Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Gillhoff >

Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
Schließen

Navigation:

Allerlei Lesefrüchte

Jetzt ist ein langer Winter mit wenig zu tun. So will ich meinen Winterbrief wieder anfangen, denn der Sommer ist nicht zum Schreiben da. Darum sind meine Briefe Winterbriefe.

Lieber Freund, in der Schule haben wir immer gedacht: Wenn wir man bloß erst aus der Schule sind. Jetzt wünschen unsre Kinder sich das. Denn sie schlachten nach ihren Vätern. Unter sich reden sie ja meist englisch. Darum müssen wir sorgen, daß sie auch deutsch lernen. Das tun wir auch, und die deutschen Lieder helfen uns dabei. Wenn wir abends fertig sind mit der Arbeit, dann sitze ich im Schummern gern am Ofen, und Wieschen liegt im Schaukelstuhl. Da hinter dem Ofen, das ist eine schöne Landschaft im Winter. Dann singen die Kinder in der Stube oder draußen die Lieder, die wir bei dir in der Schule gelernt haben: Ich hatt einen Kameraden. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Alle Vögel sind schon da. Der Mai ist gekommen. Und du kannst glauben, die Lieder klingen hier auf der Farm ebensogut und deutsch wie in old Country. Das kannst du mir richtig glauben.

Die Lieder lernen die Kinder hier in der deutschen Schule. Wir haben hier zwei Sorten Schulen, die Gemeindeschule und die Staatsschule. Wenn ich von der Staatsschule schreibe, das meint die englische Schule. Wenn ich aber von der Gemeindeschule schreibe, das meint immer die deutsche Schule. Die Staatsschule hat bloß etwas Deutsch. Aber die Gemeindeschule haben wir gegründet, damit unsere Kinder deutsch lernen und daß sie gute Christen werden.

In diesem Winter hab ich abends oft in den Lesebüchern der Kinder gelesen. Die werden groß und legen die Bücher aus der Hand. Siehe, so werden wir alt und nehmen die Lesebücher wieder in die Hand. Du mußt aber nicht glauben, daß wir sonst nicht genug zu lesen haben. Wir haben viel Papier im Hause, alles schwarz bedruckt. Aber zu glauben braucht man nicht alles, was da steht. – Da ist die ›Germania‹, das ist die große Zeitung, mit viel Papier. Dann eine kleine Zeitung mit dem, was so in der Umgegend von Springfield passiert. Du glaubst gar nicht, was da oft für Sachen drin stehen. Ganz andre als in euren Blättern.

So will ich dir aufschreiben, was so in unsern kleinen Zeitungen steht: Fred Miller hat seinem Sohn Charly in Mr. Wilsons Shop eine goldene Uhr zu 70 Dollars gekauft. In unserm Dorf würde der Jung Korl Möller heißen. – Henry Schmidt hat sich die Hand an einem Nagel aufgerissen; heilt gut nach den Umständen. – Mr. Acreman hat seit vorgestern Besuch von seinem Freund mit Tochter aus Virginia. Hatten sich zehn Jahr zurück zum letzten Mal gesehen. Mr. A. hat aus Freude ein Fest angestellt, wo es plenty Wein gab. – Wat seggst nu? Ja, das steht in unsrer Zeitung. Das muß der Zeitungsmann bringen, denn Fred Miller und die andren halten sie und wollen das von sich lesen. Na, so gut ist das auch noch, als wenn im Ludwigsluster Anzeiger steht, daß da achter Grabow ein Stall abgebrannt ist. – Dann halten wir noch die ›Abendschule‹. Das ist ein großes, dickes Heft mit vielen Bildern und schönen Geschichten und Beschreibungen aus Amerika und Deutschland. Sie kommt alle vierzehn Tage.

Aber die Lesebücher nehme ich doch immer wieder in die Hand. Sie riechen mehr nach der Heimat, denn viele von den alten Geschichten von drüben finde ich da wieder auf. Aber ich habe da was auf dem Herzen; darum muß ich dich fragen. Das mußt du mir ausdeuten. Wenn man den Winter über im Hause sitzt, dann macht man sich so seine Gedanken über das, was man liest. In der Jugend tut man das nicht. Aber nun werde ich bei manchen Sachen stutzig und fange an zu denken und muß mit dem Kopf schütteln, und dann sage ich: Das ist doch Unsinn, was da geschrieben steht. So mußt du es mir mal richtig ausdeuten. Wieschen sagt das auch. Sie sagt: Jürnjakob, zu viel denken ist ungesund. Es wird Zeit, daß es wieder warm wird, auf daß du draußen wirtschaften kannst. Jürnjakob, du hast von dem vielen Lesen Mehlwürmer im Kopf gekriegt. Ja, so sagt sie.

Dann stehen schöne Geschichten drin, die ich noch von der Schule her kenne, als da sind: Doktor Allwissend; Die Bremer Stadtmusikanten; Vom Wolf und den sieben Geißlein; Rotkäppchen; Frau Holle; Hans im Glück; Wessen Licht brennt länger? und die lustige Geschichte von den Heinzelmännchen in Köln. Auch die alten Fabeln von Luther lese ich gern wieder. Da ist Sinn drin, und sie passen noch heute zum Nachdenken. Auch mit den Kindern kann man die Sache bereden, daß das auch für uns hier paßt.

Auch schöne Gedichte sind in ihrem Lesebuch.

Aber dann sind da wieder Sachen, die sich ganz von selbst verstehen. So die Katze. Mein Junge liest: Die Katze hat einen runden Kopf, einen langen Schwanz und vier Beine. – Und von der Erde. Er liest: Die Erde ist nicht überall eben, es gibt vielmehr hohe Berge. Ich sage: Da steck man deine Nase nicht ins Buch. Kuck man lieber aus dem Fenster raus, da kannst du schon Berge sehen, und zu Hause war die Erde auch nicht eben. Da hatten wir den Buchenberg, den Schnellenberg, den Püttberg und noch andre. Aber aus Büchern haben wir das nicht gelernt, daß die da waren. – Er liest: Im Winter friert das Wasser. Ich sage: Das ist gut, daß das im Buche steht. Woher sollten wir das bei fünfzehn Grad Kälte sonst auch wissen. – Er liest: Von großer Wichtigkeit ist für den Landmann der Mist. Ich sage: Ja, das ist ein großer Trost, daß der Mist auch im Lesebuch steht. – Er liest: Das Schaf ist kleiner als der Ochse. Ich sage: Wo steht das? – Seite 184, Vater. – Die Seite mußt du dir merken. Wenn du dann in den Stall gehst, dann brauchst du bloß die Seite aufzuschlagen. Dann weißt du gleich, ob das Stück Vieh ein Schaf oder ein Ochse ist.

Dann vom Löwen. Er liest: Wenn der Löwe hungrig ist, so richtet er seine Mähne in die Höhe und schlägt mit dem Schwanz auf den Rücken. In einem solchen Fall wirft er alles um, was ihm in den Weg kommt. Wedelt er aber nicht mit dem Schwanz, so hat man nichts zu besorgen. – Lies das noch mal! – Er tut es. Ich sage: Wenn du draußen also einem Löwen begegnest, dann schlag man fix noch mal im Lesebuch nach, und dann mußt du nach dem Schwanz kucken. Läßt er ihn niederhängen, wie unsre Kühe, dann kannst du dreist auf ihn losgehen und ihn wegjagen. Wenn er damit aber auf dem Rücken rumhantiert wie die Kühe, wenn sie birsen wollen, dann ist es Zeit; dann kneif aus! Sonst stößt er dich um und Mutters Milchkannen und Eimer draußen und alles, was ihm in den Weg kommt. Er sagt: Ich weiß was Besseres, Vater. Ich brenne ihm einen mit der Büchse auf den Pelz.

Er liest den Heringsbrief. Da heißt es zuletzt: Sobald ich wieder einen Hering esse, werde ich mich lebhaft an alles erinnern, was uns der Lehrer über den Fang dieses wertvollen Tieres gesagt hat. Nimm auch Du beim Verspeisen des nächsten Herings meinen Brief noch einmal vor und vergegenwärtige Dir den Lebenslauf dieses trefflichen Bewohners des nördlichen Eismeeres. Schenke auch ferner Deine Liebe Deinem Freunde Paul. – Ich sage: Das ist eine umständliche Geschichte. Paß du man lieber auf, daß dir beim nächsten Hering keine Gräten in den Hals kommen. Das ist besser, als wenn du dir den trefflichen Eismeerbewohner im Brief vergegenwärtigen tust. Er sagt: Ja, Vater, warum steht es denn da?

Lieber Freund, warum stehen solche Sachen im Lesebuch? Das versteht sich ja alles von selbst. Wenn die Jungens ihre Augen aufmachen, dann sehen sie das so, daß das Wasser im Winter friert und daß das Schaf kleiner ist als der Ochse. Dazu brauchen sie kein Buch. Sie wissen das auch lange vorher, eh sie einen Buchstaben kennenlernen. Die das nicht sehen, das sind Schlafmützen. Die lernen es aus dem Buch auch nicht, so daß sie es brauchen können im Leben. Da kann ich den Mann wieder nicht achten. So geht das hin und her: Achten – nicht achten – achten – nicht achten. Akkurat wie bei Fritz Reuter: Hier geiht hei hen – dor geiht hei hen. Darum mußt du mir das Lesebuch mal auslegen, was du von den Sachen hältst, die ich dir geschrieben habe. –

Nun muß ich noch mal von solchen Sachen anfangen. Ich muß dir von zwei Knaben erzählen. Sie heißen Jakob und Fritz, manchmal auch anders. Aber bloß die Namen sind anders. Die Jungs sind dieselben. Sie leben nicht in diesem Lande. Sie leben bloß in den Sonntagsblättern für die Kinder und im Lesebuch. Sie sind immer böse und unartig. Sie gehen nicht zur Schule und lernen nicht. Sie stehlen dem Nachbarn am Sonntag die schönsten Äpfel vom Baum. Aber als sie reinbeißen, da sind die Äpfel madig, und es kommt ein alter, ehrwürdiger Mann mit einem langen Bart. Der priestert an ihnen rum und sagt ihnen einen langen, schweren Vers vor:

Das Böse mußt du anfangs gleich vernichten,
sonst wird's am Ende dich zugrunde richten.
War's heut noch im Entstehen zu ersticken,
steht's morgen riesenstark vor deinen Blicken.

Und dann bekehren sie sich. Aber nur für diese Geschichte. An einem andern Tag stehlen sie der Mutter Honig, Marmelade und Candy. Dabei geraten sie über Mausgift her und müssen lange im Bett liegen. Oder sie wollen sich eine Wurst aus des Nachbars Speisekammer holen. Aber da kommt jemand, sie springen aus dem Fenster und brechen ein Bein. Und dann kommt wieder der alte, ehrwürdige Mann mit dem langen Bart und den schweren Versen, und sie bekehren sich. Auf einen andern Tag quälen sie einen großen Hund, der an der Kette liegt; aber der Hund reißt sich los und beißt sie ins Bein. In einer andern Geschichte fahren sie sonntags im Kahn und fischen. Da kommt ein Gewitter auf, und der Blitz schlägt dicht neben ihnen ins Wasser. Aber der ehrwürdige Mann ist auch wieder da. Er rettet sie und sagt ihnen wieder einen von seinen langen, schweren Versen vor. Davon weiß er einen ganzen Posten. Damit bekehrt er sie, und dann trocknet er sie ab.

Sieh, so geht es immer mit den beiden Knaben im Sonntagsblatt. So was wie Äpfel stehlen oder Kahn fahren und Hunde quälen, das hab ich auch schon erlebt. Aber am Ende kam es meist anders als in den Geschichten. Die gestohlenen Äpfel waren nicht madig, der Hund riß sich nicht los, und Mausgift naschten die Jungs auch nicht. Wenn einer Schacht kriegte, dann war das gewöhnlich der, der stehenblieb, weil er ein gutes Gewissen hatte. Die andern kniffen rechtzeitig aus. Daß ein Haus angesteckt wurde, hab ich auch schon erlebt. Ebenso, daß ein armes Kind von einem reichen verachtet wurde. Aber der alte, ehrwürdige Mann mit dem langen Bart und den schweren Versen, nein, der war dann grade nicht da. Daß die Geschichten in den Blättern und Büchern stehen, das mag ja ganz gut sein, denn mancher Unband lernt da am Ende aufmerken. Aber im Leben ist das meist anders als in den Geschichten. Die Geschichten sind ja meist alle erfunden. Paßt nun das Leben, wie es für gewöhnlich ist, nicht zu den Geschichten oder passen die Geschichten nicht zum Leben? Das mußt du mir auch mal ausdeuten, daß ich da einen Klug in kriege.

Mit den Bekehrungsgeschichten für die Großen ist es manchmal auch nicht anders. Da war mal ein armer, alter Mann, der aß sein Brot mit Besenbinden und hieß Mellinger. Der gewann 500 Gulden in der Lotterie. Die Geschichte ist über drei Seiten lang und hört damit auf, daß der Alte sich das Geld für das Los zusammengebettelt hatte, und den Gewinn hat er auch vertrunken, und zuletzt ist er im Armenhaus gestorben. Wo er her war, stand nicht dabei. Aber die Geschichte paßt gar nicht fürs Land Amerika, denn das Lotteriespielen ist hier verboten und kommt selten vor. Dafür werden hier viele Wetten gemacht. Wieschen hat auch schon ein paar Dollars damit gewonnen. Aber das ist lange her. Jetzt wettet sie nicht mehr. Sie sagt: Wetten ist ganz schön; aber es hat den Fehler, daß die Wettmachersleute oft mit dem Gelde auskneifen, und dann hat man das Nachsehen.

Nach meinem Verstand ist Geld auch besser als kein Geld. So wie ich hier nun auf meiner Farm sitze, da könnte ruhig einer herkommen und sagen: Ich will dir viel Geld geben, wenn du dann wieder arm sein willst – siehe, ich würde das nicht eingehen. Aber das stimmt auch: ich bin durch Arbeit vorwärtsgekommen und nicht durch Lotteriespielen oder Wetten. Die Geschichte ist mir zu unsicher. Aber etwas Unrechtes kann ich da nicht drin finden und Sünde erst recht nicht, wenn der alte Besenbinder seine 500 Gulden auch zehnmal versauft. Na, es wird für den Sonntagsgeschichtenmann auch wohl schwer sein, es allen Leuten gerecht zu machen. Erst recht, wenn einer davon sich im langen Winter steife Knochen ansitzt und sich einen dicken Kopf anliest, daß er davon Mehlwürmer im Kopf kriegen tut, wie Wieschen sagt.

Ich habe dir von den Fabeln geschrieben und daß sie gut zum Nachdenken passen. Lieber Freund, der Umgang mit Fabeln ist nicht ganz leicht im Land Amerika; denn die Kinder fragen manchmal Dinge, auf die kein Mensch antworten kann. Wieschen ist manchmal auch so. Ich las: Es lief ein Hund durch einen Wasserstrom und hatte ein Stück Fleisch im Maul. Wieschen sagte: Die Frau hätte man lieber die Tür zumachen sollen, daß der Hund ihr nicht in die Küche kam. Ich las weiter, aber bloß mit dem Mund. In meinem Herzen sprach ich: In den Fabeln ist Sinn drin; aber was das Weib da eben sagt, das ist auch nicht ohne Verstand. – Nachher lese ich: Ein Hahn scharrte auf dem Mist und fand eine köstliche Perle. Wieschen spricht: Der Hund trägt das Fleisch aus der Küche, und die Perlen liegen im Mist rum. Das muß eine ganz lotterige Wirtschaft gewesen sein. Da gefällt mir die Frau im Evangelium besser, denn sie suchte ihr Geldstück, bis sie es fand, und das war man bloß ein Groschen. Das war eine ordentliche Frau.

Ich aber war ärgerlich in meinem Herzen, daß sie die Fabeln verachtete. Darum sprach ich: Na, Wieschen, als Muster und Beispiel kann ich die Frau grade nicht achten. Denn als sie den Groschen gefunden hatte, da lud sie alle ihre Freundinnen und Nachbarinnen ein, als wenn sie wunder was gefunden hatte. Da hat es natürlich Kaffee, Kuchen und Candy gegeben, und dabei ist der Groschen drauf gegangen und die andern neun auch und vielleicht noch mehr. – Als ich das gesagt hatte, da merkte ich, daß ich unverständig gesprochen hatte. Aber es war zu spät, denn es fielen alle über mich und sprachen: Das ist eine unchristliche Rede, die du tust, Vater, denn die Frau steht im Evangelium und ist ein Gleichnis. Darauf konnte ich ihnen nicht antworten.

Es kam ein anderer Tag, und ich las: Eine Maus wäre gern über ein Wasser gewesen und konnte nicht. Da bat sie einen Frosch um Rat und Hilfe. Die Kinder sprachen: Vater, warum ist die Maus nicht auf ihrer Seite geblieben? Vater, hatte die Maus einen Bindfaden bei sich oder haben sie das mit dem Schwanz von der Maus gemacht? Vater, wenn der Knuppen ordentlich fest gemacht war, dann konnte der Frosch doch nicht schwimmen. – Da hab ich ihnen die Fabel ausgedeutet: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Aber damit waren sie auch nicht zufrieden und sprachen: Die Maus ist unschuldig gewesen und doch mit gefressen worden. Wo bleibt da die Gerechtigkeit, Vater? Aber ich war müde von ihrem Fragen und sprach: Ein Narr fragt mehr, als sieben Weise antworten können. Damit machte ich, daß ich fortkam. Draußen sprach ich zu mir: Wenn man heut ein Vater ist im Land Amerika, dann muß man bei Luther seinen Fabeln manchmal schwitzen.

Darum habe ich ihnen lange Zeit keine Fabeln mehr erzählt. Darum hab ich mich mehr zu den Sprichwörtern bekehrt. Das ist eine lustige Gesellschaft und ist Weisheit von der Gasse, was über die Sprüche Salomonis zu lesen ist. Aber die Kinder hatten mich mit ihren Fragen angesteckt. Sie sahen den Frosch, die Maus, den Hund und den Hahn mit andern Augen an. Als ich mir die Sprichwörter mit meinen Augen besah, da war da Sinn und Verstand drin wie in den Fabeln. Als ich sie aber mit den andern Augen betrachtete, da waren ihre Wörter oft töricht und unsinnig, und man kann sein Leben keine 24 Stunden lang mit ihnen einrichten.

Zum Exempel. Ich hatte zu den Kindern gesagt: Ein Narr fragt mehr, als sieben Weise antworten können. Aber das hält kein Narr aus, wenn da sieben weise Männer um ihn her sind und auf ihn losreden; denn alle weisen Männer in den Büchern reden viel.

Salz und Brot macht Wangen rot. Schinken und Brot ist sicherer. – Man darf die Katze nicht im Sack kaufen. Das tut auch keiner. Junge Katzen kriegt man meist geschenkt. – Einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul. Das tut man auch nicht, weil einem kein Gaul geschenkt wird. Das ist anders als bei den Katzen. Aber im Sprichwort wird die Katze gekauft und der Gaul geschenkt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Es gibt viele Leute, die lügen und betrügen ihr ganzes Leben lang und machen dabei gute Geschäfte. – Geduldige Schafe gehen viel in einen Stall. Das ist ein schöner Trost für die geduldigen Schafe. Aber die ungeduldigen Schafe und die Böcke, die um sich stoßen, die werden bedient wie der Präsident im Geschäft, in der Eisenbahn und im Hotel.

Mit Geduld und Spucke fängt man eine Mucke. Das gilt bloß für Leute, die weiter nichts zu tun haben. Hier auf der Farm geht das schlecht. Im Sommer gibt es Mücken, aber dann hab ich keine Zeit dazu. Im Winter hab ich Zeit, aber dann gibt es keine Mücken. Wenn ein weiser Mann kommt und mir mit dem Sprichwort einen guten Rat gibt, soll ich mich dann geduldig hinsetzen und spucken und Mücken fangen? Wenn Wieschen oder die Nachbarn das gewahr werden, dann stecken sie mich bei lebendigem Leibe ins Bett und machen mir kalte Umschläge. Und wenn ich das einen Tag lang doch tu und so'n Stücker zehn Mücken zusammenkriege, was soll ich dann damit anfangen?

Ja, so ist das mit den Sprichwörtern, wenn man sie mit den andern Augen ansieht. Dann sind sie unklug, und man kann sein Leben nicht nach ihnen einrichten. Aber weißt du, was Wieschen sagt? Sie sagt: Jürnjakob, es ist ein Glück, daß du übermorgen anfangen willst zu pflügen. – Warum ist das ein Glück, Wieschen? – Weil du dir dabei die andern Augen wieder abschaffst. Die Hantierung mit dem Federhalter ist nicht so gesund als die mit dem Pflugstock. Und den weisen Mann, den kannst du dann beim Meßstreuen anstellen. Das ist mehr wert als sein Rumpredigen, wo er doch immer zu spät kommt mit seinen Sprichwörtern und mit seinen Versen.

Da wunderte ich mich bei mir selbst und sprach: Was das Weib da eben gesagt hat, das könnte ganz gut in einem Buch von der Weisheit auf der Gasse stehen, denn da ist Sinn drin. Sie hat auch andre Augen. Sie sieht Sprichwörter und Fabeln von Haus und Hof aus an. Von da aus sieht sie auch alle Dinge und Menschen. Darum ist ihr Auge auch so sicher und gesund. Ihr Sichersein ist inwendig und kommt nicht von außen. Du bist all die Jahre neben Wieschen hergegangen und hast es nicht gewußt; aber du mußt Ehrfurcht vor ihr haben. Denn siehe, das ist eine ganz andre Nation, die, wo ihre Sicherheit in sich selbst hat und nicht davon abweicht, weder zur Rechten noch zur Linken.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.