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Justizmord?

: Justizmord? - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleJustizmord?
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft m.b.H.
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid46b81456
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Zweiter Teil.

1.

Der Raum, in dem der Kellner aus dem »Hotel Excelsior Regina« in Nizza mit einer Hingabe, die sofort ins Auge fiel, den Frühstückstisch deckte, war kein Hotelzimmer. Nicht nur die Möbel, die Bilder an der Wand und der Flügel verrieten es. Die vielen Kleinigkeiten, für die der Franzose das hübsche Wort »les petits-riens« hat und die ein Zimmer erst wohnlich machen, zeugten von dem Charakter und dem guten Geschmack seines Bewohners.

Sicherlich war es keine Frau, die einem Gewerbe nachging oder sich gar mit Politik und gelehrten Sachen befaßte, die hier wohnte. Affen, Papageien und Skotch-Terriers aus Porzellan, Ceylon-Elefanten aus Ebenholz in allen Größen, seidene Puppen und unzählige seidene Kissen, Noten und Romane von Margueritte und Claude Anet, die überall herumlagen, ließen auf die Oberflächlichkeit eines weiblichen Bewohners schließen.

Dieser Eindruck wurde verstärkt, als die Zofe, eine bildhübsche, intelligente Person, mit einem Aschenbecher, auf dem die Reste einer nicht zu Ende gerauchten Havanna lagen, das Zimmer betrat und fragte:

»Bis wann ist Mister Harvey gestern abend wieder hiergeblieben?«

»Bis elf«, gab der Diener zur Antwort.

»Ich mag ihn nicht.«

»Er gibt zehn Frank Trinkgeld.«

»Jeden Abend?«

»Wenn er länger bleibt, gibt er zwanzig.«

»Ein feiner Mann – ganz mein Typ.«

»Frau Marots Typ scheint er nicht zu sein.«

»Weshalb hat sie sich dann mit ihm verlobt? – Kaum daß ihr Mann unter der Erde war.«

»Das geht uns nichts an.«

»Die beiden werden wohl schon früher etwas miteinander gehabt haben – als Herr Marot noch am Leben war.«

»Schweig'! – hier haben die Wände Ohren.«

»Mir doch gleich.«

»Was weißt denn du überhaupt von dem Mord?«

»Mehr, als du glaubst. – In dem Haus wird doch von nichts anderem gesprochen.«

»Da Frau Marot noch immer unter Mordverdacht steht, so ist das ganz natürlich.«

»Mich macht es verrückt – ich schlafe keine Nacht mehr.«

»Wenn du des Nachts Furcht hast, komm zu mir.«

»Ob ich da sicher bin?«

»Du fürchtest, ich rühr' dich an?«

»Wenn's nur das wäre.«

»Wovor hast du also Angst?«

»Daß du mir aus lauter Liebe den Hals umdrehst.«

»Ich bin kein Sadist.«

»Aber vielleicht ein – Mörder?«

»Was fällt dir ein?«

»Hast du vielleicht nicht in dem Verdacht gestanden, Herrn Marot ermordet zu haben?«

»In Verdacht kommen kann jeder. Man hat sich geirrt und das Verfahren eingestellt.«

»Auf Grund mangelnder Beweise.«

»Wo hast du das her?«

»Neue Tatsachen können die Situation jeden Augenblick ändern.«

»Das ist nicht auf deinem Mist gewachsen.«

»Man hat seine Verbindungen.«

»Vom Staatsanwalt Dubois hast du das.«

»Möglich!«

»Spitzel!«

»Dieb!«

Der Kellner fuhr zusammen – dann sagte er resigniert:

»Ach so!«

»Etwa nicht?«

»Das hat man dir also auch erzählt?«

»Ein ganz schlechter Kerl bist du.«

»Komm erst mal in Versuchung – und dann red'!«

»Ich habe den Schmuck der Gnädigen alle Tage in der Hand – ich habe ihn sogar schon einmal umgelegt – und in den Spiegel geschaut – du, das hättest du sehen sollen, wie ich darin aussah.«

»Und du hast trotzdem keinen Augenblick daran gedacht?« – Er machte die Bewegung des heimlich Beiseiteschaffens.

»Doch habe ich daran gedacht.«

»Siehst du!«

»Ich habe ihn sogar schon einmal eine ganze Nacht auf meiner Kammer gehabt.«

»Aber?«

»Am nächsten Morgen habe ich ihn wieder hingelegt.«

»Tut's dir leid?«

»Ich fürchte mich vor dem Gefängnis.«

»Bist du schon vorbestraft?«

»Was fällt dir ein?«

»Dann kannst du es riskieren.«

»Wieso?« fragte die Zofe erstaunt.

»Einmal darf jeder.«

»Steht das im Gesetz?«

»Beim ersten Mal, da bekommst du Bewährungsfrist – überhaupt, wo du noch so jung bist.«

»Ist das sicher?«

»Ich hab' es ja auch bekommen.«

»Aber daß Frau Marot dich dann zu sich genommen hat – das versteh' ich nicht.«

»Sie denkt wahrscheinlich: gebranntes Kind fürchtet das Feuer.«

»Oder ...«

»Was oder?«

»Sie steckt mit dir unter einer Decke. – Na sag's schon! Ich verrat dich nicht.«

»Du spinnst wohl! – Die Frau hat eben Gewissen.«

»Was meinst du damit?«

»Sie sagt sich: wenn sie den Schmuck damals nicht hätt' herumliegen lassen, wär' ich nicht in Versuchung gekommen.«

»Hat sie dir das gesagt?«

»Wir sprechen nicht miteinander.«

»Jetzt lügst du.«

»Wenn du keine Zofe wärst – dich könnte man für einen Kriminal halten.«

»Dann passen wir ja zusammen«, erwiderte sie – und als er erstaunt fragte:

»Wieso?« gab sie ihm einen Nasenstieber und sagte:

»Trottel!«

Draußen ging die Glocke.

»Die Post«, sagte der Diener und ging hinaus.

Die Zofe sah ihm nach. Ihr Gesichtsausdruck schien verändert. Sie sah jetzt gar nicht wie eine Zofe aus.

»Der hat Marot nicht ermordet«, dachte sie und ging an die Arbeit.

2.

Mit einem Berg von Briefen und Zeitungen kam der Diener ins Zimmer zurück. Er legte sie auf den Frühstückstisch.

»Das wird ja alle Tage mehr«, sagte die Zofe – und er erwiderte:

»Frau Marot wird auch alle Tage berühmter.«

»Nette Berühmtheit das!«

»Ob eine Dame der Gesellschaft, die aussieht wie Frau Marot, beim Reiterfest einen Rekord aufstellt, den Kanal durchschwimmt oder ihren Mann ermordet – das bleibt sich in der Wirkung gleich. In den Augen der großen Welt ist sie eine Berühmtheit.«

»Wie gescheit du plötzlich redest! – Aber verraten hast du dich jetzt doch.«

»Ich wüßte nicht ...«

»Da feststeht, daß Frau Marot weder den Kanal durchschwommen hat, noch bei einem Reiterfest einen Rekord aufgestellt hat, so verdankt sie deiner Ansicht nach – und die ist mir in diesem Falle viel wert – ihre Berühmtheit lediglich dem Umstand, daß sie ihren Mann ermordet hat.«

»Ich rede mit dir überhaupt nicht mehr.«

»Vor zehn Minuten hast du mich noch eingeladen, dir nachts Gesellschaft zu leisten.«

»Aber nicht zum Reden – und über den dummen Mord schon gar nicht.«

Es klingelte zweimal kurz hintereinander.

»Der Herr Bräutigam!« sagte der Diener und ging hinaus, um zu öffnen.

Die Zofe trat eilig vor den Spiegel, holte Lippenstift und Puderquaste hervor, benutzte beide und brachte schnell ihr Haar in Ordnung.

Im selben Augenblick trat der Amerikaner ins Zimmer. Er schien die Zofe gar nicht zu sehen, beachtete sie jedenfalls nicht, sondern trat an den Frühstückstisch und sah sich die Post an.

Da die Zofe mit ihrem Bemühen, sich bemerkbar zu machen, kein Glück hatte, so sagte sie laut:

»Guten Morgen, Mister Harvey!«

Der erwiderte, ohne aufzusehen:

»Guten Morgen.«

»Haben Sie eine gute Nacht gehabt, Mister Harvey?«

»Danke!«

»Ekel!« platzte die Zofe heraus.

Der Amerikaner wandte sich zu ihr um und fragte:

»Wer?«

Und da die kokett-schmollende Art, in der sie dastand und ihn ansah, keinen Zweifel über ihre Absichten und Gedanken ließ, so sagte er:

»Sie haben recht«, ging auf sie zu, nahm ihren Kopf in seine Hände und küßte sie herzhaft auf den Mund. Dann fragte er: »Ist's nun recht?«

»Sie gefallen mir«, sagte sie. »Obgleich ich Amerikaner sonst nicht leiden mag.«

Und er erwiderte mit leiser Ironie:

»Wenn Sie wüßten, wie stolz mich das macht.«

»Ist das Ihr Ernst?« fragte sie unsicher – »oder spielen Sie mit mir?«

Harvey küßte sie noch einmal auf den Mund. Leidenschaftlicher als ihr lieb war.

»Jetzt glaub' ich's«, sagte sie.

»Wo schlafen Sie?«

»Auf dem hinteren Flur – wenn man aus dem Schlafzimmer Ihrer Braut kommt, die dritte Tür links.«

Sie zog einen Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn Harvey.

»Hier!« sagte sie, »für den hinteren Aufgang.«

Harvey nahm den Schlüssel, steckte ihn ein und fragte:

»Und wo haben Sie heute nacht geschlafen, Louise?«

»Mister Harvey!« erwiderte sie empört.

»Beim Staatsanwalt Dubois! – Wie?«

»Was denken Sie! – Der ist stark verheiratet.«

»Aber Sie treffen sich mit ihm?« fragte er weiter. »Zu welchem Zweck?«

»Er kneift mich höchstens mal in die Waden.«

»Was tut er?« fragte Harvey überrascht.

Louise hob kokett den Rock und sagte:

»Er behauptet, daß ich schöne Beine habe.«

»Und was zahlt er Ihnen?«

»Dafür – nichts.«

»Aber für Ihre Berichte – über die Vorgänge hier im Hause – was Frau Marot den Tag über treibt – wen sie empfängt – was sie im Schlafzimmer spricht – weshalb sie diesen Diener, der sie als Kellner im Hotel Excelsior Regina bestohlen hat, in ihr Haus genommen hat – für alles das bezahlt er Sie doch?«

»Es ist Pflicht eines jeden Staatsbürgers«, erwiderte Louise mit Pathos, »zur Aufklärung eines Kapitalverbrechens nach Kräften beizutragen.«

»... sagt der Staatsanwalt Dubois.«

»Jawohl! und ich pflichte ihm bei.«

»Genau wie ich.«

»Sie?« fragte Louise erstaunt.

»Ja, weshalb glauben Sie, habe ich mich mit Frau Marot verlobt?«

»Deshalb ...?«

»Um hinter das Geheimnis dieses Mordes zu kommen.«

»Und ich dachte, Sie und Frau Marot stecken zusammen.«

»Hoffentlich haben Sie das dem Staatsanwalt noch nicht gesagt?«

»Die sonderbaren Gespräche, die Sie miteinander führen.«

»Und die Sie natürlich belauschen.«

»Es ist Pflicht eines jeden Staats ...«

»Das haben Sie schon einmal gesagt«, fiel ihr Harvey ins Wort.

Im selben Augenblick erschien hinter einer Portiere Dorothée, die sich, ohne daß Louise es merkte, mit Harvey verständigte und wieder verschwand.

»Demnach hätten Sie sich nur zum Schein mit Frau Marot verlobt?« fragte Louise.

»Mein Ehrenwort!«

Sie sah ihn ungläubig an und forderte den Beweis.

»Nichts leichter«, erwiderte Harvey und zog aus der Tasche ein Schriftstück, das er ihr mit den Worten: »Hier, schöne Louise! überzeugen Sie sich!« überreichte.

Sie hielt das Schriftstück zaghaft in der Hand und fragte:

»Was soll ich damit?«

»Es Ihrem Freunde Dubois in die Hände spielen.«

Louise entfaltete das Papier, las es mit Interesse, das sich von Zeile zu Zeile steigerte und fragte schließlich erregt:

»Wo haben Sie das her?«

Harvey trat nahe an sie heran und flüsterte ihr zu:

»Das steht ja darüber.«

Die Zofe las:

»Agentur Picard. Wir haben ermittelt, daß die faszistische Partei in der Nacht, in der Marot ermordet wurde, eine geheime Sitzung in der Pension d'Argovie in der Rue de Rivoli zu Nizza abgehalten hat.« – Louise brach ab und fragte: »Was besagt das? Soviel ich weiß, ist Herr Marot nicht in der Pension d'Argovie, sondern im Hotel Excelsior Regina ermordet worden.«

»Lesen Sie doch weiter!« erwiderte Harvey, und sie fuhr fort:

»An dieser Versammlung nahm auch der italienische Faszist Minotti teil, der auf Betreiben Marots hin Ende vorigen Jahres aus Frankreich ausgewiesen war. Wir haben festgestellt, daß Minotti mit dem aus Genua kommenden Expreß um elf Uhr sechs Minuten abends mit falschen Papieren in Nizza eingetroffen ist, die Pension d'Argovie bereits vor Mitternacht wieder verlassen hat und mit dem D-Zug, der Nizza um ein Uhr zwanzig nachts verläßt, nach Italien zurückgekehrt ist.«

»Genügt Ihnen das?« fragte Harvey.

»Sie meinen, daß dieser Faszist ...«

»... um sich an Marot zu rächen ...«

»... nach Nizza gekommen ist.«

»Zweifeln Sie daran?«

Die Zofe dachte nach. Dann sagte sie:

»Wie konnte er wissen, daß Marot, der sich am Morgen des vierzehnten Mai noch in Marseille aufhielt, am Abend desselben Tages in Nizza sein würde?«

»Wußten Sie es etwa nicht?«

»Ich? – nein! – Woher sollte ich es wissen?«

»Ich meinte natürlich nicht Sie, sondern die Direktion des Hotels Excelsior Regina in Nizza – bei der ich uns telegraphisch angemeldet hatte.«

»Und Sie meinen, die Direktion des Excelsior Regina steht in Verbindung mit den Faszisten?«

»Sie unterschätzen die Rührigkeit und die Intelligenz dieser Leute. – Sie sind von allem unterrichtet, was sie wissen wollen.«

»Gewiß. – Und was diese Agentur da schreibt, klingt durchaus glaubhaft. Wenn dieser Minotti die Pension d'Argovie in der Rue de Rivoli wirklich schon vor Mitternacht verlassen hat ...«

»Das steht nach dem Bericht außer Zweifel.«

»... und erst mit dem Nachtzug ein Uhr zwanzig Nizza verlassen hat ...«

»Auch das ist festgestellt.«

»... So hätte er gut eine Stunde Zeit zur Ausführung des Mordes gehabt.«

»Also!« rief Harvey triumphierend – aber die Zofe setzte ihr süffisantestes Lächeln auf und fuhr fort:

»Aber da der Expreß Nizza bereits um zwölf Uhr zwanzig verläßt und der Mord nachweisbar erst um ein Uhr acht geschehen ist, also nachdem Minotti bereits die Stadt verlassen hatte ...«

In diesem Augenblick trat Dorothée, die das Gespräch mit angehört hatte, aus der Portiere, sah die Zofe scharf an und sagte:

»Erstaunlich! Diese Logik für eine Zofe.«

Louise fuhr zusammen.

»Und wie Sie mit dem Kursbuch Bescheid wissen.«

»Unsereins kommt auch herum.«

»Als Zofe«, fragte Dorothée – »oder als Frau Turel

Louise wurde leichenblaß, stand hilflos da und sagte:

»Wie kommen Sie darauf?«

Obschon diese Entlarvung im Einverständnis mit dem Amerikaner erfolgte, tat dem Amerikaner Frau Turel, die ihm schon als Hoteldetektivin in Nizza gefallen hatte, leid.

Er trat dicht an sie heran und sagte:

»Jedenfalls kleidet Sie die Zofentracht und die veränderte Frisur vorzüglich.«

Aber Frau Turel war in diesem Augenblick so wenig darauf eingestellt, Komplimente entgegenzunehmen, daß sie wie ein enttäuschtes Kind erwiderte:

»Mich hat noch niemand in dieser Verkleidung erkannt – nicht einmal Staatsanwalt Dubois.«

»Ein Beweis, daß Sie auf das falsche Pferd gesetzt haben«, erwiderte der Amerikaner.

»Wie meinen Sie das?« fragte Frau Turel.

»Daß wir schärfer sehen als der Staatsanwalt. – Sie sollten daher mit uns gehen – statt gegen uns.«

»Ich gehe weder für noch gegen jemanden. Ich habe mir aber in den Kopf gesetzt, den Mord an Marot aufzuklären.«

»Dasselbe Ziel verfolgen wir«, erklärte Dorothée – und sah dabei Frau Turel scharf an. Die hielt den Blick aus und fragte:

»Und weshalb hat dann Mister Harvey mich auf die falsche Spur gelockt?«

»Um Sie zu zwingen, endlich Farbe zu bekennen«, erwiderte Dorothée.

Frau Turel bekam einen roten Kopf, ging auf den Amerikaner zu und sagte wütend:

»Und obgleich Sie wußten, wer ich bin, haben Sie es gewagt, mich zu küssen?«

»Das grade hat den Reiz erhöht.«

»Eine nette Blamage.«

»Dafür gebe ich Ihnen jetzt die Schlüssel freiwillig zurück.«

Frau Turel nahm die Schlüssel und sagte:

»Damit wären Sie in die Kammer Ihres Dieners geraten.«

»Wieso meines Dieners?« fragte Harvey.

»Ich nehme an, daß Frau Marot ihn mit Ihrem Wissen engagiert hat – obschon sie beide wußten, daß er ein Dieb ist.«

»Grade, weil wir das wußten, haben wir ihn engagiert«, erwiderte Dorothée.

»Wen wollten Sie damit bluffen?« fragte Frau Turel – und Harvey legte seine Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr zu:

»Wir hofften, daß Sie Ihre Kunst an ihm erproben würden, liebe Louise!«

»Ich bin nicht Ihre liebe Louise.«

»Dann also einfach: Louise!«

»Auch das nicht.«

»Sie haben sich als Zofe namens Louise bei Frau Marot verdingt.«

»Nun aber wissen Sie, daß ich Frau Turel bin.«

»Das wußten wir ja von Anfang an.«

»Dann wäre es Ihre Pflicht gewesen, mir das gleich zu sagen.«

»Jedenfalls ist Ihre Rolle hier nun wohl ausgespielt«, erklärte Dorothée.

»In diesem Hause schon.«

»Aber nein!« widersprach Harvey. »Sie haben sich für einen Monat fest verpflichtet und können erst am Fünfzehnten des nächsten Monats zum Ultimo kündigen.«

»Sie werden mir doch nicht zumuten ...?«

»Ich mute Ihnen nicht mehr zu, als Sie sich selbst zugemutet haben.«

»Was sollte ich jetzt noch hier?«

»Uns beobachten.«

»Das wäre wohl zwecklos – nun wo Sie wissen ...«

»Haben Sie während Ihrer Zofenschaft mehr Material gegen Frau Marot oder gegen mich gesammelt?« fragte Harvey.

Frau Turel wandte sich an Dorothée und sagte:

»Gnädige Frau, ich bitte, lassen Sie mich gehen.«

»Wenn ich Sie jetzt gehen lasse,« erwiderte Dorothée, »so wird man es, wie alles, was ich tue, gegen mich auslegen und behaupten, ich entziehe mich einer Kontrolle, die der Staatsanwalt – über mich verhängt hat.«

»Bravo, Dorothée!« sagte Harvey.

»Im übrigen bin ich sehr zufrieden mit Ihnen.«

»Sie verhöhnen mich!«

»Und werde Ihr Gehalt am Ersten erhöhen.«

»Gnädige Frau!« rief Frau Turel wütend. »Ich habe mein Staatsexamen gemacht.«

»Ich bin stolz, eine so gebildete Zofe zu haben.«

»Ich diene nicht für Geld.«

»Wenn ich nicht irre, hatten wir hundertfünfzig Frank Lohn vereinbart.«

»Die ich dem Verein für weibliche Strafentlassene überweise.«

»Sie gefallen mir immer mehr«, sagte Harvey – und Frau Turel erwiderte wütend:

»Es liegt nicht in meiner Absicht, Ihnen zu gefallen.«

»Lassen Sie bitte mein Bad ein!« befahl Dorothée.

»Sie können mich nicht gegen meinen Willen halten!« sagte Frau Turel verzweifelt und verließ das Zimmer.

3.

Hinter der spöttischen Art, in der Mister Harvey Frau Turel behandelte, verbarg sich offenbar Wohlwollen und Interesse.

»Das hätten wir vielleicht etwas schonender machen sollen«, sagte er, als sie gegangen war – und Dorothée erwiderte:

»Wer schont denn mich?«

»Schließlich will sie ja nichts anderes als wir.«

»Als wir?« wiederholte Dorothée und sah Harvey forschend an.

»Ja! – Als du und ich. – Du fragst so sonderbar. – Mißtraust du etwa auch mir?«

»Ich begreife heute so wenig wie vor drei Wochen, weshalb du so darauf gedrängt hast, dich mit mir zu verloben.«

»Um dich zu entlasten.«

»Alle Welt folgert daraus, daß ich mich sehr schnell über den Tod Andrées hinweggesetzt habe.«

»Im Gegenteil! Die Welt sagt: wie würde Mister Harvey dieser Frau seine Hand reichen, wenn er nicht fest von ihrer Unschuld überzeugt wäre.«

»Mir geht es jedenfalls gegen das Gefühl.«

»Vor allem kann ich als dein Verlobter deine Interessen anders wahrnehmen.«

»Gerade der Eifer, mit dem du mir beistehst, Andrées Schulden und meine Rechnungen bezahlst und mir jeden Wunsch von den Lippen abliest, ohne je etwas von mir zu verlangen – sage selbst, muß das nicht meinen Verdacht erregen?«

»Alles, was ich für dich tue, ist noch zu wenig.«

»Das ist es ja grade, was mich bedrückt – und gegen dich einnimmt.«

»Wenn ich dir versichere, daß ich alles tue, um deinen Schmerz abzukürzen.«

»Beantworte mir eine Frage.«

»Jede!«

»Seit wann kennst du Frau Turel?«

»Was soll das, Dorothée?«

»Ich habe das Gefühl – aber nein! Du mußt Nachsicht mit mir haben – der Tod meines Mannes – der sinnlose Verdacht, daß ich mit diesem Morde etwas zu tun habe.«

»Was meinst du? – Sprich dich aus.«

»Daß diese Frau Turel dir nahe steht – näher als ich.«

»Sie gefällt mir. Der Eifer, mit dem sie sich in den Fall hineinkniet – diese Zähigkeit – diese Selbstverleugnung ...«

»Sonderbar, daß selbst ein Mann wie du die Frauen so wenig kennt.«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß es nur zwei Dinge gibt, für die eine Frau sich opfert. In erster Linie natürlich für Geld – in zweiter für einen Mann – niemals aber für eine Sache.«

»Du glaubst, daß Frau Turel ...?«

»... einen Mann deckt oder ...«

»Oder?«

»... sich selbst.«

»Und dieser Mann wäre am Ende ich?«

»Vielleicht.«

»Dorothée!! – Das wagst du mir ...«

»Mit dem gleichen Recht, mit dem du mich verdächtigst.«

»Ich ... verdächtige dich?«

»Ja, glaubst du denn, ich fühle nicht genau, daß ich diese Verlobung, diese Teilnahme, dies Interesse – ja, alle Opfer an Zeit und Geld, die du mir bringst, nur dem Verdacht verdanke, Andrée ermordet zu haben?«

»Das ist ja furchtbar, Dorothée, in was du dich da hineingeredet hast!«

Dorothée schien jetzt völlig unbeherrscht.

»Manchmal«, fuhr sie fort, »weiß ich selbst nicht mehr, hast du ihn ermordet oder ich?«

»Dorothée!«

»Wenn du mich liebtest und ihm versprochen hättest, du nimmst ihn nach Paris – es war seine Sehnsucht fast mehr als meine, und er hing an seinem Beruf – er hätte mich freigegeben – glaubst du nicht?«

Harvey war dicht an Frau Marot herangetreten, legte seine Hände auf ihre Schultern und sagte:

»Dorothée! Du redest irre!«

Frau Marot erschrak, wich entsetzt zurück und rief:

»Großer Gott! Was habe ich gesagt?«

»Wenn dich jemand hört!«

»Ich habe ihn nicht ermordet.«

»So wenig wie ich.«

»Ich habe ihn lieb gehabt.«

»So beruhige dich, Dorothée! Ich verspreche dir, daß alles bald ein Ende hat.«

»Und unsere Verlobung?«

»Ist im selben Augenblick gelöst, in dem die Mordaffäre geklärt ist.«

Dorothée hatte sich wieder in der Gewalt. Sie gab ihm die Hand und sagte:

»Ich danke dir – und vergiß, was ich gesagt habe.«

»Das ist längst geschehen«, erwiderte Harvey, legte den Arm um Dorothée und führte sie an den Frühstückstisch.

4.

Frau Dorothée und Harvey saßen am Frühstückstisch.

»Du trinkst doch eine Tasse Tee mit?« fragte Dorothée?

»Ich nehme einen Apfel – wenn du erlaubst.«

Er griff nach einem Caville – sie nahm ihn ihm aus der Hand und sagte:

»Ich schäle ihn dir,« – und mit einem Blick auf die vielen Briefe fuhr sie fort: »Dieser Berg von Post jeden Morgen.«

»Laß sie liegen! – Du verdirbst dir nur wieder den Tag.«

»Es kann doch mal etwas darunter sein, was einen auf die richtige Spur bringt.«

»Kannst du denn nicht zehn Minuten mal an etwas anderes denken?«

»Nicht, bevor der Mord restlos aufgeklärt ist.«

»Und wenn er, wie so viel Morde, unaufgeklärt bleibt?«

»Dann werde ich nie zur Ruhe kommen.«

Während Harvey die Morgenblätter las, war Dorothée mit der Lektüre der Briefe beschäftigt.

»Du hast recht,« sagte sie, »die Briefe werden immer verrückter. Hör' nur, was mir hier eine Frau aus Avignon schreibt: ›Eine Frau, die unter der Verständnislosigkeit, Dummheit und Roheit ihres Mannes leidet, aber nicht wie Sie, den Mut zur Tat aufbringt, drückt Ihnen bewundernd die Hand.‹ – – Ist das nicht toll?«

»Wenn ein Tag im Jahr bestimmt würde,« erwiderte Harvey, »an dem jede Frau in Frankreich sich ungestraft ihres Mannes entledigen dürfte – liefen in Frankreich sehr bald nur noch Witwen herum.«

»Es wird immer hübscher!« rief Dorothée, die schon beim Lesen des nächsten Briefes war. Hier schreibt ein Fräulein Adèle Raymond aus Marquise: ›Nachdem Sie durch die Ermordung Ihres Gatten eine Berühmtheit geworden sind, bitte ich höflichst um Ihr Autogramm.‹«

»Unglaublich!«

»Und hier wieder mal ein Heiratsantrag: ›Ihr Bild in dem heutigen Abendblatt begeistert mich derart, daß ich mich vorurteilsfrei über Ihre Tat hinwegsetze und Ihnen die Hand zum Lebensbunde reiche. Bitte, klären Sie mich umgehend über Ihre Vermögensverhältnisse auf. W. T. 7. Marseille, post restante‹«

»Siehst du nun, wie gut es ist, daß wir verlobt sind?«

»Das ist ja unmöglich!«

»Was ist denn?« fragte der Amerikaner.

»Hör' nur!« – sie las von einem lila Bogen – »Sehr geehrte Frau Marot. Ich bin der einzige Mensch, der imstande ist, Sie aus Ihren Gewissensängsten zu befreien. Wenn Sie dahinterkommen wollen, wer der Mörder Ihres Mannes ist, so kaufen Sie eine Muskatnuß, legen Sie diese unter Ihren linken Arm, arbeiten oder gehen Sie, bis Sie tüchtig schwitzen, so daß der Schweiß in die Muskatnuß zieht, dann zerreiben Sie die Nuß, mischen Nelken und Schlagbalsam darunter, und bestreichen Sie damit des Nachts Ihre Stirn. Im Traum wird Ihnen dann der Mörder Ihres Mannes erscheinen. Das Mittel ist in unserer Gegend vielfach angewandt, ist unfehlbar – und ich erlaube mir Ihnen dafür zehn Franken zu liquidieren. Mit bestem Gruß Maria Lavoisier. Ambletteuse.«

»Du bekommst es fertig und wendest es an.«

»Ganz habe ich den Verstand ja noch nicht verloren.«

»Jedenfalls bist du zur Zeit die populärste Frau Frankreichs.«

Im selben Augenblick stürzte, ohne anzuklopfen, ein Mann im Cut mit hohem Hut und weißen Handschuhen ins Zimmer und rief:

»Was heißt Frankreichs? Wollen Sie mir mein Geschäft verderben? Dorothée Marot ist heute in Amerika genau so ein Schlager wie in Europa.«

»Wer sind Sie denn?« fragte Harvey.

»Wie kommen Sie denn hier herein?« fragte Frau Dorothée empört.

»Durch die Tür!«

»Sind Sie nicht der Direktor aus dem Hotel Excelsior Regina in Nizza?«

»Gewesen, gnädige Frau! Bis zum 15. April mittags. Als man die Leiche Ihres Gatten unauffällig aus dem Hotel geschafft hatte, setzte man mich an die Luft.«

»Was konnten denn Sie dafür?«

»Der Aufsichtsrat meinte, ich hätte statt der Polizei den Hotelarzt holen und statt Mord Herzschlag als Todesursache feststellen lassen sollen.«

»Was wäre uns alles dadurch erspart geblieben!« sagte Dorothée.

»Besser so! – Nie wären Sie so berühmt und ich Agent für Film und Varieté geworden.«

»Ich verstehe,« sagte Harvey, »Sie wollen Frau Marot ...?«

»Was heißt ich will? Ich habe!« – Er zog ein Schriftstück aus der Tasche und rief: »Hier ist der Vertrag! Dreimonatige Tournee durch die Vereinigten Staaten. Pro Abend tausend Dollar. Die Luxuskabine auf der Lutetia ist für morgen belegt.«

»Für morgen?« fragte Dorothée – und der Direktor erwiderte:

»Heute geht leider kein Schiff mehr.«

»Sie glauben doch nicht etwa im Ernst, daß ich ...?«

»Sie müssen!« erwiderte der Direktor, legte ihr den Vertrag vor und drückte ihr seine Füllfeder in die Hand. Dann legte er einen Schein auf den Tisch und sagte: »Hier haben Sie tausend Dollar Vorschuß.«

»Tollhaus!« sagte der Amerikaner – und Dorothée erwiderte:

»So gern ich aus allem hier herauskäme – das würde ja wie eine Flucht aussehen.«

»Ich habe fünfzigtausend Franken Kaution für Sie hinterlegt. Also unterschreiben Sie!«

»Nicht eine Stunde früher, als bis der Mord restlos aufgeklärt ist.«

»Dazu ist nach Ihrer Rückkehr noch immer Zeit genug.«

»In welcher Rolle wollten Sie mich denn überhaupt dem amerikanischen Publikum zeigen?«

»Als Frau Dorothée Marot. Das ist heute ein Begriff – morgen vielleicht nicht mehr! Ziehen Sie sich an.«

»Wozu?«

»Für den Photographen, den ich um zehn Uhr herbestellt habe. – Sie können doch tanzen?«

»Wenig.«

»Das genügt bei Ihrer Berühmtheit und Ihren Beinen.«

»Was wissen Sie von meinen Beinen?«

»Im übrigen habe ich einen Tanzmeister engagiert, der Ihnen während der Überfahrt ein paar Tänze beibringt.«

»Sie glauben doch nicht, daß ich im Trauerkleid vor das Publikum treten und tanzen werde?«

»Für so verrückt halte ich Sie nicht. Ich habe für zehn Uhr fünfzig Madame de Bryère mit den neusten Pariser Modellen bestellt.« – Plötzlich stutzte er, schien zu überlegen und sagte: »oder? – Hören Sie, das ist eine Idee! das war noch nicht da! Sie tanzen als Witwe – Chopin – Beethoven – Debussy – Meyerbeer – in schwarzen Gewändern. Dem Toten zu Ehren. Das schafft Ihnen Sympathien. Ich bringe Gutachten ärztlicher Autoritäten, daß Ihr Schmerz sich im Tanze löst wie bei den andern in Tränen.«

»Sie wissen ja nicht, was Sie reden.«

»Ich stürze zu Frau Bryère und bestelle die Kostüme um« – rief er und verschwand.

»So lauf ihm doch nach«, drängte Frau Dorothée – »und sag' ihm, daß ich nicht daran denke, diesen Wahnsinn mitzumachen.«

»Beruhige dich! Den Mann engagiere ich. Der wird Propagandachef für meine Tageszeitungen!«

5.

Der Direktor konnte kaum aus dem Hause sein, da trug Dorothée, die mit Harvey noch immer am Frühstückstisch saß, dem Diener auf:

»Ich bin weder für den Herrn, der eben gegangen ist, wahrscheinlich aber wiederkommt, noch für einen Photographen oder eine Frau Bryère – noch überhaupt für irgend jemanden, sei es wer es wolle, heute vormittag zu sprechen. Ich will, ich muß endlich mal ein paar Stunden Ruhe haben.«

Der Diener sah Frau Dorothée etwas erstaunt an und sagte:

»Aber für den Coiffeur ... sind gnädige Frau doch ...?«

»Was für einen Coiffeur?«

»Er sieht aus wie ein feiner Herr aus Paris.«

»Was will er?«

»Er erzählt so viel. Ich bin nicht recht klug geworden.«

»Vermutlich will er dich frisieren«, meinte Harvey.

»Diese Karte gab er mir, gnädige Frau.«

Harvey nahm die Karte und las: »François Robèrt, Coiffeur pour péniles dames. Hotel Excelsior Regina, Nice.«

»Der hat uns grade noch gefehlt«, rief Dorothée.

»Hat der dir nicht damals in Nizza die neue amerikanische Frisur gemacht?«

»Ja! aber eine ganz andere, als du mir beschrieben hattest.«

»Und du meinst, daß er deshalb ...?« fragte Harvey verständnislos.

»Ich meine, daß du schon damals kein Interesse für mich hattest und« – ihr kam ein Gedanke – »mir diese Frisur nur aufredetest, um mich los zu werden. Das ist sehr verdächtig, lieber Freund«.

»Du mußt wirklich etwas für deine Nerven tun.«

»Die du ruiniert hast.«

»Darf ich den Coiffeur ...?« fragte der Diener, um sich in Erinnerung zu bringen.

»Hinaus mit ihm!« rief Dorothée – aber Mister Harvey riet:

»Hör' ihn dir an, Coiffeure wissen mehr als jeder andere Mensch.«

»Also, ich lasse bitten«, sagte Dorothée, die sich wieder in der Gewalt hatte.

Und durch die Tür trat gleich darauf in Talmieleganz tänzelnd und geziert: der Coiffeur François Robèrt.

Er verbeugte sich devot und stellte sich vor.

»Wir wissen bereits«, sagte Dorothée.

François Robèrt richtete sich stolz auf und erwiderte:

»Sie kennen mich? Sie erinnern sich? Ich hatte die Ehre in der Nacht vom vierzehnten zum fünfzehnten April« – er sah zu ihr auf und rief beglückt: »Oh! Sie tragen die Frisur noch immer! Ich bin sehr stolz – aber Sie gestatten« – er nahm aus der Tasche einen Kamm, trat an Dorothée, ehe sie es verhindern konnte, heran, zog eine blonde Locke auf die Stirn herunter und sagte: »So ist das Kunstwerk vollkommen.« Dann zog er aus der Tasche einen Handspiegel, hielt ihn Dorothée vor das Gesicht: »Bitte!«

Dorothée sah in den Spiegel, lächelte und sagte:

»Sie haben recht.«

»Haben Sie deshalb die Reise von Nizza nach Toulon gemacht«, fragte Harvey, »um Frau Marot diese Locke in die Stirn zu ziehen?«

»Die Trauer steht der gnädigen Frau vorzüglich«, erwiderte François. »Gnädige Frau erinnern sich, daß ich schon damals prophezeite, wie gut Sie Schwarz kleiden müsse.«

»Ihr Wunsch hat sich leider schnell erfüllt«, sagte Dorothée – und Harvey fragte:

»Also, was wünschen Sie von Frau Marot?«

François trat an Frau Dorothée heran und sagte:

»Ihnen mein Beileid zum Verlust Ihres Gatten auszusprechen.«

»Wie kommen Sie dazu?«

»Das habe ich dem Staatsanwalt auch gesagt – was geht das mich an? Aber er ist anderer Meinung.«

»Der Staatsanwalt?« fragte Dorothée – und Harvey fügte hinzu:

»Hat er Sie auch in diese Mordaffäre verwickelt?«

»Darüber hätte ich gern mit der gnädigen Frau unter vier Augen gesprochen.«

»Geheimnisse zwischen dir und diesem Coiffeur?«

»Ich wüßte nicht«, erwiderte Dorothée.

»Leider ist es so.«

»Sie scheinen nicht zu wissen, daß ich der Verlobte Frau Marots bin.«

François verbeugte sich und sagte:

»Sehr erfreut – immerhin: verlobt ist nicht verheiratet.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Harvey scharf.

»Daß ich nicht weiß, wie weit die gnädige Frau Sie ins Vertrauen gezogen hat.«

»Das klingt ja sonderbar.«

»Ich finde auch«, stimmte Dorothée bei – und Harvey fragte:

»Wollen Sie sich nicht deutlicher erklären?«

»Die Diskretion ist die höchste Tugend eines Coiffeurs.«

»Das ist eine Phrase – reden Sie!« forderte der Amerikaner.

Aber François erwiderte lächelnd:

»So wenig wie dem Staatsanwalt wird es Ihnen glücken, mich zum Sprechen zu bringen.«

»Dorothée! Was bedeutet das?« rief der Amerikaner – und sie erwiderte:

»Wieso fragst du mich?«

Darauf sagte François:

»Ich wußte, daß ich mich auf Sie verlassen kann.«

»Wann hast du Herrn François Robèrt das letzte Mal gesehen?«

»Wie sonderbar du fragst!« erwiderte Dorothée.

Harvey wandte sich an François und fragte:

»Was wollte der Staatsanwalt von Ihnen wissen?«

»Was ich in der Mordnacht gesehen habe.«

»Nun und?«

»Laß uns allein!« forderte Dorothée. – Und da Harvey erstaunt, ja erschüttert schien, so fuhr sie fort:

»Du siehst doch, daß er in deiner Gegenwart nicht sprechen will.«

»Er macht sich wichtig!« sagte Harvey, sah François wütend an und ging hinaus.

6.

Als Mister Harvey draußen war, fragte Frau Dorothée den Coiffeur, ohne ihm einen Platz anzubieten:

»Also, weshalb sind Sie gekommen?«

»Um Sie zu beruhigen.«

»Ich bin nicht aufgeregt.«

»Es wird zur Hauptverhandlung kommen.«

»Möglich.«

»Sie werden auf der Anklagebank sitzen.«

»Ausgeschlossen ist es nicht.«

»Es wird der größte Sensationsprozeß der letzten Jahre sein.«

»Dafür wird die Presse sorgen.«

»Sie werden für eine Woche lang im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen.«

»Grauenhaft!«

»Kein Blatt, das Ihr Bild nicht an sichtbarer Stelle bringt.«

»Ich werde so dicht verschleiert sein, daß von meinem Gesicht nichts zu sehen ist.«

»Nein!« rief François entsetzt: »Das werden Sie mir nicht antun.«

»Ja, was heißt denn das?«

»Ich habe Nächte lang wach gesessen und Ihren Kopf studiert.«

»Was haben Sie getan?« fragte Dorothée erstaunt.

»Ich werde Ihnen für die Tage der Hauptverhandlung eine Frisur machen, die Publikum und Gericht begeistern wird.«

»Und deshalb überfallen Sie mich hier am frühen Morgen?«

»Unterschätzen Sie die Bedeutung nicht, Madame. Eine schöne Frau beeinflußt ganz unbewußt Richter und Geschworene.«

»Ja, halten Sie mich denn auch für schuldig?«

»Ich erlaube mir kein Urteil. Ich weiß nur, daß ich Ihr Schicksal in diesen meinen beiden Künstlerhänden halte.«

»Wie können Sie das behaupten?«

»Sie gewinnen mit dem Coiffeur zugleich den Zeugen.«

»Was wissen denn Sie?«

»Selbst wenn ich nichts wüßte – man kann auch weniges so vortragen, daß es wie viel wirkt.«

»Eine Erpressung also.«

»Was für ein häßliches Wort.«

»Sie sind der zweiunddreißigste Zeuge, der mir zusetzt, obgleich er nichts weiß.«

»Ein Künstler wie ich versteht es, auch aus dem Nichts etwas zu machen.«

»Das ist ja furchtbar.«

»Ich brauche nur zu sagen, Sie seien mir an jenem Abend, als ich die Ehre hatte, Sie zu frisieren, durch Ihr Benehmen aufgefallen – Sie seien erregt gewesen, hätten sich über Ihren Mann beschwert und Drohungen gegen ihn ausgestoßen.«

»Das ist ja nicht wahr. Kein Wort von alledem ist wahr. Ich habe keine drei Worte mit Ihnen gesprochen – über meinen Mann schon gar nicht.«

»Wer kann das bezeugen?«

»Lump!«

François lächelte und sagte:

»Auch das wird man Ihnen nicht glauben. Denn ich habe Klientinnen, Namen von Klang, Dutzende – von denen ich so viel weiß, daß sie sich danach reißen werden, meinen Leumund zu bezeugen.«

»Schämen Sie sich denn nicht?«

François schien es zu überhören, streckte Frau Dorothée die Hand hin und sagte:

»Schlagen Sie ein, und ich werde vor Gericht bezeugen, daß die gnädige Frau an jenem Abend die Ruhe selber waren. Ich werde mich erinnern, daß ich beim Schlafengehen zu meiner Frau sagte: welch ein Glück für einen Mann, so eine Frau zu haben.«

Er ging auf sie zu, streckte die Arme nach ihr aus und sagte bettelnd:

»Dorothée!«

Die wich ein paar Schritte zurück, wehrte mit beiden Händen ab und rief wütend:

»Sagen Sie, was Sie wollen! Aber befreien Sie mich von Ihrer Gegenwart!«

François stutzte einen Augenblick, dann ließ er die Arme sinken und sagte mitleidig:

»Arme Dorothée!«

Dorothée stürzte zur Tür, riß sie auf und rief:

»Hinaus!«

François schien durchaus nicht gekränkt. Er zog die Schultern hoch, blieb in der Tür stehen und flüsterte Dorothée zu:

»Falls Sie mich suchen – Hotel Mignon. Aber nur bis morgen.«

Dann ging er hinaus.

Sie hatte so laut gesprochen, daß Harvey erschien und fragte:

»Was war?«

»Das Übliche.«

»Erpressen also?«

»Ja!«

»Und was hast du gesagt?«

»Das hast du ja wohl gehört. Ich habe ihn hinausgeworfen.«

»Wieder ein Zeuge, der gegen dich aussagt.«

»Ich will mit Erpressern nichts zu tun haben.«

»Diesen Luxus kann sich eine Frau, die unter dem Verdacht steht, ihren Mann ermordet zu haben, nicht leisten.«

»Ich habe ihn nicht ermordet!«

»Darauf kommt es nicht an.«

»Erlaube mal!« widersprach Dorothée – und Harvey erwiderte:

»Ich werde es dir beweisen.«

7.

Sie hatten sich noch nicht gesetzt, da läutete es – und der Diener meldete:

»Herr Staatsanwalt Dubois.«

»Dubois?« fragte Dorothée entsetzt.

»Den hatte ich erwartet«, sagte Harvey, ging – als wäre er bei sich zu Haus – zur Tür, öffnete und sagte:

»Bitte, Herr Staatsanwalt!«

Auch Dubois schien über diesen Empfang erstaunt. Er trat ein, verbeugte sich – erst vor dem Amerikaner, dann vor Dorothée und sagte:

»Gnädige Frau! ich sehe mich leider genötigt, eine Haussuchung bei Ihnen vorzunehmen.«

Während Dorothée wütend die Hände ballte und scharf:

»Bitte!« sagte, fragte Harvey mit leichtem Spott:

»Etwas Neues, Herr Staatsanwalt Dubois?«

»Vielleicht, daß wir es hier finden«, erwiderte der.

»Glaubt man, ich halte den Mörder meines Mannes in meinem Hause versteckt?«

»Kaum. Aber vielleicht, daß wir hier Anhaltspunkte finden, die die Aufklärung beschleunigen.«

»Wir?« fragte Dorothée. »Sind Sie wieder von einer Eskorte Beamten begleitet?«

»Wir sind zu dritt – um so schneller werden Sie uns wieder los.«

»Und wann wird man aufhören, mich zu quälen?«

»Wenn alle, die in der Lage sind, die Aufklärung zu beschleunigen, ihre Pflicht täten«, erwiderte Dubois und sah dabei den Amerikaner an – »wir wären längst am Ziel.«

»Falls das ein Vorwurf gegen mich sein soll«, erwiderte Harvey, »weise ich ihn zurück.«

»Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß Sie in diesem Kampf der Behörde gegen das Verbrechen zum mindesten nicht auf Seiten der Behörde stehen.«

»Ich hoffe, Sie noch heute vom Gegenteil zu überzeugen.«

»Sind Sie zu mir gekommen, Herr Staatsanwalt – oder zu Mister Harvey?« fragte Dorothée.

»Zu Ihnen natürlich. Und zwar bin ich durch die Mitteilung einer Frau von Larue ...«

»Meiner einzigen Freundin ...«

»... darauf aufmerksam gemacht worden, daß Sie den Kellner aus dem Hotel Excelsior Regina, der Sie in der Mordnacht bestahl und den wir zu drei Monaten mit Bewährungsfrist verurteilten, als Diener bei sich aufgenommen haben.«

»Allerdings.«

»Das muß doch einen besonderen Grund haben?«

»Das hat es auch.«

»Wollen Sie ihn mir nennen?«

»Ungern.«

»Und weshalb nicht?«

»Weil ich nicht gern unhöflich bin.«

»Am Ende bin ich gar die Ursache?«

»Erraten, Herr Staatsanwalt! Denn wenn ich zu Ihnen das Vertrauen hätte, daß Sie den Mord aufklären, so brauchte ich mich nicht zu bemühen ...«

»Sie bemühen sich?«

»... und mich mit Leuten zu umgeben, von denen ich annehme, daß sie in irgendeinem Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen.«

»Sie glauben noch immer, daß dieser Kellner ...?«

»Ich wüßte es längst, hätten Sie mir nicht den Weg versperrt.«

»Ich Ihnen?«

»... und mir auf sehr geschickte Weise eine Zofe aufgedrängt ...«

»Ich hätte Ihnen ...?« erwiderte Dubois –, aber Dorothée fuhr unbeirrt fort:

»... die, statt – wie ich es wollte – mit diesem Kellner eine Liebschaft anzuknüpfen, Mister Harvey nachstellt.«

Dubois schien empört, wandte sich an den Amerikaner und fragte:

»Ist das wahr?«

»Sie geben also zu, sie zu kennen?«

»Ich finde Louise reizend«, bestätigte Harvey. – »Und wenn ich nicht mit Frau Marot verlobt wäre ...«

»Ich bin außer mir«, unterbrach ihn Dubois.

»... der soziale Unterschied wäre für mich kein Hinderungsgrund.«

»Ihr Werk! Herr Staatsanwalt!« triumphierte Dorothée – und Dubois erwiderte:

»Das Mädchen ist mir als besonders anständig und zuverlässig empfohlen worden – und da riet ich, da ich zufällig hörte, daß Sie eine Zofe suchen ...«

»Dazu ist sie von einer Neugier«, sagte Dorothée – »ganz unausstehlich.«

»Das ist keine Neugier, das ist Interesse«, erwiderte der Amerikaner – und Dubois, der seine Sicherheit immer mehr verlor, sagte:

»Ihre Zeugnisse sind vorzüglich.«

Dorothée trat dicht an ihn heran und sagte:

»Wenn die nur nicht gefälscht sind, Herr Staatsanwalt!«

»Wie kannst du glauben,« widersprach Harvey, »darauf steht doch Gefängnis.«

»Mir ist sie jedenfalls unheimlich.«

»Ich glaube,« sagte Dubois zaghaft, »Sie tun ihr unrecht.«

»Kennen Sie sie so genau?« fragte Dorothée.

»Sie fragen so sonderbar.«

»Vielleicht überzeugen Sie sich selbst einmal«, sagte Dorothée und läutete. Gleich darauf erschien der Diener, dem sie auftrug: »Rufen Sie Louise!«

»Louise kleidet sich an, gnädige Frau!«

»Am Vormittag?«

»Ich wundere mich auch.«

»Wo will sie denn hin?«

»Ich weiß nicht – aber ...«

»Was aber?«

»Ich traue ihr nicht.«

»Sie haben doch als letzter Grund, das Mädchen zu verdächtigen«, sagte Dubois – und der Diener erwiderte:

»Ich verdächtige sie nicht – aber wenn gnädige Frau nach Ihrem Schmuck sehen wollten – bevor Louise geht ...«

Er hatte es kaum ausgesprochen, da erschien Frau Turel. Sie hatte ihre Zofentracht abgelegt und trug ein einfaches, aber geschmackvolles Kleid, darüber einen offenen Pelz, in der Hand einen Suite case. Als sie Dubois sah, stutzte sie.

Mister Harvey half ihr über ihre Verlegenheit hinweg und sagte:

»Entzückend sehen Sie wieder aus. Aber in Zofentracht gefallen Sie mir eigentlich noch besser.«

»Ich verstehe nicht, daß du in einer solchen Situation noch scherzen kannst«, schalt Dorothée.

»Es ist mein Ernst«, erwiderte Harvey, wandte sich an Dubois und fragte: »Finden Sie nicht auch, Herr Staatsanwalt?«

»Ob ich was finde?« fragte der – und Dorothée erwiderte:

»Eine gewisse Ähnlichkeit?«

»Mit wem?«

»Mit Frau Turel.«

»Soo?«

»Ich finde, Louise ist viel hübscher«, meinte Harvey – »und dann: eine Frau, die Spionage treibt, könnte mir nicht gefallen.«

Dubois, der sah, daß seine Position unhaltbar war, erwiderte:

»Sie treiben ein Spiel mit mir.«

»Wir mit Ihnen?« fragte Dorothée. »Sollte es nicht umgekehrt sein?«

»Ich tue nur meine Pflicht.«

»Ihre Pflicht wäre es jetzt, mir eine neue Zofe zu verschaffen.«

»Sie wollen uns wirklich verlassen, Louise?« fragte Harvey.

»Sie wissen genau, daß ich Frau Turel bin.«

»Ich schon –, aber der Herr Staatsanwalt scheint sich noch nicht ganz klar zu sein.«

Dubois nahm eine stramme Haltung an, trat an den Amerikaner heran und sagte:

»Mister Harvey, Sie vergessen, wem Sie gegenüberstehen.«

»Ihre Schuld, Herr Staatsanwalt, da es Ihnen gefällt, uns irrezuführen.«

»Ich sagte schon einmal: was ich tat, geschah im Interesse der Aufdeckung eines Kapitalverbrechens, wofür Sie erstaunlich wenig Interesse zeigen.«

»Das scheint Ihnen nur so«, erwiderte Harvey und sah dem Staatsanwalt fest in die Augen.

8.

Als sich Frau Turel, die sich ihrer Zofenstellung eigenmächtig enthoben hatte, mit einem kurzen Gruß zur Tür wandte, rief ihr Mister Harvey nach:

»Einen Augenblick, bitte!«

Frau Turel blieb stehen, wandte sich um und fragte in einem Ton, der nicht gerade höflich war:

»Was wollen Sie denn noch von mir?«

»Sie haben Ihr Staatsexamen gemacht?«

»Allerdings.«

»Würden Sie dann, wenn es zur Hauptverhandlung kommt, die Verteidigung von Frau Marot übernehmen?«

»Sie treiben schon wieder Ihren Spott mit mir.«

»Ich meine es vollkommen ernst – und zwar in Ihrem und Frau Marots Interesse.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Sie werden mit einem Schlage berühmt, wenn Sie in diesem Sensationsprozesse als Verteidiger auftreten.«

»Das ist wahr.«

»Sie werden Erfolg haben, denn die Pariser Geschworenen sind viel zu galant, um eine Frau zu verurteilen, die Sie verteidigen.«

Frau Turel stutzte, überlegte einen Augenblick und sagte dann:

»Ich werde die Verteidigung nicht übernehmen.«

»Ja, warum denn nicht?«

»Sie wollen sich einen unbequemen Zeugen vom Halse schaffen.«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Aber das wäre nur ein Grund mehr.«

»Um es nicht zu tun«, ergänzte Frau Turel den Satz. »Denn wie soll ich Frau Marot erfolgreich verteidigen, wo ich zum mindesten nicht von ihrer Unschuld überzeugt bin.«

»So wenig wie ich von Ihrer«, erwiderte Dorothée und sah Frau Turel herausfordernd an, die erwiderte:

»Das sagen Sie jetzt aus Verlegenheit.«

»O nein! Und wenn der Staatsanwalt nicht von der Idee besessen wäre, daß kein anderer als ich in Frage kommt, so säßen Sie längst hinter Schloß und Riegel.«

Frau Turel trat von der Tür aus wieder ins Zimmer, sie blieb ein paar Schritte vor Dorothée stehen und sagte:

»Das ist ja unerhört, was Sie da sagen.«

»Auch irren Sie,« erklärte Dubois, »wenn Sie annehmen, daß für die Staatsanwaltschaft als Täter nur Sie in Frage kommen.«

»Wollen Sie mich nicht gegen Frau Marot in Schutz nehmen, Herr Staatsanwalt?« fragte Frau Turel erregt –, worauf Dubois erwiderte:

»Ich habe kein Recht, Frau Marot in ihrer Verteidigung zu beschränken.«

»Gut!« erwiderte Dorothée, trat dicht an Frau Turel heran und rief: »Also sage ich Ihnen den Mord auf den Kopf zu.«

Frau Turel zuckte zusammen.

»Wie kannst du nur, Dorothée!« sagte Harvey, um den Eindruck zu mildern.

»Ist es dir lieber, daß man mich verdächtigt?«

»Was für Beweise hast du?«

»Die gleichen, die man gegen mich hat.«

»Sagen Sie, was Sie wissen, Frau Marot!« drängte Dubois.

»Erinnern Sie sich noch der Nacht im Hotel Excelsior Regina?« fragte Dorothée – und Frau Turel, die ihre Fassung wiedergewonnen hatte, erwiderte:

»Als wenn es heute wäre.«

»Sie selbst haben damals erklärt, daß es keinem Laien, geschweige denn einem Verbrecher, der auf Raub oder Mord ausgeht, einfallen würde, im selben Augenblick, in dem das Licht im Zimmer erlischt, durch das Fenster einzusteigen.«

»Das ist auch heute noch meine Überzeugung.«

»Sie haben ferner erklärt, daß Sie unser Hotelzimmer vom Augenblick unserer Ankunft an unter Kontrolle gehalten haben.«

»Das ist der Fall.«

»Sie haben sich vor unserer Ankunft davon überzeugt, daß sich niemand in dem Zimmer verborgen hielt.«

»Unter Garantie.«

»Da Sie auf dem Korridor standen und die Tür unseres Zimmers nicht aus den Augen ließen, so hätten Sie demnach sehen müssen, wenn sich jemand nach elf Uhr in das Zimmer eingeschlichen hätte.«

»Unbedingt.«

»Da aber jemand im Zimmer gewesen sein muß, können nur Sie ihn eingelassen oder zuvor darin versteckt haben.«

»Alles, was Sie da vorbringen,« sagte Dubois, »hat Frau Turel selbst vor dem Untersuchungsrichter erklärt, teils schon an jenem Abend, teils später.«

»Weil sie gescheit ist.«

»Das hätte sie doch verschwiegen.«

»Weshalb?«

»Weil es den Verdacht auf sie gelenkt hätte.«

»Hat es das getan? Weder Sie noch der Untersuchungsrichter, noch einer von uns ist darauf gekommen.«

»Da hast du recht«, sagte Harvey – und Dorothée fuhr fort:

»Grade damit hat sie den Verdacht von sich abgelenkt.«

»Wieso?« fragte Dubois.

»... und zugleich vorgebeugt – für den Fall, daß man sie stellte.«

»Inwiefern?«

»Weil sie nun sagen wird: haltet ihr mich denn für so dumm, daß ich euch alle Momente, die mich belasten, aufzählen werde, wenn ich mit dem Morde auch nur das geringste zu tun hätte?«

»Erstaunlich logisch für eine Frau«, dachte Harvey, sprach es aber nicht aus – und Dorothée, der man es ansah, wie froh sie war, endlich gesagt zu haben, was ihr längst auf der Zunge brannte, wiederholte:

»Hätte der Staatsanwalt von Anfang an für Frau Turel das gleiche Interesse bekundet wie für mich, so hätte er erklärt: Die Fußspuren im Garten lassen darauf schließen, daß jemand aus-, aber nicht eingestiegen ist. Frau Marot konnte vom Korridor aus niemanden einlassen, ohne daß Frau Turel es sah. Frau Turel konnte genau beobachten, wann das Licht gelöscht wurde. Nur sie hatte den Schlüssel zum Zimmer –, also muß sie mit dem Täter unter einer Decke stecken.«

»Ich gebe zu –, so wie du das vorträgst, klingt es überzeugend«, sagte Harvey – und Dubois fragte:

»Aus welchem Motiv sollte Frau Turel denn gehandelt haben?«

»Hat man bei mir nach Motiven gefragt?«

»Bei Leuten, die miteinander verheiratet sind, besteht immer ein gewisser Verdacht«, meinte Harvey – und Dorothée, die viel zu erregt war, um es als Scherz zu nehmen, erwiderte:

»Eine köstliche Begründung.«

»Bestimmt nicht, um zu rauben,« sagte Dubois, der sichtlich bemüht war, Frau Turel zu entlasten, »denn da gab es im Hotel Excelsior Regina doch lohnendere Opfer.«

»Vielleicht aus Eifersucht«, erwiderte Dorothée.

»Ihr Gatte kannte Frau Turel?«

»Mir hat er es nicht erzählt.« – Sie wandte sich an Harvey: »Aber ihm vielleicht.«

»Ich hatte erst in der Mordnacht das Vergnügen, die Bekanntschaft Frau Turels zu machen«, erwiderte Harvey –, woraufhin Dubois sagte:

»Sie nehmen den Fall scheinbar noch immer nicht ernst.«

»Sie irren, Herr Staatsanwalt. Ich habe an dem Ausgang des Prozesses ein größeres Interesse als Sie.«

»Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich ...« fragte Frau Turel, die sich bisher beherrscht hatte.

»Seien Sie unbesorgt«, erwiderte Dubois. »Ich übersehe die Situation.«

»Mir scheint, Sie übersehen vieles«, sagte Harvey.

»Jedenfalls eins nicht: daß Sie in diesem Kampf mein Gegner sind.«

Der Amerikaner wies auf Dorothée und sagte:

»Ich decke eine Frau – mehr nicht.«

»Genau, wie Sie Frau Turel decken«, sagte Dorothée – woraufhin Dubois rief:

»Was fällt Ihnen ein? Glauben Sie, ich bin auf Ihre Informationen angewiesen? Wir haben Frau Turel vom ersten Tage an unter Kontrolle gehalten.«

»Was haben Sie?« fragte Frau Turel entsetzt.

»Um Ihre Wahrnehmungen zu machen, Frau Marot – dazu gehörte kein besonderer kriminalistischer Scharfsinn. Wir aber haben darüber hinaus, was Ihnen sonderbarerweise entgangen ist, festgestellt, daß Frau Turel, die Ihr Zimmer ständig, also auch im Augenblick, in dem der verhängnisvolle Schuß fiel, unter Kontrolle hielt – als eine der letzten am Tatort erschien ...«

»Das stimmt!« rief Frau Dorothée.

»... als Gäste, die am Ende des Flurs wohnten, schon längst an der Zimmertür standen.«

»Was schließen Sie daraus?« fragte Frau Turel – und Dorothée erwiderte:

»Daß sie erst fortgelaufen und dann zurückgekommen sind.«

»Zum mindesten, daß Ihnen daran lag, nicht als erster am Tatort betroffen zu werden«, ergänzte Dubois.

»Sie halten es für möglich?«

»Es ist meine Pflicht, jede Möglichkeit ins Auge zu fassen.«

»Und trotzdem haben Sie es zugelassen, daß ich als Ihre Vertrauensperson unter dem Deckmantel einer Zofe hier herumspitzelte?«

»Ich halte das System, der Tat Verdächtige, die nichts miteinander zu tun haben, zusammenzubringen, mit für eins der wertvollsten Hilfsmittel zur Aufklärung eines Verbrechens.«

»Und der Erfolg – in diesem Falle?« fragte Frau Turel erregt.

»Den werden Sie erfahren. – Zunächst einmal bitte ich Sie, noch heute einen Bericht zu den Akten zu geben über die Wahrnehmungen, die Sie hier im Hause gemacht haben.«

Alle stutzten. Und Frau Turel fragte:

»Als Staatsanwaltsgehilfe – oder als der Tat Verdächtigte?«

»Das erfahren Sie später«, erwiderte Dubois – und Frau Turel verließ ohne einen Gruß das Haus.

9.

Als Frau Turel gegangen war, stürzte Dorothée auf den Staatsanwalt zu – sie mußte sich beherrschen, daß sie ihm nicht um den Hals fiel – – und rief:

»Sie haben die Beweise?«

»Was für Beweise?« fragte Dubois kühl.

»Daß Frau Turel meinen Mann ermordet hat?«

»Aber nein!«

»Sie sagten doch ...«

»Ich hatte den Verdacht. – Seit heute früh habe ich ihn nicht mehr.«

»Sie sind also nicht ... ihretwegen gekommen?«

»Mein Besuch gilt Ihnen, Frau Marot!«

»Was wollen Sie von mir? – Sie haben mir wochenlang zugesetzt. Soll die Quälerei von neuem beginnen?«

Dubois wies auf den Schreibtisch, der am Fenster stand und sagte:

»Bitte, öffnen Sie!«

»Es ist nichts drin außer ein paar Briefen und ganz persönlichen Dingen.«

»Grade die suche ich.«

»Es ist beinahe kränkend, für wie dumm Sie mich halten«, sagte Dorothée, während sie den Schreibtisch öffnete.

»Wieso?« fragte Dubois.

»Wenn ich meinen Mann ermordet hätte, glauben Sie, ich würde dann darüber mit meinen Freundinnen korrespondieren?«

Dubois setzte sich an den Schreibtisch, öffnete sämtliche Schübe, entnahm ihnen Stöße von Briefen und schnüffelte darin herum.

Dorothée zündete sich eine Zigarette an.

Nach einer Weile fragte Dubois, der aus dem Schreibtisch ein Dokument herausgezogen und es schnell gelesen hatte:

»Gehört das auch zu der harmlosen Korrespondenz?«

Er zeigte Dorothée das Schriftstück. – Die warf nur einen Blick darauf und erwiderte:

»Die Lebensversicherung meines Mannes.«

»Über sechshunderttausend Frank! – Wohl eines Verbrechens wert – zumal, wenn man sich wie Sie in mißlicher pekuniärer Lage befindet.«

Dorothée sah den Staatsanwalt unsicher an und erwiderte zögernd:

»Ich bin ja an die Versicherung gar nicht herangetreten.«

Und der Amerikaner bestätigte:

»Frau Marot hat sich die Summe nicht auszahlen lassen.«

»Grade das belastet Sie ...«

»Nanu?« rief Harvey erstaunt, und Dubois fuhr zu Dorothée gewandt fort:

»... und zeugt von Ihrem schlechten Gewissen.«

»Ich ... habe ...«

»Es ist wohl noch nicht dagewesen«, fiel ihr Dubois ins Wort – »daß eine Frau, die das Leben ihres Mannes hoch versichert hat, sich nach dessen Tode die Summe nicht auszahlen läßt.«

»Ich ... hätte ... die Versicherung ja noch eingelöst.«

»Das ist nicht wahr!« widersprach Dubois.

»Wie können Sie das wissen?« fragte Harvey.

»Die Frist ist abgelaufen.«

Es entstand eine Pause, während der Dubois Frau Dorothée nicht aus den Augen ließ. Dann sagte der Amerikaner:

»Ich war es, der Frau Dorothée davon zurückgehalten hat.«

»Aus welchem Grunde?«

»Ich bin mit Frau Marot verlobt.«

»Das ist mir bekannt.«

»Ich habe die Absicht, sie zu heiraten.«

»Die hat man gewöhnlich, wenn man sich verlobt.«

»Das möchte ich bestreiten – ich jedenfalls habe sie.«

»Ja – und?«

»Das Geld wäre durch die Ehe mir zugefallen. – Das war mir, da Marot mein Angestellter war, ein peinliches Gefühl. Deshalb bat ich Frau Marot, darauf zu verzichten.«

»Das ist eine Erklärung, wenn sie auch nicht sehr glaubhaft klingt.«

Der Staatsanwalt legte das Dokument in seine Aktenmappe, sagte:

»Beschlagnahmt!« – und nahm aus dem Schreibtisch einen Stoß Briefe, in denen er herumblätterte. –

Plötzlich fragte er:

»Wer ist Andrée?«

»Mein Mann!«

»Das könnten Sie nun allmählich wissen«, meinte Harvey, und Dorothée, die sich kaum noch beherrschte, fragte den Amerikaner:

»Muß ich mir das denn gefallen lassen?« – Dann wandte sie sich wieder an den Staatsanwalt und fragte:

»Was wollen Sie bloß mit den Liebesbriefen aus der Zeit unserer Verlobung?«

»Gerade die interessieren mich.«

»Glauben Sie, ich hatte damals schon die Absicht, Marot umzubringen?«

Dubois richtete sich blitzschnell auf und fragte:

»Wann ist Ihnen die Absicht denn gekommen?«

»Nie!« erwiderte Dorothée.

»Aus der Erklärung, daß Sie damals die Absicht noch nicht hatten, geht doch deutlich hervor, daß Sie sie später ja hatten.«

»Sie treiben es noch so weit, daß ich Ihnen erkläre: ja! ich habe ihn ermordet! nur, um endlich zu einem Ende zu kommen«, rief Dorothée verzweifelt.

»Gestehen Sie's!« drängte Dubois.

»Nein!! – Und wenn ich es getan hätte – Ihnen würde ich es nie gestehen.«

»Weshalb nicht mir?« fragte Dubois.

»Weil Sie kein Herz haben.«

»Sie haben ihn also aus Liebe zu einem andern Mann ermordet.«

»Sie sind ja wahnsinnig.«

Dubois erhob sich, sah Dorothée scharf an und fragte:

»Heißt dieser Mann vielleicht Henri Voisin?«

»Wa ...?« entfuhr es Harvey, der leicht zusammenzuckte.

»Wer soll das sein?« fragte Dorothée – und der Staatsanwalt erwiderte:

»Ihr Geliebter!«

10.

Hätten die Aufregungen der letzten Wochen Dorothées Nerven nicht so arg mitgenommen, hätte sie sich auch nur ein wenig von dem Humor bewahrt, der ihr früher so oft geholfen hatte – sie hätte den Staatsanwalt, der ihr mit einem völlig unbekannten Geliebten – man kann nur sagen: ins Gesicht sprang, einfach ausgelacht.

Aber sie war mürbe, müde und mißtrauisch. Nicht gewöhnt, daß man jede ihrer Äußerungen wertete, deutete und so auslegte, wie es ein um die Aufklärung eines Mordes bemühter Staatsanwalt für zweckmäßig fand, hatte sie sich zu oft in die Nesseln gesetzt, um nicht vorsichtig jedes ihrer Worte auf seine Wirkung hin zu prüfen. Statt, was ihr nahelag und ihrem Gefühl entsprach, laut aufzulachen, erwiderte sie dem Staatsanwalt, der glaubte, durch die Worte: »Henri Voisin – Ihr Geliebter!« sein Opfer endlich zur Strecke gebracht zu haben:

»Sie muten mir etwas viel zu! Einen toten Mann, der kaum unter der Erde liegt, einen Verlobten« – sie wies auf Mister Harvey – »und nun noch einen Geliebten, den ich nicht einmal dem Namen nach kenne.«

Dubois ging gar nicht darauf ein, sondern fragte ruhig und bestimmt:

»Wann haben Sie Voisin das letzte Mal gesehen?«

»Ich kenne keinen Voisin.«

Dubois wandte sich an den Amerikaner und fragte:

»Kennen Sie ihn?«

»Was soll er sein?«

»Weinreisender aus Bordeaux.«

»Und woraus schließen Sie, daß Frau Marot ihn kennt?«

»Weil er mit dem Morde in Verbindung steht.«

»Wo ist der Mann?« fragte Dorothée.

Dubois erwiderte:

»Das grade möchte ich von Ihnen hören.«

Dorothée rang verzweifelt die Hände und rief:

»So glauben Sie mir doch endlich, daß ich nichts mit dem Morde zu tun habe.«

»Wie erklären Sie dann, daß dieser Henri Voisin ...«

»Ich habe den Namen nie gehört.«

»... am Tage vor dem Morde in einem Hotel in Marseille abgestiegen ist, spätabends das Hotel unter Zurücklassung seines Gepäcks verlassen hat und seitdem, das heißt, also seit dem Mordtage, spurlos verschwunden ist?«

»Was geht das mich an, wenn ein Weinreisender in Marseille verschwindet?«

»Vielleicht ist ihm ein Unfall zugestoßen«, sagte Harvey – und Dorothée fügte hinzu:

»Oder er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen.«

»In beiden Fällen hätte man seine Leiche gefunden.«

»Sie haben eine sehr hohe Meinung von der Polizei«, sagte Harvey – und Dubois ergänzte:

»Die Sie vielleicht teilen werden, wenn ich Ihnen verrate, daß es den Ermittlungen der Polizei gestern gelungen ist, festzustellen ...«

»Was festzustellen? fragte Dorothée erregt – und der Staatsanwalt fuhr fort:

»... daß Henri Voisin weder einem Unfall zum Opfer gefallen ist, noch einem Verbrechen.«

»Sondern?« fragte Dorothée.

»Daß er lebt.«

»Sie haben ihn?« fragte Harvey erregt.

»Als ihn die italienische Polizei auf unser Ersuchen hin in Rovereto festnehmen wollte ...«

»Entfloh er?« fragte der Amerikaner – und Dubois erwiderte:

»Irgendwer muß ihn gewarnt haben.«

Dorothée fragte:

»Etwa ich?«

»Vermutlich.«

Dorothée wandte sich an Harvey und rief verzweifelt:

»So sag' ihm doch, daß ich seit Tagen nicht aus dem Haus gegangen bin.«

»Vielleicht haben Sie Ihren sogenannten Diener bemüht?«

»Es läßt sich doch feststellen, ob von Marseille aus ein Telegramm nach Rovereto abgesandt worden ist.«

»Es braucht ja nicht von Marseille aus gegangen zu sein.«

»Haben Sie seine Spur verloren?« fragte Harvey.

»Leider! – Aber er floh so Hals über Kopf, daß er«, und er sah dabei Dorothée scharf an, »wichtiges Beweismaterial zurückgelassen hat.«

»Genügend, um ihn zu überführen?« fragte Dorothée.

»Ihn und Sie,« sagte Dubois.

»Mich?«

Der Staatsanwalt zog eine Photographie aus der Tasche und reichte sie Dorothée.

»Mein Bild!« rief Dorothée entsetzt, und Dubois erwiderte triumphierend:

»Man hat es in seinem Zimmer gefunden.«

»Das ist ja ... ja wie kommt ... dieser fremde Mensch ...?« rief Dorothée fassungslos.

»Möchten Sie sich jetzt vielleicht zu einem Geständnis bequemen?« fragte Dubois.

Dorothée sah ihn entgeistert an, schüttelte den Kopf und sagte:

»Nein!«

»Sie werden begreifen, daß ich Sie unter der Last dieses erdrückenden Beweismaterials nicht auf freiem Fuß lassen kann.«

»Dieser Photographie wegen?« fragte Dorothée, die am ganzen Körper zitterte.

»Kann dieser Henri Voisin das Bild denn nicht gestohlen haben?« fragte Harvey.

»Innerhalb der zwei Sekunden, die er im Zimmer war und den Mord ausführte?« erwiderte Dubois. »Wohl kaum.«

»Vielleicht stand das Bild auf dem Nachttisch.«

Dorothée richtete sich auf und rief:

»Er trug es in seiner Brieftasche.«

»Wer?« fragte Dubois.

»Mein Mann! Andrée!«

»Also, Herr Staatsanwalt!« sagte Harvey und lächelte hämisch: »Da die Brieftasche gestohlen wurde, so ist es ganz natürlich, daß man bei dem Mörder auch das Bild gefunden hat.«

Auch Dorothée erlangte ihre Sicherheit wieder und sagte:

»So häßlich, daß er sich davon befreien mußte, bin ich ja schließlich nicht.«

»Ich gebe die Möglichkeit zu«, sagte Dubois betreten, und Harvey erwiderte:

»Das Gegenteil wäre konstruiert.«

»Im übrigen: woher wußte man denn, daß dieser Voisin sich in Rovereto verborgen hielt?« fragte Dorothée.

»Aus einer anonymen Anzeige, die bei der Staatsanwaltschaft einging.«

»Darin bestand also Ihre Tüchtigkeit?« fragte Dorothée höhnisch.

»Ich muß Sie bitten, sich jeder Kritik meiner Amtshandlung zu enthalten.«

»Kann man dies anonyme Schreiben einmal sehen?« fragte Dorothée, und Dubois erwiderte:

»Gewiss!« – griff in die Tasche und zog einen Brief heraus. Dann fragte er: »Was wollen Sie daraus ersehen?«

»Der Schreiber muß doch ganz genau im Bilde sein«, erwiderte Dorothée und nahm den Brief, den Dubois ihr reichte.

Sie entfaltete den Brief, um ihn zu lesen – fuhr beim ersten Blick, den sie auf das Schreiben warf, zusammen, sah den Amerikaner entsetzt an und rief:

»Das ist ja deine Hand ...«

11.

Harvey fiel Dorothée ins Wort, noch bevor Dubois den Sinn ihres Ausrufes erfaßte – und fragte:

»Was haben Sie zur Festnahme des Mörders veranlaßt?«

»Ich habe einen Steckbrief hinter ihm erlassen und die Grenzen benachrichtigt.«

»Glauben Sie denn, er wird nach Frankreich zurückkehren?«

Dorothée, die noch immer das Schreiben in der Hand hielt und sich vergebens bemühte, die Zusammenhänge zu ergründen, starrte sprachlos Mister Harvey an.

»Der letzten Meldung nach,« sagte Dubois, »hat er den Riviera-Expreß benutzt.«

»Dann wäre ja alles in bester Ordnung.«

»Willst du mir nicht erklären, in welchem Zusammenhange du ...« fragte Dorothée und wies auf den Brief.

»Erinnere dich, was ich dir damals im Hotel Excelsior Regina versprach.«

»Ich erinnere mich nicht.«

»In drei Monaten, versprach ich dir, ist alles überstanden.«

»Das sagtest du, um mich zu beruhigen.«

»Ich habe noch nie etwas versprochen, was ich nicht gehalten habe.«

Dubois, der am Schreibtisch saß und die Briefe zu einem Haufen türmte, erklärte mit einer gewissen Feierlichkeit:

»Die gesamte Korrespondenz wird beschlagnahmt.«

Dorothée, die glaubte, endlich aus jedem Verdacht heraus zu sein, stutzte.

»Ich denke, Sie kennen den Mörder?« fragte sie – und Harvey fügte hinzu:

»Und seine Verhaftung steht unmittelbar bevor?«

»Was wollen Sie dann noch von mir?«

»Der Verdacht, daß Sie den Weinhändler Henri Voisin zu dem Morde angestiftet, zum mindesten aber ihm Beihilfe geleistet haben, besteht fort.«

»Stellen Sie mich diesem – Voisin doch gegenüber!« rief Dorothée verzweifelt – und Dubois erwiderte:

»Dazu müssen wir ihn erst haben.«

»Also morgen,« sagte Harvey – »vielleicht schon heute nachmittag.«

»Wieso?« fragte Dubois erstaunt.

»Ich nehme an – da Sie ihn dank diesem anonymen Schreiben doch gestellt haben und hinter ihm her sind.«

Dubois wandte sich an Dorothée und sagte:

»Führen Sie mich in die anderen Räume. Vor allem in Ihr Schlafzimmer.«

»Suchen Sie den Weinhändler etwa in meinem Bett?« fragte Dorothée spöttisch.

»Sie werden in Ihrem Zimmer vermutlich ein Safe oder sonst verschließbare Gegenstände haben, in denen Sie Ihnen wichtige Papiere aufbewahren.«

»Ich besitze keine mir wichtigen Papiere – es sei denn, daß Sie Interesse an unbezahlten Rechnungen haben.«

»Ich muß Sie bitten, mir den gleichen Ernst entgegenzubringen wie ich Ihnen.«

»Und ich erkläre Ihnen,« erwiderte Dorothée nervös, »daß Sie ein Menschenleben auf Ihr Gewissen laden, wenn Sie nicht endlich aufhören, mich zu quälen.«

»Ich tue meine Pflicht und bin bemüht, die Untersuchung mit möglichster Schonung zu führen«, erwiderte Dubois und wandte sich zur Tür.

»Wenn es dir recht ist, Dorothée, so führe ich den Staatsanwalt durch die Wohnung.«

»Ich wäre dir dankbar! – Aber mein Schlafzimmer betritt weder er noch du.«

»Ist das Zimmer verschlossen?«

»Da ich auf Ihren Besuch nicht vorbereitet war: nein! Andererseits hätte ich es verbarrikadiert! Darauf können Sie sich verlassen.«

»Sie werden begreifen, daß man eine Untersuchung wegen Mordes nicht unter Beobachtung gesellschaftlicher Formen führen kann.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, erwiderte Dorothée, wies zur Tür und sagte zu Harvey: »Bitte!«

Harvey öffnete, wandte sich an Dorothée und sagte:

»Sie gestatten, daß ich vorausgehe.«

Dann gingen beide hinaus.

Dorothée rief den Diener und trug ihm auf, nachzusehen, ob Louise das Schlafzimmer in Ordnung gebracht hatte.

Gleich darauf läutete das Telephon.

Frau Marot nahm den Hörer ab und fragte:

»Wer ist da?«

»Die Kriminalpolizei.«

»Ja, bitte!«

»Und zwar Frau Turel.«

»Was wollen Sie?« fragte Dorothée unfreundlich.

»Rufen Sie bitte Herrn Staatsanwalt Dubois an den Apparat.«

»Der soll seine Gespräche von wo anders ausführen.«

Dorothée sah nicht, daß in diesem Augenblick jemand behutsam die Flurtür ins Zimmer schob, daß ein Mann, bartlos, ungepflegt und in schlechter Kleidung ins Zimmer trat und scheu, fast furchtsam in unmittelbarer Nähe der Tür stehenblieb.

Dorothée hielt noch immer den Hörer in der Hand.

»Was sagen Sie? – Sie sind dem Mörder auf der Spur? – Er hält sich in unserer Stadt auf? Wo hat man ihn gesehen? Am Place ... Das ist ja in unserer unmittelbaren Nähe.«

In diesem Augenblick sagte der Mann an der Tür – leise, aber mit einer Stimme, die tiefes Gefühl verriet:

»Dorothée!«

Frau Marot wandte sich um, sah den Mann, ließ den Hörer fallen und schrie:

»Andrée!«

Es ratterte in dem Apparat.

Marot tat ein paar Schritte, blieb dann stehen und fragte:

»Bist du allein?«

Dorothée sah ihn entgeistert an. Sie schien sich noch nicht klar, ob, was sie sah, Halluzination oder Wirklichkeit war.

»Andrée!« wiederholte sie – »du lebst?«

»Wir haben es dir verschwiegen.«

»Was habt ihr?« fragte sie verständnislos.

»Harvey meinte, es sei besser, du erfährst es nicht.«

»Aber ... wir haben dich doch ...« sie führte die Hände vor das Gesicht – »der Sarg, die Blumen und die vielen Menschen ...«

»Das war nicht ich.«

»Nicht du?« – Sie quälte sich mit jedem Wort. – »Und im Hotel? ... im Bett ... der Tote ...?«

»Harvey wird dir alles erklären.«

Dorothée stand regungslos. Plötzlich zuckte sie jäh zusammen. Ein Gedanke kam ihr. Sie wehrte sich. Aber er hielt sie fest – ergriff Besitz von ihr.

»Andrée!« rief sie. »Ich begreife!«

»Leise, Dorothée!« flüsterte er.

Aber Frau Marot versagten die Kräfte. Sie krampfte die Hände um den Stuhl, an dem sie stand und sagte:

»Ihr habt einen anderen umgebracht.«

»Bei Gott im Himmel, nein!« erwiderte Marot und hob den Arm, als wenn er Dorothée, die weit von ihm entfernt stand, stützen wollte.

12.

So standen sie beide – unbeweglich – als durch die offene Flurtür Frau Turel trat und, ohne Marot zu sehen, eilig auf Dorothée zuging.

»Sie schrien plötzlich am Apparat ...«

Jetzt sah sie die Veränderung, die mit Dorothée vorgegangen war. Blaß wie der Tod stand sie da und stierte zur Wand.

Frau Turel wandte sich um – und sah Marot – zog einen Steckbrief aus der Tasche – und verglich. Halblaut vor sich hin sagte sie:

»Ein Meter achtundsechzig – dunkles Haar – hohe Stirn – blaue Augen – gewölbter Mund –«

Sie trat an ihn heran. – Marot rührte sich nicht. – Sie griff in seine Tasche und zog eine Brieftasche daraus hervor, zeigte sie Dorothée und fragte:

»Kennen Sie die Tasche?«

»Sie gehört ...« erwiderte Dorothée zögernd.

»Dem ermordeten Marot«, sagte Frau Turel. »Erkennen Sie sie wieder?«

Dorothée erwiderte leise:

»Ja!«

Frau Turel griff ein zweites Mal in Marots Tasche.

»Die Uhr Ihres Mannes«, sagte sie und zeigte sie Dorothée.

Dorothée nickte. –

»Nach Ihnen, Herr Staatsanwalt!« hörte man den Amerikaner im Nebenzimmer sagen. – Gleich darauf traten Dubois und Harvey durch die Tür.

»Wen haben Sie denn da?« fragte Dubois und wies auf Marot.

»Herrn Voisin!« erwiderte Frau Turel. »Den Mörder Marots.«

»Ausgezeichnet!«

Frau Dorothée stand verzweifelt. Aber Harvey verzog keine Miene. – Auch jetzt, als Dubois auf Marot zuging, ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte:

»Henri Voisin! Sie sind verhaftet«, sagte der Amerikaner nur:

»Herr Staatsanwalt, mein Kompliment!«

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