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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Der Exam. Von einer jungen Lehrerin
und von alten Erinnerungen

Nu geiht dat Kratzen mit de Fedder wedder los. Ich wull all vör acht Dag anfangen. Äwer bi weck Baukstaben müßt ick söß Mal taukratzen. Dunn dacht ick: Dat kümmt blot von de dämliche Fedder. Äwer de Fedder hadd ditmal kein Schuld. Dor wer kein Black mehr in de Buddel, un wenn ick kein Black heff, kann ick nich schriewen. Süß bün ick bannig fix in de Fedder. Blot nahher lesen, dat is en slimm Stück. – Uncle Sam ward ümmer barmhartiger gegen sin Kinner. De Breifdräger kümmt nu all jeden Dag. Äwer de Stüern warden ok jedes Jahr gröter! Nu man los!

Ich will dir was erzählen, wo du keine Ahnung mehr von hast. Der alte Suhrbier fragte Jochen Möller mal in der Schule, wieviel Läuse in Ägyptenland waren, und Jochen sagte: Einen ganzen Kartoffelsack voll, und das sagte er mit einem ernsthaftigen Gesicht, denn er sah immer einbömig (einerlei) aus. Beim Essen auch. Ich habe damals oft nachgedacht, woher er das wohl wissen täte. Denn in der Bibel steht nichts davon, daß Moses sie mit Scheffel und Himpen aufgemessen hat. Es war noch vor dem großen Feuer, als das halbe Dorf abbrannte, und wir waren alle so bei zehn, zwölf Jahr rum, also in einem Alter, was so recht zum Nachdenken anzufangen paßt.

Und Karl Gaurke wollte mal ausprobieren, wo heiß es in der Hölle wär. Es war so gegen Herbst, und wir hüteten Kühe auf dem Plahst und dem Stör und in der Strichel. Wir sagten: Wo willst du das anfangen? Er sprach: Das sollt ihr bald sehen. Dann nahm er Tannenquäst und Olm und Busch. Das war im Sommer schön trocken geworden. Damit machte er ein mächtiges Feuer auf dem Grabenwall zwischen Plahst und Stör. Als es brannte, zog er sich splitternackt aus und setzte sich wahrhaftig da mitten mang, und wir standen rum und kuckten zu. Man bloß, heil lange hat er das nicht ausgehalten. Er fing an zu schreien und ritzte aus. Im Krullengraben war noch Wasser, darin hat er sich abgekühlt. Dann mußte er ein paar Wochen zu Bett liegen, weil daß er hinten ganz voll Blasen war. Vom Maukern und vom Stuten beim Flachsbraten hat er nichts mehr abgekriegt. Als er wieder raus war und hinten alles heil, da hat er Schacht auch noch gekriegt, denn sein Vater verstand in heiligen Dingen keinen Spaß. Es durfte ihn hinfort auch keiner darum fragen, wo heiß es denn eigentlich in der Hölle wär. Sonst wurde er falsch. Wenn du ihn siehst, dann frag ihn mal, ob er das noch wissen tut. – Nein, frag ihn man lieber nicht.

Das war wohl in demselben Jahr, aber im Sommer. Da saßen wir so'n Stücker sechs Jungs beim Kuhhüten auf der Guhls. Die Kühe mußten sich allein hüten, und das taten sie auch, denn der erste Schnitt war runter von den Wiesen. Wir saßen auf dem Wall und aßen Brommelbeeren. Dazu sprachen wir vom Angeln und von Regenwürmern und Chinesen. Denn morgens in der Schule hatten wir im Lesebuch gelesen, daß die Chinesen gern Regenwürmer essen mögen. So sprachen wir davon, ob die deutschen Regenwürmer sich auch wohl essen lassen täten. Denn bei uns in Meckelborg war das nicht Mode. Und ob man sie auch auf Butterbrot legen könnte. Da sagte Krischan Kollmorgen – weißt du, der nachher Schneider-Jürn-Jochen seine Dürten zur Frau nahm und nach Vielank zog, – der sagte: Warum soll man sie nicht auf Butterbrot essen? Was die ollen dämlichen Chinesensleute können, das kann ein richtiger Meckelbörger Jung noch alle Tage. Man muß da bloß aufpassen, daß sie nicht runterkriechen. Und so viel Fett als ein Spickaal zu einem Schilling auf dem Martinimarkt in Eldena, so viel hat ein guter Regenwurm noch alle Tage. Als er das gesagt hatte, da sagte er: Ich will es probieren. Aber ihr müßt mir was dafür geben, umsonst kann ich das nicht machen.

Wir sprachen: Ja, das wollen wir denn auch noch tun. So setzten wir fest, was wir ihm geben wollten. Dann nahmen wir unsere Taschenmesser und gruben Regenwürmer aus und warfen sie ihm zu, denn er war auf dem Wall sitzengeblieben. Er aber fing sie auf und wischte sie ab; dann steckte er sie in den Mund und aß sie auf. Zu jedem Happen Butterbrot einen Regenwurm. Für einen kleinen, magern kriegte er zwei Zwicken für seine Peitsche, für einen mittelgroßen drei und für einen ganz großen, fetten vier Zwicken. Siehe, er hat sich den ganzen Sommer über keine Zwicken mehr zu drehen brauchen. Aber er hat doch mächtig geschluckt und gewürgt, wenn er von Natur auch hartfratsch war, und hat uns keine Wette mehr angeboten.

So wurde alles ganz richtig ausprobiert. Bloß unsere Kühe waren weildes in dem Schulzen seinen Hafer gegangen, und der Schulze kam und jagte uns mit der Peitsche auseinander. Am andern Tag fragten wir Krischan, woans ihm die Pierenmahlzeit (Regenwürmer) bekommen wäre. Da schüttelte er sich noch und sprach: De Gesmack is verschieden, säd de Düwel, dunn hadd hei in'n Düstern 'ne Pogg für 'ne Bier (Frosch für 'ne Birne) äwersluckt. Äwer seggt man blot min Großmudder nicks!

 

So will ich dir diesen Winter erzählen, wie es hier mit der Schule steht und wie es zu Anfang war, als wir herkamen in dies Land. Ja, jetzt ist alles ganz allright. Aber zu Anfang war es damit spaßig und schlimm in ein und derselben Zeit, und die Gören wuchsen auf wie die Tiere im Busch. Ich war damals noch Knecht auf der Farm, und die Farmer da herum hatten noch nicht recht was vor den Daumen gebracht. So konnten sie kein Schulhaus bauen und sich auch keinen Schulmeister leisten. Da erbarmte sich der Pastor über die Not, indem er sich aufs Pferd setzte, denn er wohnte ein paar Tagreisen ab. Da holten wir alles zusammen, was so seine sechs bis acht Meilen in der Runde wohnte. Dann predigte er uns und hielt Schule mit den Großen, die konfirmiert werden sollten; die Kleinen saßen dabei und hörten zu. Viele schliefen auch ein. Wenn noch Zeit über war, dann fiel auch für sie noch was ab: Buchstabenlesen und Rechnen. Hatte das so ein paar Tage gedauert, dann ritt Gottes Wort auf seinem Braunen nach einer andern Farm und lehrte dort. Das war aber bloß zu Anfang.

Als ich meine erste Farm gerennt hatte, da saßen in der Gegend schon Mecklenburger. Wir wollten einen Lehrer haben. Wir machten es bekannt beim Kaufmann und in zwei Zeitungen. Da meldete sich keiner. Wir machten es noch mehr bekannt. Da meldete sich einer. Aber wir sollten ihm Reisegeld schicken. Wir machten es noch mehr bekannt. Da meldete sich wieder einer. Den ließen wir kommen. Sein Rock war vorn und hinten einesteils heil, andernteils entzwei. Aus seiner Bücks kuckte hinten das Hemd raus, und das war man auch so so. An einem Schuster war er wohl lange nicht vorbeigekommen. Na, das ließ sich alles flicken. Aber der Mann roch vorn und hinten nach Schnaps. Inwendig wohl auch. Wir fragten ihn nach seinem Herkommen.

Er sprach: Ich komme von einem großen Hamburger Auswanderungsschiff. – Was hast du da gemacht? – Ich bin da Obersteward gewesen. – Warum bist du nicht dageblieben? – Der Kapitän konnte mich nicht leiden. – Wieso konnte er dich nicht leiden? – Er schnückerte immer zwischen den Töpfen rum, und ich kann keine Topfkuckerei leiden. Auch wollte er mir immer in mein Kochen reinreden. So hab ich ihm eine Tasse mit Kaffee an den Kopf geschmissen, und das wollte er sich nicht gefallen lassen. Wir haben uns dann gleich in der Küche auseinandergesetzt, aber er hat das meiste gekriegt. So bin ich von ihm gegangen. – Na, sage ich, wenn es an dem ist, dann sehe ich schon, dann wirst du dir wohl Respekt verschaffen in der Schule. Aber mit der Kaffeetasse schmeißen, noch dazu, wenn sie voll Kaffee ist, das ist bei uns kein Gebrauch. – Ja, meinte er, das könnte denn ja auch nachbleiben.

Er kriegte nun auch eine Pfeife, und als sie brannte, sagte ich: Wir wollen jetzt den Exam abhalten; denn wir müssen dich prüfen, was du weißt. So sprach ich, denn die andern hatten mich als Oberhaupt gewählt. Der eine sprach: Mir sind beim Schreiben die Buchstaben im Wege. Der andre: Ich weiß mit dem Einmaleins nicht mehr so recht Bescheid. Der dritte: Beim Lesen kommen mir immer so viel Stubben in den Weg. So saßen sie am Tisch oder hinter dem Ofen und schmökten und hörten andächtig zu. Es war am Sonntagnachmittag.

Ich will dich prüfen, sagte ich. Denn man zu, sagte er und spuckte aus. Das verstand er. – Erst in der Bibel, sagte ich. – Das wird schlecht gehen, sagte er, meine hat der Kapitän einbehalten. – Das macht nichts. Weißt du noch was von dem, was in der Bibel steht? – Ja, sagte er, einen ganzen Posten. Da sind viele fromme Geschichten in von Abraham und David und von den Hirten auf dem Felde und von Luther und Pharao und Karl dem Großen. – Na, sage ich, den laß man raus. Aber erzähle mal, was du noch von Pharao weißt. – Oh, das war ein sehr edler Mann. – Kannst du uns das aus der Schrift beweisen? – Na, meint er und spuckt aus, sonst wär er doch nicht mit in die Bibel gekommen. Das ließ sich hören, war aber verkehrt. Weißt du noch was von der Weihnachtsgeschichte? – Gewiß, das ist von den Hirten und von den Schafen, die da auf der Weide im Grase gingen. – Erzähle uns die Geschichte mal. – Siehe, da wußte er kein Sterbenswort von der Weihnachtsgeschichte. Kannst du dir das wohl denken? So sage ich: Na, denn mal die Geschichte von dem Meeressturm. Die wirst du wohl kennen, wo du doch oft auf dem großen Wasser gewesen bist. – Ach, sagt er, was ist da viel von zu erzählen. Da ist ein Sturm wie der andre. Aber als ich mal um Kap Horn rumfuhr... – Kap Horn steht nicht in der Bibel. So wollen wir mal sehen, woans du im Alten Testament beschlagen bist. Wieviel Söhne hatte Jakob? Er wußte es nicht. – Wer war Jakob sein Vater? Die Verwandtschaft war ihm auch fremd. – Dann erzähle mal die Geschichte von Pharao seinen Träumen. Weißt du, was er da sagte? Da sagte er: Auf Träume geb ich nicht viel. Ja, so sagte er und wischte sich den Schweiß ab und spuckte aus.

So wollen wir das Gesangbuch vornehmen. – Schön, sagte er, im Singen hatte ich immer Nummer 1. – Singen kommt nachher auch noch. Erst aber aufsagen. Kennst du den Gesang: Vom Himmel hoch, da komm ich her? – Gewiß! Was wollt ich den nicht kennen! – Na, dann sag ihn mal auf. – Aufsagen? Weiter weiß ich ihn auch nicht, als du ihn eben aufgesagt hast. – Ich fragte ihn noch einen ganzen Posten. Er rauchte und wußte von nichts.

Na, denn mal weiter in dem Exam. Nun kommt geistlich Singen. Was kannst du da? – Oh, eine ganze Masse. – Das ist schön. Unsere Kinder müssen singen lernen, daß es man so schallt. Dann sing uns mal eins vor, aber recht schön. Er spuckte aus und nahm die Pfeife aus dem Munde. Er fing an und sang: Adam hatte sieben Söhne. – Aber das ist doch kein geistlich Lied! – Aber Adam war doch ein geistlicher Mann! – Dagegen konnten wir nichts sagen, aber es war verkehrt.

Na, denn mal ein weltliches Lied, so wie die Kinder es in Deutschland in der Schule singen. Kannst du eins? – Gewiß, im Singen hatte ich immer Nummer 1. Aber ich muß mich erst besinnen, denn es ist lange her. Er klopfte seine Pfeife aus, stopfte sie wieder, zündete sie an und machte ein paar Züge. Dann spuckte er aus, legte sie auf den Tisch und sagte: Nun weiß ich eins. So fing er an zu singen. Er sang: Möpschen, wie früh schon fliegest du jauchzend der Morgensonne zu. – Iwo, Möpse und andre Köter können doch nicht fliegen! – Ist mir ganz egal, sagte er, aber ich hab mal zu Weihnacht ein Buch geschenkt gekregen, da standen lauter solche Sachen ein; dies auch. Das war ein kleines Buch mit Bildern. Haifisch hieß der Mann. – Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, was er da sang, das war Unsinn, und was er sagte, das war auch Unsinn. Wir kuckten uns an. Heinrich Folgmann steckte sein Gesicht hinter dem Ofen raus. Er sprach: Meine Großmutter kannte einen Menschen, der führte einen solchen Lebenswandel: Erst trank er sich voll, dann fiel er unter den Tisch. Dann sprach er: Das ist eine ganz natürliche Sache. – Wir kuckten uns noch mal an, aber wir konnten nichts gegen das Buch sagen, denn wir kannten es nicht. In Not waren wir auch. So ging der Exam weiter. Nun kommt der Katechismus, sagte ich, kennst du den noch? – Gewiß. Aber meinen hat der Kapitän einbehalten. – Wieviel Hauptstücke stehen da drin? Er wußte es nicht. – Wie lautet das vierte Gebot? Er tippte auf seine Pfeife und sagte: Die hat auch nicht recht Luft. – Wie lautet dein christlicher Glaube? Er purrte an der Pfeife rum. Er sog lange daran. Er sprach: Du mußt mir den Anfang sagen. So sprach ich vor, und er sprach nach: Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden. Er schwieg. Wir halfen ein. Er rauchte. Er setzte wieder an. Er schwieg. Wir halfen wieder ein. Endlich mußten wir damit aufhalten, und das war noch lange vor Pontius Pilatus.

Da waren wir mit der Religion fertig. Ich sprach: Na, in heiligen Dingen bist du im ganzen man ziemlich mäßig beschlagen. Aber etwas hast du ja gewußt. Nun sollst du noch geprüft werden in Lesen, Schreiben und Rechnen. Ich nahm das Lesebuch. Ich schlug eine Geschichte auf. Ich schob ihm das Buch rüber, tippte mit der Pfeife auf die Überschrift und sprach: Lies das mal! – Er kuckte das Buch an. Er kuckte uns an. Er kuckte das Buch wieder an. Er kuckte uns wieder an. Dann wurde er falsch und sprach: Über Kopf lesen, das war zu meiner Zeit noch nicht Mode. Wenn eure Kinder so lesen lernen sollen, denn müßt ihr euch einen andern Schulmeister suchen. Dies ist ja eine ganz verrückte Landschaft hier. – Wir kuckten ihn an. Wir kuckten uns an. Heinrich Folgmann steckte sein Gesicht wieder hinter dem Ofen hervor. Er sprach: Meine Großmutter kannte einen Menschen, dem war als Kind ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen. Darum betrachtete er sich gern die Natur. Er sprach: Der Krebs ist das einzige Geschöpf, das einen vernünftigen Lebenswandel führt. Es wird erst wieder besser werden in dieser verdrehten Welt, wenn wir unser Leben machen wie die Krebse.

Am liebsten hätte ich unsern Obersteward rausgeschmissen. Aber wir waren in Not. Darum kam jetzt Schreiben. Ich schob ihm einen halben Bogen Schreibpapier hin: Da schreib mal deinen Namen auf, damit wir sehen, wie du im Schriftlichen bist. Er hieß mit seinem Namen Bernhard Stöwesand. Aber er war mit dem Stöwe knapp fertig, da war er schon über den Bogen rüber.

Zuletzt Rechnen. Ich sprach: Woviel ist die Halbscheid von 23? Da hat er sich lange besonnen und viele Schwefelsticken verbraucht. Zuletzt sagte er: Die Aufgabe ist falsch. Es geht nicht auf. 11 ist zu wenig, 12 ist zuviel. So gab ich ihm noch eine Aufgabe: Zwei Araber saßen am Rande der Wüste unter einer Palme. Sprach der eine zum andern: Wo ist deine Tochter, die Rose von Schiras? Antwortete der andre und sprach: Meine Tochter, deine Magd, treibt eine Herde Gänse auf den Wochenmarkt nach Marokko. Eine geht vor zwei, eine hinter zwei und eine zwischen zwei. Nun rechne aus, wieviel Gänse es waren. – Die Aufgabe hatte ich ein Jahr zurück im Kalender gelesen, und du hattest sie uns in der Schule auch schon aufgegeben, bloß ohne diese Rose von Schiras.

Da hat er ein Blatt Papier 15 mal 20 Zoll von oben bis unten vollgerechnet, und so beide Seiten. Lauter Zahlen, eine ganze Masse. Aber rausgekriegt hat er immer neun Gänse. Und damit war die Prüfung zu Ende.

Wir schickten ihn raus und besprachen uns. Heinrich Folgmann steckte sein Gesicht wieder hinter dem Ofen hervor. Er sprach: Meine Großmutter kannte einen Menschen... – Ich antwortete: Deine Großmutter war eine rechtschaffene Frau, Heinrich: aber hier kann sie uns auch nicht helfen, denn wir sind in Not. So dauerte die Beratung nur kurze Zeit. Als wir fertig waren, holten wir ihn wieder rein. Ich sprach: Bernhard Stöwesand, du hast den Exam bestanden! – Dann mußte er uns noch versprechen, das Saufen zu lassen, denn für seine Trinkschulden täten wir nicht aufkommen. Als das fertig war, gaben wir ihm zu essen und zu trinken. Dann ging er hin, und meine Pfeife nahm er gleich mit.

Na, die Herrlichkeit dauerte nicht lange. Nach vierzehn Tagen fing Wieschen an zu reden. Wieschen spricht wenig. Sie sagt: Es ist genug, wenn einer in der Familie redet. Damit meint sie mich. Nein, ihre Zunge ist nicht wie das Schwert Jakobs, das gerne aus- und einging. Wenn sie aber anfängt, dann hat das seine Bedeutung. Sie sprach: Für die Mädchen ist es besser, Strümpfe zu stopfen als zur Schule zu gehen. Und für die Jungs ist es auch besser, wenn sie Stubben brennen und Wurzeln absammeln. Acht Tage weiter, da schickten Karl Diehn und Wilhelm Jahnke ihre Kinder nicht mehr hin. Und Heinrich Folgmann ließ mir eine Botschaft ausrichten von seiner Großmutter und daß sie einen Menschen kannte...

Daß er in der Schule rauchte, dagegen wollte ich noch nichts sagen, wenn es auch meine Pfeife war. Aber das Trinken besorgte er auch schon in der Schule. Manchmal war er voll Branntwein bis zu den Zähnen im Leibe, und die Jungs haben ihm mal seine Schnapsbuddel aus der Tasche geholt und ausgegossen und mit Petroleum wieder aufgefüllt. Na, die kriegten ein paar hinter die Ohren, und ich hatte schon vor, ihn mal gehörig zu verkonfirmieren, wo ich ihn doch geprüft hatte. Aber ich kam nicht mehr dazu. Er machte sich schon vorher auf und davon. Ich hab ihn nicht wieder gesehen. Meine Pfeife auch nicht.

Dann kam ein Dicker, so bei 250 Pfund rum. Einen mächtigen Spitzbauch trug er bedächtig vor sich her. Wir dachten: Was muß der Mann dafür ausgegeben haben! Denn umsonst ist so was nicht. Wir hatten uns geirrt. Er aß sich rund auf den Farmen. Aber ein Essen war das nicht mehr. War er voll, dann fing er an zu erzählen. Er wußte alles, er verstand alles, er kannte alles von der Zeder auf dem Libanon bis zum Ysop, der an der Wand wächst. Was er nicht kannte, darüber redete er am sichersten. Er log uns allen ein Loch quer durch den Bauch. Zuerst glaubten wir ihm, weil er so sicher log. Zuletzt wurde es uns zu doll. Es war auf einer Gemeindeversammlung. Da fing er wieder an. Da nahm Schröder ihn sich vor. Er erzählte ihm seinen Kreidekistentraum. Der paßt manchmal ganz gut. Er sprach zu dem Dicken:

Das ist gut, daß du gerade hier bist. Von dir hab ich die letzte Nacht geträumt. – Das bringt Glück, antwortete er. – Abwarten! sagte Schröder. So schön wie Josef kann ich nicht träumen. Mir hat geträumt, du warst gestorben. Du kamst an die Himmelstür. Petrus wollte dich nicht reinlassen. Er sprach: Erst mußt du hier auf der Wandtafel so viel Kreuze machen, als du in deinem Leben gelogen hast. Es ist von wegen der Ordnung. – Du gingst hin und holtest Kreide. Du fingst schnell an, um schnell fertig zu werden. – Ein Jahr nachher starb ich auch. Petrus gab mir denselben Bescheid. Wat sall einer dorbi dauhn! dachte ich und ging hin, um mir auch ein Stück Kreide zu holen. Unterwegs traf ich dich. Du hattest eine große Kiste auf dem Puckel. Ich sprach: Wo kommst du her und wo willst du hin? Und was hast du da in deiner Kiste? – Ach, sagtest du, das ist schon die achte Kiste Kreide, die ich mir aus Chicago kommen lasse. – Ja, und dann wachte ich auf, und der Traum war zu Ende.

Bald nachher packte er seine Sachen. Wir brauchten ihm nicht erst aufzusagen. Wir konnten zu der Zeit noch nicht viel Geld ausgeben. So hatten wir viele Lehrer, dünne und dicke, gerechte und ungerechte. Aber einer war dazwischen, von dem sprechen wir noch oft. Er war nur schmal in den Schultern, aber wie aus Draht. Er war klein von Statur, aber groß in unseren Augen und Herzen. Er brauchte den Stock nicht. Er schalt nicht. Er regierte alles mit seinen Augen. Dem einen hat Gott Macht gegeben durch den starken Arm, dem andern durch die redende Zunge; aber ihm durch die Augen. Die machten ihm offenbar, was im Menschen war. Er sah durch die Kinder hindurch wie unsereins durch Glas. Da muckten auch die wildesten Rangen nicht. Als er kam, sah es in der Schule bunt aus. Als er das erstemal rein kam, da tobten die Kinder auf den Bänken und im Gang. Bloß auf seinem Platz saß keiner. Da hat er sich hingestellt und hat sie bloß angesehen und kein Wort dazu gesagt. Am zweiten Morgen auch, und am dritten Morgen hat er gesiegt. Mit seinen Augen hat er gesiegt. Er regierte die Schüler mit den Augen wie der alte Fritz seine Soldaten mit dem Krückstock. Sein Erzählen half ihm dabei. Damit band er die Schüler an sich. Zu keiner Zeit haben unsere Kinder so wenig in der Schule gefehlt als zu seiner Zeit. Kein Wetter war ihnen zu schlecht. Wenn er zu uns kam, so war das immer eine Ehre für uns. Jetzt ist er Schulsuperintendent im Osten.

Nachher hat der Pastor lange Zeit Schule gehalten. Jetzt haben wir meist junge Lehrerinnen. Davon sind die welchen ja auch noch unbedarwt wie die Gössel und verdammeln die Schulzeit. Aber die welchen sind auch gut und bringen die Schule vorwärts.

 

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