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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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No. 3 und 4. Denn nun kommen gleich zwei Mann, und das ist eine ganz merkwürdige Geschichte. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, daß es nirgends bunter zugeht als auf dieser Welt. Eines Tags, da kamen zwei Mann angewankt, das waren die richtigen Tramps, das meint Landstreicher. Ich sah sie mir so'n bißchen an; denn das hat der Mensch im Winter gern, wenn er sich dann und wann einen neuen Menschen anbesehen kann. Dann wollte ich ihnen schon den Rat geben, sie sollten den Weg man wieder unter die Füße nehmen; denn sie sahen sehr heruntergekommen aus, und was die Sorte einem ins Haus bringt, das springt bei zehn Grad Kälte noch im Hemd herum. Aber die Sprache war mir bekannt. Und als ich den einen, was der Jüngere war, noch mal richtig ankuckte, da kommt mir auch sein Gesicht bekannt vor. Bloß, ich wußte ihn nicht gleich hinzubringen.

So nahm ich sie beide auf, und sie haben gegessen als wie in Akkord. Als das besorgt war, machten sie schon andre Gesichter, denn es ist ein großer Unterschied im Leben, ob einer satt ist oder hungrig. Als sie abends hinter ihrem Kornhaufen saßen, fragte ich sie nach ihrem Woher und Wohin. Da erzählte bloß der Große. Er redete auch in Akkord. Er hatte es in den Wörtern wie der Katteiker im Schwanz. Er sprach: Ich stamme aus Berlin. Da war flaue Zeit. So machte ich mich auf und kam nach Wittenberge. Da war das Essen schlecht. So kam ich nach Grabow. Als er Grabow sagte, da wurde ich hellhörig, denn das ist schon unser Land; das andre ist bloß Ausland. – Von da lief ich nach Ludwigslust. – Da wurde ich noch hellhöriger. Er aber erzählte weiter:

Als ich da die Hamburger Chaussee ein Ende rausgelaufen war, dachte ich: Berlin kennst du, aber die Dörfer hierzulande kennst du nicht. Vielleicht kannst du da dein Glück machen. So bog ich links in den nächsten Landweg ein und kam nach Hornkaten. Das ist ein langes Dorf, und jeder wohnt für sich auf seinem Acker. Aber die Hunde taugen nicht; darum ging ich weiter. – Lieber Freund, denk dir mal bloß, dann ist der Lankschinkige aus Berlin wahrhaftig in unser altes Dorf gekommen! Kannst du dir das wohl denken? Und das erzählte er so ganz gleichgültig weg, als wenn er in irgendein Dorf in Land Asien hineingeraten wäre.

Als er aber sagte, daß er nach Hornkaten und weiter gezogen wäre, da stand ich auf. Da ging ich ans Fenster. Da kuckte ich raus. Es war schon dunkel, aber mir ging ein mächtiges Licht auf. Ich sprach: Ich höre dir ganz gern zu. Ich merke, daß du ein Berliner bist und daß du die Welt kennst. Erzähle man weiter. – Da wurde er ganz gnädig: Gewiß kenne ich die Welt. Als richtiger Berliner Junge kann ich mein Glück allenthalben machen, auch auf dem Dorf. Darum bin ich da beim Bürgermeister in Dienst gegangen. Da hab ich die jungen Leute erst mal in Schwung gebracht. Abends trommelte ich sie auf der Dorfstraße zusammen. Da hab ich sie einexerziert, daß sie ordentlich die Beine schmeißen lernten. Dann haben wir im Krug weiter exerziert und den Bierflaschen den Geschwindschritt beigebracht. Ich wollte da wohl mal Bürgermeister über die Bauern sein. Denen wollt' ich aber den Parademarsch beibringen!

Ich kuckte noch immer raus. Es war immer noch dunkel, aber inwendig lachte ich mich, als er so berlinerte. Ich dachte: Das menschliche Maul ist eine Landstraße, die viel begangen wird. Ich sprach: Hatte der Schulze keine Tochter? Dann hättest du dich ja einfreien und Bürgermeister werden können. – Nein, eine Tochter war nicht da, und die Arbeit paßte mir auch nicht. Vor dem Herbst kein Geld in der Tasche, das ist nichts für mich. Ich bin ein Berliner Junge und kenne die Welt. Aber da brannte abends nicht mal eine Laterne auf der Straße. Was sollte ich da verbauern? So bin ich davongegangen. Ich will hier mein Glück machen. – Bist du denn wieder über Ludwigslust gereist? – Nein, diesmal über Dömitz, weil ich mir die Elbe mal ansehen wollte. Warum fragst du danach? Dabei kuckte er mich ein bißchen unsicher an.

Aber ich kuckte ihn sehr sicher an. Ich nahm einen Stuhl. Ich setzte mich quer neben ihn. Auf der andern Seite stand der Ofen. Vor ihm lag der Kornhaufen. Er war eine richtige Belagerung von dem Ofen, vom Mais und von mir. Er konnte nicht ausritzen. So sage ich: Wo bist du mit den 185 Mark geblieben, die du in Dömitz für dem Schulzen sein Kalb gekriegt hast? – Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, daß ich gern Gesichter sehe und in meinem Leben auch schon manche Gesichter gesehen habe. Aber dies Gesicht kann ich dir nicht abschreiben. Er fuhr auf. Er wollte raus. Ich kriegte ihn beim Kragen. Ich drückte ihn sanft auf seinen Stuhl nieder. Ich sprach: Philister über dir, Simson! Wenn du noch eine Bewegung machst, die nach Weglaufen aussieht, dann kriegst du eine Tracht Prügel, daß dein Fell aussieht wie die Karte von Deutschland.

Dann zum andern: Dich kenne ich jetzt auch. Du bist Wickboldt sein Jung und hast für deinen Bauern zwei Kälber nach Dömitz gebracht und dafür 350 Mark gekriegt. Aber du hast auch den Weg nicht wieder finden können! – Siehe, so saßen sie da wie Frau Lot von Sodom und Gomorrha und klappten den Mund immer umschichtig auf und zu. Der Kleine rallögte bloß, aber der Große lauerte mit den Augen an den Wänden rum. So sage ich: Ich will Kloppschinken aus euch anfertigen, wenn ihr flüchten wollt. Dann holt ich den Brief raus, in dem du mir die ganze Geschichte geschrieben hast. Damit hab ich ihnen die Beichte verhört. Erst dem Großen, dem Berliner: Du bist ganz verhungert und abgerissen wie ein Lump ins Dorf gekommen. Schulzens Mutter hat dich satt gemacht, und er hat dir Zeug geschenkt, daß seine Bauern nicht glaubten, er hätte eine Vogelscheuche aus dem Garten geholt und als Späuk (Gespenst) auf dem Hof angestellt. Dann hast du einen Tannendrumm vom Wagen nehmen sollen. Da hast du erst geprahlt, daß du in Berlin solche Dinger immer an der Uhrkette getragen hast. Aber von deinem großen Maulwerk ist der Drumm nicht runtergekommen. So hat es der Schulze besorgen müssen. Daß du dich abends immer auf der Dorfstraße und im Krug rumgetrieben hast, das ist richtig. Du hast aber vergessen, daß der Schulze euch gewöhnlich mit der Peitsche auseinander gejagt hat und daß du dann das meiste gekriegt hast. Denn der Schulze ist ein gerechter Mann. – Ich halte den Brief in einer Hand und ihn in der andern. Nach ein paar Wörtern drücke ich ihm immer so ein bißchen den Arm. Dann dreht er seine Augen. Das tun wir umschichtig, das Drücken und das Drehen.

Ich sage: Das Geld hast du in Dömitz richtig gekriegt. Dann hast du den andern verführt, und er ist richtig mitgedammelt nach Hamburg. Ich drücke wieder. Er dreht wieder seine Augen. Ich sage: Du brauchst mit den Augen hier gar kein Theater zu spielen. Dafür geh ich dir keinen Cent.

Dann wieder zu dem andern: Nu kümmst du. Du büst noch dümmer as dumm. Wenn du so lang as dumm werst, denn künnst du den Mond küssen. Du bist auch schlecht. Die 350 Mark mußte Brüning gebrauchen, um seine Pacht zu bezahlen. Du hast große Trauer in die Familie hineingebracht, denn die Ernte war mäßig und das Geld knapp. Nun hat er sich das Geld leihen müssen. Wo hast du das Geld? Damit drücke ich ihn auch so ein bißchen über den Arm. Er ruft: O Gott, o Gott! Ich sage: Den lieben Gott brauchst du bei dieser Gelegenheit nicht anzurufen; das ist gegen das zweite Gebot. Und dann hab ich ihm links und rechts ein paar Ohrfeigen gegeben, und das war nicht gegen die zehn Gebote. Der Große hat zur Gesellschaft gleich ein paar mitgekriegt, denn bei solchen Geschichten muß man gerecht sein mit der Hand.

Als das besorgt war, hab ich den Beschluß gemacht: Ich sollte euch als Verbrecher zurückschicken, daß ihr die Geschichte in Grabow abbrummt. Aber darüber geht bloß Zeit hin, und das mit dem Geld kommt doch nicht in Ordnung. So wollen wir es anders machen. Du, sage ich zu dem Großen, du schreibst morgen an den Schulzen, ob er dir deine Schlechtigkeit nicht vergeben will. Aus dem Lehrer seinem Brief sehe ich, daß der Schulze dir deinen Lohn nicht mehr geben konnte, weil du ihm ausgekniffen bist. Das wird wohl gegeneinander aufgehen. Du bleibst hier bei mir als Farmhand, bis der Schulze wieder geschrieben hat. Wenn alles in Ordnung ist, kannst du gehen. Wenn du auskneifst, schicke ich dir die Polizei nach. Nun weißt du Bescheid.

Dann wieder zu dem andern: Du bleibst auch hier und arbeitest erst die beiden Kälber ab. Wenn das geschehen ist, bist du frei. Das Geld lege ich aus. Das schicke ich morgen ab an den Lehrer, daß er es deinem Bauern bringt. Und du schreibst morgen auch an ihn, daß er dir vergeben soll. Es sei deine Dummheit gewesen. Das kannst du ruhig schreiben, das ist keine Lüge.

So ist es denn auch gekommen. Der Berliner konnte nach zwei Monaten gehen. Der andre hat dreiviertel Jahr arbeiten müssen. In der Zeit hab ich ihm auch deinen Brief vorgelesen, in dem du schreibst, daß du Brüning das Geld gebracht hast und daß die Frau vor Freude geweint hat. Da fing der Bengel doch wahrhaftig an, sich die Augen zu wischen. Schlecht ist er doch nicht, aber dumm bloß einmal. Mit dem Mais hat das in der Zeit aber mächtig geschafft. Es ist ihnen doch in die Knochen gefahren, daß sie von Dömitz nach hier laufen mußten, damit die Geschichte wieder ins gleiche kam. Dem Großen hab ich beim Abschied auch gesagt: Es war nicht nötig, in der Geographie so weit rumzulaufen; du hättest es von Dömitz aus näher und bequemer haben können, und ein Denkmal werden die Berliner dir wohl nicht setzen. – Es ist man gut, daß nun alles wieder in Ordnung ist.

 

Nun kommt No. 5, das war auch ein Mecklenburger. Wir saßen nachmittags beim Kornschälen, und der Pastor saß auf dem Sofa beim Glas Grog, denn es war rusiges Wetter. Da ging die Tür auf und herein kam ein Mensch, der war im ganzen ziemlich eckig gebaut, und ziemlich eckig kam er auch in die Stube rein. Aber im Zeug ging er ganz ordentlich. Als er die Tür zugemacht hatte, drehte er sich wieder um. Er nahm seinen Hut ab und sprach:

Erlauben Sie mal, mein Name ist Drögmöller. Darf ich ein paar Wörter zu Ihnen sprechen? Ich komme von Singer, Nähmaschinenfabrik, erlauben Sie mal. Singers Nähmaschinen sind weltberühmt. Singers Nähmaschine ist in jedem Hause unbedingt notwendig. Erlauben Sie mal. Ein Sofa ist nicht unbedingt notwendig. Ein Klavier ist nicht unbedingt notwendig. Aber Singers Nähmaschine ist unbedingt notwendig. Ein Sofa kommt aus der Mode. Ein Klavier wird verstimmt. Aber Singers Nähmaschine kommt nicht aus der Mode und wird auch nicht verstimmt. Darum kaufen Sie Singers Nähmaschine! Es wird Ihnen niemals leid. Sie können auch gar nichts Besseres tun für das Wohlbefinden Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin. Sie ersparen damit jährlich eine kostspielige Badereise. Darum: kaufen Sie Singers Nähmaschine! Wir machen Ihnen die kulantesten Bedingungen und werden es uns stets zur besonderen Ehre rechnen, Sie zu unsern hochgeschätzten Kunden zählen zu dürfen. Zu Anfang waren uns allen die Hände am Leibe dalgesackt, dem Priester auch. Dann faßte ich mich und sprach: Na, bist du nun zu Ende, Drögmöller? Du hast deinen Spruch schön auswendig gelernt. Singers Nähmaschine brauchen wir aber nicht zu kaufen, weil wir sie schon haben. Da steht sie ja, neben dir. Du hast sie man bloß nicht gesehen, weildes du deine Lektion aufsagtest. Weil du aber auch ein Mecklenburger bist, Drögmöller, darum kriegst du auch ein Glas Grog. – Wieschen, meine hochverehrte Frau Gemahlin, stah up un mak em ok en lütten Grog! Wieschen ging hin.

Da war die Reihe an ihm, daß er sich verwunderte. Woher wissen Sie, daß ich ein Mecklenburger bin? – Das will ich dir sagen, Drögmöller. Deine Sprache verrät dich. Hier kommen viele Menschen durch und führen allerhand Sprachen in ihrem Munde. Die welchen verstehen wir man knapp, und die welchen gar nicht. Das kommt noch von dem nämlichen Turmbau zu Babel. Aber, was Mecklenburger sind, die kennen wir doch gleich raus, weil wir uns auch daher schreiben tun. – Nun laß dir man deinen Grog schmecken; deine Hände sind ja ganz klamm geworden bei dem Hundewetter. Wenn du erst aufgetaut bist und magst nicht weiter, dann kannst du über Nacht hierbleiben. Dafür hilfst du heut abend beim Kornausmachen. So sparst du Stiefelsohlen und die Rechnung im Gasthaus.

Damit war er gern einverstanden. So saßen die beiden und tranken ihren Grog, und wir saßen und schälten unsern Mais. Draußen klatschte der Regen gegen die Fensterscheiben, und es war sehr gemütlich. Dann kam die Rede auf die alte Heimat, denn wo so ein paar richtige Mecklenburger zusammen sind, da klönen sie auch einen Strämel von ihrem alten Lande. Von dem Lande kamen wir auf die Pastoren, und Drögmöller erzählte von Pastor Brandtmann und seiner Nachbargemeinde. Den lobte er und sprach: Ja, Pastor Brandtmann, das ist ein leutseliger Mann. Der hat ein Herz für die Armen. Der kennt die Not des Volkes. Wenn ich heute zu ihm gehe und klage ihm meine Not und bitte ihn um eine Unterstützung, dann langt er in die Tasche und sagt: Lieber Bruder in Christo, hier haben Sie einen Taler. – Das tut Pastor Brümmerstädt in meiner Gemeinde nicht. Der fühlt nicht mit dem Volk. Dem liegt die Not des armen Mannes nicht am Herzen. Wenn ich zu dem komme und bitte ihn um eine Unterstützung, dann steckt er beide Hände in die Bücksentaschen und sagt: Drögmöller, sagt er, gah hen un klopp Stein! Denn hest du Brot und brukst nicht tau snurren!

Ich sage: Da gefällt mir deinem Brümmerstädt sein Rat aber besser als deinem Brandtmann sein Taler. – Der gefällt Ihnen besser? sagt er. Wie meinen Sie das? Das müssen Sie mir erklären. – Das will ich tun, Drögmöller. Wenn du hingehst und Steine klopfen tust, dann machst du ein Stück ehrliche Arbeit und verdienst dir selbst dein Brot und kriegst eine sichere Hand, einen festen Arm und einen festen Willen. – Und Quesen in den Händen, meinte er und betrachtet sich seine Hände; die waren schön glatt und ohne Quesen. – Das schadet nichts; darauf kannst du stolz sein. Quesen sind besser als ein Arbeitsschein von Papier. Wer aber immer von Unterstützung lebt und mit gesunden Knochen andern Leuten auf der Tasche liegt, der verkommt und wird ein Lump.

Dazu nickköppte der Pastor, und Drögmöller sagte: Das ist mir sehr interessant, was Sie da sagen. Meinen Sie das wirklich so, daß man vom Steinklopfen energisch wird? – Ja, das meine ich wirklich so. Aber nicht bloß vom Steinklopfen. Einen festen Willen kriegt der Mensch durch jede ehrliche Arbeit, die von Dauer ist.

Darüber hat er eine ganze Zeit nachgedacht und dazwischen Grog getrunken, aber man dann und wann und immer einen kleinen Schluck. Wieschen schüttete noch ein paar Kohlen auf, und es war sehr gemütlich in der Stube.

Als er mit seinem Nachdenken zu Ende war, fing er wieder an: Ich fühlte mich früher auch zu was Höherem geboren. Ich war erst im Seminar zu Lübtheen und wollte Lehrer werden. Das gefiel mir nicht mehr. Da wollte ich Pastor in Amerika werden. Darum schrieb ich an Pastor Brümmerstädt, ich hätte große Gaben und fühlte mich zu was Höherem berufen. Und was meinen Sie wohl, Herr Pastor, was der Mann mir da schrieb? Er schrieb:

Mein lieber Drögmöller! Es ist ja sehr erfreulich, daß Sie die Entdeckung gemacht haben, daß Sie große Gaben besitzen. Aber es ist besser, wenn andre Leute das auch noch merken und sagen; sonst ist es verdächtig. Ich kenne einen Mann, den berief Gott selbst zum Predigtamt. Also hatte er doch gewiß große Gaben. Aber er antwortete und sprach: Ach, Herr, ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Wenn Sie Näheres darüber wissen wollen, dann schlagen Sie Ihre Bibel auf und lesen Sie Jeremias 1. – Haben Sie das denn getan? – Ja, getan hab ich das und gekommen bin ich bis zu dem Topf von Mitternacht her, aber abgegangen bin ich auch vom Seminar. Das mit dem Pastorwerden, das verlor sich auch wieder. Zum Bauern gehen und da für mein Leben lang Kühe melken und den Stall ausmisten, danach stand mein Sinn auch nicht. So schrieb ich an meinen Freund und Gönner, den Auswanderermissionar in Bremen, und der schrieb an einen Bankdirektor in Schwerin, und der schrieb mir wieder, ich sollte mich mal vorstellen.

Na, was hat der Bankdirektor denn zu Ihnen gesagt? – Ja, das war ein lustiger Herr. Es war ein kurzer, runder Herr, und zuerst tat er ganz kurz und knasch: Haben Sie Ihre Papiere mitgebracht? – Ich gab ihm den ganzen Packen, denn ich hatte mir auf jeder Stelle ein Zeugnis ausstellen lassen. Sonntags nachmittags lese ich da manchmal gern drin und mache mir eine Freude, denn ich sehe, daß die Leute was von mir gehalten haben. – Na, der Bankdirektor wiegt den Packen in der Hand, sieht mich scharf an, und dann sagt er: Sie mögen wohl gern laufen? – Nein, Herr Bankdirektor, dieses weniger; ich habe Plattfüße. – Da hat er laut losgelacht. Er hat über die Maßen gelacht. Er hat übermenschlich gelacht. Warum er wohl so gelacht hat, Herr Pastor? – Er hat gemeint, daß Sie Ihre Stellen wohl ein bißchen oft gewechselt haben. – Ja, das hab ich mir nachher auch gedacht. Wir haben uns dann noch schön unterhalten, und zuletzt hat er gesagt: So viel wie ein guter Volksschüler wissen Sie auch. Wir wollen den Versuch machen. Woher wußte er das wohl? Die Zeugnisse hat er knapp angesehen. – Nun, das hat er aus der Unterhaltung gehört. – Ja, das hab ich mir auch schon gedacht.

Herr Pastor, fing er wieder an, ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich achte Sie. Aber meinen Vorgesetzten kann ich nicht achten. Sehen Sie, diesen Brief schreibt mir der Mann. Ich verkaufe ihm nicht genug Nähmaschinen. Aber der Mann schreibt weder grammatisch noch orthographisch richtig. Kann man vor solchem Vorgesetzten wohl Achtung haben? Ich möchte gern Ihre Meinung hören. Ich möchte wissen, was Sie dazu sagen. – Ja, Herr Drögmöller, das kommt ganz darauf an, was Sie von dem Mann lernen wollen. Wollen Sie Grammatik von ihm lernen? – Dieses nicht. – Wollen Sie Orthographie von ihm lernen? – Dieses auch nicht. – Wollen Sie von ihm lernen, wie man Nähmaschinen verkauft? – Ja. – Na also. Versteht der Mann sein Nähmaschinenfach? – Ja, das versteht er großartig. Der Mann versteht Wörter zu machen. Er versteht auch Geschäfte zu machen. – Dann müssen Sie ihn auch achten. – Aber er schreibt weder grammatisch noch orthographisch richtig, Herr Pastor.

Sagen Sie mal, Herr Drögmöller, kennen Sie Karl den Großen? – Na und wie! 768–814! – Haben Sie Respekt vor Karl dem Großen? – Dieses sehr! – Nun, der Mann konnte auch nicht richtig schreiben. Er machte mehr Fehler als die Kinder heute in der Schule; aber darum bleibt er doch Karl der Große. – Herr Pastor, das imponiert mir. Herr Pastor, das leuchtet mir ein. Na, denn will ich nach diesem bei meinem Nähmaschinenonkel und seinen Fehlern man immer an Karl den Großen denken und ihn auch achten.

Ja, dat dauh denn man, Drögmöller, sagte ich. Der Pastor ging, und er half beim Maispahlen. Da lernte ich ihn weiter kennen, denn er sagte gerade raus, was er dachte, und das gleiche ich. Was andre Leute von ihm sagten, das erzählte er auch gerade raus, wenn er da auch keine Ehre von hatte. Er erzählte: Pastor Brümmerstädt hat mich immer mit Josef verglichen. Er hat zu mir gesagt: Drögmöller, wenn ick di so ankieken dauh, denn möt ick ümmer an Josef denken: Sehet, da kommt der Träumer her! Das hat mir an dem Mann nicht gefallen. Das war nicht höflich von ihm. – Das laß man gut sein, sage ich, Josef war doch ein heiliger Mann und steht in der Bibel. – Höflich war das aber doch nicht. – Na, sag mal ehrlich, bist du in der Zeit wohl so etwas von einem Träumer gewesen? – Das will ich nicht abstreiten. Das kann gut angehen. Das ist wohl nicht ganz ohnedem. Brümmerstädt hatte mal in Hamburg zu tun, und ich mußte mit. Da nahm er mich auch mit in den Zoologischen Garten, und wir standen lange vor dem Löwenkäfig. Da hielt der Pastor mir einen Vortrag über die Löwen, und ich hatte unterdes meine Betrachtungen über all die Löwengeschichten, die ich schon gelesen hatte. Als er nun fertig war mit seinem Vortrag, da war ich auch gerade fertig mit meinen Betrachtungen und sprach: Herr Pastor, sind das hier nun wirkliche oder lebendige Löwen? Da hat er sehr gescholten. Er hat sogar auf hochdeutsch gescholten, was sonst nicht seine Angewohnheit war. – Und eines Nachmittags stand ich hinter der Scheune und kuckte die Wolken an und hatte dabei meine Betrachtungen über mich und meine Zukunft. Denn die Natur hat sehr vieles Anzügliches für mich. Da kam die Frau Pastorin und sagte: Drögmöller, die Kühe brüllen ja wieder so; die haben gewiß wieder kein Wasser gekriegt. Drögmöller, Drögmöller, woran denken Sie eigentlich immer? Und ich wandte meinen Blick von den Wolken zur Erde und antwortete und sprach: Frau Pastorin, immer an Lernen!

Er war mächtig sparsam, und das gefiel mir an ihm. Er war geizig, und das gleiche ich nicht. Er war schon Mitte der Dreißiger und noch immer ein Mann von kümmerlichem Einkommen. Dabei hat er doch 3000 Mark auf der Sparkasse. Das hat er selbst erzählt, und ich glaube, daß er wahrgesagt hat. Jahrelang hat er sich durchgehungert im Lübeckschen; aber einmal im Jahr, am Altjahrsabend, da ist der Sparer ein richtiger Verschwender gewesen.

Ja, da hab ich herrlich und in Freuden gelebt. Da kaufte ich mir einen Spickaal zum halben Taler, einen Butterkuchen mit viel Rosinen und Korinthen, ein Stück Butter extra und eine Flasche Portwein. Das baute ich vor mir auf, und dann setzte ich mich dahinter. Ja, das verputzte ich an dem Abend, und von der Aalhaut nachher auch noch ein Stück, weil sie so schön fett war. Bloß in der Nacht kriegte ich mächtige Bauchwehtage. Was meinen Sie, woher mögen die wohl gekommen sein? – Na, Drögmöller, wenn du dat all inpackt hest un hest dinen Spickaal mit Rosinen und Korinthen in Portwein un Bodder swemmen laten, un denn de oll tage Aalhut achteran, dat kann jo kein Präriebüffel uthollen.

Ja, das habe ich mir auch schon gedacht. Ich habe sonst einen gesunden Magen, und das Hungern ist mir auch ganz gut bekommen. Auf den Altjahrsabend aber hab ich mich schon immer von Martini an gefreut. Ja, da hab ich herrlich und in Freuden gelebt wie Moses in den drei fetten Jahren in Ägypten. – Na, Drögmöller, nimm mi dat nich äwel, äwer dat is dummen Snack. Irstens waren dat nicht drei fett Johren – dat weren säben. Tweitens hett Moses von de fetten Johren nicks markt, denn hei is dor noch nicht mit bi west, un drüddtens gelt dat »Herrlich und in Freuden leben« nicht von Moses; dat gellt von den rieken Mann int Evangelium. Mit de Bibel weißt du nich recht Bescheid. Du hest dor kein richtige Slagordnung in. Wi willen uns de Geschicht von den rieken Mann man noch vörlesen und denn tau Bedd gahn.

Nach der Andacht aber hatte er noch was auf dem Herzen, und endlich kam er damit raus. Er tat eine Bitte an Wieschen: Kann ich mir in der Küche wohl noch ein reines Hemd anziehen? Es ist da so schön warm, und morgen ist doch Sonntag. – Das war Wieschen auch noch nicht vorgekommen in ihrem Lebenswandel; aber sie sagte ja, und er sprach: In Lübeck hat meine Wirtin mir das auch immer erlaubt. Ich sparte mir das Einheizen, und am Sonnabendabend nahm ich das Hemd unter den Arm und ging in die Küche. Frau Böteführ wußte dann schon Bescheid und ging solange raus. So zog ich das alte Hemd aus und setzte mich auf den Herd. Da war es schön warm und ein guter Platz für Betrachtungen. Wenn ich ordentlich durchwärmt war, zog ich das reine an. Ja, das war eine schöne Zeit. – So erzählte er, und Wieschen machte dazu ihre runden Augen.

Am Sonntag blieb er bei uns. Da erzählte er viel von seiner Mutter. Von der hält der alte Knabe viel, und sie hat man den einen Jungen. Einmal ist sie sehr krank geworden und hat dazu auch Not gelitten. Er liebt das Geld sehr; aber da hat er gleich 300 Mark abgehoben und ist zu ihr gereist und hat sie gesund gepflegt. Das gleiche ich. Denn der Mensch, der seine Mutter in Ehren hält, der muß in seinem Herzen doch gut sein, und er lebt nach dem vierten Gebot. – Am nächsten Tag wanderte er weiter. Ich glaube, er wird nicht viele Nähmaschinen verkaufen im Lande Amerika, wenn er seinen Spruch auch noch so schön aufsagt. Ich glaube, er ist inwendig in seinem Kopf ein bißchen steifbeinig gebaut und ein bißchen einsam dazu. Er ist nicht der Mann, der sich hier durchschlägt. Aber er ist auch wie ein Kind, und man muß ihm gut sein. Wieschen hat ihm den Rat gegeben, er solle man wieder nach Mecklenburg gehen und ein Mädchen heiraten, das etwas Land und zwei Kühe hat. Das wäre das beste für ihn und für seine Mutter auch. Aber davon wollte er noch nichts wissen. Er meint, hier in Amerika liegt das Geld auf der Straße und man braucht sich nur zu bücken und es aufzusammeln. Darum wird das Mädchen wohl auch noch auf ihn warten müssen. Aber wenn er sich nach dem Gold bücken tut, dann macht er erst lange Betrachtungen, und unterdes kommt ein anderer; der sammelt es auf und geht davon. Es tut mir leid um ihn. Als er von uns ging, da gingen unsere Gedanken mit ihm. Aber sie mußten allein wieder zurückkommen. Sie suchen ihn noch manchmal, aber sie finden ihn nicht. Vielleicht hat er getan nach Wieschen ihrem Rat.

 

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