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Kabale und Liebe

Friedrich Schiller: Kabale und Liebe - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleSchillers Sämmtliche Werke, Erster Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleKabale und Liebe
pages467
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
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Zweite Scene.

Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt. Die Vorigen.

Kammerdiener. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Milady zu Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen so eben erst aus Venedig.

Lady (hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück). Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?

Kammerdiener (mit finsterm Gesicht). Sie kosten ihn keinen Heller!

Lady. Was? Bist du rasend? Nichts? – und (indem sie einen Schritt von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest – Nichts kosten ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?

Kammerdiener. Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort – die bezahlen Alles.

Lady (setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener). Mann! Was ist dir? Ich glaube, du weinst?

Kammerdiener (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd). Edelsteine, wie diese da – ich hab' auch ein paar Söhne drunter.

Lady (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend). Doch keinen gezwungenen?

Kammerdiener (lacht fürchterlich). O Gott! – Nein – lauter Freiwillige! Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch' vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe. – Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe! nach Amerika! –

Lady (fällt mit Entsetzen in den Sopha). Gott! Gott! – Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?

Kammerdiener. Ja, gnädige Frau – Warum mußtet ihr denn mit unserm Herrn gerad' auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum Aufbruch schlug? – Die Herrlichkeit hättet ihr doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wüthende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinander riß, und wir Graubärte verzweiflungsvoll da standen und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die neue Welt – Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören –

Lady (steht auf, heftig bewegt). Weg mit diesen Steinen – sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. (Sanfter zum Kammerdiener.) Mäßige dich, armer alter Mann. Sie werden wieder kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder sehen.

Kammerdiener (warm und voll). Das weiß der Himmel! Das werden sie! – Noch am Stadtthor drehten sie sich um und schrieen: »Gott mit euch, Weib und Kinder! – Es leb' unser Landesvater – Am jüngsten Gericht sind wir wieder da!« –

Lady (mit starkem Schritt auf und nieder gehend). Abscheulich! Fürchterlich! – Mich beredet man, ich habe sie alle getrocknet, die Thränen des Landes – Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf – Geb du – Sag deinem Herrn – Ich werd' ihm persönlich danken! (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbörse in den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest –

Kammerdiener (wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück). Legt's zu dem Übrigen. (Er geht ab.)

Lady (sieht ihm erstaunt nach). Sophie, spring ihm nach, frag' ihn um seinen Namen! Er soll seine Söhne wieder haben. (Sophie ab. Lady nachdenkend auf und nieder. Pause. Zu Sophien, die wieder kommt.) Ging nicht jüngst ein Gerücht, daß das Feuer eine Stadt an der Grenze verwüstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab gebracht habe? (Sie klingelt.)

Sophie. Wie kommen Sie auf das? Allerdings ist es so, und die mehresten dieser Unglücklichen dienen jetzt ihren Gläubigern als Sklaven, oder verderben in den Schachten der fürstlichen Silberbergwerke.

Bedienter (kommt). Was befehlen Milady?

Lady (gibt ihm den Schmuck). Daß das ohne Verzug in die Landschaft gebracht werde! – Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl' ich, und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand ruiniert hat.

Sophie. Milady, bedenken Sie, daß Sie die höchste Ungnade wagen!

Lady (mit Größe). Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren tragen? (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.) Oder willst du, daß ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Thränen zu Boden sinke? – Geh, Sophie – Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das Bewußtsein dieser That im Herzen zu haben!

Sophie. Aber Juwelen wie diese! Hätten Sie nicht Ihre schlechtern nehmen können? Nein, wahrlich, Milady! es ist Ihnen nicht zu vergeben.

Lady. Närrisches Mädchen! Dafür werden in einem Augenblick mehr Brillanten und Perlen für mich fallen, als zehn Könige in ihren Diademen getragen, und schönere –

Bedienter (kommt zurück). Major von Walter –

Sophie (springt auf die Lady zu). Gott! Sie verblassen –

Lady. Der erste Mann, der mir Schrecken macht – Sophie – Jetzt sei unpäßlich, Eduard – Halt – Ist er aufgeräumt? Lacht er? Was spricht er? O, Sophie! Nicht wahr, ich sehe häßlich aus?

Sophie. Ich bitte Sie, Lady –

Bedienter. Befehlen Sie, daß ich ihn abweise?

Lady (stotternd). Er soll mir willkommen sein. (Bedienter hinaus.) Sprich, Sophie – Was sag' ich ihm? Wie empfang' ich ihn? – Ich werde stumm sein. – Er wird meiner Schwäche spotten – Er wird – o was ahnet mir – Du verlässest mich, Sophie? – Bleib! – Doch nein! Gehe! – So bleib doch! (Der Major kommt durch das Vorzimmer.)

Sophie. Sammeln Sie sich! Er ist schon da!

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