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Kabale und Liebe

Friedrich Schiller: Kabale und Liebe - Kapitel 17
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleKabale und Liebe
pages467
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
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Zweite Scene.

Der Präsident und der Hofmarschall.

Hofmarschall (eilfertig). Nur en passant, mein Bester! – Wie leben Sie? Wie befinden Sie sich? – Heute Abend ist große Opéra Dido – das süperbeste Feuerwerk – eine ganze Stadt brennt zusammen – Sie sehen sie doch auch brennen? Was?

Präsident. Ich habe Feuerwerk genug in meinem eigenen Hause, das meine ganze Herrlichkeit in die Luft nimmt – Sie kommen erwünscht, lieber Marschall, mir in einer Sache zu rathen, thätig zu helfen, die uns Beide poussiert, oder völlig zu Grund richtet. Setzen Sie sich.

Hofmarschall. Machen Sie mir nicht Angst, mein Süßer.

Präsident. Wie gesagt – poussiert, oder ganz zu Grund richtet. Sie wissen mein Project mit dem Major und der Lady. Sie begreifen auch, wie unentbehrlich es war, unser Beider Glück zu fixieren. Es kann Alles zusammenfallen, Kalb. Mein Ferdinand will nicht.

Hofmarschall. Will nicht – will nicht – ich hab's ja in der ganzen Stadt schon herumgesagt. Die Mariage ist in Jedermanns Munde.

Präsident. Sie können vor der ganzen Stadt als Windmacher dastehen. Er liebt eine Andere.

Hofmarschall. Sie scherzen. Ist das auch wohl ein Hindernis?

Präsident. Bei dem Trotzkopf das unüberwindlichste.

Hofmarschall. Er soll so wahnsinnig sein und sein Fortune von sich stoßen? Was?

Präsident. Fragen Sie ihn das und hören Sie, was er antwortet.

Hofmarschall. Aber, mon Dieu! was kann er denn antworten?

Präsident. Daß er der ganzen Welt das Verbrechen entdecken wolle, wodurch wir gestiegen sind – daß er unsere falschen Briefe und Quittungen angeben – daß er uns Beide ans Messer liefern wolle – das kann er antworten.

Hofmarschall. Sind Sie von Sinnen?

Präsident. Das hat er geantwortet. Das war er schon Willens, ins Werk zu richten – Davon hab' ich ihn kaum noch durch meine höchste Erniedrigung abgebracht. Was wissen Sie hierauf zu sagen?

Hofmarschall (mit einem Schafsgesicht). Mein Verstand steht still.

Präsident. Das könnte noch hingehen. Aber zugleich hinterbringen mir meine Spionen, daß der Oberschenk von Bock auf dem Sprunge sei, um die Lady zu werben.

Hofmarschall. Sie machen mich rasend. Wer sagen Sie? von Bock sagen Sie? – Wissen Sie denn auch, daß wir Todfeinde zusammen sind? Wissen Sie auch, warum wir es sind?

Präsident. Das erste Wort, das ich höre.

Hofmarschall. Bester! Sie werden hören, und aus der Haut werden Sie fahren – Wenn Sie sich noch des Hofballs entsinnen – – es geht jetzt ins einundzwanzigste Jahr – wissen Sie, worauf man den ersten Englischen tanzte, und dem Grafen von Meerschaum das heiße Wachs von einem Kronleuchter auf den Domino tröpfelte – Ach Gott, das müssen Sie freilich noch wissen!

Präsident. Wer könnte so was vergessen?

Hofmarschall. Sehen Sie! da hatte Prinzessin Amalie in der Hitze des Tanzes ein Strumpfband verloren – Alles kommt, wie befreiflich ist, in Allarm – von Bock und ich – wir waren noch Kammerjunker – wir kriechen durch den ganzen Redoutensaal, das Strumpfband zu suchen – endlich erblick ich's – von Bock merkt's – von Bock darauf zu, reißt es mir aus den Händen – ich bitte Sie! – bringt's der Prinzessin und schnappt mir glücklich das Compliment weg – Was denken Sie?

Präsident. Impertinent!

Hofmarschall. Schnappt mir das Compliment weg – Ich meine in Ohnmacht zu sinken. Eine solche Malice ist gar nicht erlebt worden. – Endlich ermann' ich mich, nähere mich Ihrer Durchlaucht und spreche: Gnädigste Frau! von Bock war so glücklich, Höchstdenenselben das Strumpfband zu überreichen, aber wer das Strumpfband zuerst erblickte, belohnt sich in der Stille und schweigt.

Präsident. Bravo, Marschall! Bravissimo!

Hofmarschall. Und schweigt – Aber ich werd's dem von Bock bis zum jüngsten Gerichte noch nachtragen – der niederträchtige, kriechende Schmeichler! – Und das war noch nicht genug – wie wir beide zugleich auf das Strumpfband zu Boden fallen, wischt mir von Bock an der rechten Frisur allen Puder weg, und ich bin ruiniert auf den ganzen Ball.

Präsident. Das ist der Mann, der die Milford heirathen und die erste Person am Hof werden wird.

Hofmarschall. Sie stoßen mir ein Messer ins Herz. Wird? wird? Warum wird er? Wo ist die Nothwendigkeit?

Präsident. Weil mein Ferdinand nicht will und sonst Keiner sich meldet.

Hofmarschall. Aber wissen Sie denn gar kein einziges Mittel, den Major zum Entschluß zu bringen? – – Sei's auch noch so bizarr, so verzweifelt! – Was in der Welt kann so widrig sein, das uns jetzt nicht willkommen wäre, den verhaßten von Bock auszustechen?

Präsident. Ich weiß nur eines, und das bei Ihnen steht.

Hofmarschall. Bei mir steht? Und das ist?

Präsident. Den Major mit seiner Geliebten zu entzweien.

Hofmarschall. Zu entzweien? Wie meinen Sie das? – Und wie mach' ich das?

Präsident. Alles ist gewonnen, sobald wir ihm das Mädchen verdächtig machen.

Hofmarschall. Daß sie stehle, meinen Sie?

Präsident. Ach nein doch! Wie glaubte er das? – daß sie es noch mit einem Andern habe.

Hofmarschall. Dieser Andre?

Präsident. Müßten Sie sein, Baron.

Hofmarschall. Ich sein? Ich? – Ist sie von Adel?

Präsident. Wozu das? Welcher Einfall! – Eines Musikanten Tochter.

Hofmarschall. Bürgerlich also? Das wird nicht angehen. Was?

Präsident. Was wird nicht angehen? Narrenspossen! Wem unter der Sonne wird es einfallen, ein paar runde Wangen nach dem Stammbaum zu fragen?

Hofmarschall. Aber bedenken Sie doch, ein Ehmann! Und meine Reputation bei Hofe.

Präsident. Das ist was anders. Verzeihen Sie. Ich habe das noch nicht gewußt, daß Ihnen der Mann von unbescholtenen Sitten mehr ist, als der von Einfluß. Wollen wir abbrechen?

Hofmarschall. Seien Sie klug, Baron. Es war ja nicht so verstanden.

Präsident (frostig). Nein – nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch' ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich fordre meine Entlassung vom Herzog.

Hofmarschall. Und ich? – Sie haben gut schwatzen, Sie! Sie sind ein Studierter! Aber ich, – mon Dieu! – was bin dann ich, wenn mich Seine Durchleucht entlassen?

Präsident. Ein Bonmot von vorgestern. Die Mode vom vorigen Jahr.

Hofmarschall. Ich beschwöre Sie, Theurer, Goldner! – Ersticken Sie diesen Gedanken! Ich will mir ja Alles gefallen lassen.

Präsident. Wollen Sie Ihren Namen zu einem Rendez-vous hergeben, den Ihnen diese Millerin schriftlich vorschlagen soll?

Hofmarschall. Im Namen Gottes! Ich will ihn hergeben.

Präsident. Und den Brief irgendwo herausfallen lassen, wo er dem Major zu Gesicht kommen muß?

Hofmarschall. Zum Exempel auf der Parade will ich ihn, als von ungefähr, mit dem Schnupftuch heraus schleudern.

Präsident. Und die Rolle ihres Liebhabers gegen den Major behaupten?

Hofmarschall. Mort de ma vie! Ich will ihn schon waschen! Ich will dem Naseweis den Appetit nach meinen Amouren verleiden.

Präsident. Nun geht's nach Wunsch. Der Brief muß noch heute geschrieben sein. Sie müssen vor Abend noch herkommen, ihn abzuholen und Ihre Rolle mit mir zu berichtigen.

Hofmarschall. Sobald ich sechzehn Visiten werde gegeben haben, die von allerhöchster Importance sind. Verzeihen Sie also, wenn ich mich ohne Aufschub beurlaube. (Geht.)

Präsident (klingelt). Ich zähle auf Ihre Verschlagenheit, Marschall.

Hofmarschall (ruft zurück). Ah, mon Dieu! – Sie kennen mich ja.

Dritte Scene.

Der Präsident und Wurm.

Wurm. Der Geiger und seine Frau sind glücklich und ohne alles Geräusch in Verhaft gebracht. Wollen Ew. Excellenz jetzt den Brief überlesen?

Präsident (nachdem er gelesen). Herrlich! herrlich, Secretär! Auch der Marschall hat angebissen! – Ein Gift wie das müßte die Gesundheit selbst in eiternden Aussatz verwandeln – Nun gleich mit den Vorschlägen zum Vater, und dann warm zu der Tochter. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)

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