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Kalendergeschichten

: Kalendergeschichten - Kapitel 3
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Christian Friedrich Daniel Schubart

(1739-1791)

Eine traurige Wirkung des Aberglaubens

Ein Bauer auf einem Dorf nahe bei G hatte die heftigsten Gliederschmerzen. Weil sein Bader zu dumm war, ihn davon zu befreien, so wollt' er sich durch die Sympathie heilen lassen. Er kam zu einem Kapuziner. Dieser riet ihm, nachts zwischen 12 und l Uhr einen Totenkopf auf dem Kirchhof zu holen und sich aus seinem Schädel ein Pulver zu bereiten. Der Bauer, voll von Gespenstergedanken, kletterte über die Mauer des Kirchhofs und näherte sich dem Beinhaus. Er stand wie angewurzelt, als er von ferne die vom Mond beleuchteten Totengebeine sah. Die Liebe zum Leben aber überwand seine Furcht. Er ging ins Beinhaus mit verschlossenen Augen und nahm einen Totenkopf. Kaum hatte er ihn ergriffen, so hörte er etwas neben sich ächzen. Das Schrecken gab ihm Flügel. Er stürzte aus dem Beinhaus, fiel über ein Grab und blieb neben demselben in der Epilepsie liegen. Der Totengräber fand ihn des andern Morgens sinnlos, trug ihn nach Hause, woselbst er nach wenigen Stunden starb. Jedermann hielt es für eine Gespenstergeschichte, bis man erfuhr, daß die Sache ganz natürlich war. Der Sohn des Müllers verkaufte in der Nachbarschaft ein Rind und verspielte das daraus erlöste Geld. Aus Furcht vor Strafe ging er nicht nach Hause und schlief in eben derselbigen Nacht in dem Beinhaus, als der unglückliche Bauer sein sympathetisches Arkanum holen wollte. Wie leicht entschlüpft einem Schlafenden ein Seufzer! – Möchte doch dieses Beispiel von den schädlichen Wirkungen des Aberglaubens in diesem philosophischen Jahrhundert das letzte sein!

Die durchs Schachspiel erlangte Pfarre

Willst eine Pfarre haben, junger Kandidat, so geh hin und lern erst Schach spielen. Was dir deine Kenntnisse nicht verschaffen, verschafft dir vielleicht das Spiel. 's Glück kann dir ebenso günstig sein als dem Unterpfarrer im Norfolkischen. Der spielte dir an einem günstigen Tage mit dem Herzog von Nivernois, damals Botschafter in England, Schach und gewann alle Spiele. Nach einigen Monaten erhielt er dafür folgendes Billett:

»Der Herzog von Nivernois empfiehlt sich dem ehrwürdigen Herrn ** und bittet, als ein Andenken für die tüchtigen Schläge, die er ihm im Schach gegeben, und für seine Gastfreundschaft die Pfarre zu ***, die 400 Pfund trägt, anzunehmen und S. Gnaden dem Herzog von Newcastle künftigen Freitag aufzuwarten, um ihm für diese zu danken.«

Mußt dich freilich in acht nehmen, lieber Kandidat, wenn du dieses Mittel versuchen willst, daß nicht hinter einen Mann kommst, der's übelnimmt, wenn gewinnst, sonst möcht' dir's gehen wie dem Geistlichen beim Voltaire, der fortgejagt wurde, weil er die Unverschämtheit hatte, seiner Gnaden alle Spiele abzugewinnen.

Der menschliche Richter

Zu R in F lag eine Missetäterin: sie sollte wegen kleinen Diebereien, die sich ungefähr auf 150 Gulden beliefen, enthauptet werden; wurde aber durch die Menschlichkeit des Urteilssprechers errettet.

Ihr Bekenntnis lautete: »Ich bin von einer guten Familie. Vor einigen Jahren wurde ich von einem Niederträchtigen, unter dem Verspruche der Ehe, des Kostbarsten, was ein Frauenzimmer hat, meiner Ehre, beraubt – da er mich schwanger sah, überredete er mich, mit ihm die Flucht zu ergreifen, um der Schande zu entgehn, und schwur mir ewig treu zu sein – kaum hatte ich entbunden, so verließ er mich, nahm das wenige, was wir hatten, mit sich und ließ mich in dem fürchterlichsten Zustand zurück. Was sollt' ich nun tun? Nach Hause konnt' und durft' ich nicht – wo ich mit meinem Kinde hinkam, verstieß man mich – ich hatte also kein anderes Mittel, als zu betteln. Bei diesem Gewerbe geriet ich unter die Zigeuner, von denen ich die Handgriffe des Stehlens lernte – mein Kind starb kurz darauf, und ich ging heimlich davon, in der Absicht, mich wieder ehrlich zu ernähren – da ich aber nicht so leicht, als ich glaubte, einen Dienst erhalten konnte und das Faulenzen und lustige Leben zu sehr gewohnt war, ergriff ich das leichtere Mittel und brachte meine gelernte Kunst in Wirtshäusern und auf Jahrmärkten, unter dem Vorwand zu weissagen, in Ausübung – stahl aber nie über 10 Gulden. Dies ist die wahre Geschichte meines Unglücks.« Alles das sagte sie mit Schluchzen, Tränen und offenbaren Zeichen der Reue.

Da der Urteilssprecher dieses las, wurde er aufmerksam. Die Gerechtigkeit sagte ihm: Strafe sie mit dem Tod – und die Menschlichkeit rief ihm zu: Errette sie, sie kann noch ein nützliches Mitglied werden. Er kannte die Menschen – wußte, wie leicht sie fallen, und wenn sie einmal gefallen, von einem Fehltritt in den andern geraten könnten – sah, daß diese Unglückliche zuerst verführt und dann gleichsam durch Notwendigkeit gezwungen worden sei, zu stehlen – er nahm sich also vor, sie zu retten, und es glückte ihm auch.

Er verdammte sie, statt der Todesstrafe, zu einer halbjährigen Zuchthausstrafe; verschaffte ihr hernach an einem entfernen Ort einen Dienst; wo sie sich wohl hielt und bald darauf auch einen Mann fand. Mit diesem lebt sie nun seit 6 Jahren ruhig und vergnügt und wird von jedermann geliebt und gelobt.

Wie viele schädliche Glieder des Staats könnten auf diese Art wieder zu nützlichen und rechtschaffenen Bürgern gemacht werden, wenn alle Richter die menschliche Natur bei ihren Urteilssprüchen mit zu Rat zögen und so menschlich dächten als dieser; dessen Namen wir gern mitteilten, wenn er es uns nicht ausdrücklich verboten hätte!

Taxe einer Generalpächtersnase

Ein gewisser Monarch hatte kürlich einen wunden Finger, den ihm seine Wundärzte nicht gleich heilen konnten. Ein gemeiner Soldat ließ vor einem Offizier verlauten, in ein paar Tagen wollt' er des Königs Finger heil machen. Der Offizier führte den Soldaten, der seiner Sache gewiß zu sein schien, vor den König, der sich ihm sogleich vertraute und auch in ein paar Tagen glücklich kuriert wurde. Der Bruder des Königs ließ den Soldaten vor sich kommen und sagte zu ihm: »Kerl, du bist glücklich gewesen in deiner Kur; nun wird der König sagen, du solltest dir eine Gnade ausbitten. – Nun versprich mir's, du wollest dir keine andre Gnade ausbitten als die Nase des Generalpächters. Geh und laß mich für alles sorgen!« – Aller Einwendungen ungeachtet mußt' es der Soldat dem Prinzen versprechen. Er wurde zum König gerufen und gefragt: Was er sich für eine Gnade zur Belohnung ausbäte? – »Des Generalpächters Nase«, sagte der Soldat, und der erstaunte König versetzte: »Kerl, du bist ein Narr! Will dich zum Offizier machen! Will dich equipieren!«Militärische Ausstattung eines Offiziers – Umsonst. Der Kerl blieb bei des Generalpächters Nase. »So sei denn ein Narr«, sagte der König, fertigte eine schriftliche Anweisung auf diese Nase aus und gab ihm einen Befehl für den Generalpächter mit. »Mein Herr, hier ist eine Anweisung auf Ihre Nase!« – »Mondieu, auf meine Nase?« – »Ja, ja, setzen Sie sich, der Feldscher wird sie gleich herunter haben.« – Der Generalpächter sah, daß es Ernst war, und fing an zu verhandeln: »5000 Taler!« – »Nicht doch!« – »10000 Taler!« – »Auch nicht!« – »20000 Taler!« – »Meinetwegen.« – Der Soldat erhielt das Geld und brachte es dem König. Dieser lächelte und sagte zum Soldaten: »Behalt's; aber dies hat dir der Generalpächter gegeben; nun bitt dir auch eine Gnade von mir aus.« – »Keine andre, Ihro Majestät, als meinen Abschied, um dies Geld in Ruhe verzehren zu können.« – »Sollst ihn haben!« – Bei dieser Gelegenheit soll der Prinz zu seinem Bruder gesagt haben: »Eure Majestät sehen, wie hoch die Pächter ihre Nasen halten, was würden sie erst nicht für ihren Kopf geben?«

Wer dies Märlein hat gemacht,
Der hat es doch gut ausgedacht.

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