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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Lieber Freund, von unserm Anfang kann ich dir noch manches erzählen. Wir hatten den Pastor schon viel näher, da ist es mir doch noch ein paarmal passiert, daß ich sonntags in die Kirche reinkam und der Pastor kam mir schon entgegen. Das tat er nicht aus Höflichkeit, sondern weil die Kirche schon aus war. Bloß ich konnte nicht eher rankommen. Andern ging das auch so. War der Pastor beinahe fertig mit seiner Predigt, dann konnten wir in der Ferne manchmal noch ein Ochsengespann hören. Das kam langsam näher. Das war Heinrich Tiesel. Er wohnte seine zwölf Meilen Nord, und sein Weg ging durch Busch und Sumpf. Bei den vielen Schlaglöchern sind Ochsen am sichersten. Man bloß, man muß laut mit ihnen reden, sonst verstehen sie es nicht. Tiesel aber hatte eine gute Ausrede, darum hörten wir ihn schon von ferne, und um das Amen rum war er denn auch richtig in der Kirche. Dann ließ der Pastor noch einen langen Schlußgesang singen. So hatte er auch was vom Sonntag und hatte den weiten Weg doch nicht umsonst gemacht.

Ich hatte zu Anfang auch manchmal ein merkwürdiges Unglück in der Kirche. Da stand an der Tafel der Gesang Nr. 401. Hoho, denke ich, den kennst du von der Schule her aus dem Kopf; da kannst du dein Gesangbuch sparen. Denn es war noch mein altes von der Schule her. Ich fing dann auch richtig an zu singen: Ein' feste Burg ist unser Gott. Aber meine Nachbarn wunderten sich über mein Singen und stießen mich an, denn sie sangen: Du bist zwar mein und bleibest mein; wer will mir's anders sagen? Nimm mal bloß an, das ist in Amerika Nr. 401! – Da war wieder mal ein Sonntag, und am Brett stand Nr. 359. Ich denke mir nichts Arges dabei und lege richtig los: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Aber Wieschen stieß mich an, denn die andern sangen: Gott lebet noch, Seele, was verzagest du doch? – So ging es mir auch mit Nr. 89. Das war in der Passionszeit, und ich wundere mich noch, daß da Luther sein Weihnachtslied gesungen werden soll, denn Nr. 89 ist ja: Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich. Aber wir waren in Amerika, und da war Nr. 89 kein Weihnachtslied. Es war: O Welt, sieh hier dein Leben. Ja, denke ich, das paßt besser und ist auch ein schönes Lied. Aber es ist doch schade, daß nicht alle Welt einerlei Zunge und Sprache und Gesangbuch hat. Ich hatte mich so schön an die alten Nummern gewöhnt. Aber einer muß hier im Leben oft umlernen und in den Nummern auch.

 

Unsere Pastoren haben hier kein bequemes Leben, und die meisten bleiben hellschen mager. Was der unsre ist, der war zu Anfang meist als Reisepastor unterwegs und hatte in der Woche vier Predigten zu tun, zwei am Sonntag, zwei in der Woche. Zu uns kam er am Dienstag. Da mußte einer es schon ganz wild haben oder sehr raffig sein, sonst machte er den Dienstag zum Sonntag. Sein Reisen und Reiten geschah also, daß er seine sieben Meilen ritt oder mehr. Bis Mittag hielt er dann Kirche. Nachher gab es noch biblische Geschichte mit den großen Kindern, wobei wir auch meist dablieben. Später legte er sich einen Wagen zu und kam öfter. Meist gegen Abend, weil er uns dann mehr zu Hause traf. In der ersten Zeit ritt er manchmal den ganzen Tag von Farm zu Farm und traf doch nur Kinder. Die Großen waren alle auf dem Felde. Jetzt richtete er auch Kinderlehre und Konfirmandenunterricht ein. Drei Tage hielt er Schule in Town, drei halbe auf dem Lande. Die Kinder lernten biblische Geschichte, Katechismus und Gesang. Die meisten konnten nicht lesen. Pflügen, mähen, reiten und fahren, ja, das konnten sie alle. Lesen konnten sie nicht; es ist auch schwerer. Ja, wenn man die Buchstaben mit der Harke zusammenfassen könnte! – Er sprach es ihnen vor, und sie sprachen es nach, bis sie es wußten. So lernten sie in zwei Wintern doch ihre zehn Gesänge und mehr und sangen sie auch. Auch lernten sie bei ihm Lesen, Schreiben und Rechnen, wenn so viel Zeit da war.

Auf die Dauer ging das nicht. Er gab sich viele Mühe, aber die Kinder wuchsen doch beinahe auf wie das liebe Vieh. Der Mann konnte das auch nicht aushalten. Es begegnete ihm zuviel Unfall. Mal sich verirren im Busch und draußen übernachten, aber nicht bei so schönem Wetter, als Jakob unterwegs hatte. Sondern er war bis auf die Haut durchweicht. Viel kalt war es auch noch. Bei solchem Wetter hätte Jakob auch nicht von der Himmelsleiter geträumt. Mal mit dem Braunen durch den Fluß geschwommen. Aber unterwegs verlor er seinen Braunen oder der Braune ihn. Mit knapper Not kam er wieder ans Land. Sein Brauner auch, man bloß am andern Ufer. Da kuckten sie sich beide an, und die Tasche mit dem heiligen Rock schwamm unterdes nach dem Ozean. – Mal wieder mit dem Wagen umgeschmissen. Er ließ ihn liegen und kam mit den losbändigen Pferden an. Mal übernachtete er in einer elendigen Blockhütte, in der lange keine Menschen mehr gewohnt hatten. Das Dach war so löcherig, daß er nachts den Regenschirm aufspannen mußte. Das hält auf die Dauer kein Mensch aus, ein amerikanischer Pastor auch nicht. Aber man muß sie dafür ehren und danken.

Als erst mehr Leute zugezogen waren, da machten wir es anders. Da meldete sich der Pastor zum Sonntag an. Da wurde alles aufgeboten, was so bei zehn Meilen in der Runde wohnte. So ist mein altes Blockhaus auch ein paarmal Kirche gewesen. Ich hatte die Balken inwendig aber auch extra gekalkt. Die Stube war die Kirche, die Küche nahmen wir auch noch dazu. Ich schleppte große Blöcke rein und legte Bretter darüber. Aber Wieschen deckte ein weißes Laken über den Tisch. Da war die Kirche fertig.

Am andern Morgen kamen sie alle an, zu Fuß oder zu Wagen. Die welchen zu Pferd, Frauensleute auch, denn der Weg war schlecht. Winter war es auch, und wir hatten in dem Winter viel kalt. Na, dagegen gab es einen heißen Ofen und heißen Kaffee. Zuerst sangen wir: Ich singe dir mit Herz und Mund. Das schallte man so. Das ging bunt her. Da kam ein jeder für sich am Ende des Verses an. Denn da gab es welche, die waren hitzig; da gab es auch welche, die hatten was Gleichgültiges an sich. Als aber der Vers zu Ende war, da hielten die Hitzigen so lange still, bis die andern auch da waren. Da war auch ein Däne, der stammte aus Naestved, das liegt da irgendwo achter Rostock rum. Der saß hinter dem Ofen in der Ecke, da, wo es am heißesten war. Da saß er auf seinem Stubben. Da schwitzte er auf amerikanisch und sang auf dänisch. Da wurde es noch bunter, denn er sang, wie geschrieben steht: In eigener Melodie. Und die war auch dänisch. Lieber Freund, weißt du, was ich glaube? Ich glaube, der liebe Gott hat sich an dem Tage sehr gewundert über seine Buschleute.

Siehe, an dem Tage war ich der Küster und ging mit dem Klingelbeutel rum. Das war mein schwarzer Hut. Denn Wieschen sagte: Mit dem Strohhut kannst du Gott nicht ehren. Ich sagte: Wieschen, du hast einen verkehrten Glauben. Mit einem Strohhut kann man Gott auch ehren, denn der Herr siehet das Herz an, und vom Hut steht nichts in der Schrift, ob das ein schwarzer oder ein weißer sein muß. So sagt sie: Weiß ist er schon lange nicht mehr, aber entzwei ist er schon lange. Wenn sie dir nun da oben Geld reinwerfen und es fällt gleich durch und rollt durch die Stube, dann mußt du dahinter herkriechen und es wieder suchen, und das gehört nicht zur Andacht. So sage ich: Wieschen, wenn es so ist, dann will ich man lieber den schwarzen nehmen. Das sieht auch geistlicher aus. – So wurde der schwarze auf den Tag zum Klingelbeutel erhöht. Man bloß, daß da keine Klingel an war. Geklingelt hätt' ich für mein Leben gern.

So fing ich an zu kollekten, und es hat mir keiner in meinen Hut reingenickköppt, sondern alle haben gegeben, und der Pastor kriegte über fünfzehn Dollars. Da war er fröhlich. Aber Wieschen war stolz auf mich und ich auch, denn so was hat der alte Adam gern. Der Däne aus Naestved da auf dem Block hinter dem Ofen, der hat auch einen Dollar gegeben, und nachher sagte er: Verstanden hab ich nichts, aber es war sehr feierlich und eine große Auferbauung. Wenn ihr nichts dagegen habt, will ich gern wiederkommen.

Der Pastor predigte über die Speisung der Fünftausend, und dazu brummten die Kühe und Ochsen, und die Schweine quiekten, und die Hähne krähten, und das hat sich alles ganz gut mit der Speisung der Fünftausend vertragen. Denn die Tiere loben Gott auch mit ihrer Stimme, ein jegliches nach seiner Art. Aber nach dem Amen kam noch eine Frau. Die wollte taufen lassen, und was meinst du wohl, wer das war? Das war Dürten Fründt aus unserm Dorf. Sie hat hier Fehlandt seinen Zweiten geheiratet, und zu ihrem kleinen Mädchen bin ich Pate geworden und Wieschen auch.

Als das geschehen war, räumten wir aus und stellten die Tische zusammen, und die meisten haben gleich bei uns gegessen. Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, da waren Gerichte darunter, die konnte der ärmste Mann essen. Du kannst mir richtig glauben, sie sind alle satt geworden und haben gesagt. Danke, ich habe plenty! So war ich wieder mächtig stolz auf Wieschen.

Nachher blieben wir gleich sitzen, und da wurde viel erzählt. Erst Geistliches, dann wurden wir weltlich und zuletzt wieder geistlich. Es war alles sehr schön und dauerte sehr lange. Denn wir kamen in den Jahren selten zum Sitzen. Aber wenn wir mal saßen, dann saßen wir auch fest. Erst sprachen wir von den Toten, und dem einen sein Großvater liegt auf dem Kirchhof in Picher, dem andern sein Vater in Konow und meiner in Eldena. So sind sie auch Nachbarn und nicht weiter auseinander als ihre Kinder hier im Land Amerika. Und der eine hat seine erste Frau im Hannöverschen begraben und der andere seinen ältesten Sohn im Holsteinschen, und der Pastor sprach viele gute Wörter dazwischen von Leben und Sterben und Auferstehen.

Aber von den Toten kamen wir auf die Lebenden; denn was dem einen recht ist, ist dem andern billig, und der Pastor erzählte schöne Geschichten aus der Heimat und aus schönen Büchern, daß es uns eine rechte Freude war und die Augen blänkerten. Dann sprach der eine vom Bohnenmähen in Holstein, was das für schwere Arbeit sei, und der andre vom dreikantigen Weizen in der Heide. Mit einmal waren wir dann alle in der Kinderzeit, und jeder erzählte von zu Hause und von der Schule. Dann waren wir wieder auf den Farmen, und der eine verkaufte sein Vieh vom letzten Jahr noch einmal, und der andre fing schon an, seine nächste Weizenernte zu dreschen, wenn er auch noch gar nicht gesät hatte. Aber der dritte schlug Holz, und der vierte sprengte die Stubben mit Dynamit. Alles auf plattdeutsch. Bloß, das dauerte nicht lange, denn das haben wir hier alle Tage, und sonntags will der Mensch mal was anders hören.

Siehe, da fing einer an und erzählte aus seiner Dragonerzeit in Ludwigslust, und ein anderer war wieder Füsilier in Rostock, und ein dritter streckte seine krummen Knie und diente als strammer Grenadier in Schwerin. So exerzierten sie durch die Stube, und in der Küche war die Parade an Großherzogs Geburtstag; darum machten sie schöne Griffe mit dem Besenstiel. Aber der Dragoner fing an zu singen: König Wilhelm saß ganz heiter. Viele Verse konnte er nicht mehr, aber das schadete nicht, denn wir waren alle schon beim großen Krieg, und Sedan, Straßburg, Metz und Orleans wurden an dem Tage noch einmal erobert. Als aber Paris erobert war, da wanderten die Besenstiele wieder in die Ecke, denn der alte Schuldt hatte schon ein paarmal sein Häih?! gesagt, und das ist immer ein Beweis, daß er müde ist. Die Frauensleute meinten auch, nun sei es Zeit. So machten sie den Anfang. Dunkel war es auch schon. Aber Wieschen hatte noch einmal guten Kaffee gekocht, und als sie den eingenommen hatten, da wurde alles in die Wagen gestopft, und alle sagten: So einen schönen Sonntag haben wir uns schon lange mal wieder gewünscht, denn der Mensch ist nicht bloß zum Arbeiten auf der Welt. – Da fuhren sie hin, und wir gingen auch zu Bett. Das war mal ein richtiger Sonntag. Ja well.

 

Das haben wir dann lange Zeit so gemacht, mal beim einen, mal beim andern. Zuletzt ging das nicht mehr. Wir hatten schon zuviel Zuzug gekriegt. Die Blockhäuser waren nicht mehr groß genug. Wat nu? Wir besprachen die Sache zwei lang, zwei breit. Aber beim Reden kommt auch nicht viel raus, und rein noch weniger. Wenn man beim Reden nicht weiß, worauf man hinaus will, dann kann man sich ebensogut vor den Spiegel stellen und den Mund eine halbe Stunde auf- und zuklappen. Das ist dann auch eine ganz gute Übung. – Als wir wieder mal bei mir zusammenkommen wollten, da sage ich: Wieschen, du mußt zum Sonntag so schön kochen, als du man irgend kannst, und recht viel davon. Denn ich habe einen Plan, und du mußt mir mit deinem Kochen dabei helfen. Wieschen wird hellhörig. Sie sagt: Woso und woans? Was hat mein Kochen mit deinem Plan zu tun? Was hast du vor? Sage es mir! Ich sage: Ein tugendsam Weib ist die Krone ihres Mannes, aber viel fragen macht den Leib müde. Du wirst es erfahren, wenn wir alle satt sind.

Als nun die Kirche zu Ende war, da haben sie alle gegessen. Sie haben so gegessen, daß sie pusteten; denn Wieschen hatte getan nach meinem Rat. So sprach ich: Lieben Freunde, Nachbarn und Landsleute, unsere Gemeinde ist zu groß geworden und unsere Häuser zu klein. Darum so laßt uns eine Kirche bauen.

Da waren auch viele gleich dafür. Das waren die, mit denen ich die Sache schon vorher besprochen hatte. Da willigten auch die bald ein in meinen Rat, die vorher am meisten gegessen hatten. Denn wenn der Mensch satt ist, dann ist er friedfertig. Darum bespricht sich so etwas besser nach dem Essen. Aber es waren noch etliche, die wollten abspringen, denn ihr Geld war ihnen zu lieb. So haben wir mit ihnen gerechnet: Wir machen das meiste mit eigen Hand und Spann, denn es soll für den Anfang bloß eine Blockkirche werden. Die kostet so gut wie nichts. Die können wir uns selbst herrichten und zusammenschlagen. Holz haben wir genug, und wenn wir gleich dabei anfangen, dann sind wir zu Ostern fertig mit dem Bau.

Der dicke Meier will nicht. Er sagt nichts. Aber er steckt die Hände in die Taschen und brummt vor sich hin. Im Mittagsschlaf haben wir ihn auch gestört. Dann ist nicht viel mit ihm anzufangen. Aber ich kenne ihn. Ich weiß, wie er zu nehmen ist. Ich sage: Meier, ich will dir mal was sagen. Es dauert mich schon lange, daß du hier gar nicht ordentlich sitzen kannst. Unsere Bänke sind viel zu schmal für dich. Du mußt immer schräge sitzen. In der Kirche bauen wir breite Bänke, daß jeder bequem drauf sitzen kann. Und eine wird extra breit gebaut. Die sollst du haben, daß du mit Loben, Danken und Wohlgefallen drauf sitzen kannst. Die Bank vermachen wir dir schriftlich. Wenn du einverstanden bist, dann kannst du dich nachher auch gleich hinter den Ofen setzen und ein Auge voll nehmen. Wieschen, stell Meier den Stauhl doch en beten achter den Aben!

So sage ich, denn ich weiß, daß er gern bequem sitzt. Das von der breiten Bank hat er auch gern gehört. Da hat er nicht mehr gebrummt. Da hat er bloß noch die Hände in den Taschen gehabt. Da ist er halb gewonnen. Darum sage ich zu seiner Frau: Wir müssen eine Kirche haben. Das geht nicht, daß wir dir deinen schönen Teppich immer so voll Schnee treten und dir soviel Dreck in die Stube tragen, wo du sie vorher grade so schön gebohnert hast. – Das sieht die Frau ein, denn sie ist sehr für die Reinlichkeit. So sagt sie ja, und da ist der dicke Meier ganz gewonnen. Er holt seine Hände aus den Bücksentaschen. Er geht hinter den Ofen. Denn er ist ein verständiger Mann. Aber in etlichen Dingen ist die Frau der Mann, und sein Haus ist manchmal von der umgekehrten Weltordnung.

Da waren aber noch ein paar andere, die wollten auch nicht anbeißen, denn Teppich und Fußbodenstreichen sind ihnen wilde Wörter, und ihre Dielen haben nicht die Angewohnheit, daß sie gescheuert werden. Denen ist das gleich, ob da ein Zoll Dreck mehr raufkommt das Jahr oder zwei. Sonst sind sie ordentliche Arbeiter. Es sind Polen, aber sie belangen zu unserer Kirche. Sie wohnen nun einmal unter uns, und haben müssen wir sie; sonst springen sie ab und laufen zu den Sekten, und die wollen wir uns hier vom Leibe halten. Die mußten anders genommen werden.

Ich sage: Ihr mögt doch gern Kirchenglocken hören? – Mögen wir, antworteten sie. – Als wir uns vor drei Wochen im Town trafen und die Glocken gingen, da habt ihr gesagt: Darüber tun wir uns freuen. – Tun wir auch noch. Ja, Kirchenglocken können wir gut leiden. – Ihr habt dann weiter gemeint, daß es so schön wäre, wenn wir auch ein paar Glocken haben täten. – Meinen wir auch heute noch. – Ja, wo bleiben wir dann aber mit den Glocken? Oben aufs Hausdach können wir sie nicht gut hängen, und in den Baum hinein, das läßt auch nicht. Da lassen die Vögel auch leicht was drauffallen, was sich für heilige Glocken nicht paßt. Wie sieht das bloß aus! Wenn da mal einer herkommt und läßt es nachher in die Zeitung setzen, dann lacht das ganze Land über uns. – Da wollten sie erst recht nicht ran. Sie sagten: Das mit den Vögeln, das hat nichts zu sagen. Aber das Gerede in der Zeitung, nein, das darf nicht aufkommen. Zuletzt hatten wir sie dann richtig so weit, daß sie sagten: Wenn Glocken sein sollen, dann muß auch ein Turm sein; das geht da nicht ohne.

Schön, sage ich. Aber was meint ihr, wollen wir den Turm denn so auf den Berg stellen? Da kommen viele Leute die Road lang. Die stehen mal still und verpusten sich, und wenn sie das besorgt haben, dann kucken sie sich um, und einer spricht: Nu seht mal bloß, was für eine malle Gegend! Die haben sich einen Glockenturm hingestellt und weiter nichts. Dann sagt der andre: Das werden wohl Nachkommen sein von dem Farmer, der einen Wald kaufen wollte. Aber das wurde ihm zu teuer. So ging er hin und kaufte sich eine Bohnenstange. Dann sagt der dritte: Oder von dem Mann, der eine Farm kaufen wollte. Aber das wurde ihm zu teuer. So ging er hin und kaufte sich einen Kohlkopf! Dann sagt der vierte: Oder von dem Mann, der einen Knopf hatte und nun am Wege saß und auf jemand wartete, der ihm die Bücks dazu schenkte. Dann gehen sie mit Lachen weiter, und ein paar Tage später lesen die Leute es mit Lachen in der Zeitung. Wenn wir einen Turm bauen, dann müssen wir auch eine Kirche bauen, daß wir nicht zum Eulenspiegel werden im Country. Bloß ein Turm, das ist nicht Hemd und nicht Bücks. So sagt mir, was eure Meinung ist.

Da haben sie sich gelacht und gesagt: Unsere Meinung ist, daß du uns angeführt hast. Du hast mit der Kirche da angefangen, wo andere mit aufhören. Weil wir mal gesagt haben, daß Kirchenglocken sich schön anhören tun, darum müssen wir nun eine Kirche bauen. – So waren wir einig, und sie haben fleißig geholfen. Wir machten gleich in den nächsten Tagen den Anfang, denn den Platz hatten wir schon vorher ausgesucht. Wir nahmen die paßrechten Bäume nieder. Streben, Stützen, Balken, Bretter: alles wurde vermessen und zugeschnitten. Aber Dielenbretter und innen die Verschalung, dazu nahmen wir Ahorn. Es war ein saures Stück Arbeit, denn es war hartes Holz, und die Säge ging wie in Eisen. Die Steine zum Fundament mußten wir auch erst den Hügel raufwälzen. Aber es ging schnell vorwärts, denn wir arbeiteten mit Freuden und nicht mit Seufzen. Als Palmsonntag ins Land kam, da war sie hoch. Ostern hielten wir zum erstenmal Kirche im Rohbau, und Pfingsten läuteten die Glocken zum erstenmal. Da standen wir unten auf dem Kirchhof und nahmen die Hüte und Mützen ab und beteten. Und als wir das getan hatten, freuten wir uns wieder, und alle waren zufrieden. Meier auch mit seiner Extrabank.

Bloß einer war nicht zufrieden. Das war der Krüger. Er hatte da einen Saloon aufgemacht. Er bot uns zweihundert Dollars zum Bau, wenn wir die Kirche näher an sein Haus ranrückten. Einen schönen Hügel am Wege wollte er auch umsonst hergeben, und den Kirchhof konnten wir von seinem Platz abstecken, so groß wir ihn haben wollten. Aber wir haben ihm abgesagt: Christus und Belial, die passen nicht zusammen, die müssen Abstand haben. Da wurde er falsch, aber man für kurze Zeit, denn mit seinem Kramladen ist er auf uns angewiesen.

Siehe, das war unsre erste Kirche. Sie wurde nachher auch zu klein, und da bauten wir die schöne Steinkirche. Die alte hat dann noch eine Zeit als Schule gedient. Aber den Turm brauchten wir nicht runterzunehmen. Der Sturm hatte uns die Arbeit schon abgenommen. An die alte Kirche denken wir noch gern zurück, denn es war die erste, und wir hatten sie selbst gebaut. Wir hatten Gottes Wort in ihr gehört und Gottes Segen mit rausgenommen auf unsre Farm.

 

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