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Justizmord?

: Justizmord? - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorArtur Landsberger
titleJustizmord?
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft m.b.H.
year1928
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160510
projectid46b81456
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Erster Teil.

1.

»Das Haus war vollbesetzt als Ihr Telegramm eintraf; aber die Direktion hat es dennoch ermöglicht,« sagte der Direktor des Hotels Excelsior Regina in Nizza und verbeugte sich tief vor einem Amerikaner, der in Begleitung eines französischen Ehepaares um Anweisung der von Marseille aus telegraphisch bestellten Zimmer bat.

»Also!« erwiderte der Amerikaner ungeduldig.

»Für Sie, Mister Harvey, ein Appartement mit Salon im ersten Stock ...«

»Und für Herrn und Frau Marot?«

»... konnte ich leider nur das Doppelzimmer Nummer elf im Zwischenstock nach dem Meer hinaus freimachen.«

»Das genügt ja für die zwei Tage«, sagte Frau Marot, die viel mehr nach Paris als nach Marseille aussah. – Sie warf schnell einen Blick in den Spiegel, der im Vestibül hing, überzeugte sich, daß sie trotz der langen Autofahrt gut aussah, trat dicht an den Amerikaner heran und sagte:

»Also gehen wir!«

»Sie nehmen natürlich meinen Salon.«

»Auf keinen Fall! Salon ohne Zofe – wie paßt das zusammen?«

»Es wird das letzte Mal sein, daß Sie ohne Zofe reisen.«

»Lieber Mister Harvey! Wenn Sie die Hälfte von dem halten, was Sie in den letzten vierundzwanzig Stunden versprochen haben, bin ich zufrieden.«

Als sie vor dem Lift standen, erschien endlich Marot, der sich die ganze Zeit über mit dem Gepäck beschäftigt hatte.

»Wo steckst du, Andrée!« fragte Frau Marot und erhielt zur Antwort:

»Ich sterbe vor Hunger.«

Mister Harvey bestellte bei dem Kellner, der mit ihnen im Lift hinauffuhr, ein kleines Souper – für drei Personen – in den Salon.

»Ich muß mich umziehen«, erklärte Frau Marot.

»Meine Frau bringt es fertig und macht um elf Uhr nachts noch große Toilette.«

»Bleiben Sie, wie Sie sind«, entschied der Amerikaner – und als sie den Salon betraten und Frau Marot den Hut abnahm, fügte er hinzu: »Sie sollten es einmal mit der neuen Frisur versuchen, die eben in New York Mode wird.«

»Erzählen Sie!« drängte Frau Marot – und Mister Harvey weihte sie, während sie aßen, mit einem Eifer in die Mysterien der neuen Frisur ein, die Marot in Staunen setzte.

»Wenn ich mir vorstelle, wie Sie darin aussehen würden!« rief er begeistert, und Frau Marot sprang vom Tische auf, eilte zur Tür und rief:

»Die Frisur lasse ich mir heute nacht noch machen.«

Ehe Marot imstande war, sie zurückzuhalten, war sie schon auf dem Flur.

Der Amerikaner lachte über das ganze Gesicht, goß schnell noch ein Glas Wein herunter, stand auf, nahm Marot beim Arm und sagte:

»Und nun kommen Sie auf Ihr Zimmer.«

Marot fragte:

»Und Dorothée?«

»Die werden wir dort erwarten.«

2.

Der Direktor des »Hotel Excelsior Regina« ging mit der Konjunktur. Großfürsten und gekrönte Häupter, einst der Glanz dieses Hauses, hatten keinen Kurs mehr. Ein weiblicher Star der Folie Bergère zündete heute mehr als ehemals eine Kaiserin Eugénie. Da aber die weltreisenden Amerikaner, wie in Wien nach dem alten Kaiser Joseph, so in der Gegend Mentones noch immer nach der alten Eugénie fragten, so ließ man sie ihnen zuliebe am Leben und zeigte gelegentlich auf der Promenade auch mal eine alte Dame, die es sich gern gefallen ließ, für die tote Kaiserin gehalten zu werden. Aber das hatte nur noch Museumswert. Auf den Höhen der Menschheit wandelten nach Ansicht des Hoteldirektors heute allein die Amerikaner.

Mister Harvey und das Ehepaar Marot waren noch nicht im Lift, da ließ der Direktor das ganze Haus nach der Hoteldetektivin Frau Lily Turel absuchen. – Es vergingen fast zehn Minuten – da meldete sie sich endlich am Apparat im Zwischenstock.

»Liebe Turel!« fuhr er sie an. »Sie sind jung, fesch und nach Ansicht Ihres Professors, der Sie mir empfahl, ein ausgezeichneter Jurist. Aber was nützt das alles, wenn Sie nie da sind, wenn man sie sucht.«

»Lieber Direktor,« erwiderte Frau Turel, »das liegt daran, daß ich immer da bin, wo man mich braucht.«

»Das wäre in diesem Falle?«

»Im Entresol.«

»So!? – Nun, dann will ich Ihnen verraten, daß vor einer Viertelstunde der amerikanische Zeitungskönig Harvey bei uns abgestiegen ist.«

»In Begleitung seines Marseiller Korrespondenten Andrée Marot nebst Gattin.«

»Sie wissen?«

»Die Herrschaften haben sich soeben auf den Salon des Mister Harvey ein kleines Souper, bestehend aus kalter Bouillon, Forelle und kaltem Geflügel, sowie eine Flasche unfrappierten Pommery Greno pur bestellt.«

»Ja, woher wissen Sie ...?«

»Madame Dorothée Marot ...«

»Den Vornamen kennen Sie auch schon?«

»... hat sich gegen ihre Gewohnheit zum Souper nicht umgezogen, sondern ist im Reisedreß geblieben.«

»Ich bewundere Sie.«

»Sie ändern Ihre Meinung sehr schnell, Direktor. – Im übrigen, dieser Mister Harvey, der Ihnen so imponiert, interessiert mich gar nicht.«

»So? Dann scheinen Sie nicht zu wissen, daß ihm ein halbes Dutzend der gelesensten Zeitungen in Chicago gehören.«

»In denen er einen Monat lang für die Aufhebung der Prohibition, im nächsten für die Aufhebung der Todesstrafe kämpft.«

»Er soll dafür kämpfen, daß seine Leser, die mehr als zehn Millionen betragen, nach Europa reisen, Nizza besuchen und im Hotel Excelsior Regina absteigen.«

»Ich bin hier Detektiv und nicht Pressechef.«

»Sie sind vor allem hübsch und gescheit.«

»Als wenn Sie das beurteilen könnten.«

»Vielleicht geben Sie dem Amerikaner Gelegenheit dazu – und bestimmen ihn, daß er in seinen Blättern auf unser Hotel aufmerksam macht.«

»Wenn Sie Animierdamen suchen, gehen Sie ins Kasino.«

»Frau Turel! Wie können Sie sich mit derartigen Frauen vergleichen!«

»Ich lehne jede Tätigkeit ab, die nicht mit meinem Beruf zusammenhängt.«

»Sie haften mir dafür, daß Mister Harvey während seines Aufenthaltes in Nizza weder bestohlen, noch in irgendeiner Form belästigt wird.«

»Solange er sich in Gesellschaft dieses Politikers Marot befindet, lehne ich jede Verantwortung ab.«

»Was sagen Sie? – Wo sprechen Sie denn? – Sie reden ja gar nicht in den Apparat.«

»Ich halte das Zimmer Marots unter Aufsicht – das scheint mir wichtiger.«

»Sie leiden an Halluzinationen. Schonen Sie Ihren Teint, Turelchen! Gehen Sie schlafen!«

»Nicht, bevor in Zimmer Nummer elf das Licht gelöscht ist.«

3.

»Das sieht ja hier nett aus«, sagte Mister Harvey, als er mit Marot das Zimmer Nummer elf im Zwischenstock betrat.

Koffer und Handtaschen standen offen. Auf den Tischen, der Waschtoilette, dem Bett lagen wahllos Handschuhe, Strümpfe, Wäsche und Schuhe. – Wer Dorothée nicht kannte, wenn sie ohne Zofe reiste, mußte beim Anblick dieses Zimmers denken, daß Diebe hier eingedrungen waren und die Koffer in aller Eile nach Wertgegenständen durchsucht hatten. – Dem Gedanken gab denn auch der Amerikaner Ausdruck.

Aber Marot widersprach lächelnd und sagte:

»Typisch für Dorothée! Sie hat in aller Eile ihre Bürsten, Scheren und Kämme zusammengesucht und ist damit zu dem Friseur geeilt.«

»Wo sie den um die Zeit finden will, ist mir schleierhaft.«

»Sie findet ihn! – Verlassen Sie sich darauf – und wenn wir in einer Wüste wären.«

Mister Harvey sah sich im Zimmer um. Im Hintergrunde links lag die Schlafkoje, die durch eine Portiere vom Wohnraum getrennt war. Auch hinten rechts war eine Nische, in der ein Sofa, ein runder Tisch und ein paar Stühle standen.

»Ganz gemütlich,« sagte der Amerikaner und nahm seine Handtasche, die unter dem vielen Gepäck stand, das dem Ehepaar Marot gehörte. »Ihre Gattin scheint auch meine Tasche durchsucht zu haben.«

»War sie denn nicht verschlossen?«

»Ich verschließe meine Tasche nie.«

»Dann hat sie in der Eile und Erregung gar nicht gemerkt, daß sie nicht uns gehörte.«

»Ich bin davon überzeugt.«

»Fehlt etwas?«

»Aber nein!«

Er nahm einen großen Bogen heraus, hielt ihn hoch und sagte:

»Genau so lag er, als ich ihn hineinlegte. Sie hat nichts angerührt.« Dann ging er damit zum Sofa, entfaltete das Papier und sagte: »Ich wiederhole die Bedingungen.«

»Wollen Sie wirklich jetzt ...?«

»Ja, wann denn? – Aber wenn Sie müde sind, Marot, ziehen Sie sich inzwischen ruhig aus.«

»Wenn Sie gestatten«, erwiderte Marot und nahm den Kragen ab.

Der Amerikaner setzte sich und fuhr fort:

»Sie tauschen also den Posten mit meinem Pariser Korrespondenten, der für Sie nach Marseille kommt – er genügt mir sowieso nicht mehr für Paris.«

»Sie hätten den Wechsel auf alle Fälle vorgenommen?« fragte Marot.

»Was heißt, auf alle Fälle?«

»Auch ohne den Vorfall im Office der Chicago Times in Marseille – und seine Folgen?«

»Schreien Sie doch etwas lauter – oder gehen Sie lieber gleich auf den Flur hinaus. – Die Hoteldetektivin ist sowieso wie ein Spürhund hinter uns her.«

»Zu meinem Schutz.«

»Das reden Sie sich ein.«

»Hier in Nizza tagt zurzeit eine politische Organisation, die ich seit Jahren bekämpfe.«

»Ach nein!« erwiderte Harvey spöttisch.

»Sie wußten das?« fragte Marot erstaunt.

»Es ist mir ein Rätsel, Marot, daß Sie trotz Ihrem Mangel an Kombinationsvermögen ein so guter Korrespondent geworden sind.«

»Ich fange an, zu begreifen.«

»Etwas spät.«

»Deshalb sind wir also nach Nizza gefahren?«

»Fabelhaft, wie Sie das erraten!«

»Die Anhänger dieser Organisation sind Fanatiker.«

»Die vor nichts zurückschrecken.«

»Wenn sie durch einen Zufall erfahren, daß ich hier bin ...«

»Ich bin sicher, sie wissen es längst.«

»Dann schwebe ich tatsächlich in Lebensgefahr.«

»Davon bin ich überzeugt.«

»Sie sind sehr menschenfreundlich, Mister Harvey.«

»Ich kämpfe für eine Idee.«

»Für die Auflagen Ihrer amerikanischen Blätter.«

»Auch – aber das nur nebenbei.« – Er beugte sich wieder über das Blatt. »Also kommen wir endlich zu Ende. Sie erhalten den Pariser Posten – Ihr Gehalt wird verdoppelt – der Vertrag auf zehn Jahre verlängert – ich zahle Ihr Office – Ihr Auto – war sonst noch was?«

»Meine Schulden.«

»In Höhe von?«

»Dreiviertel Millionen Frank –«

»In Dollar bitte!«

»Fünfundvierzigtausend Dollars.«

»Sie sind ein Verschwender. Wie wird das erst in Paris werden?«

»Darüber verständigen Sie sich bitte mit meiner Frau.«

Harvey sprang auf und rang die Hände:

»Ich beschwöre Sie, Marot, sprechen Sie leise!« – Dann gab er ihm ein Zeichen, die Tür zu öffnen.

Marot ging behutsam zur Tür und öffnete plötzlich. – Im selben Augenblick sah man eine Dame eilig im Hotelkorridor verschwinden.

»Die Hoteldetektivin!« sagte Marot und schloß die Tür wieder.

»Sehen Sie nun endlich ein, daß wir uns in acht nehmen müssen? – hier ist der Vertrag! – Unterschreiben Sie.«

Marot ging an den Tisch, las den Vertrag und sagte:

»Das ist ja fabelhaft!«

»Genau, wie wir es besprochen haben.«

»Es wirft mich um.«

»Ihre Frau würde es nicht umwerfen.«

»Dorothée ist Künstlerin und liebt Sensationen.«

»Wie alle Frauen.«

»Für die Aussicht, in Paris zu leben, würde sie alles unterschreiben.«

»Welche Frau täte das nicht?«

»Und wann werden Sie Frau Dorothée in die Mysterien dieses Vertrages einweihen?«

»So bald als möglich.«

»Also dann in Gottes Namen«, sagte Marot und unterschrieb.

4.

Sie kennen nicht François Robèrt? – Wie schade! – Hätten Sie nur einmal ein paar Worte mit ihm gewechselt, so würden Sie den Vorgang, der sich in der Zwischenzeit, also zwischen elf und zwölf Uhr nachts, in seinem Salon abspielte, durchaus natürlich finden.

Frau Dorothée war mit ihren Scheren, Bürsten und Kämmen die Hoteltreppe hinunter ins Vestibül geeilt, um nach einem Friseur zu fragen. Sie hatte das Office noch nicht betreten, als ein Herr im Frack und Samtkragen, weißer Künstlerschleife, weichem Hemd und stumpfem Zylinder ihr in den Weg trat, den Hut zog, sich tief vor ihr verbeugte und wörtlich sagte:

»François Robèrt – coiffeur pour pénibles dames, absolument discret – mein Salon befindet sich rechter Hand, im Gang, der Treppe gegenüber.«

Frau Dorothée stutzte, sah ihn an und fragte:

»Sie sind ...?«

»François Robèrt – in eigener Person! Sie erinnern sich! Ich bin glücklich, Sie wiederzusehen – Mademoiselle Helène! – Sie sind jünger, schöner und vor allem – Sie sind schlanker geworden. Ich taxiere, sechshundert Gramm haben Sie abgenommen – es können auch siebenhundert sein. Nur die Frisur gefällt mir nicht – Helène!«

»Sie irren – ich ... bin Madame Marot ...«

»Natürlich! Madame Marot! Ich entsinne mich der Ehre, Madame Marot im letzten Sommer in Deauville bedient zu haben.«

»Ich war auch nicht in Deauville – im letzten Sommer.«

»Nicht in Deauville? O wie schade! Eine Frau wie Sie gehört nach Deauville. Ich erinnere mich des Grand Prix de Beauté. Die dunkle schlanke Frau, die man im Kursaal mit dem ersten Preise krönte, war Madame Marot aus dem Gesicht geschnitten.«

»So? – Wer war denn das?«

»Die Marquise de Poittiers, eine meiner treuesten Klienten. Sie kam mit einer Frisur à la Figaro aus Paris. Ich sagte zu ihr: Teuerste Marquise – unter uns, ich sagte Lolo – wenn Sie neben meiner Klientel, der kleinen Prinzessin von Wagram und der Tänzerin Ley von den Folies Bergères, bestehen wollen, so rate ich Ihnen zu einer Coiffure à la François Robèrt.«

»Und die Marquise?«

»Versuchte, mich für die Frisur Ihres Pariser Coiffeurs Monsieur Pasquier zu begeistern. – Sie meinen, was blieb mir anderes übrig, als sie anzuhören? Sie irren, Madame Marot.«

»In New York trägt man jetzt ...«

»Ich weiß.«

»Die Frisur ist erst seit ein paar Wochen ...«

»... und trotzdem bereits überholt. Im übrigen nur kleidsam für Blondinen, die außer Mode sind.«

»Mister Harvey, der direkt aus New York kommt ...«

»... kann natürlich nicht wissen, mit welchen neuen Kreationen die Phantasie französischer Haarkünstler die Welt während seiner Überfahrt beglückt hat. – Kollege Pasquier ist gewiß ein Künstler in seinem Fach. Und Madame Marot, die der Marquise de Poittiers aus dem Gesicht geschnitten ist, so daß ich versucht bin, anzunehmen, hinter ihr verbirgt sich eine Dame der Aristokratie, die nicht erkannt sein will ...«

»Aber nein!«

»Takt und Diskretion verbieten mir, weiter danach zu forschen.«

»Sie besitzen ein Bild der Marquise de Poittiers?«

»Ein halbes Dutzend.« – Er reichte ihr einen Lederband mit Photographien und sagte: »Bitte, blättern Sie ungeniert! Da Sie zur Familie gehören, so begehe ich keine Indiskretion.«

Photos schöner Frauen mit kitschigen Widmungen an den »großen Meister der Schere« und »unvergleichlichen Künstler« zeugten von einem oft innigen Verhältnis zwischen François Robèrt und seiner Klientel.

Und ohne daß Frau Dorothée wußte, wie sie eigentlich aus dem Hotelvestibül in den Frisiersalon geraten war, saß sie plötzlich mit einem Bubikopf à la François Robèrt vor dem großen Spiegel, in den sie – sehr gegen ihre Gewohnheit – während der ganzen Zeit nicht einen Blick hineingeworfen hatte.

Als sie sich jetzt sah, lächelte sie und sagte:

»Das ist zwar das Gegenteil von dem, was Mister Harvey vorgeschwebt hat ...«

»Einem Manne wie ihm können Sie nur imponieren, wenn Sie das Gegenteil von dem tun, was er erwartet.«

»... aber ich gefalle mir«, beendete Frau Dorothée ihren Satz, ohne François Robèrt eines Blickes zu würdigen.

»Es ist drei Minuten vor zwölf, teuerste Marquise. Um zwölf haben Sie, wenn ich Sie richtig verstand, Ihr Rendezvous mit dem Amerikaner ...«

»Sie sind sehr naseweis, Monsieur François«, sagte Dorothée, die sich erhoben hatte, mit dem Gesicht dicht vor dem Spiegel stand und Rot auflegte.

»Aber verschwiegen«, beteuerte François. »Sie dürfen sich mir ruhig anvertrauen.«

»Lächerlich!« wehrte Dorothée ab.

»Bis neun Uhr abends wird bei mir jeder bedient, der zu mir kommt. Aber von neun Uhr ab suche ich mir die Damen aus – die ich bedienen will und von denen ich erwarten darf ...«

»Was bin ich Ihnen schuldig?«

»... daß Sie mehr in mir sehen als nur den Coiffeur, dem Sie Ihre Erfolge verdanken.«

»Was wollen Sie denn von mir?«

»Ich begreife durchaus, daß man einem Manne wie Herrn Marot nicht treu ist ...«

»Was wissen Sie denn von meinem Mann?«

»Daß er einen Vollbart trägt – mehr brauche ich von ihm nicht zu wissen.«

»Sie haben uns also schon ausspioniert?«

»Es gehört zu meinem Beruf, zu wissen, wer im Hotel Excelsior Regina absteigt.«

»Ihr Interesse scheint aber bedeutend weiter zu gehen.«

»Ich leugne nicht, daß ich Sie erwartet habe – wenn auch nicht heute nacht.«

Frau Dorothée warf einen Fünfzigfrankschein auf den Tisch und stürzte zur Tür hinaus. – François sah ihr nach, schüttelte den Kopf und dachte: Da stimmt etwas nicht. So ein gutes Gewissen hat keine Frau, die im Excelsior Regina absteigt, daß sie sich leisten kann, mich vor den Kopf zu stoßen.

5.

Marot trat aus der Koje. Rock und Weste hatte er bereits ausgezogen und die Hemdsärmel hochgeschlagen. Er kramte auf einem Tisch herum und schien nicht zu finden, was er suchte.

»Dorothée ist wirklich unordentlich«, sagte er.

»Um so mehr Ordnung herrscht bei mir«, erwiderte Harvey und nahm aus einem Lederfutteral, in dem man einen Feldstecher vermutete, zwei silberne Mixbecher heraus. Dann öffnete er eine Reiseapotheke von erstaunlichem Umfang, der er eine Reihe von Flaschen in verschiedener Größe entnahm.

»Ist Ihnen schlecht?« fragte Marot.

»Im Gegenteil. Aber ich bin als Amerikaner gewöhnt, nach dem Essen einen Cocktail zu trinken. Er goß aus Flaschen, auf deren Etikett Baldriantropfen, Rhabarber, Pepsin stand, je zwei Spritzer Orange, Bitters, Maraschino und Absinth, nahm aus einer Flasche, die angeblich Rhizinusöl enthielt, ein Viertel Gordon Gin und aus der Flasche, auf deren Etikett stand Choleratropfen, ein Viertel französischen Vermouth, rührte tüchtig um, goß das Ganze durch ein Sieb in zwei Cocktailgläser und tat schließlich noch Olive hinzu. – Das alles geschah mit einer gewissen Feierlichkeit.

»So also regt die Trockenlegung die Phantasie an«, sagte Marot.

»Wollen Sie kosten?«

Marot wehrte ab:

»Ich nicht. Aber meine Frau um so lieber.«

»Für Ihre Gattin tue ich noch ein paar Tropfen Cointreau hinzu – das gehört zwar nicht hinein, aber man schläft schnell und vorzüglich danach.«

»Arme Dorothée!«

»Werden Sie nur nicht sentimental.«

»Sie bleibt lange. Finden Sie nicht auch?«

»Ich hätte ihr vielleicht doch nicht so viel von dem neuen Haarschnitt in New York erzählen sollen.«

»Jetzt werden Sie auch unruhig.«

»In so einem Riesenhotel – was steigt da nicht alles ab.«

»Wir hätten nicht zulassen sollen, daß sie allein geht.«

»Natürlich nicht. Wer als politischer Schriftsteller verhaßt ist wie Sie, muß doppelt vorsichtig sein.«

»Meine Gegner werden ihre Wut doch nicht an meiner Frau auslassen.«

»Politischen Fanatikern traue ich alles zu.«

»Sie haben eine goldige Art, einen zu beruhigen.«

»Wer sagt Ihnen, daß ich Sie beruhigen will? – Im Gegenteil! Ich mache Ihnen Vorwürfe.«

»Sie hätten Dorothee genau so gut hinbegleiten können wie ich.«

»Bin ich ihr Mann oder Sie?«

Marot und der Amerikaner gingen unruhig im Zimmer umher. In entgegengesetzter Richtung. – Mehrmals liefen sie so aneinander vorbei. Marot, der seinen Gürtel abgelegt hatte, rutschten dabei ständig die Hosen herunter, die er bei jeder Begegnung mit einer nervösen Bewegung ruckartig in die Höhe zog.

»Sie haben mir wirklich Furcht eingejagt«, stöhnte Marot, nahm die Hand seines Chefs, führte sie an seine Brust und sagte: »Fühlen Sie nur, wie mein Herz schlägt.«

»Und meins erst«, erwiderte Harvey und machte mit der Hand Marots dieselbe Bewegung.

»Meins schlägt stärker!« erklärte Marot, und Harvey erwiderte trotzig:

»Nein, meins!«

»Das können Sie doch gar nicht beurteilen.«

»So wenig wie Sie.«

»Überhaupt! wie kommt Ihr Herz dazu, meiner Frau wegen derart zu schlagen?«

»Seien Sie doch nicht kindisch, Marot.«

Sie liefen wieder im Zimmer umher.

Harvey sah nach der Uhr und sagte:

»Vor einer Stunde ist sie fort.«

Auch Marot zog jetzt die Uhr und sagte:

»Vor anderthalb!«

»Da man nicht annehmen kann, daß außer ihr noch jemand mitten in der Nacht auf die Idee kommt ...«

»Die Sie ihr in den Kopf gesetzt haben.«

»... einen Friseur aufzusuchen ...«

»So muß etwas passiert sein«, vollendete Marot den Satz und stürzte zur Glocke.

»Was tun Sie?« rief Harvey und warf sich ihm in den Arm. Aber Marot hatte bereits viermal auf den Knopf gedrückt.

»Es muß doch etwas geschehen.«

»Sie bringen Ihre Frau in schlechten Ruf.«

»Ihr Leben ist mir wichtiger.«

»Sie sehen immer gleich Tote.«

»Wundert Sie das?« fragte Marot betont.

6.

Frau Turel trat ins Zimmer, blieb an der Tür stehen und sagte:

»Die Herren hatten geläutet.«

»Sie sind die Hoteldetektivin?« fragte Marot – und Harvey fügte hinzu:

»Eine so junge Dame auf einem so schwierigen Posten?«

»Glauben Sie, daß das Alter die Klugheit gepachtet hat, Mister Harvey?«

»Sie kennen mich? – Übrigens, so alt, wie Sie glauben, bin ich nicht.«

»Ich mache mir darüber keine Gedanken.«

Marot wurde ungeduldig:

»Wollen Sie der Dame nicht sagen, weshalb wir sie haben rufen lassen?«

»Gewiß! Also Fräulein ...«

»Turel ist mein Name.«

»Fräulein Turel! wir sind beruhigt – das heißt mein Freund« – er stellte ihn vor – »Andrée Marot – ist in Sorge.«

»Sie ja auch.«

»Ich gebe es zu.«

»Darf ich endlich erfahren, worüber die Herren in Sorge sind?«

»Frau Marot hat ihren Mann vor über einer Stunde verlassen.«

»Im Bösen? Nach einem Streit? Aus Eifersucht? Nach einer Untreue? Mit Gepäck? Im Auto? Hatte sie Geld bei sich? – Ja, so reden Sie doch! Einen Grund wird es ja wohl haben, wenn Ihre Gattin Sie mitten in der Nacht verläßt.«

»Hat es auch«, sagte Marot. »Mister Harvey hatte ihr eine neue amerikanische Frisur in den Kopf gesetzt.«

»Dann ist sie vermutlich zum Coiffeur gegangen.«

»Ausgezeichnet!« erwiderte Harvey nicht ohne Ironie. »Aber was uns beunruhigt: sie ist nicht wieder zurückgekehrt.«

»Eine gute Stunde für eine neue Frisur – das ist durchaus normal.« – Mister Harvey und Marot atmeten auf. »Im übrigen hätten Sie beim Hotelfriseur doch nur einmal anzuläuten brauchen.«

»Warum haben Sie dies nicht getan?« fragte Harvey – und Marot erwiderte:

»Weil ich so wenig daran gedacht habe wie Sie.«

»Sie gestatten«, sagte Frau Turel zu dem Amerikaner gewandt und nahm den Hörer ab.

»Selbstredend«, erwiderte Harvey, verbesserte sich schnell, wies auf Andrée und sagte: »Das heißt, das Zimmer gehört dem Ehepaar Marot.«

Frau Turel sprach bereits mit François Robèrt, der ihr den Hotelklatsch des Tages erzählen wollte. Die Turel wehrte ab:

»Alles das hat Zeit für später. Sagen Sie mir nur, ob vor einer Stunde eine Dame bei Ihnen war, der Sie eine neue amerikanische Frisur gemacht haben.«

»Nein!« erwiderte Robèrt so laut, daß die beiden Männer es hörten und verzweifelt riefen:

»Großer Gott!«

»Ich kopiere nicht!« fuhr der Coiffeur fort. »Meine Frisuren sind sämtlich eigene ...«

»Schon gut«, fiel ihm die Turel ins Wort. »Es war aber eine Dame bei Ihnen?«

»Eine Dame? – nun ja – wie man es nimmt. Wie soll sie denn aussehen? Die Marquise von Poittiers war es jedenfalls nicht – und die Prinzessin von Wagram auch nicht.«

»Einen Augenblick«, erwiderte Frau Turel, wandte sich an Marot und sagte: »Bitte, beschreiben Sie mir Ihre Gattin.«

Marot erwiderte zerfahren:

»Sie ist ... hübsch.«

»Schön ist sie!« verbesserte der Amerikaner.

»Was für eine Figur?«

»Figur?« wiederholte Marot und überlegte. »Sie ist nicht dick – aber auch nicht übermäßig schlank.«

»Sie hat eine auffallend gute Figur«, erklärte Harvey, »ist grazil, graziös und hat einen leichten schwebenden Gang.«

»Ja«, sagte Marot, »einen guten Gang hat sie – das ist mir auch schon aufgefallen.«

Frau Turel, die jedes Wort weitergab, fragte:

»Die Haarfarbe?«

»Wechselnd«, sagte Marot zögernd – »das heißt ...«

»Naturblond, voll, weich«, fiel ihm Harvey ins Wort – und Marot erwiderte:

»Woher wissen Sie, daß das Haar meiner Frau weich ist?«

»Weil ich Sie oft genug darum beneidet habe, wenn Sie ihr mit der Hand durchs Haar gefahren sind.«

Frau Turel, die sich inzwischen weiter mit Robèrt verständigt hatte, wandte sich wieder an Marot und fragte:

»Besondere Kennzeichen?«

»Keine!«

»Doch!« widersprach Harvey. »Einen entzückenden Leberfleck hinter dem linken Ohr.«

»Soo?« sagte Marot erstaunt – und François Robèrt, an den Frau Turel den Leberfleck weitergab, erwiderte in einem Ton, der niederträchtig klang und den Anschein erwecken sollte, als wüßte er um die geheimsten Dinge dieser Frau:

»Nicht nur hinter dem linken Ohr.«

Frau Turel hing den Hörer an, wandte sich an Marot und sagte:

»Ihre Gattin muß demnach jeden Augenblick hier sein.« – Dann beugte sie leicht den Kopf, sagte »Gute Nacht!« und verschwand.

Als sie draußen war, sagte Harvey:

»Sie kennen ja nicht mal Ihre eigene Frau.«

»Sie scheinen sie dafür um so besser zu kennen«, erwiderte Marot, der die ganze Zeit über zu Frau Turels Belustigung mit seinen Hosen gekämpft hatte, ohne verhindern zu können, daß sie nun endgültig zu Boden fielen.

»Vielleicht, daß Sie das doch lieber da drin fortsetzen«, sagte der Amerikaner und wies auf die Koje – in der Marot dann auch verschwand, das Licht anknipste und sich, soweit man das durch den mattbeleuchteten Vorhang, der nicht mehr als die Umrisse erkennen ließ, verfolgen konnte, weiter auszog.

Mister Harvey setzte sich eben wieder an den Tisch, auf dem die Cocktails standen, als die Tür geöffnet wurde und Dorothée ins Zimmer trat.

7.

Dorothée sah in ihrer neuen Frisur bezaubernd aus. Da aber Mister Harvey sich darauf beschränkte, zu sagen:

»Ich bin wie erlöst, daß Sie da sind,«

– so fragte sie – nachdem sie schnell noch einen Blick in den Spiegel geworfen hatte:

»Und wie gefällt Ihnen die neue Frisur? Sehe ich aus, wie Sie es sich gedacht haben?«

»Genau so,« erwiderte Harvey.

Dorothée stutzte, sagte erstaunt:

»So?« – wandte sich um und fragte: »Wo ist denn Andrée?«

Mister Harvey wies auf die Koje, hinter der man Marots Schatten sah.

»Du gehst zu Bett, während du Besuch hast?« rief Dorothée ihm zu.

»Ich bin todmüde. – Im übrigen gilt Mister Harveys Besuch dir.«

»Ich hatte in der Tat den Wunsch, Ihnen noch gute Nacht zu sagen und« – fügte er zögernd hinzu und wies auf den Tisch, auf dem die vollen Gläser standen – »vor dem Schlafengehen noch einen selbstgemixten Cocktail mit Ihnen zu trinken.«

»O, wie nett!«

Harvey reichte ihr das Glas, stieß mit ihr an und sagte:

»Auf daß alle Ihre Wünsche in Erfüllung gehen.«

»Das hängt vor allem von Ihnen ab.«

»Auf Paris also.«

»Ich freue mich, daß Sie mich verstanden haben.«

Sie tranken in einem Zuge aus.

»Vorzüglich«, sagte Dorothée.

»Darf ich Ihnen noch einen ...?«

»Nein! nein!« wehrte Dorothée ab. »Ich vertrage nichts. Mir ist nach dem einen Glas schon ganz schwummlig.«

»Dann trinken wir schnell noch einen Whisky hinterher – der bringt Sie wieder auf die Beine.«

»Wenn ich allein mit Ihnen wäre, würde ich es nicht riskieren.«

»Glauben Sie, ich könnte Ihnen gefährlich werden?«

»Wenn ich sehr müde bin«, erwiderte Dorothée kokett.

»Das ist kein Kompliment.«

Harvey läutete und bestellte bei dem Kellner, der gleich darauf erschien, zwei Whisky-Soda.

»Du trinkst doch mit?« rief Dorothée ihrem Manne zu.

»Ich liege schon mit einem Bein im Bett. – Aber trink' du nur, dann wirst du müde und schläfst schnell ein.«

»Haben Sie schon mal so einen langweiligen Mann erlebt?«

»In dem Sinne hat er es vermutlich nicht gemeint.«

»Verlassen Sie sich darauf, er meint es immer so.«

»Ich bin in der Tat heute zu nichts mehr fähig«, sagte Andrée – und man hörte, wie sein schwerer Körper ins Bett fiel.

»Aus!« rief Dorothée – und Mister Harvey sagte tröstend:

»Er hat Sie trotzdem lieb.«

»Andrée hat mein Leben mit zehntausend Franks versichert. Die genügen ihm, um über meinen Tod hinwegzukommen – während er sein eigenes Leben mit sechsmal hunderttausend Franks versichert hat.«

»Das beweist doch, wie besorgt er um Sie ist.«

»Sie nehmen immer seine Partei«, erwiderte Dorothée und wandte sich an den Toilettentisch.

»Wünschen Sie, daß ich auf mein Zimmer gehe?«

»Haben Sie es so eilig? Wir haben doch eben zu trinken bestellt.«

»Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie gern ich bei Ihnen bliebe.«

»Andrée hat einen sehr leichten Schlaf.«

»Frau Dorothée!«

»Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich es mir bequem mache?«

»Aber nein! Ich hätte sonst das Gefühl, zu stören.«

»Erst die lange Fahrt – und dann noch dieser Cocktail, den Sie da, mit wer weiß was für Absichten, zusammengebraut haben.«

»Ich schwöre Ihnen ...«

»Öffnen Sie mir lieber das Kleid.« – Der Amerikaner stürzte auf sie zu. Hinter dem Vorhang räusperte sich Marot. »Bis zu welchem Knopf darf Mister Harvey?« rief Dorothée ihrem Manne zu.

»Bis zum dritten – das weißt du doch.«

»Also bis zum vierten!« entschied Dorothée – »da Sie unser Chef sind.«

Und als Mister Harvey vier Knöpfe geöffnet hatte, mußte er sich auf einen der Sessel am Tisch zurückziehen. Mit dem Gesicht zur Wand. – Dorothée stieg inzwischen aus ihrem Kleid. Im selben Augenblick klopfte es an der Tür.

»Der Kellner!« rief Dorothée entsetzt.

»Soll ich ...?« fragte Harvey und wandte den Kopf.

»Nein! – Einen Augenblick! – Sagen Sie ihm – oder lassen Sie mich! Aber drehen Sie sich nicht um!«

Sie ging entkleidet zur Tür, öffnete einen Spalt, so daß der Kellner ihr grade das Tablett mit den Gläsern reichen konnte – stand dann, das Tablett in der Hand, hilflos da.

»Ja, wollen Sie mir denn das Tablett nicht abnehmen?« rief sie plötzlich.

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Harvey, stand auf und wandte sich zu ihr um.

»Nein!« rief sie entsetzt. »Andrée! Wirf mir mein Kimono über.«

»Unmöglich! Ich habe ein Messer in der Hand.«

»Was tust du mit einem Messer?« fragte Dorothée – während ihr Harvey in ein schwarzseidenes Kimono half.

»Au! Jetzt habe ich mich geschnitten! – Ein Stück Watte bitte!«

»Watte?« – Dorothée warf beim Suchen alles durcheinander. »Das sage ich dir, ich bin zum letzten Male ohne Zofe gereist. Wo sucht man so etwas überhaupt?« wandte sie sich an Harvey, der ihr behilflich war.

»Unter meinen seidenen Strümpfen bestimmt nicht!«

»In der Hausapotheke!« rief Andrée.

Gleich darauf rief Dorothée, die alles von oben nach unten gekehrt hatte, freudig:

»Ich hab's! Brauchst du viel?«

»Einen kleinen Tuff!«

»Ich geb' es ihm«, sagte Harvey, nahm Dorothée die Watte aus der Hand und reichte sie Andrée, der den bloßen Arm durch die Portiere steckte.

Dorothée vertauschte inzwischen ihre Schuhe mit ein Paar Seidenpantöffelchen, die zu dem Kimono paßten.

»Wieso steht denn Ihr Gepäck hier?« fragte sie plötzlich und wies auf einen hohen Schrankkoffer, der in der Nähe des Fensters stand.

»Die Hausdiener haben ihn versehentlich auf Ihr Zimmer gebracht. – Stört er Sie?«

»Offen gesagt, hier steht schon genug herum.«

»Ich befreie Sie sofort davon.«

Er läutete und ließ sein Gepäck durch den Hausdiener auf sein Zimmer bringen. – Auch der Kellner erschien wieder und fragte, ob er die leeren Gläser herausnehmen dürfe.

»Leer?« sagte Frau Dorothée, »wir haben ja noch gar nicht getrunken.«

Und während ihr Harvey das Glas reichte und mit ihr anstieß, entschuldigte sich der Kellner und ging hinaus.

Auf dem Wege zur Tür sah er auf einem kleinen Tisch neben Toilettengegenständen, Taschentüchern und Strümpfen Frau Dorothées Perlenkette, Ohrgehänge und Ringe liegen. Er griff zu und verschwand damit – ohne zu bemerken, daß der Amerikaner ihn durch einen Wandspiegel beobachtete, stutzte, Miene machte, auf ihn zuzustürzen – dann aber überlegte, lächelte und ihn gewähren ließ.

Dorothée und Harvey wechselten noch ein paar Worte miteinander. Dann sagten sie sich gute Nacht.

»Bis morgen früh um neun zum Frühstück in meinem Salon«, sagte Mister Harvey und drückte Frau Dorothée die Hand.

Und als er draußen war, verschloß sie ihrer Gewohnheit gemäß die Tür.

8.

Als Mister Harvey das Zimmer des Ehepaars Marot verließ, hatte Andrée das Licht in der Koje bereits gelöscht.

»Rücksichtslos wie immer«, dachte Dorothée, sprach es aber nicht aus, sondern entkleidete sich weiter und suchte unter den Stößen von Sachen, die wahllos herumlagen, Wäsche, die sie für die Nacht gebrauchte.

Plötzlich fiel in der Koje etwas um. Gleich darauf erklang Marots Stimme:

»O je!«

»Was ist denn nun schon wieder?« fragte Dorothée.

»Ich habe dein Parfüm umgegossen.«

»Du bist von einer Ungeschicklichkeit.«

»Wer hat es denn auf den Nachttisch gestellt?«

»Die Zofe jedenfalls nicht.«

»Ich werde dir morgen eine neue Flasche kaufen.«

»Das kostet dich mehr, als wenn du die Zofe mitgenommen hättest.«

»Das ganze Zimmer riecht jetzt nach dem Zeug.«

»Vielleicht wirst du davon munter.«

»Mach' das Fenster auf!«

»Wir wohnen im Zwischenstock.«

»Es wird uns niemand heraustragen.«

Dorothée öffnete die Balkontür. Nur eine Hand breit. Im selben Augenblick hörte man gedämpfte Klänge einer Jazzkapelle.

»Unten tanzen sie noch«, sagte Dorothée und schob die Türen breit auf. – Die Musik drang jetzt laut ins Zimmer. »Wenn du fesch wärst, würdest du mit mir einen Charleston tanzen.«

»Ich schlafe! Mach das Licht aus!«

Dorothée gehorchte. Aber der Schein einer großen Lampe vor dem Kasino fiel ins Zimmer, das halbdunkel in gespensterhafter Beleuchtung lag.

Die Jazzkapelle tobte – und Frau Dorothée, von der man nur den Schatten an den Wänden und an der Decke sah, warf ihren Kimono ab und tanzte leidenschaftlich. Bis zur Erschöpfung. Dann verschwand auch sie in der Koje.

Im Tanzsaal unten hatte man die Fenster geschlossen. Gedämpfte Klänge eines Tangos, begleitet von melancholischem Gesang, drangen ins Zimmer.

Zwei bis drei Minuten lang.

Da krachte in der Koje ein Schuß. Aus der Portiere trat hastig ein Mann – eilte zum Balkon – schwang sich über die Brüstung – verschwand.

In der Koje schrie Dorothée laut auf – stürzte aus dem Bett – ins Zimmer – zur Tür – und rief laut um Hilfe.

9.

Erregte Menschen stürzten auf die Hilferufe Dorothées hin in das Zimmer. Hotelpersonal und Gäste, die auf der gleichen Etage wie Marots wohnten –, ohne daß man sie in der Dunkelheit voneinander unterscheiden konnte.

»Licht an!« rief plötzlich eine Stimme. Im selben Augenblick lag das Zimmer hell. An der Portiere stand zitternd Dorothée und starrte zur Koje. Da sie in den Knien wankte und hinzustürzen drohte, eilten der Kellner und das Stubenmädchen auf sie zu und stützten sie. In der Mitte des Zimmers stand der Direktor, der, ohne zu wissen, was geschehen war, zur Tür sah und dachte: »Nur kein Skandal!« – Vor der Tür drängten sich die Hotelgäste – in Nachtanzügen und großen Abendtoiletten.

»Platz für die Behörde!« rief Frau Turel und stürzte ins Zimmer.

»Frau Turel!« sagte der Direktor – aber sie eilte an ihm vorbei, warf einen Blick auf Dorothée, die zur Koje wies und hauchte:

»Mein Mann!«

Frau Turel riß die Portiere zurück, eilte in die Koje und machte Licht. Man sah Dorothées zerwühltes Bett. Man sah Frau Turel, die sich über das von der Portiere verdeckte Bett Marots beugte. Man hörte, wie sie halblaut, aber mit fester Stimme sagte:

»Herzschuß!«

Die Gäste an der Tür fuhren zusammen und gaben einen Laut von sich, als hätten sie ein Herz und eine Stimme. Dorothée verlor das Bewußtsein und hing in den Armen des Stubenmädchens, das selbst in den Knien zitterte und sich nur mühsam aufrecht hielt.

»Einen Arzt!« rief der Direktor dem Kellner zu und glaubte damit die Hotelgäste zu beruhigen. Aber Frau Turel erklärte:

»Der kann nicht mehr helfen. Rufen Sie die Polizei!«

»Die wird ihn auch nicht wieder lebendig machen«, sagte der Kellner und verließ das Zimmer.

Der Direktor war in die Koje getreten und flüsterte Frau Turel zu:

»Ich möchte auch bitten – wenn irgend möglich ohne Aufsehen.«

»Rühren Sie nichts an«, rief Frau Turel, da der Direktor sich bückte, einen Revolver aufhob und ihn ihr mit den Worten:

»Die Mordwaffe!« überreichte.

»Wie ungeschickt! Jetzt haben Sie die Spur verwischt!«

Inzwischen war bei Frau Dorothée das Bewußtsein zurückgekehrt. Sie riß sich von dem Mädchen, das sie noch immer hielt, los und machte den Versuch, sich auf das Bett des Toten zu stürzen. – Frau Turel hielt sie zurück.

»Andrée!« rief Dorothée pathetisch und suchte Frau Turel zur Seite zu schieben. Es gelang ihr nicht.

»Ihnen liegt doch daran, daß man den Täter stellt«, sagte Frau Turel. Dorothée erwiderte schluchzend:

»Mir liegt nur an Andrée – an nichts anderem.«

Frau Turel führte Dorothée zu einem Sessel, auf den sie niedersank, und suchte sie zu beruhigen:

»Ich verstehe Sie, gnädige Frau. Aber Sie müssen sich jetzt zusammennehmen. Die ersten Minuten sind die wichtigsten. Was jetzt versäumt wird, ist nicht wieder einzuholen.«

»Ich will zu ihm«, bettelte Dorothée.

»Nicht jetzt – später«, erwiderte Frau Turel – und der Direktor erbot sich, für Dorothée, für die sich die Gäste weit mehr interessierten als für den Toten, ein anderes Zimmer anzuweisen.

Frau Turel widersprach:

»Sie sind die einzige Zeugin, gnädige Frau. Fühlen Sie sich imstande, zu erzählen, wie sich der Vorgang abgespielt hat?«

»Ich ... ich ... kann nicht!«

»Sie schliefen?«

»Mein Mann hatte das Licht gelöscht – oder ich – das weiß ich nicht mehr – jedenfalls, es war dunkel – unten spielte die Kapelle – ich tanzte – bis ich todmüde ins Bett sank.«

»Weiter!« drängte Frau Turel.

»Ich schlief – plötzlich – es können nur wenige Minuten gewesen sein –«

»Was war plötzlich?«

»Ein Schuß! – Ich fahre auf – und sehe am Bett meines Mannes« – Dorothée sank in den Sessel zurück und schloß die Augen.

»Stand das Fenster offen?«

»Nein! – oder doch! – es kann sein – ja! ja! ich selbst hatte es geöffnet.«

»Was sahen Sie?«

»Eine Gestalt – einen Mann – einen Schatten – der etwas fallen ließ ...«

»Den Revolver.«

»... und zum Fenster stürzte.«

»Konnten Sie ihn erkennen?«

»Ich sah ihn nur von hinten – und nur einen Augenblick – außerdem war es dunkel.«

»Die Nacht ist sternenklar. – War er groß – klein?«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Dorothée gequält –

»Ein Mann war es jedenfalls?«

»Ich nehme es an.«

»Hatte er einen Bart?«

Dorothée schloß die Augen und besann sich.

»Jetzt ist mir,« sagte sie halb im Traum – »als ob ich ihn vor mir sehe – an der Portiere war er – groß – und glattrasiert«.

»Also haben Sie ihn auch von vorn gesehen?«

»Von der Seite.«

»Glaubten Sie, ihn zu kennen?«

»Ich habe nichts gedacht – es war ja nur einen Augenblick – und dann: ich war vor Schreck wie gelähmt.«

Frau Turel stand jetzt dicht vor Dorothée, die ihre Augen noch immer geschlossen hielt.

»Ein Bekannter Ihres Mannes vielleicht? – Rufen Sie sich das Bild ins Gedächtnis zurück.«

»Mir scheint ... als hätte ich ihn – aber nein!«

»Als hätten Sie ihn«, wiederholte Frau Turel im Tonfall Dorothées – die fortfuhr:

»... schon mal ...«

»Schon mal –« wiederholte Frau Turel.

»... irgendwo gesehen.«

»Wo?«

»Das weiß ich nicht.«

»Denken Sie scharf nach – kann es heut gewesen sein?«

»Möglich ist es.«

»Heut abend?«

»Früher schon – oder auch erst heut ... jetzt werde ich das Bild nicht mehr los« – sie hob wie hypnotisiert plötzlich den Kopf, richtete sich zum Fenster hin auf, streckte die Arme aus und schrie: »Großer Gott! was tust du!« – dann fiel sie vorn über.

Frau Turel fing sie auf.

»Nehmen Sie doch Rücksicht!« schalt der Direktor. »Sie bringen die Arme ja um den Verstand.«

In diesem Augenblick stürzte Mister Harvey, der über sein Pyjama einen seidenen Rock geworfen hatte, ins Zimmer.

10.

Er sah gar nicht Dorothée, die jetzt apathisch in ihrem Sessel saß, eilte an ihr vorbei und rief Frau Turel zu:

»Ist es wahr? man hat Marot ermordet?«

Der Direktor trat ihm in den Weg und sagte:

»Schreien Sie doch nicht so! – Nehmen Sie doch Rücksicht auf meine Gäste.«

»Auf Frau Marot vor allem«, ergänzte Frau Turel und wies auf den Sessel, in dem Dorothée saß.

Harvey schob den Direktor zur Seite, ging auf Dorothée zu, ergriff ihre beiden Hände, beugte sich zu ihr herab und sagte:

»Arme Frau Dorothée! – Verfügen Sie in allem ganz über mich!«

Dorothée hob den Kopf und sah ihn groß an.

»Wie ist das geschehen?« fragte Mister Harvey Frau Turel, die jetzt neben ihm stand. »Hat man den Täter?«

Frau Turel wies auf die Balkontür und sagte:

»Er ist entkommen.«

»Und wie kam er herein?«

»Das ist noch ungeklärt.«

»Vermutlich doch auch ...« sagte Harvey und machte ein paar Schritte auf die Balkontür zu. Frau Turel versperrte ihm den Weg und sagte:

»Bitte, warten Sie, bis die Polizei da ist.«

Im selben Augenblick erschien ein Polizeikommissar mit zwei Beamten in der Tür.

Frau Turel ging ihm entgegen und erklärte:

»Ein Mord – offenbar im Schlaf erschossen – hier ist die Waffe.« – Sie reichte ihm den Revolver.

Der Kommissar ging in die Koje und beugte sich über Marots Bett, das im Gegensatz zu dem Bett Dorothées noch immer von einem Teil der Portiere bedeckt war. – Frau Turel folgte ihm.

Der Kommissar fragte:

»Wann ist es geschehen?«

»Vor einer Viertelstunde.«

»So?« fragte er und schien erstaunt. »Ist das sicher?«

»Vor einer halben Stunde habe ich noch mit ihm gesprochen.«

»Und ich vor zwanzig Minuten«, erklärte Harvey.

Der Kommissar wandte sich zu dem Amerikaner um, sah ihn scharf an, beugte sich dann wieder über den Toten und sagte:

»Das Blut ist allerdings frisch.«

Es besteht gar kein Zweifel«, erwiderte Frau Turel – und der Kommissar fragte:

»Wer ist der Tote?«

»Andrée Marot.«

Der Kommissar trat aus der Koje heraus, sah Dorothée, ging ein paar Schritte auf sie zu und fragte:

»Sie sind die Gattin, gnädige Frau?«

Dorothée bewegte leicht den Kopf.

»Haben Sie auf irgend jemanden Verdacht?«

»Mein Mann hatte keine Feinde.«

Jetzt trat Harvey wieder an den Kommissar heran und sagte:

»Das weiß man oft selbst nicht.«

»Wer sind Sie?«

»Lincoln Harvey aus Chikago.«

Der Kommissar änderte sofort seine Haltung.

»Der bekannte Zeitungsverleger?« fragte er und fühlte, als Harvey mit einem gleichgültigen

»Ja!«

antwortete, beinahe das Bedürfnis, die Hände an die Hosennaht zu legen und stramm zu stehen. Er besann sich und beschränkte sich schließlich darauf, sich vorzustellen:

»Dubois. Assessor bei der Kriminalpolizei«, und in höflichem Tone fügte er hinzu: »Sie kannten den Toten?«

»Er war mein Freund und Korrespondent für meine Blätter in Marseille.«

»Sie befanden sich demnach auf einer gemeinsamen Reise?«

»Eine kleine Autofahrt, um auf ein paar Tage aus dem staubigen Marseille herauszukommen.«

»Haben Sie irgendeinen Anhaltspunkt, Mister Harvey?«

»Nein! aber ich halte einen politischen Mord nicht für ausgeschlossen.«

Dubois wandte sich an Frau Dorothée:

»Hat Ihr Gatte in letzter Zeit Drohbriefe erhalten?«

»Ich ... glaube ... nicht«, erwiderte Dorothée, die sich mit jedem Wort quälte.

»Sie würden es doch wohl wissen, wenn es der Fall wäre?«

»Seiner Frau hätte Marot sicherlich nichts davon gesagt, um sie nicht zu beunruhigen.«

»Mein Mann hatte vor mir keine Geheimnisse.«

Inzwischen hatten die beiden Beamten Fuß- und Fingerabdrücke am Bett und Fenster genommen, die sie jetzt Dubois zeigten. Sie erregten aber auch das Interesse des Amerikaners, des Kellners und Frau Turels – ja, selbst Dorothée, die bis jetzt teilnahmslos in ihrem Fauteuil gesessen hatte, schien interessiert, und der Hoteldirektor äußerte ängstlich:

»Am Bett bin ich auch gestanden – Frau Turel kann es bezeugen – wenn darunter etwa auch meine Spuren sind, so besagt das nichts.«

»Die Fingerabdrücke an dem Fenstersims sind ganz deutlich,« erklärte Dubois. »Über den Weg, den der Mörder genommen hat, kann also kein Zweifel sein.« – Dann wandte er sich an Dorothée und fragte: »Sie haben geschlafen, gnädige Frau?«

»Ja – oder ich war im Einschlafen.«

»Haben Sie den Mann einsteigen sehen?«

»Nein!«

»Sie sind demnach erst durch den Schuß wach geworden?«

»Ja!«

»Und bis Sie richtig wach wurden, war der Kerl natürlich schon über alle Berge?«

»Ja ... das heißt, ich sah ...«

Frau Turel fiel ihr ins Wort:

»Mir hat Frau Marot erklärt, daß sie einen Mann, der groß und bartlos war, durch die Portiere zum Fenster eilen sah. Sie glaubt, daß sie ihn wiedererkennen würde, und hält es auch für möglich, daß sie ihm schon früher einmal begegnet ist.«

»In letzter Zeit?« fragte Dubois.

»Auch die Möglichkeit gab Frau Marot zu.«

»Ein Selbstmord scheidet demnach aus.«

»Dafür lag die Waffe auch viel zu weit vom Bett entfernt«, erklärte Frau Turel und bezeichnete die Stelle.

»Vielleicht ... daß sie ... doch ... näher dem Bett zu lag«, bemerkte der Hoteldirektor zaghaft.

»Wieso nehmen Sie das an?«

»Weil dann doch Selbstmord in Frage käme.«

»Liegt Ihnen daran?« fragte Dubois erstaunt und unvermittelt – und der Direktor erwiderte:

»Außerordentlich viel. Wenn Sie es also irgend richten können, Herr Assessor. – Für den Toten spielt es ja keine Rolle mehr, ob er ermordet worden ist oder sich selbst erschossen hat. Na, und der Mörder, den wird sein Gewissen schon genügend peinigen – der hat seine Strafe weg, auch wenn Sie ihn laufen lassen.«

»Hören Sie mal, das klingt ja sonderbar.«

»Für das Renommee des Hotels aber ist es von größter Wichtigkeit, daß Herr Marot sich selbst erschossen hat. Daran stößt sich kein Gast. Denn das kann kein Hoteldirektor der Welt verhindern. Aber wenn Sie sich für Mord entscheiden, Herr Assessor, dann wird das Publikum panikartig das Hotel verlassen und der Aufsichtsrat setzt mich an die Luft.«

»Mein Mann hatte nicht den geringsten Grund, sich das Leben zu nehmen«, beteuerte Dorothée.

Aber der Direktor kämpfte für seine Position und meinte:

»Das braucht eine Frau nicht immer zu wissen.«

»Darin gebe ich dem Direktor recht«, sagte der Amerikaner und wandte sich an Dorothée, die ihn entgeistert ansah, und erwiderte:

»Ich verstehe Sie gar nicht, Mister Harvey.«

Dubois, dem es auffiel, mit welchem Eifer hier jeder, scheinbar doch Unbeteiligte, für sich sprach, wandte sich an Dorothée und fragte:

»Befand sich Ihr Gatte in finanziellen Schwierigkeiten?«

»Davon weiß ich nichts.«

»Die Hotelrechnung hatte er jedenfalls noch nicht bezahlt.«

»Zahlt man bei Ihnen die Rechnung bei der Ankunft?« fragte Dubois und fuhr, an den Amerikaner gewandt, fort: »Sind Sie über die finanzielle Lage Marots orientiert?«

Harvey zögerte – offensichtlich mit Rücksicht auf Dorothée. – Und als Dubois seine Frage wiederholte, sagte er:

»Ist es notwendig, daß Frau Marot diesem Verhör beiwohnt?« Und da Dorothée darauf bestand, zu bleiben, so fuhr er fort: »Marots pekuniäre Lage war verzweifelt.«

»Nein!« rief Dorothée entsetzt.

»Leider ist es so«, erklärte Harvey.

»Warum hat er mir das verheimlicht?«

»Weil er Sie geliebt hat und wußte, daß Sie ohne Luxus nicht leben können.«

Dorothée war fassungslos. Sie wies auf den kleinen Tisch in der Nähe der Tür und sagte:

»Gestern noch, bevor wir aus Marseille abfuhren, hat er mir diesen kostbaren Smaragd geschenkt. – Wie konnten Sie das dulden, Mister Harvey, wenn Sie wußten, daß er ihn nicht bezahlen kann?«

»Ich hatte nicht das Recht, Ihnen die Freude zu verderben.«

»Wo, sagten Sie, liegt der Smaragd?« fragte Frau Turel, die inzwischen an den Tisch herangetreten war. »Hier liegt nicht ein Stück.«

Dorothée eilte auf den Tisch zu, vergaß für einen Augenblick, daß Andrée ermordet in der Nische lag, und rief entsetzt:

»Meine Perlen! meine Ringe! alles ist weg!«

Dubois befahl den Beamten, die Flurtür zu schließen. Als das geschehen war, erklärte Harvey:

»Vor einer knappen Stunde, als der Kellner die Whiskygläser holte, lag der Schmuck noch da. Ich weiß es genau. Denn ich wunderte mich, wie achtlos Frau Marot die kostbaren Steine herumliegen ließ.«

»Wenn man ohne Zofe reist«, entschuldigte sich Dorothée.

»War außer dem Kellner noch jemand im Zimmer?«

»Der Hausdiener, um meinen versehentlich hier untergestellten Koffer zu mir hinaufzubringen.«

»Mein Personal stiehlt nicht!« beteuerte der Direktor.

»Wer war sonst noch im Zimmer?«

»Niemand!« rief der Direktor. »Ich kann es beschwören. Denn ich war der Erste im Zimmer. Von meinen Gästen hat niemand die Schwelle übertreten. Sie sind sämtlich an der Tür stehen geblieben.«

Dubois wandte sich wieder an Dorothée:

»Hatten Sie sonst noch Wertgegenstände, die Sie vermissen?«

Dorothée dachte an die hohe Versicherung – und es lag ihr schon auf der Zunge »ja« zu sagen. Aber in Gedanken an den toten Andrée bezwang sie sich und sagte:

»Es war alles«, fügte aber, als wollte sie sich damit doch eine letzte Chance sichern, hinzu: »was ich mitgenommen hatte.«

»Und Ihr Gatte?« fragte Dubois.

»Mein Mann trug eine goldene Uhr und eine Perlennadel.«

»Besaß er keine Brieftasche?«

»Eine schwarze Saffiantasche, in der er sein Geld bewahrte.«

»Wohin pflegte er die des Abends zu legen?«

»Auf den Nachttisch.«

»Hier liegt nichts«, erklärte Frau Turel, die in der Koje stand.

»Demnach muß es sich also um einen Raubmord handeln«, entschied Dubois und befahl den beiden Beamten, die Taschen des Hausdieners und des Kellners zu untersuchen.

Bei dem Hausdiener fand man außer ein paar Kasinochips, über die er sehr erstaunt tat, nichts. Aus den Taschen des Kellners aber zog man die Perlkette, das Ohrgehänge und die Ringe.

»Schuft!« rief der Direktor. »Das kostet mich meine Stellung.«

Dubois war dicht an den Kellner herangetreten und fragte ihn:

»Was haben Sie dazu zu sagen?«

Der Kellner, an allen Gliedern zitternd, erwiderte:

»Ich ... gebe ... den ... Diebstahl ... zu.«

»Und den Mord?«

»Nein! nein! damit habe ich nichts zu tun.«

»Wann haben Sie den Schmuck denn gestohlen?«

»Als ich die Whiskygläser aus dem Zimmer holte.«

»Das haben Sie sich nach den Worten des Mister Harvey zurecht gelegt.«

»Bei Gott, es ist so!«

»Lassen Sie Gott aus dem Spiel! – Wo haben Sie die Uhr und die Brieftasche gelassen?«

»Ich habe weder die Uhr noch die Brieftasche.«

»Aber Sie haben sie liegen sehen?«

»Nein!«

»Sagen Sie doch die Wahrheit!«

»Ich sage die Wahrheit.«

»Sie haben die Gläser herausgeräumt und, als Sie hinausgingen, den Schmuck gesehen?«

»Ja, – das ist wahr.«

»Sie haben den Schmuck aber nicht angerührt?«

Der Kellner stutzte.

»Stimmt's?« fragte Dubois.

»Ich ... ich ...«, stieß der Kellner zögernd hervor.

»Sie haben sich mit Recht gesagt, wo soviel Menschen im Zimmer sind, besteht die Gefahr, daß man Sie dabei ertappt.«

»Ich habe überhaupt nichts gedacht – in dem Augenblick.«

»Ihre Vernunft hat Ihnen diese natürliche Überlegung ohne viel Nachdenken eingegeben. Sie sagten sich, wo so kostbarer Schmuck offen herumliegt, wird noch mehr zu holen sein. Sie haben den Schmuck also liegen lassen und abgewartet, bis die Herrschaften eingeschlafen waren. Dann sind Sie durch das Fenster eingestiegen – bewaffnet natürlich – denn so ein nächtlicher Besuch ist ja mit Gefahr verbunden – Sie haben den Schmuck an sich gebracht – das hat Geräusch verursacht – Herr Marot ist erwacht – Sie scheinen ein vorzüglicher Schütze zu sein – Sie haben ihn mitten ins Herz getroffen – haben schnell die Sachen vom Nachttisch genommen und sind damit davongelaufen. – Die Sache ist ja so einfach, nicht wahr? – Die Verlockung war zu groß, das wird man Ihnen bei der Strafzumessung zugute halten – auch Ihr freimütiges Geständnis wird die Richter milde stimmen – obschon ein Leugnen in einem so klaren Falle zwecklos wäre und Ihre Lage nur verschlechtern würde.«

Der Kellner hatte vor Staunen zunächst kein Wort herausgebracht. Er hatte anfangs mehrmals den Kopf geschüttelt, dann leidenschaftlich durch Gesten widersprochen – schließlich aber hatte er die Geduld verloren. Er war immer dichter an Dubois herangetreten, den er jetzt beinahe berührte, und schrie ihm unbeherrscht ins Gesicht:

»Nein! nein! Herr Kommissar! Den Diebstahl gebe ich zu. Aber den Mord lasse ich mir nicht aufschwatzen! – Ich habe das Office von dem Augenblick an, wo ich die Gläser hinausgetragen habe, nicht mehr verlassen.«

»Beweisen Sie das!«

»Das kann ich nicht.«

»Aha!«

»Da ich allein war.«

Frau Turel nahm sich des Kellners an und fragte:

»Ist während der halben Stunde denn niemand von Ihren Kollegen im Office gewesen oder vorbeigegangen, der Sie gesehen hat?«

»Ich glaube nicht.«

»Eins der Mädchen vielleicht?«

»Ich habe keins gesehen.«

»Sehr merkwürdig,« meinte Dubois – und Frau Turel fragte weiter:

»Aber Gäste werden doch um diese Zeit nach Haus gekommen sein?«

»Eine ganze Menge – aber wer schaut denn von denen ins Office? – Und dann: ein Frack sieht aus wie der andere – wer sieht uns schon an?«

»Der Schein spricht gegen Sie,« sagte Frau Turel. »Also weisen Sie nicht jede Möglichkeit, sich zu entlasten, zurück.«

»Ich gebe zu, ich habe gestohlen. In dreißig Jahren das erste Mal, daß ich mich an was vergreife, was mir nicht gehört. Aber das Zeug lag so da, daß es einem in den Fingern juckte. Da nahm ich's eben. Vielleicht wäre mir über Nacht die Besinnung gekommen und ich hätte es morgen früh zurückgelegt – vielleicht auch nicht – denn allein die Kette hätte mich um zwanzig Jahre vorwärts gebracht.«

»Eine feine Einstellung ist das,« meinte Dubois. »So einem Menschen ist alles zuzutrauen.«

»Ich möchte noch eine Frage an Frau Marot richten,« bat Frau Turel – und Dubois erwiderte:

»Bitte!«

»Frau Marot, Sie haben unter dem ersten Eindruck der Tat erklärt, daß Sie den Mann, der vom Bett Ihres Gatten aus zur Portiere und von da zum Fenster stürzte, einen Augenblick lang gesehen haben.«

»Ja!«

»Sie hatten das Bild deutlich vor Augen. – Groß, sagten Sie, und glattrasiert.«

»Ja, das war er.«

»Der Kellner ist aber auffallend klein und trägt außerdem einen kleinen Bart. Es ist unmöglich, daß er sich den in dieser halben Stunde hat wachsen lassen.«

»Bleiben Sie bei dieser Bekundung?« fragte Dubois – und Dorothée erwiderte:

»Ja.«

»Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten,« erklärte Frau Turel.

»Nämlich?« fragte Dubois.

»Entweder Frau Marot weiß von nichts und sagt die Wahrheit – oder ...«

»Natürlich tut sie das,« rief Mister Harvey.

»In dem Falle hat der Kellner mit dem Morde nichts zu tun.«

»Oder –?« fragte Dubois.

»Frau Marot lügt!«

Mister Harvey sprang empört auf und rief:

»Das ist doch ...«

»In diesem Falle ...« fuhr Frau Turel fort, bestimmt und ohne den Tonfall zu ändern.

»Was ist in diesem Falle?« fragte Harvey erregt.

»... besteht die Möglichkeit fort, daß der Kellner der Mörder ist – oder irgendein Dritter, der dann im Einverständnis mit Frau Marot gehandelt hat.«

Dorothée richtete sich entgeistert auf und fragte:

»Wa – as? ... ich?«

Harvey wandte sich an Frau Turel und sagte:

»Wenn Sie Frau Marot auch nur oberflächlich kennen würden, wüßten Sie, wie grotesk das ist, was Sie da sagen.«

»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit,« erklärte Dubois.

»Nämlich?« fragten Harvey und Frau Turel zu gleicher Zeit.

»Daß Frau Marot ihren Mann selbst erschossen hat.«

Dorothée sah Dubois groß an – sekundenlang – dann sank sie Harvey in die Arme. Der stützte sie, schüttelte den Kopf und sagte:

»Herr Assessor, Sie gehen wirklich über die Grenze des Möglichen hinaus.«

»Ich tue lediglich meine Pflicht,« erwiderte der, und Frau Turel erklärte:

»Da ich annahm, daß Herr Marot von seinen politischen Gegnern bedroht wird, so habe ich das Zimmer vom ersten Augenblick an unter besonderer Kontrolle gehalten.«

»Und was haben Sie festgestellt?«

»Daß kein Unbefugter vom Augenblick der Ankunft des Ehepaares Marot an das Zimmer betreten oder zuvor sich darin versteckt hat.«

»Was wollen Sie damit beweisen?« fragte Harvey.

»Daß außer Herrn und Frau Marot niemand im Zimmer war. – Ich habe ferner festgestellt, daß um ein Uhr vier Minuten im Zimmer des Ehepaares das Licht gelöscht wurde – und daß um ein Uhr acht Minuten der Schuß fiel.«

»Was schließen Sie daraus?«

»Kein berufsmäßiger Verbrecher – ja, kein denkender Mensch handelt so unüberlegt und steigt, unmittelbar nachdem das Licht gelöscht ist, ein, da er damit rechnen muß, daß sein Opfer noch wach liegt.«

»Einen zeitlichen Irrtum halten Sie für ausgeschlossen?« fragte Dubois.

»Vollkommen!«

»Einen Geheimzugang zu dem Zimmer gibt es nicht?«

»Es hat nur diese eine Tür, die zum Flur führt.«

Dubois wandte sich wieder an Dorothée und fragte:

»Sind Sie nach Ihrem Gatten zu Bett gegangen?«

»Er schlief schon.«

»Sie haben das Licht also gelöscht.«

»Ja.«

»Um ein Uhr vier?«

»Möglich. Ich weiß das nicht – oder doch – es schlug halb eins, – kurz bevor ich an der Balkontür stand.«

»Wieso standen Sie an der Balkontür um halb ein Uhr nachts?«

»Ich hatte sie gerade geöffnet.«

»Sind Sie gewöhnt, bei offenem Fenster zu schlafen?«

»Nein!«

»Wieso öffneten Sie es gerade an diesem Abend?«

»Mein Mann hatte mich darum gebeten.«

»Ich denke, der schlief bereits?«

»Als er mich bat, war er natürlich noch wach.«

»Und weshalb, glauben Sie, daß er gegen seine Gewohnheit gerade in dieser Nacht bei offenem Fenster schlafen wollte?«

»Mein Mann hatte mein Parfüm vergossen.«

»Es riecht jetzt noch danach,« sagte Harvey.

»Nicht mehr, als es bei einer Dame aus Paris zu riechen pflegt,« erwiderte Dubois, worauf der Amerikaner meinte:

»Frau Marot lebt in Marseille.«

»Wie kamen Sie denn dazu, das Parfüm umzustoßen?«

»Frau Marot sagte doch, daß ihr Mann es ...«

»Ich muß Sie bitten, Mister Harvey, Frau Marot selbst antworten zu lassen. Also wer hat es umgestoßen?«

»Mein Mann!«

»Das Flakon stand aber auf Ihrem Nachttisch – es steht jetzt noch da.«

»Ich sagte ja, es war mein Parfüm.«

»Gut! Aber der Zwischenraum zwischen den beiden Betten beträgt fast einen Meter. Es ist daher beinahe unmöglich, daß Ihr Gatte von seinem Bett aus bis zu dem Flakon reichen konnte.«

»Er lag eben noch nicht im Bett, als er es umwarf.«

»Aber er schlief schon.«

»Frau Marot hat niemals behauptet, daß ihr Mann schon schlief, als das Flakon umfiel und sie das Fenster öffnete,« erklärte Harvey mit großer Bestimmtheit. Noch bestimmter aber klang die Antwort Dubois', der ihm befahl zu schweigen. Aber Harvey kehrte sich nicht daran, sondern fuhr unbekümmert fort: »Sie hat nur gesagt, daß er schlief, als sie zu Bett ging.«

»Also!« erwiderte Dubois. »Wenn sie um ein Uhr vier das Licht löschte, um ein Uhr acht der Schuß fiel, muß der Mörder spätestens ein Uhr sechs ins Zimmer gestiegen sein. Frau Marot hat also schon zwei Minuten, nachdem sie das Licht gelöscht hatte, so fest geschlafen, daß sie weder das Einsteigen durch das Fenster, noch das Öffnen der Portiere bemerkt hat.«

»Ich schlief noch nicht fest – aber ich hatte die Augen geschlossen und lag im Halbschlaf.«

»Und wie hat der Mörder sich orientiert, in welchem der beiden Betten Ihr Gatte lag?«

»Das weiß ich nicht.«

»Um das und manches andre aufzuklären, muß ich außer dem Kellner auch Sie in Haft nehmen, Frau Marot.«

»Großer Gott!« rief Dorothée entsetzt und klammerte sich an Harvey. Der trat an Dubois heran und sagte:

»Herr Assessor, Sie wissen, wer ich bin. Ich hafte für diese Frau.«

Dubois überlegte einen Augenblick und erwiderte:

»Dann bin ich bereit, Frau Marot vorläufig auf freiem Fuß zu lassen – vorausgesetzt, Sie stellen eine Kaution und verbürgen sich mit Ihrem Ehrenwort, daß Frau Marot weder flieht, noch sich etwas antut.«

»Tun Sie es nicht, Mister Harvey!« rief Dorothée.

Aber der Amerikaner ging auf Dubois zu, streckte ihm die Hand hin und sagte:

»Ich stelle jede Kaution und verbürge mich mit meinem Ehrenwort!«

»Einverstanden!« erwiderte Dubois und schlug ein.

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