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Gutenberg > Gerhart Hauptmann >

Kaiser Karls Geisel

Gerhart Hauptmann: Kaiser Karls Geisel - Kapitel 6
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleKaiser Karls Geisel
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
isbn3549051427
firstpub1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161019
projectid62f207c3
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Vierter Akt

Räumlichkeiten im Kloster auf dem Plan: Gewölbe, Treppen, Kreuzgänge, eine offene Loggia. Seit den Vorgänger, im dritten Akt sind etwa acht Tage vergangen.

Später Vormittag.

Gersuind, halb liegend, in einem Sessel, zeigt Spuren schwerer Krankheit im Angesicht. Die Schwester Verwalterin, damit beschäftigt, eine Puppe anzuziehen, leistet ihr Gesellschaft. Man hat die Kranke so gestellt, daß sie ein wenig den warmen Schein der Herbstsonne genießen kann, der durch die Loggia einfällt.

Die Schwester Verwalterin

Von wem hast du den sonderbaren Ring?

Gersuind

Ich sag' dir's ja: von meiner Mutter.

Die Schwester Verwalterin

Nun,
so tust du recht, ihn wertzuhalten.

Gersuind

Ja,
ich halt' ihn wert.

Die Schwester Verwalterin

Ich sehe, daß du's tust.

Gersuind

Ich trag' ihn immer hier am Herzen, Schwester.

Die Schwester Verwalterin

Und doch hast du die Mutter nicht gekannt.

Gersuind

Meinst du, der Ring sei von der Mutter?

Die Schwester Verwalterin

Ja,
du sagst es mir, und darum glaub' ich's.

Gersuind

Ei!
Ich sage manchmal Lügen.

Die Schwester Verwalterin

Logst du hier?

Gersuind

Ja, Schwester.

Die Schwester Verwalterin

Und so hast du dieses Ringlein
von wem?

Gersuind

Von ihm.

Die Schwester Verwalterin

Von wem?

Gersuind

Dem König Karl.

Die Schwester Verwalterin

Dem du so viele Wohltat arg vergolten?

Gersuind

Da sieht man, wie du doch leichtgläubig bist.

Die Schwester Verwalterin

Pfui, Gersuind.

Gersuind

Würd' ich wohl des Königs Karl
Ringlein, so lieben? nicht wegwerfen?

Die Schwester Verwalterin

Ja,
so lieben müßtest du's, nicht von dir tun!

Gersuind

Noch besser! wirklich! was du klug bist! Gib
mir meine Puppe, Schwester.

Die Schwester Verwalterin

Nicht, bevor
du beichtest, wo zum ersten Male dich
die Angst und jener kurze Frost betraf
und welcher Ursach' du ihn zuschreibst.

Gersuind

Oh!
was geht's euch andere an, was mich betrifft.

Die Schwester Verwalterin

Du bist nicht folgsam. Weshalb hat der Arzt,
hat dich die Mutter Oberin gefragt,
wann du zuerst das leise Graun gespürt hast
in deiner Brust, wovon du ihr erzählt? –
Damit, wenn wir des Übels Ursprung wissen,
mit rechten Mitteln um so bälder dir
zu helfen sei.

Gersuind

Ich will es ... wollt' es so.

Die Schwester Verwalterin

Was wolltest du?

Gersuind

Euch allen wehe tun.

Die Schwester Verwalterin

Dies muß ich glauben, denn du sagst es stündlich;
doch wer dir weh tat, sag mir lieber das!
und wer in jener schlimmen Nacht den Trank
dir reichte, der so übel dir bekam.

Gersuind

Er hatte langes Haar: wie Kaiser Karls
so weiß, und deshalb trank ich sein Gemische.

Die Schwester Verwalterin

Was war es für ein Trank?

Gersuind

Wohl etwa Wein!
doch weiß ich's nicht: es war mir widerlich.

Die Schwester Verwalterin

Und wo geschah das?

Gersuind

Immer fragst du: wo?
und wann? und was? und wer? Ich weiß es nicht.

Die Schwester Verwalterin

Ich bin, wie du, ein Weib, Gersuind: so sprich,
sei offen! Wenn du jenem Mann zuliebe,
der unserm Herrscher ähnlich sah, den Trank,
den widerlichen, schlucktest, warum hast
du Karols eigenen Becher umgestoßen,
den er mit so viel Segen dir gefüllt?

Gersuind

Gib mir die Puppe, Schwester, hörst du nicht?

Die Schwester Verwalterin

Und als du das Gemisch hinabgetrunken
aus Mitleid mit dem Alten, der es darbot ...?

Gersuind

ungeduldig

Da war der Trank noch immer schlecht, nicht gut!
noch ganz so widerlich als wie vorher.

Die Schwester Verwalterin

Und Frost ergriff dich?

Gersuind

Ja, ich fror ein wenig.

Die Schwester Verwalterin

Wenn dir der Alte jetzt begegnete,
würdest du ihn erkennen, Gersuind?

Gersuind

mit Entschiedenheit

Nein.

Die Schwester Verwalterin

So hast du ganz vergessen, wie er aussah?

Gersuind

Ich seh' ihn, seh' ihn vor mir, Schwester, ganz genau.

Die Schwester Verwalterin

Und willst ihn doch nicht nennen, nicht
erkennen, wenn er uns vor Augen tritt,
trotzdem er siech und krank dich machte, wie?
und elend?

Gersuind

Nein! – Ich bin nicht elend! – Wär' ich
elend – ich bin's nicht! sag' ich noch einmal,
doch war' ich's, ja, dann würd' ich ihn wohl nennen! –
Komm, wärme meine Hände! wärme mich!

Die Schwester wickelt, mit banger Sorge in ihr Antlitz blickend, ein dickes Tuch um ihre Hände. Fast bewußtlos lehnt Gersuind den Kopf zurück. Die Oberin tritt leise ein. Graf Rorico folgt ihr, wie er von der Straße gekommen ist.

Die Oberin

Unmöglich, Graf Rorico, sieh es selbst,
hier ist sie! überzeuge dich! so hilflos,
der Wartung so bedürftig als ein Säugling!
Nicht eine Tagereise hält sie's aus!

Rorico

Und dennoch muß sie fort, ehrwürdige Mutter.
Es drängt die Zeit! zu viel hab' ich gewagt! –
doch als sich ihr Geschick vollendete,
an jenem Morgen, wo der große Karl,
der Laune eines Herbsttags überdrüssig,
sie wegwarf, einem toten Mücklein gleich,
könnt' ich nichts andres tun, als was ich tat.

Die Oberin

Und du hast recht getan, Graf Rico, hast,
des kaiserlichen Wortes eingedenk,
das wir verbrieft im Klosterschrein bewahren,
gehandelt wie ein echter Edelmann,
als du dies Lamm uns wieder zugeführt.
Ein Herrscher mag sein Wort vergessen, denn
der Umkreis seiner Sorgen ist zu groß!
auch wohl ein Kind, dem es gegeben ist:
denn Kinder sind leichtsinnig und vergeßlich!
des Kindleins Vormund aber, der's vergißt,
verdient, daß Gott ihn strafe.

Rorico

Sage mir:
wie lautet die Urkunde, die ihr aufhebt?

Die Oberin

Es ist darin die Pflicht uns auferlegt,
dem Mägdlein bis ans Ende ihrer Tage
ein sicheres Asyl zu bieten.

Rorico

Ja,
so und nicht anders lag es mir im Sinn:
er aber hat aus Aachen sie verwiesen.

Die Oberin

Was ist hier zu verweisen? Seht sie an:
ein Häuflein Jammers, nicht der Rede wert,
vom Klostervogt, dem Tode, ausgekehrt,
mit scharfem Besen, morgen, wenn nicht heute!
Wo nicht ein Strähnlein Goldes überbleibt,
das Karl ihr etwa abschnitt: was bleibt übrig?

Weinend

Und hat sie denn wohl nicht genug gebüßt? –
Ich will dir etwas anvertraun, Graf Rico:
man hat ihr Gift gegeben, glaub es mir!
O Menschen! Männer! nicht genug, daß ihr
des Gärtleins zarte Früchte ganz ausplündert,
das euch ein Kind unwissend auftut: nein!
vom Wolfsgeschlecht, erwürgt ihr noch das Kind!
denn immer sind wir Frauen töricht! Nie
erkennen wir den Wolf im Manne! Nie
im Heuchlermund das Grinsen unsres Feinds.

Rorico

Liebreiche Mutter, hätte doch Gersuind
sich nie der Leitung dieser Hand entzogen:
mit Ehrfurcht führ' ich sie an meinen Mund.
Allein, sie ist nicht schuldlos, Gersuind, – ist
vor allem in den Augen Karls nicht schuldlos,
der heut, seit diesem Morgen, wiederum
zu Aachen, drüben im Palaste haust.
Er ist verändert, sag' ich dir! Es sind
auf seiner Stirne Falten eingenistet,
die niemand ohne leises Grauen sieht!
Er zieht die Brauen über beide Augen
und reißt nur manchmal plötzlich sie empor,
den Blick, den schrecklichen, befreiend: der
dann ohne Gnade, furchtbar drohend, trifft.
Erfährt Karl, daß, statt fern im Sachsengau,
Gersuind noch hier im Kloster lebt, zu Aachen,
so sind wir alle, Mutter, in Gefahr!

Die Oberin

Ich tue recht, und also fürcht' ich nichts.

Rorico

Ich bitt' Euch, fürchtet Karl, hört meinen Rat:
Ich halte Pferde heut zu Nacht bereit
und zween zuverlässige Männer, die
das Kind zu seiner Sippe bringen sollen;
vielleicht ist gar bereits die Zeit versäumt,
und wir erleben es, daß Henkershände
vom Krankenbett sie reißen und sie abtun.
Denn das Gerücht, sie sei noch in der Stadt,
läßt sich im Volke nicht beschwichtigen:
und Pöbelrotten ziehn, Ihr wißt's, umher,
sie aufzustöbern und zu steinigen.

Die Oberin

Sie steht vor ihrer letzten Reise, Graf!
Schon einmal nahmt Ihr sie aus meiner Hand:
das Pfand, von Gott vertraut in unsere Pflege!
Wie nahmt Ihr sie? wie kam sie mir zurück? –
Heut ist's ein Höh'rer, der sie von mir fordert,
ein Himmlischer, und dem bewahr' ich sie!
Der Pöbel nennt sie eine Hexe! er,
der Kinderfreund, der Heiland, nur ein Kind! –
Und sprecht: wie reim' ich deine Angst zusammen
mit dem, was mir mein Beichtiger hinterbringt,
wonach des Kaisers schmerzbeklemmte Seele
zerknirscht und wahrhaft demutsvoll sich zeigt:
geht es danach, zerschmilzt er ja in Tränen ...

Rorico

Nun gnade Gott den Franken, wenn Karl weint!
Wenn Karl weint, eilt die Tat dem Wort voraus,
Vollzug dem Urteil! kein Gewittermurren
kündet den gierigen Blitz, der stumm verzehrt.
So ist es! Einst, bei Verden, weinte Karl,
und Bäche schwollen an von Menschenblut.
Nun weint Karl wieder, weint und schluchzt des Nachts,
und auf dem Plane hinter Sankt Marien –
indes der Bau zu Gottes Ehre stockt –
könnt Ihr die Frucht von seinen Tränen sehn,
mit schwarzen Zungen und verrenkten Hälsen:
Werkleute! und die besten! feiernd, ja,
am Wochentag, seltsam im Winde baumelnd.

Gersuind

erwachend

Schwester!

Die Schwester Verwalterin

Nun, Kind?

Gersuind

Ich höre sprechen.

Die Schwester Verwalterin

Wohl,
es ist Graf Rico und die Oberin.

Gersuind

Wird mich der Kaiser schützen vor dem Alten?

Die Oberin

Vor welchem Alten?

Gersuind

Der dort drüben steht,
mich Drude schilt und einen bösen Teufel.

Die Schwester Verwalterin

Sie meint den würdigen Kanzler Ercambald.

Der Traum, der sie zumeist zu quälen scheint,
ist der von jenem folgenschweren Morgen,
da wir, durch Bennit, ihren Ohm, verklagt,
mit ihr erschienen vor des Königs Stuhl.

Gersuind

Und der jetzt eben sprach, ist Rico, Schwester,
des Königs Liebling?

Die Schwester Verwalterin

Der Herr Graf ist hier,
öffne die Augen nur, dann siehst du ihn.

Gersuind

mit geschlossenen Augen

Ich seh' ihn klar und deutlich vor mir! Er
ist schön! doch nicht wie Karl! bei weitem nein!
Karl ist ein Gott! wir andern sind nur Menschen.

Die Oberin

zu Rorico

Wollt Ihr es glauben, daß sie ihn verehrt,
so schwer sie ihn gekränkt, wie einen Heiligen?

Rorico

Mag der dies Kind durchschaun, der es erschuf.

Gersuind

Ich mag die Greuel nicht hinuntertrinken.
Mich ekelt's. Brr, mich widert's! Heißt ihn gehn.

Die Oberin

leise

Man hat ihr Gift gegeben, glaubt es mir!
In jener Nacht, in jenem Pfuhl, in jener
Höhle, wohin der Hölle Zwang sie trieb,
hat ihr ein Mann, ein Greis, ein Unbekannter,
den Tod in einem Becher Weins gereicht.

Rorico

Wer möchte glauben, welcher starke Fluch
ihr mitgegeben war, der Zarten und
Gebrechlichen! Wie sie nun daliegt: ganz
Schwachheit! O Schwachheit, der kein Panzer standhält!
und stets blieb sie allein, auf eigne Schwäche
gestützt, sonst nichts: wie König Karl auf Macht!
und also ist sie nun, wie er, umlauert
von Feinden, Mutter, und ringsum bedroht:
und mir, der anteillos ihr nahstand, bleibt
nun, schuldig-schuldlos, Anteil nicht erspart.

Ercambald tritt hastig ein.

Ercambald

Da treff' ich dich nun wirklich hier, Graf Rico!?

Gersuind

fährt beim Klange der Stimme Ercambalds empor, öffnet die Augen und starrt ihn groß an

Da bist du ... ist er ja ... was willst du nun?!

Ercambald

ohne Gersuind zu beachten

Ihr seid so Knall und Fall zurückgekehrt?

Rorico

Ja, er befahl den Aufbruch heute morgen.
Der Himmel weiß, was er im Schilde führt.

Ercambald

Versteckt das Mädchen, Muhme Oberin!
Karl ist schon auf dem Weg hierher ins Kloster.

Rorico

Dacht' ich es doch: man hat's ihm hinterbracht.

Ercambald

Ich sag' Euch, schafft sie fort! Im Volke gärt's,
und Karol ist in Henkers Laune! Ob
schon Volk und Herr jetzt Widersacher sind,
seitdem die allzu hitzigen Männlein baumeln,
im Haß auf diese Metze sind sie eins.

Die Schwester Verwalterin

Gersuind vom Sessel hebend, die noch immer den Blick mit dem Ausdruck des Entsetzens auf Ercambald gerichtet hält

Schling dich ganz fest um meinen Hals, Gersuind.
Die Starken freveln, aber unser Schutz
ist Gott!

Sie trägt Gersuind hinaus, Rorico ist ihr behilflich.

Ercambald

allein mit der Oberin

Es scheint, der Tod selbst mag sie nicht.
Wie fest müßt Ihr doch stehn in Karols Gunst,
daß Euer Mitleid diese Wege suchte.
Was mich betrifft, ich hätte lieber sie,
trotz ihres Siechtums, anders heimgesendet:
das heißt, wie Freyjas Katze sie ersäuft.

Die Oberin

Ercambald fest ansehend

Ich weiß, das hättest du getan! doch was
du wirklich tatest, ist nur dir bekannt: ich weiß es nicht!

Ercambald

Und also, Muhme, rede
getrost von anderen Dingen, die du weißt.

Ercambald entfernt sich eilig. Von einer anderen Seite kommt, gehaltenen Schritts, Alcuin.

Alcuin

War das der Kanzler, der so eilig fortging?

Die Oberin

Gott sei gesegnet, der dich zu uns führt,
Vater! sprich du zu deiner Tochter denn,
die man von allen Seiten ängstigt ... sprich:
haßt wirklich Karl die arme Geisel so,
daß es den Tod bringt, ihrer sich erbarmen?

Alcuin

Ist's also richtig: ihr beherbergt sie?
So wißt: sein dunkles Ahnen sucht sie hier!
doch weit entfernt von Haß! vielmehr in – Qual
Oh, dieser Mann ist furchtbar, gute Tochter!
ob er der Wahrheit dienet, ob er irrt,
ob er den Adlerblick nach seinen Feinden
aussendet und sie findet überall
oder ob er, kläglich geblendet, dasteht,
mit blinden Fäusten wütend gegen sich.

Die Oberin

Kostbar empfind' ich jedes Wort von dir,
Vater, doch wenn es dir genehm ist, eile
und sag mir mehr, daß ich zu handeln weiß
und ihm auf rechte Art entgegentrete.

Alcuin

Nimm an, er will das Mägdlein wiedersehn!
nimm an, er schreit nach ihr aus wilder Seele,
trotz allem, was er sagt und heucheln mag,
denn was sein Übel furchtbar macht, ist dies:
war dieses Kind unschuldig, keusch und treu –
wir haben's oft erfahren, gute Tochter –,
wär' es gegangen, wie es immer ging:
ein Kaisersöhnlein mehr! und damit gut!
was weiter? nichts! nun aber kam es so:
sie blieb ihm fremd, und er bezwang sie nicht!
und dort, wo seine Sinne bettelten,
ich möchte sagen, winselten nach ihr,
hielt ihn, unbeugsam, eigner Stolz zurück. –
Und eines Tags stieß er sie von sich: sie,
die jetzt erst recht verderblich in ihm herrscht.
Und nun schlug die verhaltne Glut zurück,
gepaart mit dem enttäuschten Herrscherwillen,
und steckte Tenn' und Scheuern uns in Brand ...
das heißt: ihn selbst, von innen aus, den König!

Die Oberin

So, ist der König wirklich krank?

Alcuin

Und schwer!

Die Oberin

Wo ist der Arzt, wer macht ihn uns gesund?

Alcuin

Sie, die er sucht! in aller Welt sonst niemand.
Er kommt, schon dröhnt im Hause seine Stimme.

Die erste Schwester erscheint eilig, gleich darauf die zweite.

Die erste Schwester

Hilf, steh ihr bei ...

Die zweite Schwester

Der Kaiser tritt ins Haus,
Mutter!

Die erste Schwester

Gersuind verlangt nach dir!

Die zweite Schwester

Der Herr
fragt nach dir, Mutter!

Die erste Schwester

Mutter, Gersuind ringt
nach Atem, und wir glauben fast, sie stirbt!

Die zweite Schwester

Was soll ich sagen, wenn der Kaiser fragt?

Die erste Schwester

Sie will dir etwas, Mutter, anvertraun.
Sie kann nicht sterben, will dir etwas beichten ...

Die Oberin

Was soll ich tun?

Alcuin

Dein Weg ist fest bestimmt,
und ohne Zögern eile, geh ihn, Tochter.

Die Oberin folgt der ersten Schwester. Einige Nonnen laufen hastig, Ordnung schaffend, durch den Raum. Alcuin stellt sich zurecht. Man hört, laut redend, den Kaiser mit Gefolge sich annähern. Von außen dringt, beginnend, das Brausen einer Volksmenge, die sich vor dem Eingang des Klosters ansammelt. Endlich tritt Karl ein, gefolgt von Rorico, Ercambald, einigen Begleitern und vielen Nonnen.

Karl

zu den Nonnen

Ihr sollt den Acker haben hinterm Waschhaus!
Ihr sollt ihn haben, doch mit dem Beding,
daß ihr nebst Kohl, Spinat, Salat und Kraut
Liebstöckel, Rosmarin und Malven zieht.

Die Nonnen geben ihrer Freude Ausdruck, einige küssen seine Hände.

Wo habt ihr eure Mutter Oberin?

Die dritte Nonne

Wo ist die Mutter?

Die vierte Nonne

Ist sie denn nicht hier?

Die Fünfte Nonne

O Gott, wo mag sie sein? man muß sie suchen.

Die Mehrzahl der Nonnen läuft kopflos hinaus.

Karl

Magister Alcuin, ist dies Gemach
nicht ebendas, worin wir Schule hielten? –

Zu einer Nonne gewendet

Wie viele Zöglinge beherbergt ihr
jetzt hier im Kloster? Dreißig waren's, als
zuletzt ich hier sie Kopf um Kopf gezählt.

Die sechste Nonne

Nun sind es wieder dreißig just, Herr König.

Karl

Die Lücke bleibt trotz allem doch, mein Kind.

Man hört in den Klostergängen ein unruhiges Hin - und Herlaufen. Unter den zurückgebliebenen Nonnen ist viel geflüstert worden. Die meisten erbleichen und begeben sich hinaus. Zwei Mädchen, Klosterzöglinge, kommen eilig mit brennenden Wachskerzen und wollen vorübergehen. Karl hält sie an

Wo wollt ihr hin mit eurem Stümpfchen Licht?

Sie weichen ihm erschrocken aus, gehen weiter ihres Weges und verschwinden zur Tür hinaus.

So! so! mir scheint, wir sind hier überzählig! –
Es ist hier naßkalt! zugig! schließ die Tür!
Warum seid ihr so bleich? was geht hier vor?

Alcuin

Im Augenblick, eh du eintratest, Herr,
hat man die gute Mutter abgerufen,
weil eine Sterbende nach ihr verlangt.

Karl

Kein gutes Omen, wenn Gevatter Tod
den Rang mir abläuft und den Vortritt nimmt!

Halb interessiert für die Geräusche der Volksmenge

Was hat den Immenschwarm so aufgestört?

Ercambald

übereifrig

Was du doch wissen mußt, erfahr es gleich:
die Brücke, die du schlugest übern Main,
das Wunderwerk der welschen Zimmerleute,
ist hin! Die Flut hat sie hin weggespült.
Und dies Gerücht ward ruchbar heute morgen.

Karl

Gemach! ich weiß! auch stolperte mein Pferd
und warf mich unsanft auf die Erde! heut!
heut, sollst du wissen, fast am Tor der Stadt.
Nun gut: der längste Tag hat seinen Abend.

Alcuin

Gleichwie auf jede Nacht ein Morgen folgt.

Karl

Gut, was bleibt übrig, als geduldig warten! –

Sich umblickend

Geduldig warten, scheint mir, heißt's auch hier! –
Seht nach, was sich begibt.

Ercambald, Rorico und die übrigen Begleiter nehmen Karls Befehl auf und gehen hinaus. Nur Alcuin bleibt bei dem Kaiser zurück. Karl sieht ihn bedeutungsvoll an und fährt fort

Da sind wir nun!
Jetzt will ich es dir sagen, was mich hertrieb.
Als du mich darum fragtest, wußt' ich's nicht:
ein Traum! – Hier auf der Schulbank saß Gersuind,
lachend, und sprach ... doch was – ist mir entfallen!
Richtig! zwar wörtlich nicht kann ich's erinnern,
doch so: ich war's, ich sprach zuerst sie an.
Was ist's mit meinem Ringe, fragt' ich sie –
wie denn der Ring in jedem Traum mich martert,
seit meine Narretei unheilbar blüht:
du weißt es! – ja. Wozu nahmst du den Ring,
fragt' ich – sie gab zur Antwort: komm und sieh!

Alcuin

Was mich betrifft, o Herr: es kommt mir vor,
als stünden wir inmitten einer Wolke,
von einem noch verborgenen Schicksal schwer,
Gott schenk' uns Kraft, es würdig zu bestehen!

Die Oberin kommt weinend herein.

Karl

ihr entgegen

Mutter, gar seltsam ist mir heut zumut
in deinen Mauern: fremd und sonderbar,
fast bang, trotz meines Schwertes – möcht' ich sagen.
Als wär' ich nur mein Geist, der hier erscheint,
indes ein andrer König längst regiert ...
Noch leb' ich: kennst du mich auch wieder, Mutter?

Die Oberin

küßt den Saum seines Gewandes und weint

Gott segne, schütze des Gesalbten Haupt!

Karl

Und wieder Tränen? heut wie dazumal,
als wir zuletzt uns sahen, im Palaste!?
Laß mich mit der Hochwürdigen allein.

Alcuin tritt ab; bleiche, horchende Nonnengesichter fahren von der Türe zurück.

Du kommst von einem Sterbebette: ei,
wer tot ist, ist des Lebens ledig, gut!
Auf uns liegt noch der sonderbare Fluch Gottes,
der Eva wegen, unserer Ahnfrau:
die immer noch zuweilen uns besucht,
damit die Pein nicht sterbe unsres Daseins,
mit frischen Äpfeln und mit neuer Schuld! –
Wie lange ist's, seit wir uns nicht mehr sahn?

Die Oberin

Zu lange Zeit für deine Dienerin
und deine Schützlinge in diesen Mauern,
die ohne ihren Vater Waisen sind.

Karl

Schützlinge? Vater? Ist's an dem, ihr Fraun,
tut euch ein Vater not, sucht ihn im Himmel!
Der irdische verlohnt der Mühe kaum.
Leugn' es! Dein Kummer straft dich Lügen! Wohl:
der Heide Bennit, damals seiner Güter
verlustig, ist ein Herr im Sachsengau
und pocht auf seine neu erworbne Macht!
Hat er in diesem Streite Recht behalten,
dich, Mutter, kränkt sein zweiter Sieg noch mehr,
durch den er eine junge Kinderseele
dir und dem Heiland, Christo, abgewann.

Die Oberin

Zur Geißel ward uns allen diese Geisel.

Karl

Recht so, wenn sie zur Geißel allen wird! –
Wär' ich ein Vater, wie ich's nicht bin, sieh:
ich sollte Tag und Nacht, wie du, mich grämen,
daß sie, statt hier in deiner frommen Hut,
fern und am Herd des stinkigen Heiden lebt! –
Mutter, laß mich dir beichten! ... Mutter ... ich ...
bin hier ... sie war dein Zögling! – Nun: Gersuind!
was alles mit ihr vorfiel, wirst du wissen,
hellhörig sind die Wände meiner Pfalz!
Nun gut! die Welt verflucht sie! ich verstieß
die Sünderin aus meinem Angesicht.
Und nun verzehr' ich mich in bittrer Reue! –
Mutter, denk nicht, daß ich von Sinnen bin!
Christophorus, wenn er das heilige Kind –
das Jesusknäblein, das er watend trug
über den wilden Fluß ans sichere Ufer –
etwa der Wut der Strömung überlassen:
wie bitter würde seine Reue sein! –
Und, Mutter, ihre Sucht, ihr wilder Trieb
war mehr als einer Dirne Fürwitz! War
Zwang eines Dämons! war ein finstrer Dienst!
Ich sah es oft, wenn sie der Gott berührte,
der ihren blonden Leib sich unterjocht:
zu harter Wollustgreuel seines Kultes!
Dann trat, kaum daß sie meine Hand gestreift,
Ohnmacht und Marter auf ihr starres Antlitz,
indes, hilflos, ihr armer Leib sich wand!
Nun also: kurz! unschuldig oder nicht:
sie narrt mich mit der Maske einer Heiligen,
der Glorie der Unschuld, tief in mir,
trotz allem! Ist es Trug, so hilf mir, Mutter.
Zerstöre diese Glorie! zerbrich –
sonst mach' ich sie zum Gott des Frankenreichs! –
das Heiligtum, aus dem sie niederlächelt.

Die Oberin

Herr, Gottes weiser Ratschluß, den ich nun
zwiefach verehre, seine Fügung hat
in Gnaden dich bewahrt vor solcher Schuld.

Karl

Mutter, sie zieht mich nach sich! Mutter, ich
bin ein Gefangner, bin nicht frei! Wodurch
sie mich gebunden, in dem Augenblick,
als ich sie von mir stieß? durch welche Künste?
durch einen Ring, den sie mir stahl, vielleicht!
ich kann es nicht ergrübeln und ergründen:
doch diesen Zauber, der mich bannt und quält,
mußt du mir lösen helfen, Mutter, mußt
hingehn, sie wiederfinden, und ich will
erfahren, wer die Seele tötete
in ihr, wenn du sie tot erfindest, und
will sie nicht sterben lassen, wenn sie lebt!
und sagst du mir: du bist's, der sie verdarb
und nicht erkannte, daß sie lebte – nun,
so will ich meine Söhne rufen, will
die Großen meines Reichs um mich versammeln,
eröffnen meinen letzten Willen und
ins Kloster gehn.

Die Oberin

Herr, niemals war Gersuind
im Sachsengau bei ihrem Oheim! Sie
war hier! fand hier Asyl! wie du es ihr
durch meinen Mund verheißen hast. Nun aber
ging sie davon zum andernmal! sie ging
und wird nie wiederkehren! Als dein Fuß
die Schwelle unsrer Pforte überschritt,
da floh sie unsichtbar an dir vorüber,
denn eben in demselben Augenblick
starb sie! sie fuhr aus ihren Kissen, rief,
mit einem Laut, der alle frieren machte,
den Namen ihres Königs Karl und starb.

Karl sieht wortlos, während das Brausen der Volksmenge vor den Toren zunimmt. Im Hintergrunde, seitlich, sammeln sich Kinder mit brennenden Kerzen, augenscheinlich auf etwas wartend. Alcuin, Ercambald und Rorico sowie einige Nonnen treten besorgt ein.

Karl

tonlos

Magister Alcuin!

Alcuin

Hier, König Karl.

Karl

wie vorher

Magister Alcuin!

Alcuin

Hier! zu deinen Diensten.

Karl

Mutter, sind das nur Funken meines Bluts? –
Nein: Lichter ... Lichter kommen auf mich zu!

Karl blickt starr in der Richtung der Kerzen im Hintergrunde. Man erkennt jetzt, daß die Kinder den Anfang eines Zuges bilden, der sich langsam vorschiebt.

Die Oberin

Herr König, gnadenreicher Paladin,
wende doch deinen Schritt und deinen Blick
von diesem Werk des grauen Todes ab.

Der Zug schreitet hinten von rechts nach links vorbei, und es wird nun eine Bahre sichtbar, von Nonnen getragen, auf der Gersuind als Leiche ruht, doch ist sie mit einem Tuche bedeckt.

Karl

Still! – eine Tote? weißt du, wer es ist? –

Die Schwester Verwalterin

von der Bahre herantretend

Sie starb, versöhnt mit Gott, in meinen Armen!

Karl

Sie starb in deinen Armen, sagst du? Wer? –
Wer starb? – Zieh ab das Tuch! – Durch wen starb wer? –
Was heult der Pöbel unten auf der Gasse? –
Laß!

Er schreitet mit festen Schritten bis an die Bahre und hebt selbst das Tuch von Gersuinds Antlitz.

Du bist's? – Gersuind, du? – Wo kommst du her? –

Karl richtet sich hoch auf, aber es überkommt ihn ein Zittern; es ist, als vibrierte ein Turm im Erdbeben; er sinkt in sich zusammen, richtet sich aber sogleich wieder hoch auf, greift nach einer Stütze, die Rorico und Alcuin ihm bieten, sinkt wieder zusammen, erhebt sich, schiebt Rorico und Alcuin von sich und starrt auf die Tote.

Zu spät! – Seltsam und wunderlich, ihr Herrn ...
ihr staunt ... ihr seht mich ruhig ... seltsam, sag' ich,
ist: daß ein Schmerz, der mich so ruhig macht,
mir doch Äonen aufreißt des Entsagens!
Die Hand ist warm! – nicht wahr, es glitt ein Tuch,
ein rosiges, von hier ... von hier herab
und fiel, als sank' es hin zu ihren Füßen?
und als ihr suchtet, fandet ihr es nicht?
So flieht das Leben! Oh, ich sah es oft,
und also –

Er richtet einen durchdringenden Blick auf Ercambald

Ercambald, bist du zufrieden?
Ja! ihr! nicht ich! – Was hier geschah, ist Mord!
Tritt näher, Ercambald: hier dies ist Mord!
still! sie will sprechen, glaub' ich! ihre Brust
hebt sich ein wenig! näher! näher! Mord!
daß sie euch sieht! ihn klagen kann: den Mord!
Rico! vor jeder Pforte Wachen! Schließt
die Türen, hier im Kloster herrscht der Mord.

Die Oberin

wirft sich zu seinen Füßen

Wenn hier ein Mord geschah, Herr König Karl,
Gott, der Allwissende, bezeug' es ... wenn
Verbrechen hier im Spiel ist und dies Kind,
ich weiß nicht welchen Frevels Opfer ist,
so heb' ich beide Hände hier empor
zum Schwur! treff' uns Verdammnis! sei verwirkt
das ew'ge Heil, wo Schuld uns trifft, Herr, Schuld ...
Anteil der Schuld von Sandkorns Schwere nur!
Kein Haar ward ihr gekrümmt in unsern Mauern.

Karl

Dies ist nicht meine Tat! was ihr hier seht,
Rico, das ist gemeiner Mord! Bewacht
die Türen: Blut um Blut! dies hier ist Mord!
und diese Tote soll uns führen! Führe
uns, Gersuind, und wir schreiten hinter dir,
und sei es mitten unter meine Sippe!
wir schreiten mitten unter sie hinein
und fordern, wo dein toter Finger hinweist,
und traf es meinen eignen liebsten Sohn ...
und fordern Blut um Blut!

Ercambald

Herr König, nimm –
laßt mich! – nimm hier getrost das meine! nimm –
nicht viel, wahrhaftig, blieb in mir zurück! –
doch nimm es! dein war jeder Tropfen doch,
vergossen oder nicht, zeit meines Lebens.
Doch eh ich meinen Nacken beuge, eh
ich gern ihn beuge, gerne unters Beil,
gönn mir, noch einmal ihn emporzurichten! –
Du bist nicht mehr – wie sonst – von Gott belehrt!
Ein Schlaf ist über dir! verschlossen sind
Augen und Ohren dir, daß du nichts siehst
und auch nichts hörst! hörst du die Menge toben? –
Angst rast aus ihnen und Verzweiflung! wild,
hörst du? dröhnt Schlag auf Schlag ans Klostertor!
Ein Ruf erschallt: »Die Dirne schor sein Haar!«
und alle meinen, daß ein Dämon dich
austrinkt, das Blut dir aussaugt, hier im Kloster,
indes das Reich zerfällt, das du erbaut. –
Das ist's! und überdem sagt ein Gerücht,
daß mit zweihundert Schiffen Godofried,
der Däne, landete im Friesengau!
daß er die Siedelungen überfiel,
die starken Burgen schleifte, die wir dort
errichteten! und die Besatzungen
fortführte oder niedermetzelte! –
Ein solcher Schlag ist unerhört! er ist
dem sieggewöhnten Volke deiner Franken
ein Unerklärliches, das sie verwirrt.
Sie rasen, schwingen Scheren in den Händen,
in Meinung, daß die Götzenpriesterschaft
des Sachsenvolks mit Zauberkunst dich lähmt,
wie die Philister Samson lähmten, durch
Verrat Delilas, die die Kraft ihm stahl,
indem sie ihm das Haar vom Haupte schor.

Karl hat während der Rede Ercambalds den Blick nicht von Gersuind abgewendet. Mehr und mehr von ihr angezogen, nähert er sich der Toten, alles um sich her vergessend, und nur durch das plötzliche Schweigen Ercambalds scheint er halb ins Bewußtsein zu erwachen.

Karl

mit leiser, tiefer Stimme

Bist du zu Ende? geht, laßt uns allein! –
Rico! – Rico! –

Rorico

Ja, Herr!

Karl

Geht! – und du: bleibe! –
auch du! – auch du! –

Er hat Alcuin und die Oberin bezeichnet und die übrigen mit einer furchtbar gebieterischen Kopfbewegung hinausgewiesen. Ercambald und alle übrigen, auch die Kinder, flüchten, wozu nun der Kanzler sogar sie mit antreiben hilft. Langsam tritt Karl bis dicht an die Bahre.

Mutter, der Satan war
ein Engel Gottes! nicht? er wollte sein
wie Gott! und er fiel ab, und Gott verstieß ihn!
O ungeheurer Sturz der glanzgetränkten
Scharen zum Abgrund! jener Himmelskinder,
die aus der reinsten Glorie gebildet,
doch nicht gesättigt waren! deren Schrei –
der Schrei der Liebe – durch die Himmel fuhr:
hilf, Satan, hilf! wir wollen sein wie Gott!
Seht ihr den Trotz in diesen Mienen? Gott
zerschellte an dem Engel, den er schuf –
von Menschenmacht ganz zu geschweigen und
von mir! – Nun ist sie stumm! in meinem Traum
sah ich den weißen Leib so leuchten! denn,
was ich ihr streng verschwieg, das sag' ich euch:
ich liebte sie!
Gott füllt die Räume aus mit seinem Namen:
sie schweigt, bleibt stumm! hier ist kein Widerhall! –
Sagt mir, was ich nicht weiß: warum die Welt
zerriß und mitten durch mein Herz der Riß
sich zieht? – Sie steht vor ihrem Richter! –
Was wird er sagen? diesem bohrenden
und stolzen Schweigen wohl entgegensetzen?
Wird er sie fragen: wo, wo ist mein Ring?
und weil sie schweigt: wie ich sie nochmals töten?
damit sie zehnfach trotzig aufersteht,
zu neuen Gluten und zu alter Qual?
denn Qual war ihre Losung: Stolz und Qual!
und –: es ist auch die meine! – Fahr denn wohl! –
Bist du nur eine Flocke Höllenglut:
Mutter! ihr Herrn! wie muß es sein: das Meer!
Was Wunder, wenn sich mit versengter Brust
die seligen Geister drängen ins Verderben!
Nun: ich bin euer! wenn sie schläft und doch
nicht aufzuwecken ist, so bleibt mir Zeit
genug für euch und Godofried, den Dänen!

Rufe der Menge

Sie schor sein Haar! Die Dirne schor sein Haar!

Rorico

Gebiete, Herr, so werf ich mit den Reitern
die Menge zurück.

Ercambald

stürzt herein

Der Pöbel stürmt das Haus.
Es ist kein Widerstand, wenn du dich nicht
zeigst, deinen Anblick nicht dem Volke bietest ...

Karl

Wohlan! eh es zu spät ist –: Handwerksmann,
nun an dein Handwerk! habet Nachsicht, weil
ich feierte, ein wenig meine Pflicht –
ich kenne sie! – versäumte! Oh, ich weiß,
daß ich des Fronherrn bester Höriger bin!
verklagt mich nicht! habt Mitleid! sagt es niemand!
ich will nun doppelt Schweiß vergießen, will ...
legt mir ein Joch von Eisen auf! was gilt's:
ein Auerstier ist kraftlos gegen mich.
Recht so: hebt sie empor! tragt sie hinweg!
Ich muß noch immer lernen! muß von ihr
auch das noch lernen, was sie mir verschwieg!
Sagt niemand, daß ich noch von Kindern lerne,
hört ihr? sagt ihnen: unser König Karl
weiß nicht, was Irrtum ist! sagt ihnen, er
sei hart wie Diamant und weine niemals. –
Seht ihr den Mann, der jener Toten nachfolgt?
die Menge weiß von diesem Manne nichts!
laßt ihn – verratet nichts! – laßt ihn nur gehn!
Was es nicht kannte, wird dem Volke nun
nicht fehlen: und ein Greis bleibt ihm zurück! –
und der ... der Greis sehnt sich ins freie Feld!
ins Blachfeld! unter freien Himmel! Wo
der Wolkenaufruhr über ihm, der Aufruhr
des Kriegszugs um ihn her die Welt erfüllt.
Auf seines Streithengsts Rücken sehnt er sich
und nachts zu ruhn im sausenden Gezelte!
und kurz: der alte Kriegsknecht Kaiser Karl
schreit, wie ein Hirsch nach Wasser, nach den Stürmen,
darin er frisch geatmet lebenslang:
nach Waffenlärm! nach Männerkampf! nach Krieg!

Er ist in die Loggia getreten und zeigt der tosenden Menge sein Schwert. Einen Augenblick tritt Totenstille ein, dann bricht die Menge in endlosen Jubel aus.

Rufe der Menge

Heil König Karl! – Fluch seinen Feinden! Krieg!

Ercambald

Er hob sein Schwert! Heil ihm! Er hebt sein Schwert!

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