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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Von meinem Zweiten will ich nur wenig Wörter machen. Er kann selbst schreiben. Er hat einen harten Kopf zum Lernen. Dafür hat ihn der liebe Gott mit Knochen versorgt, daß er damit sein ganzes Leben auskommt. Er wächst und wächst, und wo mehr er wächst, wo größer wird er. Dabei ladet er mächtig breit aus in den Schultern, und seine Beine sind von solcher Art: wenn er ein paarmal ausholt, dann ist er den Acker lang. Es ist man gut, daß wir neu gebaut haben. In kleine Stuben paßt er nicht rein. Aber wo er hinkommt, da wird alles fröhlich, denn siehe, sein inwendiger Mensch ist auch fröhlich. Das hat er nun mal so an sich. Die Wirtschaft versteht er aus dem Grunde. Da hat er einen offenen Kopf. Da steckt er mich schon in den Sack. Ja, den haben wir auch gut gereest. –

Wieschen und Berti sind heut beim Backen, und darum ist ein schlechter Umgang mit ihnen. Beim Waschen ist das auch so. Ich gehe durch die Küche. Ich sage bloß so im Vorbeigehen: Wieschen, sage ich, wir müssen wieder bauen. Die Küche muß zehn Fuß mehr haben. Woso? sagt sie und kuckt mich ganz verstutzt an, und Berti knöpft ihre Jacke zu und kuckt auch. Ja, sage ich, weil sie zu kurz ist für das Brot. Mit dem Kopf steckt es im Ofen und mit dem Hintern verkühlt es sich auf dem Hof. Das ist auch nicht gesund für das Brot. Da hat sie sehr gescholten, und Berti hat ihr dabei geholfen, und nun schilt sie wieder, weil ich ihr sage, daß ich dir das schreiben will. Dazu ruft Berti aus der Küche rein: Ein gräsiger Vater, nicht, Mutter? Ich muß ihn mal wieder am Bart zupfen; er wird schon wieder zu übermütig. – Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, das ist eine ganz andere Nation, die, wo links knöpft.

Der Ofen ist neu und aus gerolltem Stahl. Da kann man Brot in dreißig Minuten drin backen und zugleich kochen. Er hat sechs Kochlöcher, und unter dem Backofen ist noch Platz zum Obsttrocknen, wenn man was hat. Dies Jahr haben wir nichts. Er hat 68 Dollars gekostet ohne meine Arbeit gerechnet. Die großen runden Backöfen aus Backstein mit Lehm drüber, wie Köhns einen hatten hinten im Garten unter den Pflaumenbäumen, die gibt es hier nicht. Ich muß noch oft an den alten Köhn denken. Wenn das Brot rein war in den Ofen, dann saß der Alte noch immer gern auf dem Stein vor dem Ofen und hatte die Hände gefolgt. Es war, als ob er bete, daß ihm das Brot gut geriet. Es ist ihm auch nie mißraten. Das war noch ein Nachbar von der Sorte, die Luther in der vierten Bitte meint. Ja well.

Lieber Freund, im letzten Mond hat die Feder sich verpustet. Aber nun kann es wieder losgehen. Schreiben tue ich ganz gern. Im Winter macht es mir auch viel Spaß.

Jetzt sind wir ganz gut in der Wehr, das muß wahr sein. Aber der Anfang dauerte viele Jahre. Ich wollte meine Füße unter meinen eigenen Tisch stecken. Dazu war ich rübergekommen. Die Füße hatte ich dazu. Der Tisch fehlte. Wo er stehen sollte, das fehlte auch. Aber meine Knechtschaft sollte ein Ende haben. Wieschen dachte wie ich. So haben wir erst einen kleinen Platz gerennt, um das Land auszukundschaften und inwendig zu besehen. Dann wieder anderswo. Das dauerte im ganzen fünf Jahre. Da kannte ich das Land. Da griff ich zu. Aber mit Vorsicht, und für den Anfang war es man eine kleine Farm. Nicht zu trocken und nicht zu naß. Mitten im Busch und meilenweit vom nächsten Nachbarn. Das Land war auch noch billig zu haben.

Das erste, was wir taten, das war, wir bauten uns ein Blockhaus. Holz war genug da. Ich habe die Bäume ausgesucht und runtergenommen. Ich habe sie grob zugehauen. An die vier Ecken des Hauses stellte ich vier mächtige Baumstämme; die konnten schon einen Sturm aushalten. Die andern legte ich quer. Da waren die vier Wände fertig. Die Ritzen machte ich mit Lehm dicht. Etwas Kalk kam auch noch drüber; draußen auch. Das sah besser aus und hielt sich auch besser.

Dann noch einen kleinen Stall für sich. Oben ein kleiner Bodenraum, unten ein kleiner Keller ausgeschachtet. Das Haus hatte zwei Räume: einen zum Wohnen, das war zugleich auch die Küche. Einen zum Schlafen, darin standen zwei Betten. Einen Schrank machte ich selbst. Aber er hatte die Gewohnheit an sich, daß er nicht zugehen wollte. Erst wenn ich ihm einen mit dem Knie vor den Bauch gab, dann parierte er. Dann quiekte er wie ein Ferkel. Von dem Quieken hat er nicht abgelassen, solange er lebte. Tisch und Stühle glückten mir auch. Ich gab jedem aber auch soviel Beine, wie ihm zukamen. Bloß daß sie ein bißchen wackelig standen, was eigentlich nicht sein soll. Die beiden Fenster waren auch man klein, aber jedes hatte doch zwei Scheiben. In der Ecke stand ein kleiner eiserner Ofen. Der war im Sommer ganz gut, aber im Winter hat er immer still vor sich hingestunken. Na, allen Menschen kann man es nicht recht machen. Kachelöfen kennt man hier nicht. Hier hat alle Welt eiserne Öfen.

Als das Haus fertig war, da war ich froh, denn der Anfang war da, und es war meist eigene Arbeit. Die Nachbarn haben mir bloß beim Aufschlagen geholfen. Ein Blockhaus zu bauen dauert nicht lange. Die Hauptsache ist die Vorarbeit. Das Aufschlagen selbst dauert oft nur einen Tag oder zwei. – So freute ich mich. Aber Wieschen fand ich mennigmal, daß sie in der Ecke oder draußen stand und ihre Hantierung mit dem Schürzenzipfel hatte. Und als ich mit freundlichen Wörtern in sie eindrang, weißt du, was sie da sagte? Da sagte sie: Wenn unsere Wohnstube man so schön wäre wie der Schweinestall in eurem neuen Haus. – Hoho, dachte ich, so geht das nicht. Die mußt du ein bißchen aufmuntern, Jürnjakob Swehn, daß sie einen andern Glauben kriegt. Sonst sitzt ihr gleich von Anfang an im Dreck, und das Unvergnügtsein zieht mit euch rein ins neue Haus, und dann hilft dir kein Mensch und kein Gott. Wenn erst die Kinder kommen, dann gibt sich das von selbst. Aber bis dahin mußt du wahrschauen, daß sie ihren Schürzenzipfel nicht so oft braucht.

So hab ich sie bei der Hand genommen und bin mit ihr ums Haus rumgegangen und dann hinein, als wenn sie das alles zum ersten Male sah, und ich mußte ihr alles nun zeigen und ausdeuten: Nu kuck mal bloß, Wieschen, wo fein das läßt. Und lauter gesundes Holz. Das hat der liebe Gott hier extra für uns wachsen lassen, und wir haben es nicht gewußt, bis wir herkamen. Und die Bäume haben es auch nicht gewußt, und der Präsident auch nicht und kein Mensch, bloß der liebe Gott. So hat Abraham mit Sarah auch im Blockhaus gewohnt, und Josef, der Zimmermann, der hat akkrat solche Häuser gebaut, und besseres Holz hat er sein Lebtag nicht gehabt.

Und nun bekuck dir bloß mal die vier Stämme in den Ecken! Da ist Verlaß drauf, und sie zeigen genau nach den vier Winden, die wir in der Schule gelernt haben. Nu kuck mal um den da rum – ne, so mößt du kieken! – Denn hast du grad die Flucht nach dem Bänkenberg, und dahinter liegt unser Dorf, und wenn du dahin kuckst, dann kannst du ruhig die Hände folgen. Und hier über den Berg rüber, da wohnt der Präsident über das Land, und wenn du dahin kuckst, dann kannst du ruhig einen Knicks machen. Das kostet nichts.

Und nun erst die Fenster. Zwei Stück! Noah hatte man eins in seiner Arche. Zu dem da guckt die Sonne morgens rein und sagt: Guten Morgen! Nu man fix an die Arbeit! Ich bin schon raus aus den Posen. Aber zu dem andern kuckt sie abends rein und sagt: Nu holt man up un gaht man tau Bedd! Morgen is ok noch en Dag. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.

Daß so viele Ritzen da sind, das ist auch gut. – Na, warum ist das gut? sagt sie und hat den Schürzenzipfel nicht mehr in der Hand. – Ja, sage ich, da kommt frische Luft rein und geht der Rauch raus. Das ist billiger und besser als mit den neumodischen Luftklappen, die sie sich in den Städten ausgeklüstert (ausgegrübelt) haben. Und wenn wir abends so im Bett liegen, Wieschen, und draußen ist eine Mondfinsternis los oder so was, dann brauchen wir bloß den Kopf nach der Seite rumzudrehen, wo sie ist, und brauchen nicht mal aufzustehen wie die Reichen.

Wenn's aber regnen tut? sagt sie. – Dann freuen wir uns auch, sage ich; dann lassen wir's uns auf den Kopf regnen. Das ist echtes Haarwasser und ganz umsonst. Da tun die Haare nach wachsen. Auch ist der Regen gut für das Land, sage ich und merke, daß sie mich fest hat. So sagt sie auch gleich: ja, für das Land, aber nicht für die Betten! Und dabei lacht sie mich aus, weil sie mich festgekriegt hat, und ich freue mich darüber, denn Lachen ist besser als Weinen. Lachen gibt blanke Augen und blankes Herz. So sage ich: Da hast du richtig recht, Wieschen; aber weißt du, was wir dann machen? Dann nehmen wir den großen Plan und ziehen ihn über die Betten und schlafen weiter. Nein, so ein Dach, das ist zehnmal besser als: Ich setze den Hut auf und das Dach ist fertig. Nein, Wieschen, daß die Häuser hier auch ein Dach haben und daß sie inwendig hohl sind, das gefällt mir an Land Amerika. Das ist eine gute Sitte.

Aber nun mal weiter; wir sind noch lange nicht fertig. Hier im Süden ist ein Loch; da können wir unsern Nachbarn gleich die Hand durch geben, wenn sie vorbeikommen, und können fragen, woans es ihnen geht. Und wenn ich auf dem Felde arbeite und hier kommt wer an, dann brauchst du nicht mal die Tür aufzumachen, wenn du nicht willst. Das ist auch gut, denn Tramps und Stromer können hier auch mal vorkommen. So kannst du sie dir durch das Knastloch anbesehen.

Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, das Loch im Süden hat viele Jahre lang seine Schuldigkeit getan. Wenn da einer kam, dem sagten wir gleich durch die Wand durch guten Tag und guten Weg, und wenn ich draußen war und Wieschen drinnen und ich wollte was von ihr haben, dann langte sie es mir gleich durch das Loch raus. Aber im Winter stopften wir es mit altem Zeug aus. Mal eins war ich auf dem Felde, und sie hatte den Riegel nicht vorgeschoben. So stand da einmal ein Hausierer mit seinem Packen vor ihr. Aber sie wollte ihm nichts abkaufen. Da hat er mit Verachtung in den Ecken rumgeschnüffelt und gesagt: Man kann sehen, hier tanzt Powerlieschen hin! Sie aber hat ihm mit dem Besenstiel ein paar zwischen die Schulterblätter gegeben und dazu die Wörter gesagt: Und hier kann man sehen, wo Powerlieschen hinschlägt! So ist er ohne Segen und Geschäft hinausgekommen.

Ich aber hab ihr weiter das Haus erklärt und ausgedeutet: Wenn du glaubst, Wieschen, daß wir hier man eine Stube haben, dann glaubst du vorbei. Wir haben hier drei Stuben und eine Küche. – Wieschen macht runde Augen und kuckt an allen Wänden und an mir rum. – Es ist, als ich sage. Nu paß Achtung. – So nehme ich ein Stück Kreide und ziehe damit zwei Striche durch die Stube. Einen so und einen quer. Fertig! Nun hast du deine Stuben, und die Wände können wir uns sparen. Die sind auch bloß da, daß man im Dustern mit dem Kopf dagegenläuft. Hier ist deine gute Stube. Da kommt der Abreißkalender mit den bunten Bildern hin, den der Kaufmann mir zu Neujahr versprochen hat. Ich sage dir, Wieschen, mehr Tage hat der Präsident auch nicht in seinem Kalender.

Ja, sagt sie und lacht, das wird fein, da nötige ich immer meinen Besuch rein. Der soll dann unter dem Kalender sitzen. – Schön. Und hier nebenan ist meine Stube. So kann jeder in seinem Salon sitzen, und wenn wir was zu besprechen haben, dann ist uns keine Wand im Wege. – Sie nickköppt und wird ganz eifrig: Und hier ist natürlich meine Küche, denn da steht der Ofen, und hier nebenan, das ist unser Speisezimmer, denn da steht gut der halbe Tisch drin. – Richtig, Wieschen, und wenn wir uns nach dem Essen etwas verdauen wollen, dann brauchen wir hier bloß durch die Tür zu gehen, dann haben wir gleich den Busch vor uns. Nu sag mal bloß, Wieschen, was ist dagegen dem Großherzog sein Schloßgarten in Ludwigslust? En ganz lütten Drummel, segg ick di. Ne, mit den tusch ick noch lang nich!

Szüh, so hat sie einen andern Sinn bekommen und ist nicht mehr so traurig gewesen. Das war auch ganz gut. Denn ein neuer Anfang mit viel Arbeit und dazu ein trauriges Herz, was sich zu tun macht mit Schürzenzipfeln, das geht nicht. Aber das muß ich auch sagen: Als erst die Kinder kamen, da haben die dafür gesorgt, daß sie nicht mehr traurig wurde. Da hatte sie gar keine Zeit mehr, traurig zu sein. Das war auch gut, denn ich war ja meist draußen bei der Arbeit. Da hab ich aber auch gemerkt, wie es schafft, wenn man weiß, für wen man arbeitet und daß der Schornstein rauchen muß. Die Axt biß ganz anders in die Bäume, und die Sense ging ganz anders durch Gras und Korn. Da ging es vorwärts, und da ging es aufwärts.

 

Als das Haus fertig war, schlug ich den Busch nieder. Ich wurde Holzhauer. Die Axt fraß den Wald. Ich machte eine Masse Brennholz. Ich brauchte damit viele Jahre nicht zu sparen. Das Buschholz hab ich meist gleich verbrannt. Ich legte das Haus frei. Ich schob den Wald zurück. Jahr für Jahr tat ich das. Wenn's ging, rodete ich die Stämme aus. Saßen sie zu fest, so ließ ich sie stehen. So pflanzte und säte ich um die Stubben rum. Das sah bunt aus. Aber was das nachher für Korn gab, das glaubst du nicht. Halme wie dickes Rohr. Später sprengte ich die Stubben mit Dynamit. Das geht am schnellsten. Zwei Pferde schaffte ich mir auch an. Für den Anfang war das genug. Wege waren nicht da. Wo man fahren kann, da ist der Weg. So lautete hier die Wegeordnung. Wir hatten sie selbst gemacht. Aber das Umschmeißen gehörte auch zur Wegeordnung und war bei allen gebräuchlich. Ich hab in den ersten Jahren so oft umgeschmissen wie unser ganzes Dorf in zwanzig Jahren nicht. Das war mir zuletzt schon ganz geläufig geworden. Grade Wege konnten wir erst nach vielen Jahren bauen. Jetzt ist das auch allright. Jetzt sind die Wege auch grade. Erst waren sie bannig krumm.

Von der Arbeit kann ich dir nicht viel schreiben. Der viele Schweiß läßt sich nicht aufschreiben. Das Schwitzen haben wir redlich besorgt. Es gehört auch zur Arbeit; aber darüber schreiben tut man nicht und kann man nicht. Es war auch einen Tag und alle Tage dasselbe. Davon ist nichts zu sagen. Aber ich machte Jahr für Jahr mehr Busch zu Ackerland und Weide. Ich schob den Wald immer weiter zurück. Jetzt ist er hier schon dünn geworden. Dafür ist das Land teurer.

Lieber Freund, ich habe gehört, daß die Blizzards auch seltener werden, wenn das Land immer mehr unter den Pflug genommen wird. Ob da wohl was dran ist? Denken kann ich es mir nicht so recht. Zum Glück kommen sie nicht oft zu uns. Aber wenn sie kommen, dann kann man Gott danken, wenn sie das Haus nicht zu Eierkuchen machen. Einer zog hier durch, als wir noch im Blockhaus wohnten. Da mußten wir vom Haus nach der Scheune Stricke ziehen, um uns daran lang zu finden. Denn wir konnten unsere eigene Scheune nicht sehen, so gingen Schnee und Eisstücke nieder. Ohne die Stricke wären wir verirrt und umgekommen. Einen von den dicken Eckpfosten hat er auch eingeknickt. Zum Glück ging er bald weiter. Aber wo er seinen Weg genommen hatte, da hat er uns das Mähen für das Jahr gespart. Im Wald nahm er uns die Arbeit auch ab. Im nächsten Jahr bauten wir uns dann ein Steinhaus. Wieschen glaubte nicht mehr recht an Eckpfosten. Ich auch nicht.

 

Am Sonntag arbeitete ich nicht. Das hat mein Vater nicht recht gemocht und meine Mutter auch nicht. Wieschen und ich mögen es auch nicht. Einen Tag in der Woche muß der Mensch seine Ruhe haben und das Vieh auch. Es ist auch gegen das dritte Gebot. Bei den meisten Farmern im Land Amerika ist der Sonntag ein Tag des Schlafens. Wenn wir nicht zur Kirche oder zu Besuch fahren, dann schlafen wir auch. In den ersten Jahren konnten wir nicht oft fahren, denn für die Pferde war das auch Arbeit. Fünf Meilen hin und fünf Meilen zurück, das gab bei den Wegen lange Fahrt. So schliefen wir uns aus.

Du mußt aber nicht glauben, daß wir da nun so ganz einsam und gottverlassen wie die Wilden im Busch lebten. Oha, da geschah oft genug was. Einmal war uns eine Kuh weggelaufen, und das ist hier nicht so wie bei euch, wo sie bald wieder zurückgeholt wird. Nein, das war hier beinah so wie bei Saul, als ihm seines Vaters Esel ausgeritzt waren. Ich war einen ganzen Tag lang unterwegs, und dann fand ich sie im Busch in einer Lichtung. Da stand sie und graste wahrhaftig, als wenn bei uns die Hungersnot wäre. Daß sie mal auskniff, das hab ich ihr weiter nicht übelgenommen, denn so ein Vieh will auch mal was anderes sehen. Aber daß sie da so leidenschaftlich graste in dem sauren Zeug, wo sie zu Hause doch das beste Futter hatte, das ging mir gegen meine Ehre. Darum hab ich sie vor den Stock genommen, aber gründlich, und als das besorgt war, sind wir wieder nach Hause gezogen. Wieschen war sehr froh, als sie uns sah, denn es war ihre beste Milchkuh.

Nun kommt was anderes. Ich fuhr mit Schweinen nach dem Town. Es war noch in der Blockhauszeit. Ich saß oben auf dem Verschlag, unter mir tobten die Schweine wie wild. Ich redete sie mit freundlichen Wörtern an; es half nichts. Ich schalt auf plattdeutsch und auf amerikanisch, sie sollten ruhig sein. Aber die Biester hörten nicht auf plattdeutsch und nicht auf amerikanisch. Und dann empörte sich das größte Schwein, und auf einmal gab es unter mir einen Ruck, und siehe, ich flog mit meinem Sitz im Bogen runter vom Wagen. Als ich mich auf sammelte, da waren meine sieben Schweine mir nachgefolgt. Sie sausten in alle vier Winde auseinander, daß die Schinken man so flogen. Sie wollten sich die schöne Landschaft auch mal besehen. Ich im Schweinsgalopp hinterher. Es hat Mühe gekostet, Schweiß auch, aber zuletzt hatte ich sie doch alle wieder oben. Bloß eins hatte ein Bein gebrochen. Das kam von seinem großen Ungestüm. Mit dem Bein hat es mir viel Schaden getan.

Meinem Schwager ging es mal ähnlich so, aber doch ganz anders. Er brachte ein Kalb nach dem Town, das lag still in seiner Ecke, und mein Schwager saß still auf seinem Sitz. So bädeln sie beide ihren Weg und denken sich nichts Böses und dösen so vor sich hin. Der Braune vorn sagt nichts, das Kalb hinten sagt nichts, er in der Mitte sagt nichts. Du weißt ja, wie er ist. Es war aber an dem Tage viel warm, und er drusselt so sachte ein bißchen ein. Da löst sich beim Juckeln und Zuckeln hinten das KrettDas hintere Verschlußstück zwischen den Wagenleitern; auch der unmittelbar davorliegende Raum. vom Wagen. Es fällt runter und das Kalb auch. Er aber döst weiter. Er kommt in die Stadt. Er hält beim Schlachter. Der Schlachter kommt raus. Was bringst du? – Ein Kalb, sagt Heinrich und weist mit dem Peitschenstiel so eben über die Schulter nach hinten. Er macht nicht gern viel Wörter. – Ein Kalb? sagt der Schlachter; wo du dein Kalb gelassen hast, das mag der Präsident wissen. Ich kann's nicht finden. Da fängt Heinrich endlich auch an, sich umzudrehen, und als das besorgt war – na, das Gesicht hätte ich gerne gesehen, denn ich bin ein Freund von solchen Gesichtern. Dann ist er zurückgefahren und hat sein Kalb nachgeholt. Das hat ruhig am Weg gelegen und auf ihn gewartet, denn nüchterne Kälber sind schlecht zu Fuß. Zunicht gefallen hat es sich aber nichts; es geht ihnen ähnlich wie den Katzen.

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