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Kalendergeschichten

: Kalendergeschichten - Kapitel 5
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Friedrich Wilhelm Gubitz

(1786-1870)

Der Mann mit dem Schlapphut

Gottfried Ellers in Freienstein hatte im Jahr 1782 vor Gericht bezeugt, daß Adam Lanburg in Kailbach in heftigem Zorn nach einer Tagelöhnerin den Spaten warf und sie schwer verwundete. Ellers sah es zufällig, leistete seinen Schwur, und Lanburg mußte sich mit einer großen Summe von der Haft loskaufen. Es reifte nun in Lanburg ein verhaltener Groll. Als sich Ellers eines Tages in Kailbach wegen eines zerbrochenen Wagenrades aufhalten mußte, traf er in der Schenke Adam Lanburg. Lanburg reizte Ellers, und wie ihn dieser wegen seiner Unziemlichkeiten zurechtwies, wurde Lanburg immer böser und schlug zuletzt mit dem Bierkrug nach Ellers.

Bewußtlos wurde Ellers in sein Haus getragen; Gertrud, die Tochter, weinte über sein Unglück und pflegte ihn, fand auch keinen Trost darin, daß Lanburg im Zuchthaus seine Freveltat abzubüßen hatte.

Der Vater siechte lange dahin, und die Krankheit zehrte das Gesparte auf. Die Mutter war schon seit ein paar Jahren tot und Gertrud noch zu jung, um den Haushalt mit fester Hand zu führen. Das Gesinde wurde ungehorsam und verließ den Hof, da die Armut im Haus einkehrte. So wurde die Not heimisch, und Gertrud mußte die Nachbarn um Hilfe bitten beim Bebauen der Äcker. Einige begannen Hand anzulegen, bis auch sie fernblieben.

Jetzt lag nun, im dritten Jahr von Ellers' Krankheit, der Garten verwildert. Nicht für gesegnete Felder konnte Gertrud Gott danken: Die schwer beladenen Wagen schwankten alle an des Vaters öden Scheunen vorbei, und am Erntefest saß sie einsam und schwermütig daheim. Wie nun am Abend Jubel durch das Dorf schallte, da redete der kranke Vater Ellers nur vom Bettelstab, den sie würde ergreifen müssen. Der armen Gertrud wollte die Brust zerspringen, aber sie tröstete ihn, und obwohl sie keine Hoffnung mehr hatte, sprach sie doch so aufmunternde Sinnsprüche, daß der Alte Gott vertrauend sich zu seinem Lager führen ließ. Gertrud ging in den Garten, und bei einer Linde, an der ein Kranz zum Andenken an die früh heimgegangene Mutter hing, sank sie nieder in der innigen Andacht, die keine Worte hat.

Ein leiser Lufthauch flüsterte in dem verwelkten Kranz, und wie Gertrud sich erhob, glänzte der Neumond herauf über die Linde. Tränen begrüßten ihn; denn Gertrud entsann sich, daß die Mutter oft gesagt hatte, es bedeute Gutes, wenn man mit einem Blick nach vorwärts zuerst den Neumond blicke. Sie zeigte dem Himmel dankend die gefalteten Hände, holte sich dann ihr Spinnrädchen und spann in der ärmlichen Stube bei schwachem Lampenschimmer für eine Nachbarin um kargen Lohn.

Da knarrte die Hoftür, Gertrud sprang auf, um den treuen Haushund zu besänftigen, daß er den Vater nicht störe, und »Fried' am Abend, Trudchen!« sagte Frau Brodel, die Witwe des Küsters zu Freienstein, und schwatzte gleich weiter: »Du mein Himmelchen! Wie sitzt du so einsam am Erntefestlein? Hab' ich dich doch gesucht unter den Kranz- und Tanz-Jungfrauen, aber nirgends war Gertrud Ellers!«

Gertrude zog die Alte aus der Stube zum Lindenbaum: »Setzt Euch, Mutter Brodel!« sagte sie dann, trocknete sich abgewandt die Augen, und als die Alte ihre erste Rede wiederholte, sprach Gertrud: »Wie sollt' ich Mut zur Freude haben.«

»Glaube!« tönte es leise dazwischen.

– »was soll mich erretten –?«

»Liebe!« haucht' es.

»Mich ziert nur der Totenkranz!«

»Hoffnung!« sprach es.

Gertrud sah starr in die Wolken, und die Alte rief:

»Du liebe Mondsucht, du hast ja eben selbst deinen Trost mir ausgesprochen: Glaube, Liebe, Hoffnung! Das ist ein helfend Geschwister-Kleeblatt, hat mein Seliger gesagt.«

»Habt Ihr's denn auch gehört? Ich sagt' es nicht!« sprach Gertrud, und ein Schauer durchflog sie.

»Freilich kam's von dir! Und nun setz dich, ich habe was mitgebracht zu leben und zu hoffen!« Und die Alte packte allerlei Eßwaren und ein Fläschlein Kirschwein aus.

»Ein Geschenk von unserm Schulzen!« plauderte sie. »Ich hab' ihm aus dem Nachlaß meines Seligen noch eine schöne Ernterede herausgesucht – ja, den ließen sie fast verhungern, und nun wird er überall vermißt! Hätten sie ihm bei Lebzeiten ordentlich zu essen gegeben, er hätte gewiß noch viel zusammengedichtet, aber das Stiefelbesohlen brachte ja mehr ein! – Na, jetzt komm und trink eins!«

Gertrud nahm das Glas und fragte, halb zum Haus gewandt: »Darf ich?«

»Ei freilich, Schöntäubchen! Vater Ellers soll sich gesundtrinken; aber komm bald wieder, ich habe dir Gutes zu berichten.«

Gertrud trug das volle Glas zum Vater, sprang dann eilends zurück, und die Alte erzählte mit geschwätziger Lust, wie der Schulze die Familie Ellers so liebhabe und gern die schlechten Umstände verbessern möchte. Darum wolle er die brachliegenden Felder, allerdings billig, kaufen und als Gunst künftig den Garten am Haus und ein benachbartes Stück Land alljährlich bearbeiten lassen, damit doch Vater und Tochter vor der äußersten Not geschützt wären.

Gertrudchen hatte ein klein wenig genippt, war herzensfroh, daß sich Menschen einmal um ihr Elend kümmerten, und sie sagte: »Vielen Dank Euch, Mutter Brodel; ich will in rechter Stunde dem Vater alles erzählen, und er wird's gewiß gutheißen, denn wir sind in großer Angst um den Winter.«

»Ja, dann seid ihr die Angst los«, fiel Frau Brodel ein, »und Gott wird weiterhelfen!« sprach Gertrud mit einem Blick zum Himmel, »er weiß ja, wie ich leide!« Und sie wurde noch andächtiger, als plötzlich am Gartengehege draußen ein Vorübergehender sang:

»Gram und Ängsten kann nicht frommen, Gott verteilet Freud' und Leid; Jedem Schmerz muß Hilfe kommen, Gott nur weiß die rechte Zeit!«

Jetzt tat Frau Brodel einen heftigen Schrei. »Was ist?« fragte zitternd Gertrud.

Frau Brodel aber zitterte auch, konnte lange keinen Laut von sich geben. Endlich stammelte sie: »Sahst du nicht das Gespenst?«

»Alle Heiligen!« flüsterte Gertrud und zuckte zusammen. »Wo denn? Wo?«

»Es ist vorüber! Bedeutet auch Glück!« erwiderte zähneklappernd die Alte. »Es war das Männlein mit dem Schlapphut; nur nach dir hat es gesehen, ihr werdet Fülle erleben, denkt an mich, wenn es euch gutgeht.«

»Ach, wie bin ich erschrocken!« lispelte Gertrud und sah sich scheu um, »aber erzählt mir doch, Frau Brodel, wer ist –«

– »der Mann mit dem Schlapphut?« fiel die Alte ein. »Das will ich Euch sagen, laßt mich nur einen Geisterspruch still beten.« Sie murmelte vor sich hin, immer unheimlicher wurde es Gertrud, und endlich sagte Frau Brodel:

»Es lebte vor vielen, vielen Jahren ein Rittersmann, der hatte den Kaufleuten viel Korn geraubt und wollte es teuer verkaufen. Und es gab Gott darauf den Feldern so volle Segnung, daß die Frucht fast um nichts gekauft wurde; der Rittersmann aber ließ im Grimm all seinen Vorrat verbrennen und fluchte der Witterung, weil sie ihn um den Genuß seines Raubes brachte. Da trat ein Weib, das ihre Kinder in der Notzeit hatte verhungern sehen, auf ihn zu an die Feuerstelle und sagte ihren Spruch:

›Die Kinder wollten Brot, Kinder sind tot!
Du hast kein Herz für Not, Ritter, bist tot!
Hört, wie die Kinder schrein! Kinder, bleibt tot!
Ihr Gräber, laßt mich ein! Mutter ist tot.‹

Und sie stürzte sich in die Flammen vor den Augen des Ritters, dessen Atem plötzlich stillstand, und aus der Glut sprach es: ›Du bist verflucht und sollst als Gespenst auf der Erde wallen, bis du tausend Menschen vor dem Hungertod gerettet und reich gemacht hast durch volle Scheunen.‹ Und so wandelte er umher und hat die Kraft, Regenströme über die Fluren zu rufen; er selbst aber zieht trocken durch die furchtbarsten Wetter, von seinem Hut geschützt, und wo er erscheint, weist ihn niemand ab, denn er ist, elend und reuig, ein Bote des Glücks.«

Nachdem Frau Brodel dies erzählt hatte, meinte Gertrud, es wäre vielleicht besser, die brachliegenden Felder nicht zu verkaufen. Die gute Alte stimmte bei und wollte dem Schulzen einstweilen absagen. So schieden sie, und Gertrud ging zu Bett.

Aber der Schulze wollte an seinem Plan festhalten, lachte Frau Brodel aus mit ihren Ammenmärchen und sann auf andre Möglichkeiten. Er hatte einen Sohn namens Ruprecht, der war Soldat und zum Besuch im Dorf; er entdeckte von nun an sein Herz für Gertrud, die nach dem siebzehnten Jahre sich in Schönheit entfaltete. Sie aber mochte den derben Kriegsgesellen nicht leiden und verlebte angstvolle Stunden; denn Vater Ellers ließ sich gern von ihm erzählen, so kam er nun oft in die Hütte. Und die Abende wurden schon lang, da saß er einst auch bei ihnen und forderte Gertrud zum Weib und die Wirtschaft zur Mitgift; damit sie in Ordnung käme, wollte der Schulze eine Summe hergeben. Vater Ellers war dessen wohl zufrieden, aber Gertrud war unglücklich; da begann Ruprecht Spott zu treiben, wozu er den Mann mit dem Schlapphut hernahm, auf den Gertrud wahrscheinlich hoffe. Die Arme beugte sich still in ihrem Jammer und mußte ihn auch lange aushaken, da eben das letzte Gewitter des Jahres heraufgezogen war und Ruprecht in der Hütte festhielt. Immer wieder spottete er über die Erscheinung, wollte auch einmal um Mitternacht in den Garten gehen, um das Gespenst auf Soldatenmanier zu begrüßen, daß ihm ein Wiederkommen nicht einfallen sollte – da ging bei heftigem Donnerschlag plötzlich die Tür auf und herein trat der Mann mit dem Schlapphut.

»Wollt Ihr mich?« So begann die Erscheinung, aber ehe noch ein Wort weiter erklang, lag des Schulzen Sohn zitternd auf seinen Knien und stammelte: »Alle guten Geister!«

– »loben Gott den Herrn!« endete die Gestalt, deutete zur Tür, und so rasch, als sein Entsetzen es erlaubte, war Ruprecht hinaus.

»Wollt Ihr mich beherbergen in Eurer Scheune?« fragte der Eingetretene Vater und Tochter, die mit gefalteten Händen sich zurückgezogen hatten, und Gertrud war die erste, die mit dem Kopf nickte auf die Frage.

»Fürchtet Euch nicht«, sprach die Erscheinung, »ich mein' es gut, Vater Ellers! In Eurem Eigentum birgt sich ein Schatz, ich denk' ihn zu finden, wenn Ihr vergönnt, daß ich Euren Garten bearbeite in den Nächten, wo der Mond waltet. Sprecht nur: ›Ja!‹« – und leise tat es Ellers; da war die Gestalt wieder verschwunden. Doch Vater und Tochter hatten kaum den Mut, über das Geschehen zu sprechen. Schlaflos verbrachten sie die Nacht, und erst bei Tagesanbruch faßten sie wieder Mut.

Gertrud sah sich in der Scheune um: da lagen Garben aufgeschichtet, und in einer Ecke war ein Lager von Moos und Blättern; schaudernd schlich sie von dannen, dem Vater zu berichten. Allnächtig mehrten sich die Garben, und deutlich sah man die Spuren, wie fleißig die Herbstarbeiten im Garten geschahen.

Eines Morgens trat bescheiden ein junger Bauersmann in Ellers' Stube und sagte: »Ich bin der Knecht, den Ihr berufen habt, und da ist das Päckchen, welches ich Euch übergeben soll.«

Der erstaunte Alte möchte noch so oft wiederholen, er habe keinen Knecht in Dienst gestellt; der Angekommene bewies durch ein Schriftstück, daß er auf ein Jahr in Ellers' Dienst, auch dafür schon bezahlt sei, und in dem Päckchen waren Goldstücke. Nun wurde es lebendig auf der Tenne, bei dem freudigen Taktschlag der Drescher gesundete Vater Ellers immer mehr, und der Knecht war tüchtig in der Wirtschaft, aber still in sich gekehrt bei dem Gespräch und nimmer daheim in der Nacht.

Die Nachbarn im Dorf sahen, wie auf dem Gehöft Ellers' wieder gearbeitet wurde, und Frau Brodel erfuhr von Gertrud den Zusammenhang, der ihr Anlaß gab, überall die Kunde vom Mann mit dem Schlapphut zu verbreiten. Aber die Bauern schüttelten die Köpfe, mancher murmelte: »Es geht mit dem Bösen zu!« und Ruprecht gab tückisch dem Verdacht immer wieder Nahrung.

Der Winter war vorbei; zur Arbeit aufs Feld rief der Frühling, mit jedem Morgen sah man Ellers Feldarbeiten weiter fortschreiten, und sich bekreuzigend zogen die Bauern an ihnen vorüber. Frau Brodel aber wurde von der Neugier geplagt, und da aus dem Knecht nichts herauszubringen war, überredete sie Gertrud, daß sie, wenn des Morgens Dämmerlicht den Mond verdrängt, vor dem ersten Hahnenschrei, wo die Geister von hinnen müssen, hinausschleichen wollten auf das Feld, um selbst nachzusehen. Es war um die Säzeit, als Gertrud einwilligte. Als sie hinauskamen, verbargen sie sich hinter Schlehengebüsch und sahen zwei Gestalten durch die Furchen eilen, den Samen nach allen Seiten werfend.

»Die Sterne scheiden, laß uns auch fortgehen!« sagte der Mann mit dem Schlapphut, der eben mit seinem Gefährten den Lauschenden nahe war und von diesen erkannt wurde. Die Männer gingen langsam auf die Trümmer der Burg Freienstein zu; Frau Brodel betete ein Ave-Maria und zog die zitternde Gertrud mit sich fort. Vor ihnen gingen die beiden Gestalten und verschwanden endlich dicht an dem Berg, der die Ruine trug. Frau Brodel suchte und suchte, aber nirgends war ein Eingang zu finden, doch hörten beide dumpfes Wiehern und Stampfen von Rossen, und ängstlich zog Gertrud die Alte zurück. Da stand plötzlich der Mann mit dem Schlapphut vor ihnen, und die Frauen fielen nieder. Die Gestalt warf ihnen rasch etwas entgegen, und jene, die nicht aufzublicken vermochten, spürten, wie plötzlich ein dumpfes Dröhnen durch den Erdboden ging. Als sie endlich hochzublicken wagten, waren sie allein und beide so erschrocken, daß sie noch lange wie erstarrt verharrten. Da trat die Sonne hinter den Bergesgipfeln hervor, und es glitzerte auf dem Gras. Frau Brodel griff rasch zu und sammelte Goldstücke auf, welche der Mann mit dem Schlapphut den Frauen hingestreut hatte. Die Münzen stammten aus uralter Zeit, und schmunzelnd sagte die Alte: »Siehst du, Trudchen, wie alles so wahr ist!« Doch Gertrud war verschreckt und wollte von dem Abenteuer nicht gern reden. Der Knecht, Friedhard genannt, arbeitete rüstig in Ellers Haus und nahm auch andere Gehilfen an. Er war freundlich und zuvorkommend, für sich schien er nichts zu wünschen, und ein tiefer Zug wehmütigen Schmerzes verdüsterte stets die redliche Klarheit seines Antlitzes. Gertrud merkte, daß schwerer Kummer auf ihm lastete. Sie versuchte mehrmals, ihn zu veranlassen, sein Herz auszuschütten; er dankte, sah sie bewegt an, bemühte sich deutlich, sein Geheimnis zu wahren, erwiderte aber zuletzt immer nur: »Erst muß Gott helfen, ehe Menschen es können.«

Gekommen war nun die Zeit der Ernte, reich gefruchtet hatte der Allmacht Segen in den Saaten auf Ellers Feldern, nicht Raum genug gaben die Scheunen für die Fülle des Guten. Aber im ganzen Dorf wurde auch immer lauter das Gerede, Ellers und seine Tochter seien verbündet mit dem Bösen. So mußte Gertrud viel schlimme Worte hören. Einst, als sie an einem Morgen an der Gartenlinde lehnte und den frischen Gedächtniskranz für die Mutter mit Tränen netzte, da sah sie abermals den Mann mit dem Schlapphut vorübergehen. Er sang:

»Will der Menschen Bosheit siegen,
Zagt das Herz, von Trug umstellt,
Muß es nur an Gott sich schmiegen:
Er ist ja das Herz der Welt!«

»O du lieber, lieber Greis!« flüsterte Gertrud. »Wie herrlich tröstest du; o könnt' ich dir jemals danken!« Doch die Gestalt schien nichts davon zu vernehmen, und die Jungfrau begann nach einigem Sinnen ermutigt ihr Tagewerk. Und als sie dem Vater eben Milch zum Morgenessen brachte, trat bescheiden Friedhard ein, gekleidet wie einer, der verreisen will. Gertrud sah es, und der Knecht sprach:

»Vater Ellers, Eure Wirtschaft ist jetzt geordnet, Gott hat Euch wieder so viel Gesundheit gegeben, daß Ihr schon selbst nach dem Rechten sehen könnt, und der Himmel mehrte Euer Gut so weit, daß die Sorge nicht an Euch nagt. Darum vergönnt mir, daß ich von Euch Abschied nehme.«

Also sprach Friedhard. Vater Ellers wurde sehr traurig, und Gertrud vermochte weder zu bitten noch zu reden. Tränen perlten über ihr erbleichtes Angesicht. Friedhard konnte auf des Alten Zureden auch nicht viel erwidern und bat sie nur, ihm sein Schicksal zu erleichtern dadurch, daß er still scheiden dürfe.

Als nun kein Bitten von des Vaters Lippen, kein Sprechen von Gertruds Augen dem Entschluß Friedhards entgegenstand, da stütze sich Ellers auf seine Tochter, um den Scheidenden wenigstens zu geleiten, solange es die Kräfte zuließen. Klagend schritt der Alte, stumm trauernd Gertrud; Friedhard begann mehrmals zu sprechen, schwieg dann aber wieder. Als sie außerhalb des Dörfchens an einem Wiesenbach standen, wo man die Bergtrümmer Freienstein und das Dorf Kailbach sieht, sank Friedhard auf seine Knie und bat, daß Ellers für ihn beten möchte zum Abschiedsgruß. Der Alte nahm seine Mütze ab und rief Gott an, daß er seinem Wohltäter auf allen Wegen Heil spenden möchte. »Amen!« stammelte Friedhard, und nachdem er sich erhoben hatte, sagte Gertrud endlich:

»Von mir könnt Ihr wohl gar nichts wünschen?«

Da sah Friedhard freundlich zu ihr hin, dann richteten sich seine Blicke gen Himmel. Darauf eilte er fort und wandte sich nicht mehr um. Aber Vater und Tochter schauten ihm weinend nach, bis er hinter einer fernen Anhöhe verschwand.

Kaum wurde es im Dorf bekannt, daß Friedhard, der bösem Gerede immer entschlossen entgegengetreten war, von Ellers gegangen sei, da wurden die Lästerzungen kühner. Der Schulze und sein Sohn Ruprecht sprachen von Teufelsbündnissen, nannten Gertrud eine Hexe, und viel Leid wurde ihr angetan. Das Erntefest kam, und als die wenigen Vernünftigen im Dorf Gertrud zur Kranz-Jungfrau vorschlugen, erhob sich ein lautes Geläster, daß die Arme, der alles boshaft hinterbracht wurde, auch an diesem Freudentag in Scham und Kummer einsam blieb.

Der fröhliche Zug bewegte sich um das Dorf, die Kränze, von flatternden Bändern umspielt, wogten bis zu dem geschmückten Tanzplatz des Dorfes, und »Nun danket alle Gott!« erklang. Doch ehe sich nun alle zerstreuten, trat der Schulze in den Kreis und hielt eine Rede, in der er sagte, daß es künftig nicht zu dulden sei, daß die schrecklichen Geschichten, welche durch des Teufels Hilfe in Ellers Hause geschähen, verheimlicht würden und das Gericht Gottes herausforderten; er müsse deshalb eine Untersuchung beantragen, er wolle die Schuldigen zum nächsten Gerichtsamt senden und habe dazu das Zeugnis der Ältesten im Dorf nötig.

Indem er nun in seiner wohl einstudierten Rede fortfuhr, bekam er plötzlich einen derben Schlag auf die Schulter und: »Seht Euch doch einmal um!« rief es neben ihm. Als der Schulze sich umdrehte, sah er den Mann mit dem Schlapphut, und neben diesem stand ein vornehmer Herr, mit Orden geschmückt.

Wie versteinert starrte die ganze Versammlung die beiden Gestalten an.

»Holt sogleich den alten Ellers und seine Tochter!« gebot der vornehme Herr, und in tiefster Untertänigkeit wollte der Schulze selbst zu ihnen eilen. »Mit dem ganzen Erntezug soll es geschehen!« sagte der Herr weiter. »Ich gebiete im Namen des Fürsten!« Von neuem zog man durch das Dorf, der fremde Herr bat selbst Gertrud, daß sie den Erntekranz trage, und der Alte mußte von dem Schulzen und seinem Sohn geführt werden. Zitternd und angstvoll tat Gertrud, wie ihr befohlen war.

Voller Erwartung kam so der Zug wieder zum Tanzplatz; da stand, tief in sich gekehrt, der Mann mit dem Schlapphut noch an derselben Stelle, und wie man ihn nun umringt hatte, warf er Hut, Bart und Maske, Mantel und Stab von sich.

»Friedhard!« riefen alle. »Lieber Friedhard!« grüßten Ellers und Gertrud. Da erzählte er:

»Ich bin Friedhard Lanburg, der Sohn des Mannes, der sich an Euch, Vater Ellers, so schwer versündigte. Fern vom Vaterhaus mit dem Kornhandel beschäftigt, hörte ich erst spät von dem Unheil und der Schmach, die durch das Vergehen des Vaters auf mir und meinem jüngeren Bruder lasteten, sah dann auch Euer Elend. Da nahm ich das wenige, was ich mir erworben hatte, und wollt' Euch helfen. Da ich aber fürchtete, Ihr würdet von dem Sohn Eures Feindes keine Hilfe annehmen, benutzte ich die alte Sage, welche in unsrer Gegend von Mund zu Mund weiterlebt, schaffte mir dies Gewand an, und da Ihr in Euren leeren Scheunen nichts weiter zu schaffen hattet, trat ich früher schon, ehe ich Euch meine Dienste anbot, oft in die Scheuer am Garten ein. Dort belauschte ich Gertrud, wenn sie weinte, und flüsterte ihr Trost zu durch Wort und Lied. Dort hatte ich auch mein Gewand und konnte nun leicht den Ruprecht wegschrecken, von dem Trude geplagt wurde! Bevor ich aber wußte, daß es mir gelingen werde, in Eurem Haus aufgenommen zu werden, entdeckte ich einen unterirdischen Gang in der Burg Freienstein; hier hielt ich zwei Pferde verborgen, mit denen ich Eure Äcker in den Mondnächten bearbeitete, unterstützt von meinem Bruder. Und als ich eines Morgens aus diesem Gang mich entfernen wollte, sah ich am Boden Goldstücke blinken, da, wo die Pferde gescharrt hatten. Ich grub nach und fand einen reichen Schatz. Um dann genauer zu prüfen, was er enthalte, nahm ich eine Handvoll der Stücke, und wie ich nun hinaustrat, sah ich mich belauscht, warf, um Zeit zu gewinnen, das Gold der Frau Brodel hin und sprang in den Gang hinab. Ich arbeitete nun bei Euch, bis die Frucht eingebracht war, dann eilte ich zu unseres Fürsten Schloß, um ihm den Schatz als sein Eigentum anzuzeigen. – Euch, Vater Ellers, erinnere ich nicht gern an Euer Unglück. Vergebt es mir!«

Und Ellers ging tief gerührt zu ihm, nahm seine Hand und drückte sie an sein Herz. »Ach, guter Gott!« sagte Friedhard und weinte bitterlich. »Ach, lieber Ellers, liebe Gertrud, wenn Ihr doch auch meinem Vater vergeben könntet!« – Gertrud aber war ihrer nicht mehr mächtig, der Erntekranz entsank ihrer Hand, und an Friedhards Brust stammelte sie: »Weint doch nur nicht!« –

»Gertrud!« rief Friedhard, drückte sie an sein Herz und sah dann scheu auf den vornehmen Herrn. Der trocknete sich die Augen, trat hinzu, vereinte die Hände beider und sprach:

»Gott hat Euch gesegnet, Ihr liebt Euch, Ihr werdet glücklich sein! Friedhards Vater ist frei, der Schatz ist Euer und Gertrud Königin des Erntefestes. Ich will es, Euer Fürst!«

Friedhard umfaßte die Knie des guten Fürsten, auch Gertrud und Ellers sanken vor ihm nieder; die anderen standen in großer Ehrfurcht.

Gertrud aber war nun Königin des Tages und dann lebenslang eine glückliche Hausfrau.

Der Dorfgeiger im Harz

Es sind bis heute fünfzig Jahre vergangen, seit ich als eben vormundlos gewordener Mann heiter an einem Wanderstab ein Stückchen von Deutschland durchzog, auch den Harz. Ich durchstreifte ihn rechts und links, bergauf, talein und wieder bergauf, denn da und dort oben drehte ich mich gern rundum und sang freudig in die reine Luft:

O Luft, vom Berg zu schauen
Weithin auf Tal und Strom,
Und über sich den blauen
Tief klaren Himmelsdom.

Wenn es dann Abend wurde und ich von einem Försterhaus in der Nähe erfuhr, gab ich mir alle Mühe, dort eine Nachtherberge zu erlangen; doch auch das Amtmanns- und Pfarrerhaus fand ich dazu wonnig gelegen. Meine Phantasie, voll von den Schilderungen damaliger Dichter, war überzeugt, Förster-, Amtmanns- und Pfarrer-Wohnungen lägen noch mitten im Paradies, und in keinem fehle eine schöne, überaus liebenswürdige Tochter, oder es wären wohl gar unter einem solchen Dach liebreizende Damen.

Auf meinen Zügen kreuz und quer hatte ich oft die Landstraße nach Halberstadt berührt und nie versäumt, einem alten Mann, der am Weg vor einem Bethäuschen saß und gar nicht übel seine Violine spielte, eine Gabe in den Hut zu werfen. Er war blind, ihm zu Füßen lag neben Ränzchen und Krückstock ein Hund, der durch die Leine am Halsband zeigte, daß er seines Herrn Führer sei. Gewöhnlich blieb ich stehen und hörte eine Weile zu, und mit Vergnügen beobachtete ich, daß beinahe niemand vorüberschritt, der nicht mit dem Gruß: »Guten Tag« oder »Guten Abend, Vater Durbe!« eine kleine Münze in den Hut warf. Neben dem Alten sah man ein an einem Stock befestigtes Blatt, auf dem geschrieben stand: »Gottes Lohn und Dank von Mariens Tochter!«

Diese mehrmals von mir gelesenen Worte beschäftigten meine Gedanken, und als ich eines Abends wieder so glücklich war, nicht weit von jener Landstraße mich in einem Försterhaus, vor welchem ich in der Tat ein paar hübsche Mädchen zu begrüßen hatte, einzuquartieren, fragte ich die zutraulich redseligen Schwestern Elsbeth und Wilhelmine nach dem alten Geiger und seinem Sinnspruch.

»O, der Arme hat eine rührende Lebensgeschichte«, sagte Elsbeth bewegt »ich würde sie aber schlechter erzählen, als sie geschrieben zu lesen ist. Der Schullehrer im Dorf Reinstedt hat sie aufgezeichnet und läßt von Schulkindern zu deren Übung Abschriften anfertigen, die er dann zum Vorteil des Blinden verkauft.«

Am nächsten Morgen war ich bei dem Schullehrer und erhielt die folgende Geschichte.

Friedel Durbe, der Dorfgeiger

Er ist Anno 1741 in diesem Dorf geboren als Sohn meines mit vielen Körperleiden geplagten Vorgängers, der sechs Kinder hatte, die so bald als möglich zum Erwerb mithelfen mußten, aber fast sämtlich, wie Vater und Mutter, frühzeitig starben. Friedel kam zu dem damaligen Dorfgeiger in die Lehre und war bald so weit, um hier und dort bei Festen und in den Wirtshäusern aufzuspielen. Bei einer solchen Gelegenheit gewann er die Tochter des Krugwirts im Dorf Stecklenberg lieb. Marie schien jedoch einem Bauerssohn, Justin Höxter, mehr geneigt zu sein als ihm, obwohl sie stets freundlich zu Friedel war. Aber Justin war wohlhabend, und Friedel, dessen Verwandte ihn nicht unterstützen konnten, sondern im Gegenteil stets von ihm Hilfe begehrten, verlor alle Hoffnung; er wurde eifersüchtig und trübsinnig, sagte auch zuweilen im Unmut zu dem Mädchen:

»Du trachtest mehr nach Geld als nach einem Herzen voll ewiger Liebe, und um dich zu gewinnen, müßt' ich einen Reichen berauben können!«

An einem Herbstsonntag Anno 1761 spielte Friedel wieder auf im Krug zu Stecklenberg. Zahlreiche Gäste waren versammelt, unter ihnen auch mehrere unbekannte. Justin hatte sich ebenfalls eingefunden und wählte fast immer Marie als Tänzerin, so daß er darüber Händel bekam, diese jedoch kühn und keck ausfocht. Als das geschehen war und der Tanz abermals beginnen sollte, sah man sich nach Friedel um; der war verschwunden, und auch die fremden, wortkargen Gäste hatten sich entfernt. Viele der Stecklenberger und mehr noch Gäste aus den nah gelegenen Dörfern blieben indes beisammen, bis es Mitternacht wurde und nur noch wenige Männer dasaßen, ihre Pfeifen auszurauchen. Das Wetter war stürmisch geworden in der dunklen Nacht; Türen und Fenster, geschüttelt vom heftigen Wind, knarrten und klapperten, und in der kleinen Gesellschaft erzählte man sich Spukgeschichten, was endlich einer sich verbitten wollte, indem er sagte:

»Ich habe fast eine Stunde Weges zu gehen, versetzt mich nicht weiter in Schrecken!«

»Ach was!« entgegnete ein anderer. »Es ist ergötzlich, den Wind so toben zu hören, wenn man behaglich in der Stube sitzt bei Tabaksgeschmauch. Welch eine herrliche Nacht für das alte Gemäuer der Stecklenburg dort oben, wo der Sturm zu seinen Tänzen gleich die Musik heulen kann, ohne fürchten zu müssen, daß ihm einer mit dem Fidelbogen davonläuft!«

Sein Nachbar erwiderte: »Ich glaube, daß man wohl den Mut eines Menschen prüfen könnte, wenn man ihn hinschickte, um jetzt durch jene Gewölbe und überwachsenen Steinhaufen zu wandeln! Was mich betrifft, ich würde, hört' ich den dichten Efeu über meinem Kopf rascheln, wie ein Schulbube zittern, und ich will nicht mutiger scheinen, als ich bin. Von der Furcht halb überzeugt, würd' ich glauben, in jedem Dunst oder Baumstrunk das Gespenst eines alten Ritters vor mir zu haben, denn das Sturmgebrüll draußen vermöchte ja Tote zu erwecken!«

»Nun«, sagte jener lachend, »da könnte dich ein Mädchen beschämen. Die Marie, als herzhaft und unerschrocken bekannt – wahrhaftig, ich möchte eine Abendzeche wetten, daß sich Marie dorthin wagt!«

»Du kannst wetten, warum nicht? wirst aber verlieren; ich bürge dafür, sie meint an jeder Seite ein Gespenst zu erblicken und wird dann ohnmächtig, wenn zufällig eine weiße Kuh erscheint!« so sprach der Ängstliche.

»Will Marie bei dieser Gelegenheit einen Beweis von ihrem Mut geben?« rief nun der Wettlustige. »Ich halte mich und dich beim Wort, wenn du einschlägst!« – Der Gegner schlug ein in die dargebotene Hand, und jener fuhr fort, an Marie gewandt:

»Du verdienst dir die schönste neue Haube, wenn du von dem Holunder, der im Gemäuer wächst, einen Zweig mitbringst.«

Die furchtlose Marie sprang auf vor Freude und schritt sogleich zum Werk. Das Dorf Stecklenberg schmiegt sich so dicht an den etwas steilen Berg, daß man aus den Gärten schon zu den Trümmern aufsteigen kann; die Pfade waren dem kühnen Mädchen genau bekannt, und sie stieg rasch empor. Der Wind jagte die Wolken und rauschte, zischte und ächzte in wildem Getön durcheinander. Die Luft war frisch, so daß die nur leicht bekleidete Marie vor Kälte zitterte. Schwacher, umnebelter Mondschein durchbrach die Schwärze der Nacht, deutlich erblickte Marie den umlaubten Eingang zu den Burgresten. Sie drängte sich hinein, spürte auch mitten unter dem Geröll und Schutt nichts von Schauer, nichts von Furcht; ihre Gedanken blieben bei der Aussicht auf den nun bald gewonnenen neuen Schmuck.

Nachdem sie über einen Teil der von Moos bedeckten Trümmer hinweggestiegen war, kam sie zu der Stelle, wo die Holunderbüsche standen. Sie näherte sich, brach rasch einen Zweig ab – da war's ihr, als hörte sie eine Menschenstimme. Sie stand unbeweglich, hielt den Atem an, horchte angestrengt, hörte jedoch nur das Brausen des Nordwinds, der das noch zusammenhaltende Gemäuer erschütterte und Stücken daraus löste, die krachend niederfielen. Da wurde sie von der Furcht ergriffen, sie wandte sich zur Rückkehr, hielt aber inne, erschreckt durch ein Geräusch wie von Schritten, erst dumpf, dann deutlich und immer deutlicher. Vor Angst kaum atmend, verbarg sie sich hinter dem Stumpf einer Säule.

In diesem Augenblick schaute der Mond hell aus einem Wolkenriß hervor und, Marie gewahrte zwei Männer, die einen Leichnam trugen. Das Blut erstarrte in ihren Adern, sie sank um. Eben verstärkten sich die Windstöße, rissen einem der Männer den Hut vom Kopf und wirbelten ihn zu den Füßen der bebenden Marie, die Gott ihre Seele befahl, denn der Tod schien ihr gewiß.

»Verdammter Hut!« hörte sie jemanden murmeln. »Tut nichts, komm nur!« flüsterte eine zweite Stimme, »wir müssen vor allen Dingen erst die Leiche verscharren!«

Ohne bemerkt zu werden, sah Marie die Verbrecher nahe an dem Säulenstumpf vorbeigehen. Sie ergriff krampfhaft den Hut. Das Geräusch der Schritte wurde wieder dumpfer, schwächer. Furcht und Gefahr steigerten Maries Kräfte und jagten sie ungestüm den Pfad hinab in unaufhaltsamer Flucht. Sie stürzte in die Gaststube, starrte verängstigt alles um sich her an und brach zusammen, erschöpft und unfähig, ein Wort hervorzubringen, bis sie endlich bebend den Holunderzweig fallen ließ. Dann versuchte sie zu erzählen, was ihr begegnet war, da traf ihr Blick den Hut; sie verstummte, stand eine Sekunde starr, und laut aufschreiend »Herr Jesus!« lief sie davon in ihre Kammer – sie hatte in dem Hut den Namen »Durbe« gelesen.

Ein furchtbarer Widerstreit des Denkens und Fühlens verwirrte sie in den nächsten Tagen und Nächten. Sie wußte mit sich nicht einig zu werden, ob sie reden oder schweigen sollte. Doch den Hut hatte sie versteckt. Sie erinnerte sich der Worte Friedel Durbes vom Geld, und wie er meinte, nur durch die Beraubung eines Reichen könne er Marie gewinnen. »Die Greueltat beging er im heißen Verlangen nach mir!« so klang es fort und fort in ihr, Abscheu und Mitleid lagen im Streit: sie verharrte im Schweigen.

Unterdessen wurde bekannt, daß ein Pächter, der in Halberstadt mancherlei verkauft hatte, vermißt wurde und daß man in der Waldstraße Blutspuren entdeckt habe, er also wahrscheinlich ermordet worden sei. Bald wurden Gerichtsanordnungen verbreitet, daß man den Täter suchen und von jedem Anzeichen Kunde geben solle.

Es war am folgenden Sonntag. Der Krugwirt hatte vor einer Stunde die Gerichtsverordnung angeheftet, und Marie ging jedesmal scheu an ihr vorüber. Da trat, wie sonst gewöhnlich um diese Zeit, Friedel Durbe ein, grüßte und ging gleich auf Marie zu und sagte:

»Vor acht Tagen ergriff ich einen falschen Hut, mußte die ganze Woche nach anderen Dörfern, kann also jetzt erst fragen: ob sich vielleicht einer meldete, der meinen hat.«

Marie stand eine Weile starr wie eine Bildsäule, das Herz wollt' ihr zerspringen vor dem Unrecht, einen so schweren Verdacht gegen den ihr bisher als redlich bekannten Friedel gehegt zu haben. Unaufhaltsam stürzten Tränen aus ihren Augen, und sie lag plötzlich weinend an seiner Brust.

»Was ist dir, was ist geschehen?« fragte er dann leise; sie ergriff heftig seine beiden Hände und konnte nur unter Schluchzen stammeln: »Lieber, lieber Friedel!« – Und jetzt rief er unwillkürlich aus: »Ach Gott, daß sich dein Herz zu mir gewendet hat – nein, das ist's wohl nicht, das ist ja nicht zu glauben!«

»Es ist!« entgegnete Marie mit heiterem Blick; »hier hast du mich, ich werde dein Weib!«

Der Bund war geschlossen, und ob auch der nicht reiche Vater Krugwirt grämlich dreinsah, er mußte nachgeben. Jetzt konnte Marie ihr nächtliches Abenteuer mit den genauesten Angaben frei heraus erzählen, der Hut in Friedels Hand half mit zum Entdecken und Ergreifen der Mörder, die, ihres Verbrechens überführt, zum Tode verurteilt wurden.

Glückselige Monate verstrichen für Friedel, seine glückseligsten; denn daß Justin ihn zuweilen mit gemeinen Reden erbittern wollte, kümmerte ihn nicht, da Marie den Störenfried sichtlich mied, die Sanftmut Friedels jedem Zwist aus dem Weg ging.

Da kam, ehe Marie mit ihrer Aussteuer fertig war, der Befehl, daß sich Friedel als Soldat bei seinem Regiment einzustellen habe. Das traf ihn hart, aber Unvermeidliches mußte ertragen werden. Marie gelobte ihm nochmals treue Liebe und er ihr, und nun zog er zu seiner Fahne, war auch bald im Kriegsgetümmel, da erst ein Jahr später der Friede zu Hubertsburg den siebenjährigen Kampf endete. Von Heldentaten weiß er jedoch nichts zu erzählen, denn nach anstrengenden Eilmärschen, wurde er mehrmals krank, litt durch Erhitzung und Erkältung an den Augen, so daß er lange, noch bis nach dem Frieden, im Hospital lag, während sich in Stecklenberg die Kunde verbreitete, er sei tot, was nicht unwahrscheinlich schien, da briefliche Nachrichten von ihm zuletzt ganz ausblieben.

Im Sommer 1763 kam er aber heim – völlig erblindet. Ein Kamerad führte ihn, und er half sich auch selbst etwas durch das Leitseil, an welchem er schon damals einen Hund bei sich hatte. Marie erschrak, als sie ihn sah, was Friedel nicht sehen konnte; sie weinte bitterlich, bezeigte ihm jedoch dabei die rührendste Teilnahme. In seiner traurigen Lage wagte er nicht, sie an ihre Gelöbnisse zu erinnern, sie erinnerte nun bald selbst an die gegenseitigen Versprechungen. Friedel war erstaunt und bewegt, sagte aber freundlich:

»Ach, liebe Marie, ich werde deine Güte dankbar im Herzen bewahren, annehmen darf ich sie nimmer, denn die Sünde, dein Leben an das eines so Unglücklichen zu knüpfen, mag ich nicht auf mich laden!«

»Wenn ich nun elend geworden wäre, würdest du mich verlassen haben?« fragte sie heftig. Er antwortete: »Nie und in Ewigkeit nicht, aber –«: »Kein aber!« fuhr sie fort. »Meinst du, daß ich anders handeln soll? Du hast meine eidliche Zusage, wirst mein Gatte und mußt es werden!« Versuchte Gegenrede blieb ohne Wirkung, und als Friedel Marie so beharrlich fand, fühlte er sich wieder als froher Mensch. Er griff nach seiner Geige und trieb wie vordem sein altes Geschäft, wobei ihn gern jeder unterstützte.

Der Hochzeitstag war für den September 1763 festgesetzt, doch nahte zuvor Maries Geburtstag. Friedel hatte dazu selbst ein Liedchen ersonnen und wollte es zu seiner Geige singen, als erster mit seinem Glückwunsch am Morgen die Geliebte begrüßen. Heimlich schlich er sich in eine Laube dicht an der Hinterwand des Hauses und gebot seinem Hund, sich nicht zu rühren. Da vernahm er Schritte, und als ein Fensterladen sich öffnete, hörte Friedel Justins Stimme rufen:

»Glück auf, schöne Marie, Glück auf zu dem heutigen Fest, und ich hoffe, Ihr werdet nun auch über mein Glück entscheiden!«

In Friedel zuckte es schmerzlich, er regte sich jedoch nicht, und Marie zögerte mit einer Antwort, bis sie mit schwankendem Ton sagte:

»Danke, Justin; doch mein Wunsch wäre, Ihr entferntet Euch, wie Ihr überhaupt besser getan hättet, gar nicht zu kommen, weil es bleibt, wie es ist!«

Justin entgegnete andringlich: »Eure Weigerung muß ich gradezu unvernünftig nennen, Marie! Ihr seid eher arm als reich, werdet nicht immer jung und hübsch sein, solltet also besser an Eure Zukunft denken.«

»Justin«, antwortete sie, »ein für allemal: laßt uns nicht mehr davon reden; ich habe Friedel mein Versprechen gegeben und bin entschlossen, es zu halten.«

»Wie, Ihr denkt ihn also wahr und wahrhaftig zu heiraten?«

»Warum nicht? Er braucht Hilfe, ist allein in der Welt, denn seine Verwandten können nichts für ihn tun, und ich werde ihn nicht verlassen.«

»Ich habe ja genug, um zu geben, was er braucht, und wir können ihm das versichern.«

»Das wohl; niemand würde mich jedoch bei ihm ersetzen. Ich wiederhole es, Justin, laßt uns nicht mehr davon reden.«

»Und dessenungeachtet liebt Ihr mich?«

»Ich glaube, es nie gesagt zu haben«, dies entgegnete Marie mit unsicherer Stimme, »aber wenn es so wäre, so würde ich mich bemühen, Euch zu vergessen; denn nichts in der Welt wird mich hindern, meine Pflicht zu erfüllen, die ich für heilig erachte.« In diesem Augenblick hörte man einen schrillen Ton, und das Fenster wurde gewaltsam zugeworfen.

»Eine Pflicht!« – dies Wort erfüllte den armen Friedel mit bitterem Weh, ein Zittern durchflog ihn, auch seine Hand hatte krampfhaft gezuckt und eine Saite seiner Geige zerrissen: das war der schrille Ton. Von ihm erschreckt, hatte Marie das Fenster zugeworfen, und Justin entfernte sich. Tiefgebeugt saß Friedel in dem Dunkel der Laube, wiederholte mehrmals die Worte: »Eine Pflicht!« und wankte dann still zurück.

»Sie liebt einen andern«, sprach er unterwegs zu sich. »Sie liebt einen andern! Ihre Tugend will stärker sein als die Liebe; sie entsagt dem Teuersten; um ihren Schwur zu erfüllen, will sie das Weib eines armen Blinden werden. Nein! – Ich bewundere die Großmut ihres Opfers, aber ich sollt' es annehmen? – Nein! Ich wäre ein verächtliches Geschöpf, könnt' es vor Gott und Menschen nicht verantworten!« Er verbarg seinen Schmerz, doch schon am selben Tag sagte er dem Geburtsort das wehmütigste Lebewohl, ging nicht wieder nach Stecklenberg, sondern ließ sich von seinem Führer leiten, wohin er mochte, nur fort in die weite Welt, nach dem Entschluß des Herzens auf Nimmerwiedersehen.

Marie geriet außer sich, als Friedel verschwunden war. Alle Nachforschungen blieben ohne Ergebnis, und man schwatzte ihr ein, er habe gewiß in seiner Unbeholfenheit ein Unglück gehabt und auf noch unerklärliche Weise sein Leben verloren. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, ahnte auch wohl die ungefähre Wahrheit und wies Justin ab bis zum März 1765. Als aber ihr Vater gestorben und die Hinterlassenschaft sehr gering war, Justin sie außerdem in Standhaftigkeit bestürmte, gab sie endlich ihrer Liebe nach und verheiratete sich mit ihm, lebte auch lange zufrieden und glücklich als seine Gattin und Mutter zweier Töchter.

Unterdessen durchwanderte Friedel ein Land nach dem andern; sein Leid hatte ihn zum Sänger gemacht, der die eigenen Lieder zur Geige sang, und reichlich genug erwarb, was er in Genügsamkeit bedurfte.

So verflossen seit seiner Flucht sechzehn Jahre, da begegnete ihm in Österreich ein Mann aus der Gegend seiner Heimat, und Friedel erfuhr, daß Justin in der letzten Zeit durch Mißernten, unvorsichtige Bürgschaft und eine Feuersbrunst zu schwerem Unglück gekommen, krank geworden und vor wenigen Monaten gestorben sei. Marie, immer wacker und gottergeben, ernähre nun durch ihrer Hände Arbeit die Familie, als deren einzige Stütze.

Von dieser Mitteilung erschüttert und entsetzt, wandte Friedel ohne Zögern seinen Wanderstab dem Harz zu, und hier angelangt, wurde der in fast aller Gedächtnis bereits Verschollene von denen, die ihn erkannten, wie ein aus dem Grab Auferstandener betrachtet. Seinerseits erhielt er überall die Bestätigung dessen, was ihm der Reisende in Österreich erzählt hatte, und ließ sogleich durch den Pfarrer eines nachbarlichen Dorfes seine Ersparnisse Marie aushändigen. Dann durchstreifte er die umliegenden Ortschaften; ohne die Dörfer Reinstedt und Stecklenberg zu berühren, sang und spielte er an den Werktagen hier und dort an den Landstraßen, an Sonn- und Festtagen, wo man ihn hinrief, und bald war wieder eine kleine Unterstützung für Marie abzugeben.

Das Gerücht von dem wieder erschienenen Friedel Durbe drang aber auch zu ihr, und jetzt zweifelte sie keinen Augenblick länger daran, daß er ihr Wohltäter sei, daß er einst aus Edelmut, aus Sorge um ihre Zukunft sie verlassen habe. Sie eilte, ihn aufzusuchen, erreichte ihn einige Meilen von hier, als er eben am Weg nach Suderode für die Vorübergehenden sang und spielte. Ihn erblicken, auf ihn zustürzen, seinen Namen ausrufen und weinend ihm zu Füßen sinken war das Werk eines Augenblicks. Dem erschrockenen Friedel entfielen Geige und Bogen, er wäre umgesunken, hätte er nicht seinen treuen Führer beschwichtigen müssen, der aufgesprungen war, um seinen Herrn gegen einen Angriff zu verteidigen. Dieser Zwischenfall erhielt ihn gewaltsam bei Kraft, dann aber brach er zusammen, fiel auf seinen Sitz, und von der Knieenden umarmt, wiederholte er nur die Worte:

»Marie, Marie, ja, du bist es, ich fühl's!«

Flehentlich bat sie ihn nun um die Seligkeit, künftig seine Pflegerin sein zu dürfen, und er konnte nicht widerstehen. Wie im Triumph führte sie ihn in ihre ärmliche Wohnung, die nach und nach wieder gemütlich wurde durch ihn und Maries Sparsamkeit. Er kannte keinen andern Lebenszweck mehr, als für die Ausstattung von Maries Töchter zu sorgen, und ließ sich von mir auf ein Blatt schreiben:

»Gottes Lohn und Dank von Mariens Töchtern.« Dies war sein Spruch vor sechs Jahren, jetzt erwähnt er nur eine Tochter, denn die ältere, Friederike, ist durch Heirat schon glücklich versorgt, und Friedel bemüht sich, für die jüngere, Beate, ebenfalls das Seine zu tun. Neulich noch sagte er zu mir: »Ich hoff es zu vollbringen, auch Beate in Gottes und eines guten Mannes Obhut zu wissen, dann seid Ihr wohl so gütig, mir auf ein Blatt zu schreiben:

›Für mein Grab!‹«

In der Umgegend weit und breit wünschen ihm aber die Bewohner noch langes Leben, denn alle, die sein Schicksal kennen, haben ihn lieb und werfen gern von Zeit zu Zeit eine Gabe in seinen Hut.

Dies ist die Lebensgeschichte des Dorfgeigers Friedel Durbe, wie ich sie von dem Schullehrer in Reinstedt schriftlich empfing, und im Försterhaus wurde mir jeder Umstand bekräftigt und erläutert. Die in ihrer Natürlichkeit liebenswürdige Elsbeth, nicht von bewundernswerter, aber höchst anmutiger Schönheit, war eine regsame Beschützerin Friedels und seiner ihn dankbar pflegenden Angehörigen. Noch oft sah ich ihn sitzen an dem Bethäuschen, sah ihn dort bei schlechtem Wetter unter einem einfachen, von Stangen getragenen Zeltdach. Denn mir hatte es in dem Försterhaus behagt, ich kehrte in immer kürzeren Fristen dahin zurück, und wollt ihr wissen, warum? – Wollt ihr wissen, warum ich eben heut, nach fünfzig Jahren, jener Jugendtage gedenke, so erinnert euch daran, daß eure Großmutter Elsbeth hieß.

Der schlechte Nachbar wird umgebracht

Anselmus Rommel, Bauer in einem oberschlesischen Dorf, hieß bei allen »der schlechte Nachbar«, und wer ihn kannte, mußte das bestätigen, wenn er nicht lügen oder schweigen wollte. Jeder, der mit Anselmus Rommel in Berührung kam, wußte sehr bald aus schlimmer Erfahrung, daß er ein schlechter Nachbar war. Man brauchte dies nicht einmal am eigenen Leibe zu erfahren, denn obwohl man nach dem Äußeren nicht urteilen, am wenigsten abfällig urteilen soll, hier schien ein Irrtum unmöglich, weil der Mann stets ein Gesicht zog, als wolle er das ganze Dorf vergiften.

Die Umgebung paßte dazu. Rommels Frau war bleich und abgehärmt, auf den Köpfen zweier Söhne sträubte sich das Haar, als wär' es gewöhnt, zu Berge zu steigen aus Furcht vor dem Vater. Scheu, brummig und maulend schlich das Gesinde zum Geschäft, und sogar die zahmen Haustiere wurden unheimlich wild, wenn Rommel in ihre Nähe kam. Die Rinder erinnerten an ihre Hörner, der Hofhund knurrte und klemmte den Schwanz ein, und die Katze unterschied sich gar nicht von der wilden: sie zischte Rommel grollend an und machte einen Buckel, und stand er dicht vor ihr, schoß sie grad in die Höhe an der Wand des Rauchfangs. Erschreckt flog gackernd das Federvieh auf, wenn Rommel in den Hof trat. Das Fell seiner mit Stößen, Peitschenhieben und Stockschlägen vertrauten Pferde glich dem Bezug eines alten Reisekoffers, und durch die Mißhandlungen abgestumpft, konnte deren Erneuerung sie nicht an der Trägheit hindern.

Selbst die jungen Bäume, die während Rommels Bewirtschaftung des Gehöfts im Garten angepflanzt wurden, zeigten sich knorrig, wunderlich verwachsen und schief übergebogen, als nähmen auch sie den steten Zwiespalt krumm und wollten so unwirschen Hausleuten den Weg versperren. Rommels Felder bedeckten sich mit Unkraut, bei dem sich der wilde Sauerampfer und Bitterwurz, dieses Mittel gegen giftige Krankheiten, im Wuchern auszeichneten.

Daß all solches Unheil seine eigene Schuld sei, wollte Rommel nicht begreifen; er fluchte über sein Schicksal und sein Unglück und verwünschte alle Dorfbewohner, von denen freilich nicht wenige dem galligen Unhold Schabernack über Schabernack zufügten. Er ließ sich dann auf bloßen Verdacht und Argwohn in Prozesse ein und verlor sie meist, weil er keine Beweise hatte; diese Händel kosteten so viel an Geld und Zeit, daß er seine Meierei vernachlässigen mußte.

Einst klagte er auch gegen den armen Tagelöhner Joseph Braner: Er habe von Rommel Hacke, Spaten und Sense geborgt und nicht wiedergebracht; Braner versicherte, alles sei treulich abgeliefert worden, Rommel aber leistete einen Schwur, und infolgedessen wurde dem Braner, da ihm durch die Gerichtskosten die Entschädigung in Geld nicht möglich war, seine einzige Kuh genommen. Er nannte nun Rommel einen alten Betrüger; dies führte zu einem neuen Prozeß, und da die erlangte Genugtuung ihm nicht hinlänglich schien, wandte Rommel die abscheulichsten Mittel an, den armen Tagelöhner ganz zu vernichten. Dieser vergalt es ihm mit Rachsucht, und da er tagtäglich von Haß angetrieben wurde, seine Leiden in der Schenke zu erzählen, ergab er sich dem Trunk und versank in das tiefste Elend. Seine arme Frau, mit der er nun stets haderte, klagte in Tränen allen ihr Leid und schloß gewöhnlich mit den Worten: »In diesen Jammer stürzte mich und meine Kinder kein anderer als der Rommel, denn mein Mann war sonst der beste Mensch von der Welt!«

Solcher Händel hatte Rommel noch mehrere, mithin die Fülle an schlimmer Nachrede, als sich Berthold Trentler in dem Dorf einkaufte, und zwar Zaun an Zaun neben dem bösen Nachbarn. Der Ankömmling war ein umsichtiger und fleißiger Mann, gebrauchte Kopf und Hand in richtiger Weise, und da er auch dem Herzen sein Recht ließ, verließ ihn nie ein heiterer Sinn. Die erworbene Meierei übernahm er in vernachlässigtem Zustand, der sich aber bald besserte. In erstaunlich kurzer Zeit verschwand das Unkraut auf den Feldern, reinigte und schmückte sich der Garten. Was irgend nutzen konnte, Flußschlamm, Herbstblätter, Knochen, alles wurde zur Verwendung aufbewahrt und diente dem Verschönern. Rosenhecken und Weingerank umkränzten das Wohnhaus, und selbst der rauhe Stein, der die Türschwelle bildete, wurde eingefaßt mit goldgelbem Moos.

In der Wirtschaft herrschte Ordnung und Aufmerksamkeit. Das glatt gestriegelte Pferd weidete im Klee, und kam Berthold Trentler, schüttelte es die Mähne und wieherte freudig, als wollte es sagen: Die Welt ist angenehm, weil Ihr darin seid! Die alte Kuh, die ihr Kalb unter dem großen Walnußbaum liebkoste, lief ihm entgegen und bat mit ihrem sanften Muh! Muh! um die Zuckerrübe, die er ihr mitzubringen pflegte. Der Hahn spreizte sich stolz vor seinem Gefolge von wohlgenährten Hühnern und flaumigen Küchlein, ging ihm auch gar nicht aus dem Wege, sondern lüftete seine glänzenden Flügel und krähte ihm ein Willkommen! Und nun erst die Kinder! Ward Berthold in der Ferne gesehen, schwenkten seine zwei Knaben die Mützen, riefen im Entgegenspringen jubelnd: »Der Vater, der Vater!«, und die kleine Marie trippelte auf ihn zu mit einem Tausendschönchen, das er ins Knopfloch steckte. Bertholds Frau betrieb ihre Geschäfte emsig, ohne viel Worte, zuweilen sagte sie aber im Gefühl der Befriedigung zu ihren Nachbarn: »Wer meinen Mann kennt, liebt ihn, er kann's gar nicht hindern!«

Berthold Trentler hatte nie einen Prozeß gehabt, jetzt jedoch verkündete man ihm, er werde der verdrießlichen Erfahrung nicht entgehen, wie vorsichtig und nachgiebig er sich auch zeige, denn sein Nachbar Rommel gleiche jenem Johann Hans, von dem ein Witzbold sagte: »Wäre er in der Welt der einzige Mensch, so würde Hans immer mit Johann hadern und Johann mit Hans!«

»Ist Rommel wirklich so?« fragte Berthold. »Nun, wenn er gegen mich nicht davon abläßt, kann's geschehen, daß ich den bösen Nachbarn umbringe.«

Überall finden sich Leute, die gern hetzen, sei's nur, um dem trägen Einerlei des Lebens zu entrinnen. Diese hatten nichts Eiligeres zu tun, als Bertholds Äußerung dem streitsüchtigen Nachbarn zu verraten, versteht sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit.

»Mich umbringen! Mich umbringen!« rief Rommel aus, und die wenigen Worte unterstrich ein so bedeutungsvoll giftiger Ausdruck der stechenden Augen und des zusammengekniffenen Mundes, daß sein Hund ihn umkreiste, als spüre er etwas Fürchterliches um sich her.

In derselben Nacht schon ließ Rommel sein halbverhungertes Pferd frei auf die Landstraße laufen, zu der Stelle, wo Bertholds fettester Klee lockte, in der Meinung, es werde sich auf des Nachbars Kosten gütlich tun und dessen Zorn reizen. Aber Joseph Braner sah das und drehte die Schadenfreude anders; er riß eine Zaunstange von Rommels bestem Feld und trieb das Tier da hinein, wo es sich ein Festmahl gewährte, wie es ihm noch niemals bereitet wurde. Welch eine Befriedigung wär' es für Rommel gewesen, hätte er sein Pferd verklagen können! Jetzt mußte er sich damit begnügen, ihm das Fell mit der Peitsche noch rauher zu machen.

Seine nächste Gemeinheit wurde an der kleinen Marie schönem Hahn verübt, den er erschoß, weil er zwei Zoll jenseits der Grenzlinie auf der gemeinschaftlichen Steinmauer stand, welche die Grundstücke schied, und in unschuldiger Freude über seine Erhebung ein herzhaftes Loblied krähte. Berthold sagte: »Es tut mir sehr leid, auch wegen Frau und Kinder, sie hatten den schönen Hahn so lieb! Es ist mir indes eine ernste Mahnung!« Schon längst beabsichtigte er, einen Hühnerhof mit hoher Umzäunung zu bauen, um der Belästigung der Nachbarn durch seine Hühner vorzubeugen. Der Vorfall veranlaßte ihn nun, sogleich und rasch ans Werk zu gehen.

Anselmus Rommel hatte einen Scharfsinn und eine Beharrlichkeit, deren Wirkung, wenn sie gutem Zweck dienten, gewiß sehr nützlich sein konnte; jetzt suchte er mit diesen Eigenschaften fortwährend den Nachbar aufzustacheln in mannigfacher Weise.

Aus seinem Garten streckte ein Birnbaum in unberechtigter Ausdehnung einen der Zweige nach Bertholds Garten. Und seltsam, der überhängende Zweig trug mehr Früchte und Früchte von frischeren Farben als jeder andere dieses Stammes. Eines Tages schlenderte Bertholds jüngster Sohn pfeifend umher und hob eine Birne auf, die auf dem Wege lag, fühlte aber in demselben Augenblick auf seinem Nacken einen Stich gleich dem der Wespe: Es war Rommels Peitschenhieb, dem eine solche Flut von Scheltworten folgte, daß der Knabe in Todesangst nach Hause lief. Auch dieses Verfahren führte nicht zum Ziel; das Kind wurde von der Mutter beruhigt und angewiesen, sich nie wieder jenem Birnbaum zu nähern, weiter geschah nichts.

Diese nicht zu durchbrechende Friedfertigkeit war für Rommel schlimmer als die Heftigkeit und Verspottung von anderen Seiten. Feindseligkeit konnte er verstehen, konnte sie zehnfach erwidern; was er jedoch mit dieser ihm unbegreiflichen Geduld anfangen solle wußte er nicht. Das machte ihn ratlos und stieg ihm mit verstärktem Grimm zu Kopf, denn er meinte zuletzt, ein Übermaß an hochmütiger Verachtung sei die Ursache solcher Gleichgültigkeit.

Berthold mißfiel ihm mehr noch als alle übrigen Dorfbewohner; es wurde ihm täglich lästiger, des Nachbars Grund und Boden so wohlbestellt zu sehen: es bot einen gar zu deutlichen Gegensatz zu der wüsten Wirtschaft auf seinem Besitz. Wenn ihre Wagen aneinander vorbeifuhren, schien es, als trage Bertholds Pferd den Kopf höher, werfe die Mähne stolzer zurück, recht als wär' ihm bewußt, es ginge an dem alten unansehnlichen Klepper Rommels vorüber. Oft sprach er die Vermutung aus: Berthold umzöge das Haus nur deshalb mit Rosen und Weingerank, um zu zeigen, wie nackt und kahl die Mauern seines Hauses sind; das kümmere ihn aber nicht, denn er sei nicht so töricht, sich die Wände durch dergleichen zu verderben.

Aber so unaufhörlich er schmähte, mit des Nachbars Habe war kein Prozeß einzufädeln. Die vollen Ähren auf Bertholds Feldern nickten stets wie freundlicher Naturgruß bei dem leisesten Luftzug; das Obst in dessen Garten schaute saftreicher aus wie ein stiller Segen; die Rosen am Hause glühten wie die erste Jugendliebe; das Weinlaub bog sich so schmiegsam am Geländer wie Kinderärmchen, die Schutz suchen – das erzeugte Ärger und boshafte Blicke. Den gehaßten schönen Pferden Bertholds war ebenfalls nicht beizukommen: sie wieherten ihren Lebensmut hinaus auf der Weide, und nahte ihnen der böse Nachbar, fand er ihre Hufe wehrbereit; des Beneideten Kälber und Lämmer machten vor Rommels Augen die lustigsten Luftsprünge, ganz so, als geschäh' es, um des Neiders Ärger zu steigern. Nur Bull, Bertholds Hofhund, erweckte in dem Händelsucher Hoffnung auf einen ergiebigen Hader; das muntere Tier trieb eines Abends Rommels wenige Gänse heim und bellte sie dann noch durch die Gatteröffnung an, wobei das Geschnatter und Geschrei der vielen Gänse und Enten von Bertholds Hof dem zornigen Nachbarn wie absichtliche Verhöhnung herübertönte. Am nächsten Morgen ließ Rommel Berthold sagen, wenn er seinen Hund nicht besser in acht nehme, werde er ihn vor dem Dorfrichter deshalb zur Rechenschaft ziehen. Der Bote kam zurück mit dem Bescheid, man wolle sich angelegentlichst bemühen, Bulls unerlaubte Einmischung zu unterbinden. Jetzt hatte Rommel vollauf zu tun mit Wachen und Spähen, Bull jedoch schien sich plötzlich einer besseren Erziehung zu erfreuen oder Frieden geschlossen zu haben mit allen Gänsen, denn er ließ sich eine Weile nicht vor dem Gehöft sehen, und nachdem er wieder sichtbar wurde, tat er so vornehm ruhig, als wär' es gegen seine Würde, mit Federvieh in Bekanntschaft zu stehen.

Das Bertholdsche Ehepaar vermied indes nicht nur jeden Streit, es war auch zuweilen bemüht, durch Freundlichkeiten den Nachbarn milder zu stimmen. Bertholds Frau schickte einmal den ältesten Sohn mit einem Körbchen voll der schönsten Kirschen zu Rommels Frau, und diese, angenehm überrascht von der Gabe, sagte: »Es ist doch recht freundlich von deiner Mutter und ich bin ihr herzlich dankbar!« Ihr Mann, der im Tabaksdampf grübelnd am Fenster saß, hörte seltsamerweise ohne Widerrede zu. Er blies nur den Rauch etwas heftiger als sonst von sich. Als aber der Knabe fort und die Frau noch im redseligen Vergnügen war, fuhr er auf mit den Worten: »Werde nicht närrisch wegen dieser Lumperei! Das Volk wirft mit der Wurst nach der Speckseite; es ist ein sehr verständlicher Wink in Richtung auf unsere Birnen, und wenn sie reif sind, gleich soll wohl ein Korb voll hin. Ich lieb' es nicht, Verpflichtungen gegen jemand zu haben, am wenigsten gegen Leute, die sich einem mit Höflichkeit aufdrängen!« Das arme Weib! Ein Hoffnungsgedanke war wieder zerstört.

Nicht lange danach blieb ein Wagen Bertholds auf einem durch starken Regen in einen Sumpf verwandelten Weg stecken. Die vorgespannten Rinder waren nicht imstande, das Fahrzeug herauszuziehen. Da der streitsüchtige Nachbar in geringer Entfernung auf dem Feld arbeitete, wagte es Berthold, ihn um Hilfe anzusprechen. Rommel antwortete: »Sehe jeder selber zu, wie er durchkommt!« Die Bitte Bertholds, nur auf ein paar Augenblicke sich der Rinder des Nachbars bedienen zu dürfen, bewirkte nur eine noch grämlichere Absage; Berthold mußte nach Hause eilen und die Pferde holen. Sein Gesinde schimpfte auf die Böswilligkeit Rommels und freute sich im voraus auf die Heimzahlung, wenn ihm das Gespann auch einmal steckenbliebe. »Wenn's geschieht«, bemerkte Berthold, indem er die Pferde anschirrte, »dann wollen wir unsere Pflicht tun, und mit Hilfe bei der Hand sein!« – »Das ist doch zu großmütig«, meinte der Großknecht; »der Rommel setzt sich am Ende in den harten Kopf, man fürchte sich vor ihm, dann treibt er's noch ärger!« Berthold lächelte, als er entgegnete: »Na, na! Nur noch eine Weile gewartet, dann ist der böse Nachbar umgebracht: ich sag's Euch voraus!«

Eine Woche später, nach einem Gewitterregen, blieb Rommels beladener Wagen fast an derselben Stelle stecken; kaum gewahrte dies Berthold von fern, da eilte er mit den Knechten, den Rindern und allem Nötigen herbei, tat auch, als höre er nicht, daß sein eigenes Gesinde und andere den Nachbarn auslachten. »Ihr seid in Bedrängnis«, redete Berthold ihn an; »aber nur ein wenig Geduld, das werden wir bald haben!«

»Ich brauch' Euch nicht!« entgegnete Rommel trotzig.

»Hoho! Ich lasse mich nicht abweisen!« sprach Berthold und griff gleich rüstig zu, »es dunkelt bereits, und ist so etwas bei Tage schon ein schlechter Spaß, in der Nacht wird er noch schlechter.«

»Ich brauche Euch weder bei Tage noch bei Nacht«, geiferte Rommel; »ich hab' Euch neulich auch nicht geholfen!«

»Grade die Mühe, die ich damals hatte, nötigt mich zum Mitleid, man muß das eben selber erlebt haben. Verlieren wir keine Worte, Nachbar, es ist mir ganz unmöglich, heimzufahren und Euch hier in der Not zu wissen!«

Der Wagen war bald herausgezogen, worauf Berthold und seine Leute davongingen, ohne mit Dank zu rechnen.

Als Rommel nach Hause kam, war er ungewöhnlich still und nachdenklich; in sich gekehrt, rauchte er seine Pfeife und klopfte sie dann aus. Endlich sagte er in mildem Ton zu seiner Frau: »Margarete, Nachbar Berthold hat mich umgebracht!«

»Was meinst du damit?« fragte die Frau, die ihren Mann ängstlich beobachtet hatte, und ließ vor Erstaunen ihr Strickzeug fallen.

Jetzt erzählte Rommel alles, was sich zwischen ihm und Berthold ereignet hatte, und schloß mit den Worten: »Ich habe mich wirklich vor ihm geschämt, und es ist so: er hat mich umgebracht in seinem Sinn und mit seinem Wesen!«

»Es ist kein unrechter Mann, er hat immer ein freundliches Wort für Kinder und Gesinde!« bemerkte Margarete scheu, und da Rommel schwieg, setzte sie hinzu: »Seine Frau scheint mir eigentlich eine sehr liebe Nachbarin zu sein.« Rommel blieb noch ein paar Minuten schweigsam, dann fragte er zögernd, ohne aufzublicken: »Was meinst du wegen der großen Melone in unserm Garten. Könntest du sie nicht – dorthin – hintragen?« Margarete antwortete erleichtert: »Ich will's recht gern tun!« ohne sich erklären zu lassen, wo das »dorthin« sei.

Am Morgen darauf aber ging Rommel in der Stube auf und ab wie einer, der seine innere Unruhe loswerden möchte und nicht weiß, wie er es anfangen soll. Endlich sagte er: »Ich denke, die Melone könnt' ich selbst zu ihm hinbringen, denn ich hab' in der Eile ganz vergessen, ihm für gestern zu danken!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er in den Garten, und Margarete stellte sich an die Tür, die eine Hand in die Seite gestemmt, mit der andern die Augen gegen die Sonne schützend, um zu sehen, ob er wirklich zu Berthold ins Haus gehen werde. Seit ihrer Hochzeit war dies für sie die merkwürdigste Begebenheit, und sie konnte kaum glauben, was sie sah: Ohne sich umzuschauen, ging Rommel seines Weges, mit gebeugtem Kopf und diesen schüttelnd, so, als wolle er unpassende Gedanken verjagen.

Als er vor Bertholds Haustür stand, rief er: »Frau Trentler, hier ist die Melone, meine Frau schickt sie, wir hoffen, sie wird gut sein.« Ohne ihr Erstaunen über dieses unerwartete Ereignis zu verraten, dankte die Hausfrau ihm herzlich und bot ihm einen Stuhl; er jedoch blieb an der Tür stehen. Die zitternde Hand auf der Türklinke und mit gesenktem Blick, sagte er dann: »Herr Trentler ist wahrscheinlich nicht daheim!«

»Doch«, entgegnete die Frau; »er ist am Brunnen und – ach, da kommt er ja schon!«

Vergnügt nahte Berthold, reichte dem verlegenen Rommel die Hand und sagte: »Es freut mich, Euch auch einmal bei mir zu sehen, nehmt Platz, nehmt doch Platz!«

»Danke sehr, ich kann stehen!« antwortete Rommel, drehte den Hut, rieb sich den Kopf, immer nach der Straße sehend. Dann rief er, wie nach mühsamer Anstrengung, plötzlich aus: »Es ist wahr, Herr Trentler, ich hatte neulich sehr unrecht wegen ihres steckengebliebenen Wagens!«

»Denkt nicht daran, ich bitte Euch!« entgegnete Berthold. »Bei diesem Wetter bleib' ich vielleicht nächstens wieder dort stecken, und dann weiß ich, wer mir auf meine Bitte hin hilft.«

»Nun«, äußerte darauf der immer noch verlegene Rommel, Bertholds Blick ausweichend, »Ihr mögt glauben, daß ich nicht so schlimm bin, wie man mich macht; wohnten hier mehr Euresgleichen, ich wäre eben nicht so, wie ich gegen Euch war!«

»Was du willst, das dir die Leute tun sollen, tu du ihnen auch; das Buch aller Bücher lehrt's, und ich weiß aus Erfahrung: auf freundliche Rede folgt freundliches Echo, und beglücken wir gern andere, so bemühen sich diese, wieder zu beglücken. Wir beide schon könnten vieles zum Guten wenden, laßt's uns versuchen, lieber Nachbar! Jetzt aber folgt mir in den Obstgarten, ich möcht' Euch gern einen Baum zeigen, auf den ich auserlesene Äpfel pfropfte. Wenn Ihr wollt, gebe ich Euch von demselben seltenen Stamm einige Pfropfreiser.«

Sie gingen zusammen in den Garten, und bei einem Gespräch über die Arbeit im Garten und auf dem Feld wurde auch Rommel ganz unbefangen und heiter.

Als er wieder zu Hause war, sprach er allerdings nicht über seinen Besuch. Er konnte sich noch nicht überwinden, offen einzugestehen, daß er sein Unrecht bekannt habe. Aber – hinter der Kammertür stand eine Flinte in Bereitschaft, um Bertholds Hofhund zu erschießen, wenn er Rommels Gänse wieder in die Flucht trieb; jetzt ergriff Rommel schweigend das Gewehr, feuerte den Schuß draußen in die Luft ab und trug es in die Scheune. Von da an strebte Rommel nicht mehr nach Hader, und Joseph Braner sah ihn zu seinem Erstaunen eines Abends Bulls Kopf streicheln mit den Worten: »Bist ein guter Kerl, ja!«

Berthold war zu großmütig, um irgend jemand zu erzählen, daß der streitsüchtige Nachbar seine Schuld eingestanden habe. Nur zu seiner Frau sagte er: »Hab' ich's mir doch richtig gedacht, daß wir den bösen Nachbar umbringen würden!«

Joseph Braner jedoch konnte eine solche Wendung nicht begreifen; als er hörte, wie es Berthold ergangen war, als ihm sein Wagen steckenblieb, rief er mürrisch aus: »Ein eitler Narr, der Berthold! Als er hierher kam; prahlte er, daß er den Rommel umbringen wolle, wenn er sich nicht zum Guten bekehre, und nun hat er nicht den Mut eines Wurms, denn der krümmt sich wenigstens, wenn er getreten wird!« Der Unglückliche hatte sich immer ärger dem Trunk ergeben, und die Folge war, daß ihn schließlich niemand mehr beschäftigen wollte. Das steigerte seinen Grimm. Die wackere Frau und die Kinder Braners, die darben mußten, taten Bertholds leid, und er sann darauf, auch hier den bösen Nachbarn umzubringen.

Fast ein Jahr verging, und Bertholds Beziehungen zu Rommel verbesserten sich mehr und mehr. Da wurden Berthold einige wertvolle Felle gestohlen. Er besprach den Verlust nur mit seiner Frau, und beide richteten ihren Verdacht gegen Joseph Braner. Im nächsten »Kreisblatt« fand sich nun folgende Anzeige:

»Derjenige, der am 5. September abends ein Pack Felle entwendet hat, soll hiermit wissen, daß der Eigentümer den aufrichtigen Wunsch hegt, ihn auf den rechten Weg zu leiten. Ist Armut die Ursache der Übeltat, so will der Eigentümer nicht gesetzlich einschreiten, sondern dem Übeltäter durch Arbeit die Möglichkeit geben, seinem Gewissen den Frieden wiederzugeben.«

Diese sonderbare Anzeige gab begreiflicherweise Anlaß zu den verschiedensten Bemerkungen, und besonders darüber gingen die Meinungen auseinander: ob der Dieb sich würde fangen lassen; denn daß hier nur von einer Falle die Rede sein könne, war vornehmlich für die Allerklügsten, die das Gras wachsen hören, so offenkundig wie die Unübertrefflichkeit ihres Verstandes.

Der Schuldige selbst aber wußte genau, von wem das Anerbieten kam, und er war überzeugt, daß Berthold nicht der Mann war, der dabei nur an eine Überlistung gedacht hatte. Am 11. September, als bereits Dunkelheit und nächtliche Stille im Dorf herrschten, bei Berthold die Kinder schon schliefen, er und seine Frau sich auch zur Ruhe begeben wollten, klopfte jemand leise an die Haustür. Berthold sah durchs Fenster, winkte seiner Frau zu, daß sie still sein solle, und ging, um den Türriegel wegzuschieben.

Da stand draußen Joseph Braner mit einer Bürde auf den Schultern und flüsterte im demütigsten Ton: »Lieber Herr Trentler, da sind die Felle, wo soll ich sie hinlegen?«

»Wartet einen Augenblick, bis ich die Laterne anzünde. In die Scheune wollen wir sie bringen!« antwortete Berthold, und als dies geschah, setzte er hinzu: »Dann kommt Ihr mit mir in die Stube, da wollen wir überlegen, was ich für Euch tun kann.«

Bertholds Frau wußte, daß Braner oft Hunger litt und den Branntweinrausch als Beschwichtigungsmittel betrachtete. Jetzt beeilte sie sich, ihm Warmbier zu bereiten, holte auch Fleisch und Brot aus dem Schrank. »Ich denke«, sagte sie, als die Männer zurückkehrten, »Speis' und Trank wird Euch willkommen sein, Nachbar Braner!«

Er stand abgewandt und antwortete nicht, dann sank er nieder auf die Ofenbank und weinte bitterlich. Berthold sprach ihm Trost zu, bis der Tiefgebeugte Worte fand. »Ja«, sagte er, »seit es mit mir bergab ging, versetzte mir noch jeder einen Stoß, und dadurch wurd' ich immer schlechter. Meine Frau ist entkräftet, meine Kinder kommen fast um vor Hunger; Ihr habt ihnen manche Mahlzeit geschickt, und doch bestahl ich Euch. Es ist aber bei Gott das erste Mal, daß man mich mit Recht einen Dieb nennen kann!«

»Laßt es gleich das letzte Mal sein«, sprach Berthold, ihm die Hand bietend. »Was geschehen ist, bleibt unser Geheimnis; Ihr seid jung und stark, könnt Euch noch selbst retten, und darin liegt das sicherste Heil. Gebt mir Euren Handschlag darauf, daß Ihr ein Jahr lang kein berauschendes Getränk mehr zu Euch nehmen werdet, und ich verschaffe Euch Arbeit. Meine Frau geht morgen zu Eurer Familie und sieht nach, ob wir vielleicht auch für sie Beschäftigung finden; Euer jüngster Knabe kann doch wenigstens Steine von unserm neuen Acker auflesen.« »Aber nun eßt und trinkt«, mahnte die Hausfrau, »damit Ihr heut nicht mehr nach Branntwein verlangt.«

»Es wird Euch anfangs schwerfallen, Joseph, ihm ganz zu entsagen, aber mit Geduld werdet Ihr es schaffen«, bemerkte Berthold, indem er den Eßtisch zum Ofen hinrückte. »Faßt nur Mut! Denkt an Euer Weib, an Eure Kinder! Ihr werdet arbeiten, das Nötigste verdienen, und mangelt es jetzt hier oder da gar zu sehr, sagt's meiner Frau, sie hilft, wo's irgend möglich ist!«

Joseph versuchte zu essen und zu trinken, doch er vermochte es nicht vor Aufregung, und bald legte er den Kopf auf den Tisch und begann erneut zu weinen. Jetzt wurde ihm alles eingepackt für die Familie, und Berthold selbst geleitete Braner noch bis zu dessen ärmlicher Wohnung. Dort ergriff Joseph die Hand Bertholds und rief aus: »Jetzt erst versteh' ich, wie Ihr schlechte Nachbarn umbringt!«

Joseph Braner hielt sich tapfer und besserte sich. Er arbeitete wieder tüchtig und mit stiller Emsigkeit. Für Arbeit sorgte Berthold, soweit er konnte, innig befriedigt von dem Erfolg, der ihm noch zu größerer Freude gedeihen sollte. Denn eines Tages kam Rommel, der sich allmählich auch äußerlich sehr zu seinem Vorteil verändert hatte, zu ihm ins Gehöft und sagte: »Lieber Nachbar, Ihr könntet mir eine Last vom Gewissen nehmen!«

»Wie das?« fragte Berthold und erhielt die Antwort: »Seht, mich überfällt bei dem Joseph Braner mancher Gedanke an die Vergangenheit, und ich möcht' ihn gern auch beschäftigen.«

Berthold sah ihn an mit leuchtendem Blick, ergriff Rommels Hand und sprach bewegt: »Brav, lieber Nachbar, das tut wohl! Ich werd's einrichten, und Ihr erweist mir dafür auch einen Gefallen. Ich feiere grade heut den elften Jahrestag meiner Hochzeit, habe zu diesem Fest im vorigen Herbst das erste Fäßchen Wein vom eigenen Gewächs gekeltert, und an diesem Gedächtnistag wollen wir die ersten Fläschchen proben. Kommt abends zu mir mit Weib und Kindern, schlagt's mir nicht ab!«

»Wir kommen, und wir kommen wahrhaftig gern!« antwortete Rommel, und Berthold sagt jetzt oft:

»Das war einer der glückseligsten Abende meines Lebens, und ich habe der glückseligen viele gehabt und hab' ihrer ja noch!«

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