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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Vorwort

Auf der südwestmecklenburgischen Heide liegt ein stilles Bauerndorf, das seine wendische Hufeisenform von Westen öffnet. Seine dunklen Strohdächer senken sich tief hernieder; warm und weich umhüllen sie Menschenleid und -freud. Vor dem festgefügten Hufeisen hängt ein alter Strohkaten müde und halb versackt in seinen Pfosten und Riegeln. Für hochmütige Menschen ist da kein Raum, weil die Stubendecke zu niedrig ist. So sagt Jürnjakob Swehn, und er muß es wissen, denn er ist in dem alten Tagelöhnerkaten aufgewachsen. Aber nicht darin verblieben.

Das Streben nach eigen Hüsung und eigen Land trieb ihn fort wie so viele. In harter Arbeit wahrten sie doch den Zusammenhang mit der Heimat, und regelmäßig zu Weihnacht flogen ihre Briefe dem Lehrer ins Haus. Der las sie den Angehörigen vor, denn das Lesen der amerikanischen Briefe war auch eine Kunst. Die meisten kamen nicht hinaus über nüchterne Aufzählung der Wirtschaftsverträge, der Geschehnisse in der Familie und bei Verwandten oder Bekannten. Aber aus den unbeholfen gestellten Worten sprach rührendtreuer Sinn und aus den kargen Sätzen viel Herzensdank gegen den Mann, der der Jugend Lehrer und den Erwachsenen in allen Nöten des Leibes und der Seele ein treuer Berater war. Es gab kaum ein Sterbebett im Dorf, an das er nicht gerufen wurde. Des Schulamts im Dorf pflegten schon sein Vater und sein Großvater, und er führte es durch vierundfünfzig lange Jahre. Das schuf ein starkes Band zwischen Schulhaus und Dorf. Das ließ ihm auch die amerikanischen Briefe ins Haus fliegen.

So mußte er sie auch beantworten. »Ick mücht Sei woll bidden, minen Unkel in Amerika en Brief räwer tau schrieben.« – »Wat sall ick em denn schrieben?« – »Ja, dat weiten Sei jo ebenso gaud as ick.« – »Schön, denn kumm man Sünnabend abend wedder her; denn will ick di den Brief vörlesen.« – Am Sonnabend fand sich dann, daß dem Brief nichts mehr zuzufügen war. – »Wat kost' dat nu?« – »Dat Wedderkamen!« – »Na, denn bedank ick mi ok.« – Das war stehend der Auftrag und seine Erledigung.

In den nüchternen, knappen Berichten der Amerikaner stand die Mühseligkeit des Tages doch zum Greifen zwischen den Zeilen. Zudem war der pfluggewohnten Farmerhand die Federführung sichtlich ein saures Stück Arbeit. Kam dann der Ruheabend, so war die Kraft zumeist verbraucht und das dürftige Restlein ging brieflich nur ins Breite. – Einer aber war da, der fand Gefallen am Buchstabenmalen, und das war Jürnjakob Swehn, der Tagelöhnersohn aus dem Katen vor dem Dorf. Er ging seinen Jugendweg – er ging nach drüben und war einer unter vielen. Er kam drüben vorwärts und blieb einer unter Tausenden. Seine Briefe waren nüchtern und knapp wie hundert andere. Aber als dann der Abend kam, da erwachte Jürnjakob Swehn. Da ward viel verhaltene, gesammelte Kraft offenbar. Wenn der lange amerikanische Winter Fenz (Zaun) und Farm mit Schnee verbaute, dann saß er und schrieb mit breit hingequetschter Feder Seite um Seite und Bogen um Bogen, bis der Acker wieder nach dem Pflug schrie. So kamen seine Briefe meist erst um Ostern ins Schulhaus auf dem Berge, und zwar als dicke Bündel. Seine Lebensberichte setzten ein, als sein Jakobstraum im Dünensand hinter Hornkaten sich längst erfüllt hatte – als seine Farm, deutsch gerechnet, fünf Nullen hinter der positiven Ziffer wert war. Er hielt Schlagordnung in seinem Schreiben, als sein früherer Lehrer ihn aufforderte, alles hübsch der Reihe nach zu erzählen.

Für den Druck waren die Briefe trotz ihres hohen Reizes nicht ohne weiteres geeignet. Wiederholungen und Plattheiten mußten gestrichen, Teilstücke aus ihrem brieflichen Zusammenhang gelöst und anderswo eingestellt werden. Zahlreiche Unklarheiten und Widersprüche verdunkelten das Bild des Schreibers, in abgebrochenen Darstellungen und Lücken trat die bruchstückartige Entstehung der Briefe zu stark hervor. Mit vorsichtiger Hand versuchte ich Schatten zu tilgen, Lücken zu füllen, abgebrochene Lebens- und Wirtschaftsberichte fortzuführen. Die Ergänzungsstoffe lieferten Rückwanderer, die durch Bremen kamen, – daneben briefliche Mitteilungen von Auswanderern. Die sorgfältige Schonung der Originalbriefe wies den Änderungen Maß, Ziel und Stil und der Durcharbeitung der Briefe damit ihre Aufgabe: klar und treu als Lebensbild hervortreten zu lassen Jürnjakob Swehn, den Mann und sein Werk.

J. Gillhoff

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