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Kaiser Max der letzte Ritter

Felix Salten: Kaiser Max der letzte Ritter - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorFelix Salten
titleKaiser Max der letzte Ritter
publisherVerlag von Ullstein & Co
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid96a29785
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Aufruhr in Brügge

Nun hätte Maximilian sich freilich gegen Ungarn wenden sollen. Seine Aufgabe war es jetzt, den König Mathias Corvinus aus Wien zu vertreiben und die österreichischen Erblande vom Feinde zu säubern. Aber Maximilian wandte sich sogleich wieder nach Flandern. Zuerst ging er mit Kaiser Friedrich nach Gent, wo der alte Kaiser zum erstenmal sein Enkelkind, Maximilians Sohn, den jungen Philipp, in die Arme schloß.

Aber auch als der Kaiser wieder in das Reich zurückgekehrt war, blieb Maximilian in Flandern. Er mag wohl gefürchtet haben, Frankreichs alte Nebenbuhlerschaft, die immer noch fortbestand, werde sich des kleinen Philipp und der Niederlande bemächtigen, wenn er selbst in der Ferne weilte. Es scheint auch, als habe er noch mit dem trotzigen Volk, das ihm so vielen Kummer bereitet hatte, seine Rechnung machen wollen. Hier in Flandern war er ja als junger, trauernder Witwer schnöde behandelt worden; hier hatte man ihn seine damalige Machtlosigkeit unbarmherzig fühlen lassen, hatte ihm die Kinder genommen und ihn aus der Stellung des Regenten verdrängt.

Jetzt aber war er wieder Regent. Jetzt war er als römischer König zu einer hohen Stellung emporgestiegen, und wenn er auch nur wenig Söldner bei sich behielt, war doch die ganze Macht des Reiches an seine erwählte Majestät geknüpft. Man kann es verstehen, daß Maximilian jetzt nicht ohne weiteres vom Platz weichen mochte.

Aber trotz seiner so günstig veränderten Lage erlebte er jetzt erst in Flandern die größte Beleidigung und geriet in ernsthafte Gefahr. Frankreich hörte nicht auf, die Niederlande mit seinen Sendlingen zu durchwühlen und das Volk wie den Adel zur Empörung gegen Maximilian aufzureizen. In Gent brach ein Aufstand los, den die Söldner Maximilians niederschlugen. Jetzt zum ersten Male bekamen die Flanderer die eiserne Faust der Habsburger zu spüren. Denn Maximilian ließ die Rädelsführer ohne Gnade hinrichten. Aber der Schrecken, den er zu verbreiten gedachte, wandelte sich mehr und mehr in Haß gegen ihn.

Es war in Brügge, wo die Rebellion gegen Maximilian die Oberhand gewann. Nach dem blutig unterdrückten Aufruhr von Gent war Maximilian in Brügge eingezogen. Sein Hofnarr, Kunz von der Rosen, hatte ihm freilich davon abgeredet, sich im übermütigen Brügge häuslich einzurichten, und hatte ihn gewarnt, sich da nicht fangen zu lassen. Maximilians kecker Sinn aber ward von dem Abenteuer, das ihn hier erwartete, nur erst recht verlockt. Er dachte die Bürger von Brügge in Güte zu gewinnen. Da geschah ein Tumult, als er seine Söldner auf dem Marktplatz exerzieren ließ. Angeblich lag ein Mißverständnis vor. Der Hauptmann, der die Truppe kommandierte, befahl »Steht!«, der Pöbel aber, der neugierig zuschaute, verstand das Wort vlämisch »Slät!«, was soviel heißt wie »Schlagt sie«, und als die Landsknechte nach diesem Befehl die Lanzen senkten, meinte das Volk, die Truppe bereite sich zum Angriff vor, und stob schreiend auseinander. Maximilian wollte die Aufgeregten beruhigen und sandte sogleich alle seine Söldner aus Brügge weg nach Gent. Aber diese großmütige, ritterliche Handlung nützte ihm nun nichts mehr. Die Bürger von Brügge sahen nur ihren Vorteil darin, daß Maximilian jetzt allein, ohne Waffen und Wehr in ihre Hände gegeben war. Daß er selbst sich jeglicher Macht freiwillig entblößt hatte, achteten sie nicht, und daß Maximilian so stolz war und seine königliche Person auch ohne Schutz für unverletzlich hielt, übte keinen Eindruck auf sie. Unter den zweiundfünfzig Bannern der Gilden scharte sich die Bürgerschaft zusammen; ihre fünfzig Kanonen schleppten sie auch herbei, und so rückten sie vor die Pfalz, d. i. der große Fürstenpalast, darin Maximilian wohnte. Den Bürgern hatte sich auch der zügellose Mob beigesellt, der nun schreiend und lärmend nachdrängte.

Jetzt standen die Dinge freilich schlimm. Denn die Bürger hatten nur die Absicht gehabt, Maximilian in ihre Gewalt zu nehmen. Der tobende Pöbel aber wollte ihm geradezu ans Leben. Ein wüster Kampf brach los, die Pfalz, darin Maximilian mit Maria zusammen gewohnt hatte und glücklich gewesen war, darin sein Sohn Philipp, der Herzog des Landes, geboren wurde, fiel dem plündernden Volk zur Beute und ward verwüstet.

Die Bürger aber waren schon froh, als es ihnen gelang, Maximilian endlich und mit vielen Mühen zu retten. Während der Palast den Plünderern blieb, brachte man den römischen König heimlich in das feste Haus eines Gewürzkrämers. Dort bewachten ihn vierhundert Mann vor der Wut der Menge.

Maximilian bewahrte in all der Wirrsal dieser Stunden seine volle Ruhe und seine ganze große Würde. Zu den Bürgern, die ihn zwar gerettet hatten, die aber doch zugleich auch Rebellen waren, redete er so frei und gelassen, so majestätisch und kühn, daß sie recht kleinlaut wurden und wohl merkten, ihr Gefangener sei am Ende, trotz seiner augenblicklichen Wehrlosigkeit, doch mächtiger als sie alle. Gleichwohl blieb Maximilian gefangen, zuerst in jenem Hause, später in der Burg, und es kamen böse Tage für ihn. Der Aufruhr wuchs immer mehr, und als gar die verwegenen Bürger von Gent herbeigeeilt waren, erreichte die Unordnung und die Gefahr ihren Gipfel. Maximilians Räte wurden auf offenem Markt vom Henker gefoltert, Bürger, die zur Mäßigung rieten, wurden nach kurzem Prozeß öffentlich enthauptet. Maximilian erfuhr in seiner Haft eine unehrerbietige Behandlung, ja er glaubte sogar, man wolle ihm Gift in die Speisen mengen, um sich seiner zu entledigen.

Es wird erzählt, daß Kunz von der Rosen, Maximilians treuer Freund, Hofnarr und Verseschmied, manchen Versuch unternommen habe, um den Gefangenen zu befreien. So soll er sich einmal als Beichtiger bei Maximilian eingeschlichen haben. Sein Plan war, Maximilian möge mit ihm die Kleider tauschen und in der Mönchskutte entfliehen. Maximilian besorgte jedoch, die Bürger von Brügge möchten an Kunz von der Rosen tödliche Rache nehmen, wenn sie ihn, statt ihres königlichen Häftlings, im Gefängnis fänden, und er weigerte sich, weil er den Freund nicht in Gefahr zurücklassen wollte. Ein andermal, so berichtet man, sei Kunz von der Rosen mit zwei Schwimmgürteln, einen für Maximilian und einen für sich, bei Nacht über den Wassergraben geschwommen, der die Burg auf der einen Seite umgibt. Aber die Schwäne, die hier lebten, wären herbeigeeilt und hätten Kunz von der Rosen mit heftigen Flügelschlägen wieder verscheucht.

Was nun der treue Hofnarr nicht zustande brachte, das gelang endlich dem Bemühen höherer Erdenmächte. Verschiedene Behörden in den Niederlanden waren besonnen genug, vorauszusehen, daß dieser ganze Handel böse Folgen haben müsse, und sie warnten die Brügger und Genter, die Gewalttätigkeit noch weiter zu treiben. Der Papst ermahnte sie durch den Erzbischof von Köln, sie mögen sich mit Maximilian vergleichen. Der Kaiser aber rief das Reich auf zur Befreiung des römischen Königs und zog endlich mit Heeresmacht heran.

Maximilian, der nichts davon wußte, erhielt nun plötzlich das Anerbieten, er solle Urfehde schwören, solle schwören, den Niederlanden nichts nachzutragen, sich nicht an ihnen zu rächen, dann werde man ihn frei hingehen lassen, wohin es ihm gefalle. Er mußte ferner schwören, alle seine Truppen aus dem Land zu ziehen, auf die Vormundschaft zu verzichten und in den Frieden mit Frankreich zu willigen. Dafür sollte er jährlich tausend Pfund Groschen zur Entschädigung haben. Maximilian nahm das Geld, nahm die Freiheit und leistete den Eid. Er ist oft darum getadelt worden. Aber man muß doch bedenken, daß er ein junger, lebensfroher, tatendurstiger Mann war, daß die Gefangenschaft ihm wie eine Marter erschien, daß die Gefahr des Todes, die ihm alle Tage, wenn er zu Tische saß, drohte, seinen hohen Sinn herabstimmte, und daß er in seiner Ungeduld und in seiner Bedrängnis wahrscheinlich bereit gewesen wäre, noch viel mehr hinzugeben, wenn er damit überhaupt nur loskam.

Bleich, abgemagert und geschwächt langte er im Hoflager zu Löwen an und umarmte seinen Vater, der den geretteten Sohn hocherfreut an sein Herz preßte. Als er aber hier vernahm, der Einmarsch der Reichsarmee solle schleunigst fortgesetzt und die Rebellen bestraft werden, erzählte er, daß er Urfehde und Verzeihung geschworen habe, und bat tagelang, sein Eid möge respektiert werden. Doch die Räte des Kaisers traten zusammen und erklärten, die Bürger von Gent und Brügge hätten gegen Treue und Recht gehandelt, sie wären nur als Rebellen anzusehen und ihnen sei man nicht eidpflichtig. Sie erklärten ferner, der Schwur, den Maximilian geleistet habe, sei erpreßt worden und deshalb nichtig. Maximilian mußte sich fügen. Aber wenn er sich gerne fügte, wie man behauptet, so ist das wieder bis zu einem gewissen Grade zu verstehen, denn sein Stolz wie seine Ehre waren im tiefsten verletzt. Er hatte jahrelang von den Niederländern nur Beleidigung, Kummer und Schmach erlebt, und man kann sich die Gefühle ausmalen, die in seiner Herrscherbrust gegen Flanderns Bewohner lebten.

Der Feldzug gegen Brügge, Gent und die anderen Städte nahm also seinen Fortgang. Das trotzige Volk war aber nicht so leicht zu bewältigen und Maximilian mußte sich nun endlich doch dem Osten des Reiches zuwenden, mußte in die österreichischen Erblande, um Wien zu befreien und mit dem König von Ungarn abzurechnen. Deshalb begab er sich mit seinem Vater, dem Kaiser, fort aus Flandern, wo jetzt Albrecht von Sachsen den Oberbefehl übernahm. Noch einmal erhob sich der vlämische Freiheitsdurst mit aller Kraft und lieferte furchtbare Kämpfe. Vergebens. Albrecht von Sachsen war ein eisenharter Mann; er hatte die Sache Maximilians zu seiner eigenen gemacht und er wich nicht vom Platz, bis er die üppigen Städte gebrochen, die trotzigen Bürger niedergetreten, den Aufruhr erstickt hatte. Im Jahre 1492 flatterten Maximilians Fahnen siegreich von allen Burgen und Festungen. Albrecht von Sachsen legte die reichen niederländischen Provinzen, bezwungen und gebändigt, Maximilian zu Füßen.

Sturm auf eine Stadt

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