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Kaiser Max der letzte Ritter

Felix Salten: Kaiser Max der letzte Ritter - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorFelix Salten
titleKaiser Max der letzte Ritter
publisherVerlag von Ullstein & Co
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid96a29785
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Kaiser Maximilian, der letzte lebende Ritter

Geburt und Kindheit

In der Burg zu Wienerisch-Neustadt gebar die schöne, feurig-lebhafte und muntere Eleonore von Portugal ihrem Gatten, dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich III., am 22. März des Jahres 1459 ein Knäblein, das den Namen Maximilianus erhielt, und das in der Folge seines Lebens nebst vielen glänzenden Kronen noch manchen anderen ruhmreichen Namen tragen sollte.

Maximilians erste Kindheit aber war recht eigentlich trübselig, und seine Eltern mögen sich ihres Sprößlings nur wenig gefreut haben. Denn Maximilian blieb beinahe fünf Jahre lang gänzlich stumm. Er konnte nicht reden wie andere Kinder; ja er unternahm nicht einmal den Versuch, die paar Worte nachzusprechen, die ihm vorgesagt wurden, sondern er lallte wie ein Neugeborenes. Erst später begann er, unbeholfen und schwerfällig, Laute und Silben zu formen, doch war er bis in sein zwölftes Jahr der Sprache noch nicht ganz mächtig. Es geschah denn auch, daß ihn die Leute für blödsinnig hielten; und niemand hätte erwartet, es könne auch nur ein halbwegs vernünftiger Mensch aus diesem Prinzen werden.

Dann aber erwachte sein Geist mit einemmale. Eine merkwürdige Starrheit schien es gewesen, die das Kind so lange umklammert gehalten, die nun plötzlich von ihm wich und sein Wesen frei gab, das nun anfing sich erstaunlich zu regen und zu beleben. Beinahe ließe sich der Spruchvers, den Goethe über sich und sein elterlich Erbteil gedichtet hat, auch auf Maximilian anwenden, denn auch in Maximilian waren die Charaktereigenschaften der Eltern seltsam ineinander gemischt. Vom Vater hatte er nämlich, wie Goethe, »des Lebens ernstes Führen«, einen ausgesprochenen Sinn für das königliche Handwerk der Politik, und, wiederum wie Goethe, hatte er »vom Mütterlein die Frohnatur und Lust am Fabulieren«.

Einstweilen entwickelte sich der Knabe allerdings mehr nach seiner Mutter. Eleonore von Portugal hatte sein geistiges Erwachen freilich nicht mehr erlebt. Sie war frühzeitig gestorben, kaum dreißig Jahre alt, da ihr Sohn noch als ein rechtes Sorgenkind galt und wenig Gutes zu versprechen schien. Nun aber war er kein Sorgenkind mehr, sondern ein fröhlicher, bildhübscher, lebhafter Junge, der viel mehr zu wissen verlangte, als seine Lehrer ihm boten. Um jene ferne und finstere Zeit lernte solch ein kleiner Prinz Religion und daneben auch ein wenig Medizin. Nur muß man freilich auch bedenken, daß die Medizin damals noch arg im Dunkeln tappte, daß es da also nicht besonders viel zu lernen gab. Außerdem wurden die jungen Prinzen auch noch in jenen Lehren des Aberglaubens unterrichtet, die man die »schwarze Kunst« nannte. Da gab es langwierige Auseinandersetzungen über Hexen, Magier, böse Geister, Dämonen und schwierige Formeln, wie man sie beschwören und bannen müsse. Allein nicht jeder Prinz war so gebildet. Dies alles genügte dem jungen Maximilian nun aber ganz und gar nicht. Er hatte jetzt einen beweglichen, munter auf die Welt ringsumher gerichteten Verstand und er besaß eine spielende, ruhelos umherschweifende Phantasie. Er wollte etwas Nützliches wissen, deshalb fing er aus eigenem Antrieb das Studium des Bergwerkswesens und des Kriegshandwerks an. Voll Eifer war er dabei und hat es denn auch in seinem folgenden Leben in der »Artollerie-Wissenschaft«, wie man diese Dinge damals nannte, viel weiter gebracht als irgendein anderer Fürst seines Jahrhunderts.

Die Taufe Maximilians

Am liebsten aber stöberte er in den alten Heldenbüchern, las jede Chronik, die er zur Hand bekam; und wenn darin von vielen Abenteuern, von Gefahren und Kämpfen die Rede ging, ergötzte sich sein feuriges, stürmisches Herz. Er befaßte sich mit Architektur, er zeichnete voll Eifer und studierte die Kunst der Maler, und er hatte einen ebenso starken Hang zur Musik. Alle die schönen Künste hat er zeit seines Lebens geliebt. Ihnen wandte er sich als Knabe schon zu; sie erheiterten ihn, und er war gerne heiter; sie regten ihn an, sie erfrischten seinen Geist; und – als er Kaiser war – halfen sie ihm oft die Sorgen verscheuchen.

Es ist gar nicht zu sagen, wofür Maximilian sonst noch Lust, Eifer, Lernbegier und Zeit übrig hatte. Er stand an der Drechselbank, tischlerte gelegentlich ein wenig, trieb Mechanik und dichtete auch noch manches Mal. Aber so viel Kraft und junger Mut war in ihm und so fröhlich brauste das Blut durch seine Adern, daß er sich zu Hause in der Enge der Burgmauern nicht genugtun konnte. Auch nicht auf der Reitbahn, wo er alsbald gelernt hatte, feurige Rosse zu tummeln, Lanzen zu brechen, mit dem Schwert zu fechten und andere ritterliche Spiele zu üben. Es trieb ihn noch hinaus in die Berge, zu den Gipfeln empor, über Gestein und Felsen, über Gletscher und Schneefelder. Und er war auf der Hochjagd nicht etwa von jener Bequemlichkeit wie andere fürstliche Herren. Nur von einem oder von zwei Knechten begleitet, zog er aus, oft aber auch ganz allein, streifte tagelang durch die Wildnis auf der Pürsche nach Steinböcken oder Gemsen. Je mehr Gefahren ihm die Jagd brachte, je mehr Lust und Freude hatte er an ihr. Und bald gab es keinen, der sich im Weidwerk mit ihm hätte messen können.

So wuchs er heran; wohlgebildet an Geist und Körper, ein Jüngling, dem edle Nachdenklichkeit aus den blauen Augen sprach, und dessen Wangen gebräunt waren vom frischen Bergwind und von Sonnenglut. Seiner freien Stirn war es anzumerken, daß sie sich oft über Schriften und Bücher beugte, und seinem fröhlichen Gang, seinem hohen Wuchs, seiner kräftig biegsamen Haltung, daß er in allen Spielen des Körpers geübt war. Die Leute aber, die vordem geglaubt hatten, er sei blödsinnig, wußten sich jetzt vor Staunen nicht zu lassen, und in allen Landen ward der Geist wie die Tapferkeit Maximilians hoch gepriesen.

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