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Kalendergeschichten

: Kalendergeschichten - Kapitel 10
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J. Bern aus »Deutscher Volkskalender, 1842«

Wundersame Fügung

Gerhard Sebald war ein Goldschmied, der früher in einer Stadt Pommerns wohnte, im Jahr 1610 aber nach Rostock zog, wo er nun ein kleines Haus besaß und sich redlich nährte. Sein Haushalt wurde jetzt von Klara geführt, die als seine Tochter galt, und außer einer sehr alten und schweigsamen Magd befand sich weiter niemand im Haus als Erich Heimlen, den Sebald als eine Waise zu sich und in die Lehre nahm.

Es war im Juni 1628, als Meister Sebald zu Erich sprach: »Du wurdest gestern vierundzwanzig Jahre alt, und es wäre wohl Zeit, daß du dich umsähest in der Welt. Dazu scheint mir jetzt gute Gelegenheit, zumal hier der Arbeit nicht viel ist, so daß ich wohl allein damit fertig werde. Die Kaiserlichen stehen unter Wallenstein vor Stralsund, die Verheerungen des Krieges lassen in unsrer Gegend nur wenige an Gold- und Silbergerät denken, und selten werden sogar die Brautringe. Ziehe also in Frieden und werde geschickter in deiner Kunst da, wo das Glück und die Freude heimischer sind als bei uns!«

Erich stand wie vom Donner gerührt und fand lange keine Worte. »Meister«, sprach er endlich, »Meister, gerade in diesen Tagen des Unheils solltet Ihr mich nicht von Euch senden. Wißt Ihr denn, was sich begeben kann und ob Euch nicht für alle Fälle in Eurem Haus ein Paar junge, kräftige Arme nottun?« – »Wir stehen in Gottes Hand!« entgegnete Sebald. »Draußen wirst du Arbeit finden und Lohn, den ich dir, da's hier an Geschäft mangelt, nicht mehr zu geben imstande bin. Und wie gesagt, es ist dir nützlich; machen wir uns also das Herz nicht schwer!«

Ach, Erich wär' gern ohne solchen Lohn geblieben, denn er sehnte sich nach dem größten – nach Klara. Auch diese wurde bleich, als sie vernahm, daß Erich fort solle, und eilig ging sie in ihr Kämmerlein, sich dort auszuweinen und ihres Herzens Neigung nicht zu verraten. Sebald aber hatte diese Neigung wohl erkannt, und auch deshalb schien es ihm geraten, daß Erich scheide. So geschah es denn nach wenigen Tagen. Klara nahm von ihm Abschied in Gegenwart des Vaters und vermochte nicht der Tränen sich zu erwehren, als sie nun sprach: »Gedenk unser und halte dich treu und redlich, daß wir uns freuen mögen, wenn wir uns jemals wiedersehen!«, und dabei hatte sie ihm die Hand gegeben, und er fühlte ihren innigen Druck. Erich mußte weinen, und Tränen waren auch fast seine ganze Sprache, denn er sagte nur: »Lebt wohl, Meister, der Ihr mir Vater wart; lebt wohl, Jungfer Klara! Wenn's Euch wohlgeht, vergeßt mich nicht, und geht's Euch schlimm, so ruft mich!«

Bald stand er draußen vor der Stadt und betete inbrünstig zu Gott, indem er hinblickte auf den Ort, wo er sein Herz zurückließ. Dann schritt er voran und wiederholte sich im Gehen Klaras Rede, von der ihm die Worte »halte dich treu« die liebsten waren, denn wagte er auch nicht, es sich zu gestehen, so schien es ihm, als läge gar viel Hoffnung darin.

Klara saß traurig daheim, und Sebald sagte seufzend zu sich selber: »Du hast doch recht gehandelt!« – Klara war nicht seine Tochter. Als Sebald von langer Wanderschaft zurückkehrte, fand er beide Eltern tot, und nur seine liebe Schwester Kunigunde kam ihm entgegen. Er brachte einen Kunstgenossen mit, Franz Horfolt, der, eines reichen Goldschmieds Sohn, nach Stockholm wollte. Aber er blieb, und blieb zum Grame Sebalds; denn dieser sah, daß ihn Kunigunde hielt, und doch hatte er schon deutlich genug bemerkt, daß dem Horsolt nicht sonderlich zu trauen war, ihm, der nach Lust und Prunk, nicht in Genügsamkeit nach den Schätzen des Herzens trachtete. Plötzlich aber hatte er sich davongemacht, und aus Kunigundens Tränen und Verzweiflung sprach es, daß er ihr Verführer gewesen. Klara war nun Horsolts und Kunigundens Tochter, und die Mutter starb bei ihrer Geburt. Sebald nahm sich des Kindes mit aller Sorge an, verließ jedoch mit der alten Magd seiner Eltern die Vaterstadt, die ihm verleidet war. Von einer Ehe schreckten ihn bittre Erfahrungen zurück, und alle seine Liebe hatte er auf Klara und Erich übertragen. Das Mädchen, jetzt achtzehn Jahre alt, kannte das Geheimnis ihrer Geburt nicht, und Sebald mochte es niemandem sagen. Es wäre wohl sein Wunsch gewesen, seine beiden Schützlinge zu verbinden; aber er dachte bei sieh: Wer weiß, ob Erichs Neigung fest ist, zumal wenn er von Klaras Herkunft erfährt; dann war's ja möglich, ihr Vater käme einmal wieder und ich hätte da zuviel getan! Auch ist's besser, daß Erich sein Glück erst versucht; denn du kannst ihm ja ohnehin in deiner beschränkten Lage keine sichre Aussicht eröffnen! So hatte er sich überlegt und hiernach gehandelt, oft noch hinzufügend: Ist Erichs Neigung stark genug gegen die Anfechtungen des Lebens, so kehrt er wieder, und alles sieht dann besser aus.«

In seinem Haus war es nun freilich recht düster geworden seit Erichs Scheiden und recht still, aber das Toben des Schicksals zog nach wenigen Monaten heran. Wallenstein hatte mit all seiner Macht Stralsund nicht zu gewinnen vermocht und eilte jetzt den Dänen entgegen, auf Rostock zu, das er unerwartet überfiel. Die Kaiserlichen drangen in die Stadt ein und ein Troß derselben, von einem Offizier geführt, in Sebalds Haus. Der Offizier sah Klara – ein Wink von ihm, und Soldaten hatten sie ergriffen und führten sie dann in das kaiserliche Lager. Sebald, nichts mehr bedenkend, suchte sein Kind zu retten, aber vergebens; der stärkere Gegner überwältigte ihn und eilte von dannen. Doch Sebald, in dem vollsten Grimm und dem Mut, sich aufzuopfern, stürzte ihm nach, ihn anrufend. Da zückte der Offizier in wildem Grimm seinen Dolch gegen ihn; doch in dem Augenblick hielt ein rasch herbeigekommener Mönch seinen Arm auf und rief ihm zu: »Was willst du tun, Franz Horsolt? Die du raubtest, ist deine Tochter, und dieser ihr Pflegevater!«

Bebend ließ der Wütende den Dolch fallen; ihm war plötzlich, als kenne er das Antlitz dessen, der ihm mit aller Anstrengung seiner Kraft gegenüberstand, und erwartungsvoll starrte er den Mönch an, der nun fortfuhr: »Dies ist Gerhard Sebald, einst dein Freund, den du verraten. Ich war Kunigundes Beichtvater, kenne deine Übeltat an ihr und preise Gott, daß er auf dieser Mission, in der ich dem Heere des Kaisers folgte, mich gewürdigt hat, an einem neuen Verbrechen dich zu hindern!«

»Um Gott und aller Heiligen willen, fort!« stöhnte jetzt voll Angst Horsolt und wandte sich hastig um; ihm folgten Sebald und Pater Cölestin. Bald waren die Soldaten erreicht; Klara lag ohnmächtig hingesunken, und neben ihr stand Erich, blutend, aber noch immer gegen die Übermacht kämpfend. Horsolt gebot Frieden, und Erich wankte nun näher mit dem Ruf: »Hab' ich's Euch nicht gesagt, Meister, daß ich Euch not sein würde? Ich hörte in der Ferne von dem Unheil, das dieser Gegend drohe, und es trieb mich unwiderstehlich zu Euch zurück!« – Tief gerührt drückte ihm Sebald die Hand und führte den Ermatteten zu seinem Haus, während Horsolt Klara auf seinen Armen dorthin trug.

In tiefer Zerknirschung erfuhr er hier die Folgen seines Leichtsinns und berichtete dann, daß er, immer mehr in ein wüstes Leben geraten, sich Wallensteins Heer angeschlossen habe. Von der wundersamen Fügung überwältigt, wollte er sogleich ein namhaftes Vermögen seiner Tochter geben, die er mit Freuden anerkannte und ihren Bund mit Erich segnete. Aber seine Kinder, aus Furcht, es hafte Sünde auf dem Geld, mochten eher nichts annehmen, bis er bewies, daß es sein ehrliches Erbe sei. Als dies geschehen, zogen Sebald, Klara und Erich nach Danzig und richteten dort eine größere Werkstätte ein. Nach wenigen Jahren kam auch Horsolt zu ihnen, verändert in seinem Wesen. Er lebte in demütiger Reue und starb ruhig im Kreis der Seinen, vertrauend der Gnade Gottes.

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