß unbemerkt ein großer Stein hinein, der sie durchnäßte, indem er sie mit Wasser überspritzte. Lag Schnee, so konnte sie sich Gott befehlen, wenn sie hinaustrat, denn eine Wolke von Schneebällen verfolgte sie. War sie auf dem Eis, so fuhr er ihr gewiß in die Beine, daß sie fiel. So war er wahrhaft ihr Störenfried. Aber boshaft war er nicht, und es war kurios, daß das Mädchen ihm trotz all dieser Quälereien nie ernstlich bös werden konnte; vielmehr versuchte sie, ihm ähnliche Streiche zu spielen.

Mit den Jahren wurde aber doch die Sache ernster. Er tanzte nie mit ihr. Wohl neckte er sie mal dadurch, daß er sie zum Tanz aufforderte, aber regelmäßig ließ er sie sitzen. Es war ein sonderbarer Kauz. Nur mit den häßlichsten Mädchen tanzte er, mit denen sonst niemand tanzte, aber einen Schatz hatte er nicht. Er schimpfte oftmals über die Susel, daß es eine Schande war, und wenn es ihm einmal jemand verwies, lachte er ihn aus.

War die Susel auf der Tuchbleiche, so war er gewiß auch da und machte ihr das Wasser trüb.

Manchmal wurde Susel recht zornig, aber dann wollte er sich totlachen, sah er aber, daß sie weinte, so machte er sich schnell davon. Die Susel mied ihn, wo sie konnte; aber es war seltsam: Wenn sie ihn heimlich sehen konnte, lugte sie gewiß durch eine Spalte.

Die sonderbare Freundschaft der zwei wurde am Ende Dorfgespräch, und sein Vater nahm ihn sich mehrmals deswegen vor. ›Was hat dir das arme, aber brave Mädchen getan, daß du sie hänselst, ärgerst und quälst?‹ fragte er ihn im strengen Ton; aber auf die Antwort konnte er bis zum Nimmerleinstag warten. Streng untersagte er es ihm, sie zu beleidigen.

Das dauerte kurze Zeit, dann ging der alte Tanz wieder los. Man konnt's gar nicht begreifen.

Nur damals, als ihr Vater starb, verhielt er sich still. Er vermied es sogar, ihr zu begegnen. Doch auch das währte kein Jahr, so ging's wieder wie früher. Er nannte sie nur Püppchen, Äffchen, eitles Dingelchen, und wenn er an ihr vorüberging, spottete er über ihre Schönheit; nannte ihre blonden Haare fuchsigrot; ihre blauen Augen Katzenaugen und dergleichen mehr.

Es war damals das Brot teuer, und manchem wurde es schwer, durchzukommen. Susel und ihre Mutter wohnten noch im Schulhaus.

Da begegnete er ihr einmal alleine. ›Guten Tag, Schulbase‹, sagte er, und so nannte man die Schullehrerin im Dorf. Offenbar spielte er damit auf die Meinung der Bauern und seines Vaters an, dem die Stelle zu geben, der Susel heiratete. In seinem Ton lag bittrer Spott. Das Mädchen errötete vor Zorn.

›Hast du gehört, Susel, daß der rote Lorenz, der die Säbelbeine hat und nur mit einem Auge sieht, sich um den Dienst bewirbt? Du lädst mich doch auch, wenn du Hochzeit mit ihm hältst?‹ So sprach er höhnend.

Das Mädchen zitterte vor Zorn und weinte. Sie blieb stehen und sah ihn an.

›Was hab' ich dir getan, Ulrich‹, sagte sie mit bebender Stimme, ›willst du mich bis zu meinem Ende mit deinem Haß verfolgen?‹

›Willst du schon sterben?‹ fragte er. ›Vor der lustigen Hochzeit mit Lorenz?‹

›Du bringst mich noch unter die Erde!‹ rief sie weinend aus. ›Ich bin arm, aber deines Vaters Wohltat mag ich nicht. Könnt' ich mich vor dir schützen, ich wollte hungern und darben. Du gönnst mir keine Freude von Kindesbeinen an; du läßt mich jetzt, wo mich das Unglück drückt, nicht einmal friedlich meinen Weg gehen. Schäme dich, wenn du dich nicht vor Gott fürchtest. Du weißt nicht, wie weh es tut, verspottet zu werden, wenn man arm ist. Hättest du ein Christenherz, du gingest in dich und fürchtetest die Sünde, ein armes, verwaistes Mädchen, das seine alte blinde Mutter ernähren muß, zu plagen und zu stören!‹

So hatte sie nie mit ihm gesprochen. Er stand wie eine Bildsäule da. Sie aber würdigte ihn keines Blickes und ging weg. Schon am andern Tage zog sie aus dem Schulhaus in das Häuschen, wo sie sich die Unterstube, die Küche, das Ställchen und den übrigen Raum ihres kleinen Haushalts gemietet hatte.

Ulrich fühlte, daß das die Folge des gestrigen Auftritts mit Susel war. Niemand aber wußte etwas davon.

Zu Martini kam der neue Schulmeister. Er war ein hübscher, braver, junger Mensch, die Stelle war verbessert worden, so daß er kein Handwerk zu treiben brauchte, was er auch gar nicht verstand.

Ulrich machte sich bald an ihn heran, und sie wurden recht gute Freunde.

Nachdem der Schullehrer etwa zwei Monate im Dorf war und sich viel Achtung und Liebe erworben hatte, auch manche Mutter ihn freundlich einlud, sie einmal zu besuchen, weil sie eine hübsche heiratsfähige Tochter hatte, warf er seine Augen auf die bildhübsche Susel und vertraute dem Ulrich an, er wolle um sie werben.

›Ihr?‹ fragte Ulrich mit spöttischem Lachen. ›Gefällt Euch das Mädel mit seinen roten Haaren und Katzenaugen?‹ ›Bist du toll, Ulrich ?‹ fragte der Schullehrer. ›Die schönsten Flachshaare nennst du rot und die veilchenblauen Augen Katzenaugen? Bist du denn stockblind, daß du nicht siehst, daß Susel das schönste Mädchen im Dorf ist?‹

›Pah!‹ rief Ulrich. ›Wem sie gefällt! Ich kann kein Wunder an ihr finden! Dabei ist's ein eitles Ding, das sich einbildet, es sei hübsch und man müsse sich drein verlieben.‹

›Die ganze Welt straft dich Lügen, Ulrich!‹ rief der junge Schullehrer. ›Das Mädchen ist so sittsam und still und so demütig, wie sie nur sein kann.‹

›Ihr habt wohl Lust, die blinde Alte ins Haus zu kriegen?‹ fuhr Ulrich fort. ›Die ist Susels einziges Erbe. Sie ist bettelarm!‹

›Ich weiß noch mehr‹, sagte der junge Mann; ›sie darbt. In dieser schweren Zeit kann sie nicht so viel verdienen, um das Brot für sich und ihre Mutter zu kaufen und den Hauszins zu bezahlen! Siehst du, da hungert sie, damit ihre Mutter zu essen habe, und die arme Blinde ahnt's nicht. Das grade macht mir das Mädchen lieb und wert.‹

›Glaubt's nicht, Herr Schulmeister‹, sagte eifrig Ulrich. ›Das haben Euch Kuppelweiber aufgebunden, um Euch recht für sie einzunehmen. So ist sie gar nicht. Sie verwendet lieber ihr Geld auf Staat. War' ich an Eurer Stelle, so nahm ich Knebels Trine. Das ist auch ein Mädchen, das Euch seine zwanzig Morgen Äcker und Wiesen mitbringt und eine Kuh. Dabei ist die Trine ein bildhübsches Mädchen und kreuzbrav, und ihre Mutter gäb sie Euch so gerne, als Euch das Mädchen selber nähme.‹

Er pries nun die Trine, daß man hätte meinen sollen, er sei ein Freiersmann, der's für Geld tue, und sagte zuletzt, er wolle mit der Trine einmal reden und ihr auf den Zahn fühlen. Das verbat sich der junge Schullehrer und ging kopfschüttelnd heim. Als er sich näher erkundigte, hörte er von der alten tiefen Abneigung Ulrichs gegen die Susel.

Es war Sommer und nicht weit bis zur Ernte. Susel saß allein bei ihrem Tuch diese Nacht in dem Bleichhäuschen, und ihre alte Mutter war zur Ruhe gegangen, hatte aber das Fenster der Stube neben ihrer Kammer nur angelehnt. Nun war es ihr, als sie eben am Einduseln war, als höre sie das Fenster knarren.

Sie stand auf und tastete sich an der Wand hin, um es zu schließen. Als sie aber an das Fensterbrett kam, lagen zwei derbe Brote da, wie sie die Bauern zu backen pflegen, und in jedem Brot steckte oben, das fühlte sie deutlich, ein Kronentaler.

Die alte Frau fragte hinaus, ob jemand da sei, aber es erfolgte keine Antwort. Sie dankte Gott für die reiche Gabe und schloß das Fenster. Schlafen konnte sie aber nicht, da sie sich den Kopf darüber zerbrach, von wem eine so reiche Unterstützung kommen könne.

Draußen auf der Bleiche saß Susel allein. Ihre guten Freundinnen waren, als es elf Uhr auf dem Kirchturm geschlagen hatte, heimgegangen.

Das Bleichhäuschen war ein kleiner Schuppen, vorn offen und nur gemacht, um als Obdach zu dienen, wenn es etwa regnen sollte. Um nicht einzuschlafen, hatte das fleißige Mädchen sich an der Wand ein Licht, eine Hängeampel, befestigt und nähte wacker an einer neuen Nebelkappe.

Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick über die langen weißen Streifen ihres Tuches, das selbst in der großen Dunkelheit einer regendrohenden Neumondnacht sichtbar war.

Da schlug's zwölf, und es überlief sie denn doch eine Gänsehaut, wenn sie dachte, daß sie so ganz allein war.

Da schien es ihr, als bewege sich ihr Tuch, und es war doch völlig windstill. Sie sah scharf dahin, wo sie die Bewegung glaubte wahrgenommen zu haben.

War da nicht eine dunkle Gestalt, die über das Tuch herankroch und aussah wie ein Bär oder Werwolf ?

Sie hatte manchmal gehört, es sei auf der Bleiche nicht recht geheuer, wie denn abergläubische Leute gar gern den Kindern ihre dummen Gespenstermärchen erzählen und ihnen die abergläubische Furcht einimpfen, die dann leider so festsitzt, daß sie oft auch ein recht vernünftiger Mensch nicht hinwegbringt und eine Gänsehaut spürt, wenn er in dunkler Nacht geht und es hinter ihm raschelt. All die Geschichten ihrer Kindheit tauchten jetzt in ihrer Seele auf, und sie betete laut: ›Alle guten Geister loben ihren Meister!‹ aber ihre vor Furcht zitternden Hände ließen die Arbeit fallen, und ihre weit geöffneten Augen starrten auf das sich gegen sie heranbewegende Untier. Immer deutlicher sah sie's näherkommen. Jetzt hörte sie's brummen, wie wenn ein Bär brummte, wie sie ihn einmal in der Stadt hatte nach Pfeife und Trommel tanzen sehen.

Jetzt stieß sie einen gellenden Schrei aus und floh, so schnell sie konnte. Sie erreichte den breiten, vom Regen angeschwollenen Bach. Immer das Ungeheuer hinter sich wähnend, stürzte sie sich hinein, um das jenseitige Ufer zu erreichen; aber die Wellen rissen sie fort. All ihre Kraft bot sie auf, den Wellen Widerstand zu leisten, aber erst bei den ersten Häusern des Dorfes gelang es ihr, einen Weidenzweig zu erreichen, an dem sie sich festhielt.

›Susel! Susel!‹ hörte sie eine verzweifelte Stimme durch die Nacht rufen, und es schien ihr, als sei es Ulrichs Stimme. Sie war so matt, daß sie sich auf das Gras am Ufer legen mußte. Jetzt aber begann sie ein so furchtbarer Frost zu schütteln, daß sie alle ihre Kräfte aufraffen mußte, um sich bis zu ihrer Wohnung hinzuschleppen. Nach vieler Anstrengung erreichte sie die Gasse, in der ihre Wohnung lag. Hier fand sie der Nachtwächter, dem sie alles erzählte und den sie flehentlich bat, mit ein paar Männern nach ihrem Tuch zu sehen, daß es nicht gestohlen werde; sie könne, sagte sie, nicht mehr zurück, weil sie sich ins Bett legen müsse. Und als sie das gesagt hatte, sank sie ohnmächtig zusammen. Der ehrliche Nachtwächter lud das Mädchen auf seine Arme und trug sie heim, wo sie wieder zu sich kam und sich schnell ins Bett legte. Er ging heim, weckte seine Frau, daß sie, da die alte blinde Frau es nicht konnte, dem guten Suselchen einen Tee kochen möchte, und dann kam er zu uns in die Schmiede. Es war, wie ich gesagt habe, kurz vor der Ernte, und wir hatten sehr viel zu tun. Da waren neue Erntewagen zu beschlagen, an anderen Radreifen zu machen, Sensen zu dengeln und allerlei andere Arbeiten zu verrichten, und wir standen schon seit drei Tagen um ein Uhr auf, um alle Wünsche zu befriedigen. Gar lustig hämmerten mein Meister und ich am Amboß, als er bei uns eintrat.

›Helf Gott!‹ sagte der Nachtwächter und erzählte dann, als wir ihm gedankt, was dem Suselchen begegnet sei.

›Das ist ein dummer Bubenstreich‹, rief zornig der Meister. ›Dem guten Kind kann er das Leben kosten. Geh mit, Jakob‹, sagte er, ›daß nicht noch das Übel größer wird, und hilf wachen bis Tag bei dem Tuch.‹

Als wir so dahingingen, war es mir, als hörte ich einen Seufzer, und es hatte jemand neben der Schmiede gestanden, da aber der Nachtwächter eilte, weil er Furcht wegen des Reichtums an Tuch auf der Bleiche hegte, so blieb mir nichts übrig, als ihm schnell zu folgen.

Wir fanden alles in bester Ordnung, und ich wachte ruhig bei der Bleiche bis an den Tag, goß sie dann durch und ging heim, als des Nachtwächters Frau kam, um für Susel die Arbeit zu tun.

›Gebt acht, Jakob‹, sagte sie, ›das arme Kind stirbt! Sie liegt in einer Glühhitze und phantasiert ganz entsetzlich. Ich wäre nicht weggegangen, wenn nicht zwei Kameradinnen von ihr mich abgelöst hätten. Was haltet Ihr von dem Gespenst?‹

›Dummes Gerede!‹ rief ich. ›Seht, diese Tabakspfeife ist dem Gespenst entfallen!‹ Ich zeigte sie ihr, steckte sie aber schnell wieder ein – denn es war die Pfeife Ulrichs.

3

Es war am frühen Morgen desselben Tages, als an die Haustür des Doktors in der nahen Stadt heftig gepocht wurde. Der Arzt öffnete, und bleich und mit Schweiß bedeckt stürzte Ulrich herein.

›Herr Doktor‹, rief er, ›macht Euch schnell auf die Socken, denn die Tochter unseres verstorbenen Schulmeisters ist sehr krank!‹

›Was fehlt ihr denn?‹ fragte der Doktor. Jetzt konnte sich Ulrich nicht mehr halten. Er erzählte ihm, wie er das Mädchen habe necken wollen auf der Bleiche und darum ein altes Wagentuch um sich gehängt habe und über das Tuch herangekrochen sei, damit sie ihn habe sehen sollen; er habe nicht im entferntesten daran gedacht, daß die Sache so werden könne; auch habe er, als Susel fortgelaufen sei, das Tuch abgeworfen und sie beim Namen gerufen; das habe aber alles nichts mehr gefruchtet; das Mädchen sei ins Wasser gesprungen, aber doch nicht ertrunken; indessen liege sie nun im wilden Phantasieren und sei todkrank; da habe ihn die Angst hierhergetrieben; die Susel sei zwar arm, aber er, der Ulrich, werde ihm alles bezahlen, wie auch alles, was die Apotheke koste; der Doktor müsse ihm aber sein Wort darauf geben, daß kein Mensch erfahre, wer ihn bestellt und wer ihn bezahle; er müsse überdies jeden Tag an Susels Bett kommen und – setzte er mit Tränen in den Augen hinzu – sich alle Mühe geben, das Leben des Mädchens zu retten.

Das versprach der Doktor und machte sich stehenden Fußes fort zu der kranken Susel.

Nun ging Ulrich, der als einziger Sohn des reichsten Bauers im Dorf bekannt war, in die Apotheke und traf auch dort seine Vereinbarungen, und dann erst kehrte er nach Hause zurück.

Der Doktor fand das Mädchen in der wildesten Fieberglut. Er ordnete sorgsam alles an, was nötig war, und tröstete die verzweifelte Mutter. Als der Doktor auf dem Heimweg in den Wald kam, trat ihm Ulrich entgegen und fragte mit schwacher Stimme: ›Wie ist's?‹

›Schlimm‹, sagte der Doktor und hielt ihm nun eine Strafpredigt wie ein Pfarrer.

Der Ulrich war sonst ein wilder Bursche, der zu einer anderen Zeit ohne Zweifel den Doktor beim Schlafittchen gefaßt und abgewalkt hätte; jetzt nahm er's reumütig hin und fragte: ›Wird Susel sterben?‹

Der Doktor sagte: ›Das wolle Gott verhüten‹, aber er könne nichts sagen. Das stehe in Gottes Hand. Soviel wisse er, daß sie ein Nervenfieber kriegen werde, und das sei eine Krankheit, die leichter zum Tod als zum Leben ausschlage.

Da hat der Ulrich verzweifelnd sein Haar gerauft, und der Doktor hatte Mühe, ihn zu beruhigen.

Wir hatten an dem Tag Eisen zu bestellen, und da der Meister sich die Hand verletzt hatte, so mußte ich, obwohl ich die Nacht gewacht hatte, in die Stadt, um es zu kaufen. Ich war beizeiten nach dem Frühstück weggegangen, und als ich in den Wald kam und die Sonne so heiß brannte, dacht' ich: Leg dich ein bißchen ins Grüne und ruh dich aus; kannst doch noch alles besorgen. Gedacht, getan!

Ich lag aber noch nicht lange, so sah ich den Ulrich daherkommen. Er war totenbleich und so verstört, daß man ihn fast nicht mehr erkannte. Die hellen Tränen rannen ihm über die Wangen, und oft blieb er stehen, faltete seine Hände und betete.

Ich hatte mir vorgenommen, ihm einmal die Leviten aus dem Effeff zu lesen; aber als ich das sah, ging mir's doch ans Herz, und ich dachte: Laß ihn; er hat jetzt Reue und Qual genug im Gewissen! Und ich ließ ihn gehen und betete still für des Mädchens Genesung.

Ihr könnt euch nun alle denken«, sprach nach einer kurzen Unterbrechung der Schmiedjakob weiter, »was diese Geschichte für ein Aufsehen im Dorf erregte; denn erstlich nahm jedermann den größten Anteil an dem lieben Mädchen; sodann waren die Abergläubischen nun voller Geschichten, wie sie das Ungeheuer auf der Bleiche gesehen; die Susel müsse nicht gebetet haben, sonst sei's gewiß von ihr gewichen; die Superklugen tadelten das Mädchen, daß es so allein draußen geblieben sei in der dunkeln Nacht, die allezeit keines Menschen Freund sei.

Solches Gerede ärgerte des Nachtwächters Frau, die keinen Aberglauben hatte. Sie sagte: ›Geht nur zu des Schmiedhannes Gesell, dem Jakob, der wird euch sagen, was es für ein Gespenst sei; denn er hat seine Tabakspfeife auf dem weißen Tuch gefunden, und ist durch den Sudersack noch ein Flecken in das feine Gespinst der Frau Bürgermeisterin gekommen, der mir noch Arbeit machen wird, ehe er herausgeht.‹ Jetzt nahm das Gerede eine andere Wendung. Man bestürmte mich mit Fragen, und weil ich es für meine Pflicht hielt, dem dummen Aberglauben entgegenzutreten, so zeigte ich ihnen die Pfeife, und alle riefen: ›Das ist Ulrichs Pfeife! Der hat die arme Susel von Kindesbeinen an verfolgt und hat ihr auch hier wieder einen Streich gespielt. Es ist doch eine ewige Schmach und Schande.‹

Bald war das Dorf voll von der Nachricht, und seinem Vater konnte es auch nicht unbekannt bleiben. Da gab's denn ein Donnerwetter mit Blitz und Hagel im Haus; denn der Alte hielt etwas auf Ehre und Zucht, und das Unrecht, das sein Sohn begangen hatte, drückte ihn ebenso schwer wie die Schmach, die er seinem guten Namen dadurch zugefügt hatte.

Ulrich trug alles mit innerer Zerknirschung und Stille. Er ließ sich fast nicht mehr vor den Leuten sehen und war wie ein gescheuchtes Huhn. Jeden Morgen aber ging er still durchs Dorf zum Wald, um auf den Doktor zu warten. Das sah selten jemand; ich aber wußte es und ging ihm eines Sonntagmorgens nach.

Vorher aber muß ich sagen, wie es mit dem lieben Mädchen ging. Fast eine volle Woche lag sie in den wildesten Fieberanfällen. Sie raste völlig und wollte stets fort aus Bett und Haus, weil das Ungeheuer, wie sie ausrief, sie verfolge. Endlich aber gelang es dem Doktor, zu bewirken, daß das Fieber nachließ. Sie war aber unendlich matt, und da jede Nacht und auch am Tage die Leute bei ihr wachten, so hörte sie denn nun auch, daß es wieder Ulrich gewesen sei, der sie so geängstigt habe. Nun erinnerte sie sich ganz genau, daß in jener Nacht jemand ihren Namen gerufen hatte, und die Sache wurde ihr klar. Sie sagte nichts über Ulrich als: ›Gott verzeih es ihm!‹ – Ihre alte Mutter aber weinte heiße Tränen, daß Ulrich ihr gutes Kind so hasse. Über ihr Tuch war sie wohl beruhigt, aber die Kosten für den Doktor und die Apotheke quälten sie, bis ihr der Doktor sagte, das sei schon alles bezahlt. Als sie aber nun in ihn drang, zu sagen, wer es denn bezahle, lächelte der Doktor und sagte, sie solle sich fürs erste darüber keine Sorgen machen; er werde es ihr zu gegebener Zeit schon sagen.

Nun war die Hoffnung auf Genesung ziemlich sicher, und das ganze Dorf freute sich darüber. Da Susel bald wieder etwas essen durfte, so kochten ihr die Weiber die allerbesten Süppchen, die sie nur kochen konnten.

So stand's, als ich den Ulrich an jenem Sonntagmorgen im Wald traf. Es war etwa zehn Uhr, und der Doktor war schon wieder zurückgeritten.

Ulrichs Gesicht glänzte vor Freude.

›Du bist ja wieder froh?‹ sagte ich, als ich ihm seine Pfeife reichte, die ich bis jetzt noch immer behalten hatte.

Er schlug die Augen nieder und sagte: ›Ach, Jakob, sollte ich nicht froh sein, Susel wird ja nicht sterben!‹ ›Aber, wie war's so nahe, Ulrich!‹ sagte ich. ›Wenn sie gestorben wäre? Was dann?‹

›Ich wäre verzweifelt!‹ rief er aus.

Nach einer Weile faßte er meine Hand, sah mir tief in die Augen und sagte. ›Jakob, du hast es immer ehrlich mit mir gemeint, dir will ich's sagen: Du weißt nicht, wie lieb ich das Mädchen habe!‹

Ich sah ihn erstaunt an. ›Bist du toll, Ulrich‹ rief ich. ›Du hättest das Suselchen lieb und hast sie wahrhaftig verfolgt von Kindesbeinen an, wie die Leute sagen?‹

Er zog mich in den Schatten einer uralten Eiche. ›Es ist so heimlich und still hier‹, sagte er, ›und es hört uns niemand als der liebe Gott, und der weiß alles. Dir aber will ich's beichten.‹

›Jakob‹, sagte er, ›ich bin immer ein absonderlicher und widerborstiger Bub gewesen, voller Mutwillen und Schalksstreiche, aber bös war ich nie. Ich schäme mich aber, ordentlich zu sein, und wenn mich einer gelobt hätte, ich wäre rasend geworden vor Zorn. So hab' ich alle Welt geneckt, gefoppt und genarrt. Seit jeher hab' ich aber Schulmeisters Susel liebgehabt. Das ihr aber zu sagen oder es sie merken zu lassen, war mir Gift und Popperment gewesen. Damit sie es nie merke, mußte ich ihr allen Schabernack antun, und je lieber ich sie hatte, desto ärger mußt' ich's machen. Es trieb mich unwiderstehlich dazu, ich konnt's nicht beherrschen. Sie sollt's halt nie merken, und doch hätt' ich's ihr so gern gesagt. Und als der Schulmeister Miene machte, sie zu freien, da bin ich schier gestorben, und an jenem Abend hab' ich sie erschrecken wollen; aber da hätt' sie's wissen müssen, wie's um mich stand, und ich hätt's ihr gesagt, wär' der dumme Spaß nicht so übel ausgeschlagen.‹ Mir kam über eine so absonderliche Liebe schier das Lachen an, wenn's möglich gewesen wäre, denn der Ulrich war gar zu betrübt.

›Und wird sie gesund‹, fuhr er fort, ›so wirbt der Schulmeister um sie; denn er hat sie lieb, und dann bin ich der Ärmste auf der Welt, wenn sie ihn nimmt. Mir bleibt dann nichts übrig, als unter die Kaiserlichen zu gehen!‹

›Wenn das aber so ist‹, sagte ich, ›ei, so sag's ihr doch!‹

›Ich kann nicht‹, sagte er fast weinend.

›Ulrich‹, sagt' ich, ›du bist ihr Abbitte schuldig, denn du hast dich schwer an ihr versündigt. Geh hin und sag's ihr, und wer weiß, wie's wird!‹

Er sah mich lange sinnend an, dann sagte er: ›Ja, du hast recht, ich seh's wohl ein, und ich will mich selbst überwinden.‹

›Aber dein Vater‹, fragte ich. ›Er ist der Reichste im Dorf und Susel die Ärmste, und du bist sein einziger Sohn?‹

›Dafür laß mich sorgen‹, sagte er darauf, und wir schieden.

4

Es war an einem schönen Sonntagmorgen acht Tage später. Die Glocken hatten ausgeklungen, und in der Kirche erschallte schon der Lobgesang der Gemeinde. Susel befand sich wohl, wenn auch schwach. Die blinde Mutter trieb's aus des Herzens Grunde, Gott in seinem Tempel für des teuren Kindes Rettung zu danken. Nachbars Gretchen, ein Kind von neun Jahren, sollte bei Susel bleiben. Als es läutete und die Mutter, geführt von Gretchens Mutter, zur Kirche gegangen war, wollte die fromme Susel beten. Sie schickte das Kind heim, und als es nun so still um sie war und nur die Töne der Orgel von der Kirche fernher klangen, faltete sie die weißen zarten Hände und betete leise so gläubig, wie sie lange nicht gebetet hatte; aber die Erregung des Gebetes mußte sie angegriffen haben. Sie hatte ja auch um Vergebung für Ulrich gebetet, der so menschenscheu geworden sein sollte. Sie sank zurück und schlummerte ein.

Da öffnete sich leise die Tür, und Ulrich schlich herein. Er sah sie schlafen und schlich sich ans Bett. An ihrem Auge hing noch eine Träne. Das ergriff ihn so mächtig, daß er in ein fast lautes Weinen ausbrach.

Susel erwachte. Sie erschrak zwar, als sie die Gestalt eines Mannes sah; aber sie erkannte ihn schnell. Sie richtete sich auf und zog mit ihrer schwachen Hand die seine mit dem Tuch vom Auge weg. Er sah sie an, und lächelnd wie ein vergebender, tröstender Engel blickte ihn das Mädchen an und sagte: ›Ulrich, weine doch nicht! Ich habe dir ja alles vergeben!‹

Er hatte ihre Hand erfaßt und – zog sie ihn, oder tat's sein Gefühl? – er kniete an ihrem Bett und weinte laut. Das ergriff sie mächtig, und sie mußte mit ihm weinen und ihn trösten, und eh' sie sich's versah, lehnte ihre Wange an der seinen.

›Hast du mir vergeben?‹ flüsterte er.

Sie bejahte stumm.

›Susel, wenn du wüßtest, wie lieb ich dich habe und gehabt habe allezeit!‹ sagte er leise.

›Du?‹ fragte sie.

›Ach, Susel‹, sagte er wieder, ›ich bin ein andrer Mensch geworden in der Angst um dich und in den Vorwürfen meines Gewissens. Ich hätte dir's nicht sagen können, daß ich dich mehr liebe als mein Leben; aber siehst du, Gott hat mir das Herz umgewendet. Alle Wildheit ist fort; ich bin zahm geworden wie ein Lamm in den schrecklichen vierzehn Tagen, wo ich jede Nacht um deine Fenster schlich und auf meinen Knien zu Gott gebetet habe, daß er dich mir erhalte, mir, denn ohne dich kann ich nicht leben. Ach, Susel, sprich, hast du ein bißchen Liebe für mich in deinem Herzen? Willst du mein Weib werden, willst du?‹ – Da verbarg Susel ihr Antlitz und weinte laut. Und als er mehr in sie drang, da sagte sie ja und gestand's ihm, daß sie ihn ja immer liebgehabt.

Und immer noch kniete er vor dem Bett und wußt's nicht, als die Tür aufging und die blinde Mutter hereintrat. Bis zur Tür hatte sie die Nachbarin geführt.

›Suselchen, du weinst ja wieder‹, sagte die Mutter. ›Ach, tu es doch nicht. Der Doktor will's ja nicht haben.‹

Sie antwortete nicht. Das Gehör der Blinden war ungemein scharf. Sie hörte, daß noch jemand da war.

›Wer ist bei dir?‹ fragte sie und tastete sich zum Bett. Jetzt faßte ihre tastende Hand auf Ulrichs Kopf. ›Ach, Gott!‹ rief sie, ›wer kniet denn hier?‹

›Ulrich‹, antwortete Susel.

›So?‹ sagte die Mutter, die das Leid, das er ihr zugefügt, nicht verwinden konnte. ›Hat ihn sein Gewissen hierhergeführt?‹

›Ja, Mutter‹, sagte Ulrich.

›Nenn mich nicht Mutter‹, rief die Blinde, ›der du mein armes Kind verfolgt und es an den Rand des Grabes gebracht hast!‹

›Ach Mutter‹, flüsterte Susel, ›seid ihm nicht böse; er hat mich ja immer liebgehabt.‹

›Eine schöne Liebe!‹ rief die ständig aufgeregter werdende Blinde. ›Eine schöne Liebe, die dir Werke des Hasses tut.‹

›Und doch Liebe‹, sagte Ulrich. ›Mutter, Susel hat mir das Jawort gegeben, weil sie mich liebhat. Ich schwör's Euch, und Gott ist Zeuge, ich habe nur sie liebgehabt; aber Gott der Herr hat mich umgewandelt. Sie will mein Weib werden, und Ihr sollt keinen bessern, treuern Sohn auf Erden finden als mich.‹

Die Blinde tastete nach ihres Kindes Hand. ›Susel‹, sagte sie, ›lügt er auch nicht?‹ ›Mutter‹, sagte das Mädchen, ›er hat's ja vor Gott geschworen, glaubt ihm doch.‹

›Und du willst ihn nehmen?‹ fragte sie.

›Ja, Mutter!‹ sagte Susel.

›Ach, was will ich arme Frau machen‹, sagte sie. ›Ich kann ja nicht sehen, wie es steht; will gegen dein Glück nicht sein. Aber, Ulrich, Ulrich, du hast viel gutzumachen!‹

›Ich will's, und mein ganzes Leben soll's beweisen, daß ich's will, so wahr mir Gott der Herr helfe.‹

›Amen‹, sagte die Blinde und legte ihre segnende Hand auf die Häupter ihrer Kinder.

Jetzt sprang Ulrich auf und eilte hinweg.

Sein Vater saß vor der Bibel und las, als er hereintrat, so wie sonst.

Seit Susels Krankheit war seine Mutter alle Tage zu ihr gegangen, und der Alte wartete stets begierig, bis sie wiederkam. Er sah mit Freuden die völlige Veränderung in Ulrichs Wesen. Er war still, sanft und ruhig geworden. Dennoch hatte es dem Vater Sorge gemacht, daß er so trübsinnig herumschlich. Als er das eines Abends seiner Frau gesagt, hatte sie geantwortet: ›Er hat die Susel lieb, Vater, glaub mir's. Du wirst sehen, wenn das Mädel sterben sollte, sind wir unglückliche Eltern! Er ist immer ein absonderlicher Bub gewesen, aber ich hab' das längst erkannt.‹

›Wollt' er sie heiraten, ich gäb' meinen Segen‹, sagte der Alte; ›denn ich will dir's nur sagen, das Suselchen hat bei mir gewonnen, seit es nicht im Schulhaus blieb. Anfangs hat mich's erschrecklich geärgert, weil ich's so gut mit ihr meinte; aber hintennach hast du mir die Augen geöffnet, und nun sah ich's ein. Susel hatte recht! Zudem ist es ein Muster von einem Mädchen. Es hat zwar nichts, aber wir haben ja mehr als genug. Und wer zur eigenen Mutter so gut ist, ist's auch zu den Schwiegereltern.‹

›Freilich!‹ sagte die Frau.

›Auch machte er so all seine Schuld gut‹, versetzte der Alte.

Aber seine Frau war schon eingeduselt, und er machte es bald geradeso. ›Nun?‹ fragte er, als, wie gesagt, der Ulrich so hereinstürmte; ›fängst du die alte Leier wieder an?‹

›Nein, Vater‹, sagte er freudig, ›das hat alles ein Ende. Die Bubenstreiche sind aus. Seit vierzehn Tagen ist's anders geworden. Drum komme ich, es Euch zu sagen. Ich will ein Mann werden!‹

›Es ist einmal Zeit‹, sagte ruhig der Vater.

›Aber ich will heiraten!‹ sagte Ulrich darauf.

›Auch gut‹, erwiderte der Vater.

›Habt Ihr nichts dagegen, wenn ich – die Susel heirate?‹ fragte er mit hochroten Wangen.

Jetzt sah ihn der Vater betroffen an. ›Also hat doch deine Mutter recht! – Nun, in Gottes Namen!‹

›Amen!‹ sprach die Mutter, die eintretend die letzten Worte gehört hatte.

Was ich noch zu sagen habe, ist kurz«, bemerkte der Schmiedjakob. »Suselchen genas schnell, und im Herbst war fröhliche Hochzeit. Was ich später erfuhr, bestätigte die Meinung von Ulrichs Mutter. Es gab keine bessere Tochter, Schwiegertochter und Ehefrau. Sie schaltete und waltete in Frieden, Liebe und Segen, und Ulrich war der glücklichste Ehemann. Der junge Schullehrer heiratete die Trine, aber sie war keine Susel.«

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