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Kaiser Max der letzte Ritter

Felix Salten: Kaiser Max der letzte Ritter - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorFelix Salten
titleKaiser Max der letzte Ritter
publisherVerlag von Ullstein & Co
year1913
firstpub1912
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid96a29785
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Kaiser

Vierunddreißig Jahre war Maximilian alt, als er sich die deutsche Kaiserkrone aufs Haupt setzen durfte; ein Mann in der Blüte seiner Gaben. Vor ihm ist kein anderer Habsburger auf dem Kaiserthron in so vielfältige Berührung mit allen Ständen und Schichten des Volkes getreten; keiner ist den Menschen so menschlich nahe gewesen wie er. Deshalb liebten sie ihn auch, wie viel Mißerfolg und Unglück sowohl über ihn und das Reich hereinbrach. Er war für die Leute trotzdem und über jedes Mißgeschick hinaus der Max, der Strahlende, der Fürst, an den sie glaubten.

Er war freigiebig, was auf alle einen guten Eindruck übte, die sich der ängstlichen Sparsamkeit und der vielen Knausereien seines Vaters Friedrich noch erinnerten. Friedrich hat sich oft über die leichte Hand seines Sohnes entsetzt und ihn wohl auch einen Verschwender geheißen. Man erzählt, Kaiser Friedrich habe seinem Sohn, als er noch ein kleiner Junge war, einmal eine Schüssel Obst und einen Beutel Geld geschenkt, der prinzliche Knabe ließ sich das schöne Obst trefflich schmecken. Das Geld jedoch, mit dem er nichts anzufangen wußte, verteilte er unter seine Diener, indem er sich dabei an ihrer Freude und an ihrem Dank ergötzte.

Der Kaiser seufzte, auf den Knaben deutend: »Je, das wird ein Streuhütlein werden.« Maximilian aber entgegnete: »Ich will dereinst nicht ein König des Geldes sein, sondern ein König des Volkes und derer, die Geld besitzen.« Und wenn diese Geschichte wahr ist, hat das Kind ein prophetisches Wort gesprochen. Denn Maximilian ist niemals ein Fürst des Geldes gewesen. Er hat es niemals zusammenhalten und beherrschen können, es lief ihm durch die Finger und spielte ihm alle möglichen argen Streiche.

Er war milde und eigentlich ist er auch nicht rachsüchtig gewesen. Daß er gegen Frankreich gern etwas Böses unternahm, wird man wohl nicht als Rachsucht auslegen können. Er und sein Haus wurden von Frankreich immer verfolgt und angefeindet und von Karl VIII. ist er in seiner eigenen Person wie in seiner Tochter Margarethe wahrlich bitter genug gekränkt worden.

Maximilian ist in seiner glücklichen Gemütsart nicht zornig gewesen und er strafte auch nicht mit Grausamkeit. Nur gegen die Strauchritter und straßenräuberischen Edelleute konnte er manchmal unbarmherzig sein, daß der ganze Adel sich darüber entsetzte. Die Bürgerschaft in den Städten freute sich dagegen um so mehr, wenn Maximilian einmal einen adeligen Wegelagerer dem Henker überlieferte. Zornig wurde Maximilian meist nur, wo seine vielgeliebte Jagd in Frage kam. Im Zorn schwollen ihm die Adern am Halse hoch an und er biß die Lippen aufeinander. Aber er war leicht wieder zu beruhigen und ein treffendes Wort, ein guter Scherz konnte ihn mitten in seinem Unmut zu lautem Auflachen bringen. Auch seine Strafen waren nur gegen die Jagdfehler streng. In allen Dingen, welche sein Jagdvergnügen betrafen, verstand er überhaupt keinen Spaß. Der Hochwald war in jedem Land dem kaiserlichen Jagdherrn vorbehalten. Nicht einmal für Klosterbesitz gab es darin eine Ausnahme. Und in Steiermark mußte ein Mönch, der in seinem Jagdeifer zweimal auf Wildfrevel ertappt wurde, zur Strafe die Kutte ausziehen.

Maximilian besaß große Körperkraft. Er war so stark, daß er eiserne Vorlegeschlösser mit bloßen Händen abdrehen konnte, als ob es dünne Fäden gewesen wären. Seine Tapferkeit war ebenso groß wie seine Kraft, und in der Schlacht trieb es ihn immer, sich in das dichteste Getümmel zu werfen. Da nahm er es mit vieren oder fünfen auf einmal auf und wurde mit ihnen fertig. Er war als Soldat wie als turnierender Ritter von brausender Kampfeslust und von feuriger Freude an Abenteuern beseelt. Nicht selten kam es vor, daß er in einem Gefecht die Geschütze selber richtete und mit den Stückmeistern um die Wette schoß. Und er zielte oft besser als jene.

Die »Artollerie« gehörte ja überhaupt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er wußte im Kanonenguß, in der Kunde des Metalls, in der Tragweite und im Treffwinkel der Kugeln Bescheid wie wenige, konnte den Stückgießern Bescheid und Anregung geben. Er besaß zu Wien, zu Görz, zu Breisach und zu Innsbruck die vier größten Zeughäuser, die es damals in der Welt gab. Seine Kanonen waren berühmt und gefürchtet. Die größten unter ihnen, wie der »Purlepaus« oder wie der »Weckauf von Österreich«, waren so bekannt wie lebende Wesen.

Aber wie viele Lieblingsbeschäftigungen hatte dieser lebenssprühende Mann sonst noch? Die Jagd, darin er Meister war, die »Artollerie«, darin er bahnbrechend wirkte, das ritterliche Turnieren, die Musik, die Dichtkunst, die Malerei, die Goldschmiedekunst, die Lektüre alter Chroniken und Heldensagen, dazu die Schiffahrt, die Fischerei, das Bergwerkswesen und den Buchdruck. Dieser Mann, der in seinen Gemächern am Gesang vieler Singvögel ein sanftes Vergnügen fand, der gutmütig lachte, wenn das laute Zwitschern und Trillern seiner gefiederten Freunde einen Gesandten oder Minister nicht zu Worte kommen ließ, war im offenen Kampf von eiserner Ruhe und kaltblütiger Bravour. In den Niederlanden fuhr er einmal dem mörderischen Geschützfeuer der Franzosen direkt in den Rachen, landete, unbekümmert um das Schießen, und nahm den Franzosen die Kanonen weg. Als er zu seinem ersten Reichstag in Worms eingeritten war, vernahm er, daß ein französischer Herr Claude de Barre da sei, ein wahrer Goliath. Der habe nun seinen Schild unter das Fenster seiner Herberge aufgehängt und alle Deutschen, die es wagen würden, ihn zu bestehen, zum Zweikampfe auffordern lassen. Sogleich ließ Maximilian das Wappen von Österreich und Burgund neben den Schild des Franzosen an die Mauer heften. Er ritt auch wirklich mit Herrn de Barre in die Schranken. Bei dem ersten Anprall waren die Lanzen der beiden Kämpfer an den Harnischen abgeglitten, darauf fochten sie mit dem Schwert gegeneinander und Maximilian blieb Sieger.

Maximilian bei den Geschützgießern

Er liebte es, glanzvoll und in fröhlicher Festlichkeit Hof zu halten. In Augsburg tanzte er im selben Reigen wie sein Sohn, Fackel schwingend und unermüdlich. In Nürnberg weilte er bei Spiel und Tanz einmal so lange, daß es nun höchste Zeit war aufzubrechen. Maximilian aber, der gar zu gerne noch dageblieben wäre, ließ sich zum Scherz von den Patrizier-Frauen und -Mädchen gefangen nehmen und entwaffnen und blieb noch zwei Tage in der Stadt. Derselbe Mann war aber zugleich auch so hitzig bei der Arbeit, daß er alle seine Räte in Atem hielt. Sein Hofkanzler, der kreuzbrave und einfache Serteiner, schrieb darüber an Paul von Lichtenstein: »Ir kennt Seine Mayestät paß (besser) denn ich und daß Ir Mayestät alle Dinge selbst angeben, durchsehen und kontrollieren will – es muß alles bey uns von kuniglichen Mayestät erledigt werden – Ir Mayestät feyert nit und kan nit still ligen, darum unsereins desto weniger ausrichten mag.«

In der Tat, seine Räte vermochten es auch wirklich nicht, selbständig die Geschäfte zu führen. Maximilian, der in allen Dingen so wohl bewandert war, der sich in großen und kleinen Dingen so sehr gebildet hatte, daß er weitausschauende Staatspläne entwerfen konnte und in der nächsten Stunde fähig war, ein neues Mittel zur Härtung der Panzer zu ersinnen, Maximilian, der seinen Dichtern und Malern Ratschläge gab, der aber auch nie zu Pferde stieg, ohne vorher Zaum und Sattelzeug mit eigener Hand zu prüfen, ob der Stallknecht auch seine Sache recht versehen habe, dieser vielseitige und lebhafte Kopf führte auch seine Politik ganz allein. Selbst seine Minister wußten nicht zu sagen, was der Kaiser plane und wohin seine Absichten im weiteren zielten. Er war mit Albrecht von Baden eng befreundet, war sein Schwager und sein Verbündeter, hatte manches Unternehmen mit ihm ins Werk gesetzt; dennoch mußte Albrechts Botschafter eines Tages seinem Herrn melden: »Niemand weiß Seiner Majestät Willen«, und der Gesandte Venedigs, der Maximilian in einer italienischen Angelegenheit gar zu gern ausgeholt hätte, konnte schließlich seiner Signoria nur berichten, daß der Kaiser »selten oder vielmehr niemals sich mit jemand unterhält über das, was er verhandelt oder tut, besonders in wichtigen Dingen«.

Dieser Fürst, in dessen Wesen sich viele habsburgische Eigenschaften spiegeln, besaß eine besondere Eigenschaft der Habsburger: leutselig und gesprächig zu sein und dabei dennoch seine persönlichen Geheimnisse unverbrüchlich zu bewahren. Er besaß im hohen Maße jene Art der Habsburger, bezaubernd, liebenswürdig und zutraulich sich zu geben, so daß die Leute, die seiner Nähe teilhaftig wurden, meinen konnten, er habe sich ihnen völlig aufgeschlossen und sei nun ganz durchsichtig für sie. Dann erst erkannten sie, wie merkwürdig verriegelt sein Charakter eigentlich sei, wie in sich selbst verschlossen und undurchdringlich sein Leben sich vollzog. Es ist habsburgisch an ihm, daß er gegen viele Menschen sehr gnädig zu sein vermochte und sie fest an sich zu knüpfen verstand, wenn er nur wollte, daß aber keiner sich rühmen durfte, sein ganzes Vertrauen zu besitzen. Es wurde ihm ungemütlich, wenn er von jemandem merkte, daß er ihm in seine Gedanken schauen wollte. Wenn man ihn aber da erriet, dann konnte er recht streng und unfreundlich werden. Auch das ist ein habsburgischer Zug.

Er hat eine vortreffliche Erziehung genossen, was seinem Vater als Verdienst anzurechnen ist. Denn die Erziehung der Prinzen wurde damals noch ohne rechten Eifer betrieben, ja manchesmal sogar mit Absicht vernachlässigt. Ist es doch zum Beispiel dem Gelehrten Naucler verboten gewesen, seinen Zögling, den späteren Herzog Eberhard von Württemberg, in der lateinischen Sprache zu unterweisen. Aber Maximilian war von einem unstillbaren Wissensdurst erfüllt. Wie er als Knabe schon mehr zu lesen verlangte, als seine Magister ihm anfänglich bieten wollten, so war er zeit seines Lebens bestrebt, seinen geistigen Horizont zu erweitern. Er hat niemals aufgehört, sich zu bilden und zu entwickeln. Daß er sich schon als Jüngling den Granatapfel als Sinnbild und Persönlichkeitszeichen erwählte, weil diese Frucht äußerlich einfach und ohne Duft, dafür aber inwendig süß und strotzend ist, steht keineswegs im Widerspruch zu seiner Prachtliebe. Seine Neigung für äußeren Prunk, für feierlich-malerische Aufzüge hängt ebensosehr mit seiner lebhaften Phantasie zusammen wie mit der stolzen Auffassung, die er immer von seinem Rang gehegt hat. Sein künstlerisches Gemüt labte sich an den Schönheiten, die blendend genug in solch äußerem Tand hervortraten. Bei alledem jedoch hat dieser Mann ein unerschöpflich reiches Innenleben geführt, dessen reizvolle Widersprüche, Geheimnisse und Seelentiefen uns bis auf den heutigen Tag fesseln.

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