Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johannes Gillhoff >

Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
Schließen

Navigation:

Ein Vierteljahr zurück schrieb ich dir von den Polen, wie wir sie zum Kirchenbau bekehrten. Von dem einen will ich dir heute eine Geschichte erzählen, denn Wieschen hat in diesen Tagen mal wieder ihre große Reinmacherei, und dann ist ein schlechter Umgang mit ihr. Ich sage bloß so im Vorbeigehen ganz löslich ein paar Wörter von der Sündflut. So sagt sie, ich soll mir ganz ruhig eine Arche bauen und abgondeln. Ja, so sind die Weiber. Nun riecht das ganze Haus nach Wasser, und bei dem wässerigen Geruch ist mir die Geschichte von dem Polen wieder eingefallen. Der Mann hieß mit seinem Namen Scharwenski und war ein Jahr mit im Kirchenvorstand. Aber so was von Dreck hab ich mein Lebtag nicht in einem Hause gesehen. Die Stube war anzusehen wie ein richtiger Schweinestall, und in der Küche klebte das Geschirr an den Brettern. Die Wanzen wollten gern schwadronsweise an den Wänden lang exerzieren. Man bloß, sie blieben stecken, sie saßen bis an den Bauch im Dreck. Na, es gibt verschiedene Würmer aus Gottes Erdboden. Die einen mögen gern im Apfel sitzen und die andern im Dreck. Die Naturen sind verschieden.

Der Pastor kam zu ihnen. Der Mann war nicht da. So kam die Frau rein. Sie kam vom Ausmisten. Das konnte man sehen und riechen auch. Sie hatte sich nicht mal die Finger gewaschen. Sie trug Brot, Butter und Käse auf. Der Pastor mußte essen. Er mußte sich würgen. Es wollte nicht untergehen. Er mußte noch ein großes Stück Käse mitnehmen. Er war froh, als er draußen war. Den Käse legte er in seine Stube. Als er dann wieder rein kam, da saß sein Kandidat hinter dem Käse und säbelte ein Stück nach dem andern ab. Das war ein feiner junger Herr, und sein Vater war Professor am College. Er war auch schon mal bei Scharwenski gewesen, aber nachher hatte er einen Tag lang nicht essen können.

Als der Pastor ihn nun so nürig (emsig) essen sah, sprach er zu sich. Dein Kandidat will Pastor werden. So kommt er zu allerlei Volk und muß an ihrem Tisch sitzen und ihr Brot essen; sonst sehen sie das als eine Beleidigung an. Der junge Mann ist von Hause aus noch immer zu ekelhaft in seinem Essen. Er muß mehr hartfratsch werden, und dies ist eine paßliche Gelegenheit, ihn zu bekehren.

Als er so weit gedacht hatte, da lobte der Kandidat den Käse in seinem Geschmack und daß er auch einen besonderen Geruch an sich habe. Ja, sagte der Pastor, er ist auch von Frau Scharwenski. Als der junge Herr das hörte, da aß er nicht mehr. Da legte er das Messer hin. Da wurde er blaß. Da lief er raus. Da lief der Käse auch wieder an die frische Luft, und das Vesperbrot sauste hinterher. Da hat der Pastor es aufgegeben und hat ihn nicht mehr bekehrt.

Solche und ähnliche Geschichten passieren hier auch. Der Mann hat seine Farm nachher ganz gut verkauft und ist über den Missouri nach Nebraska verzogen. Mit ihm ging ein andrer; dem sein Haus sah sehr reinlich aus, denn die Frau war dafür. Als sie so zusammen fortzogen, da wurde ein Sprichwort hinter ihnen hergesprochen: Hier swemmen wi Appel, säd de Roßappel taum Gravensteiner, dunn swemmten sei tausammen de Bäk dal. Aber sein Nachfolger und seine Frau, die haben ein halbes Jahr lang zu tun gehabt, daß sie den Stall rein kriegten, und die Frau hat einen ganzen Tag mit der Schüffel gearbeitet, bis sie den gröbsten Mist aus der Stube hatte.

Wieschen sagt: Das mußt du nicht schreiben, denn es gehört zum Afterreden und ist gegen das achte Gebot. Ich sage: Wieschen, das ist nicht an dem. Ich habe es geschrieben, damit der Mann weiß, wie Land Amerika manchmal aussieht, wenn es in unrechte Hände kommt. So sagt sie: Du wirst auch keine Geschichten hinschreiben, die für dich selbst keine Ehre sind; darum mußt du es bei andern auch nicht tun. – Hoho, Wieschen, das werde ich doch tun. Ich soll ihm das Leben hier aufschreiben und abmalen, wie es wirklich ist; und das muß ich tun, ob ich davon eine Ehre habe oder nicht. – Was willst du denn von dir hinschreiben? – Wie ich mal von der Kanzel herab gezüchtigt worden bin! – Ach, laß doch die dumme Geschichte! Das ist ja auch schon seine zehn Jahre her. – Wir wollen uns freuen, Wieschen, daß es nicht erst letzten Sonntag passiert ist. Sonst würde ich meine Feder nicht in die Dinte stippen, sondern in Grimm. – Und das ist nicht christlich und bekommt auch nicht. Ich konnte dir den schönsten Braten machen, aber du bist auf und davon gegangen. – Stimmt, Wieschen! Ein Gericht Kraut mit Liebe ist besser denn ein gemästeter Ochse mit Haß, Sprüche Salomonis Kap. 15. – Na, das laß man sein. Für Krautessen bist du immer nie nicht gewesen.

Da geht sie hin, und ich will dir die Geschichte aufschreiben. Es ist nichts dabei, ist auch schon lange her. Du brauchst es aber im Dorf nicht vorzulesen. – Wir hatten mit Freunden und Verwandten eine kleine Feier. Es war ganz ordentlich, bloß zuletzt ein bißchen laut. Da kam ein junger Mensch rein, der hatte reichlich getrunken. Dem hatte Wieschen früher mal die Wahrheit gesagt, weil er duhn war und Reden führte, die nicht mehr anständig waren. Nun fing er an, sich mit Wörtern an Wieschen zu reiben. Sie sah mich an. Ich sah ihn an. Er stichelte weiter. Er stichelte nicht mehr mit Nähnadeln. Er stichelte mit Packnadeln. Es wurde ganz still. Ich sprach: Du mußt nun ruhig sein. Ich muß dir sonst eine runterhauen. Du kommst billiger weg, wenn du es jetzt sein läßt. – Es half nicht. Der Bengel trieb es immer ärger. Wieschen schämte sich vor den Leuten. Ich stand auf. Ich ging auf ihn zu. Ich hob meine Faust wider ihn. Ja, das tat ich. Aber Wieschen sprang dazwischen. Einer von den Nachbarn warf den Bengel aus der Tür. Ich vergaß die Sache. Aber sein Vater ging zum Pastor und verklagte mich. Das war der erste Teil.

Nun kommt der zweite Teil. Am Altjahrsabend saß ich in der Kirche, und der Pastor hielt eine schöne Predigt über das Wort: Meine Zeit stehet in deinen Händen. Aber am Schluß machte er noch eine Anmeldung. Er sprach: In unserer Gemeinde befindet sich ein Mann, der seine Hand wider seinen jungen Bruder erhoben hat. Er ist noch nicht um Vergebung bei ihm eingekommen. So wollen wir am Schluß des Jahres für ihn beten. – Und wahrhaftig! Da beteten sie für mich, und es kam mir gar nicht zu. Als sie das taten, da dachte ich erst was, was ganz unchristlich war, und was man in der Kirche lieber nicht denken soll. Aber dann hab ich auch gebetet. Ich habe gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Nachher bin ich zum Pastor gegangen und hab ihm mein Beten erzählt und die ganze Geschichte auch, denn mein Herz ist keine Mördergrube. Ich hab ihm auch gesagt, wenn er wieder mal von der Kanzel herab für einen bete, dann solle er sich vorher lieber genau erkundigen, daß er nicht vorbeibete. So war alles wieder in Ordnung, bloß der Pastor kriegte einen Kopf, der war etwas rot. Aber den Jungen und den Alten hat er sich dann mal ordentlich gelangt, und der Junge hat sich bei Wieschen verbeten und ist seitdem viel manierlicher geworden.

Na, so was kann passieren, denn Irren ist menschlich, auf der Kanzel auch. Und Fürbitte kann der Mensch immer mal brauchen. Paßt es heute nicht, dann paßt es ein andermal, und ich denke, der liebe Gott hat meine Fürbitte zurückgelegt für ein andermal, wo sie besser für mich paßt. Unter den Menschen aber ist es nötig, daß da kein Span und Haken zurückbleibt, und hier ist nichts zurückgeblieben.

Oha, in unsern Kirchen geschahen früher manchmal merkwürdige Sachen. Das war meist, als wir noch im Anfang steckten und weit auseinander wohnten. Aus der Zeit stammt sich eine Kirchengeschichte, die trug sich in einer Nachbargemeinde zu, so bei zwanzig Meilen West. Sie hatten da einen guten Pastor, aber eine schlechte Ernte, und das drei Jahre hintereinander. Alles war auf dem Halm verbrannt, und sie konnten sich das Einfahren sparen. Ihre Kühe waren anzusehen wie die Windhunde. Das erste Jahr ging das noch an. Als aber auch im zweiten Jahr der Himmel verschlossen war, da kamen sie zusammen und klagten sich ihre Not. Als sie damit fertig waren, machten sie den Beschluß, sie wollten in diesen teuren Zeiten dem Pastor sein Gehalt auch sparen. So gehen sie zu ihm und reden erst vom Wetter und all solchen Sachen, womit der Mensch anfängt, wenn er zu Menschen kommt. Aber dann stößt einer den andern an, und endlich mußte der Kirchenälteste damit raus. Der stammte aus Buxtehude, da achter Hamburg. Das is dor, wo de Swienegel mal mit den Hasen in de Wedd löp und wo er ihn im Laufen übermochte.

Herr Pastor, sagt er, Ihr habt uns nun so'n Stücker drei Jahre Gottes Wort gepredigt, und wir haben Euch das Gehalt gern gezahlt und ohne Murren. Aber nun sind aasig schlechte Zeiten gekommen, und wir müssen sparen, denn die Gemeinde kann Euer Gehalt nicht mehr aufbringen. So haben wir den Beschluß gemacht, wir wollten mal versuchen, ohne Euch fertig zu werden.

Er hält still in seiner Ansprache. Keiner hilft ihm. Ihm wird heiß. Er merkt, es ist nicht leicht. Der Pastor steht am Fenster. Er kuckt raus. Er sagt nichts. Der Buxtehuder muß wieder anfangen: Wir haben an das Wort gedacht, was Ihr uns verkündigt habt: Gott ist in den Schwachen mächtig. Das wird wohl auch für trockne Jahre gelten. Besonders, wenn da ein Schwacher nicht allein ist, sondern ein ganzer Posten. Um Gottes Segen haben wir auch schon gebetet. Nun sind wir zwölf Mann im Kirchenrat, und wir haben uns das so gedacht: Wir wollen uns das umgehen lassen im Vierteljahr. Jeder übernimmt einen Sonntag und hält in der Kirche eine geistliche Vermahnung an die Gemeinde, so ähnlich, wie Ihr das macht. Bloß kürzer und kräftiger, und einer nach dem andern, daß jeder sein Recht kriegt. Er hält wieder still. Ihm wird noch heißer. Er muß sich den Schweiß abwischen. Der Pastor steht noch immer am Fenster. Er kuckt noch immer raus. Er sagt noch immer nichts. Der Mann aus Buxtehude muß noch einmal anfangen: Ihr habt uns Gottes Wort treu gepredigt. Dafür sind wir Euch dankbar. Aber jetzt sind wir in großer Not, und wir wollen uns bei Euch bedanken, wenn Ihr Euch eine andre Stelle sucht. Der liebe Gott wird Euch dabei helfen, und wir wollen auch für Euch beten. Wenn der liebe Gott wieder Regen über das Land schickt, holen wir Euch gern zurück. – Er hustet. Er scharrt mit dem Fuß. Er ist fertig mit seiner Ansprache. Die andern nickköppen ihm zu: Du hast deine Sache gut gemacht.

Da ist der Pastor auch fertig mit seinem Fensterkucken. Er dreht sich rum und sagt ja. Dann wischt er sich mit der Hand ein paarmal über den Mund und das Kinn. Ja, wenn Ihr meint, daß es nötig ist und daß Ihr auch ohne mich fertig werden tut, dann macht Euch weiter keine Sorgen. Heute ist Montag. Nächsten Donnerstag will ich gehen, und nächsten Sonntag könnt ihr anfangen. Bloß, Ihr müßt mir erlauben, daß ich meine Sachen noch ein paar Wochen hierlasse. Denn für den Augenblick weiß ich nicht, wo ich damit hin soll.

Da willigten sie gerne ein und zogen ab, und er rief ihnen noch nach: Also bis dahin, daß der liebe Gott wieder Regen schickt über das Land! – Ja woll! riefen sie zurück. Du, sagte draußen einer zum andern, der Pastor hat sich eben, als er vom nächsten Regen sprach, mit der Hand wieder über den Mund gewischt. Aber es kam mir so vor, als wenn seine Augen sich inwendig lachten. Dabei ist für ihn doch nichts zu lachen. Aber wozu reibt er sich denn um den Mund rum? – Laß ihn reiben! sagten die andern, und am Donnerstag zog der Pastor richtig ab.

Damals dachte noch kein Mensch auf der Farm daran, sich ein Telephon anzuschaffen; aber die Geschichte lief in ein paar Tagen in der ganzen Gegend rum: In Dingskirchen hat die Gemeinde ihrem Pastor aufgesagt. Gottes Wort wird ihnen in trocknen Jahren zu teuer. Nächsten Sonntag wird der Kirchenälteste an seiner Stelle eine geistliche Vermahnung an die Gemeinde halten, die soll kurz und kräftig ausfallen. Sie wollten sich das umgehen lassen.

Da kam der nächste Sonntag schon ran. – Da kam alles, was Beine hatte, und ich auch. Ich sagte zu Wieschen: Das muß ich mir anhören. Sie sprach: Die Leute haben eine Dummheit gemacht, und die sie Sonntag machen, die wird noch größer sein, denn die erste war. Was willst du dir die Stiefelsohlen danach ablaufen? Aber als der Sonnabend kam, da nahm ich die zwanzig Meilen unter die Füße, und am Abend hatte ich sie richtig abgewickelt. Am andern Morgen war die Kirche proppenvoll. So voll hatte der Pastor sie wohl lange nicht gesehen. Vor dem Altar stand das Lesepult, und davor saß der Buxtehuder und hatte seinen Sonntagsrock an. Aber ein Sonntagsgesicht hatte er nicht aufgesetzt. Auch rutschte er heftig hin und her auf seiner Bank. Na, denke ich, in deiner Haut möchte ich heute auch nicht stecken. Wo dit woll möt!

Er läßt Nr. 288 singen: Was willst du, armer Erdenkloß, so sehr mit Hoffart prangen? Es ist ein langer Gesang. Er hat 13 Verse. Es ist zu Ende. Er bleibt sitzen. Er läßt ein zweites Lied singen. Die Gemeinde wundert sich; er ist sonst nicht für Musik. Endlich ist das auch zu Ende. Noch ein drittes Lied – nein, das geht nicht. So wankt er nach dem Pult und stellt sich dahinter. Aller Augen sehen auf ihn, die einen mit Neubegier, die andern mit Ehrfurcht. Ihm bebern die Bücksen. Er muß sich immerzu den Schweiß abwischen. Er nimmt die Bibel. Er schlägt sie auf. Er liest Matthäi am 23.: Oh, ihr Schlangen und Otterngezücht, wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen? – Wir setzten uns. Wir husten noch mal, um nachher nicht zu stören. Wir setzten uns zurecht, und ich denke so bei mir: Alles, was recht ist! Eine kurze, kräftige Vermahnung läßt sich da gut anbringen. Aber daß er die Farmersleute gleich mit Schlangen und Ottern vergleicht, das wäre wohl nicht nötig gewesen, wo es auch gar nicht an dem ist. Na, das ist seine Sache. In der Bibel kommen Schlangen und Ottern ja öfter vor.

Als die Gemeinde mit dem Husten fertig ist, da hustet er selbst noch ein paarmal. Dann gibt er sich inwendig einen Ruck und fängt wahrhaftig an. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, was nun kam, so was hab ich im Leben nicht gehört. Das war nicht geistlich. Das war nicht weltlich. Das war bloß ängstlich und lauter Unsinn. Er fing an:

Meine lieben Mitchristen! Oder, wie der Apostel sagt, ihr Schlangen- und Otterngezücht! Ihr Schlangen! sagt er. – Ihr Schlangen und Ottern! – – Ihr Ottern und Schlangen! – – Ihr Ottern! – Ihr Schlangen! Das brüllt er man so raus, und dazu schlug er mit der Faust auf die Kanzel. Er tat es aber nicht aus Kraft, sondern aus Angst. Er wollte sich Mut machen. Es gelang ihm nicht. Er wußte nicht weiter. Er verbiesterte (verirrte) in seinem Text. Er fing wieder an: Ihr Schlangen- und Otterngezücht! – Ihr Schlangengezücht! – Es war wieder alle. Er kuckte über sich. Er kuckte uns an. Wir kuckten ihn an. Wir saßen ganz still. Er legte noch mal los; aber er war heil und deil verbiestert: Ihr Schlangen! Ihr Schlottern und Zangen! – – Ihr Schlottergezücht! – Das kam noch ordentlich forsch raus. Und dann saß er ganz fest. Seine Vermahnung war alle geworden. Er blickte um sich wie einer, der in großer Not ist.

Es war aber allda einer von den Ältesten, der sollte am nächsten Sonntag ran. Der sah seine Not und daß er die Tiere so durcheinander schmiß. Der sah auch, daß es mit der geistlichen Vermahnung für heute nichts mehr wurde. Darum erbarmte er sich über ihn und rief ihm leise zu: Lasset uns beten! – Er aber griff das Wort mit seinen Ohren auf, und mit seinen Augen suchte er auf der Bibelseite Matthäi am 23. nach einem Gebet. Es nützte nichts mehr. Er war nun einmal an Leib und Seele verbiestert, und darum verhaspelte er sich auch in seinem Beten. Er folgte die Hände und sprach: Lasset uns beten! Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Amen. – Dann setzte er sich und tat sich bloß noch den Schweiß abwischen. Wir sangen noch ein kurzes Lied, und dann war die Kirche aus. Die Andacht war schon lange vorher aus gewesen. Weißt du, was ich wohl wissen möchte? Ich möchte wohl wissen, was der liebe Gott zu dem Buxtehuder seiner geistlichen Vermahnung gesagt hat.

Die Ältesten aber hielten einen Rat und machten einen Beschluß: Wir wollen unsern Pastor aufsuchen und ihn bitten, daß er wieder zu uns kommt. Es ist schwerer, als wir gedacht haben. – Der Pastor war auch gar nicht schwer aufzufinden. Er war in der Nähe geblieben, weil er sich das schon so gedacht hatte. Am nächsten Sonntag stand er wieder auf der Kanzel, und die Kirche war wieder voll. Sie haben ihm alle gedankt und gebeten, er solle ihnen das man nicht weiter übelnehmen; es sei bloß ihre Dummheit gewesen. Lieber wollten sie noch ein trockenes Jahr durchhalten als noch eine geistliche Vermahnung von der Sorte.

Der alte Buxtehuder aber hat um Vergebung einkommen müssen bei der Gemeinde. Er hat auch gesagt, es sei ihm bloß aus Angst abgegangen und es tue ihm leid; sie würden es aber auch nicht besser gemacht haben. Das haben sie denn auch geglaubt und sind damit zufrieden gewesen. Bloß, als Kirchenältesten haben sie ihn gleich abgesetzt, weil es vor Gott und allem Volk geschehen war. Es durfte ihn aber hinfort niemand fragen nach seinem Priestertum. Dann wurde er wild. – Der Pastor und seine Gemeinde sind nachher ganz gut miteinander fertig geworden, und in trocknen Jahren ist nicht wieder die Rede davon gewesen, daß sie ihm aufsagen wollten.

Als ich nach Hause kam und meinen Stock in die Ecke gestellt hatte, da sagte ich: Wieschen, sagte ich, du hast wieder mal recht gehabt. Lieber in trocknen Jahren Sägespäne essen, als vor dem Altar stehen und nicht priestern können. Wieschen meinte, das habe sie ja gleich gesagt. Aber ich mußte ihr die Geschichte doch haarklein erzählen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.