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Kaiser Max der letzte Ritter

Felix Salten: Kaiser Max der letzte Ritter - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorFelix Salten
titleKaiser Max der letzte Ritter
publisherVerlag von Ullstein & Co
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid96a29785
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Glück und Schmerz

»Hätten wir Frieden, wir säßen wie im Rosengarten,« schrieb Maximilian über sein junges, eheliches Leben. Aber sie hatten keinen Frieden, denn die Franzosen waren erbost darüber, daß die reiche Erbin den Dauphin verschmäht hatte. Ludwig XI. zog das burgundische Lehen ein und seine Truppen rückten gegen Flandern zu Feld. Maximilian zog ihnen mit seinen Söldnern entgegen und schlug sie bei Guinegate. Es war ein fröhlicher, leichter Sieg, den er da errungen hatte, und bedeutete in der Folge nicht gar viel. Aber es war bei alledem doch ein Sieg, und Maximilian hatte dem Heldenruhm, den er in so jungen Jahren schon genoß, Ehre gemacht.

Zudem war er in seiner heiteren Gemütsart nicht der Mann, der sich die Lust am Dasein so rasch verderben ließ. Auf leichten Schultern trug er die Sorgen, allerlei Kriegsnöte, politische Wirren, blieb dabei unverdrossen und war glücklich mit seiner schönen Gemahlin. Denn Maria von Burgund war schön. Der holde Blick ihrer Augen war strahlend von Lebensmut und Zärtlichkeit, ihr Antlitz besaß einen Zauber, der jeden gefangennahm und ihre Gestalt war ebenmäßig und in allen Bewegungen voll Anmut.

Als die echte Tochter Karls des Kühnen war Maria tapfer und in allen Leibesübungen gewandt. Maximilian, der die ritterlichen Spiele liebte, freute sich, wie trefflich seine Gemahlin zu Pferde saß, wie unerschrocken sie die wildesten Rosse tummelte und wie trefflich sie sich als Zuschauerin auf die Gesetze und Künste des Turnierens und Lanzenstechens verstand. Sie ritten zusammen zur Jagd, der Maximilian wie immer leidenschaftlich anhing. Maria aber hatte vor ihrem Gemahl noch eine Kunst voraus, auf die er sich nicht verstand und die er hier im Norden erst kennen lernte: das Schlittschuhlaufen. Dann bewunderte er sie vom Ufer aus, wie sie auf den spiegelnden Eisflächen dahinflog und Kreise zog.

Er selbst freilich hat sich nie aufs Eis begeben, denn er dünkte sich schon zu erwachsen, um hier noch als unbeholfener Schüler anzufangen. Auch hielt er es seiner Würde nicht für angemessen, ungeschickt auf dem Eise daherzustolpern; und wenn er gar hingefallen wäre, was ja einem Anfänger so leicht begegnet, hätte er sich zu sehr geschämt.

Des Abends aber, daheim, vergnügten sie sich an den Büchern. Sie lasen von Helden und Abenteuern, von Rittern, die in der Welt umherzogen, um Gefahren zu bestehen, und spannen das Gelesene in phantastischen Träumen weiter. Auch sonst waren sie geistig beschäftigt. Maximilian lernte von Maria Französisch, denn das war die Sprache, die an ihrem Hofe geredet wurde. Er dagegen unterwies seine Gemahlin im Hochdeutschen, das damals als Kanzlei- und Schriftsprache immer mehr in Aufnahme kam, bis es ein Menschenalter später durch Martin Luther seinen großen dauernden Triumph erfuhr. Das Volk in Flandern sprach vlämisch und holländisch, zwei Mundarten, die ja eigentlich deutsche Dialekte sind. Maximilian, der auch hier, wie bei sich daheim in Österreich, gerne mit den einfachen Leuten aus dem Volke reden wollte, nahm bei einer Hofdame seiner Gemahlin auch in diesen beiden Sprachen Unterricht.

Eigentlich lebte er also hier in der Fremde und als verheirateter junger Mann beinahe genau so, wie er zu Hause als Knabe gelebt hatte. Er las und studierte, er turnierte und pflegte der Jagd. Nur daß er jetzt in Maria sowohl bei den Büchern im Zimmer als auch draußen im Freien eine geliebte Gefährtin besaß.

Maximilian lernt von Maria die französische Sprache

Maria hatte ihrem Gemahl nach Jahresfrist einen Sohn geboren, der den Namen Philipp erhielt und später König von Spanien werden sollte. Im zweiten Jahre schenkte sie ihm eine Tochter, Margaretha, von deren wechselvollen Schicksalen noch die Rede sein wird. Maximilians Glück war vollkommen, als es im fünften Jahre seiner Ehe ein plötzliches trauriges Ende nahm.

Es war im Frühling 1482. Maximilian ritt zur Reiherbeize, und Maria, obgleich sie sich an diesem Tage nicht wohl befand, konnte sich nicht entschließen, zu Hause zu bleiben. Auf ihrem Ritt durch das kaum noch ergrünte Revier gewahrte sie mit einem Mal einen prächtigen Reiher, der still auf seinem Nest saß. Eifrig trieb sie ihr Roß näher heran, um der Beute sicherer zu sein. Schon wollte sie den Falken von der Hand lösen, da strauchelte ihr Pferd und kam zu Sturze. Maria, jählings aus dem Sattel geschleudert, fiel unglücklicherweise auf einen Baumstumpf, das Roß brach über ihr zusammen und Marias armer, junger Leib, von dem ungeheuren Gewicht des Pferdes an den Stumpf gepreßt, ward beinahe gepfählt.

Vorbei war nun das fröhliche Jagen und Reiten, überhaupt alle Lust und Fröhlichkeit des Lebens vorbei für immer. Als man Maria aufgehoben, nach Hause gebracht und gebettet hatte, erkannte man wohl gleich, daß da keine Hilfe mehr möglich sei und daß sie sterben müsse. Maximilian war von diesem jähen Schicksalsschlag ganz zerschmettert. Er stand fassungslos an Marias Schmerzenslager, und wenn er sie da so todesbleich und schwach vor sich liegen sah, verzweifelte er, konnte seinen Tränen nicht gebieten und weinte laut. Die edle Frau jedoch verbiß in seiner Gegenwart tapfer ihre Qualen und ließ ihn nicht merken, wie schwer sie litt. Vielmehr tröstete sie ihn noch, redete ihm liebevoll zu und ermahnte ihn, doch nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Aber wenn er dann einmal hinweggegangen war, um zu ruhen, gab auch sie sich ihrem Jammer hin. Voll heftiger Leidenschaft schrie sie dann auf und schluchzte und klagte in rührenden Worten, aber nicht um ihrer körperlichen Schmerzen willen, obschon auch diese furchtbar waren, sondern aus Seelenpein. Oh, wie sehr bereute sie es nun, daß sie unvorsichtig gewesen, daß sie sich nicht geschont hatte und lieber zu Hause geblieben war, statt zur Reiherbeize zu reiten. Jetzt hatte sie in einem Augenblick der Unbesonnenheit Blut und Leben verscherzt, jetzt mußte sie Abschied nehmen von ihrem geliebten Maximilian, von ihren kleinen Kindern und von allen Freuden dieser schönen Erde. Deshalb weinte Maria und schlug verzweifelt die wunde Brust, wenn sie sich allein glaubte.

Als sie ihr Ende nahen fühlte, ließ sie die Ritter vom Goldenen Vlies herbeirufen. Sie standen im Kreis um ihr Bett, und Maria verlangte in gar beweglichen Reden von ihnen, sie sollten schwören, nach ihrem Tode Maximilian und den Kindern, Philipp und Margarethe, unverbrüchlich die Treue zu halten. Die Vliesritter leisteten der Sterbenden diesen Eid. Darnach verblich Maria, am 28. März 1482, fünfundzwanzig Jahre alt, im Frühling ihres Lebens und ihres Glücks.

Maximilian war im innersten Herzen getroffen, und als man ihn von der Leiche fortführte, sagte er mit einem letzten Blick auf die entschlummerte Maria: »Nie, solange ich lebe, werde ich dieses trauten Weibes vergessen.«

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