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Justizmord?

: Justizmord? - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleJustizmord?
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft m.b.H.
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid46b81456
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Vierter Teil.

1.

Unmittelbar nach der Verurteilung des Angeklagten suchte Frau Turel den Amerikaner in seinem Hotel auf. Sie wurde trotz einer Menge von Menschen, die – zum Teil schon stundenlang – auf ihn warteten, sofort vorgelassen und in den Salon geführt, in dem ein mit besonderer Sorgfalt für zwei Personen gedeckter Teetisch sie erwartete.

Mister Harvey empfing Frau Turel sehr höflich. Aber er war so ruhig, als wenn sich in den letzten zwölf Stunden nichts, was ihn irgendwie interessierte, ereignet hätte. Frau Turel hingegen war in großer Erregung. Die lange Verhandlung hatte an ihre Nerven Anforderungen gestellt, die durch ihre innere Anteilnahme wesentlich verstärkt wurden. Wenn sie sich auch über den Ausgang des Prozesses keinen Illusionen hingegeben hatte, so war sie von der Verurteilung schließlich doch erschüttert.

In ihrer Erregung fiel es ihr nicht auf, daß man sie allen Wartenden gegenüber bevorzugte. Auch verriet ihr der gedeckte Teetisch, an dem sie auf die Aufforderung Harveys hin Platz nahm, nicht, mit welcher Bestimmtheit sie der Amerikaner erwartet hatte.

»Ich muß Sie – dringend – sprechen, Mister Harvey!« waren ihre ersten, erregt hervorgestoßenen Worte.

»Gewiß! Aber erst nehmen Sie mal eine Tasse Tee und ein paar Sandwiches. Sie sind ja völlig erschöpft.«

»O nein! Ich bin erregt. Und ehe ich nicht Gewißheit habe, bringe ich keinen Schluck herunter.«

»Gewißheit?« fragte Harvey und tat erstaunt. »Ja, die haben Sie doch? – Oder wollen Sie etwa die gräßlichen Sachen noch einmal aufrollen und Revision anmelden? Ich rate Ihnen ab. Denn der Enderfolg wäre derselbe und Sie würden Ihrer heutigen Niederlage, die man schnell vergessen wird, mit großer Wahrscheinlichkeit eine zweite hinzufügen. Im übrigen haben Sie sich nichts vorzuwerfen. Sie haben getan, was Sie konnten. Ihre Verteidigung war gescheit und umsichtig. Ihr Name ist heute in aller Munde. Sämtliche Blätter bringen Ihr Bild. Ich werde auch in Amerika dafür sorgen, daß man erfährt, wer Frau Turel ist.«

»Woran mir gar nichts liegt«, erwiderte Frau Turel – und der Amerikaner rief erstaunt:

»Nanu?«

»Wenigstens in diesem Augenblick, in dem es sich nicht um mich, sondern um den Kopf Voisins handelt.«

»Wenn Sie mit jedem Ihrer Klienten innerlich derartig mitgehen, werden Sie sich sehr schnell verbraucht haben.«

»Sie sprechen schon wieder von mir. Ich bin aber zu Ihnen gekommen, um Sie zu fragen: in welcher Verbindung stehen Sie mit Voisin?«

»Mit Voisin – in gar keiner.«

»Es wäre meine Pflicht gewesen, Sie in der Hauptverhandlung zu stellen. – Als Sie mich vor der Vernehmung der alten Voisin veranlaßten, den Angeklagten zu bestimmen, aus dem Saal zu gehen und der alten zu insinuieren, daß Voisin die Tat für einen anderen auf sich genommen habe, da hatte ich keine Zeit, nachzudenken, sondern folgte meinem Gefühl – oder besser wohl Ihrer Einwirkung. Die Folge war, daß die Vernehmung der einzigen, dem Angeklagten günstigen Zeugin, wirkungslos verpuffte.«

»Wahrscheinlich war das meine Absicht.«

»Ich bin davon überzeugt. Ich habe mich bluffen lassen. Zu spät kam mir die Erkenntnis, daß Ihr sehr geschicktes Manöver gegen Voisin gerichtet war. Mein eigentlicher Gegner in diesem Prozeß war nicht der Staatsanwalt – waren Sie!«

»Es macht Ihnen alle Ehre, daß Sie mich durchschaut haben.«

»Damit ist dem Verurteilten nicht geholfen.«

»Was also gedenken Sie zu tun?«

»Die Wiederaufnahme zu betreiben.«

»Die hierfür notwendigen neuen Momente?«

»Daß die Verteidigung sich in einem der kritischsten Augenblicke der Verhandlung in unverantwortlicher Weise von dem Zeugen Lincoln Harvey hat beeinflussen lassen.«

»Sie müßten auch angeben, welche den Angeklagten nachteiligen Folgen durch das Verhalten der Verteidigung entstanden sind.«

Frau Turel erhob sich, sah dem Amerikaner fest in die Augen und sagte:

»Daß ein von Ihnen bestochener Mensch sich für Voisin ausgab und an seiner Stelle verurteilt wurde.«

Der Amerikaner verzog keine Miene und erwiderte vollkommen ruhig:

»Ähnliches haben Sie, wenn ich nicht irre, ja schon in Ihrem Plädoyer gesagt.«

»Als Hypothese! – Denn vor zwei Stunden glaubte ich es selbst nicht. – Instinkt und Phantasie gaben mir diese Konstruktion ein, die nur als Gleichnis für das, was der Staatsanwalt vorbrachte, gedacht war. Hinterher erst, als ich mir die Haltung der alten Voisin ins Gedächtnis zurückrief, wurde mir klar, daß ich ganz unbewußt die Wahrheit gesagt hatte.«

»Hatten Sie da nicht noch immer Zeit, sich zu berichtigen?«

»Ich wollte Sie nicht angeben, ohne es Ihnen zuvor gesagt zu haben.«

Harvey erhob sich und trat an Frau Turel heran, und es war deutlich, daß die Angelegenheit ihn erst jetzt zu interessieren begann. Er sagte:

»Aus welchem Gefühl heraus?«

»Das darf Ihnen gleich sein,« erwiderte Frau Turel und sah zur Seite.

»Wissen Sie, daß mich das, was Sie mir da sagen, sehr glücklich macht?«

Frau Turel hob trotzig den Kopf und sagte:

»Glauben Sie, ich kann einen Mörder lieben, der noch dazu einen anderen für sich büßen läßt?«

»Haben Sie eine andere Erklärung?«

»Mitleid – vermutlich«, erwiderte Frau Turel. Und als Mister Harvey lächelnd schwieg, fuhr sie in echter Weiblichkeit fort: »Überhaupt – Sie lieben ja Frau Marot – derentwegen Sie zum Verbrecher wurden.«

»Aber nein!« rief Harvey froh, und ergriff ihre Hände. »Wissen Sie, was ich jetzt möchte? Sie in die Arme schließen und nicht mehr loslassen.«

»Dann müßten Sie mir erst erklären ...« entgegnete Frau Turel. Aber der Amerikaner fiel ihr ins Wort und sagte:

»Nein, Turel, Sie müssen mich so lieben, wie ich bin – ohne daß ich Ihnen irgendeine Erklärung gebe.«

»Ich könnte das – aber in diesem Falle – Sie selbst haben mich veranlaßt, die Verteidigung zu übernehmen – Sie haben es getan – zu Ihrem Schutz – weil Sie fühlten, daß ich Ihnen ...«

»Nein!« rief Harvey bestimmt. »Halten Sie mich meinetwegen für einen Mörder, aber sagen Sie mir nichts, was meine Gefühle für Sie verletzt.«

»Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. – Als ich zu Ihnen kam, war ich mir ganz klar, und fest entschlossen ... meine Pflicht zu tun.«

»Das sollen Sie! Niemand hält Sie davon zurück. Aber ich bitte um eins: lassen Sie mir zwei Wochen Zeit. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß sich bis dahin alles geklärt hat.«

»Und wenn Voisin bis dahin ...«

»So schnell richtet man in Frankreich niemanden hin. – Im übrigen haben Sie ja in letzter Stunde immer noch Zeit, Ihre Angaben zu machen und die Vollstreckung des Urteils zu verhindern.«

»Seien Sie ein Mann, Harvey! Gehen Sie mit mir zum Oberstaatsanwalt! Gestehen Sie! – Ich werde Sie verteidigen – mit mehr Glück, ich fühle es, als ich diesen armseligen Menschen heut verteidigt habe.«

»In vierzehn Tagen – ich verspreche es Ihnen.«

»Bedenken Sie, was für den Ärmsten jeder Tag und jede Nacht bedeutet.«

»Ich werde Ihnen die Mittel in die Hand geben, ihn für alles zu entschädigen.«

»Und wenn ich es nicht tue«, fragte Frau Turel, obschon sie fest entschlossen war, zu warten.

»Dann werden Sie sich nicht gegen mich durchsetzen – und das Urteil wird vollstreckt werden.«

»Ich warte!« versprach Frau Turel, gab Harvey die Hand und ging.

2.

Die Verteidigung legte keine Revision ein. Der Verurteilte weigerte sich, ein Begnadigungsgesuch einzureichen. Er forderte sein Recht, keine Gnade. Der Justizminister empfahl dem Präsidenten der Republik, dem Recht freien Lauf zu lassen. Der Präsident bestätigte das Todesurteil. Die Vollstreckungsbehörde setzte den Termin der Hinrichtung fest.

Es waren erst zwölf Tage vergangen, da überführte man den Verurteilten in die Mörderzelle.

Auf Vorstellungen Frau Turels hin erklärte Mister Harvey, der die ganze Zeit über geschäftlich bald in Paris, bald in London zu tun hatte, sie möge sich nicht beunruhigen, und im übrigen sich an ihr Wort gebunden halten.

Auch Dorothée hatte der Amerikaner so sicher gemacht, daß sie ihm nach Paris gefolgt war und dort über die Einrichtung der neuen Wohnung, die sie mit Marot nach dessen Freilassung beziehen wollte, über Einkäufen in den großen Magazinen, über Theater, Modetees und sportlichen Veranstaltungen – kurz über den faszinierenden Schimmer, mit dem Paris sie blendete und völlig in Bann hielt, gar nicht Zeit fand, darüber nachzudenken, daß ein zum Tode Verurteilter sich auch dann noch in Gefahr befand, wenn er unschuldig war, und ein reicher und einflußreicher Amerikaner es übernommen hatte, seine Unschuld an dem ihm geeignet erscheinenden Zeitpunkt nachzuweisen. Ihre Beziehungen zu Harvey – den sie im übrigen, da er in Clarigdes, sie in Meurice wohnte, kaum zu sehen bekam, waren wenn möglich noch formellere, als sie es unter dem Schein der Verlobung in Marseille gewesen waren. Sie war überzeugt, daß eines Tages die Tür aufgehen würde und Andrée mit ausgebreiteten Armen auf der Schwelle stände. Ihr Ehrgeiz war es, bis dahin nicht nur die Wohnung fertiggestellt, sondern sich selbst in eine so echte und vollkommene Pariserin verwandelt zu haben, daß Andrée sie im ersten Augenblick gar nicht wiedererkennen würde. Ja, manchmal, wenn sie beim Tee im Riz oder bei der Modenschau der Madame Agnes entdeckte, daß sie in einigen, für die Pariserin so charakteristischen Modedingen doch noch nicht ganz auf der Höhe war, dann wünschte sie wohl, Andrée möge sie nicht gar zu schnell überraschen. Die Vorstellung, unter welchen Verhältnissen er als zum Tode Verurteilter lebte, kam ihr in diesem Falle so wenig wie der Gedanke, daß der in der Politik aufgehende Andrée für diese Art des Glanzes und des Luxus ja gar kein Verständnis hatte. Sie hatte dieselben Gefühle, wie manche junge Frau sie im Krieg hatte, deren Mann eine Zeitlang verschollen war, sich dann wieder angefunden hatte und nun auf den langersehnten Urlaub in die Heimat wartete.

Ganz unberechtigt war das nicht, wenn man bedenkt, daß selbst Marot, der doch ständig das Schwert des Damokles über sich fühlte, nicht einen Augenblick lang an der Zuverlässigkeit des Amerikaners zweifelte. Auch jetzt noch nicht, als man ihn von der bevorstehenden Vollstreckung des Urteils in Kenntnis setzte und im Anschluß daran in die Mörderzelle überführte.

Der Raum für die letzte Nacht war unbehaglich genug. Das schwer vergitterte Fenster, das auf den Hof ging und kaum Licht in die Zelle ließ, drückte unheimlich auf den kleinen Raum, in dem vorn rechts nur eine Pritsche, und im Vordergrund ein kleiner Holztisch mit ein paar Schemel standen.

Marot saß auf einem der Schemel, während der Wächter unter dem Fenster stand und ihn beobachtete.

»Warum stieren Sie mich so an?« fragte Marot.

»Vorschrift«, erwiderte der Wächter.

»Haben Sie Furcht vor mir?«

»Ich habe Waffen.«

»Worauf passen Sie also auf?«

»Daß Sie keinen Selbstmord begehen.«

»Wozu soll ich mich um etwas bemühen, was ich in einigen Stunden sicher und sehr viel bequemer habe?«

»Sie haben gar keine Furcht?«

»Interessiert Sie das?«

Der Wächter hob ein Heft hoch und sagte:

»Wir führen ein Buch über die Hinrichtungen.«

»So? – was schreiben Sie denn da hinein?«

»Ob der Delinquent während der letzten Nacht Haltung bewahrt oder schlapp gemacht hat.«

»Wen interessiert denn das?«

»Auch seinen letzten Wunsch – was er gegessen und getrunken hat.«

»Der Mensch in der Nacht vor seiner Hinrichtung – das muß ein grausiges Buch sein. Ich werde mir als letzten Wunsch die Lektüre dieses Buches ausbitten.«

»Da machen Sie höchstens schlapp. Bestellen Sie sich lieber ein Filetbeefsteak und eine Flasche Wein – da haben Sie mehr von.«

»Ich verlange das Buch.«

»Das kriegen Sie doch nicht. Aber wenn Sie es hören wollen – ich weiß so ziemlich, was drin steht.«

»Wer hat als letzter vor mir in dieser Zelle gesessen?«

»Ein gewisser Henri Lavoisier. Maschinist. Einundzwanzig Jahre alt.«

»Und wen hatte er umgebracht?«

»Er hat des Nachts seine Braut erdrosselt.«

»Aus welchem Grunde?«

»Nach seiner Aussage aus Eifersucht und im Streit. Aber man hat es ihm nicht geglaubt, weil er ihr die Barschaft in Höhe von drei Franken und siebzig Centimes und eine Brosche geraubt hat.«

»War er gefaßt?«

»Er hatte unsagbare Angst und rief fortwährend: Ich will nicht sterben! – Er bestellte Wein und Zigaretten. Aber er rührte nichts an. Um zwei Uhr früh forderte er Briefpapier, um an seine Mutter zu schreiben. Aber vor Angst und Schluchzen kam er über die Überschrift: Mein armes, gutes Muttchen! nicht hinaus. – Als man ihn um fünf Uhr früh zum Richtplatz führen wollte, saß er noch immer vor dem Brief und war vor Angst schon halbtot. Aber er kritzelte noch schnell hin: Dein treuer Sohn Henri –, so daß der Brief nur eine Überschrift und Unterschrift hatte.«

»Grauenhaft!«

»Ich hab's gewußt. – Soll ich Ihnen also das Beefsteak und die halbe Flasche Wein bestellen?«

Marot sah den Wächter an und sagte:

»Ach so – wenn Sie Appetit darauf haben.«

»Den hätte ich schon«, erwiderte der und schnalzte mit der Zunge.

»Meinetwegen.«

Der Wächter ging zur Tür, öffnete und rief einem seiner Kollegen, der draußen Wache hielt, zu:

»Die Henkersmahlzeit! – wie üblich! – Aber sie sollen die halbe Flasche Wein nicht vergessen – es kann auch eine ganze sein – der Delinquent ist verflucht schlapp.«

Dann schloß er die Tür wieder und trat in die Zelle zurück. Aber statt ans Fenster zu gehen, stellte er sich jetzt an den Tisch, an dem Marot saß.

»Sind Sie bei den Hinrichtungen auch dabei?«

»Immer nicht. Aber bei Staatsanwalt Dubois habe ich Aussicht, daß er mich zusehen läßt.«

»Das ist wohl sehr interessant?«

»Unsereiner hat sonst keine Zerstreuung. – Höchstens mal ins Kino. Aber das kostet Geld.«

»Ich fürchte, daß ich Sie enttäuschen werde.«

»Auf Sie kommt es da nicht mehr viel an. Das besorgen die anderen.«

»Oder auch nicht.«

Der Wächter stutzte:

»Was soll das heißen?«

»Daß ich noch nicht recht an meine Hinrichtung glaube.«

»Na, dann wird es aber Zeit.«

»Kaum!«

»Hoffen Sie auf ein Wunder?«

»Wunder? Nein! Das geht alles mit ganz natürlichen Dingen zu.«

»Sie haben sich mit Ihrem Schicksal also abgefunden?«

»Was ist da viel abzufinden – jetzt, wo ich es hinter mir habe.«

»Das Ärgste steht Ihnen noch bevor.«

»Nein, Freundchen!« Er klopfte dem Wächter, der ihn erstaunt ansah, auf die Schenkel, atmete tief auf und erhob sich. »Wir haben es geschafft! – Einfach war es nicht.«

»Was reden Sie denn da?«

»Jetzt bin ich ein gemachter Mann – mit Wohnsitz in Paris – rue La Fayette treize, Office der Chicago Times und der ihr angegliederten Blätter Mister Harveys.«

»Ach so! Sie spielen verrückt! – Na, man zu.«

»Nein, mein Lieber!« – Er trat an den Wächter, der ängstlich zur Tür wich, heran und fuhr fort: »Aber merken Sie sich! Nur in Paris kann es ein Politiker zu etwas bringen. In zwei Jahren bin ich Deputierter – vorausgesetzt, daß ich mich bis dahin für eine Partei entschieden habe.«

»Sie glauben wohl, Sie werden amnestiert?«

»Das Opfer wird meine Frau mir nie vergessen. Wir sind unsere Schulden los – statt in einer Taxi in den staubigen Straßen Marseilles werden wir von nun ab in einem eleganten Buik in den Champs Elysées von Paris spazieren fahren und uns in den Nachtlokalen auf dem Montmartre die Zeit vertreiben.«

»Geben Sie sich keine Mühe, Voisin! An solch Theater ist der Gerichtsarzt gewöhnt. Der fühlt Ihnen einfach den Puls und sagt: in Ordnung.«

Marot, der mit den Händen in der Tasche in der Zelle auf und ab gegangen war, überlegte, blieb stehen und sagte:

»Eigentlich müßte er schon hier sein.«

»Wenn Sie durchaus den Arzt haben wollen – aber ich sage Ihnen gleich, es nützt Ihnen nichts. Sie verlängern damit Ihr Leben nicht um fünf Minuten.«

»Ich will keinen Arzt, ich fühle mich vollkommen gesund.«

»Dann werden Sie es ja auch gut überstehen. Manche sind schon halbtot, bevor der Scharfrichter sie überhaupt in die Hand bekommt.«

Marot schüttelte sich und sagte:

»Das kommt für mich gar nicht in Frage«, und mit einem ruhigen Blick zur Tür hin fuhr er fort: »Wo bleibt er bloß?«

»Werden Sie nur nicht unruhig.«

»Für wann ist die Hinrichtung angesetzt?«

»Wie üblich – auf halb sechs Uhr.«

»Und jetzt ist es?«

»Halb fünf vorbei.«

»Ich begreife gar nicht ...«

Der Wächter suchte ihn zu beruhigen und sagte:

»Das geht alles so schnell vorüber.«

»Wenn er sich nun im Tage irrt – oder in der Zeit?«

»Das gibt's nicht. – Bei uns klappt alles auf die Minute.«

»Ich spreche von dem Amerikaner.«

»Was für ein Amerikaner? – Ah so! der große Unbekannte! Von so einem gescheiten Mann wie Sie hätte ich doch mal was Neues erwartet.«

»Die Erwartung wird sich hoffentlich erfüllen.«

»Sie wollen doch nicht etwa einen Fluchtversuch machen?«

»Das habe ich nicht nötig.«

»Oder rechnen Sie damit, daß man Sie gewaltsam befreit?«

»Gewaltsam nicht – aber befreien wird man mich.«

»Sie glauben, daß wir uns bestechen lassen?«

»Aber nein!«

»Das müßte dann schon – wirklich ein Amerikaner sein.«

»Davon ist gar keine Rede.«

»Ich möchte wissen, woraufhin Sie sonst freikommen sollten.«

»Vielleicht durch den Nachweis, daß ich Marot bin.«

»Sie! mit dem Unsinn hören Sie auf! Damit haben Sie sich schon in der Hauptverhandlung lächerlich gemacht.«

»Ich schwöre ...«

»Schwören können Sie schon nicht.«

»Wieso denn nicht?«

»Weil man Ihnen die bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit aberkannt hat.«

»Und da meinen Sie ...« – Marot stutzte, ihm kam ein furchtbarer Gedanke – »ich könnte sagen, was ich will – es würde mir doch niemand glauben!«

»Das sowieso!«

Marot entfärbte sich und rief:

»Wenn dieser Amerikaner ein falsches Spiel mit mir treibt?«

»Jetzt haben Sie es schon wieder mit diesem Amerikaner. Sagen Sie mal, wenn Sie Marot sind, wer war denn der Ermordete?«

»Es ist überhaupt niemand ermordet worden.«

»Und der Tote, der im Bett lag?«

»Das war Voisin!«

»Nun werde ich aber doch den Arzt holen.«

»Ich will keinen Arzt!« rief Marot. »Ich will Harvey.«

Draußen schlug die Uhr. – Marot horchte entsetzt – laut zählte er die Schläge:

»Eins – zwei – drei –«

»Ein Viertel vor fünf«, sagte der Wächter. Sie haben noch drei Viertelstunden Zeit!« Dann ging er zur Tür und meinte: »Wo nur das Essen bleibt!«

»Er läßt mich sitzen!« rief Marot erregt.

Im selben Augenblick hörte man, wie draußen jemand den Schlüssel ins Schloß schob. Marot atmete auf, stürzte zur Tür und rief:

»Da ist er!«

Durch die geöffnete Tür trat der Anstaltsdirektor.

Marot wich entsetzt zurück.

Der Wächter legte die Hände an die Hosennaht und stand stramm.

3.

Der Anstaltsdirektor war es gewöhnt, daß der Verurteilte zusammenfuhr, wenn er die Mörderzelle betrat. – Er gab sich Mühe, jovial zu erscheinen, trat an Marot heran, klopfte ihm gönnerhaft auf die Schulter und fragte:

»Guten Morgen! – na, wie fühlen Sie sich?«

»Ist es denn schon soweit?« fragte Marot ängstlich.

Der Direktor sah nach der Uhr und erwiderte:

»Dreizehn Minuten vor fünf.«

»Hat denn niemand nach mir gefragt?« fragte Marot den Direktor erregt.

»Doch! dieser aufdringliche Amerikaner.«

Marot atmete auf und sagte:

»Gott sei Dank!«

»Dreimal hat er mich schon des Nachts im Schlaf gestört.«

»Ja – und?«

»Ich habe ihn abgewiesen.«

»Abgewiesen?« wiederholte Marot entgeistert.

»Und ihm sagen lassen, er soll sich zum Teufel scheren!«

»Wenn er doch aber ...«

»Es ist eine Frechheit, mich des Nachts anzurufen.«

»Wenn es doch um das Leben eines Menschen geht.«

»Meine Besuchszeit ist vormittags von elf bis eins. So ein Amerikaner denkt, wenn er pfeift, tanzt unsereiner.«

»Aber morgen um elf bin ich doch längst ...« – Er schüttelte sich vor Entsetzen.

Der Direktor klopfte ihm abermals auf die Schulter und sagte:

»Seien Sie tapfer, Voisin!«

»Der Amerikaner kommt in meiner Angelegenheit. Es ist etwas Wichtiges.«

»Ich kenne das. Zehn Minuten vor Toresschluß fällt den Leuten plötzlich was ein.«

»Ich beschwöre Sie, hören Sie ihn an!« rief Marot erregt, und der Direktor erwiderte, ohne eine Miene zu verziehen:

»Vermutlich will er zusehen, wie man Sie köpft – um eine Sensation für seine amerikanischen Blätter zu haben. Dazu gebe ich Sie nicht her.«

»Er will mich retten!«

»Ein Befreiungsversuch?«

»Es kann Ihr Glück sein.«

»Gar eine Bestechung? – So einem Amerikaner traue ich alles zu.«

»Er wird Ihnen alles aufklären.«

»Aufklären?« erwiderte der Direktor und schien enttäuscht. »Dazu hatte er wochenlang Zeit. – Wenn ich alle anhören würde, die mich unter richtigem oder falschem Namen in der Nacht vor einer Hinrichtung sprechen wollen, um mir Märchen zu erzählen und die Vollstreckung hinauszuziehen, brauchte ich den Hörer überhaupt nicht aus der Hand zu legen.«

»Aber in diesem Falle ...«

»Jeder hält da seinen Fall für einen besonderen. Aber zu etwas Wichtigerem: Lehnen Sie den Zuspruch des Geistlichen noch immer ab?«

»Das hat doch Zeit, wenn es soweit ist.«

»Es ist soweit!«

»Das ist nicht wahr!« rief Marot entsetzt, stürzte auf den Wächter zu und rief: »Was ist die Uhr?«

Der fuhr erschrocken auf und wiederholte:

»Die Uhr?« – Dann sah er nach und sagte:

»Drei Minuten vor fünf.«

Der Direktor stellte fest:

»Demnach fehlen noch eine halbe Stunde und drei Minuten.«

»... und Harvey ist noch nicht da!« rief Marot verzweifelt.

Der Direktor wandte sich an den Wächter und fragte:

»War er die ganze Zeit über so aufgeregt?«

»Herr Direktor brauchen sich keine Sorgen zu machen,« erwiderte der Wächter, um den Direktor zu beruhigen – »ich sorge schon dafür, daß er nicht schlappmacht.«

Der Direktor wandte sich wieder an Marot und fragte:

»Wie ist es mit Ihrem letzten Willen? Haben Sie ein Testament gemacht?«

»Lassen Sie es nicht dazu kommen – aber wenn ...«

In diesem Augenblick schlug es draußen, um die volle Stunde anzudeuten, erst kurz viermal – es herrschte Totenstille – sie zählten alle drei mit – dann langsam fünfmal hintereinander.

»Fünf Uhr!« sagten sie gleichzeitig.

»Ich werde verrückt!« rief Marot – und der Direktor fragte vollkommen ruhig:

»Also wie ist es mit Ihrem letzten Willen?«

»Alles gehört Dorothée!«

»Wer ist Dorothée?«

»Meine Frau!«

»Was für eine Frau?«

»Frau Marot natürlich.«

»Frau Marot vermachen Sie Ihr Letztes. Es wird ja nicht viel sein – immerhin, es kommt einem Geständnis gleich und zeugt von Reue, daß Sie mit Ihrem letzten Gedanken bei der Frau Ihres Opfers sind,« erwiderte der Direktor und fuhr, zu dem Wächter gewandt, fort: »Vergessen Sie nicht, es zu notieren.«

»Jawohl, Herr Direktor!«

»Es wird ein gutes Licht auf Sie werfen, wenn es morgen in den Zeitungen steht.«

»Nach meinem Tode?«

»Ein guter Ruf ist auch nach dem Tode etwas wert.«

»Führen Sie mich zum Staatsanwalt!« verlangte Marot.

»Den werden Sie in einer halben Stunde draußen treffen.«

»Gerechtigkeit!« schrie Marot, der jetzt wie verwandelt schien: »Ich habe ein Geständnis abzulegen.«

»Endlich!« sagte der Direktor – sofort verändert im Ton, und trat nahe an ihn heran. »Also, mein lieber Voisin, Sie haben Marot ermordet?«

»Nein! machen Sie mich nicht verrückt.«

Draußen an der Tür wurde geschlossen. – Marot fuhr zusammen. – Der Direktor sah nach der Uhr und sagte:

»Es ist ja erst drei Minuten vor viertel sechs.« Dann fuhr er zum Wächter gewandt fort: »Sehen Sie mal nach, wer da ist.«

Der Wächter ging zur Tür, die eben von außen geöffnet wurde. Auf der Schwelle stand Frau Turel.

»Ihr Verteidiger«, sagte der Direktor, wandte sich zur Tür, grüßte Frau Turel und flüsterte ihr zu: »Ich lasse Sie mit ihm allein. Er ist sehr aufgeregt. Vielleicht gelingt es Ihnen, ihn zu beruhigen.«

Dann ging er hinaus.

Frau Turel erwiderte den Gruß kaum, trat an Marot heran und drückte ihm die Hand.

»Sie haben sich große Mühe mit mir gegeben«, sagte Marot.

»Ich habe nur meine Pflicht getan – leider ohne Erfolg.«

»Wenn ich Sie in Ihrer Verteidigung unterstützt hätte ...«

Frau Turel fiel ihm ins Wort und fragte:

»Warum haben Sie es nicht getan? – Sie haben geschwiegen – auch auf die Fragen, die Sie entlasten konnten.«

»Ich hatte meine Gründe.«

»Die Sie mir bis heute verschwiegen haben.«

»Weil Sie mir nicht helfen können.«

»Von wem erwarten Sie noch Hilfe, wenn nicht von mir?«

»Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen« – er trat dicht an Frau Turel heran und flüsterte ihr zu: »von Mister Harvey.«

»Auf den setzen Sie Ihre Hoffnung?« erwiderte Frau Turel und schüttelte den Kopf.

»Ja!«

»Dann muß ich Ihnen sagen, daß Sie verraten sind.«

»Verraten?« rief Marot erregt.

»Er hat den Staatsanwalt auf Ihre Spur gelockt.«

»Ach so!« erwiderte Marot – und war im selben Augenblick schon wieder ruhig.

»Sie wissen das?« fragte Frau Turel erstaunt – und Marot erwiderte kurz:

»Ja!«

»Aber daß er sich in mein Vertrauen schlich und mir in der Hauptverhandlung Direktiven gab, die Ihre Verurteilung herbeiführten, wissen Sie nicht.«

»Weshalb sind Sie ihm denn gefolgt?« fragte Marot vollkommen ruhig.

»Weil er mir glaubhaft machte, daß er Ihnen beistehen will.«

»Sehen Sie!«

»Die Folge war Ihre Verurteilung zum Tode.«

»Wenn Sie ihm glaubten, wie können Sie sich dann wundern, daß auch ich ihm glaubte?«

»Ich bin seiner Suggestion erlegen.«

»Genau wie ich.«

»Ich bin eine Frau – und dann: es war meine erste Verteidigung!«

»Genau wie es meine erste Anklage wegen Mordes war.«

»Er hat auch noch nach Ihrer Verteidigung auf mich eingewirkt.«

»Was hat er getan?«

»Er hat mich veranlaßt, auf die Einlegung der Revision zu verzichten.«

»Mit welcher Begründung?«

»Er hat es verstanden, mir klarzumachen, daß ich damit Ihre Qualen nur verlängern würde.«

»Hat er nicht recht?«

»Wenn es nur darauf ankam, Sie so schnell wie möglich vom Leben zum Tode zu befördern, dann hätten Sie sich am besten selbst geholfen, indem Sie sich eine Kugel in den Kopf jagten.«

Marot richtete sich auf und sagte:

»Ich will aber leben!«

»Das sagen Sie eine Viertelstunde vor Ihrem Tode.«

Marot fuhr zusammen und wiederholte tonlos:

»Eine Viertelstunde ...« Dann raffte er sich auf und fragte:

»Und wo ist Mister Harvey jetzt?«

»Das weiß ich nicht«, erwiderte Frau Turel.

»Aber er ist in Marseille?« fragte Marot und schien beruhigt.

»Ich glaube nicht.«

»Suchen Sie ihn!« drängte Marot.

»Wo soll ich ihn suchen? – Wenn er Ihnen helfen wollte, wäre er hier.«

»Sie ... wissen ... ja gar nicht!« rief Marot in großer Erregung – und Frau Turel trat dicht an ihn heran und sagte eindringlich:

»Rechnen Sie nicht auf ihn.«

»Ich muß.«

»Vertrauen Sie sich mir an! – Ich weiß, hinter dem Mord steckt ein Geheimnis. – Reden Sie endlich.«

»Ich habe mein Wort gegeben.«

»Denken Sie jetzt an sich.«

»Mein Ehrenwort!« rief Marot in höchster Erregung.

»Von dem Sie Gott angesichts des Todes entbindet.«

Marot schien zu überlegen. – Einen Augenblick lang schien es, als wenn er reden wollte. – Dann aber rief er plötzlich laut und bestimmt:

»Nein! nein! nein!«

als wenn er sich gegen eine innere Stimme wehren wollte, die ihm zurief, eine Erklärung abzugeben.

»Sie müssen vor allem Zeit gewinnen!« beteuerte Frau Turel.

»Zeit?« wiederholte Marot und sah sich in der Zelle um. Dann fuhr er resigniert fort: »Als wenn ich noch Herr meiner Zeit wäre.«

Frau Turel griff in ihre Aktentasche und holte ein Schriftstück heraus.

»Ich werde die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragen«, sagte sie.

»Wie wollen Sie das begründen?« fragte Marot.

»Sehr einfach!« erwiderte sie, entfaltete hastig ein Aktenstück, blätterte um und las:

»Auf Grund dieser neuen Tatsachen ergibt sich folgendes Bild: Mister Harvey verliebte sich in Frau Dorothée. Der Liebe stand die Ehe mit Marot im Wege. Was lag näher, als dies Hindernis zu beseitigen?«

»Das stimmt ja alles nicht!«

»Aber es könnte stimmen – und wir gewinnen Zeit.«

»Von einer Liebe«, rief er empört, »zwischen Harvey und meiner ...« – Er stutzte, besann sich und führte die Hand zum Mund.

»Was wollten Sie sagen?« drängte Frau Turel fragend auf ihn ein: »Zwischen Harvey und Ihrer ...?«

»Nichts!« erwiderte Marot und wehrte ab.

»Wenn es Ihre war, dann ist Frau Dorothée also Ihre Geliebte – und Sie haben Marot umgebracht, weil er Ihnen im Wege war.«

»Denken Sie, was Sie wollen.«

Frau Turel wies auf das Aktenstück und fragte:

»Und was soll mit diesem Gesuch geschehen?«

»Lassen Sie es mir«, bat Marot und nahm es ihr aus der Hand. Dann sah er sie groß an und fuhr fort: »Falls Mister Harvey nicht kommt ...«

»Er wird nicht kommen.«

»Was dann?«

In diesem Augenblick drehte sich draußen der Schlüssel im Schloß. Marot gewann sofort seine Haltung zurück.

»Das ist er!« rief Marot – und Frau Turel erwiderte:

»Wenn Sie sich nur nicht täuschen!«

4.

Aber statt Harvey, wie Marot erwartet hatte, trat abermals der Direktor in die Tür und fragte:

»Voisin! Wollen Sie Frau Marot sehen?«

Marot, enttäuscht und doch zugleich erfreut, fuhr leicht zusammen und erwiderte:

»Gewiß – will ich – Frau Marot sehen.«

»Es zeugt von Christenliebe und großer Selbstüberwindung, daß die Frau Ihres Opfers noch den Wunsch hat, Ihnen Trost zu bringen«, sagte der Direktor – und ließ Dorothée, die nicht mehr in Trauer, sondern in eleganter Straßentoilette war, an sich vorbei.

»Darf ich hinein?« fragte Dorothée – und der Direktor erwiderte:

»Bitte sehr!«

Frau Turel wandte sich zur Tür. – Und als sie an Frau Dorothée vorüberging, maß sie sie mit einem langen Blick und sagte:

»Was Sie wohl herführen mag?«

Dann ging sie eilig hinaus, gefolgt von dem Direktor, der dem Wächter noch zurief:

»Passen Sie auf, daß er sich der Dame gegenüber gesittet benimmt. – In vier Minuten bin ich wieder da.«

»Zu Befehl, Herr Direktor«, rief der Wächter ihm nach und wollte eben die Tür schließen, als ein Gerichtsdiener ein Tablett mit dem Essen brachte.

Schon die ganze Zeit über war der Wächter in Erwartung des Weines und der Mahlzeit, wie der Tiger vor der Fütterung in seinem Käfig, unruhig und mit langen Schritten an der Tür auf und ab gegangen. Jetzt riß er dem Gerichtsdiener das Tablett aus der Hand, eilte damit an den Tisch und stürzte sich über das Essen.

Der Gerichtsdiener schüttelte den Kopf und schloß die Tür. Der Wächter saß mit dem Rücken zur Wand – und ganz dem Genuß des Essens und des Weines hingegeben, sah und hörte er nichts mehr von dem, was hinter ihm vorging.

Als der Gerichtsdiener die Tür geschlossen hatte, eilte Dorothée auf Marot zu und warf sich ihm an den Hals. – Marot umschlang sie mit beiden Armen.

»Wo ist Harvey?« war seine erste Frage.

Dorothée ließ ihn los, sah ihn entsetzt an und fragte:

»Er war nicht hier?«

»Nein!«

»Und er hat nichts von sich hören lassen?«

»Er hat den Anstaltsdirektor angerufen.«

»Wann?«

»Heute nacht.«

»Er ist in Marseille?«

»Von Paris aus.«

»Was hat er dem Direktor gesagt?«

»Der Direktor hat sich nicht an den Apparat bemüht.«

»Andrée!«

»Und hat ihm sagen lassen, seine Sprechstunde sei vormittags von elf bis eins.«

»Morgen vormittag? Andrée, da bist du ja ...«

»Das fürchte ich allmählich auch.«

»Nein! nein! Harvey liebt Sensation. Er wird im letzten Augenblick ...«

»Dieser letzte Augenblick ist da.«

»Du glaubst doch nicht, daß er ...?«

»Was meinst du, Dorothée?«

»Er treibt sein Spiel zu weit. Es hat nicht jeder die Nerven wie er.« – Sie stutzte. »Oder!« rief sie. Ihr schoß ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf.

»Was ist dir?« fragte Marot.

»Wenn es gar kein Spiel ist?«

»Dorothée!«

»Wenn er es ernst meint und das Ganze nur in Szene gesetzt hat, um dich aus dem Wege zu schaffen.«

»Ja – wo – bin ich ihm denn – im Wege?« fragte Marot erstaunt.

»Bei mir!« erwiderte Dorothée.

»Bei – dir?«

Dorothée sah Marots entsetztes Gesicht. Leichenblaß stand er da und quälte sich, zu begreifen, was Dorothée meinte.

Marot begriff.

»Du!« rief er.

»Aber nein!« erwiderte Dorothée und versuchte, ihn zu beruhigen. »Das war nur so eine Idee von mir – die mir einen Augenblick lang durch den Kopf schoß.«

Aber Marot wehrte ab und rief:

»Doch! doch! – du hast recht! – so ist es – jetzt verstehe ich alles.«

»Du irrst, Andrée! – Mister Harvey liebt Frau Turel.«

»Zum Schein – und nur, solange ich lebe – in einer Stunde wird er es dir selber sagen.«

Dorothée sah ihn ängstlich an:

»Du sprichst im Fieber, Andrée! – Das Milieu und die letzten Wochen haben dich krank gemacht.«

»Der Gedanke kam von dir!« rief Marot – und Dorothée erwiderte:

»Ich habe ihn längst verworfen.«

»Aber ich nehme ihn auf!« – Er trat dicht an sie heran und sagte empört: »Dorothée!«

»Was ist dir?«

»Wenn Frau Turel ...«

»Was ist mit Frau Turel?«

Er faßte ihre Gelenke und rief drohend:

»Wenn Frau Turel recht hat?«

»Was behauptet sie?«

»Daß Harvey und du ...«

Dorothée rief empört:

»Andrée!«

Marot hielt noch immer ihre beiden Handgelenke fest umspannt und sagte:

»Du hintergehst mich!«

Dorothée riß sich los, wich ein paar Schritte zurück und rief:

»Du weißt ja nicht, was du sprichst.«

Marot drang auf sie ein:

»Sage die Wahrheit!«

»So komm doch zu dir!« bettelte Dorothée.

»Sein Geld – seine Stellung –, du warst immer für ein Leben im großen Stil.«

»An deiner Seite!«

»Er hat dich überredet!«

»Nein!« rief Dorothée wütend.

»Er hat sich mit dir verlobt!«

»Das weißt du ja!«

»Er wollte dich heiraten.«

»Nie war davon die Rede!«

»Lüg' nicht!«

»Du brauchst einen Arzt!«

»Für den habt ihr gesorgt!«

»Wir?« fragte Dorothée.

»Harvey und du!«

»Ich verstehe dich nicht!«

Marot wies zum Fenster und rief:

»Der Arzt steht draußen.«

»Wo?«

»Die Guillotine!«

»Andrée!« rief Dorothée und wandte sich an den Wächter, der eben seine Mahlzeit beendet hatte und sich mit beiden Händen den Mund abwischte: »So holen Sie doch den Arzt! Sie sehen doch, daß er den Verstand verliert.«

Der Wächter blieb vollkommen ruhig, stand auf, sah sich Marot an und sagte:

»Das bißchen?« – Da sind wir hier an ganz anderes gewöhnt.«

»Ich will keinen Arzt«, sagte Marot – und der Wächter erwiderte:

»Der ist vernünftiger als Sie!«

»Ich beschwöre Sie!« rief Dorothée verzweifelt.

Marot hob den Kopf und sagte:

»Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden.«

»Bravo!« erwiderte der Wächter. »So vernünftig hat hier noch keiner fünf Minuten vor seiner Hinrichtung gesprochen.«

Dorothée führte die Hände vor das Gesicht und rief:

»Ich werde wahnsinnig!«

»Mir scheint auch eher, Sie brauchen einen Arzt«, sagte der Wächter.

Marot trat einen Schritt vor und fragte:

»Ist es noch nicht soweit?«

Der Wächter sah nach der Uhr und erwiderte:

»Wir können uns schon immer fertig machen.«

5.

Dorothée verlangte immer dringender, daß man einen Arzt holte. Aber der Wächter lehnte es ab und erwiderte vollkommen ruhig:

»Ich darf mich hier nicht wegrühren.«

»Es geht um ein Menschenleben.«

»Ich weiß. – Aber wenn Sie jetzt noch was wollen, dann müssen Sie sich schon an den Scharfrichter direkt wenden.«

Dorothée konnte sich nicht länger beherrschen. Sie trat an den Wächter heran und sagte laut:

»Also ich will es Ihnen gestehen!« – Sie wies auf Marot: »Er ist mein Mann!«

»Seh ich so blöd' aus, daß Sie glauben, mir das einreden zu können?«

»Sag' du es ihm!« rief sie Marot zu.

»Quälen Sie den Mann doch nicht«, sagte der Wächter.

»Andrée!« bettelte Dorothée – und Marot, dessen Nerven versagten, und der völlig teilnahmslos dastand, erwiderte:

»Ich kann – und will nichts mehr denken.«

»Würde ich ihm denn sagen, wer ich bin, wenn ich mit Harvey im Komplott wäre?«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht. Ich weiß ja nicht, was du damit bezweckst. – Ich will auch nichts mehr wissen.«

»So raff' dich auf!« rief Dorothée ihm zu. »Wenn Harvey uns verraten hat – es geht um deinen Kopf!«

»Hetzen Sie den Mann nicht auf!« befahl der Wächter – und da im selben Augenblick draußen an der Tür geschlossen wurde, so sagte er: »Da sind sie!« – trat dicht an Voisin heran, legte die Hand auf seine Schulter und redete ihm zu: »Jetzt Kopf hoch, Voisin!«

6.

In die Zelle traten Staatsanwalt Dubois, der Anstaltsdirektor und zwei Beamte.

Dorothée stürzte auf Dubois zu und rief:

»Herr Staatsanwalt, ich will alles gestehen!«

»Dann sind Sie also beteiligt?«

»Nein! – Aber der Mann« – und sie wies auf Marot – »den Sie hinrichten wollen, ist nicht Henri Voisin.«

»Sondern?«

»Mein Mann!«

»Was bezwecken Sie mit einer so sinnlosen Behauptung?«

»Es läßt sich beweisen.«

»Es ist bewiesen, daß der Verurteilte Voisin ist.«

»Durch wen?«

»Durch die eigene Mutter, die alte Voisin, die in der Hauptverhandlung als Zeugin aufgetreten ist.«

»Sie hat nicht gesagt, daß es ihr Sohn ist.«

»Sie hätte es bestritten, wenn es nicht ihr Sohn gewesen wäre. Sie hat ihn geküßt und ihm ihre Kette um den Hals gelegt.«

»Weil Frau Turel ihr suggerierte, daß der Angeklagte aus irgendeinem Grunde die Schuld für einen andern auf sich nahm. Frau Voisin glaubte natürlich: für ihren Sohn. Um ihn zu retten, klärte sie den Irrtum nicht auf.«

»Wissen Sie, daß Sie damit abermals Frau Turel verdächtigen?«

»Ich behaupte, daß sie ein bezahltes Werkzeug Mister Harveys ist.«

»So! – Und wenn Frau Turel den Irrtum nicht aufklärte, warum haben Sie es dann nicht getan? – und zwar schon früher?«

»Weil ich damals noch an Mister Harvey glaubte.«

»Und weil er sein Wort nicht gehalten und Sie nicht geheiratet hat, versuchen Sie nun aus Rache, ihm den Mord aufzuhalsen.«

»Harvey hat mir niemals die Ehe versprochen.«

»Sie waren doch verlobt.«

»Das hatte andere Gründe.«

»Verlangen Sie im Ernst, daß ich Ihnen das glaube?«

»Es ist so! Ich beschwöre es!«

Dubois kehrte Dorothée den Rücken und wandte sich an Marot.

»Was haben Sie zu diesem mehr als phantastischen Märchen, das uns Frau Marot da auftischt, zu sagen?«

Es herrschte Totenstille, als Marot völlig teilnahmslos erwiderte:

»Nichts!«

Noch einmal versuchte es Dorothée. Sie trat an Marot heran und bettelte:

»Andrée! Sage die Wahrheit!«

Marot sah nicht einmal zu ihr auf – und der Staatsanwalt sagte zu Dorothée, die schluchzend auf einen Schemel sank:

»Begeben Sie sich in ärztliche Behandlung, Frau Marot. – Ihre Nerven haben den Aufregungen der letzten Wochen nicht standgehalten.«

Draußen schlug die Uhr kurz zweimal hintereinander.

Atemlose Stille herrschte in der Zelle. Nur das unterdrückte Schluchzen Dorothées brach hin und wieder durch.

Als es ausgeschlagen hatte, sagte der Staatsanwalt:

»Es ist so weit.«

Der Wächter, der neben Marot stand, flüsterte ihm zu:

»Jetzt könnten Sie es schon hinter sich haben.«

»Wie ist es mit einem Geistlichen?« fragte Dubois – und der Direktor erwiderte:

»Er hat ihn abgelehnt.«

Der Staatsanwalt gab den Beamten ein Zeichen. Sie faßten Marot am Arm, und der traurige Zug setzte sich in Bewegung.

7.

Sie waren eben im Begriff, durch die Tür zu treten, als Frau Turel in die Zelle stürzte und rief:

»Setzen Sie die Hinrichtung aus!«

Alle wandten sich gespannt zu Frau Turel.

»Was bedeutet das?« fragte Dubois.

»Ich beantrage Wiederaufnahme des Verfahrens.«

»Auf Grund welcher neuen Tatsachen?«

Frau Turel erklärte mit großer Bestimmtheit:

»Harvey ist der Mörder!«

»Ihre Beweise?«

»Sein eigenes Geständnis!«

Marot, der die ganze Zeit über völlig teilnahmslos dagestanden hatte, hob den Kopf und rief:

»Das ist nicht wahr!«

Frau Turel wandte sich zu ihm um und erwiderte:

»Und Sie sind Marot!«

»Ich sagte es ja«, rief Dorothée, die schnell wieder zu sich kam.

»Sie haben sich für den Amerikaner geopfert!« fuhr Frau Turel fort.

»Glauben Sie ihr!« bettelte Dorothée.

»Ihre Beweise!« wiederholte Dubois.

»Ich hatte Voisin – das heißt Marot«, verbesserte sie schnell, »eben verlassen, fuhr nach Hause und fand diesen Zettel« – erst jetzt sahen die andern, daß sie ein Stück Papier in der Hand hielt – »den Harvey, da er mich nicht antraf, zurückgelassen hatte.«

»Harvey ist da!« rief Marot beinahe übermütig.

»Was steht auf dem Zettel?« fragte Dubois.

Frau Turel las:

Liebe Turel!

Da mir an Ihrer Karriere liegt, so will ich Ihnen verraten, daß sich in dem Schrankkoffer, den wir von Marseille nach Nizza mit uns führten, die Leiche Henri Voisins befand. Alles Weitere überlasse ich Ihrem bewährten Scharfsinn.

Ihr Harvey.

Unbewußt betonte Frau Turel die beiden letzten Worte.

»Die Leiche Voisins?« fragte Dubois verständnislos und sah den Direktor an, der ungläubig lächelte und den Kopf schüttelte.

»Ganz klar«, erwiderte Frau Turel. – »Voisin ist von Harvey in Marseille getötet worden. Vermutlich im Streit. Vielleicht auch aus Notwehr. – Die Art, die Tat zu verbergen und von sich abzulenken, ist echt amerikanisch. Er arrangiert einen Ausflug mit dem Ehepaar Marot. Unter dem Gepäck befindet sich der Schrankkoffer mit der Leiche Voisins. Die wird im Hotel Excelsior Regina in Marots Bett gelegt. Die Ähnlichkeit Voisins und Marots, die ihn gewiß erst auf den Gedanken brachte, ist unverkennbar. – Marot gibt des Nachts den Schuß ab – und verschwindet als Voisin, als der er später verhaftet und verurteilt wird.«

»Und aus welchem Grund hat Marot sich zu dieser Rolle hergegeben?«

»Harvey wird ihm große Versprechungen gemacht haben.«

»Haben Sie seine Verhaftung veranlaßt?«

Frau Turel wies auf Marot und sagte:

»Mir war es wichtiger, erst einmal dies Leben hier zu retten.«

»Und Harvey?«

»Der befindet sich vermutlich in einem Flugzeug schon über dem Ozean.«

8.

Frau Turel hatte ihren Satz noch nicht beendet, da erschien Mister Harvey und sagte:

»Aber nein! – Ohne Frau Turel? – ausgeschlossen!«

Der Staatsanwalt trat vor ihn hin und fragte:

»Sie stellen sich freiwillig?«

Harvey tat erstaunt und erwiderte:

»Wie – bitte?«

»Sie leugnen doch nicht, Voisin getötet zu haben?«

Der Amerikaner zog einen Stoß Zeitungen aus der Tasche und fragte:

»Ja, haben Sie denn die Nachtausgabe der in Paris erscheinenden »Chicago Times« noch nicht gelesen?«

»Das ist doch Ihr Blatt?«

»Allerdings! Und ich bin stolz darauf, daß man in Paris bereits um drei Uhr nachts wußte, was sich jetzt um halb sechs Uhr früh hier in Marseille abspielt.«

»Sie treiben ein gewagtes Spiel!« sagte Dubois drohend.

Harvey reichte jedem der Anwesenden ein Exemplar der »Chicago Times« und sagte zu Frau Turel:

»Bitte, lesen Sie dem Herrn Staatsanwalt vor!«

Jeder entfaltete seine Zeitung. Frau Turel las, die übrigen lasen halblaut mit:

»Ein Justizmord in Toulon in letzter Minute verhindert! – Am dreizehnten April erschien im Office des Marseiller Korrespondenten der »Chicago Times« ein Weinreisender, namens Henri Voisin, der seiner Firma in Bordeaux Gelder unterschlagen hatte, und bat, ihm die Flucht nach Amerika zu ermöglichen. Er bot dafür ein amtliches Zertifikat über die Einfuhrerlaubnis von Spirituosen nach den Vereinigten Staaten. Der zufällig anwesende Zeitungsverleger Mister Harvey stellte sofort die Fälschung des Zertifikats fest. Im Augenblick, in dem er mit Hilfe seines Korrespondenten Marot die Festnahme Voisins veranlassen wollte, zog Voisin einen Revolver und erschoß sich.«

»Demnach hätte Voisin sich also selbst erschossen«, sagte Dubois – und Frau Turel fuhr fort:

»Mister Harvey, der sich seit Jahren auf der Jagd nach Sensationen für seine Blätter befand, kam sofort auf den Gedanken, diesen Vorfall für die »Chicago Times« auszubeuten. – Er rief einen Arzt und einen Notar, der den Tatbestand an Ort und Stelle aufnahm – und dem er alles genau so voraussagte, wie es sich dann später in Nizza und in Marseille bis zum Morgen der geplanten Hinrichtung abgespielt hat.«

Harvey zog ein Schriftstück aus der Tasche und sagte:

»Hier ist das beglaubigte Dokument!«

Dubois, dem man die Empörung schon während der Lektüre deutlich vom Gesicht lesen konnte, fuhr den Amerikaner an:

»Sie haben der französischen Justiz einen bösen Streich gespielt.«

»Aber nein!« erwiderte Harvey. »Sie haben sämtlich pflichtgemäß gehandelt. Es liegt auch nicht ein einziger Verstoß gegen das Gesetz vor. Daß sie trotzdem im Begriff standen, einen Unschuldigen hinzurichten – gerade damit habe ich die Todesstrafe ad absurdum geführt.«

Während alle stark beeindruckt schienen, wandte sich der Staatsanwalt an Harvey und sagte:

»Sie werden sich wegen groben Unfugs und Beiseiteschaffung einer Leiche zu verantworten haben.«

»Das, denke ich, werde ich überstehen«, erwiderte Harvey. Dann trat er an Frau Turel heran, streckte ihr die Hand hin und sagte: »Nicht wahr, Frau Turel, Sie werden mich doch verteidigen?«

»Herzlich gern!« erwiderte die und schlug ein. – »Ich bin ja so froh, daß Sie nun doch ein anständiger Mensch sind.«

Aber Marot, der sich vollkommen wieder in der Gewalt hatte, fragte den Amerikaner:

»Wenn Sie nun nicht doch zur Zeit gekommen wären, Mister Harvey?«

»Dann hätte der Notar, der draußen auf dem Richtplatz steht und ein Duplikat hat, im letzten Augenblick interveniert.«

Marot ging auf Dorothée zu, nahm ihre beiden Hände und sagte:

»Ich habe dir unrecht getan! – Verzeihst du mir?«

Dorothée schlang ihre Arme um Marots Hals und sagte:

»Längst vergeben!« – Dann rief sie übermütig: »Aber, was viel wichtiger ist: wann geht der nächste Zug nach Paris?«

Dubois, der das Buch der Hingerichteten in der Hand hielt und gerade darüber nachdachte, wie man diesen ungewöhnlichen Fall registrieren sollte, erwiderte:

»Ein Kursbuch führen wir in der Mörderzelle noch nicht. – Aber vielleicht, daß die neue Strafprozeßreform ...«

Er führte den Satz nicht zu Ende.

Aber der Wächter, der nahe an ihn herangetreten war, fragte ängstlich:

»Herr Staatsanwalt, wer zahlt denn nun die Henkersmahlzeit?«

Dubois vergaß über diese neue Schwierigkeit für einen Augenblick das Wesentliche und erwiderte:

»Sie haben recht! Eine schwierige Frage! Ich werde sofort ein Aktenstück darüber anlegen.« –

Ende des Kriminalfalls.

 

Was vorausgegangen war.

Mister Lincoln Harvey, dem außer der »Chicago Times« noch ein halbes Dutzend Tageszeitungen mit einer Million Auflage gehörten, saß an seinem Schreibtisch und drückte wie ein rasender Klavierspieler auf die Tasten seiner elektrischen Klingelanlage. Innerhalb weniger Sekunden alarmierte er zwei Dutzend seiner Redakteure, die aus ihren Zimmern stürzten, auf den engen Korridoren mit den Köpfen zusammenrannten und sich neugierig und ängstlich zuraunten:

»Was will der Alte?«

Gleich darauf standen sie vor ihrem Chef – dicht zusammengedrängt – wie ein massiger Körper mit unzähligen Köpfen, die bald emporschossen, bald sich duckten und in ständiger Bewegung waren.

Auf dem breiten Schreibtisch Mister Harveys lagen die Hauptblätter der heutigen Tageszeitungen ausgebreitet. Der Anblick stimmte die Herren Redakteure nicht heiter.

»Meine Herren!« begann Harvey und wies auf die Zeitungen: »Zehn Blätter und keine Sensation! Ich bin kein Vampir, der seinen Lesern das Geld aus der Tasche zieht, ohne ihnen etwas zu bieten.«

Ein paar Köpfe schossen in die Höhe – die große Mehrzahl aber verschwand hinter den breiten Rücken der Kollegen.

»Reden Sie nicht!« fuhr Harvey fort – noch ehe einer der Herren es gewagt hätte, den Mund aufzutun. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Das alte Lied! Es passiert nichts. Die Ozeanflüge interessieren nicht mehr. Die Gesellschaftsberichte unserer Milliardäre schüren das Feuer der Bolschewisten. Die Eheskandale in Hollywood hängen dem Publikum zum Halse heraus. Die Prohibition ist ein zu Tode gehetztes Thema. Mord und Totschlag verursachen längst keine Schrecken mehr. Revolutionen in Europa sind abgestandene Themen. Erdbeben, bei denen nicht mindestens ein Weltteil von der Erdoberfläche verschwindet, üben auf das Publikum keinen Reiz mehr aus. – Das sind Ihre Entschuldigungen! – Aber es sind keine. Denn Sie sind keine Reporter, sondern hochbezahlte Redakteure. Sie sollen nicht berichten, sondern erfinden. Um in meinen Zeitungen zu lesen, was in der Welt vorgeht und was die Telegraphenagenturen an Millionen Blätter berichten, dazu brauche ich Sie nicht! Von Ihnen verlange ich Dinge, die ich in anderen Blättern nicht finde.«

»Ich hatte mir erlaubt«, erwiderte ein schlanker hagerer junger Mann.

»Wahnsinn waren die Vorschläge, die Sie mir unterbreitet hatten. Unter der Überschrift: Die Welt aus den Fugen! wollten Sie innerhalb einer Woche die Nachrichten bringen: Umsturz in Rußland. Rückkehr der Romanows. Die Großfürstin Anastasia besteigt den Thron ihrer Väter. – Attentat eines Schimpansen auf Professor Voronoff. Die Affen protestieren gegen ihre Menschwerdung. – Wilhelm der Zweite verläßt Holland und übernimmt den Oberbefehl über die chinesische Armee. – Der Dichter d'Annunzio plant einen Flug in die Hölle, um die Schilderungen Dantes nachzuprüfen. – Es war noch mehr. Die anderen Verrücktheiten habe ich Gott sei Dank vergessen. – Auf die Art geht es natürlich nicht.«

»Ich war der Ansicht, es solle eben etwas ganz Ungewöhnliches sein.«

»Gewiß! Aber nicht Dinge, die sich sofort nachprüfen und widerlegen lassen. Ihr Weg ist falsch! Es genügt nicht, Ideen zu haben. Man muß sie auch in die Tat umsetzen. Dazu gehört ein starker Wille und unter Umständen der Mut zu einem Verbrechen.«

Die Herren Redakteure wichen verängstigt zurück.

»Es kommt weniger auf das Was an, weit mehr auf das Wie. Wen interessiert heute ein Mord? Aber wenn man ihn mit einem Geheimnis umgibt, die Neugier der Leser erregt, sie nötigt, Stellung zu nehmen, und sie auf die Folter spannt, dann kann man aus einem gewöhnlichen Mord mehr herausholen als aus einem Flug nach der Hölle.«

»Aber ein Mord bleibt doch immer ...«

»Sensationen, die sich im Augenblick ihres Eintritts auswirken, sind zu vermeiden. Die Wirkung eines politischen Bombenattentats zum Beispiel ist im Moment des Geschehens und mit Feststellung der Zahl seiner Opfer erschöpft. Ob der Attentäter Anulli oder Trevesti heißt, ob er tot oder noch lebend gefaßt wird – wen interessiert das noch? – Aber einen Mord kann man mit einem Geheimnis umspannen, das die Leser wochenlang in Atem hält, – Meine Herren, Sie haben mich hoffentlich verstanden. – Wie Sie wissen, fahre ich heute abend nach Europa. Sollte sich mir drüben die Möglichkeit bieten, Ihnen an einem Beispiel zu demonstrieren, was ich meine, so werde ich der Gelegenheit nicht aus dem Wege gehen. Auch wenn sie Gefahren in sich birgt. Ich erwarte von Ihnen hier das gleiche. Auf Wiedersehen, meine Herren!«

Er machte eine Handbewegung. Die Herren waren entlassen. – Draußen auf dem Flur ballten sie sich noch einmal zusammen. Ganz dicht. Ihre Köpfe berührten sich fast.

»Der Alte hat den Verstand verloren«, sagte der schlanke, hagere junge Mann.

Aber die Feststellung genügte nicht. Sie brachte keine Entspannung.

»Er verlangt von uns, daß wir Verbrechen begehen«, erklärte ein anderer.

»Bei dem Gehalt!«

»Und den Aussichten!«

»Das soll er man selbst besorgen.«

Am Abend desselben Tages trat Mister Harvey seine Reise nach Europa an. Sie führte ihn über London nach Paris an die Riviera.

Genau drei Wochen später ereignete sich, was auf den vorstehenden Seiten geschildert ist.

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