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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Nun kommt No. 6. Das ist der letzte. Sieben Winter zurück hab ich dir von ihm geschrieben. Ich kannte ihn gleich wieder, als er angewankt kam. Ich besah ihn mit meinen Augen. Ich sprach: Die Welt ist bannig klein. Ich will auf der Fenz nach Chicago reiten, wenn das nicht der Franzosendoktor ist. Und er war es. Nun will ich ihn abschreiben, wie er aussah. Der Kopf war noch ungefähr so groß wie bei der Überfahrt, aber man konnte ihm das Vaterunser durch die Backen lesen. Auf dem Kopf trug er einen Hut, vor dem Bäcker-Krischan sich geschämt hätte, und Bäcker-Krischan trug doch alle Hüte von den Vogelscheuchen der Bauern der Reihe nach zu Ende. Seinen kaffeebraunen Überzieher trug er auch noch, aber unten sah er schon grün aus. Vorn und hinten war er geflickt mit allen Farben; aber das war lange her, und die Flicken hingen wie traurige Fahnen runter. Unter dem Überzieher trug er einen Rock. Ich glaube, von dem Rock war nicht mehr viel nach als die Naht. Ich glaube, er hatte kein Hemd an. Ich habe Wieschen gefragt. Die glaubte es auch nicht. Es war Winter und viel kalt. Auf seinen Beinen ging er man sehr klapprig, denn ihm waren die Waden abhanden gekommen. Seine Bücks war nichts als Lumpen, die man noch knapp zusammenhielten. Als Hosenträger brauchte er einen Bindfaden. Die Schuhe hatte er auch mit Bindfaden zusammengebunden, aber vorn rissen sie beide ihr Maul auf. Er hatte eine richtige Hühnerbrust und hing nur so in den Schulterknochen. Der Mann sah aus wie eine von Pharao seinen sieben mageren Kühen. Weißt du, wo ich mal um nachsitzen mußte, weil ich zwei abgehandelt hatte und den Rest aus Versehen von den sieben fetten auffressen ließ. Auf dem Rockkragen kroch was rum, was man nicht gern nennt. Aber in Pharao seinen Plagen kommt es auch vor. Das haben die Frauen nicht gern, wenn man ihnen so was ins Haus bringt. Das ist so eine Gewohnheit bei dieser Nation. Wieschen ist auch so.

Gesagt hat er zu Anfang nicht viel, bloß was vor sich hingebrummelt von schlechtem Wetter und Hunger. Ich sprach zu mir: Wenn man diesen Menschen in einen Weizenschlag stellt, das ist gut gegen die Sperlinge. Aber das geht nicht, denn erstens ist es Ende Januar, und zweitens ist dieser Mensch auch nach Gottes Ebenbild geschaffen, wenn das Bild auch ein bißchen unähnlich geworden ist. In Not ist er nun mal, und wenn du ihn gehen läßt, dann bleibt er dir hinter der Fenz liegen, und auf deinem Gewissen bleibt er auch liegen. Kennen tust du ihn auch schon, und ein Deutscher ist er obendrein, wenn auch von der miesigen Art. Zu essen wird sie ihm wohl geben, und die Nacht über schläft er im warmen Stroh, daß er auch mal eine Freude hat. Man bloß, seine Winterläuse muß er erst los sein, sonst nimmt sie ihn nicht auf.

So zog ich mit ihm los, und wir traten vor Wieschen ihr Angesicht. Wieschen kuckte ihn an. Wieschen kuckte mich an. Wieschen kuckte ihn an. Da wurde ich verzagt. Aber Wieschen kuckte mich nicht wieder an. Da wurde ich fröhlich. Sie sagte nichts. Er sagte nichts. So sagte ich: Du hast es heute morgen eilig gehabt, darum hast du dich nicht mehr waschen können. In deinem Magen wird es auch wohl so aussehen wie zu Pfingsten in meinem Heustall. Dafür ist Essen und Trinken gut. Aber vorher wollen wir uns mal mit Wasser und Seife beschäftigen.

Ich gab Wieschen einen Wink. Ich goß ihm zwei Eimer warm Wasser in den großen Tuppen im Stall. Wieschen holte ihm abgelegtes Zeug, ein Hemd auch. Seine Lumpen hab ich nachher auf die Forke genommen und hinter dem Stall eingegraben. Als er rauskam, sah sein auswendiger Mensch schon anders aus den Augen. Bloß daß mein Rock ihm zu weit war. – So, sage ich, nun kommt der inwendige Mensch, denn Ordnung muß sein. Wieschen holte ein dägtes Stück Speck, und ich säbelte ihm ein paar dicke Scheiben Brot ab. Sie schenkte ihm heißen Kaffee ein. Sie ging immer im Bogen um ihn herum. Ich weiß, warum sie das tat. Sie glaubte damals noch an Läuse. Ich nicht. Er kratzte sich ja noch manchmal, wo man sich bei solchen Gelegenheiten kratzen tut. Aber das war bloß die Gewohnheit von seinen Händen und Gedanken.

Dann hat er gegessen. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen: Was hat der Mensch gegessen! Ich kann dir mitteilen: Ich hatte immer Glück mit dem, was in den Jahren zum Maispahlen zu mir kam. Die konnten alle scharf essen. Die hatten lange Zeit nichts zwischen den Zähnen gehabt als ihre eigene Zunge. Aber zuletzt wurde er doch satt. Da vermunterte er sich schon ein bißchen. Da machte er schon andre Augen. Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, bei plenty Brot und Speck würde es weniger Hunger und Elend geben unter den Menschen. – Nachher drusselte er so'n bißchen ein, und als er damit fertig war, kriegte er eine kurze Pfeife. Da vermunterte er sich noch mehr, da rauchte er wie Vater Köhns Backofen zu Pfingsten, wenn kein trocknes Holz mehr da war. Als er aufgetaut war, fand er auch seine Sprache wieder. Sie war ihm bloß aus Hunger und Ohnmächtigkeit abhanden gekommen.

Als er sich ordentlich ausgeruht hatte, schob ich ihn mit einem Stuhl hinter den Mais. Ich sprach: Du hast nun gegessen, und schlafen kannst du hier auch. So kannst du jetzt beim Maispahlen helfen. Das ist so schön gemütlich beim warmen Ofen. Dabei kann man auch so schön Geschichten anhören. Darum erzähle uns: Wo kommst du her und wo willst du hin?

Da fing er an zu pahlen. Das ging mäßig. Da fing er an zu reden. Das ging besser. Er hatte eine gute Ausrede, und seine Zunge war draußen nicht lahm geworden. In seinem Reden wurde er wieder ganz der alte Franzosendoktor von der Überfahrt her. Dazu handschlagte er durch die Luft: in der einen Hand die beiden Kolben, in der andern die Pfeife und im Kopf mächtig viel Pläne. Die Kinder pufften sich an und wollten lachen. So theaterte und fuhrwerkte er in der Luft rum. Ich schickte sie zu Bett und wunderte mich. Er erzählte, wie er sein Leben gemacht hatte. Er kannte die Nordstaaten und die Südstaaten. Er war im Osten gewesen und im Westen. Er war alles gewesen und nie was Ordentliches. Nun wollte er wieder in die Großstadt. Nimm mal bloß an, der alte Knabe wollte nach New York und dort sein Glück machen. Und draußen lagen seine Lumpen und Läuse und redeten wider ihn. Mit den Lumpen und mit den Läusen wollte er sein Glück in New York machen. Was die Menschen dort wohl gesagt hätten bei seinem Einzug!

So sprach ich: Da war es man gut, daß du hier erst angekehrt bist. In New York hätten sie dich so gar nicht reingelassen. Aber daß es dir so jämmerlich geht, wer hat die Schuld daran? Ich habe das so in meinem Gefühl, daß du nicht arbeiten magst. Du hast deine Stellen zu oft gewechselt. Da wurde er noch großspartanischer und redete stolze Wörter: Arbeiten? Jeder Mensch muß arbeiten; aber es ist ein Unterschied zwischen arbeiten und arbeiten. Die einen arbeiten wie die Ochsen auf dem Felde und haben ein Brett vor dem Kopf. Aber andere sind da, die haben die Pläne im Kopf, und danach müssen die andern arbeiten. Das ist immer so gewesen und wird auch so bleiben. Ich habe einen ganzen Sack voll Pläne. Kuck mal meinen Kopf an! Dabei tippte er sich mit dem Kolben gegen den Kopf. Im Augenblick geht es mir ja schlecht; in den Weststaaten sind die Leute ja zu dumm und noch zu weit zurück. Für neue Gedanken sind sie da noch nicht reif. Aber das ist nur ein Übergang. Frag mal nach einem Jahr in New York nach mir. Jedes Kind auf der Straße wird dir Bescheid sagen.

So windmüllerte er in einem fort, und über mich kam ein Schrecken. Ich dachte: Dem Mann ist draußen in der Kälte und bei leerem Magen der Verstand eingefroren und nun zu schnell wieder aufgetaut. In der Schule hast du gelernt, daß man mit verfrorenen Fingern und Ohren nicht so schnell ins Warme gehen soll. So wird ihm das mit seinem Verstand auch wohl gegangen sein. In der Ofenwärme ist er zu schnell aufgetaut, und davon ist er ein Irrgeist geworden.

Als ich darüber nachdachte, da war es doch nicht an dem. Denn was er redete, da war Sinn drin, wenn auch Unsinn. Und der Unsinn nahm überhand. Er redete gegen Reiche und Arme. Er redete gegen Gott und Präsident, gegen Farm und Town, gegen Arbeiten und Nichtarbeiten. Dazu stangelte er mit den Kolben in der Luft rum. Er redete mir das Hemd vom Leibe und den Bauch aus dem Leibe. Er redete sich duhn mit Wörtern, und hinter dem Stall lagen seine Lumpen und Läuse. Aber seine Gedankenläuse waren am warmen Ofen aus dem Ei gekrochen. Am meisten aber redete er zuletzt wider Gott und heilige Dinge, als da sind Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Auf die Bibel gab er schon lange nichts mehr. Das hatte er an den Schuhsohlen abgelaufen. Mit solchen Sachen muß man mir vom Leibe bleiben, sagte er. Dazu bin ich zu klug und zu weit rumgekommen in der Welt. Ich glaube nur, was ich begreife.

Ich sprach zu mir: Du mößt em stiewer kamen. Du sollst es erst mal mit einem Gleichnis versuchen. Darum sah ich ihn freundlich an und sprach: Wenn ich dich so höre, mein lieber Mann, dann muß ich immer an meine Ochsen denken. Die glauben auch nur, was sie begreifen. Viel ist das aber nicht. Und dein Ausgang wird auch nicht viel anders sein. Aber meine Ochsen geben wenigstens noch ein gutes Stück Fleisch zum Wohlgefallen für die Menschen. Aber wenn du so beibleibst, dann wirst du zuletzt in die Erde gesteckt, und die Würmer können sich die Zähne an dir ausreißen; viel Lob und Dank wirst du nicht von ihnen haben.

Du hättest Priester werden sollen, antwortete er und fuhrwerkte mit seinen Maiskolben vor meinem Gesicht hin und her. Aber mir darfst du mit solchen Bekehrungsgeschichten nicht kommen. Dazu bin ich zu klug. – Ich will dich gar nicht bekehren; ich will dir bloß mal ein Gleichnis machen. Im Sommer gingen meine Kühe draußen und fraßen Gras. Glaubst du das? – Natürlich; warum sollte ich das nicht glauben? – Schön. Daneben gingen einige Schafe, die fraßen auch Gras. Glaubst du das? – Warum nicht? Aber was willst du damit sagen? – Das kommt nachher. Neben den Schafen gingen meine Schweine; die fraßen auch Gras. Glaubst du das? – Nun sage bloß: wo hinaus willst du mit deinem Gleichnis? – Antworte mir nur Ja oder Nein! Glaubst du, daß Schweine auch Gras fraßen? – Ja. – Schön; ich bin auch gleich zu Ende. Neben den Schweinen gingen ein paar Gänse; die fraßen auch Gras. Glaubst du das? – Ja, das glaube ich. Aber... So sage mir, wie kann das bloß angehen? Die Tiere gehen alle nebeneinander auf der Weide und fressen dasselbe Gras. Aber doch kriegen die Schweine Borsten, die Schafe Wolle, die Kühe bloß Haare, aber die Gänse Federn. Kannst du das begreifen, so sage mir, wie das zugeht.

Er aber schwieg und verstummte und sprach: Nein, begreifen kann ich das nicht. Aber daß es ein ganz dummes Gleichnis ist, das begreife ich. Die Bekehrungsgleichnisse mußt du den Priestern lassen; bei denen gehört das zum Geschäft. Aber mir mußt du nicht damit kommen. Und dann legte er wieder los und redete das Blaue vom Himmel herunter.

Ich sprach zu mir: Du mößt em stiewer kamen. Mit din Gleichnisse is dat nicks bi em. So sprach ich: Nun halt mal still. Deine Windmühle läuft sich sonst in Brand. Ich will ohne Gleichnisse zu dir reden. Ich kenne dich. Du bist der Franzosendoktor, mit dem ich Anno 68 die Überfahrt machte. Auf dem Schiff hast du dann immer zusammengesteckt mit dem schlesischen Mädchen, die die viele Bildung und die vielen Läuse hatte. Als sie dich bei der Landung suchten, da war das auch von wegen unsauberer Geschichten. Aber das ist lange her und gehört zu deiner Vergangenheit. Darum wollen wir von deiner Gegenwärtigkeit reden.

Daß ich ihn so auf die alte Bekanntschaft anredete, das schoß ihm doch mächtig in die Knochen. Er war zu Anfang ganz verbast (verwirrt), und seine Zunge stand still. Bloß die Pfeife hielt er noch hoch. Dann wollte er wieder anfangen, aber ich sprach: Laß deine Zunge sich man noch verpusten, Franzosendoktor. Du sagst: das ist man ein Übergang. Das sagte der Fuchs auch, als ihm der Jäger das Fell über die Ohren zog. Du sagst: ich habe einen mächtigen Kopf. Das muß wahr sein. Darin bist du getrachtet wie ein Kürbis. Der hat auch einen großen Kopf. Aber denken tut er damit nicht. Das hat er auch nicht nötig. Du sagst: ich glaube nur, was ich begreife. Ja, so sagst du. Ich begreife das nicht, sprach der Regenwurm auch, als der Hahn ihn schon beim Kragen hatte; aber glauben mußte er es doch. Du sagst: ich gebe nichts auf Bibel und Gottes Wort, denn damit kommt man heute nicht mehr durch die Welt. Glaubst du denn, daß du mit deinen Lumpen und Läusen durch die Welt kommst?

Ne, ne! Laß das Handschlagen mit der Pfeife man sein. Du hast für heute genug geredet, und ich bin auch gleich fertig. Ich will dich bloß noch taxieren, so wie du hier vor mir stehst. Du bist nichts. Du hast nichts. Du weißt nichts. Du kannst nichts. Du glaubst nichts. Darum bist du auch unter die Räder gekommen. Wer hier voran will, der muß hart arbeiten. Aber es ist für alle Fälle gut, wenn man noch eine Stütze hat für Leben und Sterben. Es ist nur von wegen der Sicherheit. Ja well. Und dir will ich wünschen, daß du das nicht zu spät gewahr wirst. – Nun ist Schlafenszeit. Hier hast du zwei wollene Decken. Damit kannst du ins Stroh kriechen und erst mal ordentlich ausschlafen. Aber die Pfeife mußt du hierlassen, daß da kein Unglück im Stroh geschieht.

Jürnjakob, du hast ihm das zu scharf eingegeben, und krank ist er auch, meinte Wieschen, als wir zu Bett gingen. Ich sagte: Wieschen, ich kannte einen Menschen, dem hatte der alte Doktor Steinfatt in Ludwigslust aus Versehen eine halbe Kannbuddel voll Rizinusöl eingegeben. Als er nach vierzehn Tagen wieder so weit war, ging er hin und wollte ihn verklagen. Da sprach der Doktor zu ihm: Sei du zufrieden und geh nach Hause. Es ist noch genug von dir übriggeblieben. Da ging er hin, und es war ihm ein großer Trost.

In der Nacht hat er viel gehustet, und am andern Morgen lag der Schnee knietief. Willst du jetzt nach New York? – Er sah erst mich an, dann das Wetter. Er sprach: Ich muß mich verkühlt haben, und zu Fuß ist das nichts bei dem Wetter. Reisegeld hab ich auch nicht. Wenn ihr nichts dagegen habt, dann bleibe ich heute noch hier und warte das Wetter ab. Heut abend helfe ich dafür wieder beim Maisschälen. Aber du mußt mich nicht wieder so hart anfassen wie gestern abend. – Ich antwortete: Dich hab ich gar nicht angefaßt, bloß deinen alten Adam. Du hattest vergessen, ihn mit deinem alten Zeug auszuziehen. Er sprach: Du hast auch deinen alten Adam; das ist deine Rechtschaffenheit. Aber du weißt es nicht.

Ja, so sagte er. Ich aber wurde ganz verstutzt und dachte: Dieser Mensch ist verlumpt, aber er hat in dein Herz hineingesehen. Du hast wahrhaftig auch deinen alten Adam, das ist deine Rechtschaffenheit, und der Kerl sitzt ganz vergnügt in deinem Herzen und trägt den Kopf hoch und baumelt wohlgefällig mit den Beinen. Wir sind allzumal Sünder, und den alten Knaben hat dir der liebe Gott wohl extra ins Haus geschickt, daß er dir deinen alten Adam weisen tut. – Das hab ich mir aufmerksam in mein Herz genommen und ihn nicht mehr verachtet. Ich sprach: Bei solchem Wetter lassen wir dich nicht ziehen, wo du doch unser Landsmann bist. Mit deinem Husten muß es auch erst wieder besser werden. Wieschen soll dir gleich Tee kochen.

Als es aber besser war mit seinem Husten, da ist er doch nicht weitergezogen. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, daß er nicht mehr nach New York gekommen ist. Er ist bei uns hängengeblieben. Er hat uns in der Wirtschaft geholfen, und ich habe ihm Lohn gegeben. Das dauerte zwei Jahre. In der ersten Zeit steckte der alte Adam noch manchmal seine Hörner raus. War es schlimm, dann sagte ich: Ich will nachsehen, wann dein Zug fährt. Dann wurde es besser mit ihm. Aber sonst bin ich fein säuberlich mit ihm gefahren, denn ich dachte an meinen alten Adam.

Mit seinem Helfen, das war nicht weit her. Aber er gab sich Mühe, und manchmal lobte ich ihn. Denn das hat der Mensch gern, wenn er von andern gelobt wird. An die Kirche hat er sich auch wieder gewöhnt und die Bibel nicht mehr verachtet. Bloß rechten Bescheid hat er nicht mehr in ihr gelernt. Das Vaterunser lernte er auch wieder. Zuerst liefen ihm die sieben Bitten wild durcheinander, aber nachher ging es ganz gut. Etliche Verse aus dem Gesangbuch auch. Viel war es ja nicht; aber ich glaube, daß es genug gewesen ist.

Bloß mit seiner Lunge, das wollte und wollte nicht. Die hatte auf den Landstraßen zu viel weggekriegt, und nach zwei Jahren wollte sie gar nicht mehr. Er ist nur kurze Zeit krank gewesen. Wieschen hat ihn treu verpflegt. Zuletzt konnte er auch nicht mehr sprechen. Da hab ich noch das Vaterunser für ihn gebetet und den Segen über ihn gesprochen. Dazu hat er mit dem Kopf genickt und uns beiden die Hand gedrückt. Nach einer Zeit hat er die Augen noch mal weit aufgemacht und leise gesagt: Mutter, Mutter! Da waren wir richtig erstaunt, denn in den zwei Jahren ist nie ein Wort von Vater und Mutter über seine Lippen gekommen. Und als das geschehen war, da hat er sich still auf die Socken gemacht und ist seinen Weg gegangen. Aber nicht nach New York, sondern einen andern, und der ist sicherer. Aber er hat doch recht gehabt mit seinem Wort: Es ist man bloß ein Übergang.

In den zwei Jahren, daß er hier war, ist er so sachte doch ein anderer geworden. Er kam zur Ruhe, erst auswendig, dann auch inwendig. Er war lange nicht dumm, und abends und sonntags haben wir oft über dies und das gesprochen. Einmal fragte er mich: Wo hast du das gelernt, daß du so in der Bibel beschlagen bist und im Gesangbuch und Katechismus? – In der Schule. – Das muß ein guter Lehrer gewesen sein. – Ist er auch noch, sagte ich, und dann erzählte ich ihm von dir und daß ich ein Mecklenburger bin. Aber davon wollte er nicht recht was wissen. Er sprach: Mecklenburg ist man klein und hat nicht mal eine Verfassung. Das ist kein freies Land.

Stimmt! sagte ich. Eine Verfassung haben sie da nicht, aber ein nahrhaftes Land ist es darum doch, und ein ruhiges auch. Und dann haben wir da einen Großherzog, und den hat Amerika nicht mal. Klein ist Mecklenburg auch gar nicht. Lange nicht klein! Du hast wohl man bloß einen kleinen Atlas gehabt. Nimm man bloß die Seen an! Amerika hat bloß eine Salt-Lake, wo die mormonischen Menschen wohnen. Aber Mecklenburg hat viel Salzwasser in sich. Da ist zuerst die Sült bei Konow und dann all die andern Sülte, Sülze, Sülten und Sülstorf, und immer ist da Salzwasser bei dem Namen. Wat is dorgegen de ein solten Pütt in Amerika? – Und wieviel andre Seen haben wir dann hier im Lande? Wenn du beim Ontariosee anfängst und zählst die großen Seen an den fünf Fingern ab, dann brauchst du gar nicht wieder beim Daumen anzufangen. Aber Mecklenburg hat mächtig viel Seen. Da ist der Wocker See, der Schweriner See, der Schalsee, der Goldberger See, der Krakower See, der Plauer See, der Malchiner See, der Kummerower See, die Müritz, und so geht das noch lange weiter. Und erst die vielen Solls (Wasserlöcher)! Das geht in die Tausende. Und dann noch das viele feste Land von Boitzenburg und Dömitz bis achter Rostock, bis Ribnitz hin. Ne, das laß man gut sein. Mecklenburg ist ein großes Reich!

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