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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Ob man hier mehr Kühe hält oder mehr Schweine, das kommt ganz auf den Boden an und auf die Arbeitskräfte. Da hab ich einen guten Kauf getan. Mein Land ist so beschaffen, daß ich beides halten kann, Kühe und Schweine. Vor zuviel Kornbau muß man sich hier hüten. Das gibt gute Schweine, macht auf die Dauer den Boden aber mager. In einer großen Wirtschaft ist vieles zu bedenken. Ich kann nicht dies Jahr einen Plan auf Schweinezucht machen und im nächsten einen auf Milchwirtschaft. Ist ein Plan festgestellt, dann braucht er Jahre zum Abwickeln. Das Ansetzen und Aufziehen von Jungvieh, die Erträge aus dem Vieh, das alles rechnet mit einer Reihe von Jahren. In der Farmwirtschaft ist das nun mal so, daß man Schlagordnung halten muß. Aber bis der Plan nach dem Überschlag abläuft, können sich die Marktpreise schon siebenmal verschoben haben, und man wirtschaftet jahrelang mit Schaden. Das ist mir auch schon so gegangen, und ich schmiß Jahr für Jahr mit meinen Dollars hinter meinen Kühen und Schweinen her. Dann sprach ich zu mir: Der liebe Gott hat den Menschen den Kopf nicht dazu gegeben, daß sie ihn hängen lassen, und die Arme nicht, daß sie am Leibe dalsacken. Das ist gegen Gottes Weltordnung und ist auch keine richtige Schlagordnung. Du mußt ihn wieder hochnehmen und wahrschauen und die Arme brauchen. Dein Pflug ist man bloß an einen Stubben oder Stein gestoßen. Du mußt ihn rumwerfen, Jürnjakob, daß du weiter deine grade Furche ziehst. – Wenn ich mir so mit freundlichen Wörtern zugesprochen hatte, dann ging es weiter mit der Arbeit, und es kamen auch immer bessere Zeiten. Nur bloß nicht den Kopf hängen lassen! Dann ist man hier verloren. Hier noch zehnmal mehr als bei euch.

Der Boden ist hier jetzt auch schon teuer. Der Acker kostet seine 100-150 Dollars. Ist der Platz gut und liegt er an der Bahn, dann wird der Acker schon mit 200 Dollars bezahlt. Vor 25 Jahren kostete er 50 bis 70 Dollars, und 50 Jahre zurück, als Iowa noch Regierungsland war, da wurde er billig abgegeben. Da gab es Farmer, die zahlten 3-10 Dollars per Acker. Wer zu der Zeit mit einer Handvoll Gold ankam, der ist heute ein gemachter Mann. Das meint, wenn er ordentlich gewirtschaftet hat. Aber die mit einer Handvoll ankamen, die kann man an den fünf Fingern abzählen und braucht nicht zum zweitenmal beim Daumen anzufangen. Wir andern mußten uns raufarbeiten. Wir brachten kein Geld mit, bloß zwei kräftige Arme, und das ist auch was wert.

Hans Wickboldt wohnt sechs Meilen Süd und hat eine kleine Farm von 80 Acker zu eigen. Sein Bruder, der Dicke, der in der Schule immer schlief und nicht aufpaßte, der ist hier aufgewacht. Er hat seinen Platz verkauft für 150 Dollars den Acker und 320 Acker in Süd-Dakota wiedergekauft zu 50 Dollars den Acker. Davon sind 120 Acker gebrochen. Das andere liegt noch so, wie der liebe Gott es geschaffen hat. Es ist billig. Wenn ihn man die Landagenten nicht behumbugt haben. Billiges Land ist hier schon verdächtig geworden. Da muß man die Augen aufmachen. Wer farmen will, der soll in Iowa bleiben. Das ist meine Meinung. In Iowa ist alles plenty: plenty Wasser, plenty Heu, plenty Korn, plenty Kartoffeln. – Johann Schröder wohnt acht Meilen Ost. Vier Jahre zurück ist er auch nach Dakota gegangen. Da hat er drei schlechte Ernten hintereinander besehen. Da hatte er genug. Da kehrte er zurück. Erst hatte er große Dakota-Rosinen im Sack und machte viele stolze Wörter von Dakota. Jetzt hat er sich bekehrt. Jetzt sagt er: Schweigt mir still von Dakota, sonst werde ich fuchtig. Aber es ist eine alte Einrichtung im Leben: Wenn einen dat Fell jäkt, denn möt hei sick kratzen.

Karl Schneider wohnt ebensoweit Nord. Er hat 320 Acker gekauft für 12 000 Dollars. Das ist billig gekauft, aber es ist auch schlechter Boden dabei. So bei 5000 Dollars Schulden hat er noch zu tragen. Aber er bringt die Farm hoch und ist fleißig dabei, die Schulden abzutragen. Bloß seine Frau ist viel krank, sonst wäre er schon weiter. So trägt er Schulden und Sorgen; aber es ist ein Unterschied da: die Schulden nehmen ab, und die Sorgen nehmen zu, denn die Frau wird wohl nicht wieder. Sie stammt aus Hohen-Woos. – Mein Schwager hat seinen Platz verkauft und 320 Acker getrennt. Aber das Land ist zu naß. Sie haben da auch viel kalt. Er fühlt sich da nicht gut. So will er wieder herkommen. Er hat auch noch Geld und Interessen, das meint in der Sparbank. In unserm Country wird er nicht mehr pachten können. In der Nachbarschaft ist es nicht anders. Was aber über den 100. Längengrad und westlich ist, das ist aus der Regenlinie. Da soll einer seine Nase von lassen. Sonst kommt es leicht, daß es ihn begriesmult.

Du hast mich gefragt, woans es Jochen Jalaß gehen tut. Das ist eine Geschichte, die fröhlich anfängt und traurig aufhört. Vier Sommer zurück, da kamen drei große Kerle mit mächtigem Bart bei mir an, und der eine hatte schon einen griesen Bart. Die stellten sich ganz breit und mastig hin, und als sie das getan hatten, da sprachen sie: Wir wollen dich besuchen, und dann wollen wir sehen, wo das Land offen ist. Sag an, kennst du uns noch? – Ich ging um sie rum. Ich besah sie von vorn und hinten: aber es war nichts Bekanntes an ihnen zu sehen. So sprach ich: In meinen Augen seht ihr grad nicht aus wie die Kundschafter aus Josefs Geschichte. Ihr seid bloß gekommen, um zu sehen, wo das Land offen ist, zu farmen. Ihr seid Mekelbörger und auch aus der griesen Gegend, so bei Eldena rum. An eurer Sprache hör ich das. Aber sonst kenne ich euch nicht. Saget an, wer ihr seid und woher ihr kommt. So gaben sie sich kund, und siehe, da waren sie alle aus unserm Dorf. Der mit dem griesen Bart, das war Jochen Jalaß, der mit dem hellen Fritz Schult und der mit dem braunen sein Bruder. Sie brachten mir die Grüße von Dir und von meinem Bruder und von vielen andern im Dorf und blieben gleich acht Tage bei mir. Da sind wir vier alten Knaben und Knasterbärte zusammen fröhlich gewesen. Das geht besser, als wenn man auf eigene Faust fröhlich ist. Sie waren alle auf Freikarten gefahren; so zieht hier einer den andern nach sich und oft seine ganze Verwandtschaft. Jochen Jalaß hatte die Karte von seinem älteren Bruder erhalten.

Als er dann bei seinem Bruder ankam, lag der krank zu Bett und kannte ihn nicht. Sie hatten sich in 47 Jahren nicht gesehen. Jochen war den Ostern erst zur Schule gekommen, als der andere fortmachte. Er hat es nicht glauben wollen, daß der Griesbart sein kleiner Bruder sei. Es hat lange gedauert, bis er sich bekehrt hat. Aber dann hat er richtig geweint und ihn über die Backen gestrakt, als wär er noch der kleine Junge, der den ersten Griffel noch nicht verbraucht hat. Und der andre hat an seinem Bett gesessen und von den Alten im Dorf erzählen müssen.

Aber Jochen hat ein trauriges Ende genommen. Als sein Bruder wieder besser war, wollte er mit ihm nach dem Town und Mehl gegen Korn eintauschen. Ein Krenzliner war auch noch dabei. Sie fahren mit der Karre auf den Schienen. Die Karren baut man hier gleich so, daß sie auf den Schienen spuren. Da kommt der Zug um die Ecke. Die beiden andern pressen sich gegen den Drahtzaun und machen sich dünn. Sie rufen Jochen zu, er soll sich auch dünn machen. Aber Jochen will noch schnell die Karre von den Schienen wuchten, daß es für den Zug kein Unglück gibt. Da faßt der Zug die Karre und schmeißt sie zur Seite, und ihn drückt es gegen die Karre. Er hat nur noch ein paar Minuten gelebt. Er gehört zu den Menschen, auf die man sich verlassen kann. Er war ein fleißiger Arbeiter. Es ist schade um ihn.

Du wunderst dich wohl, daß sie auf den Schienen fuhren und die Karren schon in der richtigen Spurweite gebaut werden, daß sie dazu passen. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, an solchen Dingen merkt man, daß dies Land auf der andern Seite der Erde liegt. Wenn bei euch in Deutschland ein Fuhrwerk über die Bahn fährt und der Zug kommt und überfährt den Wagen, dann wird alles genau untersucht, wer die Schuld hat. Wenn bei euch so was passiert, dann ruft gleich alles nach Staat und Obrigkeit, daß sie den Menschen schützen. Das ist hier anders. Hier sind keine Schranken an der Bahn, und wenn da ein Mensch überfahren wird, dann heißt es: Warum geht er auch gerade dann rüber, wenn ein Zug kommt? Das hätte er doch nicht nötig gehabt. Hier sorgt der Staat nicht so für den einzelnen Menschen. Hier muß der Mensch für sich selbst sorgen.

Wenn bei euch ein Eisenbahnunglück geschieht, dann heißt es nachher in der Zeitung als Überschrift: Zwei Tote, fünf Verletzte. Von denen wird dann ausführlich geschrieben, wie sie hießen, woher sie waren und was sie waren. Zuletzt wird dann noch kurz erzählt von den Waren und Gütern. Hier ist es umgekehrt. Hier schreiben die Zeitungen erst ausführlich vom Güterschaden, und ganz zuletzt heißt es dann: 16 Tote, 48 Verletzte. Die Bahnen sind hier ja auch meist Privatbahnen und leicht gebaut, und es sind etliche Bahnstrecken da, die sind im Lande verrufen, weil da so viel Unglück geschieht. –

Du fragst noch, wo Org Warnholz geblieben ist. In der Schule nannten wir ihn den Hebenkieker. Der ist es. Ja, wo der geblieben ist, das mag der Schah von Persien wissen. Ich habe seit der Überfahrt nichts mehr von ihm gehört. Seine Tochter wohnt hier in der Nähe, aber von ihrem Vater spricht sie nicht. Ihre Heurat ist abgebluckt. Es war einer da, der hat sich eine Woche auf dem gepolsterten Wiegestuhl rumgerekelt und hat sich füttern lassen. Der ist mit zwölf Jahren ins Land gekommen und hat noch keine zwölf Dollars gespart. So hat sie ihm die Handschuhe gegeben. Das ist so ein Sprichwort in diesem Lande. Das meint, sie hat ihn laufen lassen.

 

Lieber Freund, ich will dir heute ein Gleichnis machen, denn draußen schneit es, und ich habe Zeit dazu. Das soll dir zeigen, wie wenig ein Platz hier kostete, als die ersten aus unserm Dorf rüberzogen. Das waren die Gebrüder Dubbe. Einem von ihnen gefiel es in Minnesota nicht. So zog er nach Wisconsin. Da gedieh es ihm. Da schrieb er an seine Verwandten. Ich habe den Brief nachher als hartlicher (ziemlich herangewachsen) Jung gelesen. Er war vom 18. Februar 1851. Er hatte zwei kleine Farmen von 40 Acker gekauft; die kosteten zusammen 850 Dollars. Das ist heute wie ein Trinkgeld gerechnet. Mit der einen Stelle waren im Handel verbunden vier Ochsen, zwei Kühe, vierzehn Schweine, fünfzig Hühner, weiter Haus- und Wirtschaftsgeräte, achtzig Scheffel Korn und zweihundert Scheffel Kartoffeln. Die Plätze lagen beieinander. So hat er sie in eins verbunden. Dazu gute Gebäude, das Land ebener Plan und schwerer Boden, wovon in guten Jahren das 40. Korn fiel, in mittelmäßigen das 25. Und dabei 850 Dollars. Nimm mal bloß an! Heute kostet so eine Farm von 80 Acker mit allem, was dazu gehört, ihre 4000 Dollars, und das wird dann noch geboten, das meint überboten.

Da wurde kein Schwarzbrot gegessen, nur Weizenbrot. Darüber hat sich unser ganzes Dorf gewundert. Die Leute haben gesagt: Das ist wie im gelobten Lande. Denn der Honig hat auch nicht gefehlt, oder es war was Ähnliches. Denn er hatte soviel Zuckerahörner, daß er die Bäume nicht zählte. Denen zapfte er den Saft ab. Den dickte er ein zu Zucker oder Sirup. Er hatte das Jahr 600 Pfund Zucker und 200 Kannen Sirup. Ein Stück Zucker hat er mitgeschickt. Das hat die Runde im Dorf gemacht. Ich hab es nicht mehr gesehen. Es war so bei kleinem aufgeleckt worden.

Auch aus Kürbis bereitete er Sirup. Er hatte den Herbst zehn Fuder nach Hause gefahren. Soviel Kürbis wuchs nicht im ganzen Grabower Amt. Auch waren viele Obstbäume mit der Stelle verbunden, dazu ein kleiner Wald von Eichen, Buchen, Zedern und solchen Bäumen, die er noch gar nicht kannte. Als er den Brief schrieb, hatten sie die Schweine noch nicht gefüttert. Die gingen Mitte Februar noch in die Mast. An Abgaben zahlte er das Jahr fünf Dollars. Die wurden ihm aus dem Haus geholt. Weiter war er niemand nichts schuldig, und kein Mensch hatte weiter einen roten Pfennig von ihm zu fordern. Der Präsident auch nicht. Bloß die Arbeitslöhne waren da auch schon teurer. Er wollte da einen Wagen haben. Das Holz gab er drein, zugeschnitten hatte er es auch. Aber der Stellmacher rechnete es für nichts, und der Wagen kostete 46 Dollars.

Sonst aber war das alles wie ein Lobgesang anzuhören. Und nur 850 Dollars. Nimm mal bloß an! Als unsre Leute im Dorf das hörten von dem Weizenbrot, Zucker und Sirup, von dem billigen Land und den kleinen Abgaben, da haben sie sich über die Maßen gewundert und gesagt: Wo kann das bloß angehen, daß es so ein Land auf der Welt gibt, und wir wußten nichts davon bis auf diesen Tag. Da haben sich etliche auf die Socken gemacht und sind hingereist. Zuerst sein Bruder mit Frau. Er hatte ihnen Freikarten geschickt. Und der alte Willführ hat sich auch auf die Socken gemacht. Er war schon 80 Jahr. Er hat gesagt: Ich will auch mal in meinem Leben Weizenstuten sattessen. Bloß, er ist unterwegs auf dem großen Wasser gestorben.

Der alte Jauert aber hat die Leute gewarnt und gesagt: Was tu ich mit dem Weizenbrot, wenn ich mir da nicht ordentlich Butter aufstreichen kann? Der Mann hat eine große Wirtschaft und bloß zwei Kühe. Das paßt nicht zusammen, wo bei uns doch jeder Bauer im Herbst eine Kuh einschlachtet. Ne, ich will lieber bei meinem Schwarzbrot bleiben und mir da dick Butter aufstreichen. Da steckt mehr Murr dahinter. Und mit dem ollen Schmer von Sirup will ich mir den Magen erst recht nicht verkleistern. Daß die Schweine noch im Februar draußen rumlaufen, das ist auch gegen Gottes Weltordnung. Was ein rechtschaffenes Schwein werden soll, das gehört vom Herbst ab in den Stall und kriegt Schrot. Dabei setzt es auch dägten Speck an. Aber draußen rumlaufen, das gibt lauter matschigen (weichlichen) Speck und Funzelkram. Das ist mir nicht säuberlich genug in meinem Magen. Arbeiten kann ich hier auch. Ich bleibe, wo ich bin. – So hat er gesagt und hat damit viele bekehrt, denn sie sind in sich gegangen und haben ihm recht gegeben und sind im Lande geblieben. Die große Auswanderung kam ja erst später. Da bin ich auch mitgegangen, und es ist mir nicht leid geworden. Aber eine Farm mit voller Wirtschaft war da schon viel teurer. Achtzig Acker und nur 850 Dollars. Nimm mal bloß an!

 

Wieschen sagt: Du schreibst bloß von der Wirtschaft, du solltest auch mal von unsern Kindern schreiben. Ich sage: Wieschen, wenn ich von der Wirtschaft schreibe, so hat das seinen Grund. Wenn du aber sagst, daß ich von den Kindern schreiben soll, so hat das auch seinen Grund, denn wir haben eine gute Familie gereest, das meint aufgezogen. So will ich dir davon erzählen und will es gern tun.

Was mein Ältester ist, der hat in Iowa City studiert. Er will Doktor werden. Ein richtiger Menschendoktor will er werden. Wieschen wollte da erst nicht recht ran. Sie wollte lieber, er sollte Pastor werden. Das hat eine Mutter gern, wenn sie ihren Jungen auf der Kanzel sieht. Er hatte aber keine Lust zu priestern. So kriegte er seinen Willen. Es hat plenty Geld gekostet, aber er ist gut vorwärts gekommen. Er hat einen hellen Kopf und einen festen Willen zu arbeiten. Auf seiner Studierstube war es Mode, daß sie sich die Menschen von inwendig besahen. Ich sagte: Woso macht ihr das? Ihr könnt ihnen doch kein Loch durch den Bauch kucken. – Nein, wir schneiden sie auf. – Ist das, damit sie besser Luft holen können? – Nein, das tun wir, damit wir nachher Bescheid wissen, woans die Menschen inwendig getrachtet (geartet) sind. – Da hat er mir das richtig klargemacht, warum das gut ist für die andern Menschen, die heute gesund sind und morgen krank. Na, das muß wohl so sein, aber ich hab ihm gesagt: Macht auf eurer Schule, was ihr wollt. Aber mir bleibst du raus aus meinem Bauch, wenn ich mal krank werde. Da hast du nichts zu kucken. Das mußt du mir versprechen. Er wollte erst nicht recht ran. Er sprach: Es kann doch sein, Vater, daß du mal inwendig krank wirst und daß der Doktor dich nur durch eine Operatschon retten kann. Ich sprach: Das steht beim lieben Gott, mein Jung. Aber dann sollst du nicht der Doktor sein. Dann mußt du einen andern holen, auf den Verlaß ist. Es paßt mir nicht zu denken, daß du mal in meinem inwendigen Menschen herumfingerierst, wo ich doch der Vater über dich bin. Na, da hat er es mir auch versprochen.

Ich muß noch etliche Wörter von ihm machen, wo er doch mein Ältester ist und ich diese Wochen viel Zeit habe. Im letzten Winter auf dem College kam eine Zeit, daß er nach weltlichen Dingen trachtete. Er mußte mit einmal eine goldne Uhr haben, einen goldnen Ring mit Edelstein, eine goldne Nadel und all so'n Zeug. Das war nicht schlimm; aber der Sinn, der hinter dem Bammelkram steckte, der gefiel mir nicht. Der paßte nicht zur Familie. So nahm ich ihn mal mit raus aufs Feld, so ein paar Meilen weit, und da hab ich ihn so'n bißchen zurechtgestukt, und es hat geholfen. Wie ich das gemacht habe?

Ich hab zu ihm gesagt: Mir ist in der letzten Zeit mein altes Dorf und unser Haus oft durch den Sinn gegangen, wo ich nun doch auch alt werde. So will ich dir das mal richtig erzählen, daß du dir das ausmalen und mit Augen sehen kannst. Denn es ist immer gut für den Menschen, wenn er weiß, woher er kommt.

Es war ein alter Strohkaten, in dem wir wohnten. Er war niedrig im Dach, aber dafür der längste im Dorf. Darin gehörte uns eine Stube und eine Kammer. Wer lang aufgeschossen war, der tat gut, wenn er mit seinem Kopf den Balken aus dem Wege ging. Für einen hochmütigen Menschen war da schlecht wohnen. Wenn er aber in eins von den vielen Löchern im Fußboden trat, dann konnte er seinen Kopf hoch tragen. Dann ging das so eben. Der Fußboden war als Lehm auf dem Püttberg gewachsen. Man bloß, er brach immer aus. Aber sonntags streute die Mutter weißen Sand. Da sah er sehr schön nach Sonntag aus.

Mit den Kartoffeln war das ganz bequem eingerichtet. Die brauchten wir nicht weit aus dem Keller oder aus der Kammer zu holen. Sie lagen im Winter unter dem Bett in der Stube, daß sie nicht erfroren. Da unter dem Bett war auch noch Platz für einen gadlichen Pölk oder wenigstens für ein hübsches Ferkel; das sollte uns morgens mit seinem Quieken wecken. So sparten wir die Uhr. Aber Vater starb zu früh, und so weckte es uns bloß in Gedanken. – Die Wände waren Klehmstaken, auf beiden Seiten mit Lehm überworfen, und der Lehm war mit Häcksel vermischt. So war er nicht so vergänglich; so hielt er sich besser. Im Frühjahr konnten wir den Flieder schon durch die Wand durch riechen, und im Sommer ging die Sonne hindurch, daß wir die Tür nicht mal aufzumachen brauchten. So bequem hatten wir das. Gab es nichts zu riechen im Winter, dann lehnten wir bloß ein paar Strohkloppen gegen die Wände, und der Schnee mußte draußen bleiben. Der Ofen war aus festem Backstein und auch mit Lehm vom Püttberg überworfen. Er hatte eine wunderschöne grüne Farbe. Du kannst alle Pötters in den Staaten fragen, und keiner tut das raten, woher die grüne Farbe kam, und der Präsident weiß es auch nicht. Das war ein Geheimnis meines Vaters. Denn siehe, er hatte den Lehm mit Kuhdung vermischt; darum sah der Ofen so schön grün aus.

Bettstellen, Koffer, Tisch und Brettstühle, das hatten wir alles ganz umsonst, denn Vater hatte es selbst gemacht. Der Koffer hatte links ordentlich eine Beilade, wie das so Mode war, und unten in der Beilade lag der Geldstrumpf, wie das auch so Mode war. Meist aber war nur der Strumpf da, und so konnten wir ruhig schlafen. An der Wand hing ein kleiner Spiegel; der Belag war hinten an vielen Stellen schon abgescheuert; aber wir konnten uns doch noch ganz nett in dem Spiegel besehen, wenn wir Lust dazu hatten. Dann hing da noch ein Christus am Kreuz und die heilige Genoveva. Glas und Rahmen hatten sie nicht. So waren sie an die Wand genagelt und konnten nicht runterfallen. Die haben sich da gehalten, so lange ich denken kann.

Wenn Holztage waren, dann schoben Mutter und wir mit der Karre nach den Tannen hinter dem Roden Söcken und holten trockenes Holz. Das war eine Stunde hin und eine Stunde zurück und machte uns viel Spaß. Manchmal gab es in den Tannen auch einen Katteiker (Eichhörnchen) zu sehen. Aber Mutter mußte schieben, bis wir so weit rangewachsen waren, und sie mußte die Karre oft niedersetzen und sich verpusten. Vater verdiente vier Schilling im Tagelohn, aber es gab nur in der Aust und beim Dreschen was zu verdienen, und das Dreschen ging schon morgens drei Uhr los. Für uns Jungs war das Dreschen ein Fest, denn wir konnten nachmittags manchmal hingehen zum Bauern und uns auf den Strohkloppen wöltern (wälzen), und manchmal gab die Frau uns noch ein Butterbrot dazu. Siehe, so waren wir glücklich.

Das dauerte, bis der Vater starb. Er war nicht fest in der Lunge. Er hatte sich in der Aust erkältet. Er kriegte es mit der Lungenentzündung. Am letzten Tag sagte er zu Mutter: Es paßt schlecht, denn die Aust ist noch nicht zu Ende; aber meine Zeit ist um. Busacker will dir ein paar Bretter schenken, das hat er mir versprochen. Der alte Köhn will den Sarg umsonst machen; das hat er mir auch versprochen. Und der Lehrer will mit den Kindern ›Christus, der ist mein Leben‹ singen, das hat er mir auch versprochen. Dann hat er die Hände gefolgt. Als Köhns Vater den Sarg zunagelte, da hab ich die Nägel gehalten und kam mir sehr wichtig dabei vor, denn wir waren alle noch klein. Aber Mutter hatte nachher oft rote Augen.

So, mein Junge, nun weißt du, woher du kommst. Und wohin du gehst, das brauch ich dir nicht zu sagen. Bis dahin aber ist die Hauptsache, daß du ein tüchtiger Kerl wirst, der seine Sache versteht. Wenn du hier so weit bist, dann reist du rüber nach Deutschland, wo sie gute Ärzte haben. Da studierst du noch ein Jahr lang und kommst dann wieder zurück. Unterwegs aber kehrst du ein in unserm Dorf und siehst dich um nach dem alten Katen, und es kann nicht schaden, wenn du ihn dir aufmerksam in deinen Kopf und in dein Herz nimmst. Und für mich nimmst du ihn ab mit einem guten Abnehmerdings, wenn er da nicht von umfällt. Das Bild soll einen guten Platz in meiner Stube haben. Aber es muß ein gutes Bild werden, und das Abnehmen will auch gelernt sein, sonst wird das Bild nichts nütz. So kaufst du dir in den nächsten Tagen ein gutes Abnehmerdings und tust dir vorweg damit üben. Das alte Ding taugt nichts. Da kriegen die Leute bloß einen Schrecken von, wenn sie uns auf den Bildern sehen. Von dem letzten Bild, was du von mir und Mutter abgenommen hast, davon muß ich auch sagen: das ist gegen das vierte Gebot. Aber das andre, den Goldbehang und Kläterkram, das schlägst du dir aus dem Sinn. In unsrer Familie haben wir so was nicht nötig.

Da hat er mich mit blanken Augen angesehen und nichts dazu gesagt. Aber die Hand hat er mir gedrückt. Dann sind wir nach Hause gegangen. Er hat nachher sein Jahr in Deutschland studiert und ist ja auch drei Tage bei dir gewesen und acht Tage im Dorf. Das Bild hat er mir auch mitgebracht, und es ist eine Freude für meine alten Tage. Und dein Bild auch, wie du in der Schulstube stehst. Und ein Bild von dem Storch auf Brünings Haus. Nimm mal bloß an, er hatte noch keinen Storch gesehen, denn hier herum gibt es keine. Kannst du dir das denken?

Aber angeführt hat er mich doch. Ein Jahr später trug er doch einen goldnen Fingerring. Aber es war ein ganz glatter, und damit war ich denn auch zufrieden. –

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